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24. März 2018

Bayerisches Staatsorchester – Kirill Petrenko.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4


Johannes Brahms – Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102

Zugabe: Johan Halvorsen – Passacaglia für Violine und Violoncello (im Original Viola) über ein Thema von Georg Friedrich Händel

(Julia Fischer – Violone, Daniel Müller-Schott – Violoncello)

(Pause)

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – „Manfred“-Sinfonie in vier Bildern h-Moll op. 58



Das Leben ist nicht immer fair – Hamburg hat die Elphi, München drei Weltklasseorchester. Nun müssen sich die im famosen Nationaltheater beheimateten Damen und Herren des Bayerischen Staatsorchester sicher nicht über häusliche Unzulänglichkeiten beklagen, wie ihre Münchner Kollegen, die in der Schatulle Herkulessaal oder im akustischen schwarzen Loch Gasteig ihre Heimspiele austragen. Dennoch wird man auch als Opernorchester die Vorzüge (und Herausforderungen) eines Saales auf der Höhe der Technik, wie er aktuell in der Bayerischen Hauptstadt erst in Absichtserklärungen und Plänen vorliegt, bei seiner Tourneeplanung berücksichtigt haben. Und die eigene Neugierde wahrscheinlich auch.

Aber was auch immer Herrn Petrenko und sein Orchester dazu bewogen haben mag, auf dem Weg gen Carnegie Hall einen Zwischenstopp in Hamburg einzulegen, ich bin ihnen dafür zutiefst dankbar. Höchste Qualität in jeder Beziehung wurde geboten. Wurde der Energietransfer des mit überbordender Vitalität und Kraft präsentierten Brahms-Doppelkonzertes nicht zuletzt von dem Traumsolistenpaar Fischer/Müller-Schott garantiert, deren langjährige musikalische wie freundschaftliche Verbundenheit in einem Maximum an Symbiose und auf blindem Vertrauen fußenden Powerplay resultiert, durchwirkt Petrenkos hochemotionale Lesart die Gesamtwirkung dieses Meisterwerkes ganz entscheidend.

Und spätestens im sinfonischen Seelengemälde nach der Pause offenbart sich der unbändige Gestaltungswille sowie die geniale Umsetzungsfähigkeit des abseits des Pultes so ruhig, fast schüchtern wirkenden Russen. Sein Rheingold in Bayreuth hat mich schwer beeindruckt, seine Frau ohne Schatten in München schier weggepustet, und auch heute zeigt sich wieder kristallklar, wieso dieser Mann für die höchsten Aufgaben bestimmt ist und man sich in Berlin schon jetzt kaputtfreuen darf. Auf der anderen Seite ist es für mich derzeit unvorstellbar, dass sein Posten am Münchner Nationaltheater dann tatsächlich ein Ende finden könnte – solch eine perfekte Verbindung darf man doch um Himmels Willen nicht lösen.

Dieser Mann dirigiert wahrlich mit dem Herzen, das sieht man und – viel wichtiger – das hört man. Wie sich sein verzücktes Lächeln auf den Ausdruck der Streicher auswirkt, wie er mit einem kurzen, harten Schnaufer das letzte Quäntchen Wucht aus den Fortissimo-Passagen herauskitzelt – dabei ist sein Dirigat selbst unglaublich organisch, ein einziger harmonischer Fluß, den zu betrachten allein schon ein Erlebnis darstellt. Präzise Technik verbunden mit beinahe erzählerischer Qualität im Mimisch-Gestischen. Kein affiges Getue, sondern gelebte Musik. Dass er seine Ideen dazu mit solch einem Traumklangkörper umsetzen darf, macht natürlich das berauschende Ergebnis erst möglich. Ich werde mir diesen Rausch auch in Zukunft bei Herrn Petrenko abholen, ob in Berlin, in München, oder bei einer hoffentlich baldigen Wiederauflage dieses umwerfenden Gastspiels.

Nachtrag zu Tschaikowsky: auch wenn ich sicher nicht der erste bin, dem dies auffällt, waren die Parallelen zwischen Tschaikowskys Werk und dem ebenfalls Byron-affinen Berlioz, insbesondere natürlich zu dessen Symphonie Fantastique, für mich als Erst-Live-Hörer verblüffend. Angefangen bei dem in jedem Satz wiederkehrenden Leitmotiv (vgl. idée fixe bei Berlioz) bis hin zu Setting-Überschneidungen, die wiederum Ausdrucks-, sogar Intstrumentations-Déjà-vus beinhalten (z.B. Pastorale 3. Satz – 3. Satz bei Berlioz: Szene auf dem Lande oder orgiastisches Bacchanal 4. Satz / Hexensabbat-Finale bei Berlioz). Nicht, dass das die Wirkung des Stückes schmälern würde, eher interessant, wie sehr Tschaikowsky nach Berlioz klingen kann, wenn er Programmmusik schreibt (verblüffend: hier der 2. Satz mit der glitzernden Alpenfee-Welt, dort Berlioz’ Queen Mab aus „Romeo und Julia“), ist mir in den Balletten oder ähnlichem aus seiner Feder bislang nie aufgefallen. Musik als Entdeckungsreise – das liebe ich.

30. Januar 2014

Hamburger Symphoniker – Rafael Payare.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 15



Johann Sebastian Bach – Sarabande (Partita Nr. 2) (Guy Braunstein)

Ludwig van Beethoven – Leonoren-Ouvertüre Nr. 3
Johannes Brahms – Doppelkonzert für Violine und Violoncello (Guy Braunstein, Alisa Weilerstein)
Zugabe: Johan Halvorsen – Passacaglia für Violine und Viola über ein Thema von Händel

(Pause)

Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 1



Ein Konzert direkt mit einer Zugabe zu beginnen, ist doch eine eher ungewöhnliche Herangehensweise, in diesem Falle jedoch zudem eine mit traurigem Hintergrund: Guy Braunstein gedachte mit der Sarabande seinem kürzlich verstorbenen Freund und Mentor Claudio Abbado – und verbat sich im Anschluß folgerichtig den verdienten Applaus für seinen innigen Vortrag.

Die Leonoren-Ouvertüre förderte danach zwei Erkenntnisse zu Tage: Die Hamburger Symphoniker haben sich – auch unter „fremdem“ Dirigat – als Spitzenorchester etabliert, das Vergleiche mit hiesigen und anderen Institutionen nicht nur nicht zu scheuen braucht, nein vielmehr Kraft seines eigenen Charakters zum Besuch reizt. Warum ich mir die Hamburger Symphoniker anhöre? Weil ich die Hamburger Symphoniker hören möchte. Dieses Orchester. Diese Klangausprägung in den einzelnen Stimmen, angefangen bei den samtigen, warmen, dabei nie stumpfen Streichern bis hin zum krönenden Blech. Ein runder Klang, je nach Handhabung transparent oder satt, dabei stets präsent, farbig, und eines nie: langweilig oder nichtssagend. Warum man die Hamburger Symphoniker hören sollte? Weil es einfach Freude macht, dieses Orchester zu hören. Auch – und damit komme ich zur zweiten Erkenntnis – wenn mal jemand am Pult steht, dessen Interpretation ich vielleicht nicht zur Gänze annehmen mag.

Dabei möchte ich Herrn Payare weniger dafür kritisieren, was er macht – das hat in meinen Ohren alles schon Hand und Fuß – sondern mehr dem nachspüren, was er eben nicht macht. Mir persönlich fehlte die letzte Konsequenz im Umgang mit Kontrasten, das volle Ausspielen der rhythmischen Aspekte, die, wie so oft bei Beethoven, aber auch in der Brahms-Sinfonie einen regelrechten Sog struktureller Unentrinnbarkeit entfesseln können. Nicht, daß ein falscher Eindruck entsteht: Man bot durchaus eine energische, leidenschaftliche Lesart, nach meinem Empfinden hätte ich diese Leidenschaft nur manches mal anders, vielleicht schneidiger kanalisiert gewußt.

Kanalisierte, auf den Punkt gebrachte Leidenschaft ist dann auch der Grund, warum ich das Doppelkonzert von dieser Kritik ausnehmen möchte. Beziehungsweise lieferten Herr Braunstein und Frau Weilerstein mit ihrem atemberaubenden Vortrag gleich doppelten Grund, jegliche Analysetätigkeit einzustellen und sich voll und ganz dem von ihnen entfesselten Klangrausch hinzugeben. Solch eine symbiotische Demonstration an Virtuosität und Intimität habe ich selten zuvor erlebt. Dazu Frau Weilerstein mit einem Celloklang, wie ich ihn mir in einer Enzyklopädie über Instrumente exemplarisch für dieses wunderbare Werkzeug denken würde. Und im Zusammenspiel mit Herrn Braunstein mit geradezu hypnotischer Wirkung. Die aberwitzige Zugabe dürfte dann wahrlich dem letzten Zweifler im Saal die Lackschuhe ausgezogen haben – ich zumindest war baff.