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10. November 2024

Alexandre Kantorow. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Johannes Brahms – Rhapsodie h-Moll op. 79/1

Franz Liszt – Étude b-Moll »Chasse neige« /
aus: Études d’exécution transcendante S 139
Vallée d’Obermann /
aus: Années de pèlerinage, première année, Suisse S 160

Béla Bartók – Rhapsodie op. 1

(Pause)

Sergej Rachmaninow – Sonate Nr. 1 d-Moll op. 28

Johann Sebastian Bach / Johannes Brahms – Chaconne für die linke Hand /
aus: Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004

Zugabe:
Richard Wagner / Franz Liszt – Isoldes Liebestod aus »Tristan und Isolde« /
Bearbeitung für Klavier S 447'


Alexandre Kantorow – Klavier



Einer der intensivsten Klavierabende, die ich je erleben durfte. Gerade beim Liszt und Rachmaninow, aber auch bei der Bartok-Rhapsodie, die ich vom bloßen Hören nie diesem Komponisten zugeeignet hätte, entfaltet Kantorow einen regelrechten Rausch, zieht den Hörer Woge um Woge in ein Zauberreich der Klänge. Ich weiß nicht wie oft ich an diesem Abend mit einer Mischung aus Verblüffung und Verzückung gedacht habe "Ja, so in etwa muss sich das Publikum seinerzeit bei einer Darbietung Liszts gefühlt haben" – welche Grenzen sind diesem Instrument in solcher Behandlung überhaupt gesetzt? Ich habe selten derart angespannt einem Klavierspiel gelauscht, und das meine ich uneingeschränkt positiv. Gleichermaßen ist es mir selten so leicht gelungen, die Konzentration auf solch komplexe, mir bis auf den Brahms weitgehend unbekannte Musik zu halten, eben weil Kantorow die Intensität nicht einen Takt abflauen lässt.

Welch eine Seelenwanderung in Tönen! Beginnend mit der wunderbaren, bald düster aufwühlenden, bald zart berührenden Brahms-Rhapsodie bis hin zur Bach-Chaconne in der Bearbeitung eben desselben, in der die bewusst gewählte Limitation auf eine Hand zum Ereignis auswächst, gibt es in diesem Recital nicht einen Moment, der nicht die Erkenntnis des Außergewöhnlichen atmet. Als Kantorow seinen Vortrag dann auch noch mit dem Liebestod beschließt, ist es vollends um mich geschehen. Die Motivation, einen Klavierabend zu besuchen, ist sicher bei den geneigten Besuchern verschieden geartet, ich persönlich habe mich heute sehr gern mit dem Gefühl auf den Heimweg gemacht, mich erst einmal erholen zu müssen.

10. Oktober 2022

Orgel pur. Wayne Marshall. Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung mit Thomas Cornelius,
20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8



Franz Schmidt – Präludium und Fuge D-Dur »Hallelujah«
Jean Roger-Ducasse – Pastorale
Charles-Marie Widor – Sinfonie Nr. 5 f-Moll op. 42/1

(Pause)

Franz Liszt – Fantasie und Fuge über den Choral
»Ad nos, ad salutarem undam« S 259
Wayne Marshall – Improvisation



Einführung unter dem Motto „Big Pieces“ oder die volle Dröhnung. Cornelius wie immer charmant, kompetent und unterhaltsam, erklärt die Orgel jeweils anhand von kurzen Beispielstücken. Kurzes Interview mit Marshall, sehr sympathischer Herr, wechselt immer wieder ins Deutsche. Vita: Mit drei Klavier, Orgel in der Kirche, hat Schmidts Zweite dirigiert, Improvisationen als „Freedom“, Cornelius mit interessantem „Tusch“ für den Gast.

Franz Schmidt: Das Halleluja aus dem Buch mit Sieben Siegeln, aber der Schluss ist der eigentliche Knaller … sehr berührend. Marshall mit Speed und Verve.

Roger-Ducasse: Sehr spannendes Stück, anfangs und zum Ende Karfreitagszaubervibes trotz stilistischer Verschiedenheit, kolossale Steigerung bricht jäh ab, dann fragend, intim, am Ende kehrt die Güte zurück. Marshall kann auch leise und zart.

Widor: Endlich mal wieder live. Satz eins sehr zügig angegangen, Vorbote für eine Highspeed Toccata – Feuer und Wumms. Zweiter Satz noch am wenigsten meins, dritter Top in seiner Vielseitigkeit, vier mehr mein ruhiger Satz. Bei der Toccata schien es für mich im Saal leicht heller zu werden, volle Breitseite auf die Rezeptoren. Wahnsinn.

Marshall immer mit kleinen Ankündigungen per Micro. Erstes Stück eine Improvisation – nur über was? Generell eine ideale Präsentation aller Facetten des Instruments und seines Beherrschers.

Liszt: Erst mal erkenne ich vor lauter herrlichem Tumult das Thema nicht, erst im ruhigen Teil kommt es dann ganz klar und in Variationen, Fuge auch krass, kurz den Faden verloren beim Gedanken an mögliche Themen für die Improvisationssession (Lindenbaum, großes Tor von Kiev …), Finale mit dem C-Dur Durchbruch wahrscheinlich mit das Beste, was ich je an Liveorgel gehört hab.

Improvisationen: Beim Themensammeln im Saal schien der Herr etwas picky. We will rock you, Gershwin, … kein Holst? Pirates of the Carribean gegen Ende doch drin? Insgesamt ziemlich komplexes Ding, nicht unbedingt massentauglich.

Zweites Stück mit „The Entertainer“ oder wie das heißt, We will rock you als Gag am Ende nochmal. Eumelig, aber herzlich.

Fazit: der perfekte Orgelabend


6. Dezember 2018

Klavierabend – Igor Levit.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 1. Rang rechts, Loge 8, Reihe 2, Platz 6


Johannes Brahms – Ciaconna aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 
von Johann Sebastian Bach
Ferruccio Busoni – Fantasia nach J.S. Bach BV 253
Robert Schumann – Geistervariationen Es-Dur WoO 24

(Pause)

Franz Liszt – Feierlicher Marsch zum heiligen Gral aus »Parsifal« 

(Wagner) S 450
Ferruccio Busoni – Fantasie und Fuge über den Choral
»Ad nos, ad salutarem undam« S 259 von Franz Liszt (Meyerbeer)

Zugabe: Schumann?



Die ebenso verblüffende wie traurige Erkenntnis des Abends: Das Publikum in der Laeiszhalle ist (mittlerweile?) ebenso von ignorantem Pack durchsetzt wie die dafür oft von mir gescholtene Kundschaft der Elbphilharmonie. Wow, damit hätte ich wirklich nicht gerechnet – die mieseste Atmosphäre, die ich seit langem in einem Konzert, selbst und vor allem auch Soloabend, zu erleiden hatte. Die ganze Klaviatur (!) der Asozialitäten und Unmusikalismen in geballter, komprimierter Form bereits bis zur Halbzeit weidlich ausgereizt. Huster im Sekundentakt, ach was, regelrechte pulmologische Exzesse, vom verendenden Röcheln bis zur schleimgeballten Eruption, ein vollendet durchgehaltener Klingelton, später ein weiteres pianissimo-zerschneidendes Handy-Signal, diverses Lehnengeballer und strategisch günstigst platziertes Gedönsfallenlassen, abgerundet durch alle Feinheiten der nervösen Zappelphillipperei in besonders ruhigen Momenten – all dies machten den von Dante sträflich ausgelassenen Kreis der Hölle durch akustische Folter perfekt, der dummerweise von der uneingeschränkt beeindruckenden pianistischen Leistung untermalt wurde, die ich mir nach München (Link) von Igor Levit erhofft hatte.

Jener hatte eine Werkauswahl im Gepäck, welche ich mir in ihrer programmatischen Wucht nicht beeindruckender hätte erträumen können. Gerade für mich als Opern-Freak im Allgemeinen und Busoni-Fan im Besonderen war diese Zusammenstellung ein Geschenk, bzw. hätte es werden können, wenn, ja wenn ... Umso frustrierender, da der Vortrag des Russen an diesem Abend kaum zu toppen sein dürfte. Und welch eine Leistung, in diesem Banausenmoloch als Solist alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen zu lassen – sieht man von Levits fassungslosem Kopfschütteln ab, als ein weiteres Handy das Verklingen eines Werkes jäh durchschnitt. Was könnte man heute nicht alles über pianistische Feinheiten fabulieren, über die überlegene Technik und Ausdruckskraft Levits ins Schwärmen geraten, doch leider ist mir heute ganz und gar nicht zum Schwärmen, denn zum Kotzen zumute. Dieses Publikum ist wirklich eine Schande für Hamburgs Kulturszene.

These: Die Elbphilharmonie bringt mehr Menschen in klassische Konzerte, auch in die Laeiszhalle, aber leider die falschen. Das hat gar nichts mit „Erfahrung“ oder „Überforderung“ zu tun – auch wenn ich noch nie im Sternerestaurant gespeist hab, komme ich als an die Gebräuche der allgemeinen Koexistenz herangeführter Mensch nicht auf die Idee, die Füße auf den Tisch zu legen. Wer sich beim Klavierabend nicht ruhig zu verhalten weiß, ist nicht weniger asozial und gehört je nach „Leiden“ entweder ins Lungensanatorium, die Nervenheilanstalt oder gleich zum Silbereisen. Immer wieder verblüffend: beim virtuosen Flügelgedonner des Liszt/Busoni/Meyerbeer-Finales wird seltsamerweise nicht mehr gehustet – da ist dem Künstler dann die Aufmerksamkeit selbst des letzten Akustik-Analphabeten gewiß.

Es war aber auch alles am Start. Eines der Highlights war zweifellos ein alter Klassiker: der Bonbonauswickler in Zeitlupe. Durchaus mit inhaltlichen Bezügen zur dadurch geschändeten Parsifal-Weihfestspiel-Verzückung – zum Raum wurde hier die Zeit, wenn auch ein grundweg hässlich eingerichteter. Ansonsten wie gesagt das Hauptproblem des Abends eine akustische Dichtung in der Nachfolge Liszts, frei nach Strauss: Tod und Verwesung. Allerdings fast noch schlimmer als jene Hustinettenbären sind die, die sich darüber hörbar echauffieren (um dann selbst sein Programmheft lautstark fallen zu lassen und nach ihm rumzusuchen), oder der verhinderte Kulturattaché hinter mir, der zwar um das Privileg weiß, in einer Probe einen leeren und somit stillen Saal genießen zu dürfen, trotzdem selbst aber die dummen Husterer als seines Zeichens dümmste Sau im Stall gut hörbar kommentiert.

Ab einem gewissen Zeitpunkt – man hat erkannt, das es zwecklos ist, dem musikalischen Fortgang konzentriert Folge leisten zu wollen – nimmt man verbittert aber leise (!) ganz neue Möglichkeiten der Instrumentation wahr. Das Handyfernorchester beispielsweise. An Mahlers Wirken ohrenscheinlich angelegt, funktioniert es doch gewissermaßen umgedreht: erst laut im Saal, dann ein einzelner trockener Schicksals-Hammerschlag der Sitzlehne, dann langsam beim Raustraben aus dem Saal verlöschend, nach dem Zufallen der Türe noch eine Weile von draußen zu vernehmen, jetzt leise, aber durchaus noch prägnant – ein Ton gewordenes Symbol für die Erinnerung an die gute alte (respektvolle) Zeit, die es so wahrscheinlich doch nie gab.

Einschub Funkuhren: Welcher Musikliebhaber kann eine Funkuhr besitzen, also so ein Ding, welches zu jeder vollen Stunde das Signal einer weiteren (überstandenen?) Stunde von sich gibt. Ich werde es wohl nicht mehr verstehen.

Wahrscheinlich sind das ganz wichtige Menschen, die immer und überall über alles informiert sein müssen, zur Not auch per Piepton. Überhaupt gehen scheinbar nur ganz wichtige Menschen ins Konzert, zumindest sind es solche, die ihre eigene Existenz klar über jene der anderen Beteiligten stellen. Wie der Herr, der in seinem Hustenanfall zumindest anstandshalber (aber natürlich doch ohne Anstand – knallende Lehne muss sein!) den Saal verlässt. Jedoch wenig später, die Loge in gleißendes Licht hüllend, selbige wieder betritt, erst hinten stehend, um dann schließlich doch bei laufendem Konzert seinen Platz an der Sonne in der ersten Reihe wieder einzunehmen, den er mit seiner Störung mehr als verwirkt hat. Das Ego der Leute. Ich, ich ich. Das gleiche Bild nach dem Konzert an der Garderobe: (Hauptsächlich alte) Menschen ohne Benehmen, die zur Mantelausgabe drängeln, als ginge gleich der letzte Zug ins Paradies. „Lassen Sie mich durch, ich bin Ar ... mleuchter!“

Dabei hätten diese armseligen Kulturtouristen doch ganz ergriffen oder beseelt nach Hause schweben müssen, wenn sie ein aufnahmefähiges Herz dafür besäßen, was Herr Levit da heute für sie veranstaltet hat. Für mich war der Abend – trotz der katastrophalen Umstände – nichts weniger als eine Wiedererstehung des Virtuosenkonzerts, vielleicht im Geiste Liszts – die Faszination des Virtuosen, bei der es aber um mehr geht als Technik und Artistik am Flügel – die Architektur der Überwältigung, durchaus mit dem Element der physischen Einwirkung und Berauschung, im Lauten wie im Leisen, im Schnellen wie im Langsamen, im Klingenden wie im Unhörbaren. Bestimmte einzelne Momente, das Wissen um die Möglichkeit dieser Intensität, trösten ein wenig darüber hinweg, ihre vollständige Einlösung heute nicht erfahren zu haben.

15. August 2018

Estonian Festival Orchestra – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 3



Arvo Pärt – Sinfonie Nr. 3 
Edvard Grieg – Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16
(Khatia Buniastishvili)
Zugabe: Franz Liszt – Ungarische Rhapsodie Nr. 2 cis-Moll S 244/2

(Pause)

Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op. 82
Zugaben:
Lepo Sumera – Spring Fly / Die Frühlingsfliege
Hugo Alfvén – Vallflickans Dans / Bergakungen / Ballett-Pantomime op. 37



Einer meiner Lieblingsdirigenten hat in seiner Heimat ein Orchester ins Leben gerufen – das klingt doch spannend. Und eines ist nach dem heutigen Konzert klar: Das 2011 von Paavo Järvi gegründete Estonian Festival Orchestra ist eine Bereicherung für jeden Saal – erst Recht die Elbphilharmonie. Man ist mit großer, wenn auch keinesfalls riesenhafter Besetzung angereist, einzig die neun Kontrabässe springen ins Auge – hat der Elphi-Kenner Järvi hier bewusst auf das Fundament Einfluss genommen oder ist das ein Zufall? Egal, die Bässe klingen jedenfalls wunderbar – wie das ganze Orchester, das von seinem Dirigenten aber auch perfekt in Szene gesetzt wird. Insbesondere die Soli lassen mit der Zunge schnalzen, egal ob Holzbläser, Horn oder Konzertmeister. Aber der Reihe nach.

Zu Arvo Pärt habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis. Zwar hat mich seine ebenso simple wie eingängige Komposition Fratres, eingesetzt im Film „There will be Blood“ durchaus berührt, weitere Annäherungsversuche an diesen Komponisten waren danach allerdings weniger erfolgreich. Diese Art von statischer „Stimmungsmusik“, wie ich sie in vielen seiner Werke angetroffen habe, deckt sich, gelinde gesagt, nicht exakt mit meinen Vorlieben. Derart negativ voreingenommen kam die heutige Sinfonie aus Pärts Feder nahezu einer Offenbarung gleich. Interessante Themenkomplexe, motivische Arbeit, differenzierte Instrumentation, Kontraste in Ausdruck, Dynamik und Tempo, gewaltige Steigerungen – kurz: alles, was eine Komposition erfahrenswert macht. Die vielschichtige Faktur hat mich regelrecht verblüfft, da ist viel „Altes“, antikisierend Archaisches, aber eben nicht immer nur dieses monoton Mönchische in Sack und Asche Gehen, das ich bislang mit Pärt verbunden habe. Es gibt sogar heitere Passagen – ich werd verrückt! Letzten Endes ist das vielleicht immer noch nicht so ganz meine Klangsprache, aber doch ein Quantensprung in der Beziehung zu diesem Komponisten. Woran Järvi und seine Musiker großen Anteil haben. Konzentration und Kontemplation. Allein schon das bärenstarke Blech sorgte für einen nachhaltigen Eindruck. Auch stark, wie fokussiert der Paukist seine Schläge beschleunigte, die sich schließlich nahtlos zum Paukenwirbel fügten.

Das Grieg-Konzert erklang ebenfalls in einer Top-Darbietung aller Beteiligten. Das Orchester weiterhin vorzüglich, egal ob Horn, übriges Blech oder Streicher. Und Järvi wie gewohnt: knackig, aber differenziert. Dabei zusätzlich mit teilweise extrem flottem Antritt, was wiederum mit dem Energielevel des Wirbelwindauftritts von Frau Buniastishvili korreliert. Die Dame scheint ein regelrechter Tempoholic zu sein, beinahe gerät mir mancher Lauf fast zu ungestüm, weil dann kurz das Gefühl von Hast aufblitzt. Aber wer solch einen Anschlag von zartperlend bis unerbittlich im Köcher hat, darf gern auch mal übertreiben.

Ebenfalls spannend, nicht verhehlen zu können, dass ihr Spiel (oder vielmehr ihr Auftritt insgesamt?) eine „sexy Komponente“ aufkommen ließ, die dem gefährlich vertrauten Klavierkonzert-Klassiker Griegs ungemein gut zu Gesicht stand. Bleibt die Überlegung, wie wahrscheinlich eine solche Erwähnung bei einem männlichen Kollegen oder einer weniger attraktiven Kollegin (auch Geschmackssache, klar) den Weg in meine Ausführungen gefunden hätte – Relevanz für die Rezeption der Darbietung besitzen derlei Gedanken meiner Ansicht nach jedoch in jedem Fall. Solange solch ein pianistischen Ausnahmetalent am Flügel sitzt, ist es im Umkehrschluss allerdings ebenso unstrittig, dass es von Dummheit und/oder Oberflächlichkeit zeugt, sich an der Absatzhöhe der Schuhe zu stören, welche die Pedale des Steinway so meisterhaft regulieren.

Ich könnte jetzt einen Exkurs über Yuja Wangs Bühnenoutfits, Jonas Kaufmanns Wirkung auf Frauen oder über erotische Stimmen, die unscheinbaren Körpern entfahren, einschieben, belasse es aber doch mit der Erkenntnis, das große Künstler weil/ungeachtet/unabhängig davon, dass sie in der Regel mehr als einen Sinn im Kunstliebhaber stimulieren, so oder so große Künstler bleiben.

Järvi und Sibelius – das passt zusammen. Sein Ansatz ist weniger kontemplativ, sondern bietet Sturm und Drang vom Feinsten. Besonders ohrenkundig wird das in dem wiederholt angewandten Mittel, ordentlich Schwung zu nehmen, um regelrecht soghaft rauszubeschleunigen. Das Finale des ersten Satzes gerät auf diese Weise zur wuchtigen Explosion. Aber auch Leises und Feines ist bei Järvi wie gewohnt in den besten Händen – an seiner Pianissimo-Gestaltung sollte sich das Hausorchester ein Beispiel nehmen. Die beiden Zugaben boten einerseits den exzellenten Musikern des Estonian Festival Orchestra noch einmal Gelegenheit, ihre individuelle Klasse unter Beweis zu stellen (Sumera mit vielen Solostellen) und kombinierten mit der Alfvén-Ouvertüre Virtuosität und Gefühl (Flinker Streicherbeginn versus ruhiger Mittelteil) zu einem Abschied, der ein Wiedersehen und -hören herbeisehnen lässt.

26. Mai 2018

Klavierabend – Elisabeth Leonskaja.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Ludwig van Beethoven – Sonate As-Dur op. 110
Ludwig van Beethoven – Sonate c-Moll op. 111

(Pause)

Franz Schubert – Sonate B-Dur D 960

Zugaben:
Franz Liszt – Sonetto del Petrarca Nr. 104 S 161/5 »Pace non trovo« / Années de pèlerinage, deuxième année, Italie
Franz Liszt – Sonetto del Petrarca Nr. 123 S 161/6 »I' vidi in terra« / Années de pèlerinage, deuxième année, Italie



Elisabeth Leonskaja mag als Ersatz für den erkrankten Maurizio Pollini eingesprungen sein, von zweiter Wahl kann künstlerisch jedoch nicht die Rede sein – im Gegenteil. Ich hatte die Pianistin zwar schon einmal vor über zehn Jahren in Hamburg erlebt, aber so unwiderstehlich, wie es sich mir heute offenbarte, hatte ich ihr Spiel aus unerfindlichen Gründen nicht abgespeichert. Da zeigt sich wohl doch auch wieder die enorme Ausdehnung meiner Bildungslücke im Bereich der Klavierliteratur und seiner Vertreter. Drei dramatisch-intensiv ausgelotete Sonaten später reiht sich dieser Abend in die stärksten pianistischen Eindrücke ein, die ich bislang erleben durfte. Und spätestens seitdem der doppelte Liszt als Zugabe mit jener Bandbreite von erotisch-irisierend bis maskulin-auftrumpfend Ohr und Sinne berauschte, muss der Weg zur Erkundung der Diskographie dieser Künstlerin ein obligatorischer sein – h-Moll-Sonate, ich komme!

10. Dezember 2017

Orgel pur – Iveta Apkalna.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8


Franz Liszt – Legende Nr. 1 S 175/1 
„St. François d’Assise: La prédication aux oiseaux“ 
(Transkription für Orgel von Günther Berger)

Thierry Escaich – Evocation III

Johann Sebastian Bach – Passacaglia c-Moll BWV 582

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Passacaglia aus der Oper 
„Lady Macbeth von Mzensk“

Arturs Maskats – Präludium, Choral und Variationen über J. S. Bach 
„Uns ist ein Kindlein heut’ gebor’n“ BWV 414

Franz Liszt – Präludium und Fuge über den Namen „B-A-C-H“ S 260

Zugabe: Thierry Escaich – Evocation II


Leider wieder recht viele musikferne Schichten im Konzert – Konzernausflug und dergleichen. Orgelkonzert gabs wohl günstiger. Die Vogelpredigt zur Vorstellung der Register und Klangfarben – für ganz Doofe sogar mit Hinterleuchtungs-Dramaturgie. Aber ok, das Auge hört ja mit. Musikalisch ein erstes Ausrufezeichen: Leises, Feines, der einzelne Kuckucksruf, dann wieder das Aufrauschen im Orgelpfeifen-Gefieder – hier schlummert wirklich Imposantes hinter der Röhrentropfsteinhöhlen-Dekoration.

Das zweite Stück überfordert die Eumel-Fraktion vollends – was sind das für fremde Tone? ... Sehr eindrucksvolle, wenn man mich fragt – Kaskaden, Echowirkungen, krasse Cluster, ganz viel Druck – herrlich! Mein Lieblingsbach, die Passacaglia, hätte hingegen durchaus noch etwas mehr Dampf vertragen, zumal sich der Richtersche Sog nicht so ganz einstellte. Ein, zwei Unsicherheiten? Insgesamt aber ein fabelhaftes Klangbild. Vielleicht fehlt auch ein bisschen der sakrale Nachhall. So ist das Moment ganz auf der Präzision.

Mein Platz könnte besser nicht sein – leicht versetzt hinter der Organistin, die am mobilen Spieltisch auf der Bühne Platz genommen hat, der Blick über die Schulter bietet perfekte Einsicht auf die spielenden Hände. Die Solistin auf die Bühne zu bringen, hat schon was, außerdem wissen dann die Honks, wo sie hinschauen müssen – oh, erst ganz in Weiß, dann nach der Pause ganz in Schwarz gewandet.

Die Schostakowitsch-Passacaglia entfaltete dann endlich jene Sogwirkung, den ich beim Bach noch etwas vermisst hatte – in solch einer mächtigen Steigerung kann die Orgel ihr ganzes Wucht-Potenzial entfalten. Das Stück von Maskats legte den Schwerpunkt dann wieder mehr auf die Vielseitigkeit des Instruments.

Den Höhepunkt des Abends markierte für mich jedoch ohne Zweifel die Lisztsche Reverenz an Bach. Ich liebe dieses Stück und habe damit zigmal die heimischen Wände zum Erzittern gebracht – es heute so vollendet in dieser Akustik zu erleben, hatte etwas Erhebendes. Apkalna kostet die Kontraste zwischen inniger Verklärung und bombastischen Eruptionen bestmöglich aus – was für ein Klang-Trip!

Ein weiteres Escaich-Stück beschloss als Zugabe den fulminanten Einstand in mein Orgel-Abo. Die Messlatte für die nächsten Konzerte liegt in himmlischen Höhen. Leider scheint die Wahrnehmung vieler anderer Besucher wieder mal in profaneren Gefilden hängen zu bleiben. Zwar traut sich diesmal kaum jemand, während des Konzertes die Biege zu machen, aber gleich mit dem Schlussapplaus nehmen nicht wenige die Beine in die Hand.

Was für eine respektlose Bände, aber das kennt man hier ja schon. Ein auf dem Weg zur U-Bahn aufgeschnappter Kommentar fasst die Geisteshaltung des typischen Elphi-Touristen zusammen: „Also, das war schon ein Erlebnis ... aber die Musik war nicht schön“. Ich halte es da lieber mit Frau Apkalna, applaudiere der Orgel, großen Kompositionen und, nicht zuletzt, einer großartigen Solistin.

24. Mai 2017

Liederabend – Jonas Kaufmann.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12 Bereich A, Podiumsplatz
(freie Platzwahl – Reihe 2, Platz 5)



Franz Schubert – Die Bürgschaft D 246

Henri Duparc – Fünf Lieder
L'invitation au voyage
Phidylé
Le manoir de Rosemonde
Chanson triste
La vie antérieure

(Pause)

Franz Liszt – Tre Sonetti di Petrarca S 270/1 / Erste Fassung

Richard Strauss – Sieben Lieder
Heimliche Aufforderung op. 27/3
Wozu noch, Mädchen, soll es frommen op. 19/1
Breit' über mein Haupt dein schwarzes Haar op. 19/2
Ich liebe dich op.37/2
Befreit op. 39/4
Freundliche Vision op. 48/1
Cäcilie op. 27/2

Zugaben:
Richard Strauss:
Ich trage meine Minne op. 32/1
Zueignung op.10/1
Morgen! op. 27/4



So sieht man also von der Bühne aus. Die Aussicht in den Saal ist von hier noch eine Spur imposanter – ich habe auf einem Stuhl der vier zusätzlich auf dem Podium aufgestellten, halbrunden Sitzreihen Platz genommen und beobachte, wie sich die verschachtelt aufsteigenden Ränge bis zur Decke langsam füllen. Ein Liederabend im Rücken des Sängers – ob das so eine gute Idee ist? Das Fazit vorweg: Nicht wirklich. Ich sitze so, dass ich Herrn Deutsch über die linke Schulter schaue, die Sicht auf die Klaviatur ist allerdings durch die Dame verdeckt, die ihm beim Umblättern der Noten behilflich ist. Herr Kaufmann entzieht sich nach der Begrüßung durch die Tatsache, dass ihn der Schalldeckel des Flügels verdeckt, mehr oder weniger komplett meinen Blicken. Sei´s drum, was wirklich zählt, ist schließlich der Klang. Der erste Eindruck daraufhin: oh, schade. Die Charakteristika dieser bekanntermaßen überwältigend schönen Stimme sind zwar zu vernehmen, aber eben rein indirekt. Zudem wird der Gesang doch sehr von der Begleitung dominiert, welche umso präsenter die wenigen Meter zu den Podiumsplätzen überbrückt. Ein Klavierabend mit dezenter Tenorbegleitung, könnte man festhalten. Bezogen auf die Wirkung des Klaviers hat das durchaus etwas – die Eingeweide eines Steinway auf den Seziertisch. Der Kasten klingt bombig, zumal Helmut Deutsch ein begnadeter Pianist mit traumhaft differenzierter Anschlagskultur ist – einen "echten" Klavierabend aus dieser Position kann ich mir durchaus vorstellen.

Aber heute ging es ja eigentlich um eine der betörendsten Stimmen unserer Tage. Die dramatische Szene Schuberts rauschte mehr oder weniger an mir vorbei. Die ganze Charakterarbeit, das Deklamatorische, bis hin zum Flüsterton, versang sich hinter der Steinway-Wand ins Unbestimmte des Saales. Etwas besser verhielt es sich dann mit den Liedern Duparcs, welche eine komplett andere gesangliche Herangehensweise erfordern. Legato, Schmelz, Sinnlichkeit. Darüber hinaus scheint die Begleitung hier etwas zurückgenommen. Allerdings machen die wenigen Momente, in denen Kaufmann sich leicht dem Pianisten zuwendet, schmerzlich deutlich, welch himmelweiter Unterschied zum Eindruck bestehen muss, den die Zuhörer auf der gegenüberliegenden Seite genießen dürfen. Duparcs Lieder haben es mir sofort angetan – gleich das erste transportiert den Hörer in eine ganz eigene, verwunschende Klangwelt. Umso frustrierender, dieser Kombination aus Ohrenspitzer-Programm und vollendeter Darbietung nur als Abglanz teilhaft zu werden. Dabei hatte ich fast vergessen, dass ich genau diese Lieder bereits 2012 in der Laeiszhalle mit Herrn Kaufmann erleben durfte (Link). Seinerzeit stand, beste Hörposition inklusive, ebenfalls Liszt auf dem Programm, allerdings erklangen mir die drei wunderbaren italienischen Sonette tatsächlich heute zum ersten Mal. Der Rest des Abends gehörte dann Strauss – insgesamt zehn Lieder inklusive Zugaben.

Über die alternativlose Qualität des Vortrages braucht es eigentlich keine weiteren Worte. Auch hier: Die Nuancen, die göttliche Phrasierung, das unnachahmliche Timbre, das den ganzen Saal füllende Strahlen – all das ist von meinem Platz leider nur ein matter Schatten. Bei der zweiten Zugabe, passenderweise der "Zueigung", macht Kaufmann singend eine Runde um den Flügel und beschert so auch den "Rückenplätzen" ihren Moment erhoffter Labsal. Ob Herr Lieben-Seutter dem Tenor wohl einen Tipp gegeben hat, als er nach der ersten Zugabe eilig den Weg Richtung Bühnenkatakomben antrat? Andererseits kann es nicht Aufgabe eines Sängers sein, seinen von Konzentration und Symbiose mit dem Begleiter geprägten Auftritt durch stetige Brummkreiseleinlagen derart anzupassen, um alle Zuhörer gleichermaßen zu "bedienen". Das größere Problem als der "statische" Kaufmann war heute meiner Ansicht nach eher die unvorteilhafte Einteilung der Preiskategorien. Der Podiumsplatz ermöglichte einen nicht uninteressanten Einblick, insbesondere durch die enge Tuchfühlung zum Pianisten – aber sollten diese Spezialplätze in der zweiten Kategorie angesiedelt sein? Sicher nicht. Wie gesagt, bei einem reinen Klavierabend mag das zutreffen, für die heute erlebte akustische Güte waren die Karten deutlich zu teuer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in der letzten Reihe auf Ebene 16, wohlgemerkt vor der Bühne, den Sänger schlechter vernommen hat als hier. Hätte man sich denken können, aber immer noch besser ein Kaufmann, der einem die kalte Schulter zeigt, als gar kein Kaufmann.

9. März 2017

John Malkovich – Just Call Me God.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Ebene 12, Bereich A, Reihe 1, Platz 6



Die bereits dritte Zusammenarbeit auf der Bühne zwischen Malkovich, Sturminger und Haselböck hat das bislang zugänglichste, massentauglichste Programm hervorgebracht. Die Entwicklung von der monologischen One-Man-Show der „Infernal Comedy“ über das Ensemblestück der „Giacomo Variations“ (Link) geht hier in eine relativ klassische Richtung – ein „vollwertiges“ Theaterstück, ein Kammerspiel mit Musikbegleitung, ist das Ergebnis. Natürlich dient auch „Just Call Me God“ in erster Linie dazu, dem berühmten Schauspieler eine Bühne, in diesem Fall gar ein Podium, für die Entfaltung seiner selbst als darstellerische Naturgewalt zu bieten. Nach „Serienmörder“ und „Casanova“ stellt der Themenkomplex „Diktator“ die nächste Variation des ich-fixierten Dominators dar, die Malkovich auch gemäß der mit seiner Person (oberflächlich) verbundenen Rollentradition weidlich nutzt, um nach Herzenslust wahlweise zu sinnieren und zu schäumen.

Dass die Erschaffung einer Art personifizierten Diktatorenkaleidoskops gleichzeitig die Möglichkeit der eher archetypischen, überzeitlichen Behandlung des Charakters bietet, andererseits das Spiel mit Klischees und aus dokumentarischer wie filmischer Aufbereitung allseits bekannten Standardsituationen die Gefahr einer gewissen Vorhersehbarkeit in sich trägt, ist gleichermaßen Segen und Fluch für das Stück selbst. Dieses trägt letztlich nur bedingt als dramatische Handlung, dafür sind Aufbau und Wendungen zu sehr Versatzstücke aus Quellen, die man so oder so ähnlich an anderer Stelle bewusst oder unbewusst bereits aufgenommen und verinnerlicht hat. Aber wahrscheinlich ging es Sturminger auch weniger darum, das originellste Theaterstück aller Zeiten abzuliefern, als vielmehr den Déjà-vu-Charakter des despotischen Wahnes und seiner Folgen zu unterstreichen.

Sicher, das Stück bietet gute Unterhaltung, sogar eine Menge mehr Humor, als ich je bei dieser Thematik erwartet hätte (was im Nachhinein betrachtet absolut sinnvoll ist, um nicht den Tod der Betroffenheitsmonotonie zu sterben), aber „Just Call Me God“ ist da am stärksten, erschütterndsten, wo Sturminger Malkovich Grundsätzliches in den Mund legt, das in seiner Dichte und Schonungslosigkeit essentielle Fragen aufwirft. Wer oder was ist „das Böse“? Ab wann wird aus einem „guten“, dienlichen Machthaber ein „böser“? Welchen Anteil haben Politik und Medien an der Etablierung klarer Feindbilder – in Autokratien, aber auch in Demokratien? Es steckt schon etwas mehr in dem Libretto, als eine bloße Stichwortsammlung, nach der Malkovich publikumswirksam austicken kann.

Zur musikalischen Seite bleibt festzuhalten, dass sich die Orgel sehr wohl als akkompagnierendes „Machtinstrument“ eignet – welches noch dazu in diesem Saal herrlich klingt. Auch hier hat es mir, wie schon im Konzertbetrieb, der Bassbereich angetan. Sehr eindrucksvoll. Auf die elektronische Verfremdung von Instrument und Stimme zum Ende hin hätte ich verzichten können, obwohl diese Form der Steigerung ins Überlebensgroße dramaturgisch natürlich durchaus nachvollziehbar ist.

Fazit: Meine Idealvorstellung des heutigen Abends hätte wohl etwas anders ausgesehen – Malkovich am Pult, dazu die Orgel, sonst nichts. Keine Interaktion, keine Mätzchen, ein gestalteter Monolog statt Theater. Ob das abendfüllend funktioniert, kann ich nicht sagen. Der Versuch hätte zumindest vor gleichsam ausverkauftem Hause stattgefunden, soviel ist sicher.


Just Call Me God: A Dictator’s Final Speech

Buch, Regie und Produktion – Michael Sturminger
Orgel, Musikalisches Konzept und Produktion – Martin Haselböck
Bühne und Konzeption – Renate Martin, Andreas Donhauser

John Malkovich – Diktator Satur Diman Cha
Sophie von Kessel – Caroline Thomas
Martin Haselböck – Reverend Lee Dunklewood
Errol T. Harewood – Lt. Alexander Vronsky
Felix Dennhardt – Vincent Schluszman
Josef Rabitsch – Joseph Sokol
Valentin Ledebur – Neil Forrester
Franz Danksagmüller – Live-Elektronik und Sound-Design

Mit Auszügen aus:

Johann Sebastian Bach – Toccata und Fuge d-Moll BWV 565
Richard Wagner – Der Ritt der Walküren
Johann Sebastian Bach – Alle Menschen müssen sterben BWV 643
Johann Sebastian Bach, Franz Liszt – Variationen über „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ S 180
Martin Haselböck – A whiter Air (Bach); The Grand Anthem (Charles Ives – Variations on America)
Martin Haselböck, Franz Danksagmüller – Sound Collage; Grand Organ Macabre Harmonica; Bigger Than Life! / Grand Organ Improvisation / Psychocratic Barground Improvisation; Grand Organ Cacophonia; The Final Waltz (César Franck – Prélude op. 18/1 & Franz Schubert – Klaviersonate D 959/2)

6. Oktober 2014

Orgelkonzert – Gábor Szotyori Nagy.
St. Stephans-Basilika Budapest.

19:00 Uhr, freie Platzwahl



Tomaso Albinoni – Adagio
Wolfgang Amadeus Mozart – Ave verum (Lívia Scheer – Sopran)
Johann Sebastian Bach – Preludium und Fuge C-Dur
George Bizet – Agnus Dei (Lívia Scheer – Sopran)
Johann Sebastian Bach – Air
Franz Liszt – Choral
Charles Gounod – Ave Maria (Lívia Scheer – Sopran)
Johann Sebastian Bach – Toccata und Fuge in d-Moll


Beeindruckende Klänge erfüllen ein beeindruckendes Bauwerk – die Orgel der Budapester Stephans-Basilika kann sich mehr als hören lassen. In stimmungsvoll illuminiertem Ambiente fand sich eine bunte Schar auf knarziger Bestuhlung ein, um unter der majestätischen Kuppel einer Art Schlagerparade der Orgelliteratur beizuwohnen. Wobei ich grundsätzlich nichts gegen ein solch populäres Programm einzuwenden habe – manche Stücke sind eben einfach unkaputtbar. Außerdem sind wir hier ja nicht im Orgelseminar, sondern lösten mit dem Ticket gleichsam die Gewißheit auf eine knappe Stunde touristengerechter Erbauung.

Zum Eingrooven also das Werk, mit dem sich Albinoni – wohl ganz ohne sein eigenes Zutun – in der Musikwelt abseits der Katzendarmsaitenliebhaber einen Namen gemacht hat. Hat der Herr Giazotto schon ganz nett hinbekommen, nicht nur das mit dem lukrativen Etikettenschwindel, sondern auch rein musikalisch betrachtet. Im weiteren Verlauf des Konzerts wird der Klang des wunderbaren Instruments dann bei Mozart, Bizet und Gounod(/Bach) um die Stimme von Frau Scheer ergänzt – fein und lieblich, wenn auch nicht restlos intonationssicher.

Die Höhepunkte des Programms markieren für meinen Geschmack allerdings ohnehin die Werke Bachs und der Liszt-Choral. Obwohl der Organist das Air mit einem solch eigenwilligen Rubato versieht (ich unterstelle jetzt einfach mal Absicht), daß bei dem wechselseitigen Stocken und Eilen kein rechter Fluß aufkommen will. Wen kümmert’s, sorgt doch spätestens die gewaltige Klangfülle aus der Feder Liszts für Gänsehaut. Die dynamischen Kontraste, bekrönt von schichtend türmenden Harmonien, welche einen Dom im Dom entstehen lassen – das mag unter dem Strich vielleicht nicht gerade subtil daherkommen, aber meine Stimme hat der alte Tastenfuchs.

Den würdigen Abschluß bildet lustigerweise wiederum ein Stück – um den Bogen zum Anfang zu schlagen – dessen Urheberschaft Anlaß zu Diskussionen bietet. Wobei sich das bei Bachs Evergreen eigentlich verbietet – all die mutmaßlich falsch gedruckten Tonträger-Booklets, Nennungen in Filmabspannen und YouTube-E-Gitarren-Transskriptionen – wär doch schade. Aber eine knallharte Wikipedia-Recherche später sieht es nach Entwarnung aus: Mittlerweile scheint man den Reißer doch wieder dem Thomaskantor zuzurechnen. Bach oder nicht, das Opus fetzt und kann auch heute wieder seine volle Wirkung entfalten.

Köpfe drehn sich ehrfürchtigen Blickes gen Empore, braver Beifall, noch schnell ein paar Erinnerungsfotos, dann kann es weitergehen auf der Tour durch eine Stadt, die durchaus mit allen Sinnen zu gefallen weiß.

10. Januar 2014

NDR Sinfonieorchester – Juraj Valčuha.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 9, Platz 9



Zoltán Kodály – Tänze aus Galánta
Franz Liszt – Klavierkonzert Nr. 2 (Jean-Yves Thibaudet)
Zugabe: Franz Liszt – Consolation Nr. 3

(Pause)

Antonín Dvořák– Der Wassermann
Richard Strauss – Der Rosenkavalier Konzertsuite


Wäre ich ein Anhänger der Tradition, dem neuen Jahr mit persönlichen Vorsätzen zu begegnen, würde ich meine Liste nach diesem Abend vielleicht um den Eintrag ergänzen: „Möglichst nur noch Konzerte wie dieses hier besuchen“. Nun bin ich weder ein Freund von an den Jahresstart gebundenen Vorsätzen noch der Illusion verhaftet, man könne den „Erfolg“ seiner Konzert- und Opernbesuche planen – doch bin ich nicht minder erfreut über den fulminanten Start in mein musikalisches 2014.

Ein wunderbares Programm aus bekannten Werklieblingen und auf Anhieb zündenden Neuentdeckungen, dargeboten von einem NDR Sinfonieorchester in Bestform, unterstützt von einem Solisten der Extraklasse, aufs Fesselndste animiert durch ein Dirigat, das wahrhaft aufhorchen ließ. Aber der Reihe nach.

Gleich mit dem Kodály war klar, daß hier und heute nichts schiefgehen würde. Klangpracht, Spielfreude und insbesondere die fein herausgearbeiteten Dynamik- und Tempowechsel der verschiedenen Tänze bzw. deren Abschnitte vermittelten vom Start weg größte Souveränität – eben jene Kombination aus Leichtigkeit und Konzentration, die den Spannungsbogen gleichermaßen straff und geschmeidig hält.

Herr Valčuha scheint seinen Teil dazu beigetragen zu haben. Guter Mann. Den sollte man schleunigst wieder einladen. Ob Kodály, Liszt, Dvořák oder Strauss – alles gelang wunderbar transparent und differenziert ohne es bei Bedarf an Schmiss mangeln zu lassen. Ein teilweise sehr organischer, individueller Umgang mit dem Tempo fiel mir besonders positiv auf. Ich würde es als sparsam dosiertes Rubato bezeichnen, das den Fluß nie störte, sondern im Gegenteil bestimmten Passagen besonderes Augenmerk und mehr Wirkung verlieh.

Vor allem in der Rosenkavalier-Suite trat dann Valčuhas Talent zutage, im doch relativ kleinteiligen Potpourri-Wechselbad die jeweilige Stimmung der verschiedenen Szenen aus der Oper – von silbriger Verzauberung bis Walzer-Überschwang – binnen kürzester Zeit aufleben zu lassen. Ich müßte mich schon sehr täuschen, wenn jemand, der solch ein inniges Terzett mit rein orchestralen Mitteln auszuspinnen in der Lage ist, Ähnliches nicht auch in Gänze mit Ensemble vom Orchestergraben aus zu bewerkstelligen vermöchte.

Ein weiterer Vater des Erfolges findet sich in Jean-Yves Thibaudet, der im Liszt-Konzert mit atemberaubenden Girlanden und auftrumpfendem Verve einerseits sowie entrückt zarter Tastenbehandlung andererseits eine vollendete Interpretation krönte. Glücklicherweise gab er dann mit der Consolation Nr. 3 eine Zugabe, die gerade für seinen butterweichen Anschlag wie gemacht schien.

Der Dvořáksche Wassermann war mir bis dato noch nicht begegnet, die sinfonische Dichtung hat jedoch auf Anhieb – unter anderem durch das wiederkehrende prägnante Hauptmotiv – nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Auch ohne die zugrunde liegende Geschichte zu kennen, konnte man Dank des farbig-plastischen Vortrages einer Szene in Musik beiwohnen und deren Handlungsverlauf einem illustrativen Stimmungsbarometer gleich imaginieren.

Fazit: Eine durch und durch erstklassige Angelegenheit.

27. September 2012

Liederabend – Jonas Kaufmann.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 9, Platz 15



Franz Liszt – Vergiftet sind meine Lieder S 289
Franz Liszt – Im Rhein, im schönen Strome S 272/1
Franz Liszt – Freudvoll und leidvoll S 280
Franz Liszt – Es war ein König in Thule S 278/2
Franz Liszt – Ihr Glocken von Marling S 328
Franz Liszt – Die drei Zigeuner S 320
Gustav Mahler – Ich atmet' einen linden Duft (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Liebst du um Schönheit (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Blicke mir nicht in die Lieder (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Ich bin der Welt abhanden gekommen (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Um Mitternacht (Rückert-Lieder)

(Pause)

Henri Duparc – L'Invitation au Voyage (Mélodies)
Henri Duparc – Phidylé
Henri Duparc – Le manoir de Rosemonde / Das Schloß von Rosemonde
Henri Duparc – Chanson triste / Trauriges Lied
Henri Duparc – La vie antérieure (Mélodies)
Richard Strauss – Schlechtes Wetter op. 69/5
Richard Strauss – Schön sind, doch kalt die Himmelssterne op. 19/3
Richard Strauss – Befreit op. 39/4
Richard Strauss – Heimliche Aufforderung op. 27/3
Richard Strauss – Morgen op. 27/4
Richard Strauss – Cäcilie op. 27/2

Zugaben:
Richard Strauss – Ach weh mir unglückhaftem Mann op. 21/4
Richard Strauss – Freundliche Vision, op. 48/1
Richard Strauss – Wie sollten wir geheim sie halten, op. 19/4
Richard Strauss – Nichts, op. 10/2
Richard Strauss – Zueignung, op. 10/1



Als Jonas Kaufmann die Worte „... und ich geh’ mit Einer, die mich lieb hat ... in den Frieden ...“ aus der zweiten von insgesamt fünf Strauss-Zugaben sang, wurde mir klar, daß man diese – und so viele weitere zuvor an diesem Abend gehörte Stellen – wohl kaum würde aus anderer Kehle jemals so berührend schön vernehmen werden. Durch einen Liederabend im Prinzregententheater vor einigen Jahren und den Münchner Lohengrin zwar vorgewarnt, trifft doch die Ausnahmequalität dieser Stimme bei jedem Hören aufs Neue ins Mark.

Das unverwechselbare, baritonale Timbre, ein Bombenorgan, gefächert von feinst zerstäubtem Schmelz bis triumphalem Stahl, mal kaum mehr als ein süßes Flüstern, dann wieder ein Glanz, der die gesamte Laeiszhalle erfüllt. Überhaupt ein Abend der extremen Kontraste. Immer wieder regelt Kaufmann die Dynamik an den Rand des Möglichen zurück, um das gebannt lauschende Publikum nach solchen Momenten innigster Spannung mit einer Entladung in strahlendster Weise vollends zu berauschen.

Bezüglich der Interpretation hat mir Strauss insgesamt etwas mehr zugesagt als die Rückert-Lieder, wobei das sehr breit angelegte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ in seiner kaum zu steigernden Intensität unzweifelhaft einen, wen nicht den Gipfelpunkt des Abends markierte. Gerade auch in diesem Fall stellte Helmut Deutsch wieder einmal seine kongeniale Sensibilität unter Beweis. In „Um Mitternacht“ konnte Kaufmann dann vollends seinen Heldenton ausspielen.

In der Darbietung der Duparc-Stücke zeigte sich, wie wunderbar der Sänger auch für das französische Fach geeignet ist – diese Zartheit, diese Lyrik! Aber auch die Liszt-Werke boten reiche Entfaltungsmöglichkeiten, etwa in dem entrückt entschwebenden „Die Glocken von Marling“ oder der bildhaften Beschreibung in „Die drei Zigeuner“.

An Kaufmanns Strauss-Interpretationen gefällt mir besonders die ungezwungene, selbstverständliche Realisation des humorvollen, ironischen Moments – der Mann bringt einfach auch darstellerisch alles mit, und sei es eben in diesen Miniaturen, um das Auditorium für sich zu gewinnen – ohne dafür in die Klamaukschublade greifen zu müssen, wohlgemerkt. Und wenn man dann noch einen Liederabend-Klassiker wie „Morgen“ so scheu, so zärtlich, neu vor dem verwöhnten Ohr erstanden weiß, herrschen nur noch Gewißheit, Erfüllung, Dankbarkeit.

7. Juni 2012

Liederabend – Chen Reiss.
Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal.

19:30 Uhr, Parkett Mitte links, Reihe 6, Platz 8, nach der Pause: Parkett Mitte links, Reihe 1, Platz 3


















Georg Friedrich Händel – aus „Neun Deutsche Arien“: Meine Seele hört im Sehen HWV 207
Franz Schubert – Frühlingsglaube, D686; Romanze, D797; Lachen und Weinen, D777; Ganymed, D544; La pastorella, D528; Guarda, che bianca luna, D688 no. 2; Da quel sembiante appresi, D688 no. 3; Mio ben ricordati, D688 no. 4; Vedi quando adoro, D510

(Pause)


Franz Liszt – Wie singt die Lerche schön; Der Fischerknabe; Comment, disaient-ils; Oh! Quand je dors

Camille Saint-Saëns – Une flûte invisible
Léo Delibes – Le Rossignol
Gaetano Donizetti – aus „Nuits d’étè à pausillipe: A mezzanotte; Il barcaiolo; La zingara
Zugabe: Gaetano Donizetti – La connochia

(Chen Reiss – Sopran, Alexander Schmalcz – Klavier, Susanne Barner – Flöte)



Stell Dir vor es ist Liederabend und niemand geht hin – oder: Kleiner Saal, große Lücken. Wobei „Lücken“ noch geschmeichelt ist. Vereinzelt besetzte Plätze trifft es besser. Einfach traurig. Dabei wartet die Liedreihe der Hamburger Symphoniker heute bereits zum zweiten Male mit einer der feinsten lyrischen Sopranstimmen auf, die mir geläufig sind – denn über eben jene verfügt ohne Zweifel Chen Reiss.

Daß fein allein jedoch nicht immer das Mittel der Wahl ist, wurde in den auf Heißblütigkeit angelegten Abschnitten des insgesamt ungewöhnlich heterogenen Programms deutlich. Liegt die Stärke der Sängerin fraglos in der Vermittlung des Scheuen, Zarten, Melancholischen, Überweltlichen, bleibt sie in den rassigen Koloraturen Donizettis auf der Stufe technischer, virtuoser Perfektion, ohne ihr stimmliches Feuer auch auf die Ebene nur allzu weltlicher Emotionen übergreifen zu lassen. Ihr Äußeres scheint Frau Reiss für die Rolle des Vamps zu prädestinieren, der Ausdruck ihrer Stimme spricht eine andere Sprache.

Die Sprache Schuberts beispielsweise, den sie vor allem in der „Romanze“ zum Niederknien in die Herzen der Zuhörer trägt. Aufs Einfühlsamste begleitet von Alexander Schmalcz scheint die Sängerin hier ganz bei sich, ein Sehnen und Wähnen erfüllt die Kleine Laeiszhalle, Poesie der Worte, Poesie der Töne. Eine Musik wie die Erinnerung an ein vergangenes Glück – dankbare Wehmut und süße Trauer.

Oder Liszts „Der Fischerknabe“: eine fragile Träumerei zwischen Naturidyll und Todesromantik, für die Frau Reiss’ Ausdruckspalette wie geschaffen ist. Warum also diese Ausflüge ins vermeintlich leichte Fach? Im Hinblick auf große Taten an großen Häusern? Ich weiß nicht. So selten wie Stimmen zu finden sind, durch die der Begriff der Unschuld zu mehr als einer bloß sentimentalen Phrase erhoben wird, so aussichtslos erscheint es mir, Leidenschaft oder gar Erotik einer solchen Stimme aufzuzwingen. Auch da gibt es sicher genug Gegenbeispiele, aber meine Skepsis in Bezug auf Frau Reiss’ Weg bleibt. Es wäre schade, wenn sie diesen silbrig-feinen Stimmschatz, den sie in ihrer Kehle hütet, auf Eilmärschen Richtung Rampenruhm von ihren Lippen verbannte.

20. November 2011

Hamburger Symphoniker – Michael Francis.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 20, Platz 14


Edward Elgar – Froissart Konzertouvertüre
Franz Liszt – Die Ideale

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert Nr. 5 (Yevgeny Sudbin)

Zugabe: ???



Ein Konzert der Kategorie „Kann man machen“. Das Orchester klingt mittlerweile auch ohne seinen Chef wunderbar, wobei Tates Klasse dem Abend sicher gut getan hätte. Herr Francis fuchtelt ungestüm – wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn seine stereotypen Heumacher Wirkung gezeigt hätten. Nun gut, die Werke der ersten Konzerthälfte trugen auch wenig zur Erbauung bei. Elgar brav belanglos, Liszt zäh ermüdend. Der Programmheft-Titel „Ideale Klassik“ gerät so unfreiwillig komisch.

Natürlich hat's der gute Beethoven nach der Pause wieder rausgerissen. Sudbin wartet mit ausgesprochen flüssigem, temporeichem, perlendem Spiel auf, alles ist leicht und flink – mir liegt jedoch ein, sagen wir mal, energischerer, wuchtigerer Zugang näher. Ein zarter Anschlag befindet sich durchaus in seinem Arsenal, wird jedoch kaum oder nicht an den meiner Ansicht nach erforderlichen Stellen eingesetzt (insbesondere zweiter Satz).

Technisch sicher auf höchstem Niveau, packt mich diese Interpretation nicht wirklich. Die Zugabe macht noch einmal deutlich, worin Sudbin offenbar selbst seine Stärken sieht: schnelle Läufe. Schon schön anzuhören, mehr aber auch nicht. Womit das Motto des Abends gefunden wäre.

12. Juli 2011

Hamburger Orgelsommer – Heiner Graßt. St. Jacobi Hamburg.

20:00 Uhr, freie Platzwahl


Dietrich Buxtehude – Präludium a-Moll, BuxWV 153; Wär Gott nicht mit uns diese Zeit, BuxWV 222; Herr Christ, der einig Gottes Sohn, BuxWV 192; Präludium g-Moll, BuxWV 148
Jon Laukvik – Choralvorspiel zu Jesu meine Freude
Johann Sebastian Bach – Triosonate d-Moll BWV 527
Georg Muffat – Toccata 12

(Pause)

Peter Planyavsky – Toccata 13
Franz Liszt – Aus tiefer Not; ich hatte viel Bekümmernis
Theodore Dubois – Toccata G-Dur

Erste Hälfte auf der Schnitger-Orgel, nach der Pause an der Kemper-Orgel. Interessanter Klangvergleich.

20. April 2011

Liederabend – Maria Radner.
Laeiszhalle Hamburg, Kleiner Saal.

19:30 Uhr, Parkett Mitte links, Reihe 4, Platz 2


Franz Schubert – Ausgewählte Lieder: Frühlingsglaube; Lachen und Weinen; Lied eines Schiffers an die Dioskuren; Seligkeit; Gretchen am Spinnrade
Frank Bridge – „Three Songs“ für mittlere Stimme, Bratsche und Klavier
Johannes Brahms – Lieder: Liebestreu; Auf dem Kirchhofe; Wie Melodien zieht es; Sapphische Öde; Ständchen; Zwei Gesänge für eine Altstimme mit Bratsche und Klavier op. 91

(Pause)

Franz Liszt – Lieder: Lorelei; Laßt mich ruhen; Es muß ein Wunderbares sein; O Lieb’

Richard Wagner – „Wesendonk-Lieder“
Zugaben: Richard Strauss – Zueignung; Johannes Brahms – Wiegenlied op. 49/4 „Guten Abend, gut Nacht“

(Maria Radner – Sopran, Alexander Schmalcz – Klavier, Bruno Merse – Bratsche)



Fazit vorweg: Eine junge Sängerin hat sich bös verhoben. Frau Radner verfügt zwar über eine recht weiche, runde Stimme, der allerdings jede Form von Ausdruck, Tiefe und Klangfarbenvarianz fehlt. Treffende Attribute wären: flach, langweilig, undifferenziert, bodenständig, intonationsschwach, in der Höhe fahl oder einfach nur daneben, bemüht, angestrengt. Selten eine stringente Phrasierung, Bruch zum hohen Register. Kein Gehalt. Weiß sie, was sie singt? Krampfige Haltung. Die hilflose Geste der Linken (Kralle!), die Rechte schlaff oder an den Flügel geheftet. Beim Wagner offenbar reine physische Überforderung. Zweite Zugabe krumm und schief. Fazit: immerhin ein paar Stücke von Bridge kennengelernt. Merke: ohne Feuereifer kein Götterfunke.