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15. Januar 2018

London Symphony Orchestra – Sir Simon Rattle.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Franz Schubert – Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 „Unvollendete“
Gustav Mahler – Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert (Magdalena Kozená – Mezzosopran)

(Pause)

Georg Friedrich Händel –
Dopo notte, atra e funesta / aus „Ariodante“ HWV 33
Scherza infida / aus „Ariodante“ HWV 33
Pensieri, voi mi tormentate / aus „Agrippina
“
(Magdalena Kozená – Mezzosopran)

Jean-Philippe Rameau – Suite aus „Les Boréades“


Heute erwies sich das Publikum über weite Strecken der Qualität des Gebotenen würdig. Verrückte (Konzert-)Welt, in der ein stilles, konzentriertes Publikum zur wohltuenden Ausnahme gerät – erst in den letzten beiden Mahler-Liedern kehrte der alte Keuch- und Röchel-Schlendrian wieder ein.

Dafür beharrten das LSO und sein neuer Chef den ganzen Abend auf der ihnen nachgesagten Spitzenqualität. Leisester Schubert-Beginn aller Zeiten. Holzbläsersoli schweben auf samtigstem Streicherteppich. Rattle zumeist langsam, fast schon schleppend, trotzdem mit scharfen dynamischen Kontrasten. Man hört richtig in die Partitur. Und im zweiten Satz leider ein penetrantes Hörgerät – Kammerton Terror martert die Sinne.

Mahler: Kozenas Stimme toll, Textverständlichkeit ok. Das Wort „gestorben“ habe ich noch nie so schön gesungen gehört. „Um Mitternacht“ – erhabene Bläserwirkung. Nicht so bombastisch wie unter Tate in der Laeiszhalle (Link), dafür fein und edel. Unwirklich drastischer Englischhorn-Ansatz-Aussetzer. Ich leide mit der Solistin. Dann wieder superzartes Verklingen. Die Linde! Welch Seelenbalsam – wenn auch verhustet.

In der Pause sorgt ein Typ in weißem Anzug mit Kippa für Irritationen beim Saalpersonal. Wo will er mit den Rosen hin? Sind Groupies in der Elphi verboten? Oder zählen dornige Gewächse als Bedrohung? Ich werde es wohl nie erfahren, was genau sein Auftrag war, fest steht nur, dass sein Plan nicht aufging.

Der Händel dann mit kleinerer Besetzung, eine Oboe, ein Fagott, Cembalo plus Streicher, insgesamt ca. 30 Mann. Kozená mit wunderbarem Timbre, aber technisch nicht auf Jaroussky-Niveau. Kasarova, Di Donato, Coote, Bartoli ... ich glaube da gibt es andere Expertinnen für diese Musik. Rattle stimmt seine Musiker sehr fein ab, sie ist da etwas „grober“, natürlich trotzdem auf höchstem Niveau.

Rameau: sehr vielseitig, Effekte (zwei Piccolo-Flöten, Gewitter, „Strawinsky“-Satz ...) aber doch etwas ermüdend, das Finale der Suite ein wahrer Rausschmeißer. Sympathisch: Rattle lässt sein Orchester auch ohne ihn beklatschen. Noch sympathischer: seine Halsdurchschneider-Geste, mit der er irgendwann im Rameau entnervt die dumme Nuss hinter dem Orchester ausschaltete, welche meinte, ihm in die Einsätze blitzen zu müssen. Nicht mit Sir Simon – recht hat er!

6. März 2017

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 2. Rang rechts, Seitenreihe 1, Platz 21



Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate C-Dur KV 545 „Sonata facile“
Wolfgang Amadeus Mozart – Fantasie c-Moll KV 475
Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate c-Moll KV 457

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90
Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

Zugaben:

Franz Schubert – Moment Musicaux Nr. 1 C-Dur D 780
Frédéric Chopin – Nocturne op. 9, Nr. 1 b-Moll
Frédéric Chopin – Nocturne op. 32, Nr. 2 As-Dur
Jean-Philippe Rameau – L’indiscrete
Robert Schumann – Arabeske op. 18 C-Dur
Frédéric Chopin – Prélude op. 28, Nr. 20 c-Moll



Von Sokolov bin ich ja bereits das Äußerste gewohnt. Die heutige Wundertat ging dann aber noch einen Schritt weiter: Mozart so zu präsentieren, dass sich zumindest für die Dauer eines Konzertes ein würdiges Duell mit Beethoven um meine Gunst entsponn. Wer hätte das gedacht. Nach einer eher gemütlich dahinplätschernden, fast schon konturlos, lieblich-breit vorgetragenen „Sonata facile“ trat – dem doppelten c-Moll von Fantasie und Sonate sei Dank – ein gänzlich anderes Antlitz Mozarts auf den Plan, welches viel mehr die Züge seines Bonner Kollegen aufwies, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ein monolithischer, kühner Mozart? Oder wurde perfider Weise die Programmreihenfolge geändert, um mich zu narren? Nein, es ist tatsächlich der ungeliebte Salzburger, der hier unter Sokolovs magischen Händen neu für mich entsteht. Ein Mozart, mehr aus der Struktur als aus der Melodie heraus entwickelt, mehr dramatischer Fluß als bloße Aneinanderreihung netter Einfälle.

Und das in der unmissverständlich zwingenden Umsetzung des kompromisslosen Russen, wie man es von ihm kennt und liebt – unerhörte Anschlagnuancen, gewaltige Sogwirkungen, Kontraste, dazu über allem eine bis zum Bersten aufgeladene Spannung, Ergebnis schier unerschöpflicher Kontrolle auch im Angesicht extremster Forderungen an sich selbst. Bezeichnend, dass die beiden Beethoven-Sonaten nach der Pause diesen Eindruck nicht mehr toppen konnten, zu groß war offenbar die Überraschung, gewissermaßen einer Vorwegnahme durch Mozart. Erst mit den Zugaben war das Ende des Tunnels erreicht, das gewohnte Konzert nach dem Konzert justierte den Fokus neu. Sechs weitere Gelegenheiten, die Meisterschaft Sokolovs ehrfürchtig zu bestaunen.

Seit Eröffnung der Elbphilharmonie begleitet mich das Thema Akustik in besonderem Maße. Hier im hinterletzten Winkel der alten Laeiszhalle wurde wieder einmal deutlich, wie leicht man doch dem allgemeinen Hype erliegt bzw. wie sehr wir uns von Faktoren, die das eigentlich Musikalische gar nicht betreffen, beeinflussen und ablenken lassen. Sicher, es gibt gemütlichere Plätze als jenen der Seitenreihe, den Blick zur Bühne von einer stattlichen Säule versperrt, aber man hört deutlich besser als es die Sicht suggeriert. Vieles ist und bleibt einfach eine Frage der Konzentration. Wie nehme ich Musik wahr, wie richte ich meine Antennen aus. Und in diesem Zusammenhang auch: wie gehe ich mit der Tatsache um, dass kein Privatkonzert für mich veranstaltet wird. Jeder achtlose Huster, der die Verletzlichkeit des Augenblickes ignorierte, war hier und heute ebenso ein Schlag ins Gesicht wie er es in jedem Saal ist, in dem wir am flüchtigen Wunder der Musik teilnehmen dürfen. Am Ende geht es um Respekt – vor der Kunst, vor der Hingabe jener, die sie vermitteln, und vor der Leidenschaft derer, für die ein Konzert mehr bedeutet als zwei Stunden totgeschlagene Zeit.

8. Mai 2012

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 1. Rang links, Loge 5, Reihe 3, Platz 7















Jean-Philippe Rameau – Suite in re
Wolfgang Amadeus Mozart – Sonate a-Moll KV 310 (300d)

(Pause)


Johannes Brahms – Variationen über ein Thema von Händel op. 24

Johannes Brahms – Drei Intermezzi op. 117
Sechs Zugaben



Theorie A: Ich war heute, bedingt durch verschiedene Faktoren, nicht wirklich aufnahmefähig und mußte daher weite Teile des Konzerts unverdaut an mir vorüberrauschen lassen.

Eingekeilt zwischen Programmheftwürgerin links und Plapperpärchen rechts, auf einem Platz mit durchwachsener Akustik, fernab der Konzentrations-Demarkationslinie, irrlichterte mein Fokus zwischen Tastenexegese und Mordgelüsten, gottlob immer wieder durch pianistische Blitzschläge aus Richtung der verdunkelten Bühne an Zweck und Wert dieser Veranstaltung erinnert.

Theorie B: Auch die Perfektion hat mal einen schlechten Tag.

In jedem Fall empfand ich Sokolovs Spiel anfangs weniger zwingend als bei der Bremer Ausgabe des gleichen Programms im März (Bremen scheint mir generell Glück zu bringen). Der Rameau eine Spur unrunder, die Triller etwas lascher, die Läufe weniger perlend. Jetzt müßte man eine Aufnahme beider Konzerte zwecks Objektivierung gegenüberstellen. Mein ganz und gar subjektives Empfinden hatte aber heute unzweifelhaft Probleme reinzukommen. Ich wäre allerdings wenig verwundert, wenn eine neutrale Instanz die eingangs beschriebenen Unliebsamkeiten als Quelle meiner Unzufriedenheit festmachte.

Urigerweise wurde dieser lähmende Dunst erst mit den letzten Takten der Suite nachhaltig aufgerissen, bis dahin plätscherte das Konzert für meine Begriffe so dahin. In diesem Moment stand er wieder deutlich vor mir, der gewohnte Sokolov – sofern man sich überhaupt an das Höchste gewöhnen kann. Im Mozart geschah dann das ersehnt-bekannte Wunder: das Unerhörte zu Gehör gebracht. Wie soll man das beschreiben, was sich im zweiten Satz der Sonate akustisch ereignete? Ereignis ist in jedem Fall schon mal ein richtiger Begriff. Über mein Verhältnis, oder besser Nicht-Verhältnis zu Mozart habe ich mich ja bereits of genug geäußert – in diesen Minuten spielte das alles keine Rolle. Für die Dauer dieses Andante war ich ganz und gar Mozartianer, ein unscheinbares Tor wurde ganz weit aufgestoßen und eröffnete mir eine unendlich vertraute Aussicht auf etwas Unvertrautes.

Was sind schon Worte. Nach dem Bremer Konzert habe ich zur Genüge versucht, die Sokolovschen Vorzüge im Einzelnen zu beschreiben. Auch bezüglich der Wirkung kann ich mich nur wiederholen: Staunen, Verblüffung, Verzücken. Am Ende läuft es auf ein Gefühl hinaus: Dankbarkeit. Dieser seltene Zustand, sich vollends musikalisch geborgen, beschirmt zu wissen, erfüllt von einer Interpretation, die, ihrem Status als eine mögliche Interpretation von vielen entwachsen, das Wesen des Stückes so klar und deutlich formuliert, als spräche der Komponist persönlich, als formte sich ein Gedanke, eine Idee zum ersten Male.

Die Variationen über ein Thema Händels treffen Welle um Welle mit stetig steigernder Wucht ihr Ziel – eine Demonstration struktureller Konsequenz mit der Überzeugungskraft eines Güterzuges in voller Fahrt. Der Beginn des ersten Intermezzo op. 117 läßt mich immer an Parsifal denken, genauer an die Verwandtschaft zum Glaubensmotiv, trotzdem ist das Stück ganz Brahms. Wie abwegig ist doch die Vorstellung, daß sich Musikfreunde einmal ernsthaft zwischen beiden zu wählen genötigt sahen. Das kommt mir besonders bei diesem Stück in den Sinn, wahrscheinlich weil sein Charakter so versöhnlich stimmt.

Mit sich im Reinen sein, ankommen, Glück empfinden. Wäre ich Arzt, würde ich Sokolovkonzerte verschreiben – ich kann mir wenig Therapieansätze vorstellen, die in ihren Erfolgsaussichten einer Garantie näher kämen.

9. März 2012

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Die Glocke Bremen.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 1, Platz 15















Jean-Philippe Rameau – Suite in re
Wolfgang Amadeus Mozart – Sonate a-Moll KV 310 (300d)

(Pause)


Johannes Brahms – Variationen über ein Thema von Händel op. 24

Johannes Brahms – Drei Intermezzi op. 117
Sechs Zugaben



Nach Hamburg, Lübeck und Köln nun also Bremen als Schauplatz für mein viertes Sokolov-Konzert. Erste Reihe Mitte, direkt „unter“ dem Flügel – sicher nicht der ausgewogenste Höreindruck, aber die Chance, möglichst ohne menschliche und raumakustische Störfaktoren unmittelbar am Spiel des mit kaum steigerungsfähiger Erwartungshaltung bedachten Solisten teilzuhaben.

Und was soll ich sagen? Ich habe (wieder) etwas Magisches erhofft – und Sokolov liefert zuverlässig. Ich fasse noch einmal zusammen, was ihn in meinen Ohren zum besten Pianisten der Welt macht: Der differenzierteste Anschlag – von den machtvollsten, voluminösesten Schlägen bis zum mikroskopisch geformten Schatten eines Hauchs. Damit verbunden eine nicht mehr steigerungsfähige Bandbreite der Dynamik. Eine Technik, die ihm in jeder Situation das Ungeahnte erlaubt, als Ausdruck bestaunenswertester, weil dienlichster Virtuosität.

Das Ergebnis: Unanzweifelbare Interpretationen, gespeist aus einer unerbittlichen (An-)Spannung, die einer elektrischen Ladung gleich auf den empfangsbereiten Hörer überspringt. Anspannung trifft den ganzen Komplex Sokolov wohl recht gut. Die immer gleichen, regelrecht einstudiert wirkenden Abläufe des Betretens und Verlassens der vorsorglich gedimmten Bühne; das scheinbar regungslose Entgegennehmen des Beifalls als weiteres „Modul“ in dieser Routine, in der ein Blumenstrauß eher für eine gewisse Unwucht zu sorgen scheint; die leicht auf den Rücken genommene linke Hand. Es geht mir dabei weniger um die Frage, ob Herr Sokolov seine Schritte zählt oder privat den Inhalt seines Kühlschranks nach Farben sortiert, sondern um die Feststellung dieser Anspannung, dieser federnden Anspannung – man könnte einfach auch von gelebter Konzentration sprechen – und ihrer Auswirkungen auf sein Spiel: die Realisation eines permanent-fokussierten Schöpfungsaktes ohne Beispiel.

Auf mein Hören übertragen erzeugt diese Anspannung kein Gefühl der Beklommenheit, sondern des Berauschens, einer Gewißheit der Unverletzlichkeit im Auge des Zyklon. Unter diesen Händen wird es keine Enttäuschung geben. Eine Art Tunnelblick stellt sich ein, eine Form des Gebanntseins, das die eigene physische Teilhabe am Gelingen dieser Situation suggeriert. Soghafte Steigerungen. Dynamische Eruptionen. Und immer wieder: Kontraste.

Apropos: Ich hätte nie gedacht, daß die Musik Rameaus (ohne daß ich zuvor eine konkrete Vorstellung von ihr gehabt hätte) so viel Freude, so viel Abwechslungsreiches für mich bereithalten würde. Eine lebendige, eine durch und durch elegante Musik, in der Darbietung Sokolovs keineswegs verstaubt oder akademisch. Vieles wirkte auf mich geradezu modern, wobei ich angesichts meiner Unkenntnis der Stücke dies nicht genauer belegen kann. Im Mai werde ich Sokolov mit dem gleichen Programm in Hamburg besuchen, vielleicht sehe ich dann bereits etwas klarer. In jedem Fall freue ich mich auf eine Wiederbegegnung mit diesem Werk (und Sokolovs Triller-Gatling), das mich auf dem Programmheftpapier ehrlicherweise eher abgeschreckt hatte. Auch die Mozart-Sonate hat mir – Trommelwirbel – musikalisch sehr zugesagt. Was war da los? Ein Moment der Schwäche? Ein perfider Zauber? Wohl eher der Zauber großer Musik, der heute durch den passenden Fürsprecher seine Wirkung zeigen konnte.

Kaum zeigt sich das zarte Pflänzchen mozartschen Schulterschlusses im heimischen Musiktreibhaus, entzündet sich nach der Pause ungleich heftiger die alte Liebe zur brahmsschen Borke. Bei soviel Saft und Kraft, aber auch entrückter Zartheit, bleibt einzig das Gefühl tiefer Dankbarkeit, sich an diesem Abend an diesem Ort befunden haben zu dürfen. Sechs Zugaben sorgen für sechs weitere Ausbaustufen der Verzückung.

Darf’s auch etwas weniger Pathos sein? Aber bitte: (aufgeschnappt während der Pause, in der – wie immer bei Sokolov-Konzerten – der Flügel nachgestimmt wurde) Er zu Ihr: „Schau mal, der Flügel war verstimmt ... deshalb ist er auch gleich gegangen, ohne eine Mine zu verziehen – der ist sauer!“ Ich denke, da hätte sich selbst der Meister nicht ein Schmunzeln verkneifen können. In diesem Sinne freue ich mich auf weitere wohltemperierte Momente mit Herrn Sokolov.