13. April 2018

Ensemble Resonanz – Emilio Pomàrico.
Elbphilharmonie Hamburg, kleiner Saal

19:30 Uhr, Reihe 24, Platz 12



Leoš Janáček – Tagebuch eines Verschollenen
für Sopran, Mezzosopran, Klavier, Harfe, drei Schlagzeuger und Streicher,
orchestriert von Johannes Schöllhorn (2017)

Georges Aperghis – Migrants
In drei Sätzen für zwei Frauenstimmen, Klavier, drei Schlagzeuger und Streicher (2017/18)
Texte aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“

(Agatha Zubel – Sopran, Christina Daletska – Mezzosopran)


Mein kleines Experiment, mal die letzte Reihe des Kammermusiksaales auszuprobieren, hat mir ein richtig gutes Konzert beschert, das meinen musikalischen Horizont einmal mehr erweitert. Zwar mag die Sitzposition, buchstäblich mit dem Rücken zur Wand und unter einem kleinen Vorsprung, schon etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber die Akustik ist für diesen größtmöglichen Abstand zum Bühnengeschehen absolut in Ordnung. Ein bisschen dumpf vielleicht, in jedem Falle leiser als auf den bislang erprobten Plätzen, aber weiterhin differenziert, ohne das Feinheiten verloren gingen. Über die Wirkung der Bläser kann dabei keine Aussage getroffen werden, da weder Holz noch Blech heute mit von der Partie waren. Besser noch als das Orchester selbst übertrugen sich die Stimmen, bzw. eine befürchtete mangelnde Präsenz derselben trat keinesfalls auf.

Janáčeks „Tagebuch eines Verschollenen“ ist ein wirklich bemerkenswerter Liederzyklus. Die Orchestrierung von Johannes Schöllhorn lässt das typische Idiom des Komponisten klar zur Geltung kommen, obgleich Janáček selbst nur eine Fassung für Klavier, zwei Solostimmen und Frauenchor hinterlassen hat, wie ich las. Wird der Protagonist wohl für gewöhnlich von einem Tenor gesungen, übernimmt hier die Sopranistin den Part, auf den Frauenchor wird verzichtet. Aber unabhängig von Fragen der Instrumentation und zur Aufführungspraxis überträgt sich mit diesem Werk jene unverwechselbare Klangsprache und Harmonik des Tschechen, die mich bislang vor allem für seine Opern eingenommen haben.

Dieser melancholische, oft regelrecht verwunschene, dabei aber immer ungemein ursprüngliche Charakter ist es, der Janáček einen besonderen Platz im Musikkosmos einnehmen lässt, Tradition und Volkstümlichkeit bei gleichzeitiger Beschreitung eines ganz eigenen Pfades in die Moderne. Gleich beim ersten Hören wird klar, dass die Partitur an Schönheiten reich bestückt ist – so beispielsweise die Passage vor dem Orchesterzwischenspiel, in der der Sopran von der Harfe begleitet wird oder natürlich der aufblühende Schluß. Die CD für ein tiefergehendes Studium ist bereits unterwegs.

Nicht minder anregend, wenn auch auf eine ganz andere Art, verhielt es sich mit dem zweiten, ohne Pause anschließenden Programmpunkt, der Komposition „Migrants“ von Georges Aperghis. Wurde das Thema der Entwurzelung bei Janáček durch das Zigeunerdasein verbildlicht, mit dem der Protagonist durch eine intime Verbindung in Berührung kam, so dass er schließlich die Scholle der bäuerlichen Gemeinschaft aufgibt, nähert sich Aperghis dem Topos der Ge- oder Vertriebenen durch einen scheinbaren textlichen Umweg. Dabei vermitteln die von ihm verwendeten Passagen aus Conrads Erzählung „Heart of Darkness“, fragmentarisch, schlaglichtartig montiert, eine beklemmende Vision des von sich und anderen entfremdeten Menschen.

Die musikalischen Mittel entfalten ihrerseits ein soghaftes Drama, das mehr als intensive physische Erfahrung denn traditionell gestaltete und zu rezipierende Vertonung einer literarischen Vorlage funktioniert. Rezitation, Sprechgesang, gesungene Laute, die mit dem teilweise regelrecht perkussiv eingesetzten Streichern eine faszinierende Symbiose eingehen, dazu das prägnante Schlagzeug, der weitgehende Verzicht auf tonale Strukturen – diese Musik mag manchen Gelegenheits-Konzertgänger verstört oder gar abgeschreckt haben, auf mich hatte das Werk eine wahrhaft fesselnde Wirkung. So etwas ist für mich zigmal ansprechender und zugänglicher als die Mathematismen Schönbergs, aber ebenso als die wohlig harmonisierten Klangrinnsale eines Arvo Pärt. Zeitgenössische Musik auf der Höhe der Zeit, inhaltlich wie formal.

Das Experiment der Familie links von mir, mal ein klassisches Konzert auf möglichst billigen Plätzen auszuprobieren, hat den Unglücklichen einen Schock fürs Leben verpasst und hoffentlich ein für alle Mal davon überzeugt, in Zukunft doch lieber einen höheren Betrag in Qualitätsunterhaltung zu investieren – Mario Barth wäre vielleicht eine valide Option. So musste man erst Janáček durchleiden, und als man dachte, schlimmer könne es wohl kaum kommen, kam Aperghis und marterte ihre armen, kleinen Hirne mit etwas, dass für sie nicht als Musik zu fassen war. Hilfloses Gequatsche und Rumgerutsche waren die Übersprunghandlungen der Wahl, konnten aber mit Bösen Blicken und verächtlichem Kopfschütteln weitgehend im Zaum gehalten werden. Spacken halt.

„Da können die ja auch nichts für“ hält der Vater für sich und seine Tochter fest, fasst damit seine hoffnungslose Ignoranz und Überforderung hübsch zusammen und beklatscht nach langem Zögern schließlich doch die Musiker auf der Bühne, dem Ort unsagbarer Schrecken.

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