12. Mai 2012

Klavierabend – David Helfgott.
Konzerthaus Dortmund.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 8, Platz 15


















Johann Sebastian Bach – Italienisches Konzert F-Dur, BWV 971

Ludwig van Beethoven – Klaviersonate op. 57 („Sonata appassionata“)

(Pause)


Sergej Rachmaninow – Klavierkonzert Nr. 3

Drei Zugaben

(Stuttgarter Symphoniker, Matthias Foremny)



Offenbar war die Idee, in Dortmund ein Konzert anzusetzen, während zeitgleich der BVB gegen die Bayern um den DFB-Pokal spielt, eher mittelgut. Muß wohl doch etwas dran sein, daß Fußball hier einen nicht unwesentlichen kulturellen Faktor darstellt. Beim WM-Achtelfinale Deutschland gegen England vor zwei Jahren war jedenfalls in der Oper Frankfurt mehr los. Wobei das Pauseninteresse einst wie heute stark von der Hatz nach Zwischenständen geprägt war, und auch im Anschluß glichen sich die Bilder auf den Straßen. Nach dem Klavier- also das Hupkonzert – schön, wenn es Grund zur Freude gibt.

Genau dies würde sicher auch David Helfgott unterschreiben. Die Gründe, sich über Musikalisches zu freuen, lieferte er gleich selbst. Er mag vielleicht nicht der beste Pianist auf Erden sein, aber ein außergewöhnlich großes Talent, den musikalischen Funken überspringen zu lassen, ist ihm nicht abzusprechen.

Warum besucht man ein David Helfgott-Konzert? Abgesehen von Spekulationen über die Beweggründe anderer lohnt der Blick auf die eigene Motivation. Ich stand also eines Tages vor diesem Plakat in Stuttgart, das ein Konzert mit besagtem Pianisten ankündigte. Einziger Bezugspunkt war der Film Shine und die durch ihn verbreitete tragische Biografie des Musikers. Ging es mir um das Programm? Weniger. Ging es um Voyeurismus? Wahrscheinlich eher. Um die Musik? Ich hoffe doch! Vor dem Konzert hätte ich gesagt: Es zählt das Ergebnis, unabhängig davon, ob es wegen oder trotz bestimmter Umstände zustande gekommen ist. Das heutige Konzert hat an dieser Einschätzung zwar im Kern nichts geändert, sie jedoch um eine berührende außermusikalische Erfahrung gerade im Hinblick auf das Musikalische erweitert.

Natürlich ist es möglich, David Helfgotts Spiel losgelöst von seiner Erscheinung und seinem Auftreten zu beschreiben: ein wenig formlos, mitunter fast breiig, dabei aber sehr organisch, fließend, voller Leben. Die Struktur im Bach und im Beethoven erscheint mir nicht sehr streng verfolgt, das Ganze vermittelt häufig einen improvisierten Charakter – natürlich ohne dabei den Notentext zu verändern. Helfgott verfügt über einen differenzierten Anschlag, wobei eine Tendenz zum Weichen erkennbar ist, zarte, ja zarteste Töne habe ich heute viele genossen, dynamische Ausbrüche waren dagegen selten. Dies führte dazu, daß der Klavierpart im Rachmaninow-Konzert teilweise vom Fortissimo des forschen Orchesters zugedeckt wurde. Insgesamt haben Solist und Orchester jedoch gut harmoniert, für meine Begriffe war man vielleicht nicht immer ganz zusammen, aber das Ergebnis – um den Gedanken wieder aufzugreifen – gab ihnen Recht. Müßte ich kurz zusammenfassen, was Helfgotts Spiel besonders macht, sind das zwei Elemente: rasend schnelle Läufe (an denen er offensichtlich eine Riesenfreude hat) als äußerste Extreme einer stetig getriebenen, nervösen Anlage, dazu im Kontrast Oasen zerbrechlichster Ruhe und Zartheit.

Wie gesagt, es ist möglich, all dies für sich zu betrachten, was jedoch wohl kaum jemandem der Anwesenden, mich eingeschlossen, während der Darbietung gelungen sein dürfte – worin ausdrücklich keine Bewertung liegt. Ich jedenfalls war in dieser Form nicht auf Helfgotts Auftreten vorbereitet. Ein gebeugter, älterer Herr in leuchtend rotem Hemd betritt die Bühne, nein, vielmehr rennt er freudestrahlend Richtung Piano, dabei ununterbrochen seine beiden erhobenen Daumen zum Gruß wippend gen Publikum gereckt. Hände werden geschüttelt, Küsse verteilt, als möchte er am liebsten erst mal jeden einzelnen Menschen hier im Saal umarmen, bevor er sich an sein Arbeitsgerät setzt. Und auch im Spiel scheint er diese Verbindung nicht abreißen lassen zu wollen. Sein Blick schweift in die ersten Sitzreihen; während die Werke unter seinen Händen entstehen spricht, singt, raunt, stöhnt, grunzt und seufzt er; immer wieder macht es den Eindruck, als wende er sich direkt an sein Publikum, um bestimmte Stellen zu kommentieren oder einfach nur deren Schönheit zu preisen.

Hatten viele Hörer schon mit Glenn Goulds dagegen regelrecht zurückhaltendem Begleitgesang Probleme, müßte man hier eigentlich verzweifeln. Dazu besteht jedoch (wie bei Gould) kein Anlaß. Nach kurzer Eingewöhnungsphase verflog meine Irritation und ich erhielt Einlaß in das System Helfgott. Eine Welt einer unglaublichen, dabei extrem individuellen Musikalität, einer Freude an Musik, wie man sie mitzuerleben nur selten Gelegenheit erfährt. Es klingt vielleicht abgeschmackt, aber an diesem Abend ging es nicht um Perfektion, sondern um das Wesen der Musik, was sie Menschen bedeutet und mit Menschen macht.

Das Rachmaninow-Konzert wurde ein Triumph – auch Dank des ungemein packenden, energisch-knackigen Dirigats von Herrn Foremny, das ich bereits in Schwerin und Berlin bewundern durfte. Der Mann ist mir extrem sympathisch. Und der einzige Dirigent, den ich kenne, der die Partitur selbst vor dem Konzert ans Pult bringt – naja, vielleicht war der entsprechende Mitarbeiter beim Public viewing. Die Akustik des Saales kann ich nach diesem Ersteindruck nicht wirklich einschätzen. Aufgrund der schlechten Auslastung hatte man den Raum mittels eines Vorhangs deutlich verkleinert, das Resultat war eher durchwachsen. Klang der Flügel sehr klar, waren manche Orchestergruppen (z.B. Celli) schlecht ortbar bzw. traten gegenüber anderen zurück. Generell schien mir je lauter, desto besser.

Optisch verströmt der Saal einen recht unterkühlten Charme – was nicht allein an den weißen Wänden und den Neonneckereien liegt, sondern auch an der übereifrigen Klimaanlage. Trotzdem scheint man über die Maßen Stolz auf den Bau zu sein. Wo sonst in Deutschland wird einem verboten, Fotos für das private Album zu schießen? Die Architektur sei rechtlich geschützt. Man habe (will sagen: verkaufe) schließlich eigene Bildbände. Ah ja. Der Ansatz ist durchaus nachvollziehbar – solch eine sterile Hütte kann wahrscheinlich nur ein Profifotograf ins rechte und erbauliche Licht setzen. So oder so ein starkes Konzept, das auf jeden Fall eine prima Stimmung unter den Gästen verbreitet, die, vom Personal darauf hingewiesen, ihre Fotohandys wieder sinken lassen. Vielleicht ist der Bunker einfach noch nicht abbezahlt und man braucht jeden Euro. Das würde zumindest die dezenten Werbetrümmer eines Baumarktes erklären, die die Foyers zieren. Oder um dessen Slogan zu zitieren: Ideen muß man haben.

Zurück zu Helfgott. Nach dem Klavierkonzert gibt es insgesamt drei Zugaben – Chatschaturjans Säbeltanz und Rimski-Korsakows Hummelflug jeweils mit eingebauter Vorspultaste sowie noch ein ruhiges Stück (Rachmaninow?) zum Abschluß. Standing ovations für den Pianisten, der sich freut wie ein Kind, nach jeder Zugabe auf der Bühne umherrennt, das halbe Orchester umarmt oder küsst (vor allem die Damen sind nicht vor ihm sicher) und immer wieder den Kontakt zum Publikum sucht, Hände schüttelt, Umarmungen schenkt. Die Leute toben. Sie lächeln. Sie lachen ihn nicht aus. Viele denken sicher: „Wahnsinn, daß so einer so etwas zustande bringt!“ Aber was ist schon „so einer“? Ein Mann, der Musik liebt und die Gabe besitzt, dieses Gefühl weiterzugeben, und sei es nur für die Dauer eines Abends.

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