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8. Oktober 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Thomas Hengelbrock.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Ebene 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Witold Lutosławski – Musique funèbre
Wolfgang Amadeus Mozart – Requiem d-Moll KV 626
Zugabe: 

Johann Sebastian Bach – „Du, o schönes Weltgebäude“ 
BWV 301 und „Komm oh Tod, du Schlafes Bruder“ aus 
„Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ BWV 56

(NDR Elbphilharmonie Orchester,
Balthasar-Neumann-Chor und -Solisten,
Anna Lucia Richter – Sopran, Wiebke Lehmkuhl – Alt,
Lothar Odinius – Tenor, Tareq Nazmi – Bass)



Lutosławskis Trauermusik als „modernes“ Entree zu einem Totenmessen-Klassiker – da war doch was. Richtig, Tate hat es bereits 2014 in Hamburg vorgemacht, als die Eröffnung der Elbphilharmonie noch in den Sternen stand, seinerzeit mit dem Brahms-Requiem (Link). Was nicht suggerieren soll, dass die Symphoniker Hamburg, damals noch Hamburger Symphoniker, diesen Programm-Kniff erfunden hätten. Interessant eher, dass die Aufführung eines allseits bekannten Trauer-Opus offenbar gern als Anlass genommen wird, doch auch mal das Lutosławski-Stück zu präsentieren. So schrecklich oft ist der Pole ja sonst nicht im Konzertsaal anzutreffen. Was sehr schade ist, wie ich nach dem heutigen Abend wieder feststellen konnte.

Das etwa 15-minütige Werk für Streicher mag vor Tritoni und Dissonanzen nur so zu strotzen – Stichwort Clusterbildung – für mich klingt diese Musik, obwohl ich sie nicht gut kenne, äußerst vertraut und nah. Im Mittelteil, nachdem alles zur Ruhe kommt und leises Pizzicato einen neuen Abschnitt einleitet, sehe ich im Gesang der Violinen, begleitet von den Celli und Bratschen, während die Bässe ehrfürchtig schweigen, eine faszinierende Parallele zu Hindemith, genauer zur Mathis-Sinfonie. Die Streicherflächen der Grablegung, aber auch eine bestimmte Passage aus dem dritten Satz, der Versuchung des hl. Antonius, kommen mir in den Sinn. Nicht, dass Lutosławski hier Hindemith zitieren würde, aber die Stelle strahlt diese gleiche entkörperlichte, überirdische Schönheit gepaart mit tiefer Wehmut aus. Wahrscheinlich gibt es darüber hinaus viel naheliegendere Verbindungen zu Bartok, dem Lutosławski das Stück schließlich gewidmet hat, nur bin ich in dessen Œuvre leider nicht so firm.

Mit Mozart hingegen ist natürlich jeder vertraut. Sollte man zumindest meinen. Also ich ohnehin bekanntermaßen weniger – aus Gründen. Dennoch war es auch und gerade für mich besonders erfreulich, dass in der Einführung, nachdem wie üblich die Melange aus Legendenbildung und Anekdotenhalbwissen-Bingo, welche traditionell das Requiem umweht, nur noch einmal kurz umrissen und abgefertigt wurde, Herr Heile ein weitaus interessanteres Thema anschnitt: Mozart und seine Inspirationsquellen. Auch Mozart hat – wie alle Großen – geklaut, aber dabei – wie alle Großen – Neues hinzugefügt, weiterentwickelt. Eigentlich wenig überraschend, aber es gibt sicher nicht wenige Verklärer, die den Göttlichen gern als Gestirn, das sich einzig um sich selbst dreht, sehen würden. Mumpitz. Händel, Bach, Haydn – zur Abwechslung mal der Michael – haben alle spannende Sachen abgeliefert, so spannend, dass Mozart deren Aneignung und Veredelung im Betracht zog. Auch eine interessante Einschätzung: Mozart sei eher Vervollkommner bzw. Vollender denn Erfinder gewesen – im Gegensatz zu Haydn (jetzt aber der Joseph). Apropos Vollendung: jene des Requiems sei übrigens weniger aufgrund künstlerischer Weitsicht, sondern mehr aus der Sorge Constanzes um die bereits eingesackte Anzahlung und noch fehlende Schlussraten für die Messe angeschoben worden. Solche Anekdoten finde ich dann doch amüsant.

Das heutige Programmheft beherbergte die Besetzung des Orchesters als Faltblatt nebst Mini-Interview zum Thema historische Aufführungspraxis. Ich persönlich kann mich wirklich stundenlang mit der Entwicklung der Instrumente beschäftigen – auf Wikipedia, nicht im Konzertsaal. Konvex gebogene Bögen, ventillose Trompeten, Barockposaunen, kleinere Pauken, von mir aus. Ok, es ist klar, dass Mozart in Straussbesetzung diese Art von Musik in Sachen Transparenz nicht unbedingt nach vorne bringt, aber das ganze Gewese um (pseudo-)alte Instrumente bleibt mir bis auf Ausnahmen schleierhaft. Oder anders ausgedrückt: nicht uninteressant, aber im Ergebnis selten luststeigernd. Geschichtsunterricht halt. Ich bin sehr gern nach Gotha gefahren, um mir die alte Bühnentechnik mit ihren von Geisterhand wechselnden Papp-Scherenwänden in Aktion anzusehen, aber ich bin heilfroh, dass es an den Theatern heute auch in Barockopern mehr als die Option gibt, Bäume durch Säulen auszutauschen. Was sicher kein Plädoyer für ein anderes, viel schlimmeres „Pseudo“ sein soll, den (Pseudo-)Realismus im Theater. Aber ich schweife ab.

Viel wichtiger als irgendwelche Nasenhaarbögen und Posaunen mit oder ohne Schnüffelstück ist im Konzert immer noch der Einsatz der Musiker, nicht zuletzt des Dirigenten. Gefiel mir der Lutosławski unter Hengelbrock noch ausgesprochen gut, ja erwies sich als packend und intensiv, brachte er mit dem Requiem das Kunststück fertig, eines der wenigen Stücke Mozarts, für das ich so etwas wie leise Sympathie, mitunter gar Bewunderung hege, so blutleer und trocken in die makellose Akustik der Elbphilharmonie zu versenden, dass es auch dieses Mal ein Kampf auf Leben und Tod mit dem Sandmännchen wurde.

Gleich der Beginn – warum so hastig? Man kann auch schreiten, ohne zu schleppen und trotzdem den natürlichen Atem bewahren. Das Dies irae – gehetzt, verstolpert. Das Lacrimosa – seltsam aseptisch, dazu mit irritierend punktierten Betonungen. Dabei verfolgt der Mann vom Grundsatz her doch eigentlich vielversprechende ästhetische Ansätze: klare dynamische Kontraste, eine zum Teil äußerst knackige, fast aggressive Gangart in den schnellen Passagen (Rex tremendae majestatis) – wenn ich doch nur sein Timing nachvollziehen könnte. Da bringt mir auch der Hinweis aus dem Programmheft nicht viel, dass man mit Barockbögen deutlich agiler unterwegs sein kann, wenn das Ergebnis ohne die entsprechende Präzision an meinen Ohren vorbeischrammelt. Wo wir wieder beim Klang sind: dafür dämpfen diese tollen historisch verbürgten Bögen den Streicherklang dermaßen, dass er in der tendenziell ohnehin streicherfressenden Akustik des Saales, von Bläsern und Choristen übertönt, ein Schattendasein fristen muss.

Am Ende entschädigte zumindest die unverhoffte Zugabe ein wenig. Bach als zarter Klangtest für Ohren und Halle. Gerade der Schlusschoral der Kreuzstab-Kantate, a cappella durch den Balthasar-Neumann-Chor dargeboten, vermittelte auf den letzten Metern des Konzerts jenen feinen, schwebenden Charakter, der wohl bereits den ganzen Abend intendiert war – leicht, aber nicht leichtgewichtig. Und schloss gleichzeitig den Kreis zur Einführung: das Aufgreifen eines musikalischen Gedankens für ein neues Werk, hier mit dem Sonderfall, dass „Urheber“ und „Entlehner“ ein und dieselbe Person sind.

31. Januar 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester –
Thomas Hengelbrock.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:30 Uhr, Ebene 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 10



Bedřich Smetana – Vlatana (Die Moldau)
Maurice Ravel – Tzigane (Patricia Kopatchinskaja – Violine)
Zugabe: Maurice Ravel – Sonate für Violine und Violoncello,
2. Satz " Très vif"
(Patricia Kopatchinskaja – Violine, Nicolas Altstaedt – Violoncello)

(Pause)

Richard Strauss – Suite aus „Der Rosenkavalier“ op. 59
Zugabe: Richard Wagner – Lohengrin, Vorspiel 3. Akt



Wer am Veranstaltungstag wach und online ist, kann momentan fast bei allen Konzerten in der Elbphilharmonie noch Glück haben und eine Karte erhaschen. So bekam ich am Dienstag spontan die Möglichkeit, das NDR Elbphilharmonie Orchester unter seinem Chefdirigenten das erste Mal live in ihrer neuen Heimstätte zu hören, nachdem ich das Eröffnungskonzert nur aus der Konserve erlebte (Link). Dabei besonders aufschlussreich: mein Platz war nahezu identisch mit jenem bei der Wiener Offenbarung vor ein paar Tagen (Link). Dann steht einer Prüfung auf Herz und Nieren nebst Vergleich also nichts mehr im Wege.

Ich muss sagen, dass ich die "Gefahr", der Saal verzeihe keine Unzulänglichkeiten (bzw. mehr als andere), weiterhin so nicht nachvollziehen kann. Neben der wohl unstrittigen Transparenz, zeichnet ihn meiner Ansicht nach eher aus, klangliches Potenzial besser ins Bewusstsein zu bringen, oder, wie ich den heutigen Eindruck zusammenfassen möchte: der Saal schmeichelt dem NDR. Stärken, wie der feine Streicherklang, den ich seit jeher an diesem Orchester schätze, werden noch verstärkt – homogen, strahlend, von zurückhaltend bis durchdringend, alles auf Abruf vorhanden. Aber auch Elemente, die mich in der Vergangenheit eher weniger zu Begeisterungsstürmen hinreißen ließen, wie eine relativ harmlose Posaunengruppe, erfahren in der Elbphilharmonie eine deutliche klangliche Aufwertung. Zumindest in der Gestalt, dass die Äußerungen runder, plastischer rüberkommen, sich (eben trotz besagter Transparenz) besser in das gesamte Gefüge integrieren.

Sowohl die Rosenkavalier-Suite als vor allem auch die Wagner-Zugabe bot hier erhellendes Testmaterial – allerdings auch in der Form, dass man sehr wohl hört, was weiterhin fehlt bzw. entwickelt werden muss: Persönlichkeit der Klangfarben und eben jenes ehrfurchtgebietende, satte Fundament, welches in anderen Orchestern von diesen Instrumenten ausgeht. Woran dies liegt, ob am Material und/oder der Spielweise, kann ich als musikalischer Laie nicht beurteilen – den Unterschied hören allerdings durchaus, und zwar in jeder Halle. Genauso wie den ein oder anderen Wackler oder unschönen Ansatz bei den Trompeten – das kann einem ziemlich wurscht sein, unter welchen akustischen Bedingungen man sich darüber auf die Lippe beißt. Aber lassen wir es mal mit dem Blech-Bashing gut sein, viel wichtiger: Insgesamt betrachtet war es ein richtig gutes Konzert!

Überhaupt scheint mir das ganze Konzept der "Konzerte für Hamburg"-Reihe sehr gelungen. Hengelbrock greift neben dem Taktstock immer wieder auch zum Mikrophon, um eingangs zu umreißen, was überhaupt auf dem Programm steht, und dann jedes einzelne Stück kompakt vorzustellen. Kein Fachchinesisch, sondern beispielsweise für die Moldau ein paar Hinweise zu eingesetzten Instrumenten und deren Funktion auf der sinfonisch gedichteten Fahrt Richtung Elbe – sympathisch und kurzweilig. Und auch wenn die Vermutung nahe liegt, dass sich ein Großteil der Besucher – wie ja ausdrücklich beabsichtigt – nicht aus dem Stammpublikum klassischer Konzerte rekrutiert (dem Aufruf nach legerer Kleiderordnung wird bereitwillig entsprochen, die Selfie-Dichte ist noch eine Spur höher und Haribo-Tüten sind sonst eher seltene Mitbringsel), ist die Atmosphäre während des Konzerts erfreulich konzentriert und weit weniger hustenbefrachtet als mancher Aboabend. Wahres Interesse schafft eben wahre Aufmerksamkeit.

Und die Musiker des NDR und ihr Chef verdienen diese auch, indem sie die Stücke mit klanglichen Finessen und überzeugender Lesart präsentieren. Die bereits unzählige Male befahrene Moldau sprudelt frisch und kräftig, die Mondschein-Passage verzaubert mit kristallenem Streichergewebe, feinen Holzbläsergirlanden und Harfenglanz; das Rosenkavalier-Konzentrat mundete als musikalische Kalorienbombe vorzüglich (hier haben mich vor allem die Hörner positiv überrascht). Hengelbrocks Dirigat ist durchweg überzeugend und gestaltet, beispielsweise wenn er die tänzerische Bauernhochzeit am Ufer der Moldau durch rhythmische Akzentuierung und leichte Verzögerungen schön derb und täppisch skizziert. Auch beim Strauss erreicht er eine bemerkenswerte Geschlossenheit der an sich losen Szenenfolge, selbst im Lerchenauischen Tumult greift alles ineinander, Rosenübergabe und Schlussterzett atmen den Zauber zum Stehen gebrachter Zeit. Einzig mit der leichten Tendenz, bei melodischen Steigerungen ein wenig ins Eilen zu verfallen, anstatt sie auszukosten, kann ich mich nicht anfreunden – ein Zug, der mir schon im Parsifal-Vorspiel der Eröffnung missfiel.

Meiner Bewunderung für Frau Kopatchinskaja habe ich zwar bei früheren Gelegenheiten bereits zur Genüge Ausdruck verliehen, doch auch der heutige Auftritt brachte wieder alles mit, um sich frisch in ihr Spiel zu verlieben. Feuereifer und Innigkeit; eine Spannung bzw. Gespanntheit, die alles unter 100 % Einsatz und Hingabe für das Werk ausschließt; rasende Virtuosität gepaart mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Daß sie für die Ravel-Zugabe den Solisten des kommenden Konzertes zum konspirativen Funkenschlagen auf die Bühne bat, unterstreicht, wie viel ursprüngliche Freude ihr das Musizieren bringen muss – und sowas überträgt sich leicht auf jede Zuhörerschaft.

Fazit: Die Konzerte für Hamburg halten das, was sie versprechen: Einen Abend komprimierte Einführung in die Welt der Klassik auf Spitzen-Niveau.

11. Januar 2017

Eröffnungskonzert
NDR Elbphilharmonie Orchester –
Thomas Hengelbrock.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Oberdeck Salonschiff auf der Elbe / links auf dem heimischen Sofa



Benjamin Britten – Nr. 1 "Pan" aus: Sechs Metamorphosen nach Ovid op. 49 
(Kalev Kuljus – Oboe)

Henri Dutilleux – Mystère de l'instant (I. Appels – II. Échos – III. Prismes)

Emilio de‘ Cavalieri / Antonio Archilei – "Dalle più alte sfere" aus "La Pellegrina" (Philippe Jaroussky – Countertenor, Margret Köll – Barockharfe)

Bernd Alois Zimmermann – Photoptosis, Prélude für großes Orchester (Iveta Apkalna – Orgel)

Jacob Praetorius – Motette "Quam pulchra es" (Ensemble Praetorius)

Rolf Liebermann – Furioso für Orchester (Ya-ou Xie – Klavier)

Giulio Caccini – "Amarilli mia bella" aus "Le nuove musiche" (Philippe Jaroussky – Countertenor, Margret Köll – Barockharfe)

Olivier Messiaen – Turangalîla-Sinfonie, 10. Satz (Finale) (Ya-ou Xie – Klavier, Thomas Bloch – Ondes Martenot)

(Pause)

Richard Wagner – Vorspiel zu "Parsifal"

Wolfgang Rihm – Reminiszenz, Triptychon und Spruch in memoriam Hans Henny Jahnn (Uraufführung) (Pavol Breslik – Tenor, Iveta Apkalna – Orgel)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125, 4. Satz, Presto – Schlusschor über Schillers Ode "An die Freude" (Hanna-Elisabeth Müller – Sopran, Wiebke Lehmkuhl – Alt, Pavol Breslik – Tenor, Bryn Terfel –Bassbariton)



Da in Bezug auf das Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie die alte Feststellung geradezu schraubstockartig zu greifen scheint, daß zwar bereits alles gesagt ist, nur eben nicht von jedem, möchte ich heute selbst in diesen Chor einstimmen und bei der Gelegenheit gleich mal mit einer Tradition brechen – nämlich über ein Konzert schwadronieren, das ich selbst gar nicht besucht habe. Sofern ein in Regen und Wind ertrotzter Stehplatz an Deck eines radiolosen Seelenverkäufers nicht doch in Teilen als Besuch zählt. Aber wer braucht schon Ahnung, wenn er eine Meinung hat – ein Wesenszug, der mich mit Myriaden von Facebook- und Sofakommentatoren verbindet. Und wofür gibt es schließlich den Mitschnitt. Also frisch ans Werk.

Meine Lieblingsfloskel als "kritische" Reaktion auf das Eröffnungskonzert ist, noch weit vor "Bonzenveranstaltung!" und "Wie viele Kitas mit musikalischer Früherziehung für obdachlose Tierbabys hätte man mit all dem Geld finanzieren können!" ganz klar "Die Stückauswahl war eine vertane Chance, den Menschen klassische Musik näherzubringen." – beziehungsweise die gebräuchlicheren Derivate "Katzenmusik!" oder "Scheiß Mucke!!1!". Eine Vielzahl der von Herrn Hengelbrock ausgewählten Stücke scheint demnach nicht ganz den Geschmack aller getroffen zu haben. Das Programm liest sich in der Tat auch für halbwegs erfahrene Konzertgänger wie mich überraschend unvertraut. Womit ich dezidiert den ersten Teil des eigentlichen Konzertes meine, nicht die mit den üblichen Verdächtigen Beethoven, Mendelssohn und Brahms bestückte musikalische Rahmung der Reden des vorangegangenen Festaktes.

Obwohl ich mir über den wichtigsten Aspekt einer jeden Aufführung, die akustische Wirkung im Raum, wie bereits bedauert, leider kein Urteil erlauben kann, muss ich doch meiner Begeisterung über die Konzeption des Konzertprogramms Ausdruck verleihen, die mit jedem Stück wuchs. Den Auftakt macht mein geliebter Britten, allerdings mit einem Stück, das bislang ein ungehörtes Dasein in meinem Plattenschrank fristete. Kalev Kuljus intoniert "Pan" aus den sechs Metamorphosen nach Ovid von einer höher gelegenen Etage ins Dunkel des gedimmten Saales. Am Anfang war die Melodie, stellvertretend vorgetragen von der Oboe – dem intonationsgebenden Instrument eines jeden Konzerts, das auch hier den Beginn markiert. Der folgende Dutilleux ist eine Ohrenweide für alle Freunde kristalliner Streicherklänge, ein schwebender Hauch, zeitweise getragen vom satten Fundament der Bässe, kontrastiert durch Pizzicato-Tropfen und die das feine Gewebe durchschneidenden Schläge der Zymbal.

Einschub: Mein Kompliment an die Regie – die währenddessen gezeigten Nahaufnahmen der Wandstrukturen, mit minimaler Schärfentiefe gefilmt, zeugen wie viele weitere an diesem Abend noch folgende Einstellungen von der äußerst geglückten Unternehmung, die Architektur der Spielstätte ästhetisch höchst virtuos in den audiovisuellen Fluss der Übertragung einzubinden. Vielleicht sogar mehr noch als der eigentliche programmatische Blickfang der mit Licht und Projektionen in Szene gesetzten Fassade.

Zurück zu Dutilleux. Klar, der Name ist mir oft begegnet, aber wer konnte ahnen, welch großartige, atmosphärische Musik das ist. Klarer Punkt für Hengelbrock. Über die interpretatorische Qualität lässt sich mangels Vergleichsmöglichkeiten wenig sagen, jedoch wüßte ich nicht, wie man dieses fragile Material besser vermitteln könnte.

Einen besseren Vermittler für die Kunst der Countertenöre als Philippe Jaroussky wird man jedenfalls schwerlich finden. Technische Brillanz und Flexibilität, gepaart mit feinst nuancierter Phrasierungskultur lassen diese überirdische Stimme zum Ereignis werden. Nein? Man ist irritiert? Warum singt der Mann da wie eine Frau und kommt das womöglich häufiger vor? Bei Gedanken wie diesen einfach getrost weiterspulen oder die Begriffe "Countertenor" und "Altus" googeln. Weiter im Text. Allein von der Harfe begleitet liefert Jaroussky eine Definition von Stimmbeherrschung und transportiert die uns auf den ersten Blick unendlich weit entfernten Stücke der Renaissance bzw. des Frühbarock beseelt ins Hier und Jetzt. Ruft man sich zudem das Faible des NDR-Chefs für sogenannte alte Musik ins Gedächtnis, sind diese Programmpunkte ebenso wie die später vom Ensemble Praetorius dargebotene Motette ihres Namensgebers weit weniger überraschend.

Bernd Alois Zimmermann ist vielleicht der dickste Brocken für all diejenigen, für die Klassik irgendwo zwischen der kleinen Nachtmusik und der letzten Biegung der Moldau abgesteckt ist. Eine große Albtraummusik, mag der ein oder andere bei dem Stück denken, in dem sich zum ersten Mal an diesem Abend auch das Blech Gehör verschafft und das mit Macht. Aber auch hier zeigt sich – unabhängig vom Stilmittel der stetigen Steigerung der eingesetzten Mittel, gegenübergestellt jeweils mit kammermusikalischen Werken von der Empore – die Stringenz in der Stückwahl durch Hengelbrock. Dem geneigten Klassikfreund werden die splitterhaft auftretenden Zitatfetzen nicht entgangen sein: Die Trompeten skandieren den Moment der Klimax aus Beethovens Neunter, kurz bevor der Bass mäßigend seine Stimme erhebt – der Weg zum Finale des heutigen Abends ist hier bereits vorgezeichnet. Und wir lauschen weiter: Wagners Parsifal huscht als Schatten an uns vorbei – im Anschluss an die Pause wird das komplette Vorspiel zu erleben sein. Weitere Bruchstücke sind zu hören, unter anderem Skrjabin und Tschaikowsky, eine weitere Stelle aus der Neunten, genauer dem Scherzo, eine zerrüttete Collage durch Zeiten und Stile, gefasst von bedrückenden Klängen der Moderne. Orchester und Orgel rauschen auf in einem Taumel physischer Gewalt.

Und wieder: dieser Kontrast, den die anschließende kontemplative Polyphonie der Motette schafft, ist mehr als nur Effekthascherei. Quam pulchra es – Wie schön! Es folgt meine persönliche Entdeckung des Abends. Rolf Liebermann war mir zwar als langjähriger Hamburger Intendant und Namenspatron des oft besuchten Saales in der Oberstraße geläufig, aber mir war nicht bewusst, was mir da musikalisch durch die Lappen gegangen ist. Das dreiteilige Stück beginnt und endet, wie es der Titel erahnen lässt, mit einem drängenden Sturmlauf des Orchesters. Eilende Streicher, fast schon jazzige Harmonien erinnern ein wenig an Bernstein. Und dann erst dieser wunderschöne Mittelteil, der ruhige Beginn mit den solistisch eingesetzten Holzbläsern gemahnt an Hindemith (Mathis der Maler), sich in stetigem Crescendo unter Mitwirkung schmachtender Streicher und ehernem Blech hymnisch steigernd – ein bislang unbekannter Triumph der Tonalität aus dem Jahre 1947. Und in den Ecken ist ordentlich Dampf drin, Hengelbrock treibt sein Orchester zu knackiger Virtuosität; das bei mir latent unter NDR abgespeicherte Menetekel der Beamtentruppe zerstob unter präzisen Läufen und forschem Charakter.

Nach dem zweiten Auftritt Jarousskys fungiert das Finale der Turangalîla-Sinfonie als Rausschmeißer zur Pause. Das Werk Messiaens ist als Ganzes ein etwas häufigerer Gast in den Programmen, trotzdem beweist Hengelbrock auch mit diesem vorläufigen Schlussstein seiner Reise durch die Jahrhunderte einen Geschmack für das Extravagante. Gut so! Unter vollem Einsatz des Orchesters, bekrönt von Piano, Schlagwerk und den elektronischen Jauchzern des Ondes Martenot findet die erste Konzerthälfte nach einem majestätischen Choral mit einem beeindruckenden Tutti-Crescendo, das in den neuen Saal verhallt, seinen würdigen Abschluß.

Nach der Pause das Parsifal-Vorspiel, dessen Auftreten sowohl Kraft der irisierenden Klangwirkungen, die es bereithält, als auch Aufgrund seiner Motto-gebenden Funktion für das ganze Konzert begründet ist, welches Hengelbrock mit dem Gurnemanz-Zitat "Zum Raum wird hier die Zeit" belegt hat. Wenn man denn unbedingt etwas herummäkeln möchte, dann hier, bzw. rein an der technischen Ausführung . Ja, die Posaunen setzen nicht wirklich unisono ein, ja, die Trompete produziert einen unschönen Wackler an exponierter Stelle, etc., aber hier sollte man auch mal den Gral in der Burg lassen – Unsauberkeiten wie diese sind erstens keine Seltenheit und kommen zweitens auch bei den besten Orchestern vor. Süß der Verweis aus der Süddeutschen, daß die beste Akustik aus einem Durchschnittsensemble nicht die Wiener Philharmoniker macht. Unabhängig davon, ob beispielsweise deren naturhornbedingte Kiekseranfälligkeit gerade hier für den Vergleich taugt, liegt natürlich darin die Crux, dass mit dem NDR zumindest nominell kein sogenanntes Orchester von Weltgeltung das Heimrecht in der Elbphilharmonie genießt. Alles was ich jedoch per Kopfhörer daheim vernommen habe, konnte sich klanglich und, von den angesprochenen, zugegebenermaßen unschönen Patzern abgesehen, ebenfalls technisch durchaus hören lassen. Ich denke, auch für das NDR Elbphilharmonie Orchester beginnt mit ihrer neuen Spielstätte eine Reise, deren Entwicklung man erst in ein paar Jahren wird absehen können. Klar, mit der Umbenennung allein ist noch nichts gewonnen. Kurz zur Lesart durch Hengelbrock: Durchaus behutsam, transparent gestaltet, in der Ausformulierung manches Melodiebogens mir persönlich etwas zu hastig, kurzatmig, insgesamt aber definitiv nicht einfach nur langsam hingenudelt, wie es der Tod für dieses Wunderwerk der Opernliteratur wäre. Kann man definitiv so machen.

Der nahtlose Übergang zum Rihm wirkt verblüffend homogen. Das Auftragswerk bringt uns einen weiteren Hamburger Künstler nah, von dem zumindest ich auch nur den nach ihm benannten Weg in Uhlenhorst kenne: Hans Henny Jahnn. Die vier Stücke taugen nicht unbedingt als Stimmungsheber zum Mitschunkeln, spiegeln offenbar aber die Persönlichkeit Jahnns wider, welche die Vertonung eigener und fremder Verse umreißt. Düster, grüblerisch mäandert die Musik dahin, durchaus melodisch, im Grenzbereich zwischen Tonalität und Atonalität changierend. Mir gefällt´s. Dazu Pavol Bresliks strahlend-feiner Tenor, weniger heldisch als der eigentlich vorgesehene Jonas Kaufmann, aber klar und ausdrucksstark mit guter Textverständlichkeit – soweit man das über Mikrophon beurteilen kann. Währenddessen entwickelt das Werk einen schmerzverzerrten Furor, die Orgel kommt zu ihrem Recht – vielleicht eine Anspielung auf Jahnns Liebe zu diesem Instrument. Mir erscheint es bemerkenswert zur Eröffnung eines neuen Hauses eine solch nachdenkliche Arbeit vorzulegen. Aber warum nicht, gewissermaßen das Pendant zu Brahms: Vier ernste Gesänge über die Vergänglichkeit.

Zumal Hengelbrock es nicht bei diesem toten Punkt beläßt – mit schmetterndem Blech und energischen Bässen sorgt Beethoven für den letzten großen Kontrast des Abends und mahnt: "O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!" Ich will nicht ausschließen, daß er damit auch all jenen aus dem Herzen spricht, von denen eingangs die Rede war. Nun ja, was den einen abstößt, ist für den anderen eine der stringentesten Programm-Konzeptionen seit langem. Klar, man hätte auch einfach ein bisschen Mozart, Beethoven und Brahms hinter einander wegdudeln lassen können, wie man das sonst so in tausendfach durchgekauter Ödnis kennt – zumindest wenn man von Zeit zu Zeit einen Konzertsaal von innen gesehen hat. Der ganzen Fraktion "Warum nicht was Gefälliges, das auch Laien mitnimmt?" möchte ich nur sagen, daß meiner Ansicht nach generell niemand bei Klassik im vorbeigehen mitgenommen wird. Das ist Mumpitz. Phrasen wie "Das ist so schöne Musik, die begeistert auf Anhieb" gehören meiner Erfahrung nach ins Reich der Märchen und Sagen. Selbst das sogenannte Klassik-Klientel findet in der Regel das prima, was es bereits kennt, und tut sich schwer mit allem "Neuen". Dabei ist es mit der Klassik wie mit so vielem: erst intensive Beschäftigung damit bringt Erlebnisse jenseits der Oberflächlichkeit hervor. Nicht daß das jeder so zu handhaben hat, man kann in der Musik natürlich auch nur eine nette Nebensache sehen, die im rechten Moment die Stimmung hebt oder die Zeit am Bügelbrett verkürzt – warum nicht. Schön aber, daß Herr Hengelbrock seine Funktion als künstlerischer Leiter des Abends tatsächlich mit dieser, zugegebenermaßen anspruchsvollen, Konzeption wahrgenommen und sich, sein Orchester und nicht zuletzt den neuen Saal in einer Art und Weise persönlich vorgestellt hat, wie ich es bei einem Ereignis der Randgruppen-Sparte Klassik, das so im Fokus der Öffentlichkeit stand, nie für möglich gehalten hätte. Meinen tiefsten Respekt.

3. Dezember 2014

Balthasar-Neumann-Ensemble und -Chor –
Thomas Hengelbrock. Laeiszhalle Hamburg.

19:15 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16

















 
Johann Sebastian Bach – Messe h-Moll BWV 232

(Solisten aus dem Balthasar-Neumann-Chor)



Bachs h-Moll Messe. Bei diesem Werk jagt ein Superlativ den nächsten. „Das wichtigste, das größte Werk Bachs, ja wahrscheinlich das größte Kunstwerk überhaupt“ tönt es einem in der Einführung aus Ehrfurcht gemahnendem Zitatefundus entgegen. Ich möchte gern eine weitere Höchststufe ergänzen: Größte Langeweile, die mich beim Erdulden dieses recht ausgedehnten Gipfelpunktes abendländischer Kultur gleich von Beginn an überkam und die bis auf wenige gnädige Ausnahmen auch nicht wieder von mir abzulassen gedachte. Nach den ersten Minuten kehrt die staubtrockene Erinnerung zurück, daß ich mich bereits vor einigen Jahren einmal durch jenes Wunderwerk quälen mußte, in der Kölner Philharmonie war das, Anno 2010. Aber Abo ist Abo und Bach gebührt nun wirklich jedes Recht auf eine zweite Chance. Umso ernüchternder, daß die Neuauflage zur gut zweistündigen Reminiszenz des faden Erlebnisses in der Domstadt geriet – ein anderer Ort, andere Umstände, andere Mitwirkende, gleiches Ergebnis. Seinerzeit waren Eitelkeit und Selbstüberschätzung noch nicht so weit in mir gediehen, als daß ich mein Frönen der Subjektivität bereits an dieser (Internet-)Adresse auf die Menschheit losgelassen hätte, aber nichts desto trotz finden sich nach kurzer Suche in einem Notizbüchlein von 2010 folgende Zeilen:

„Reihe 22: deutlich höher als bei Martin/Tippett, dennoch famose Akustik. Etwas leiser, aber tadellos durchhörbar und klangschön. Man vernimmt selbst das „Spuckepusten“ der Trompeten. Chor, Orchester und Solisten lieferten eine gute, professionelle Leistung, Dirigat wie’s sein soll, vielleicht eine Spur zu kuschelig. Von den Solisten bleibt nur die Altistin im Langzeitgedächtnis (Agnus Dei!). Hornist mit Naturhorn zweifelhaft. Das Werk: ich spreche es einfach mal aus: bis auf wenige Stellen haut mich die Messe nicht um. Es zieht sich gewaltig, vieles hört sich für mich (aufs erste Hören) gleich an. Ich hoffe, ich tue dem Werk Unrecht und harre auf einen weiteren Versuch. Schade.“

Besonders erschreckend ist der Hinweis auf das Agnus Dei, weil dieser Teil auch dieses Mal der einzige wirkliche Lichtblick der gesamten Aufführung für mich darstellte – ohne daß ich mich etwa an mein Geschreibsel von vor vier Jahren erinnert hätte. Herr Potters Vortrag ließ mich – auch Kraft seiner ungemein klangschönen und ausdrucksstarken Stimme – kurz vor Toresschluß einmal die Art von Intensität erleben, wie ich sie ansonsten schmerzlich vermisst habe. Was rein gar nichts mit dem Vortrag und den Fähigkeiten der anderen Beteiligten zu tun hatte, davon gehe ich mittlerweile aus. Der schwarze Peter lag nicht beim Chor oder den Solisten, weder beim Orchester oder Herrn Hengelbrock, auch nicht bei der Raumtemperatur im Saal oder der Mondphase, sondern einzig und allein bei Bach selbst – oder eben meinem Banausentum, das vor dergestaltiger Vollkommenheit auch im zweiten Versuch kapitulierte.

Doch halt, ich lasse mir meinen Bach nicht durch die eigene Blödheit madig machen. Den Bach der Passacaglia und Fuge in c-Moll, den Bach der Sonaten und Partiten für Violine, den Bach der Suiten für Cello, den Bach über den mich ein Glenn Gould immer wieder staunen läßt. Aber vielleicht hänge ich auch einfach nur im instrumentalen Bach fest und es besteht noch Hoffnung. Ob größtes, allergrößtes oder am Ende doch nur halb- oder mittelgrößtes – es wird schon was dran sein. Ich bleibe auf der Suche und offen für Anregungen Angekommener.

7. Juli 2012

NDR Sinfonieorchester – Thomas Hengelbrock.
MUK Lübeck.

20:00 Uhr, Block B, 1. Rang links, Reihe 1, Platz 30












Edvard Grieg – Peer Gynt

(Klaus Maria Brandauer – Rezitation, Christiane Karg – Sopran (Solveig), Adrineh Simonian – Mezzosopran (Anitra), Estonian Philharmonic Chamber Choir, NDR Chor)


In einer Dokumentation über Operngesang sprach ein kluger Kopf einmal von der Sucht der Opernliebhaber, Tränen zu vergießen. Wobei diese Regung untrügliches Zeugnis von empfundenem Glück ablege. Das Sehnen nach solchem Zustand ließe besagte Existenzen zahllose stumpfe Erlebnisse über sich ergehen, motiviert allein durch das Wissen um die Möglichkeit der Ausnahmesituation.

Obgleich Tränen aus meiner eigenen Erfahrung nicht allein durch Gesang zu provozieren sind und nur eine von vielen Wegmarken auf dem mysteriösen Pfad zum Glück darstellen, geht ihr Erscheinen doch in der Regel tatsächlich mit einer besonders gelungenen Darbietung einher. Nicht anders heute. Peers letzte Momente mit seiner Mutter und schließlich seine Rückkehr zu Solveig stellten die emotionalen Höhepunkte eines grandios geglückten Aufführungsexperiments dar, das neben der beliebten Bühnenmusik Griegs nicht weniger als eine komprimierte szenische Wiedergabe des Theaterstücks beinhaltete.

Beeindruckend, wenn auf so viel Wollen ein mindestens gleiches Maß an Können folgt. Nehmen wir das NDR Sinfonieorchester unter seinem neuen Chefdirigenten. Von mir früher gern mal als etwas hölzern agierende Beamtentruppe wahrgenommen, lieferte der Klangkörper hier eine Leistung ab, die begeisterte und mitriß. In dieser Form kann es das Orchester mit den Besten aufnehmen. Nach nur einer Kostprobe ist es vielleicht verfrüht zu urteilen, doch ich glaube, mit Hengelbrock hat man nicht die schlechteste Wahl getroffen.

Von energisch-virtuos bis lieblichst-versonnen führt er die NDRler differenziert und spannungsvoll durch die Partitur. Dabei sind es nicht allein die einzelnen Evergreens des Stückes, die beeindrucken, sondern das große Ganze, gerade im Zusammenwirken mit dem Schauspiel. Szenen von anrührendster menschlicher Tiefe, die Seelenwelt der Protagonisten auslotend, sind das Ergebnis.

Und Brandauer? Es nützt nichts, da muß ich leider wieder pathetisch werden. Ich bin einfach wahnsinnig dankbar, diesen großen Darsteller – und sein wunderbares Schauspiel-Ensemble – bei der Verrichtung seiner Kunst erlebt zu haben. Brandauer ist Peer Gynt. Der übermütige Bursche, der Jungmünchhausen, der Dreiste, der Verführer, der Möchtegernkaiser, der Geschlagene, der Angekommene. Da braucht es keine Schminke und keine Roben, die Verwandlung könnte nicht ergreifender sein.

Wenn schließlich Christiane Kargs lupenreiner Sopran den Heimkehrer umschließt, all seiner Verfehlungen zum Trotz, umgibt alles eine wehmütige Ahnung von Güte und Treue. Mag es sich auch um ein Wiedersehen handeln, für mich überwiegt dennoch die emotionale Parallele zum Abschied von der Mutter. Hier wie dort kommt Peer an einen Endpunkt seines Lebens, in beiden Fällen geht es um Unausgesprochenes, Versäumtes. Auch wenn sein Leben eine Aneinanderreihung von Oberflächlichkeiten und Träumereien darstellen mag, in diesen beiden Momenten erfährt Peer – und wir durch ihn – wie kostbar und verletzlich wahres Glück ist.

Nichts Neues? Mag sein, aber das unmittelbare Erleben, die gelungene Übertragung eines überzeitlichen Gedankens in persönliches Empfinden, scheint mir Beleg genug dafür, daß der heutige Abend mehr bot als alte Musik und alte Verse. Schön, daß ich an dieser Erfahrung teilhaben durfte.