8. Mai 2012

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 1. Rang links, Loge 5, Reihe 3, Platz 7















Jean-Philippe Rameau – Suite in re
Wolfgang Amadeus Mozart – Sonate a-Moll KV 310 (300d)

(Pause)


Johannes Brahms – Variationen über ein Thema von Händel op. 24

Johannes Brahms – Drei Intermezzi op. 117
Sechs Zugaben



Theorie A: Ich war heute, bedingt durch verschiedene Faktoren, nicht wirklich aufnahmefähig und mußte daher weite Teile des Konzerts unverdaut an mir vorüberrauschen lassen.

Eingekeilt zwischen Programmheftwürgerin links und Plapperpärchen rechts, auf einem Platz mit durchwachsener Akustik, fernab der Konzentrations-Demarkationslinie, irrlichterte mein Fokus zwischen Tastenexegese und Mordgelüsten, gottlob immer wieder durch pianistische Blitzschläge aus Richtung der verdunkelten Bühne an Zweck und Wert dieser Veranstaltung erinnert.

Theorie B: Auch die Perfektion hat mal einen schlechten Tag.

In jedem Fall empfand ich Sokolovs Spiel anfangs weniger zwingend als bei der Bremer Ausgabe des gleichen Programms im März (Bremen scheint mir generell Glück zu bringen). Der Rameau eine Spur unrunder, die Triller etwas lascher, die Läufe weniger perlend. Jetzt müßte man eine Aufnahme beider Konzerte zwecks Objektivierung gegenüberstellen. Mein ganz und gar subjektives Empfinden hatte aber heute unzweifelhaft Probleme reinzukommen. Ich wäre allerdings wenig verwundert, wenn eine neutrale Instanz die eingangs beschriebenen Unliebsamkeiten als Quelle meiner Unzufriedenheit festmachte.

Urigerweise wurde dieser lähmende Dunst erst mit den letzten Takten der Suite nachhaltig aufgerissen, bis dahin plätscherte das Konzert für meine Begriffe so dahin. In diesem Moment stand er wieder deutlich vor mir, der gewohnte Sokolov – sofern man sich überhaupt an das Höchste gewöhnen kann. Im Mozart geschah dann das ersehnt-bekannte Wunder: das Unerhörte zu Gehör gebracht. Wie soll man das beschreiben, was sich im zweiten Satz der Sonate akustisch ereignete? Ereignis ist in jedem Fall schon mal ein richtiger Begriff. Über mein Verhältnis, oder besser Nicht-Verhältnis zu Mozart habe ich mich ja bereits of genug geäußert – in diesen Minuten spielte das alles keine Rolle. Für die Dauer dieses Andante war ich ganz und gar Mozartianer, ein unscheinbares Tor wurde ganz weit aufgestoßen und eröffnete mir eine unendlich vertraute Aussicht auf etwas Unvertrautes.

Was sind schon Worte. Nach dem Bremer Konzert habe ich zur Genüge versucht, die Sokolovschen Vorzüge im Einzelnen zu beschreiben. Auch bezüglich der Wirkung kann ich mich nur wiederholen: Staunen, Verblüffung, Verzücken. Am Ende läuft es auf ein Gefühl hinaus: Dankbarkeit. Dieser seltene Zustand, sich vollends musikalisch geborgen, beschirmt zu wissen, erfüllt von einer Interpretation, die, ihrem Status als eine mögliche Interpretation von vielen entwachsen, das Wesen des Stückes so klar und deutlich formuliert, als spräche der Komponist persönlich, als formte sich ein Gedanke, eine Idee zum ersten Male.

Die Variationen über ein Thema Händels treffen Welle um Welle mit stetig steigernder Wucht ihr Ziel – eine Demonstration struktureller Konsequenz mit der Überzeugungskraft eines Güterzuges in voller Fahrt. Der Beginn des ersten Intermezzo op. 117 läßt mich immer an Parsifal denken, genauer an die Verwandtschaft zum Glaubensmotiv, trotzdem ist das Stück ganz Brahms. Wie abwegig ist doch die Vorstellung, daß sich Musikfreunde einmal ernsthaft zwischen beiden zu wählen genötigt sahen. Das kommt mir besonders bei diesem Stück in den Sinn, wahrscheinlich weil sein Charakter so versöhnlich stimmt.

Mit sich im Reinen sein, ankommen, Glück empfinden. Wäre ich Arzt, würde ich Sokolovkonzerte verschreiben – ich kann mir wenig Therapieansätze vorstellen, die in ihren Erfolgsaussichten einer Garantie näher kämen.

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