21. April 2012

Arabella – Stefan Solyom.
Nationaltheater Weimar.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 4


















Arabella in Weimar, oder: Große Gefühle im Dritten Reich. Ich muß zugeben, daß ich das Regiekonzept nicht wirklich durchdrungen habe – wenn es denn etwas zu durchdringen gab, abgesehen von der Tatsache, daß diese Arabella eben zur Nazizeit spielt. Versuchte ich anfangs noch, diesem Griff eine mögliche Aussage abzulauschen – von einer bloßen Thematisierung der Entstehungszeit einmal abgesehen – so beließ ich es im Folgenden dabei, die Handlung als solche einfach in dieser Zeit umgesetzt zu sehen. So ist eben kein kroatischer Landadliger, sondern ein Nazibonze mit Parteiabzeichen am Revers dem schönen Bildnis verfallen, in seinem Gefolge kein Leibhusar und Diener, sondern ein paar Gestapo-Schergen. So so. Und Matteo ist dann natürlich konsequenterweise ein Leutnant der Wehrmacht.

Warum er allerdings im ersten Akt ein Pierrotkostüm über seinen Stiefelhosen trägt, hat mich dann wieder (unnötigerweise?) grübeln lassen. Verweist es nur auf den anstehenden Faschingsball, oder steckt mehr dahinter? Matteo als tragische Figur? Gar eine Anspielung auf Schönbergs Pierrot lunaire? Wahrscheinlich eher nicht. Aber ich komm halt ins Grübeln. Und warum hat Arabella ein Vans-Shirt? Und was zeigt das um 45 Grad gedrehte Bild an der Wand des Escher-Bühnenbildes? Ach ja, das Bühnenbild. Verbildlichung einer aus den Fugen geratenen Zeit? Oder Kommentar auf die ungeordneten Verhältnisse im Hause Waldner, bzw. Ihres Hotelgehause? Ist sicher einerlei. Nur diese fiese, penetrant güldene Lichtstimmung nervt etwas. Später kommt etwas Abwechslung dazu. Sollte ich mich nicht auf die Handlung konzentrieren? Wo war ich?

Jedenfalls verhält es sich mit dem Stück absolut stringent und plausibel, hat man einmal den Nazi-Fokus akzeptiert – abgesehen davon, daß eben dieser das Stück emotional unbrauchbar macht. Das macht schon alles Sinn: Zum Fasching haben sich die leichten Damen in SA- und SS-Schale geschmissen, dazu Arabella als „emanzipierter“ Gegenpol im Marlene-Dietrich-Frack mit Zylinder. Generell ist Bella heute ein großer Hosenfreund. OK, hab ich verstanden. Die Zuspitzung des „Lasterhaften“ in einer Art Kollektivrumgemache – warum nicht – nur kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie Mandryka mit seinem ehernen Verständnis von Liebe und Treue nach dem Sektkorken-Koitus mit der Fiaker-Milli sich in puncto Arabella noch einen Funken Versöhnungshoffnung bewahrt hat. Vielleicht sind Nazis ja generell Optimisten. Naja, sind eben moderne Zeiten. Und die Mutter mit dem Grafen unterm Tisch? Hab das Libretto grad nicht zur Hand, wird schon irgendwie abzuleiten sein. Und wenn nicht – Schwamm drüber – um ein Zitat ihres Gatten von andrer Stelle zu entlehnen.

Themenwechsel. Die Akustik im Nationaltheater ist gut, wenn auch etwas trocken. Nach der Pause konnte ich ein paar Plätze gen Mitte durchrutschen, das bringt schon einiges. Der Saal ist zu Beginn ein wenig stickig, wirkt leicht angemufft. Das Orchester wird seinem Status als A-Klangkörper vollkommen gerecht und kann sich mehr als hören lassen. Am Dirigat gibt es nichts auszusetzen, mitunter wird es richtig straussisch. Die Sängerbesetzung ist erstklassig, kann jedoch nur bedingt bei mir punkten. Larissa Krokhina als Arabella: Der Größe und Anlage der Stimme nach passend, aber die Stimme selbst sagt mir nicht so zu. Geschmacksache. Rein technisch gesehen gibt es da nichts auszusetzen, das Finale geht sie vollkommen zart und voller Ausdruck an, nur ist es halt nicht der Ausdruck „meiner“ Arabella. Zu reif, zu erwachsen. Zdenka sehr textverständlich, alles prima, aber auch hier: nicht meine Vorstellung der kleinen Schwester, nicht zart, nicht süß genug, insgesamt sehe ich den Kontrast zu Arabella stärker.

Die Stimme des Abends: Heiko Trinsinger alias Mandryka. Ein toller Bariton, nicht so tief von der Grundanlage, aber klang- und kraftvoll. Allein aufgrund dieser Leistung hat sich der Abend schon mehr als gelohnt. Auch darstellerisch mit Abstand der intensivste Protagonist, mit einer, für die Rolle natürlich hilfreichen, gewinnenden Körperlichkeit. Hier und da mußte ich (szenisch) ein bißchen an Michael Volle denken. Waldner mit gutem Organ, Matteo mit brauchbarer Stimme, jedoch zeitweise arg weinerlich. Von den drei Grafen stach der Sänger des Elemer sehr positiv hervor.

Was ist also die Erkenntnis des Abends? Geht man nach dem Votum des Premierenpublikums, war es ein ungetrübter, allerdings mitnichten ausverkaufter Erfolg. Keine Buh-Rufe für das Regieteam (mit denen ich schon fest gerechnet hatte – für gewöhnlich reicht ja schon ein Hakenkreuz, sagen wir mal irgendwo in den Meistersingern eingestreut, um das Opernvolk auf die Palme zu bringen). Aber die Kollegen von der szenischen Front durften sich auch erst und nur einmal auf der Bühne zeigen, als die Musikerzunft schon ausgiebig behuldet worden war. Oder interpretiere ich auch da zuviel rein? Regie wird generell überbewertet. Aber das Bild des Zimmerkellners, der sich durch den Escher robbt, das hätte ich schon gern als Bildschirmschoner.


Richard Strauss – Arabella
Musikalische Leitung – Stefan Solyom
Regie – Karsten Wiegand
Co-Regie – Valentin Schwarz
Ausstattung – Christoph Ernst
Dramaturgie – Mark Schachtsiek

Graf Waldner – Patrick Simper
Adelaide – Veronika Waldner
Arabella – Larissa Krokhina
Zdenka – Heike Porstein
Mandryka – Heiko Trinsinger
Matteo – Harrie van der Plas
Graf Elemer – Szabolcs Brickner
Graf Dominik – Uwe Schenker-Primus
Graf Lamoral – Andreas Koch
Die Fiakermilli – Michalina Bienkiewicz
Eine Kartenaufschlägerin – Susann Vent
Ein Zimmerkellner – Günter Moderegger
Welko – Bastian Heidenreich
Djura – Johannes Leuschner
Jankel – Michael Lüttig

Staatskapelle Weimar
Statisterie des Deutschen Nationaltheaters Weimar

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