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4. Juni 2025

London Symphony Orchestra – Pappano.
Elbphilharmonie Hamburg

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Hector Berlioz – Ouverture du Corsaire op. 21
Pierre Boulez – Mémoriale / ... explosante-fixe ... originel
Pierre Boulez – Livre pour cordes

(Pause)

Hector Berlioz – Symphonie fantastique /
Épisode de la vie d’un artiste op. 14

Zugabe: Gabriel Fauré – Pavane op. 50


Ich würde mich ja gern mal mit jemandem unterhalten, der sagt: „Also Boulez ist mein absoluter Lieblingskomponist!“ Mir erschließt sich durchaus ein gewisser Reiz dieser Musik, aber der bewusste Verzicht auf Melodik und vor allem auf ein Harmoniegefüge, in dem greifbare Tonalität eine Rolle spielt, machen es mir schwer, die nötige Konzentration aufzubringen und unmöglich, von dieser Musik berührt zu werden. Aber vielleicht ist das eben gar nicht der Sinn der Übung, daher mein Interesse daran, was wohl ein ausgemachter Boulez-Fan aus seinen Werken ziehen mag. Faszination an der Komplexität? An den Feinheiten der Klangkombinationen?

Ich persönlich konnte dem differenzierten Klanggewebe insgesamt, der mannigfaltigen Behandlung der tonangebenden Querflöte oder einzelnen akustischen Wirkungen, wie den seltsam unwirklichen Einsätzen des Horns, definitiv etwas abgewinnen – aber warum sollte man sich als Komponist derart selbst beschneiden? Wo das erste Werk mit seiner kleinen, aber vielseitigen Besetzung noch zumindest jene interessanten Klangwirkungen bietet, verliert mich das zweite Stück für Streichorchester vollends, zumal mir der Einsatz der Streicher hier alles andere als innovativ vorkommt. Aber auch da könnte mich der Boulez-Experte sicher eines Besseren belehren. Die intellektuelle Herausforderung hat sicher einen großen Anteil daran, warum ich mich gern und intensiv mit Musik auseinandersetze, ohne die emotionale Komponente bleibt eine Beschäftigung jedoch für mich mehr oder weniger reiz- und fruchtlos.

Dann doch lieber Reize in Hülle und Fülle sowie körbeweise Früchte in allen Geschmacksrichtungen aus der kompositorischen Lese des geliebten Hector Berlioz! Was habe ich mich darauf gefreut, die Sinfonie endlich wieder einmal live zu erleben. Und gleich eingangs mit der Korsaren-Ouvertüre lässt Pappano keinen Zweifel daran, dass das Werk des französischen Powerplayers hier und heute bei ihm und dem Londoner Ausnahmeorchester in den besten Händen liegt. Explosiv, spritzig, federnd, mit dem gebührenden Schmelz in den entsprechenden Passagen – raue See und Wildromantik, wie sie für einen Freund der Kontraste auf allen Ebenen wie mich nicht elektrisierender hätte ausfallen können. 

Und nach der Pause greifen Dirigent und Klangkörper diesen Elan mit der Episode aus dem rauschhaft-berauschenden Künstlerleben nahtlos auf und liefern eine Symphonie fantastique ab, die mich nach dem Furor des Hexensabbats mit einem teuflisch zufriedenen Grinsen in den allgemeinen Begeisterungssturm einstimmen lässt. Das London Symphony Orchestra trägt mit seiner Mischung aus technischer Perfektion und klanglicher Finesse einen großen Anteil daran, obgleich Pappanos Konzept vom ersten bis zum letzten Takt heute einfach unfehlbar scheint. 

Ob das Stürmen, Drängen und Sehnen des ersten, der Taumel und die Eleganz des zweiten, die Mahler und Co. vorwegnehmende Innigkeit und Tiefe der Außenwelt/Innenwelt-Illustration des dritten, das Unaufhaltsame des vierten oder das Archaische, scheinbar Chaotische und doch gleichzeitig so unfassbar kinnladensprengend Virtuose des fünften Satzes – es hat an diesem Abend einfach alles gepasst. Ich vergöttere dieses Stück und bin sehr froh, es heute so erlebt haben zu dürfen, wie ich es mir in den schönsten (Fieber-)Träumen erhofft hatte. Und das ganz ohne Opium, wohlgemerkt.

9. Juni 2012

Orchestra of the Age of Enlightenment –
Sir Simon Rattle.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16















Gabriel Fauré – Pelléas et Mélisande / Suite op. 80
Maurice Ravel – Klavierkonzert Nr. 2 / Klavierkonzert für die linke Hand
(Pierre-Laurent Aimard)
Zugabe: Claude Debussy – Ondine

(Pause)

Claude Debussy – Prélude à l'après-midi d'un faune

Claude Debussy – La Mer
Zugabe: Erik Satie / Claude Debussy – Gymnopédie Nr. 1



So klingt er also, der vielzitierte Erard, oder vielmehr ein Exemplar aus seiner traditionsreichen, mittlerweile jedoch weitgehend ausgestorbenen Familie. Macht sich optisch ganz gut auf der Bühne der alten Dame Laeiszhalle, das braungemaserte Ungetüm auf Schnörkelpfoten. Der Klang, den Herr Aimard ihm entlockt, ist für den historisch interessierten Konzertgänger nicht uninteressant, dokumentiert in erster Linie jedoch den Fortschritt, mit dem ein moderner Steinway das Gehör zu ergötzen vermag.

Mögen Authentizitäts-Fetischisten diesen speziellen Ton zu schätzen wissen, um dem Idiom eines Konzertes zur Ravel-Zeit nachzuspüren, halte ich es lieber mit den Errungenschaften des Instrumentenbaus in Bezug auf Volumen, Differenzierung und Ausgewogenheit. Der braune Schwan singt schon eine ganze Ecke dünner, unrunder. Insbesondere die mittlere Lage verrät das Alter und die Nähe zur Herbheit der historischen Aufführungspraxis. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß man von diesem „archaischen“ Klang eingenommen wird – ist halt Geschmackssache.

Genau wie die Frage, ob man durch das tierische Geschnaufe von Herrn Aimard von seinem intensiven, faszinierenden Vortrag abgelenkt wird oder nicht. Ich hatte da so meine Probleme (und das als glühender Gould-Verehrer!). Im Ernst: das Ravel-Konzert zog mich über die Maßen in seinen Bann – woran das französische Duo ganz klar seinen Anteil hatte. Auch auf das Programm bezogen für mich der Höhepunkt des ganzen Abends. Das ist der Ravel, wie ich ihn mag, messerscharf, phantasievoll, kontrastreich, mit einem Hang zum Grotesken – eben Elemente, wie ich sie z.B. auch an Britten liebe.

Verliebt habe ich mich auch in dieses Orchester. Was für ein Klang! Der Samt der Streicher, die Anmut der Holzbläser, der Stolz des Blechs – sind das historische Instrumente, wie das Programmheft vermeldet? Hätte ich nicht herausgehört. Keine Ahnung, wie alt die Geigen sind – gut sind sie und ihre Bediener, und wie!

Dazu Sir Simon als der gewohnte Klangfuchser. Immer wieder scheint es, als halte er ob des Farbenreichtums der verschiedenen Partituren mit seinem Orchester einen Moment inne, um eine besonders schöne Stelle wie ein funkelndes Stück Kristall von allen Seiten im Sonnenlicht zu betrachten. Dabei besteht jedoch nie die Gefahr, das große Ganze könne auseinanderfallen, zu verwoben, zu organisch ist der mäandernde Fluß des Klangkörpers.

Vertrauteste Gestade wie Debussys Dichtungen werden mit frischem Zugang angesteuert. Traumpianissimi, wohligste Bögen, atmende Steigerungen, druckvollste dynamische Entladungen. Unter solcher Behandlung gelingt selbst ein Kitschnäpfchen wie Saties Gymnopédie als scheue Neuformung.

Konzerte wie dieses bringen mich Debussy & Co. vielleicht am Ende des Tages nicht nachhaltig näher, gewähren mir aber einen versöhnlichen Blick in jene, mir fremde Welt. Das ist doch etwas.