2. Dezember 2025

SWR Symphonieorchester – François-Xavier Roth. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich 12 A, Reihe 9, Platz 2



Helmut Lachenmann – Ausklang / Musik für Klavier mit Orchester

Zugabe des Solisten: Béla Bartók – Improvisation

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92


SWR Symphonieorchester
Jean-Frédéric Neuburger – Klavier
Dirigent – François-Xavier Roth


Ein Wort zum Lachenmann-Stück: Nö. War ich vor dem Konzert noch in gespannter Erwartung, endlich mal ein Werk des dem Namen nach wohlbekannten Komponisten zu hören, der im Kosmos der Moderne fraglos seine Spuren hinterlassen hat, trat jedoch bereits nach wenigen Minuten Ernüchterung ein. Das Konzept einer Geräuschkomposition klingt erst einmal spannend, erweist sich im Falle des 50-minütigen Ausklangs für Klavier und Orchester allerdings leider als die staubtrockene, unzugängliche und emotional kaltlassende Kopfgeburt, die man durch den bewusst gewählten Verzicht auf nahezu jegliche für den interessierten Laien erkennbare melodische, harmonische sowie rhythmische Zutaten erwarten darf.

Mag sein, dass eine analytische Auseinandersetzung dem geneigten Musikwissenschaftler oder Komponistenkollegen einen freudigen Schauer der Erkenntnis nach dem anderen über den Rücken jagen lässt, wobei ich die Vermutung hege, dass selbst diese Annahme zu viel naiv-emotionale Denke enthält. Dabei sind die einzelnen Klangkombinationen und Geräusche für sich betrachtet zum Teil durchaus interessant und/oder wirkungsvoll – hätte sie Lachenmann nach seiner Laborarbeit doch nur in die Hände eines Komponisten gegeben, der gewillt wäre, sie in einen hörenswerten Gesamtzusammenhang zu setzen. Das Ganze pendelt sich dann in meiner Wahrnehmung irgendwo zwischen verpasster Chance und Ärgernis ein, könnte Lachenmann bei jemandem eigentlich offene Türen einrennen, der durch Kollegen wie Berlioz oder Mahler absolut die Gepflogenheiten des „Hässlichen“ oder Geräuschhaften zu schätzen weiß.

So bleiben die Quakgeräusche der über die Klaviatur gezogenen Plastikförmchen oder der durch den Schlag aufs Mundstück induzierte Trompetenfurz putzige Inseln in einem kargen Meer aus mehr oder weniger innovativen Geräuschen, einzig durch den Wellengang des An- und Abschwellens der Lautstärke mit einer Prise Abwechslung versehen. Auf jeden Fall braucht es davon keine 50 Minuten, da man bereits nach spätestens 5 jegliches Gefühl für das Fortschreiten der Zeit verloren hat. Auch eine Leistung. Bleibt für mich persönlich die einfache (und nicht neue) Erkenntnis, dass Musik als rein intellektuelle Spielart ohne die Intention einer emotionalen Ansprache für mich letztlich reine Zeitverschwendung darstellt – dafür gibt es einfach viel zu viel unfassbar ergiebiges Zeug zum Entdecken oder auch zum immer wieder neu Verlieben.

In letztere Kategorie fällt natürlich die Siebte, auf der allgemeinen Beethliebtheitsskala wohl nur von der Fünften und Neunten übertrumpft, versehen mit schmissigen Urteilen, wie die in keinem Programmheft fehlende „Apotheose des Tanzes“. Oder anders: nicht nur playlist, sondern heavy rotation. Ich habe ja schon oft festgestellt, dass ich eigentlich gar keinen ausgemachten Beethoven-Dirigenten meines Vertrauens habe, von daher ist es mit Vergleichen so eine Sache. Auf jeden Fall braucht es eine knackige Interpretation, damit meine Antennen anschlagen.

So begeisterte mich Herrn Roths Stabführung im ersten Satz dann auch nur bedingt – eine Spur zu lasch, zu wabbelig schien mir der Ansatz, obwohl ein durchaus flottes Tempo vorherrschte. Ich konnte nicht genau greifen, ob es für mich eher die Artikulation oder das Timing war, welche mich nicht so recht abholten. Mit dem zweiten Satz wusste ich dann ungleich mehr anzufangen: auch hier ein recht zügiges Tempo, welches sich mit erfrischender Eleganz vom breiten Depri-Schmonz abhob, wie er gern beim nicht seltenen Einsatz des Allegrettos in Filmen gewählt wird. Die Sätze drei und vier rundeten einen unter dem Strich dann doch sehr positiven Gesamteindruck ab – im Finale will Roth sich, wie so viele, in Sachen Tempo beinahe überschlagen, aber seine Truppe macht gut mit. Allgemeine Begeisterung im Saal, Roth scheint auch seinen persönlichen Fanclub dabei zu haben – könnten auch einfach weitere Musiker des SWR gewesen sein, die beim relativ schlank besetzten Beethoven keinen Einsatz hatten?

Fazit: eine gute halbe Stunde Beethoven entschädigt letztlich für 50 Minuten Lachenmann-Quälerei.

24. Oktober 2025

Mahler Chamber Orchestra – Matthew Truscott. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 9, Platz 2



Ludwig van Beethoven – Ouvertüre zu »Coriolan« op. 62
Dmitri Schostakowitsch – Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll op. 35

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93

Mahler Chamber Orchestra
Jeroen Berwaerts – Trompete
Igor Levit – Klavier
Matthew Truscott – Violine und Leitung


Erkenntnisse des Abends: ein engagierter Konzertmeister ersetzt leider kein vollwertiges Dirigat, Levit und Schostakowitsch sind eine Traumkombination, das Mahler Chamber Orchestra und Beethoven eher nicht.

Ich will gar nicht ausschließen, dass es einem eingeschworenen (Kammer-)Ensemble möglich ist, gemeinsam ohne Leitung vom Pult aus eine stimmige, gar zwingende Interpretation zu erarbeiten. An ein Ensemble von angeblicher Weltgeltung stelle ich dann aber auch den Anspruch, von der Lesart her eben mehr als Standardware zu präsentieren und dass sich der Laden selbst technisch perfekt zusammenhält. Beides war heute beim Beethoven nicht der Fall. Dabei war der Grundansatz – schnelle Tempi und leicht ruppiges Gepräge – eigentlich ganz in meinem Sinne. Wenn dabei allerdings sowohl die letzte technische Präzision als auch Differenzierung in Sachen Dynamik und Artikulation auf der Strecke bleiben, kommt am Ende kein Ausrufezeichen im Ergebnis heraus, wie es diese bis zum Exitus durchgenudelten Werke des großen B dringend brauchen. Coriolan war noch ganz ok, aber für die Achte mit ihren Ecken und Kanten war das einfach zu wenig. Vor allem die Streicher waren nicht immer zusammen, da konnte sich Herr Truscott biegen und reinhängen wie er wollte, war er doch selbst nur Teil des Ganzen. Der Überblick eines Dirigenten wurde schmerzlich vermisst, um Kontraste zu schärfen und Feinheiten zu betonen.

Von einem Mangel an Feinheiten konnte Dank der Herren Levit und Berwaerts im Schostakowitsch nicht die Rede sein. Hier ließen sich die Streicher glücklicherweise von dem Niveau der Solisten anstecken und sorgten beispielsweise im berührenden Lento für ein wirkliches Weltklasse-Timbre. Potenzial ist also über die Maßen gegeben, warum demnach die Selbstbeschneidung durch den Verzicht auf konsequente musikalische Leitung? Zumal an anderer Stelle (Berlin) und auch hier in Hamburg für das Konzert am Sonntag Adam Fischer am Pult stand. Es konnte mir heute egal sein, wurde mein von dieser Frage induziertes Stirnrunzeln durch Levits Tastenbehandlung unmittelbar mit den ersten Takten geglättet. Es war wie immer, wenn ich diesen Ausnahmepianisten höre – es stellt sich sofort die Gewissheit ein, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht, und durch Levit seine musikalische Einlösung erfährt. Eben das genaue Gegenteil zum flankierenden Egal-Beethoven.

Über technische Perfektion muss in solchen Sphären kein Wort verloren werden, es geht um mehr als Noten, gerade in einem Werk wie dem Schostakowitsch-Konzert. Es wird gerungen, gesehnt, betrauert, aber ebenso ein parodistischer, bisweilen gar trotzig anmutender Humor mit feiner Klinge geschwungen. Mitunter schlaglichtartig wechseln Episoden von atemberaubender Virtuosität mit tief empfundenen Seelenzuständen. Jeroen Berwaerts zeigte sich als kongenialer Partner, der Klang seiner beiden im Wechsel eingesetzten Trompeten von butterweich bis silbrig schneidend, feinste Nuancen mit und ohne Dämpfer. Allein für diesen Schostakowitsch hat sich der Besuch mehr als gelohnt.

Fazit: Levit und Berwaerts retten einen ansonsten durchwachsenen Abend.

7. Oktober 2025

London Symphony Orchestra. Sir Antonio Pappano. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 1, Platz 13



Benjamin Britten – Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 15
Zugabe: Johann Sebastian Bach – Sarabande,
aus: Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004

(Pause)

Aaron Copland – Sinfonie Nr. 3
Zugabe: Jean Sibelius – Valse triste op. 44 Nr. 1

London Symphony Orchestra
Janine Jansen – Violine
Dirigent– Sir Antonio Pappano



Heute zur Abwechslung mal kein Abotermin, sondern eines der mittlerweile rar gewählten Einzelkonzerte. Ich habe mich gefühlt seit Verkündung des Saisonprogramms darauf gefreut und mir umgehend bei Verkaufsstart ein Ticket in bester Lage gesichert – trotz des happigen Goette-Tarifs. Mir ist in solchen Fällen natürlich bewusst, dass Premium-Preise keine Garantie für Premium-Erlebnisse bedeuten, aber wann erhält man schon mal die Gelegenheit, gleich zwei absolute Lieblingswerke in der Traumakustik der Elphi dargeboten zu bekommen, die nur äußerst selten den Weg auf die Spielpläne finden, und dann auch noch in potenzieller Topbesetzung – die Kombination LSO/Pappano wusste erst im Juni mit einem referenzgültigen Berlioz zu überzeugen (Link), Frau Jansen habe ich zwar lange nicht gehört (muss noch prä Elphi-Zeit gewesen sein), ist aber in bester Erinnerung abgespeichert. Darüber hinaus hatte ich dieses Konzert dazu erkoren, meine kürzlich immer wieder aufgekommenen Zweifel daran final auf den Prüfstand zu stellen, ob mir Etage 13, Bereich E immer noch als akustische Lieblingsecke taugt. Zusammenfassend also höchste Erwartungen an diesen Abend. Das kann erfahrungsgemäß eigentlich nur zu Enttäuschungen führen.

Umso trauriger, dass es wohl einer dieser unwahrscheinlichen Einhorn-Abende geworden wäre, an denen alles passt – Werkwahl, Interpretation und Ausführung, Atmosphäre im Saal – wenn, ja wenn letztere nicht in den monumentalen Steigerungen des ersten Satzes von Coplands Sinfonie durch ein besonders fehlgeleitetes oder krankes Exemplar der Spezies Störenfried in Tumult zerstoben wäre: es war akustisch nicht zu entschlüsseln, welches Problem der Herr unter dem Dach hatte, der da laut skandierend das Konzert fast zum Erliegen brachte und die Verletzlichkeit des Liveerlebnisses ebenso wie die Hilflosigkeit der Ordner auf das Schmerzlichste offenbarte, aber in diesem Moment habe ich mir gewünscht, das Pappano einfach den Taktstock sinken lässt und mal fragt, ob man die Pfanne heiß hätte.

Segen und Fluch der Professionalität – Pappano ließ nicht sinken und fragte nicht, sondern zog nach einem irritierten Blick nach oben durch. Und natürlich war dann selbst, nachdem der Gummizellenanwärter den Saal schließlich verlassen hatte (hat überhaupt jemand vom Personal eingegriffen?), die Konzentration beim Gros des Publikums inklusive mir im Allerwertesten. So rauschte der wunderbar beschwingt rhythmische zweite Satz an mir vorbei, während ich wieder um Fassung und Fokus rang. Bitter war das so oder so, zum Mäusemelken machte es der Umstand, mit jedem ausgeführten Takt aus Ahnung Gewissheit zu erlangen, dass ich diese von mir hochverehrte, ja heißgeliebte, herbeigesehnte Dritte, so schnell nicht wieder in solch vollendeter Gestalt, man muss es sagen, Perfektion, erleben werde. Dumm gelaufen.

Es fällt schwer, sich nach diesem Tiefschlag mit dem Positiven zu beschäftigen, aber die außergewöhnliche Qualität des Vortrags hat es nicht verdient, vom flüchtigen Schatten eines irrlichternden Spinners verdeckt zu werden. Also noch einmal von vorn. Brittens Werk thront in meinem privaten Violinkonzert-Pantheon auf gleicher Stufe neben den Schöpfungen von Beethoven, Brahms oder auch Sibelius. Gegenüber seinen ungleich bekannteren Geschwistern hat es bei der Allgemeinheit einen naturgemäß schwereren Stand, eben weil es recht selten auf dem Programm steht. Die Einspielung mit Britten selbst am Pult und Mark Lubotsky als Solist habe ich als großer Fan des Komponisten verinnerlicht, von daher war ich sehr gespannt, wie Herr Pappano und Frau Jansen es angehen würden.

Das London Symphony Orchestra unter Pappano ist schlichtweg ein Traum. Abgesehen davon, dass das Ensemble technisch wie klanglich keine Schwachstellen besitzt, stachen für mich das Blech und die Violinen nochmal besonders hervor: kommt es in der Elphi-Akustik bisweilen vor, dass die Streicher, vor allem die Violinen, bei erhöhter Tutti-Lautstärke tendenziell zu schwach wirken, war heute von diesem Effekt nichts zu spüren. Gerade die Geigen hatten heute eine Präsenz, die ihresgleichen sucht – von durchdringender Schärfe bis zum zartesten Tupfer. Da hat Pappano offenbar genau die richtige Balance zwischen den Instrumentengruppen gefunden. Das Blech wiederum hat generell einfach ein Timbre zum Niederknien, speziell wenn es mal richtig zur Sache geht.

Pappanos Interpretation fördert die Kontraste und verschiedenen Aggregatzustände innerhalb der Sätze wie satzübergreifend mustergültig zu Tage, aber natürlich spielt hier auch Frau Jansens Beitrag eine entscheidende Rolle. Hatte ich anfangs einen kurzen Irritationsmoment bezüglich ihrer Intonation (?), zog sie mich schnell mit einer zupackenden, elektrisierenden Lesart in den Bann. Ob bei den zarten, lyrisch-gesanglichen Passagen im Kopf- und Finalsatz, dem aggressiven Wirbel des scherzoartigen zweiten mit seiner wahnwitzigen Kadenz oder einfach im Ausloten einzelner, überirdisch schöner klanglicher Fingerzeige, bot Frau Jansen alles auf, was dieses vermeintlich sperrige Konzert so faszinierend und berührend macht. Das Leitbild ihrer Mitmusiker aufgreifend – Technik und Ausdruck in Perfektion, durch ihr solistisches Ausnahmetalent noch in andere Sphären transformiert. Verblüffender Zufall oder Zugabentradition – Die Bach-Sarabande hatte Frau Jansen auch „damals“ gespielt. Was dem Stück und ihrer Darbietung natürlich nichts an Intensität nahmen.

Coplands Dritte habe ich durch die Einspielung Leonard Bernsteins mit dem NY Philharmonic kennen und lieben gelernt. Vielleicht war die Sinfonie sogar das erste Hauptwerk des Komponisten und nicht das obligatorische (wunderschöne) Appalachian Spring, mit dem ich in Berührung kam. Nach der Beschäftigung mit dem Gesamtwerk des Amerikaners gab es – ganz ähnlich wie bei seinem englischen Kollegen – kein Werk aus seiner Feder, das ich nicht in mein Herz aufgenommen hätte. Auch wenn ich dabei neben Coplands oftmals reich besetzten Orchesterwerken und Balletten seine intimeren Arbeiten für die Kammermusik gleichermaßen schätze, nimmt die dritte Sinfonie doch einen besonderen Platz bei mir ein.

Jeder ihrer vier Sätze ist für sich ein Erlebnis, im narrativen Zusammenspiel der Gesamtanlage ergibt sich eine Offenbarung, die sich in gewisser Weise aus einer geistigen und emotionalen Verwandtschaft mit meinem Sinfoniker-Abgott Mahler speist. Und dabei meine ich weniger die Parallelen, die sich aus der riesenhaften Besetzung mit ausgeprägtem Blech-Schwerpunkt und mannigfaltigem Schlagwerk hier wie dort ergeben (Das LSO bot heute gar 5 Trompeten und 4 Posaunen plus Tuba statt der notierten 4/3/1 auf, was schon einen starken Mahler-6-Vibe mit sich brachte). Ähnlich wie bei Mahler breitet Copland mit seiner längsten, dabei, auf die reine Aufführungsdauer bezogen, vergleichsweise noch übersichtlichen Schöpfung für großes Orchester, mit allen verfügbaren klanglichen Mitteln eine Erzählung ohne Worte vor unseren Ohren aus, die in ihrer unmittelbaren Sprache und emotionalen Tiefe auch ganz ohne Programm im Sinne einer sinfonischen Dichtung ein berührendes, mitunter erschütterndes Tableau entwirft.

Pappano und sein Orchester nehmen uns mit auf diese hochemotionale Reise in einer Darbietung, die in punkto Technik wie Interpretation gleichermaßen unüberbietbar nachhallt. Es erübrigt sich in die Details zu gehen, da sich hier jeder der vier Sätze, ähnlich wie bei Bernsteins Referenzeinspielung, einfach so anfühlt, wie er Copland aus dem Herzen geflossen sein muss:

Der erste Satz mit seinem ruhigen, Wärme und Güte vermittelnden Beginn, fast schon an Mahlers „Wie ein Naturlaut“ aus der ersten gemahnend, bis sich der Konflikt in Form des aufsteigenden Blechmotivs mit Wucht ankündigt – in seinen Eingangsintervallen die erlösende Fanfare aus dem Finale in einer grimmigen Spielart vorwegnehmend. Die überbordende, ja ins Heroische gipfelnde Rhythmik des zweiten, welche die lyrische Episode des Trios einrahmt. Die eindringliche Wiederkehr des Konflikt-Themas im dritten Satz in den klagenden geteilten Streichern, die darauf folgende resignative, an Seufzer erinnernde Linie des Fagotts, begleitet von der Oboe, welche in das Flehen der Streicher übergeht, jäh in sich zusammenfallend.

Eine Ambivalenz aus Ohnmacht und Erwartung durchzieht dieses Andantino, für mich der ergreifendste der Sätze, etwa wenn dann die Flöte wie eine gütig gereichte Hand den Versuch unternimmt, durch die bleierne Schwere einen warmen Lichtstrahl zu senden, aufgegriffen von Oboe, Klarinette und Streichern – ein Moment der Hoffnung. In der Folge wechseln sich Zweifel und zarte Aufbruchstimmung ab. Die einsetzende Steigerung der durchgehend optimistischen, tänzerischen Passage wird wiederum von den Klagemotiven abgewürgt, welche den Satz in Ungewissheit, wie mit einem großen Fragezeichen, verebben lassen.

Die Antwort darauf setzt überirdisch schön die Zuversicht des aufsteigenden Fanfarenthemas, zuerst unwirklich zart von den Flöten und Klarinetten präsentiert, bis es vom strahlenden Blech zu triumphaler Pracht erhoben wird. Kämpferische und ungetrübt freudenvolle, überbordend tänzerische Elemente schrauben sich in ungeahnte Höhen, ehe die Entwicklung durch den Einfall harscher Dissonanzen ihr vorläufiges Ende findet. Die Zweifel sind zurückgekehrt, der Satz kommt fast zum Stillstand. Es obliegt wiederum den Flöten und übrigen Holzbläsern, den Keim für die endgültige Auflösung aller Konflikte und Fragezeichen zu pflanzen. Ein irisierender Klangzauber hält Einzug, begleitet von den Harfen und der Celesta, der Beginn der Sinfonie wird aufgegriffen, ein Funkeln und Schweben, Assoziationen an einen Flug über glitzernde Wellen stellen sich bei mir ein, bis dieses großartige Werk schließlich mit den finalen Steigerungsformen der Fanfare seinen krönenden Abschluss findet. Dankbarkeit.

Ach ja, da war noch was: Der angekündigte akustische Härtetest für E 13 geriet angesichts dieser epochalen Darbietung fast in den Hintergrund. Ob es hier wirklich einen Unterschied zwischen der ersten (heute) und dritten Reihe (mein Aboplatz) gibt, lässt sich anhand einer solchen Ausnahmeleistung wohl nur schwer sagen, ich bilde mir allerdings ein, dass dem tatsächlich so ist. Der Klang war diesmal jedenfalls, über die schon seit jeher geschätzte bestmögliche Transparenz hinaus, unfassbar präsent. Mal sehen, vielleicht versuche ich mein Abo tatsächlich in die erste Reihe umzutopfen. So oder so hat sich heute gezeigt, dass akustische Erfüllung auf E13 zweifellos möglich ist.

2. Oktober 2025

Orgel pur – Iveta Apkalna. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8



Arvo Pärt – Annum per annum
Pari intervallo (Fassung für Orgel)
Johann Sebastian Bach - Passacaglia c-Moll BWV 582
Arvo Pärt – Spiegel im Spiegel

(Pause)

Johann Sebastian Bach – Toccata und Fuge d-Moll BWV 565
Arvo Pärt – Trivium
Pēteris Vasks – Viatore (Wanderer) / Hommage à Arvo Pärt (Fassung für Orgel)

Zugabe: Lūcija Garūta – Meditation

Iveta Apkalna – Orgel



Spiegel im Spiegel, lese ich im Programmheft. Welches der Stücke Pärts war das nochmal, müsste ich doch kennen, denke ich so bei mir. Ach DAS, zuckt es mit einem Schmunzler durch meinen Sinn, als ich das erste Mal die Dreier-Tonfolge vernehme. Und dem ersten Mal sollten einige, nicht wenige Male folgen. Das Programm ist dem 90. Geburtstages des Komponisten gewidmet, fraglos einer der berühmtesten lebenden Tonschöpfer im Klassikbereich. Ohne die Lebensleistung des Esten in Frage stellen zu wollen, zeigt sich heute wieder, dass ich mit seinem Oeuvre einfach wenig anfangen kann (mit einer Ausnahme: Fratres).

Weder das wohlbekannte Spiegel im Spiegel, bei welchem ich immer an eine Verwendung als sentimentale Filmmusik denken muss (und das von jemandem, der originale Filmmusik ebenso wie Klassik liebt), noch die mir unbekannten Stücke waren heute in der Lage, mein Bild von seinen Kompositionen zu relativieren, das ich mit „einlullende Unterforderung“ zusammenfassen möchte. Wie gesagt, ohne mich wirklich vollumfänglich in Pärts Werkkatalog auszukennen.

Der Effekt bei „annum per annum“, der Orgel buchstäblich per Knopfdruck den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist nicht uninteressant – das in sich Zusammensacken der Klangkulisse hat eine unwirkliche, ja beinahe elektronische Qualität. Aber mehr als diesen Aha-Moment erlebe ich mit den ersten beiden Pärt-Stücken nicht.

Der Kontrast zu der von mir heiß geliebten Bach-Passacaglia könnte akustisch wie emotional kaum größer sein. Das in stetiger Variation majestätisch dahinmäandernde Werk zieht mich live immer wieder ebenso in seinen Bann wie in der Abgeschiedenheit des heimischen Musikrefugiums. Frau Apkalnas Interpretation weicht hier und da von dem mir achso Vertrauten ab, arbeitet andere Nuancen zu Tage, verfehlt ihre soghafte Wirkung aber keinesfalls.

Mir persönlich liegt die Passacaglia viel näher als der nach der Pause gespielte Superstar unter den Orgelwerken – nimmt man seine Bekanntheit und den Einsatz in allen möglichen und unmöglichen (pop-)kulturellen Zusammenhängen als Maßstab für solch eine törichte Kiesung. Klar, der Auftakt ist ein unkaputtbares Ausrufezeichen, der weitere Verlauf ein überaus abwechslungsreicher, energetischer Ritt. Dennoch ziehe ich die Gravitas und dichte Konsequenz der Passacaglia vor – wenn man überhaupt vor die Wahl gestellt werden möchte/sollte. Auf jeden Fall entfachte DIE Toccata und Fuge die meiste Begeisterung beim Publikum. Warum auch nicht – schön, das Stück wieder einmal mustergültig dargeboten bekommen zu haben.

Die anschließenden Werke von Pärt und Vasks konnten den Spannungsbogen dann nicht mehr halten. An das Pärt Stück habe ich bereits keine Erinnerung mehr, Vasks Wanderer hatte Potenzial, hätte für meinen Geschmack aber ruhig die ein oder andere Abkürzung nehmen sollen – es zog sich. Die Zugabe aus der Feder einer Landsfrau Apkalnas brachte noch einmal für ein paar Minuten in harmonisch reichem, spät-spätromantisch anmutenden Gewand frischen Wind in den Saal.

Abschließend noch ein Gedanke zu „Spiegel im Spiegel“: Vielleicht ist das Stück nicht unbedingt ideal für die Darbietung auf der Orgel? Die ursprüngliche Kombination von Klavier und Violine bietet in dem repetitiven, schlichten Gerüst ein ungleich intimeres Zusammenspiel, als es eine riesenhafte Orgel mit noch so viel Registerzauber vermag. Den Ausspruch Pärts aus dem Programmheft, „Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird“, möchte ich durchaus unterschreiben, wobei aus der Idee bei diesem Komponisten für mich leider nur in seltenen Fällen eine Umsetzung erwächst, die mich interessiert, geschweige denn berührt. Schade.

22. September 2025

Orchestra of the Royal Opera House – Jakub Hrůša. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Béla Bartók – Suite aus »Der wunderbare Mandarin« op. 19 Sz 73

(Pause)

Antonín Dvořák – Die Geisterbraut / Kantate für Soli, Chor 
und Orchester op. 69
In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Orchestra of the Royal Opera House
Royal Opera Chorus
William Spaulding – Chorleitung
Kateřina Kněžíková – Sopran
Nicky Spence – Tenor
Pavol Kubáň – Bariton
Dirigent – Jakub Hrůša



Einführung sehr informativ. Handlung/Struktur zum Mandarin anhand von Klangbeispielen für mich verständlich gemacht (Solo-Klarinette als Lockmusik der Dame/Tänze als Einführung der Herren/Blechglissando als Entree des Mandarin). Hörspielcharakter der Geisterbraut sehr griffiges Bild für die Kantate. Gemeinsamkeiten über die offensichtlichen Unterschiede der beiden Stücke hinweg hervorgehoben – in beiden wird eine Geschichte musikalisch erzählt, es geht es (auch) um Sehnsucht und Tod.

Bartok: ich mag das Stück sehr, steh halt auf Fratzengeballer. Interpretation völlig in Ordnung, Orchester insg. etwas zu brav/weich. Streicher schön, aber sehr mild, gehen schon anfangs etwas unter und geraten im rythmischen Finale dann vollends unter die Räder von Percussion und Bläsern.

Dvorak: Anfangs leichte Holländer Vibes. Dachte das Stück ist mir insg. zu brav (stimmt in gewisser Weise auch. vgl. z.B. eben den Holländer oder Berlioz’ Hexensabbat), aber es besitzt sehr wohl seinen Reiz. Abwechslungsreiche, eingängige Komposition. Arien schön, nach dem ersten Höreindruck aber nicht kolossal innovativ/herausstechend. Interessanteste Phase zweiter Auftritt Chor und Erzähler auf der „Reise“ (schaurige Atmo, Irrlichter, Frösche …). Klassische Strukturen (drei Teile der Reise/drei Gegenstände/dreimal wird der Tote vom Bräutigam erweckt …), Schlussarie der Braut durchaus berührend, innig, danach Anbruch des Tages mit Schmackes im Chor, Finale eher wohlig-mild als überwältigend. Passt aber von der Stimmung her. 

Insgesamt eher der subtile Grusel als Krassheiten und Schockmomente, harmonisch auch gemäßigt. Hat sich auf jeden Fall gelohnt, das mal gehört zu haben. Solisten gut, Tenor und Bariton hätten z.T. etwas mehr Durchschlagskraft vertragen können. Tenor aber schön wandlungsfähig von ambivalent/unnahbar bis offen verdorben. Viele Omas mit Frühstart oder Saalflucht beim Applaus. Für die Darbietung hätte der Jubel etwas größer ausfallen können. Übertitel waren sehr hilfreich, die Konzentration hielt komplett die 80 unbekannten Minuten durch. Warum nicht immer so?