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12. Februar 2015

NDR Sinfonieorchester – Christoph Eschenbach.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 7, Platz 6



Marc-André Dalbavie – La source d’un regard

Béla Bartók – Klavierkonzert Nr. 2 G-Dur (Tzimon Barto)
Zugabe: Wolfgang Amadeus Mozart – Satz aus einem Klavierkonzert

(Pause)

Peter Iljitsch Tschaikowsky – Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36



Christoph Eschenbach reißt die Arme energisch nach oben, immer wieder, ein bißchen so, als wolle er mit einem imaginären Gegenüber eine Decke ausschütteln. Mit dieser Geste und weiteren treibt er sein Orchester an, als ginge es aufs Ganze. Aber das tut es ja auch, gerade wenn man unzweifelhaft Großartiges, allerdings gleichermaßen gefährlich oft Gehörtes, frisch erstehen lassen will. Und Eschenbach will. Der Mann wird 75 und scheint alles andere als an geruhsamer Beschäftigung im Alter interessiert zu sein. Seinem alten Stammorchester heizt er dabei ordentlich ein. Recht so. Sein Tschaikowsky ist eine explosive Angelegenheit. Mögen mir persönlich auch manche Tempi, gerade in den Steigerungen, etwas zu breit ausfallen – das Konzept ist Spannung und Entladung, und das Konzept geht auf.

Wo wir gerade von Entladungen sprechen – Tzimon Barto bräuchte für seine Bartók-Interpretation definitiv einen Waffenschein. Kinder, macht das Spaß, diesem Berserker zuzusehen und vor allem zuzuhören! Bartók gehört sicher nicht zu meinen Lieblingen, aber wozu dieses Werk Barto beflügelt (nein, kein absichtliches Pianistenwortspiel), läßt mich Bauklötze staunen. Ein Anschlag, der den Zuhörer mal mit der Wucht eines Vorschlaghammers trifft, um das Ohr kurz darauf in zartestem Tastenhauch zu umschmeicheln, eine schier unbändige Virtuosität und Spritzigkeit, geschmeidigste Läufe, dazu ein Kontrastreichtum in der Darbietung, für die selbst ein Begriff wie „bombastisch“ an seine Grenzen kommt. Aggressiv, flüssig, schmetternd, fein, federnd, agil, schwindelerregend. Ein Grinsen huscht mir übers Gesicht. Schön, daß ich heute hier bin. Als Zugabe Mozart – her damit! Dem Mann hör ich bei allem zu. Delikat, perlend, fast schon ein bißchen nervös, diese Sicht auf everybodys darling Wolferl. Ein Klasse Typ! Also Herr Barto natürlich.

Eingangs gab es übrigens noch ein etwa viertelstündiges Telekolleg Spektralismus. Kann man sich ruhig mal reinziehen, ohne daß es mir jetzt spontan durch den Kopf schoss: „Ja Mensch! Warum hat man das denn nicht immer schon so und nicht anders gemacht!?“. Atmosphärisches Geschichte, Klangbeleuchtung, kleine Schreker-Einlage, durchaus Filmmusiktauglich – unterm Strich wohl mehr Substanz und Struktur als bei diversen anderen zeitgenössischen Ingenieurs-Komponisten. Da gibt es gar nichts zu Husten, auch wenn hier manch trockener Ignorantenhals heute eine andere Sprache sprach.

10. Januar 2014

NDR Sinfonieorchester – Juraj Valčuha.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 9, Platz 9



Zoltán Kodály – Tänze aus Galánta
Franz Liszt – Klavierkonzert Nr. 2 (Jean-Yves Thibaudet)
Zugabe: Franz Liszt – Consolation Nr. 3

(Pause)

Antonín Dvořák– Der Wassermann
Richard Strauss – Der Rosenkavalier Konzertsuite


Wäre ich ein Anhänger der Tradition, dem neuen Jahr mit persönlichen Vorsätzen zu begegnen, würde ich meine Liste nach diesem Abend vielleicht um den Eintrag ergänzen: „Möglichst nur noch Konzerte wie dieses hier besuchen“. Nun bin ich weder ein Freund von an den Jahresstart gebundenen Vorsätzen noch der Illusion verhaftet, man könne den „Erfolg“ seiner Konzert- und Opernbesuche planen – doch bin ich nicht minder erfreut über den fulminanten Start in mein musikalisches 2014.

Ein wunderbares Programm aus bekannten Werklieblingen und auf Anhieb zündenden Neuentdeckungen, dargeboten von einem NDR Sinfonieorchester in Bestform, unterstützt von einem Solisten der Extraklasse, aufs Fesselndste animiert durch ein Dirigat, das wahrhaft aufhorchen ließ. Aber der Reihe nach.

Gleich mit dem Kodály war klar, daß hier und heute nichts schiefgehen würde. Klangpracht, Spielfreude und insbesondere die fein herausgearbeiteten Dynamik- und Tempowechsel der verschiedenen Tänze bzw. deren Abschnitte vermittelten vom Start weg größte Souveränität – eben jene Kombination aus Leichtigkeit und Konzentration, die den Spannungsbogen gleichermaßen straff und geschmeidig hält.

Herr Valčuha scheint seinen Teil dazu beigetragen zu haben. Guter Mann. Den sollte man schleunigst wieder einladen. Ob Kodály, Liszt, Dvořák oder Strauss – alles gelang wunderbar transparent und differenziert ohne es bei Bedarf an Schmiss mangeln zu lassen. Ein teilweise sehr organischer, individueller Umgang mit dem Tempo fiel mir besonders positiv auf. Ich würde es als sparsam dosiertes Rubato bezeichnen, das den Fluß nie störte, sondern im Gegenteil bestimmten Passagen besonderes Augenmerk und mehr Wirkung verlieh.

Vor allem in der Rosenkavalier-Suite trat dann Valčuhas Talent zutage, im doch relativ kleinteiligen Potpourri-Wechselbad die jeweilige Stimmung der verschiedenen Szenen aus der Oper – von silbriger Verzauberung bis Walzer-Überschwang – binnen kürzester Zeit aufleben zu lassen. Ich müßte mich schon sehr täuschen, wenn jemand, der solch ein inniges Terzett mit rein orchestralen Mitteln auszuspinnen in der Lage ist, Ähnliches nicht auch in Gänze mit Ensemble vom Orchestergraben aus zu bewerkstelligen vermöchte.

Ein weiterer Vater des Erfolges findet sich in Jean-Yves Thibaudet, der im Liszt-Konzert mit atemberaubenden Girlanden und auftrumpfendem Verve einerseits sowie entrückt zarter Tastenbehandlung andererseits eine vollendete Interpretation krönte. Glücklicherweise gab er dann mit der Consolation Nr. 3 eine Zugabe, die gerade für seinen butterweichen Anschlag wie gemacht schien.

Der Dvořáksche Wassermann war mir bis dato noch nicht begegnet, die sinfonische Dichtung hat jedoch auf Anhieb – unter anderem durch das wiederkehrende prägnante Hauptmotiv – nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Auch ohne die zugrunde liegende Geschichte zu kennen, konnte man Dank des farbig-plastischen Vortrages einer Szene in Musik beiwohnen und deren Handlungsverlauf einem illustrativen Stimmungsbarometer gleich imaginieren.

Fazit: Eine durch und durch erstklassige Angelegenheit.

25. April 2013

NDR Sinfonieorchester – Michael Gielen.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 7, Platz 13



















Johannes Brahms – Variationen über ein Thema von Joseph Haydn op. 56a
Arnold Schönberg – Violinkonzert op. 36 (Michael Barenboim)

(Pause)

Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90



Ein blutleerer Abend, der nichts brachte als die Bestätigung, daß auch nach mehrjähriger Abstinenz kein Deut an meiner Einschätzung in Bezug auf Herrn Gielen zu revidieren ist und ich von weiteren Begegnungen nun beruhigt absehen kann.

Nachdem die Haydn-Variationen unter seinem Dirigat den Charme eines akademischen Staubfängers versprühten, folgte auf dem Fuße die nächste Stufe der Bestrafung in Form des quälend seelenlosen Schönberg-Konstruktes. Mit diesem ist es Schönberg tatsächlich gelungen, eine Art musikalischen Blindtext abzuliefern – frei nach dem Motto: „in diese Folie in drei Sätzen bitte die Ideen für ein Violinkonzert einfügen“. Ich mache mich ja selbst gern über die Innovationsfurcht und -flucht mancher Besucher lustig, aber bei diesem fahlen Schatten eines Konzertes hört der Spaß tatsächlich auf. Mit seinem Mangel an emotionaler Relevanz, dem völligen Ausbleiben melodischer, aber auch harmonischer Momente von Belang, eingepfercht in das Korsett einer durchweg biederen Instrumentation, taugt dies Opus beim besten Willen nur als musikhistorische Fußnote. Der junge Barenboim ackert sich dabei brav durch das aufwändig und hochvirtuos strukturierte Nichts, wobei man den Eindruck nicht ganz los wird, einer – wenn auch makellosen – Abschlussprüfung beizuwohnen.

Die Rettung durch brahmssche Labsal nach der Pause bleibt aus, da Gielen es auch in der Dritten versteht, jegliches Feuer im Keim zu ersticken. Ein schleppender Beginn, generell wenig Tempokontraste, einzig die Dynamik ist sorgsam ausgefeilt. Das Orchester kann an diesem Abend beileibe nichts dafür – hier atmet nichts, nichts darf sich ausschwingen. Langweilig, ermüdend, reine Zeitverschwendung. Wer meint, daß mit solch einem nüchternen Zugang vielleicht mehr Augenmerk auf die Struktur gelegt wird, erweist diesem herrlichen Werk einen Bärendienst. Ich persönlich ziehe es zumindest vor, meinen Brahms lieber als fesselnden Roman denn als Bedienungsanleitung für Staubsauger zu verschlingen.

11. April 2013

NDR Sinfonieorchester – Eschenbach.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 13, Platz 13



Paul Hindemith – Kammermusik Nr. 1 op. 24 Nr. 1
Paul Hindemith – Sinfonie in Es

(Pause)

Richard Wagner – Siegfried-Idyll
Richard Wagner – „Starke Scheite schichtet mir dort“ Brünnhildes Schlußgesang aus „Götterdämmerung“ (Petra Lang – Mezzosopran)



Ein gutes Konzert, das trotz des überaus geschätzten Maestro Eschenbach nach der Pause nicht ganz so zündete, wie es der erste Teil erhoffen ließ.

Hindemith wunderbar klar und transparent. Selbst in den größten Steigerungen der großen Sinfonie blieb das Prinzip des polyphonen Übereinanderschichtens stets durchhörbar. Auch interessant der Kontrast vom „Provokateur“ mit Akkordeon und Sirene zum gemäßigt modernen Gang in klassischen Fußstapfen. Hindemith liegt mir einfach, vor allem in der emanzipierten Behandlung der Holzbläser. Und auf eines ist stets bei ihm Verlaß: Früher oder später erscheint eine dieser anrührenden, scheu-zerbrechlichen Flötenkantilenen. Soviel zum Thema „Gebrauchsmusik“.

Vom Wagner hatte ich mir dann mehr erhofft. Die Interpretation des Siegfried-Idylls durch Eschenbach war zwar vorzüglich – fein abgestimmte Dynamik und atmende Bögen – jedoch wurde dieser zarte Zugang nicht von allen Beteiligten auch konsequent umgesetzt. Vor allem die Bläser ließen das versonnene Gewebe mangels Einfühlungsvermögen mehr als einmal aufreißen.

Beim abschließenden Götterdämmerungsfinale konnte ich mir nicht helfen – das hatte ich vor gar nicht allzu langer Zeit eindringlicher gehört. Einerseits wurde Petra Langs Stimme teilweise ob der Orchestergewalt doch deutlich an ihre dynamischen Grenzen gebracht – in tiefer Lage war sie des Öfteren kaum zu hören – andererseits bleiben die Hamburger Symphoniker unter Jeffrey Tate auch in puncto Gestaltung und Ausdruck für mich klarer Punktsieger (Link). Das wogte und wallte vormals einfach differenzierter, organischer. So bringt mich meine Wagner-Liebe mal wieder zu der Einsicht: Guter Wagner reicht eben nicht, dann doch lieber – Keiner.

20. Dezember 2012

NDR Sinfonieorchester – Semyon Bychkov.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, 1. Rang rechts, Loge 9, Reihe 1, Platz 2 bzw. 3



Paul Dukas – L’apprenti sorcier „Der Zauberlehrling“
Maurice Ravel – Klavierkonzert Nr. 2 D-Dur „Klavierkonzert für die linke Hand“ (Kirill Gerstein)

(Pause)

Igor Strawinsky – Petruschka (Fassung von 1947)



Eine naive Frage: Was hat die Liebe zur Musik mit der Liebe zu einem Menschen zu tun? Speist sich diese wie jene aus ein und derselben Quelle? Oder handelt es sich um gänzlich verschieden gelagerte Regungen? Liebe. Das ist ja auch kein kleines Wort, trotz seiner Kürze. Wie heißt es doch so schön im Tristan – „dies süße Wörtlein: und“. Die Verbindung zweier Pole, um (auch mit sich selbst) eins zu werden. Mensch und Musik, Mensch und Mensch, eben besagte Pole. Mitunter vielleicht Universen.

Ach ja richtig, es gab ein Konzert. Mit dem Zauberlehrling kann man ein Orchester von seiner besten Seite zeigen – wenn es denn eine solche hat. Nein im Ernst, das war schon ziemlich gut – differenziert, kraftvoll, mitreißend. Auf den Ravel hatte ich mich am meisten gefreut. Was für ein traumhaftes Stück. Nebenbei bemerkt enthält dies Werk nahezu alles, wofür ich auch Britten liebe. Die Kontraste. Das Auftrumpfende, das Zarte, das Groteske. Und gerade an den Kontrasten hätte man heute noch etwas drehen können. Mehr Gewalt, mehr Mechanik, mehr von diesem spröden Charme des kauzigen Herzensbasken. An dem Solisten hat es wohl nicht gelegen. Beherzt, zupackend, energisch – so soll es sein. Womit wir der unendlichen Geschichte „Warum das NDR SO nicht mein Lieblingsorchester ist“ ein weiteres Kapitel hinzufügen könnten und eine passende Überleitung zum schwächsten Teil des Abends – Strawinskys Petruschka – gefunden wäre.

Warum schwächster Teil? Semyon Bychkov ist ein guter Dirigent, der ein Orchester offenbar zu inspirieren und motivieren weiß. Aber auch jemand wie er kann bestimmte Klangfarben des NDR nicht einfach umlackieren. Dabei sind in meinen Ohren nach wie vor nur die Bläser das Problem, genauer: das Blech. Und es ist ja auch nicht so, daß ich hier am laufenden Band Enttäuschungen erlebt hätte. Ich erinnere noch mal an die fantastische Peer Gynt Aufführung unter Hengelbrock oder die Pathétique mit Honeck. Wobei auch bei letztgenanntem Konzert das Blech nicht vollends zu überzeugen wußte. Doch zurück zum heutigen Abend. Ich muß dazu sagen, daß Petruschka in meiner Gunst weit hinter den geliebten Schlagern Feuervogel und Sacre zurückbleibt. Dieses ganze Drehorgel- und Volkston-Geschnetzelte macht aus struktureller Sicht einen Riesenspaß, spricht mich vom musikalischen Material her aber nicht wirklich an.

Und nun der Knackpunkt: Wenn dann z.B. Das Blech, als in diesem Stück äußerst virtuos und im wahrsten Sinne tonangebend gehandhabte Einheit nicht über entsprechende Klangfarben verfügt, bleibt der Spaß doch irgendwo auf der Strecke. Bestes Beispiel dafür war die Tuba – da interessiert mich nicht, ob der Solist die Töne trifft, es klingt einfach nach Nichts. Es mag von Arroganz zeugen, aber in einem derart virtuosen Stück möchte ich nicht, daß es sich bei den Einsätzen der Hörner und Trompeten so schrecklich nach Arbeit anhört. Ich möchte nicht bangen sondern genießen. Und um die Posaunen nicht auszulassen – weitgehend harmlos. Richtig, aber harmlos. Sehr schade, bedenkt man zumal den traumhaften Streicherklang, den dieses Orchester seit Jahren abruft. Irgendwie ermüdet mich dieses Thema nur noch. Aber ich versuche es halt immer wieder. Warum auch nicht. Ich hörte, Menschen ändern sich bisweilen – warum dann nicht auch ganze Orchester?

7. Juli 2012

NDR Sinfonieorchester – Thomas Hengelbrock.
MUK Lübeck.

20:00 Uhr, Block B, 1. Rang links, Reihe 1, Platz 30












Edvard Grieg – Peer Gynt

(Klaus Maria Brandauer – Rezitation, Christiane Karg – Sopran (Solveig), Adrineh Simonian – Mezzosopran (Anitra), Estonian Philharmonic Chamber Choir, NDR Chor)


In einer Dokumentation über Operngesang sprach ein kluger Kopf einmal von der Sucht der Opernliebhaber, Tränen zu vergießen. Wobei diese Regung untrügliches Zeugnis von empfundenem Glück ablege. Das Sehnen nach solchem Zustand ließe besagte Existenzen zahllose stumpfe Erlebnisse über sich ergehen, motiviert allein durch das Wissen um die Möglichkeit der Ausnahmesituation.

Obgleich Tränen aus meiner eigenen Erfahrung nicht allein durch Gesang zu provozieren sind und nur eine von vielen Wegmarken auf dem mysteriösen Pfad zum Glück darstellen, geht ihr Erscheinen doch in der Regel tatsächlich mit einer besonders gelungenen Darbietung einher. Nicht anders heute. Peers letzte Momente mit seiner Mutter und schließlich seine Rückkehr zu Solveig stellten die emotionalen Höhepunkte eines grandios geglückten Aufführungsexperiments dar, das neben der beliebten Bühnenmusik Griegs nicht weniger als eine komprimierte szenische Wiedergabe des Theaterstücks beinhaltete.

Beeindruckend, wenn auf so viel Wollen ein mindestens gleiches Maß an Können folgt. Nehmen wir das NDR Sinfonieorchester unter seinem neuen Chefdirigenten. Von mir früher gern mal als etwas hölzern agierende Beamtentruppe wahrgenommen, lieferte der Klangkörper hier eine Leistung ab, die begeisterte und mitriß. In dieser Form kann es das Orchester mit den Besten aufnehmen. Nach nur einer Kostprobe ist es vielleicht verfrüht zu urteilen, doch ich glaube, mit Hengelbrock hat man nicht die schlechteste Wahl getroffen.

Von energisch-virtuos bis lieblichst-versonnen führt er die NDRler differenziert und spannungsvoll durch die Partitur. Dabei sind es nicht allein die einzelnen Evergreens des Stückes, die beeindrucken, sondern das große Ganze, gerade im Zusammenwirken mit dem Schauspiel. Szenen von anrührendster menschlicher Tiefe, die Seelenwelt der Protagonisten auslotend, sind das Ergebnis.

Und Brandauer? Es nützt nichts, da muß ich leider wieder pathetisch werden. Ich bin einfach wahnsinnig dankbar, diesen großen Darsteller – und sein wunderbares Schauspiel-Ensemble – bei der Verrichtung seiner Kunst erlebt zu haben. Brandauer ist Peer Gynt. Der übermütige Bursche, der Jungmünchhausen, der Dreiste, der Verführer, der Möchtegernkaiser, der Geschlagene, der Angekommene. Da braucht es keine Schminke und keine Roben, die Verwandlung könnte nicht ergreifender sein.

Wenn schließlich Christiane Kargs lupenreiner Sopran den Heimkehrer umschließt, all seiner Verfehlungen zum Trotz, umgibt alles eine wehmütige Ahnung von Güte und Treue. Mag es sich auch um ein Wiedersehen handeln, für mich überwiegt dennoch die emotionale Parallele zum Abschied von der Mutter. Hier wie dort kommt Peer an einen Endpunkt seines Lebens, in beiden Fällen geht es um Unausgesprochenes, Versäumtes. Auch wenn sein Leben eine Aneinanderreihung von Oberflächlichkeiten und Träumereien darstellen mag, in diesen beiden Momenten erfährt Peer – und wir durch ihn – wie kostbar und verletzlich wahres Glück ist.

Nichts Neues? Mag sein, aber das unmittelbare Erleben, die gelungene Übertragung eines überzeitlichen Gedankens in persönliches Empfinden, scheint mir Beleg genug dafür, daß der heutige Abend mehr bot als alte Musik und alte Verse. Schön, daß ich an dieser Erfahrung teilhaben durfte.

1. März 2012

NDR Sinfonieorchester – Herbert Blomstedt.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, 1. Rang links, Loge 6, Reihe 2, Platz 6



















Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 5



Top-Einführung, kein Zahlengebimse, sondern Strukturanalyse für Einsteiger. Anhand der Klangbeispiele sehr verständliche Querverweise zwischen den Sätzen. So soll’s sein.

Bruckner: Interpretation perfekt. NDR absolut auf Staatskapellenniveau. Einzig die Hörner hier und da mit leichten Unsicherheiten und im Tutti ohne den letzten Wumms. Dafür restliches Blech bombig, eine der stärksten NDR-Leistungen überhaupt. Streicher und Holz ohne Abstriche erstklassig. Traumhafte Violinen, Oboensolo (wie immer) Extraklasse. Blomstedt fit wie ein Turnschuh. Beneidenswert.

Leider massives Bonbongeraschel zu Beginn des zweiten Satzes. Insgesamt aber sehr konzentrierte Stimmung für diesen Brocken.

20. November 2011

NDR Sinfonieorchester – Manfred Honeck.
Laeiszhalle Hamburg.

11:00 Uhr, 1. Rang links, Loge 8, Reihe 2, Platz 8


Arvo Pärt – Cantus in memoriam Benjamin Britten
Wolfgang Amadeus Mozart – Klavierkonzert KV 467 (Rudolf Buchbinder)
Zugabe: Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 8 „Pathétique“ (Finale)

(Pause)

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Sinfonie Nr. 6 „Pathétique“



Die erste Hälfte des Konzerts ist rasch besprochen: Pärt ist und bleibt ein Langweiler, Mozart ödet wie eh und je, Buchbinder ist ein vorzüglicher Solist. Das wirkliche Ereignis des Konzerts aber ist Honeck, der das NDR SO im Tschaikowsky zu einer atemberaubenden Interpretation peitscht.

Sicher sind die Vorzüge des Österreichers schon in der Bildung des Streicherteppichs bei Pärt und im differenzierten Mozart-Konzert zu vernehmen, richtig Spaß macht das Ganze allerdings dann in der Kombination mit einer Musik, die ihn die ganze Palette orchestraler Möglichkeiten ausbreiten läßt.

Dabei treten erfreulicherweise die gleichen Eigenarten hervor, die Honeck bereits in den letzten Begegnungen auszeichnete: eine enorme dynamische Bandbreite, starke Kontraste in den Tempi, insbesondere ein soghaftes Anziehen des Tempos bei Steigerungen, Ausdruck, wie er differenzierter kaum sein könnte, von unerbittlich knackig bis entrückt elegisch. Honeck führt das brave Orchester zur Spitzenleistung, entlockt ihm die entsprechenden Klangfarben, befeuert im Wortsinne.

Sicher, gewisse Schwächen des Orchesters kann er als Gast nicht vollständig abstellen (Hörner und Trompeten sind einfach nicht ideal), aber diese Umstände werden zu Details degradiert, die das große Ganze nicht einzutrüben vermögen. Seit langem endlich mal wieder ein begeisterndes Konzert mit dem NDR dank des fulminanten Zugangs Honecks. Bitte möglichst häufig wieder einladen! Für mein Empfinden einer der vielseitigsten, spektakulärsten, schlichtweg besten Dirigenten überhaupt.

15. April 2011

NDR Sinfonieorchester – Xian Zhang.
Kampnagel Hamburg.

20:00 Uhr, Tribüne, Reihe 18, Platz 4


Alexander Skrjabin – Le Poème de l'Extase

(Pause)

Igor Strawinsky – Le sacre du printemps (Multimediale 3D-Performance; Konzept – Klaus Obermaier)



Akustik auf Kampnagel für Orchesterklang denkbar ungeeignet. Insgesamt zu leise, keine Präsenz, kein Druck. Orchester bestätigt guten Eindruck der letzten Begegnung. Dirigat ordentlich. Problem: Klangfarben können unter diesen akustischen Bedingungen nicht angemischt werden. Der vertraute Sacre erscheint eher als Gerüst, als Gerippe ohne Fleisch. Skrjabin: enormer Aufwand dient geringem Gehalt. Langatmig, harmonisch kaum fordernd. Eine seltsam uneigene Mischung aus Debussy und Feuervogel-Strawinsky mit einer Prise Wagner. Musikalisch einfach nicht mein Fall.

Sacre 3D: Neben dem Orchester tritt eine einzelne Tänzerin auf, deren Tanz in Echtzeit in eine 3D-Landschaft gerechnet wird, die auf ihr Tun reagiert. Die Zuschauer beobachten dies mittels 3D-Brillen auf einer Leinwand über dem Orchester. Klingt interessant, gefiel mir ganz und gar nicht. Hätte lieber allein die Bewegungen der – ausdrucksstarken – Tänzerin verfolgt. Die Animationen hatten stark Testbildcharakter, Effekte aus der Kinderstube der 3D-Tricktechnik. Erinnerungen an Max Headroom, Zini oder Hans Hadulla kommen auf. Das arbeitet alles gegen die Musik, lenkt ab, stört. Der Komplexität des Gehörten wird auf der visuellen Ebene nicht in Ansätzen Rechnung getragen. Plump. Zum Ende kommt dann auch noch die sozialkritische, pseudomoderne Keule aus dem Köcher. Peinlich. Und sowas läuft dann unter „ambitioniert“. Och nö.

7. April 2011

NDR Sinfonieorchester – Paolo Carignani.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 10, Platz 6


Luciano Berio – „Rendering“ für Orchester

(Pause)

Gioachino Rossini – Stabat Mater

(Alessandra Marianelli – Sopran, Laura Polverelli – Mezzosopran, Dmitry Korchak – Tenor, Marco Vinco – Bass, NDR Chor, Chor des Dänischen Rundfunks)



Fürs Blech kein schlechter Platz/Reihe. Orchester heute insgesamt in sehr guter Form. Nichts zu beanstanden. Im Gegenteil: erfreulich schönes Blech, Streicher gewohnt gut usw. Berio/Schubert-Sinfonie: bemerkenswerter Ansatz, die Skizzen zu Gehör zu bringen. Berio-Klangflächen aus „Schubert-Floskeln“ stecken den Rahmen, die zeitliche Abfolge ab, bieten Übergänge zu vermuteten Steigerungen, Gegensätzen von Tempi … Klangvergleiche zu Mahler, Strauss, Busoni kommen auf. Keine Vollendung, sondern eine Bühne, eine Präsentation (möglicher) Schubert-Absichten. Viele Details geben der „Ausgrabung“ recht. Gedanken: Was darin ist Schubert? Was macht die „schubertische“ Instrumentation Berios mit dem Schubert-Material ? Sehr interessant!

Rossini: In einem dem Inhalt angemessenen Rahmen (Beginn und Schluß) steckt eine Opern-Mogelpackung, angefüllt mit dem Abgeschmacktesten, Seichtesten. Teilweise kaum zu ertragen. Sängerriege leider auch nicht erste Wahl. Tenor bemüht, Stimme ok, versemmelt Spitzenton. Bass unsensibel. Sopran intonationsschwach trotz schöner Stimme. Mezzo ok. Dirigat: Carignani macht seine Sache gut – insbesondere im Rossini. An ihm lag es nicht, daß das Werk ekelte.