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10. Dezember 2018

Zyklus D „Große Stimmen“ – Cecilia Bartoli.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 1


Antonio Vivaldi:

Allegro / erster Satz aus „La Primavera“ op. 8 Nr. 1 RV 269
Quell’augelin / Arie der Silvia aus „La Silvia“ RV 734
Non ti lusinghi la crudeltade / Arie des Lucio aus „Tito Manlio“ RV 738
Gelosia, tu già rendi/ Arie des Caio aus „Ottone in villa“ RV 729
Allegro / dritter Satz aus „La Primavera“ op. 8 Nr. 1 RV 269
Vedrò con mio diletto / Arie des Anastasio aus „Il Giustino“ RV 717
Allegro non molto / erster Satz aus „L’Estate“ op. 8 Nr. 2 RV 315
Sol da te mio dolce amore/ Arie des Ruggiero aus „Orlando furioso“ RV 728
Adagio und Presto / zweiter und dritter Satz aus
„L’Estate“ op. 8 Nr. 2 RV 315
Se lento ancora il fulmine/ Arie der Zanaida aus „Argippo“ RV 697

(Pause)

Zeffiretti che sussurrate / Arie der Ippolita aus
„Ercole su’l Termodonte“ RV 710
Allegro /erster Satz aus „L’Autunno“ op. 8 Nr. 3 RV 293
Ah fügte rapido / Arie des Astolfo aus „Orlando furioso“ RV 728
Allegro / dritter Satz aus „L’Autunno“ op. 8 Nr. 3 RV 293
Gelido in ogni vena/ Arie des Farnace aus „Farnace“ RV 711
Allegro non molto / erster Satz aus „L’Inverno“ op. 8 Nr. 4 RV 297
Se mai senti spirarti sul volto / Arie des Cesare aus
„Catone in Utica“ RV 705
Largo und Allegro / zweiter und dritter Satz aus
„L’Inverno“ op. 8 Nr. 4 RV 297

Zugaben:
Georg Friedrich Händel – Mi deride ... Desterò /
Rezitativ und Arie der Melissa aus »Amadigi di Gaula« HWV 11
Wolfgang Amadeus Mozart – Voi che sapete che cosa è amor / Sagt,
holde Frauen / Arie des Cherubino aus »Le nozze di Figaro« KV 492
Ernesto de Curtis – Non ti scorda di me
Agostino Steffani – A facile vittoria

(Les Musiciens du Prince-Monaco, Gianluca Capuano – Dirigent, Andrés Gabetta – Violine, Cecilia Bartoli – Mezzosopran)



Bartolis Stimme absolut rund, nie keifig, selbst in der heftigsten „Aggression“ nicht. Die Koloraturen fließen (obwohl ich diese Musik weiterhin nicht besonders mag). Auch nicht das übliche Ältliche wie bei manchen Mezzos. Eindeutig DiDonato überlegen, viel feiner, perfekt nuanciert. Mit den anderen Solisten bin ich nicht so zufrieden, ob Holz oder Violinist hapert es hier und da doch mit der Intonation – oder sind das historische Instrumentenaltlasten?

Respekt vor der Dramaturgie des Programms, nahtlose Übergänge auch zu den Instrumentalstücken, Flöte und Oboe als Gesangspartner, Einstieg in die jeweiligen Arien. Die Jahreszeiten als Rückgrat ebenfalls clever gewählt, weil es so immer wieder bekannte Oasen gibt. Die Arien sind – so schön sie sein mögen – doch Spezi-Kost. Und die „Show“ ist ganz ohne Mätzchen packend, ein knackiges Dirigat und eine mal energische, mal berührende Sängerin, mehr braucht es nicht. Auch hier kann manche „Diva“ noch lernen.

Lustiger Stimmungswandel beim Pärchen neben mir: Von „Vivaldi – oh, wie schön!“ bis nervöses Sitzgerutsche und gelangweiltes Händchenhaltsuchen in weniger als einer Stunde. Eumel bleiben eben Eumel, vom Zappelphillip-Opa schräg rechts hinter mir ganz zu schweigen. Schade, da die Konzentration im Saal sonst nahezu vorbildlich ist, kein Vergleich zu Levit (Link).

Was DiDonato mit Pathos versucht, macht die Bartoli mit Herz. Die Dame ist ultrabeliebt beim Volk. Zurecht, was für ein Talent. schade, dass sie das falsche Repertoire besetzt :) Aber im Ernst, sehr interessanter Ansatz: einerseits ein Raritätenprogramm, gehaltvoll, ernst, und dann diese vier Zugaben:

1. Koloraturwettstreit zwischen Oboe, Trompete und Bartoli, 2. etwas Schlichtes (gemein gesagt Seichtes), was alle kannten – Rossini? (ne, war Mozart) 3. eine Kanzone? Schmalz triumphiert! 4. Arie und Duell Trompete/Bartoli inklusive Gershwin-Einschub (Jazztrompete/ Summertime). Und dann die Nummer mit der Glitzer-Weihnachtsmütze ... sowas kommt an. Die Leute ticken aus.

Also die meisten. Wenn Deine Loge nach der dritten Zugabe bis auf Dich selbst leer ist, weißt Du, wie sehr deine Umsitzenden Musik lieben ... Egal, was zählt, sind diese beiden Hammerarien nach der Pause. Diese Innigkeit, Zartheit, Pianissimo. Und bei der zweiten die Verwandtschaft zum Winter ... und dann der Übergang zum wirklichen Winter – genial. Gabetta durchaus krass virtuos, nur die Sache mit der Intonation bleibt seltsam.

Sollte Schule machen: Eumel-Klatschen durch die nahtlose Stringenz des Programms (fast) unmöglich. Auch keine zig „Vorhänge“, Frau Bartoli lässt sich nicht lang bitten – Zack, kommen die Zugaben.

Fazit: Selten hat mich ein Konzert mit Musik, die mich nicht wirklich interessiert, derart begeistert.

30. Mai 2018

Zyklus D „Große Stimmen“ – Joyce DiDonato.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 1



»In War and Peace – Harmony through Music«

Joyce DiDonato – Mezzosopran und Produktionsleitung
Il Pomo d'Oro
Manuel Palazzo – Choregrafie, Tanz
Maxim Emelyanychev – Cembalo und Leitung
Henning Blum – Lichtdesign
Yousef Iskandar – Videodesign
Ralf Pleger – Regie


Georg Friedrich Händel – „Some dire event ... Scenes of horror,
scenes of wie“, Arie der Storgè aus „Jephtha“ HWV 70

Leonardo Leo – „Prendi quel ferro, o barbaro!“,
Arie der Andromaca aus „L’Andromaca“

Emilio de' Cavalieri – Sinfonia aus „Rappresentatione di anima et di corpo“

Henry Purcell – Chaconne g-Moll Z 730

Henry Purcell – „Thy hand, Belinda ... When I am laid in earth“,
Arie der Dido aus „Dido and Aeneas“ Z 730

Georg Friedrich Händel – „Pensieri, voi mi tormentate“,
Arie der Agrippina aus „Agrippina“ HWV 6

Carlo Gesualdo da Venosa – Tristis est anima mea (instrumental)

Georg Friedrich Händel – „Lascia ch’io pianga“,
Arie der Almirena aus „Rinaldo“ HWV 7

(Pause )

Henry Purcell – „They tell us that you mighty powers above “,
Arie der Orazia aus „The Indian Queen“ Z 630

Georg Friedrich Händel – „Crystal streams in murmurs flowing“,
Arie der Susanna aus „Susanna“ HWV 66

Arvo Pärt – Da pacem Domine (instrumental)

Georg Friedrich Händel – „Augelletti, che cantate“,
Arie der Almirena aus „Rinaldo“ HWV 7

Georg Friedrich Händel – „Dopo notte, atra e funesta“,
Arie des Ariodante aus „Ariodante“ HWV 33



Als zu den Klängen der berühmten Händel-Arie der Almirena aus „Rinaldo“ per Videoprojektion Blütenblätter auf die Bühne rieselten, war mein Entschluss, diesem Kitschkokon, den Frau DiDonato für ihren Auftritt um sich spinnen ließ, in der nahenden Pause zu entfliehen, eigentlich gefasst. Aber es ging mir heute so wie den unsäglichen Gaffern bei einem schlimmen Unfall – ich konnte den verstörten Blick letztendlich doch nicht abwenden. Wenn man böswillig an die Sache herangeht, könnte man der Dame einen das Narzistische weit mehr als streifenden Hang zur Selbstdarstellung unterstellen, aber auch wenn hinter all der „Konzept!“ schreienden Performance wirklich ein ehrliches Anliegen der Künstlerin, ein inständiger Apell zur Reflexion über das Leid in der Welt stehen sollte, komme ich nicht umhin, dessen Ausführung in überbordendem Manierismus und naiver Plattheit, die schwülstig-pathetische, ja leider gar parodistische Note zu attestieren, welche mir jeglichen Zugang zu Botschafterin und den durch sie dargebotenen Werken verstellt.

Dass es Frau DiDonato tatsächlich ernst meint mit ihrer Mission, wird dann spätestens mit der Entgegennahme des Schlussapplauses deutlich, bei der sie die Bühne der Elbphilharmonie tatsächlich für eine kleine Predigt nutzt. Ganze dreimal insistiert sie in ihrer peinlich überschwänglichen und redundanten Rede darauf, man möge doch das heutige Konzert dazu nutzen, um über den Frieden nachzudenken, ihn mit nach Hause und in den Alltag nehmen, während sie die Besucher als „Erbauer“ dieses „Tempels“ preist – auch dies mehrfach. Vielleicht relativiert sich das als typisch amerikanischer Hang zu Übertreibung und Show, aber selbst wenn ich dem Kern ihres Ansinnens weniger skeptisch gegenüber stünde, erstickt dieser Showcharakter jegliche Auseinandersetzung im Keim. Und das ist es wohl auch, was mich am meisten an diesem „Konzeptkonzert“ störte – ein vorgeblich tiefes Anliegen als Vehikel für einen seichten Unterhaltungsabend, der der Musik einen Bärendienst erweist.

Schließlich dienen alle verwendeten Elemente rein dekorativen Zwecken, verharren an der Oberfläche. Nehmen wir die Videoprojektionen: Hübsche Stimulanzien, nicht mehr, nicht weniger. Flitter, der die Saaldecke hübsch illuminiert, während unten irgendwas gesungen wird – hach, wie schön. Und wenn es gegenständlich wird, kommt der Kitsch-Holzhammer: die besagten Blütenblätter, oder ein stilisiertes Feuerwerk zum Schluß. Dann der Tänzer. Das hätte durchaus eine spannende Arbeit werden können, einen Liederabend mit dieser Ausdrucksform zu bereichern – wenn der tanzende Adonis eine mehr als schmückende Funktion eingenommen hätte. Ein zwingendes Konzept war auch hier nicht ersichtlich. Der seltsam wahllos wirkende Einsatz, mal als visuelle „Aufwertung“ der Instrumentalstücke, Reaktionsfläche für das hochpeinlich theatralische Agieren der Sängerin oder – ich hatte es befürchtet – Blütenblätterstreuer, fügte sich nahtlos in den Bauchladen der netten Reize, der vom Publikum schließlich mit stehenden Ovationen bedacht wurde.

Frau DiDonato scheint in jedem Fall über treue Fans zu verfügen, einmal entfleuchte gar zwischen zwei Stücken ein gepresstes „Diva!“ einer elektrisiert-übereifrigen Kehle. Ich für meinen Teil muss leider feststellen, dass ich mit La Diva rein musikalisch ebenfalls nicht so recht warm geworden bin. Eine schöne Stimme, keine Frage, aber den Zauber, den beispielsweise eine Frau Garanča mit ihrem Gesang entfacht, um mal im Mezzo-Fach zu bleiben, konnte ich heute leider nicht wahrnehmen. Auffällig in jedem Fall der Hang, die scherenschnittartige gestisch-mimische Darbietung mit einem „zu viel des Guten“ im musikalischen Ausdruck einhergehen zu lassen. Die Stimme klagt, schluchzt, leidet – alles mehr als eine Spur „drüber“, so dass es mich wahrscheinlich selbst auf einer Opernbühne als Teil einer Inszenierung gestört hätte. Und rein technisch, nun ja, der Vergleich mag hinken, aber Herr Jaroussky steckt die Dame in Sachen Flexibilität und Phrasierung dreimal in die Tasche. Bizarrerweise lag mir ihr Strauss, eine wirklich sehr intim angelegte Interpretation von „Morgen“, deutlich näher als ihr „Paradefach“ Barock.

Was gab es sonst noch festzuhalten. Die Herren und Damen von Il pomo d’oro verstehen ihr Handwerk, knackiger Sound und packende Tempi durch Herrn Emelyanychev, der vom Cembalo aus dirigierte und allenfalls seine Gestik ruhig ein wenig hätte herunterschrauben können, wo er doch nur dies mächtige Häuflein und kein Fernorchester zu dirigieren hatte. Fun fact: Gestern saß das Bübchen noch eine Reihe vor mir im Parkett und studierte aufmerksam und mit seinem Nebensitzer feixend die Arbeit Nézet-Séguins – klein ist die Welt. Leider schweigt sich das Programmheft darüber aus, welches Blasinstrument Herr Emylyanychev zwischendurch an die Lippen brachte, vom Klang her eine Mischung aus kränklicher Oboe und altersschwacher Trompete – und wieder einmal gilt mein großer Dank den Errungenschaften der Instrumentenentwicklung, durch die ich heute in der Regel von solch historischen Praktiken verschont werde.

Zu den Stücken selbst, einige bekannte Hochkaräter-Arien waren ja dabei, mag ich angesichts der ganzen Umstände nicht viel kundtun. Außer vielleicht meine Verwunderung darüber, dass zwischen all der alten Musik auch ein ziemlich frisches Werk vertreten war – mit Arvo Pärt gab sich der Schutzheilige der gefälligen Tiefe die Ehre, auch dies passte zum Gesamteindruck. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass mein musikalisches Highlight des Abends jenes rein instrumental als Zwischenspiel genutzte Madrigal von Carlo Gesualdo war, bei dem ganz unvermittelt harmonische Kühnheit das 16. Jahrhundert für einige berührende Momente in ein ungeahnt modernes Licht stellte – allein dafür hat sich der Besuch gelohnt.

PS: den Brief, den jeder Konzertbesucher „persönlich“ von „Joyce“ am Saaleingang nebst dem Programmheft bekam, mit der Aufforderung, auf eine Antwortpostkarte zu schreiben, worin man persönlich Frieden fände, habe ich dann doch unbeantwortet gelassen – Gift und Galle sind selten gute Souffleure.

15. Januar 2018

London Symphony Orchestra – Sir Simon Rattle.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Franz Schubert – Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 „Unvollendete“
Gustav Mahler – Fünf Lieder nach Gedichten von Friedrich Rückert (Magdalena Kozená – Mezzosopran)

(Pause)

Georg Friedrich Händel –
Dopo notte, atra e funesta / aus „Ariodante“ HWV 33
Scherza infida / aus „Ariodante“ HWV 33
Pensieri, voi mi tormentate / aus „Agrippina
“
(Magdalena Kozená – Mezzosopran)

Jean-Philippe Rameau – Suite aus „Les Boréades“


Heute erwies sich das Publikum über weite Strecken der Qualität des Gebotenen würdig. Verrückte (Konzert-)Welt, in der ein stilles, konzentriertes Publikum zur wohltuenden Ausnahme gerät – erst in den letzten beiden Mahler-Liedern kehrte der alte Keuch- und Röchel-Schlendrian wieder ein.

Dafür beharrten das LSO und sein neuer Chef den ganzen Abend auf der ihnen nachgesagten Spitzenqualität. Leisester Schubert-Beginn aller Zeiten. Holzbläsersoli schweben auf samtigstem Streicherteppich. Rattle zumeist langsam, fast schon schleppend, trotzdem mit scharfen dynamischen Kontrasten. Man hört richtig in die Partitur. Und im zweiten Satz leider ein penetrantes Hörgerät – Kammerton Terror martert die Sinne.

Mahler: Kozenas Stimme toll, Textverständlichkeit ok. Das Wort „gestorben“ habe ich noch nie so schön gesungen gehört. „Um Mitternacht“ – erhabene Bläserwirkung. Nicht so bombastisch wie unter Tate in der Laeiszhalle (Link), dafür fein und edel. Unwirklich drastischer Englischhorn-Ansatz-Aussetzer. Ich leide mit der Solistin. Dann wieder superzartes Verklingen. Die Linde! Welch Seelenbalsam – wenn auch verhustet.

In der Pause sorgt ein Typ in weißem Anzug mit Kippa für Irritationen beim Saalpersonal. Wo will er mit den Rosen hin? Sind Groupies in der Elphi verboten? Oder zählen dornige Gewächse als Bedrohung? Ich werde es wohl nie erfahren, was genau sein Auftrag war, fest steht nur, dass sein Plan nicht aufging.

Der Händel dann mit kleinerer Besetzung, eine Oboe, ein Fagott, Cembalo plus Streicher, insgesamt ca. 30 Mann. Kozená mit wunderbarem Timbre, aber technisch nicht auf Jaroussky-Niveau. Kasarova, Di Donato, Coote, Bartoli ... ich glaube da gibt es andere Expertinnen für diese Musik. Rattle stimmt seine Musiker sehr fein ab, sie ist da etwas „grober“, natürlich trotzdem auf höchstem Niveau.

Rameau: sehr vielseitig, Effekte (zwei Piccolo-Flöten, Gewitter, „Strawinsky“-Satz ...) aber doch etwas ermüdend, das Finale der Suite ein wahrer Rausschmeißer. Sympathisch: Rattle lässt sein Orchester auch ohne ihn beklatschen. Noch sympathischer: seine Halsdurchschneider-Geste, mit der er irgendwann im Rameau entnervt die dumme Nuss hinter dem Orchester ausschaltete, welche meinte, ihm in die Einsätze blitzen zu müssen. Nicht mit Sir Simon – recht hat er!

7. November 2017

Zyklus D "Große Stimmen" – Philippe Jaroussky.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Ebene 15 J, Reihe 1, Platz 1



Georg Friedrich Händel:

- Ouvertüre aus der Oper „Radamisto“ HWV 12a/12b
- „Pensa a serbami, o cara“ – Arie aus der Oper „Ezio“ HWV 29
- „Son pur felice“ & „Bel contento“ – Rezitativ und Arie aus der Oper „Flavio“ HWV 16
- Concerto grosso Nr. 1 in G-Dur HWV 319 op. 6 – IV. Allegro
- Sinfonia für Fagott, Streicher und B.c. H-Dur HWV 338 – Adagio
- „Son stanco“ & „Deggio morire o stelle!“ – Rezitativ und Arie aus der Oper „Sirore“ HWV 24
„Arrival of the Queen of Sheba“ – Sinfonie aus „Solomon“ HWV 67
- Concerto grosso Nr. 8 in c-Moll HWV 326 op. 6 – II. Grave
- „Se Potessero i sospir miei“ – Arie aus der Oper „Imeneo“ HWV 41
- Concerto grosso Nr. 4 in a-Moll HWV 322 op. 6 – III. Largo e piano, IV. Allegro
- „Vieni, d’ empietà mostro crudele, aprimi’ l petto“ & „Vile, se mi dai morte“ – Rezitativ und Arie aus der Oper „Radamisto“ HWV 12

(Pause)

- Concerto grosso Nr. 2 in F-Dur HWV 320 op. 6 – III. Largo
- „Che mi chiama alla gloria“ & „Se parla nel mio cor“ – Rezitativ und Arie aus der Oper „Giustino“ HWV 37
- Concerto grosso Nr. 6 in g-Moll HWV 324 op. 6 – Allegro ma non troppo
- Concerto grosso Nr. 2 in B-Dur HWV 313 op. 3 – II. Largo
- „Che più si tarda omai“ & „Stille amare“ – Rezitativ und Arie aus der Oper „Tolomeo“ HWV 25
- Concerto grosso Nr. 4 in a-Moll HWV 322 op. 6 – I. Larghetto affettuoso, II. Allegro
- „Ombra cara“ – Arie aus der Oper „Radamisto“ HWV 12
- Concerto grosso Nr. 3 in G-Dur HWV 314 op. 3 – III. Adagio
- „Privarmi ancora“ & „Rompa i lacci“ – Rezitativ und Arie aus der Oper „Flavio“ HWV 16

Zugaben:
- „Qual nave smarrita“ aus der Oper „Radamisto“ HWV 12
- „Si, la voglio e l’otterro“ aus der Oper „Xerxes“ HWV 40
- „Frondi tenere ... Ombra mai fù“ aus der Oper „Xerxes“ HWV 40

(Ensemble Artaserse, Philippe Jaroussky – Countertenor)


Kein Händel-Abend ohne das herrlich ketzerische Kowalski-Zitat: Ohne Händel kann ich leben. Seine Musik ist wirklich nicht meins, nur die ruhigen Sachen berühren, diese Koloraturakrobatik lässt mich kalt, ermüdet vielmehr. Auch die Orchesterstücke unterfordern mich hart. Aber: Kompliment an den Programmfluss. Nahtlose Übergänge zwischen instrumentalem und Gesangsstücken. Zweiteilung erste Halbzeit – nicht doof!

Ensemble: Keine 20 Leutchen im Kampf gegen sich verstimmende Saiten. Historische Aufführungspraxis geht nicht emphatischer, zupackender – trotzdem bin ich da raus und vermisse vernünftige Instrumente. Der Celloklang schmalbrüstig, die Oboen und das Fagott mitunter hölzern (lag sicher nicht an den Musikern), die Violinen mal herrlich ruppig, dann aber wieder dünn. Das Cembalo vollbringt in der Saal-Akustik seltsame Klickgeräusche. Och nö. Nochmal: diese Stimmerei geht mir auf den Sack – warum dies selbst gewählte Leid mit minderem Material?

ABER: Wenn ein solches Schmonz-Verdikt mal angebracht ist, dann heute: eine Stimme wie ein Engel. Weder männlich, noch weiblich. Was für eine Phrasierung, Diminuendi, krasse Zartheiten in (gottseidank!) absoluter Stille – Wahnsinn. Die armen Podiumsplatzinhaber (ich denke mit Phantomschmerz an Kaufmann zurück), denen der direkte Glanz dieses Wunderorgans entgeht. Aber wo wir schon beim Publikum sind – viel gibt es zu schelten in diesen Tagen der Elphimanie, aber heute zeigten sich die Besucher von ihrer Schokoladenseite. Obwohl – oder wahrscheinlich dann doch gerade weil – es heute ein Programm für Spezialisten und Feinschmecker gab, war die Konzentration im Saal absolut vorbildlich. Man kann gar nicht oft genug betonen, welch eklatanter Unterschied sich unter diesen akustischen Bedingungen zwischen den Zuständen „eigentlich ganz ruhig“ und „mucksmäuschenstill“ ergibt. Im wahrsten Sinne atemberaubend, wenn sich eine einzelne, feine, überirdische Stimme in diesen Raum ergießt, Wellen der Verzückung in den Äther schickt.

Nur eine Frage stellt sich mir: warum singt der Bursche nicht Britten? wo bleibt der Apollo, wo der Oberon mit seiner unvergleichlichen Arie? Ist doch überschaubar, was der Engländer für diese Stimmlage komponiert hat, aber nicht minder betörend – genau das Richtige für diese einmalige Stimme.

14. Mai 2017

Ariodante – Harry Bicket.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12 Bereich D, Reihe 3, Platz 4 (Akt 1), Etage 15 Bereich L, Reihe 4, Platz 7 (Akt 2 und 3)



Stell dir vor es gibt Weltklasse in der Elbphilharmonie und keiner geht hin. Fraglos eine Übertreibung, allerdings stimmt die Menge an grauen Rückenlehnen, welche im aktuell naturgemäß ausverkauften großen Saal der Elbphilharmonie die Sitzreihen sichtbar unterbrachen und sich nach jeder Pause ausbreiteten, angesichts der somit vielen Musikfreunden genommenen Möglichkeit der Teilhabe an diesem grandiosen Abend mehr als irritierend. Gut, man hat also keinen Bock auf vier Stunden Händel im Abo, traut dem welken Sitzfleisch oder der Akkuleistung des Hörgerätes nicht, geschenkt, aber warum gibt es in Fällen wie diesen keine Möglichkeit, wirklich interessierten Menschen den Sitzplatz zu überlassen? Vielleicht über eine Online-Plattform. Ach ne, falsche Zielgruppe. Dann doch eher ein Last-Minute-Anruf bei der Elphi, man gebe den Sessel für heute frei. Oder von mir aus auch per Fax oder Brieftaube, Hauptsache die Kunst kommt an die richtigen Leute. Klar, ist alles mit Aufwand verbunden und verkauft ist verkauft, war auch nur so ne Überlegung aus dem Frust heraus.

Ansonsten verlief die Aufführung, wie bereits angedeutet, alles andere als frustrierend – begeisternd und erhellend sind die Vokabeln der Wahl. Die Begeisterung erklärt sich unmittelbar aus der immensen Qualität, welche alle beteiligten Künstler heute abriefen. Dass der ursprünglich für die Titelpartie vorgesehene Superstar, Frau DiDinato, ihrem Engagement krankheitsbedingt nicht nachkommen konnte, gerät angesichts der hinreißenden „Vertretung“ Alice Coote zur Randnotiz. Deren ausdrucksstarker, gleichsam beseelter wie flexibler Sopran bildete den Fixstern um ein Sängerensemble, das ohne Ausnahme bis in die kleinste Rolle absolute Spitzenqualität lieferte.

Frau Kargs zauberhaft lyrische Stimme, in Kontrast dazu der herb-feurige Mezzo Sonia Prinas, die auch in dieser konzertanten Aufführung durch ihre überbordende Spielfreude aus Kehle und Gestik dem verschlagenen Polinesso ein lebendiges Gesicht gab und dadurch das Publikum im Sturm eroberte. Insbesondere die Szenen mit Mary Bevan als Darlinda, der Polinesso seine finsteren Absichten geschickt verschleiert einträufelt, sind von besonderer Intensität – auch gerade schauspielerisch – ganz ohne Kostümierung oder Requisiten. Auch die kleineren Rollen wie Lurcanio (David Portillo mit schlank-edlem Tenor voller Schmelz), der König (Matthew Brooke ungemein intensiv in der Erschütterung über die scheinbare Treulosigkeit Ginevras) oder selbst die ergänzende Tenorpartie des Odoardo (Bradley Smith) tragen zum phänomenalen Gesamteindruck bei. Harry Bicket und The English Concert geben ein Beispiel davon, wie berührend historische Aufführungspraxis sein kann, wenn technische Perfektion mit großer Leidenschaft einhergeht.

Neben diesen Eindrücken höchster Qualität bestimmte den Abend noch ein weiterer Faktor – die Möglichkeit, wieder einmal der Akustik der Halle auf den Zahn zu fühlen. Spannende Erkenntnis: Der Klangeindruck unter dem Dach auf Ebene 15 L ist, bezogen auf die Stimmen, verglichen mit meinem Stammplatz auf 12 D, nicht unbedingt schlechter. Logischerweise ist der Gesang in Bühnennähe präsenter, dafür bekommt er dort oben trotz der Distanz eine runde, volle Gestalt, die trotz geringerer Lautstärke eine enorme Nähe zum Bühnengeschehen erzeugt – ein weiterer Beleg für die vielfältigen Wahrnehmungsmöglichkeiten, die die Elbphilharmonie für unterschiedliche Geschmäcker bereithält.


Georg Friedrich Händel – Ariodante HWV 33 / Dramma per Musica

Ariodante – Alice Coote
Ginevra – Christiane Karg
Lurcanio – David Portillo
Polinesso – Sonia Prina
Dalinda – Mary Bevan
Re di Scozia – Matthew Brook
Odoardo – Bradley Smith

The English Concert
Musikalische Leitung und Cembalo – Harry Bicket

4. März 2017

Schlafes Bruder – Joachim Vogelsänger.
Theater Lüneburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 20, Platz 7



Etikettenschwindel in Lüneburg: Statt der erhofften (und postulierten) Umsetzung des Bestsellers als Musiktheater, gibt es einen schnöden Ballettabend mit erweiterter musikalischer Staffage, dem in homöopathischen Dosen eingestreute Lesungsrudimente den Anschein von Geschlossenheit verleihen sollen – vergebens. Die zur Unkenntlichkeit vertanzte Geschichte des über alle Maßen Begabten, Liebenden und nicht zuletzt Verstoßenen, gerät zur seichten Folie für den krachend gescheiterten Versuch, aus der losen Folge einer zweistündigen Best-of-Bach-Collage (plus Füller) ein abendfüllendes Handlungsgerüst zu zimmern.

Die Liste der Unzulänglichkeiten ist lang. In der vielversprechenden Einführung wurde viel über die Tauglichkeit von Bachs Musik gesprochen, in (anderen) szenischen Zusammenhängen zu wirken – Stickwort Affekte. Prinzipiell möchte ich dies nicht ausschließen, in der unmotivierten Aneinanderreihung seiner bekanntesten Vokal- aber auch Instrumentalkompositionen für diese Produktion wurde allerdings jeglicher Spannungsaufbau konsequent vermieden, von handlungsunterstützendem roten Faden gar nicht zu sprechen. Hit folgt auf Hit, die Bezüge zur Geschichte mögen in ihrer theoretischen Konstruiertheit sogar teilweise nachvollziehbar sein, entfalten jedoch selten bis nie dramaturgische Finesse. Eine rühmliche Ausnahme: Während die Hexenjagd auf den Sündenbock der Gemeinde von atonaler, bedrohlicher Klangkulisse begleitet wird (Chorimprovisation I), die Raserei und Hass treffend transportiert, folgt in der nächsten Szene mit dem Griff zum naiven Bauernidyll Annette Thomas ein größtmöglicher Bruch, der die Bigotterie der Dörfler entlarvt – Der Fremdkörper ist entfernt, die „heile Welt“ dreht sich trotz etwaiger Reue weiter. Vielleicht bezeichnend, dass hier gerade die Kombination zweier Nicht-Bach-Stücke die dramaturgische Nulllinie unterbricht.

Abgesehen davon, dass ich in der irrigen Annahme nach Lüneburg fuhr, ein neues Musiktheaterwerk zu erleben, und keinen Ballettabend, ist gegen Tanztheater nichts einzuwenden. Sofern es fesselnd, abwechslungsreich, originär ist. Ich bin kein großer Ballettexperte, aber die Lüneburger Choreografie ist, neben schönen Einzelheiten, geprägt von ermüdenden Wiederholungen und Plattheiten. Durch Tanz lassen sich Inhalte ausdrücken, definitiv, aber wenn es so comichaft illustrativ erfolgt wie teilweise hier, bin ich raus. Anderen scheint gerade die Verbindung von Physischem und „Humor“ vorzüglich zu gefallen: Das Micky-Mousing-Getrappel zu Gesangskapriolen oder die getanzte Umsetzung der lautmalerischen Stöhn- und Hechelvorlage des Chores, um die sexuellen Ausschweifungen der braven Bürger zu präsentieren – hui, die bumsen da, hi hi. Klamauk geht immer. Aber auch weniger „lustig“ angelegte Szenen entfalten durch ihre überzogen illustrative Choreografie eher unfreiwillig komischen Charme, etwa wenn Elias zu exaltierten Gesten, die jeden Stummfilm subtil erscheinen lassen, seinem Zorn auf Gott Luft macht.

Bleibt noch ein kurzer Blick auf die musikalische Güte des Abends. Leider reißen es auch hier die Damen und Herren nicht heraus. Die Sänger – szenisch zu einer Art Zwitterdasein aus mehr oder weniger teilnahmsloser Deko im Kostüm und Träger einer krampfhaft implementierten Verbindung zur Jetztzeit verdammt – sind allesamt keine Experten für die Anforderungen der Barockmusik. Was mitunter recht brutal zu hören ist. Vergeblich ausgefochtene Koloraturkämpfe, Flexibilitätsengpässe. Nicht jeder Opernstimme schmeichelt das Oratorium- oder Kantatenidiom. Der Chor nicht allein örtlich begriffen ein ums andere Mal nicht zusammen, das Lüneburger Orchester unauffällig bis mau (matte Streicher im Air) unter uninspirierter Leitung, die Orgel aus der Konserve ein akustischer Bruch.

Fazit: Abendfüllendes Handlungsballett nennt man jene Gattung, für die John Neumeier gefeiert wird – Olaf Schmidt hat sich mit Schlafes Bruder sowohl semantisch (Musiktheater) als auch im Ergebnis an seinem großen Vorbild böse verhoben.


Schlafes Bruder – nach dem Roman von Robert Schneider
Musikalische Leitung – Joachim Vogelsänger
Inszenierung und Choreographie – Olaf Schmidt
Bühnenbild – Barbara Bloch
Kostümbild – Susanne Ellinghaus

Musik: Johann Sebastian Bach, Arvo Pärt, Claudio Monteverdi, Jean Guillou, Annette Thoma, Franz Schubert, Richard Trunk, Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel

Sänger:
Signe Heiberg, Franka Kraneis, Regina Pätzer, Ulrich Kratz, Timo Rößner

Tänzer:
Dorfbewohnerin Elsbeth – Júlia Cortés
Dorfbewohnerin / Das Kind – Rhea Gubler
Burga – Gabriela Luque
Seelenzilli – Giselle Poncet
Seffin – Claudia Rietschel
Meistenteils – Anibal dos Santos
Peter – Wallace Jones
Dorfbewohner / Elias 2 – Wout Geers
Lukas – Francesc Fernández Marsal
Dorfbewohner / Elias 1 – Phong Le Thanh
Seff – Matthew Sly

Lüneburger Symphoniker
Haus- und Extra-Chor
Kantoreien von St. Johannis und St. Michaelis

23. Juni 2015

Konzertchor Gymnasium Blankenese und Blankeneser Kammerorchester – Dieter von Sachs. Aula Gymnasium Blankenese.

20:00 Uhr, freie Platzwahl

Antiphon – „Laudate Dominum “
Text, Dieter von Sachs
Volkslied – „L`homme armé“
Guillaume Dufay – Messe: „L`homme armé“, Kyrie
Text, Katrin Redeker
Marc-Antoine Charpentier – „Te Deum“: Prélude, Bariton-Solo, Schlusschor (Bariton-Solo: Renato Kroll)
Text, Svea Meyer-Nixdorf)
Robert Schumann – „Die beiden Grenadiere“ (Tenor-Solo: Renato Kroll, Klavier: Brigitte Bollmann)
Robert Schumann – „Die Soldatenbraut“ (Sopran-Solo: Katrin Redeker, Klavier; Brigitte Bollmann)
Text, Anja Lemcke
Georg Friedrich Händel – Coronation Anthem
Text, Anja Lemcke
Ludwig van Beethoven – „God save the King“
Text, Florian Krohn
John Field – Klavierkonzert Nr. 1, 2. Satz (Klavier: Fabian Höfer)
Sergei Rachmaninow – Prélude g-Moll, op. 23 Nr. 5 (Klavier: Fabian Höfer)
Text, Charlotte Kohnert
Christophe Barratier – „Die Kinder des M. Mathieu“, Kyrie
Text, Océane Overbeck
Felix Mendelssohn Bartholdy – „Verleih uns Frieden“

5. Dezember 2012

Ensemble Matheus – Jean-Christoph Spinosi.
Laeiszhalle Hamburg

19:15 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16



Georg Friedrich Händel – Der Messias

(Adriana Kucerova – Sopran, Sonia Prina – Alt, Topi Lehtipuu – Tenor, Christian Senn – Bass, les éléments)

Schneegestöber in Hamburg. Keine Lust, das Abokonzert wahrzunehmen. Man geht trotzdem hin. Wie oft schon hat sich ein erwartungsleerer Abend dann doch als Juwel entpuppt. Der heutige zeigte: Keine Regel ohne Ausnahme. Einen solchen Kampf aufs Blut mit dem Sandmann wünsche ich nicht dem schlimmsten Mozartfreund. Dabei machte die fesselnde Einführung – wieder mal brillant: Lars Entrich (geschliffen, informativ, anschaulich) – hoffen auf wahrhaft große Ereignisse. Groß war dann leider nur die Ernüchterung, es auch weiterhin frei nach Jochen Kowalski zu halten: „Ohne Händel kann ich leben.“

Und das lag sicher nicht an der Darbietung. Alle Faktoren sprachen für ein Spitzenkonzert – eben bis auf Händel. Welch ein Spielverderber! Orchester, Chor, Solisten, Dirigat – alles wunderbar, aber bis zur Pause lag mein Konzentrationsschwerpunkt eher darauf, nicht die Reise ins Traumland anzutreten. Für die zweite Halbzeit hatte ich mich dann gewissermaßen wachgestresst, es half aber trotzdem nicht weiter. Ich konnte mich zwar nun auf die Musik konzentrieren, begann jedoch, von stetig wachsender Langeweile in die Ecke gedrängt, aus Verzweiflung den Gesangstext mit- und das Ende förmlich herbeizulesen. Ist mir so noch nie passiert. Zumindest eine neue Erfahrung für mich.

Wie kann es nur in so vielen Noten so wenig Musik geben? Die Melodik? Die Harmonik? Schnarch! Und ständig diese nervtötenden Wiederholungen! Entweder war der Komponistennotstand auf der Insel weitaus ärger, als ohnehin immer kolportiert, oder die Briten haben nicht nur beim Essen eine niedrige Satisfaktionsschwelle. Wer solche Langweiler annektiert, hat sich das Mitleid der Musikwelt redlich verdient.

Fazit: Händels Messias mag tatsächlich Musik für die Ewigkeit sein – diese Erkenntnis wird mir jedoch für vermutlich selbige verschlossen bleiben, da ich nach dem heutigen Fiasko zukünftig einen großen Bogen darum zu machen gedenke. Luja sog i!

3. August 2012

A Cavalier’s Tour (CD-Präsentation) – Concerto Grosso Berlin.
Zentralbibliothek Hamburg.

20:00 Uhr, freie Platzwahl



Johann Heinrich Schmelzer – Sonata G-Dur für Violine, Fagott und Basso continuo
Michel Corrette – Sonata F-Dur für Violine und Basso continuo
Willem de Fesch – Sonata op. 8,1 D-Dur für Violine und Basso continuo

(Pause)

Antonio Vivaldi – Sonata RV 12 d–Moll für Violine und Basso continuo
Georg Philipp Telemann – Duetto B-Dur TWV 40: 111 aus „Der getreue Musik-Meister“ für Blockflöte und Violino piccolo
Georg Friedrich Händel – Sonata HWV 392 F-Dur für Blockflöte, Violine und Basso continuo
Zugabe: Johan Helmich Roman – Ballo turcese für Violine, Fagott und Basso continuo

(Bea Hellhammer – Barockvioline und Violino piccolo, Thomas Rink – Barockfagott und Blockflöte, Gero Parmentier – Laute)


An Tagen wie diesem wird mir wieder mal bewußt, was ich an anderen besonders schätze: Begeisterungsfähigkeit. Der Gegenstand der Begeisterung spielt dabei für mich eine untergeordnete Rolle. Bildende Kunst, Mode, Gartenbau, Modelleisenbahnwesen, traditionelles Weidenkorbflechten – oder eben Barockmusik. Wo immer sich Menschen einer Sache verschrieben haben, die ihnen Freude bereitet, und in der Lage sind, dies plastisch zu vermitteln, springt der Funke für gewöhnlich auf mich über.

Um es deutlich zu sagen: So sehr ich Musik liebe, ist der sogenannten „alten Musik“ nur ein kleines Fleckchen auf meiner persönlichen Landkarte der Tonkunst beschieden. Ausreißer wie Bach oder Buxtehude – vor allem vor dem Hintergrund meiner Schwäche für Orgelklänge – bestätigen insgesamt doch nur die Regel: richtig heimisch in der Musik fühle ich mich erst ab Beethoven. Keine idealen Voraussetzungen für einen Abend mit reinem Barockprogramm, sollte man meinen.

Auch wenn es meinen Ausführungen sicher ein deutliches Dramatik-Plus verliehen hätte, kann ich an dieser Stelle zwar nicht mit einer Saulus zu Paulus-Episode aufwarten, wohl aber mit einem erfreulichen Fall erlebter Begeisterungsvermittlung. Es waren weniger die Werke selbst oder der stetige Kampf der Ausführenden mit der Intonationssensibilität ihrer launisch-knorrigen Werkzeuge, sondern vielmehr die nerdig-verzückt zum Besten gegebenen Zwischenansprachen des Herrn Rink, die mir diese Welt der Ausgrabungen und Ahnenpflege etwas näher gebracht haben.

Wenn vielleicht auch nicht jede Aussage dabei den Anspruch auf Überzeitlichkeit besaß, wahrscheinlich nie besitzen wollte, schwang in diesen kleinen Erklärungen, Überleitungen und Anekdoten doch außerordentlich viel von der Freude an Barockmusik mit. Freude an Entdeckungen, Freude an Vergleichen und Querverweisen, Freude an der Musik und nicht zuletzt am Musizieren. Letzteres erschloß sich dem Besucher im Spiel selbst nicht nur auditiv, sondern auch rein visuell, wenn man beispielsweise nur darauf achtete, mit welchem symbiotischem Behagen Einsätze vorbereitet und aufeinander abgestimmt wurden.

Noch einmal: Ich preise die Errungenschaften des neuzeitlichen Instrumentenbaus und seine klangliche Entwicklung. Aber wenn ich mich – für den einen oder anderen Moment – den barocken Meistern ein wenig näher zu fühlen glaubte, dann durch den engagierten Vortrag der Mitglieder des Concerto Grosso Berlin in den gänzlich unbarocken Hallen des Hamburger Hühnerpostens. Darauf einen Kratzfuß.

8. Juli 2012

Operngala. Osnabrücker Symphonieorchester.
Theater Osnabrück.

19:30 Uhr, Orchesterreihe links, B 24














Louis Joseph Ferdinand Hérold – Zampa, Ouvertüre
(Daniel Inbal – Dirigent)
Georg Friedrich Händel – Ezio, „Già risonar“
(Genadijus Bergorulko – Varo, Benjamin Schneider – Dirigent)
Wolfgang Amadeus Mozart – Konzertarien
„Così dunque tradisci“ – „Aspri rimorsi atroci“ KV 432
(Mark Sampson – Bass, Markus Lafleur – Dirigent)
„Ah se in ciel, benigne stelle“ KV 538
(Marie-Christine Haase – Sopran, Till Drömann – Dirigent)
Ambroise Thomas – Hamlet, „Coeur des Comédiens“ und „Chanson Bachique“
(Marco Vassalli – Hamlet, Herrenchor, Till Drömann – Dirigent)
Camille Saint-Saëns – Samson et Dalila, „Amour! viens aider ma faiblesse!“
(Eva Schneidereit – Dalila, Till Drömann – Dirigent)
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Pique Dame, „Ja vas ljublju“
(Jan Friedrich Eggers – Fürst Jeletzki, Fabian Liesenfeld – Dirigent)
Umberto Giordano – Andrea Chénier, „Nemico della patria“
(Daniel Moon – Gérard, Daniel Inbal – Dirigent)

(Pause)


Jerónimo Giménez – La boda de Luís Alonso, Intermedio

(Till Drömann – Dirigent)
Franz Lehár – Giuditta, „Meine Lippen, sie küssen so heiß“
(Lina Liu – Giuditta, Daniel Inbal – Dirigent)
Johann Strauß – Eine Nacht in Venedig, „Ach, wie so herrlich zu schau’n“
(Mark Hamman – Herzog, Fabian Liesenfeld – Dirigent)
Franz Lehár – Der Zarewitsch, „Allein, wieder allein“
(Daniel Wagner – Zarewitsch, Benjamin Schneider – Dirigent)
Johann Strauß – Die Fledermaus, „Klänge der Heimat“
(Astrid Kessler – Rosalinde, Daniel Inbal – Dirigent)
Emmerich Kálmán – Die Csárdásfürstin, „Weißt du es noch“
(Eva Schneidereit – Sylva, Marco Vassalli – Edwin, Daniel Inbal – Dirigent)
Franz Lehár – Paganini, „Gern hab’ ich die Frau’n geküsst ...“
(Hans-Hermann Ehrich – Paganini, Till Drömann – Dirigent)
Carl Orff – Carmina burana, „Fortuna Imperatrix Mundi“
(Chor des Theaters Osnabrück, Markus Lafleur – Dirigent)

(Herbert Hähnel – Moderation)



Tag der Erkenntnisse in Osnabrück.

Erkenntnis 1: In einem eher kleinen Haus kann die Platznahme in der Orchesterreihe – in diesem Falle gewissermaßen fast auf dem Schoß der Mitwirkenden – zu wahrhaft ohrenbetäubenden Eindrücken führen. Hätte man sich denken können. Leider hatte ich mir bei meiner Kartenwahl seinerzeit offenbar recht wenig gedacht.

Erkenntnis 2: Es ist durchaus hilfreich und im Sinne des eigenen Ruhepulses, die Information über den letzten Zug Richtung Heimat mit einem voraussichtlichen Ende der Veranstaltung in Abgleich zu bringen. Andernfalls sitzt man bei der nicht einberechneten feierlichen Verabschiedung einiger Ensemblemitglieder durch den Herrn Intendanten kurz vor dem Finale auf sprichwörtlich glühendem, wenn auch faktisch angenehm gepolstertem Platze und sieht sich gezwungen, selbigen direkt mit dem Einsetzen des Schlußapplauses fluchtartig gen Bahnhof zu verlassen. Die gerechte Strafe erfolgt durch das Schicksal, das nach einem nächtlichen Sprint durch Osnabrück beim gerade noch rechtzeitigen Eintreffen am Gleis durch eine freundliche Stimme vermelden läßt, der betreffende Zug habe eine Verspätung von 25 Minuten. Röchel.

Erkenntnis 3: Ungeachtet der selbst verschuldeten Umstände besitzt das Theater Osnabrück offenbar alles, um seine Besucher mit angenehmen Abenden zu versorgen. Das müßte man natürlich noch mal unter Spielzeitbedingungen testen, aber die heutige Gala hat schon Lust auf mehr gemacht. Dabei entsprach das Programm, welches ich banausigerweise im Vorwege gar nicht in Erfahrung gebracht hatte, nicht unbedingt meiner Vorstellung davon, unter Garantie ekstatischen Zuckungen der Anteilnahme entgegen zu sehen. Trotzdem entpuppte sich die Zusammenstellung als beschwingte Mischung mit sorgsam integriertem Spannungsbogen. Eine schöne Art, das Orchester mit unterschiedlichen Dirigenten, die Vertreter der verschiedenen Stimmfächer sowie den Chor kennenzulernen. Die Nummern wurden durch die kurzen Ansprachen von Herrn Hähnel auf betont trocken-humorvolle Weise verknüpft.

Ein paar Notizen zu einigen Programmpunkten bzw. Mitwirkenden: Gleich die Hérold-Ouvertüre hat mir sehr zugesagt, enorm abwechslungsreich und kurzweilig mit markigen Blecheinwürfen. Das Orchester offenbart durchaus virtuose Qualitäten und hält diesen positiven Ersteindruck den ganzen Abend hindurch aufrecht. Aus der Dirigentenriege stechen Daniel Inbal und Till Drömann in puncto Elan und Energieübertragung hervor. Ich glaube, da hat sich Herr Cambreling einen Guten nach Stuttgart geholt.

Von den Sängern haben mich persönlich am meisten beeindruckt: bei den Herren Marco Vassalli mit Schönklang, Schmelz und Präsenz sowie Daniel Moon mit Inbrunst, Ausdruck und einem Mordsorgan. Bei den Damen wußten aus meiner Sicht Lina Liu als kokette Giuditta und Eva Schneidereit als leidenschaftliche Dalila besonders zu überzeugen. Aber wie schon eingangs erwähnt, wirkliche Ausfälle waren bei den Stimmen ohnehin nicht zu vermelden. Wer das Haar in der Suppe sucht, wurde sicher mit einer Intonationsschwäche hier oder einem etwas blasseren Auftritt dort fündig – ich für meinen Teil habe das Gefühl, daß sich das Theater Osnabrück mit seinen Sängern nicht zu verstecken braucht.

Abschließende Erkenntnis: nach der Spielzeit ist vor der Spielzeit und eine Gala dauert länger als 90 Minuten. Im nächsten Jahr gibt es hier drei Hindemith-Einakter an einem Abend – ich freu mich drauf!

7. Juni 2012

Liederabend – Chen Reiss.
Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal.

19:30 Uhr, Parkett Mitte links, Reihe 6, Platz 8, nach der Pause: Parkett Mitte links, Reihe 1, Platz 3


















Georg Friedrich Händel – aus „Neun Deutsche Arien“: Meine Seele hört im Sehen HWV 207
Franz Schubert – Frühlingsglaube, D686; Romanze, D797; Lachen und Weinen, D777; Ganymed, D544; La pastorella, D528; Guarda, che bianca luna, D688 no. 2; Da quel sembiante appresi, D688 no. 3; Mio ben ricordati, D688 no. 4; Vedi quando adoro, D510

(Pause)


Franz Liszt – Wie singt die Lerche schön; Der Fischerknabe; Comment, disaient-ils; Oh! Quand je dors

Camille Saint-Saëns – Une flûte invisible
Léo Delibes – Le Rossignol
Gaetano Donizetti – aus „Nuits d’étè à pausillipe: A mezzanotte; Il barcaiolo; La zingara
Zugabe: Gaetano Donizetti – La connochia

(Chen Reiss – Sopran, Alexander Schmalcz – Klavier, Susanne Barner – Flöte)



Stell Dir vor es ist Liederabend und niemand geht hin – oder: Kleiner Saal, große Lücken. Wobei „Lücken“ noch geschmeichelt ist. Vereinzelt besetzte Plätze trifft es besser. Einfach traurig. Dabei wartet die Liedreihe der Hamburger Symphoniker heute bereits zum zweiten Male mit einer der feinsten lyrischen Sopranstimmen auf, die mir geläufig sind – denn über eben jene verfügt ohne Zweifel Chen Reiss.

Daß fein allein jedoch nicht immer das Mittel der Wahl ist, wurde in den auf Heißblütigkeit angelegten Abschnitten des insgesamt ungewöhnlich heterogenen Programms deutlich. Liegt die Stärke der Sängerin fraglos in der Vermittlung des Scheuen, Zarten, Melancholischen, Überweltlichen, bleibt sie in den rassigen Koloraturen Donizettis auf der Stufe technischer, virtuoser Perfektion, ohne ihr stimmliches Feuer auch auf die Ebene nur allzu weltlicher Emotionen übergreifen zu lassen. Ihr Äußeres scheint Frau Reiss für die Rolle des Vamps zu prädestinieren, der Ausdruck ihrer Stimme spricht eine andere Sprache.

Die Sprache Schuberts beispielsweise, den sie vor allem in der „Romanze“ zum Niederknien in die Herzen der Zuhörer trägt. Aufs Einfühlsamste begleitet von Alexander Schmalcz scheint die Sängerin hier ganz bei sich, ein Sehnen und Wähnen erfüllt die Kleine Laeiszhalle, Poesie der Worte, Poesie der Töne. Eine Musik wie die Erinnerung an ein vergangenes Glück – dankbare Wehmut und süße Trauer.

Oder Liszts „Der Fischerknabe“: eine fragile Träumerei zwischen Naturidyll und Todesromantik, für die Frau Reiss’ Ausdruckspalette wie geschaffen ist. Warum also diese Ausflüge ins vermeintlich leichte Fach? Im Hinblick auf große Taten an großen Häusern? Ich weiß nicht. So selten wie Stimmen zu finden sind, durch die der Begriff der Unschuld zu mehr als einer bloß sentimentalen Phrase erhoben wird, so aussichtslos erscheint es mir, Leidenschaft oder gar Erotik einer solchen Stimme aufzuzwingen. Auch da gibt es sicher genug Gegenbeispiele, aber meine Skepsis in Bezug auf Frau Reiss’ Weg bleibt. Es wäre schade, wenn sie diesen silbrig-feinen Stimmschatz, den sie in ihrer Kehle hütet, auf Eilmärschen Richtung Rampenruhm von ihren Lippen verbannte.