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5. April 2018

Zyklus D „Große Stimmen“ – Juan Diego Flórez.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 1


Wolfgang Amadeus Mozart –
Ouvertüre zu „La Clemenza di Tito“ KV 621
„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ aus: „Die Zauberflöte“ KV 620
„Si spande al sole in faccia“ aus: „Il re pastore“ KV 208
Ouvertüre zu „Don Giovanni“ KV 527

Christoph Willibald Gluck –
„L’espoir renaît dans mon âme“ und „J’ai perdu mon Eurydice“ aus: „Orphée et Eurydice“

Gaetano Donizetti –
„Ballabile“ und „Danza Militare“ aus: „Lucia di Lammermoor“

(Pause)

Jules Massenet –
„Je suis seul! ... Ah! fuyez, douce image“ aus: „Manon“
„Pourquoi me réveiller“ aus: „Werther“

Giuseppe Verdi –
Ballabile „La Primavera“ aus: „I Vespri Siciliani“
„Questa o quella“ und „Parmi veder le lagrima“ aus: „Rigoletto“
Ouvertüre zu „Alzira“
„Lunge da lei ... De’ miei bollenti spiriti“ und „O mio rimorso“ aus: „La Traviata“

Zugaben:
Willy Mattes – Deine Liebe ist mein ganzes Leben
Peruanisches Volkslied
Caetano Veloso – Cucurrucucú Paloma (Hable con Ella)
Gaetano Donizetti – „Pour mon âme, quel destin!“ aus: „La Fille du Régiment“
Agustín Lara – Granada

(Juan Diego Flórez – Tenor, NDR Radiophilharmonie / Leitung – Riccardo Minasi)


Natürlich bürgt der Name Juan Diego Flórez für Sangeskunst von Weltrang – nichts weniger wird in diesem Goette-Abo aufgetischt – aber ich hätte nicht gedacht, dass mich gerade dieses Konzert aus der Reihe so begeistern würde, wo das Repertoire des Peruaners doch nur marginal mit meinen Vorlieben überlappt. Aber wer braucht schon „seine“ Musik, wenn man dieser Stimme lauschen darf.

Dabei geriet der Start sogar noch etwas verhalten – die Gestaltung der Zauberflöten-Arie war nicht so ganz mein Fall, das Liedhafte kam fast etwas steif rüber. Vielleicht auch eine Frage des ungewohnten Sprachmetiers? Da geht doch nichts über Wunderlich. Ganz anders sah das jedenfalls schon bei der nächsten italienischen Mozart-Arie aus und erfuhr eine nochmalige Steigerung über Gluck zu Donizetti – dafür ist diese Stimme gemacht. Dieses Legato, dieser Schmelz, diese innige Wärme. Spannend auch der Unterschied zu Kaufmann was Volumen, Strahlkraft, das ganze Timbre angeht – eine „kleinere“ Stimme, aber eben perfekt für den Belcanto, mit süßem Schmelz und spielerischer Wendigkeit. Insbesondere bei Gluck und Donizetti merkt man zudem, welch großartiger Stimmdarsteller Flórez ist. Innige Seelenbilder in Sprachen, derer ich nicht mächtig bin – und die ich durch ihn doch verstehe. Schön: die Leute sind meist mucksmäuschenstill, die Konzentration wird selten gefährdet.

Die zweite, absolut unverhoffte Entdeckung des Abends: Herr Minasi ist eine Wucht am Pult. Knackig, leicht, wieselflink – durchweg sehr flotte Lesarten, die perfekt Verve und Esprit dieser Kompositionen transportieren. Ein wahrer Ohrenöffner: Seine Interpretation der Don Giovanni-Ouvertüre. ich bin halt kein Mozart-Experte und es wird sicher andere Dirigenten mit diesem Konzept geben und gegeben haben, aber das für mich absolut ungewohnt hohe Tempo gleich vom Start weg, lässt den düsteren Beginn wohl weniger mysteriös und bedrohlich wirken als z.B. bei Furtwängler, sorgt aber andererseits dafür, dass sich dieser viel besser, homogener in das Ganze fügt. Der Übergang zum schnellen Teil erfährt so einen deutlichen Energieschub, das Leichte, Vitale, Tänzerische wird betont – das war heute fast ein ganz neues Stück für mich.

Ein anderes Beispiel für Minasis Meisterschaft: die Donizetti-Festmusik – mit ordentlich Wumms vorgetragen, aber nicht lärmig, sondern schmissig, satt. Eleganz und Kraft. Die Radiophilharmonie Hannover hat ihren Anteil daran. Obgleich nicht perfekt (Präzision bei hohem Tempo, hier und da Wackler etc.), so doch absolut zuverlässig im Gesamtklang und in der Wirkung auf den Punkt. Darüber hinaus ist die Akustik-Wahrnehmung heute wieder sehr schön, präsent, ausgewogen – allein die Kombination Hörner plus Flórez’ Stimme – Balsam für die Ohren.

Mit dem Massenet nach der Pause kommen wir schließlich in kompositorische Gefilde, die mein Herz höher schlagen lassen. Was für eine Orchestration – die Einbindung der Orgel, der Glocken, der Harfe. Die Manon-Arie ist sehr vielversprechend – die Oper ist mir gänzlich unbekannt, die Arie aus dem bereits zweimal live bestaunten Werther bestätigt das Potenzial, welches dieser Komponist für mich besitzt. Wahrscheinlich tendierte mein Geschmack für diese Rollen doch eher zu einem Tenor mit mehr Stahl in der Stimme (und wieder ergibt der parallel im Kopf vollzogene Abgleich mit Kaufmann ein interessantes Wechselspiel), aber ungeachtet dessen, welchen Weg man bevorzugt, wandelt Flórez unbestreitbar auf den Pfaden der Vollendung.

Verdi mag mich insgesamt nicht so berühren, in Flórez’ Darbietung erfährt noch die banalste Humtata- und Drehorgelmusik ungeahnte Veredlung. Zumal der Mann scheinbar auf Knopfdruck voll in Text und Rolle eintaucht – davon zeugen auch seine launigen Anmoderationen, etwa wenn er dem Duca aus Rigoletto angesichts Emanzipation und #Metoo in der heutigen Zeit einen schweren Stand bescheinigt. Womit wir bei einem weiteren, äußerst wichtigen Faktor für Flórez’ Extraklasse und Erfolg wären: Der Mann kann Kraft seiner sympathischen Ausstrahlung und offenen Art einen Saal für sich gewinnen. Ich muss ihn unbedingt einmal auf der Theaterbühne erleben, ich glaube fest, dass er jeden Charakter mit Spielfreude und Herzblut verkörpert.

Heute waren es neben seiner atemberaubenden Kunst auch seine witzigen Einschübe und Anekdoten, die dem Sänger die Herzen des Publikums zufliegen ließen – etwa als er einmal fast den Einsatz des Dirigenten „crashte“, um doch noch etwas über das folgende Stück zu erzählen, und sich mit den Worten entschuldigte: „Sorry, i am crazy – too many high notes, you know ...“. Flórez plaudert über seine kosmopolitische Familie, begrüßt die kleine peruanische Schar im Publikum (mit einem Seitenhieb, dass man trotz aller Begeisterung für Fußball die WM im Sommer wohl doch nicht gewinnen werde), und das alles streut er mit leichter Hand ein, ohne das es bemüht oder gar anbiedernd wäre. Ein richtiger Kommunikator, möchte man sagen.

Als er dann die Zugaben nicht mit einer weiteren Arie, sondern den Zeilen „Deine Liebe ist mein ganzes Leben“ beginnend ein Ständchen für seine Frau zum Hochzeitstag anstimmt, sich dabei selbst auf der Gitarre begleitend, ist es um jedes romantische Herz im Saal geschehen. Die weiteren Stücke, zwei Lieder, eine Arie von Donizetti sowie der feurige Schlusspunkt „Granada“ demonstrieren noch einmal eindrucksvoll die Vielseitigkeit dieses Künstlers und seine ohrenscheinliche Liebe dazu, was Gesang in und für Menschen auslösen kann – sei mit einer einfachen Volksweise oder durch die Artistik der Spitzentöne.

5. Juni 2017

Eröffnungskonzert des Vilnius-Festivals –
Elīna Garanča. Litauisches Nationaltheater Vilnius

19:00 Uhr, Stehplatz


Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Walzer aus der Suite „Schwanensee“
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Johannas Arie aus „Die Jungfrau von Orleans“
Emīls Dārzinš – Melancholischer Walzer
Camille Saint-Saëns – Dalilas Arie „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ 
aus „Samson et Dalila“
Giuseppe Verdi – Ouvertüre zu „Die sizilianische Vesper“
Giuseppe Verdi — Arie der Eboli „O don fatale“ aus „Don Carlos“

(Pause)

Francesco Cilea – Adriana Lecouvreurs Arie 
„Ecco, respiro appena, lo son l’umile ancella“ aus „Adriana Lecouvreur“
Gaetano Donizetti – Vorspiel zum ersten Akt „La Favorite“
Pietro Mascagni – Santuzzas Arie „Voi lo sapete, o mamma“ 
aus „Cavalleria rusticana“
Amilcare Ponchielli – „Danze delle ore“ aus „La Gioconda“

Drei Napoleanische Lieder:
Stanislao Gastaldon – „Musica proibita“ (arrangiert von K.M. Chichon)
Paolo Tosti – „Non t’amo più“ (arrangiert von K.M. Chichon)
Paolo Tosti – „Marechiare“

Zugaben:
Ruperto Chapí y Lorente – „Carceleras“ aus der Zarzuela „Las Hijas del Zebedeo“
Augustín Lara – „Granada“

(Elīna Garanča – Mezzospran, Litauisches Nationales Symphonieorchester / Karel Mark Chichon)


Christophorus meint es auf meiner Tour durch das Baltikum offenbar gut mit mir – welch netter Zufall, dass ich just in der Stadt, die den Schutzpatron der Reisenden im Wappen trägt, in den Genuss eines unerwarteten, zusätzlichen Konzertvergnügens kam. Elīna Garančas erster Auftritt in Vilnius – da muss ich nicht zweimal überlegen. Erst recht, wenn Stehplatzkarten für den schmalen Reisegeldbeutel locken. 

Das Galakonzert markiert die Eröffnung des Vilnius Festivals, welches bis zum 22. Juni diverse ambitionierte Programme von Sinfonik bis Oper offeriert. Heute bot das Nationaltheater den festlichen Rahmen für den weltberühmten Stargast, die, gemeinsam mit dem Hausorchester unter der Stabführung ihres Gatten, eine bunte Mischung aus Arien, Liedern und Orchesterstücken aus Opern präsentierte. Ausverkauftes Haus, kurze, salbungsvolle Rede zur Einstimmung, gespannte Erwartung. Und Vilnius sollte nicht enttäuscht werden.

Hatte ich Frau Garanča erst einmal live in der Semperoper als Octavian erlebt, muss ich also bis nach Litauen kommen, um zum ersten Mal zur Gänze die Vorzüge dieser außergewöhnlichen Stimme zu erfahren. Ihr Mezzo ist sinnlich und samtig, vermittelt selbst bei voller Lautstärke und Spitzentönen nie auch nur den Hauch von Schärfe. Viel wichtiger noch als die reine stimmliche Qualität ist allerdings das enorme Einfühlungsvermögen, mit dem Garanča aus Gesangslinien mittels feinst abgestufter Phrasierungstechnik und Legatokultur dramatische Miniaturen formt. Empfindung und Ausdruck – Gesang als Mittler von Emotionen in Vollendung. Darüber hinaus besticht ihre Stimme nicht nur durch charakterliche, sondern auch technische Vielseitigkeit – von den langen, gebundenen Linien der Wehmut, die Johannas Abschied von der Heimat bestimmen bis hin zu den virtuos vorgetragenen Wendungen der feurigen Zugaben. Brava! – So schallt es zurecht durch den Saal, während es das Publikum nicht mehr auf seinen Sitzen hält.

Aber das Verdienst des Abends gebührt nicht allein der Ausnahme-Sängerin – Karel Mark Chichon erweist sich als idealer Begleiter, stimmt Lautstärke und Tempogestaltung perfekt auf die Solistin ab – ein ritenuto hier oder da, um eine besonders schöne Phrase auszukosten – deckt sie im Forte nicht zu, lässt ihr Timbre glühen und bereitet das hauchzarte Fundament für ihr berührendes Pianissimo. Umso erfreulicher, das Chichon hier in Vilnius mit dem Litauischen Nationalen Symphonieorchester einen Klangkörper von entsprechendem Format für derlei Nuancen vorfindet. So stellen dann ihrerseits die rein orchestralen Stücke mitnichten Lückenfüller dar, sondern halten das hohe Niveau des Abends.

Zum einen, weil Chichon spannende Lesarten präsentiert, bei denen er die richtige Balance zwischen Feinem (beispielsweise dynamische Abstufungen bis zum kaum wahrnehmbaren Pianissimo im Walzer von Dārzinš) und Zupackendem (Z.B. Kontraste „Sizilianische Versper“ / Tempoverschärfung letzte Takte „Danze delle ore“) wahrt, und eben weil das Orchester im wahrsten Sinne dabei mitspielt. Aus solistischer Sicht besonders hervorzuheben: der Klarinettist, der die entsprechenden Passagen in besagtem „Melancholischen Walzer“ äußerst sensibel ausführte.

Fazit: Weltklasse in Vilnius – eine Festivaleröffnung, die sich auch international nicht zu verstecken braucht.

19. Februar 2017

Maria Stuarda – Peter Sommerer.
Stadttheater Rendsburg.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 85 / Reihe 16, Platz 311



Abgesehen davon, dass Oper per se eine äußerst artifizielle Angelegenheit darstellt – wohlgemerkt als bloße Feststellung und keinesfalls Makel begriffen – legen die Gesetzmäßigkeiten der Belcanto-Ära ein besonders eindringliches Zeugnis dieses Umstandes ab. Was wird hier zu den schönsten Klängen gehasst, verflucht und vor allem gestorben! Mit geschlossenen Augen und des Italienischen unkundig ist es da eine Herausforderung zu unterscheiden – Trinklied oder doch der Kelch der Rache? Beides im Dreiviertel-Leierkasten-Takt denkbar. Experten werden solch Simplifizierung sicher vehement widersprechen, für mich als seltener Gast auf Koloratur-Serpentinen und spitzentonbeschneiten Stretta-Gipfeln birgt das Ganze neben Momenten der Irritation aber gerade darin ein ungeheures Potenzial für emotionale Fallhöhe – nämlich aus dem scheinbaren Gegensatz zwischen Gesagtem und Gesungenem. Richtig spannend, da haben die Rezeptoren in Herz und Hirn ordentlich was zu tun.

Sofern Qualität, oder anders gesagt Schönheit und Eigenständigkeit der Melodien in dem Maße gegeben sind, dass sie die Stufen nett und gefällig hinter sich lassen. Was in dieser Oper zumindest nach der ersten Durchsicht erst dann so richtig der Fall ist, wenn es für die titelgebende Regentin in Ketten wahrlich schwarz aussieht. Natürlich hilft es auch, wenn in der Beichtszene gleich zwei der drei besten Sänger des Abends einfühlsam über das tragische Schicksal duettieren, aber insgesamt scheint Herr Donizetti sich die ergreifendste Musik für den dritten Akt aufgehoben zu haben – Belcanto-Formelbaukasten hin oder her. Virtuosität ist Pflicht, das ist schon klar, mir persönlich liegen allerdings eher die getragenen, jedoch durch ihr Beharren auf ohrschmeichelnder Melodik nie ins Rührselige abgleitenden Passagen. Die Menge beklagt Marias bevorstehende Hinrichtung ergreifend, aber wohltönend, getragen von einem stoisch-edlen Trauermarsch, den das gedämpfte Blech eingangs des letzten Bildes etabliert. Auch das folgende Gebet, welches die Scheidende zusammen mit ihrem Gefolge spricht, gehört zu den großen Momenten dieser Oper, die mit einer regelrechten Todesverklärung schließt. Schmerz aus der unberührten Reinheit der Musik heraus anstelle von Heulen und Zähneknirschen – Augenblick verweile doch, du bist so traurig schön.

Heutiger Neuzugang in meinem Sammelalbum Spielstätten der Republik: Landestheater Schleswig-Holstein, Filiale Rendsburg. Ein Bau beachtlicher Größe für ein Städtchen relativer Überschaubarkeit schmückt einen Platz unweit des Bahnhofs. Kurze Wege, ein Vorzug, der mir noch Zugute kommen sollte. Nach meinem erfolgreichen Besuch in Flensburg vor nicht ganz zwei Jahren nun die Neuauflage mit GMD Sommerer und seinen Musikern. Die an das Rendsburger Platzangebot angepassten Sinfoniker kuscheln sich im Orchestergrübchen aneinander, der Kollege an der Pauke wird gar ins Proszenium ausgelagert. Drehte sich in den letzten Wochen durch den neuen Hamburger Musikspeicher A vieles um das Thema Akustik, lässt sich auch hier im gediegenen Saal feststellen, welchen Einfluss die Platzwahl auf das musikalische Erlebnis hat. In Reihe 4 ist der Orchesterklang wenig homogen, die Nähe zur verkleinerten Besetzung sorgt bei erhöhter Lautstärke für einen kantigen, mitunter schroffen Sound, wohingegen Solostellen von der unstrittigen Sensibilität der Musiker zeugen, etwa gleich zu Beginn die zarte Klarinettenlinie.

Ganz anders dann der Eindruck, nachdem ich in der Pause den Rückzug an den Rand von Reihe 16 angetreten hatte, um beim heute leider unvermeidlichen Blitzaufbruch zwecks Bahnverpassungsvermeidung meine Mitmenschen nicht unnötig zu stören. Hier, knapp unter dem Balkon bzw. Rang, wirkt das Orchester nicht nur homogener, sondern trotz der Entfernung präsenter, die Sänger dafür etwas zurückgenommen, was für die großen Stimmen des Abends jedoch kein Problem darstellte. Interessant, welch voluminösen Klang die relativ kleine Streichergruppe aus dieser Hörperspektive entfaltet. Das Blech strahlt und droht, wie man es sich nicht besser wünschen könnte. Einzelheiten, beispielsweise im Holz oder eine wunderbare Passage der Celli, sind gut zu vernehmen. Das einfühlsame Dirigat Sommerers kommt viel besser zur Geltung.

Ein kleiner Wermutstropfen schmeckt allerdings auf beiden Plätzen gleich bitter: Die Leistung des Herrn Choi wird der Tenorpartie kaum gerecht und fällt im Vergleich zu dem ansonsten tadellosen Ensemble auf fast schon brutale Weise ab. Der Eindruck aus dem Cardillac, wo er seinerzeit als Offizier eine weidlich unelegante Figur machte, bestätigte sich leider sehr deutlich. Die Stimme besitzt zwar eine gewisse Strahlkraft ab dem Forte, in das sich Herr Choi offenbar wann immer es sich anbietet (oder auch nicht) zu retten sucht, Schmelz und Wohllaut sucht das Ohr jedoch in jeder Lage vergebens. Von Piano- oder gar Pianissimo-Kultur ganz zu schweigen. Das permanente Forcieren war neben der angesprochenen Überlegung der Hauptgrund, nach der Pause auf Abstand zu gehen. Auch als Freund von Schmackes lasse ich mich nicht gern anschreien.

Dafür umso lieber von den Beiträgen der erstklassigen Troika Elisabetta/Maria/Giorgio in den Bann ziehen. Frau Mintzer gibt eine zwischen Stolz und Arroganz pendelnde Elisabeth, die sich ihrer Macht ebenso wie der Wirkung ihrer weiblichen Reize bewusst ist, mit sinnlichem Mezzo und ausdrucksstarkem Schauspiel. Wunderbar herablassend und kühl einerseits, dabei aber nicht unerotisch. Kai-Moritz von Blanckenburg als Giorgio Talbot gefällt mir von den Herren eindeutig am besten und knüpft nahtlos an die starke Leistung als Cardillac an – schöne, präsente Stimme, die auch in einfühlsamen Momenten besteht. Jene sind die ausgemachte Domäne von Eun-Joo Park in der Titelrolle, wobei ihr agil-flexibler Sopran auch alle virtuosen Hürden der Partie meistert. Wunderbar, wenn eine Sängerin nicht nur eine feine Stimme besitzt, sondern diese auch über den gesamten Dynamikbereich mit lebendiger, involvierender Phrasierung zum Glänzen zu bringen weiß.

Zur Inszenierung ist nicht viel zu sagen, brav-bekömmlich trifft es vielleicht. Mehr Zickenkrieg als Beziehungsdrama; Weltgeschichte, die wie das Schoßhündchen der Elisabetta in eine Edel-Handtasche passt. Rein narrativ funktioniert das schon, wahrscheinlich am Ende besser, als Reflexionsbemühungen mit dem Holzhammer.

Epilog: Auch wenn es mich mit dem Vorhang unhöflicherweise drängte, den Saal fluchtartig zu verlassen, stand diese Unart in keinster Weise in Verbindung zum gerade Erlebten. Zumindest konnte ich das ungenutzte Applausverlangen umgehend in Bewegungsenergie für den Sprint gen Bahnhof umwandeln, um in jeder Hinsicht hochzufrieden in die Polster des Regionalexpresses zu sinken.


Maria Stuarda – Gaetano Donizetti
Musikalische Leitung – Peter Sommerer
Inszenierung – Peter Grisebach
Ausstattung – Michele Lorenzini
Choreinstudierung – Bernd Stepputtis
Dramaturgie und Übertitel – Anne Sprenger

Elisabetta – Julia Mintzer
Maria Stuarda – Eun-Joo Park
Roberto, Graf von Leicester – Junghwan Choi
Giorgio Talbot – Kai-Moritz von Blanckenburg
Lord Guglielmo Cecil – Marin Müller
Anna Kennedy – Paulina Schulenburg
Hofstaat, Wachen, Dienerschaft u. a. – Opern- und Extrachor

Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester

27. April 2013

Lucrezia Borgia – Andriy Yurkevych.
Deutsche Oper Berlin.

18:45 Uhr Einführung, 19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 6, Platz 26



Ab nach Berlin zur Gruberova-Show. Zumindest hatte ich mir das so vorgestellt, aber der Abend hielt dann doch noch andere Überraschungen bereit. Ein exzellentes Ensemble beispielsweise, das meine Befürchtung einer einseitigen Fokussierung auf die Koloratur-Diva grundlegend widerlegte. Und damit meine ich nicht nur die weiteren Hauptrollen, die wahrlich Weltklassequalität bewiesen, sondern jeden einzelnen, der sich heute befrackt vor dem Orchester ans Publikum wandte.

Auch ohne Kostüm und Kulisse übertrug sich da Vieles an Atmosphäre und Zwischentönen der Handlung, nehmen wir einmal die etwas kleinere Rolle des Rustighello, in der Alvaro Zambrano List und Tücke ausstrahlte, oder aber Alex Esposito als alles beherrschender Herzog – wenn Blicke töten könnten! Aber es ist ja nicht mit der Mine, dem Auftreten getan, in diesem Fall komplettieren jene eine stimmliche Präsenz, die geradezu Ehrfurcht gebietend ist. Allein um diesen Künstler zu hören, hätte sich die Reise schon gelohnt. Aber gemach – die Liste der musikalischen Schönheiten ist lang heute.

Pavol Breslik scheint mir den Idealtypus für solche Tenorpartien zu sein, eine Stimme voll Herzblut und Strahlkraft, gleichermaßen klangschön wie energisch, dazu deutete er bereits mit wenigen Gesten an, daß er auch darstellerisch über erhebliches Charisma verfügt. Ähnliches läßt sich über Jana Kurucová sagen, die in der Hosenrolle des Maffio glänzte (das beileibe nicht nur durch den Glitzerblazer im zweiten Akt) und die Herrenriege mit ihrem klaren, flexiblen Mezzo bereicherte. Und auch wenn er quantitativ nur eine Randfigur des Abends darstellte, hinterließ der volltönende, wunderbare Bass des Tobias Kehrer umso deutlicher einen bleibenden Eindruck. Chor und Orchester folgten dem knackigen Dirigat, das immer wieder für intensive Momente sorgte, beispielsweise in der mitreißenden Tempoverschärfung zum Ende des ersten Aktes – das knallt ordentlich!

Und natürlich, es gab da ja noch diese gewisse Dame, deren Gestaltung der Titelpartie schon das ein oder andere Wort verdient hat. Um nur eines zu verwenden: phänomenal! Frau Gruberova bildet ohne Frage das Zentrum der Aufführung, bei jedem Auftritt scheint das Publikum wie elektrisiert zu sein. Neben der schier erschlagenden Elastizität ihrer feinen Stimme hat mich deren Kraft und Tragfähigkeit verblüfft. Wirklich unglaublich wird es dann, wenn der Begriff Nuance neu verhandelt wird – an einer Stelle hielt die Sängerin einen Hauch von Ton über eine gefühlte Ewigkeit, trotz der um sie herum stattfindenden, lauteren musikalischen Ereignisse absolut präsent, um diesen dann plötzlich in dynamische Höhen zu schrauben, die ihrer Rolle in dieser Situation unmißverständlichen Respekt einflößten. Frau Gruberova geht voll und ganz in dieser Partie auf. Sie umgarnt und verflucht, schmachtet und kämpft, triumphiert und leidet. Und auch wenn es vielleicht widersinnig klingen mag, ergibt sich gerade aus dieser größtmöglichen Verinnerlichung mein einziger Kritikpunkt: Ich kann mir nicht helfen, am Ende ist es mir doch etwas zu dicke mit dem Geschluchze, Geseufze und Geweine. Wahrscheinlich wird jetzt jeder Freund der italienischen Oper vor Empörung ob dieser frevelhaften Ketzerei auf- und der Dame zur Seite springen, aber so empfinde ich es nun mal – eine Spur zu viel.

Eine Spur zu wenig hingegen – um mich wenn schon, dann richtig in die Nesseln zu setzen – liefert mir das Werk an sich. Die Musik plätschert hübsch langweilig dahin, zwischendurch wird mal angezogen, aber gerade auf die Dauer ist die Oper mehr als eintönig. Zu mokieren, es passiere ja nicht viel und es würde eh nur rumgelabert, könnte natürlich auch jeden Parsifal-Verächter auf den Plan rufen, aber gut, die Geschmäcker sind eben verschieden. Mir persönlich wollen insbesondere Trink- und Schunkelepisoden der Weinseligkeit anfangs des zweiten Aktes einfach nicht munden. Auch diese ewigen „Überraschungsmomente“ wer jetzt wieder wen ver- oder entgiftet hat, entziehen sich meiner Vorstellung von Spannungsbögen.

Egal, genug geunkt, am Ende des Abends ändern auch musikalische Geschmacksvorlieben nichts an der Tatsache, daß mit dieser konzertanten Aufführung eine Qualität abgeliefert wurde, wie sie luxuriöser kaum denkbar ist. Ein orkanhafter, nach diversen Vorhängen kaum abflauender Beifall setzte diese Erkenntnis auch akustisch gebührend um.


Gaetano Donizetti – Lucrezia Borgia
Musikalische Leitung – Andriy Yurkevych
Chöre – William Spaulding

Don Alfonso d’Este – Alex Esposito
Lucrezia Borgia – Edita Gruberova
Gennaro – Pavol Breslik
Maffio Orsini – Jana Kurucová
Jeppo Livoretto – Paul Kaufmann
Apostolo Gazella – Andrew Harris
Ascanio Petrucci – Seth Carico
Oloferno Vitellozzo – Jörg Schörner
Rustighello – Alvaro Zambrano
Gubetta – Simon Pauly
Astolfo – Tobias Kehrer
Eine Stimme aus der Ferne – Tobias Kehrer

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

7. Juni 2012

Liederabend – Chen Reiss.
Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal.

19:30 Uhr, Parkett Mitte links, Reihe 6, Platz 8, nach der Pause: Parkett Mitte links, Reihe 1, Platz 3


















Georg Friedrich Händel – aus „Neun Deutsche Arien“: Meine Seele hört im Sehen HWV 207
Franz Schubert – Frühlingsglaube, D686; Romanze, D797; Lachen und Weinen, D777; Ganymed, D544; La pastorella, D528; Guarda, che bianca luna, D688 no. 2; Da quel sembiante appresi, D688 no. 3; Mio ben ricordati, D688 no. 4; Vedi quando adoro, D510

(Pause)


Franz Liszt – Wie singt die Lerche schön; Der Fischerknabe; Comment, disaient-ils; Oh! Quand je dors

Camille Saint-Saëns – Une flûte invisible
Léo Delibes – Le Rossignol
Gaetano Donizetti – aus „Nuits d’étè à pausillipe: A mezzanotte; Il barcaiolo; La zingara
Zugabe: Gaetano Donizetti – La connochia

(Chen Reiss – Sopran, Alexander Schmalcz – Klavier, Susanne Barner – Flöte)



Stell Dir vor es ist Liederabend und niemand geht hin – oder: Kleiner Saal, große Lücken. Wobei „Lücken“ noch geschmeichelt ist. Vereinzelt besetzte Plätze trifft es besser. Einfach traurig. Dabei wartet die Liedreihe der Hamburger Symphoniker heute bereits zum zweiten Male mit einer der feinsten lyrischen Sopranstimmen auf, die mir geläufig sind – denn über eben jene verfügt ohne Zweifel Chen Reiss.

Daß fein allein jedoch nicht immer das Mittel der Wahl ist, wurde in den auf Heißblütigkeit angelegten Abschnitten des insgesamt ungewöhnlich heterogenen Programms deutlich. Liegt die Stärke der Sängerin fraglos in der Vermittlung des Scheuen, Zarten, Melancholischen, Überweltlichen, bleibt sie in den rassigen Koloraturen Donizettis auf der Stufe technischer, virtuoser Perfektion, ohne ihr stimmliches Feuer auch auf die Ebene nur allzu weltlicher Emotionen übergreifen zu lassen. Ihr Äußeres scheint Frau Reiss für die Rolle des Vamps zu prädestinieren, der Ausdruck ihrer Stimme spricht eine andere Sprache.

Die Sprache Schuberts beispielsweise, den sie vor allem in der „Romanze“ zum Niederknien in die Herzen der Zuhörer trägt. Aufs Einfühlsamste begleitet von Alexander Schmalcz scheint die Sängerin hier ganz bei sich, ein Sehnen und Wähnen erfüllt die Kleine Laeiszhalle, Poesie der Worte, Poesie der Töne. Eine Musik wie die Erinnerung an ein vergangenes Glück – dankbare Wehmut und süße Trauer.

Oder Liszts „Der Fischerknabe“: eine fragile Träumerei zwischen Naturidyll und Todesromantik, für die Frau Reiss’ Ausdruckspalette wie geschaffen ist. Warum also diese Ausflüge ins vermeintlich leichte Fach? Im Hinblick auf große Taten an großen Häusern? Ich weiß nicht. So selten wie Stimmen zu finden sind, durch die der Begriff der Unschuld zu mehr als einer bloß sentimentalen Phrase erhoben wird, so aussichtslos erscheint es mir, Leidenschaft oder gar Erotik einer solchen Stimme aufzuzwingen. Auch da gibt es sicher genug Gegenbeispiele, aber meine Skepsis in Bezug auf Frau Reiss’ Weg bleibt. Es wäre schade, wenn sie diesen silbrig-feinen Stimmschatz, den sie in ihrer Kehle hütet, auf Eilmärschen Richtung Rampenruhm von ihren Lippen verbannte.