
Ludwig van Beethoven – Ouvertüre zu »Coriolan« op. 62
Dmitri Schostakowitsch – Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll op. 35
(Pause)
Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93
Mahler Chamber Orchestra
Jeroen Berwaerts – Trompete
Igor Levit – Klavier
Matthew Truscott – Violine und Leitung
Erkenntnisse des Abends: ein engagierter Konzertmeister ersetzt leider kein vollwertiges Dirigat, Levit und Schostakowitsch sind eine Traumkombination, das Mahler Chamber Orchestra und Beethoven eher nicht.
Ich will gar nicht ausschließen, dass es einem eingeschworenen (Kammer-)Ensemble möglich ist, gemeinsam ohne Leitung vom Pult aus eine stimmige, gar zwingende Interpretation zu erarbeiten. An ein Ensemble von angeblicher Weltgeltung stelle ich dann aber auch den Anspruch, von der Lesart her eben mehr als Standardware zu präsentieren und dass sich der Laden selbst technisch perfekt zusammenhält. Beides war heute beim Beethoven nicht der Fall. Dabei war der Grundansatz – schnelle Tempi und leicht ruppiges Gepräge – eigentlich ganz in meinem Sinne. Wenn dabei allerdings sowohl die letzte technische Präzision als auch Differenzierung in Sachen Dynamik und Artikulation auf der Strecke bleiben, kommt am Ende kein Ausrufezeichen im Ergebnis heraus, wie es diese bis zum Exitus durchgenudelten Werke des großen B dringend brauchen. Coriolan war noch ganz ok, aber für die Achte mit ihren Ecken und Kanten war das einfach zu wenig. Vor allem die Streicher waren nicht immer zusammen, da konnte sich Herr Truscott biegen und reinhängen wie er wollte, war er doch selbst nur Teil des Ganzen. Der Überblick eines Dirigenten wurde schmerzlich vermisst, um Kontraste zu schärfen und Feinheiten zu betonen.
Von einem Mangel an Feinheiten konnte Dank der Herren Levit und Berwaerts im Schostakowitsch nicht die Rede sein. Hier ließen sich die Streicher glücklicherweise von dem Niveau der Solisten anstecken und sorgten beispielsweise im berührenden Lento für ein wirkliches Weltklasse-Timbre. Potenzial ist also über die Maßen gegeben, warum demnach die Selbstbeschneidung durch den Verzicht auf konsequente musikalische Leitung? Zumal an anderer Stelle (Berlin) und auch hier in Hamburg für das Konzert am Sonntag Adam Fischer am Pult stand. Es konnte mir heute egal sein, wurde mein von dieser Frage induziertes Stirnrunzeln durch Levits Tastenbehandlung unmittelbar mit den ersten Takten geglättet. Es war wie immer, wenn ich diesen Ausnahmepianisten höre – es stellt sich sofort die Gewissheit ein, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht, und durch Levit seine musikalische Einlösung erfährt. Eben das genaue Gegenteil zum flankierenden Egal-Beethoven.
Über technische Perfektion muss in solchen Sphären kein Wort verloren werden, es geht um mehr als Noten, gerade in einem Werk wie dem Schostakowitsch-Konzert. Es wird gerungen, gesehnt, betrauert, aber ebenso ein parodistischer, bisweilen gar trotzig anmutender Humor mit feiner Klinge geschwungen. Mitunter schlaglichtartig wechseln Episoden von atemberaubender Virtuosität mit tief empfundenen Seelenzuständen. Jeroen Berwaerts zeigte sich als kongenialer Partner, der Klang seiner beiden im Wechsel eingesetzten Trompeten von butterweich bis silbrig schneidend, feinste Nuancen mit und ohne Dämpfer. Allein für diesen Schostakowitsch hat sich der Besuch mehr als gelohnt.
Fazit: Levit und Berwaerts retten einen ansonsten durchwachsenen Abend.