10. Dezember 2017

Orgel pur – Iveta Apkalna.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8


Franz Liszt – Legende Nr. 1 S 175/1 
„St. François d’Assise: La prédication aux oiseaux“ 
(Transkription für Orgel von Günther Berger)

Thierry Escaich – Evocation III

Johann Sebastian Bach – Passacaglia c-Moll BWV 582

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Passacaglia aus der Oper 
„Lady Macbeth von Mzensk“

Arturs Maskats – Präludium, Choral und Variationen über J. S. Bach 
„Uns ist ein Kindlein heut’ gebor’n“ BWV 414

Franz Liszt – Präludium und Fuge über den Namen „B-A-C-H“ S 260

Zugabe: Thierry Escaich – Evocation II


Leider wieder recht viele musikferne Schichten im Konzert – Konzernausflug und dergleichen. Orgelkonzert gabs wohl günstiger. Die Vogelpredigt zur Vorstellung der Register und Klangfarben – für ganz Doofe sogar mit Hinterleuchtungs-Dramaturgie. Aber ok, das Auge hört ja mit. Musikalisch ein erstes Ausrufezeichen: Leises, Feines, der einzelne Kuckucksruf, dann wieder das Aufrauschen im Orgelpfeifen-Gefieder – hier schlummert wirklich Imposantes hinter der Röhrentropfsteinhöhlen-Dekoration.

Das zweite Stück überfordert die Eumel-Fraktion vollends – was sind das für fremde Tone? ... Sehr eindrucksvolle, wenn man mich fragt – Kaskaden, Echowirkungen, krasse Cluster, ganz viel Druck – herrlich! Mein Lieblingsbach, die Passacaglia, hätte hingegen durchaus noch etwas mehr Dampf vertragen, zumal sich der Richtersche Sog nicht so ganz einstellte. Ein, zwei Unsicherheiten? Insgesamt aber ein fabelhaftes Klangbild. Vielleicht fehlt auch ein bisschen der sakrale Nachhall. So ist das Moment ganz auf der Präzision.

Mein Platz könnte besser nicht sein – leicht versetzt hinter der Organistin, die am mobilen Spieltisch auf der Bühne Platz genommen hat, der Blick über die Schulter bietet perfekte Einsicht auf die spielenden Hände. Die Solistin auf die Bühne zu bringen, hat schon was, außerdem wissen dann die Honks, wo sie hinschauen müssen – oh, erst ganz in Weiß, dann nach der Pause ganz in Schwarz gewandet.

Die Schostakowitsch-Passacaglia entfaltete dann endlich jene Sogwirkung, den ich beim Bach noch etwas vermisst hatte – in solch einer mächtigen Steigerung kann die Orgel ihr ganzes Wucht-Potenzial entfalten. Das Stück von Maskats legte den Schwerpunkt dann wieder mehr auf die Vielseitigkeit des Instruments.

Den Höhepunkt des Abends markierte für mich jedoch ohne Zweifel die Lisztsche Reverenz an Bach. Ich liebe dieses Stück und habe damit zigmal die heimischen Wände zum Erzittern gebracht – es heute so vollendet in dieser Akustik zu erleben, hatte etwas Erhebendes. Apkalna kostet die Kontraste zwischen inniger Verklärung und bombastischen Eruptionen bestmöglich aus – was für ein Klang-Trip!

Ein weiteres Escaich-Stück beschloss als Zugabe den fulminanten Einstand in mein Orgel-Abo. Die Messlatte für die nächsten Konzerte liegt in himmlischen Höhen. Leider scheint die Wahrnehmung vieler anderer Besucher wieder mal in profaneren Gefilden hängen zu bleiben. Zwar traut sich diesmal kaum jemand, während des Konzertes die Biege zu machen, aber gleich mit dem Schlussapplaus nehmen nicht wenige die Beine in die Hand.

Was für eine respektlose Bände, aber das kennt man hier ja schon. Ein auf dem Weg zur U-Bahn aufgeschnappter Kommentar fasst die Geisteshaltung des typischen Elphi-Touristen zusammen: „Also, das war schon ein Erlebnis ... aber die Musik war nicht schön“. Ich halte es da lieber mit Frau Apkalna, applaudiere der Orgel, großen Kompositionen und, nicht zuletzt, einer großartigen Solistin.

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