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2. Dezember 2025

SWR Symphonieorchester – François-Xavier Roth. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich 12 A, Reihe 9, Platz 2



Helmut Lachenmann – Ausklang / Musik für Klavier mit Orchester

Zugabe des Solisten: Béla Bartók – Improvisation

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92


SWR Symphonieorchester
Jean-Frédéric Neuburger – Klavier
Dirigent – François-Xavier Roth


Ein Wort zum Lachenmann-Stück: Nö. War ich vor dem Konzert noch in gespannter Erwartung, endlich mal ein Werk des dem Namen nach wohlbekannten Komponisten zu hören, der im Kosmos der Moderne fraglos seine Spuren hinterlassen hat, trat jedoch bereits nach wenigen Minuten Ernüchterung ein. Das Konzept einer Geräuschkomposition klingt erst einmal spannend, erweist sich im Falle des 50-minütigen Ausklangs für Klavier und Orchester allerdings leider als die staubtrockene, unzugängliche und emotional kaltlassende Kopfgeburt, die man durch den bewusst gewählten Verzicht auf nahezu jegliche für den interessierten Laien erkennbare melodische, harmonische sowie rhythmische Zutaten erwarten darf.

Mag sein, dass eine analytische Auseinandersetzung dem geneigten Musikwissenschaftler oder Komponistenkollegen einen freudigen Schauer der Erkenntnis nach dem anderen über den Rücken jagen lässt, wobei ich die Vermutung hege, dass selbst diese Annahme zu viel naiv-emotionale Denke enthält. Dabei sind die einzelnen Klangkombinationen und Geräusche für sich betrachtet zum Teil durchaus interessant und/oder wirkungsvoll – hätte sie Lachenmann nach seiner Laborarbeit doch nur in die Hände eines Komponisten gegeben, der gewillt wäre, sie in einen hörenswerten Gesamtzusammenhang zu setzen. Das Ganze pendelt sich dann in meiner Wahrnehmung irgendwo zwischen verpasster Chance und Ärgernis ein, könnte Lachenmann bei jemandem eigentlich offene Türen einrennen, der durch Kollegen wie Berlioz oder Mahler absolut die Gepflogenheiten des „Hässlichen“ oder Geräuschhaften zu schätzen weiß.

So bleiben die Quakgeräusche der über die Klaviatur gezogenen Plastikförmchen oder der durch den Schlag aufs Mundstück induzierte Trompetenfurz putzige Inseln in einem kargen Meer aus mehr oder weniger innovativen Geräuschen, einzig durch den Wellengang des An- und Abschwellens der Lautstärke mit einer Prise Abwechslung versehen. Auf jeden Fall braucht es davon keine 50 Minuten, da man bereits nach spätestens 5 jegliches Gefühl für das Fortschreiten der Zeit verloren hat. Auch eine Leistung. Bleibt für mich persönlich die einfache (und nicht neue) Erkenntnis, dass Musik als rein intellektuelle Spielart ohne die Intention einer emotionalen Ansprache für mich letztlich reine Zeitverschwendung darstellt – dafür gibt es einfach viel zu viel unfassbar ergiebiges Zeug zum Entdecken oder auch zum immer wieder neu Verlieben.

In letztere Kategorie fällt natürlich die Siebte, auf der allgemeinen Beethliebtheitsskala wohl nur von der Fünften und Neunten übertrumpft, versehen mit schmissigen Urteilen, wie die in keinem Programmheft fehlende „Apotheose des Tanzes“. Oder anders: nicht nur playlist, sondern heavy rotation. Ich habe ja schon oft festgestellt, dass ich eigentlich gar keinen ausgemachten Beethoven-Dirigenten meines Vertrauens habe, von daher ist es mit Vergleichen so eine Sache. Auf jeden Fall braucht es eine knackige Interpretation, damit meine Antennen anschlagen.

So begeisterte mich Herrn Roths Stabführung im ersten Satz dann auch nur bedingt – eine Spur zu lasch, zu wabbelig schien mir der Ansatz, obwohl ein durchaus flottes Tempo vorherrschte. Ich konnte nicht genau greifen, ob es für mich eher die Artikulation oder das Timing war, welche mich nicht so recht abholten. Mit dem zweiten Satz wusste ich dann ungleich mehr anzufangen: auch hier ein recht zügiges Tempo, welches sich mit erfrischender Eleganz vom breiten Depri-Schmonz abhob, wie er gern beim nicht seltenen Einsatz des Allegrettos in Filmen gewählt wird. Die Sätze drei und vier rundeten einen unter dem Strich dann doch sehr positiven Gesamteindruck ab – im Finale will Roth sich, wie so viele, in Sachen Tempo beinahe überschlagen, aber seine Truppe macht gut mit. Allgemeine Begeisterung im Saal, Roth scheint auch seinen persönlichen Fanclub dabei zu haben – könnten auch einfach weitere Musiker des SWR gewesen sein, die beim relativ schlank besetzten Beethoven keinen Einsatz hatten?

Fazit: eine gute halbe Stunde Beethoven entschädigt letztlich für 50 Minuten Lachenmann-Quälerei.

24. Oktober 2025

Mahler Chamber Orchestra – Matthew Truscott. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 9, Platz 2



Ludwig van Beethoven – Ouvertüre zu »Coriolan« op. 62
Dmitri Schostakowitsch – Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll op. 35

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93

Mahler Chamber Orchestra
Jeroen Berwaerts – Trompete
Igor Levit – Klavier
Matthew Truscott – Violine und Leitung


Erkenntnisse des Abends: ein engagierter Konzertmeister ersetzt leider kein vollwertiges Dirigat, Levit und Schostakowitsch sind eine Traumkombination, das Mahler Chamber Orchestra und Beethoven eher nicht.

Ich will gar nicht ausschließen, dass es einem eingeschworenen (Kammer-)Ensemble möglich ist, gemeinsam ohne Leitung vom Pult aus eine stimmige, gar zwingende Interpretation zu erarbeiten. An ein Ensemble von angeblicher Weltgeltung stelle ich dann aber auch den Anspruch, von der Lesart her eben mehr als Standardware zu präsentieren und dass sich der Laden selbst technisch perfekt zusammenhält. Beides war heute beim Beethoven nicht der Fall. Dabei war der Grundansatz – schnelle Tempi und leicht ruppiges Gepräge – eigentlich ganz in meinem Sinne. Wenn dabei allerdings sowohl die letzte technische Präzision als auch Differenzierung in Sachen Dynamik und Artikulation auf der Strecke bleiben, kommt am Ende kein Ausrufezeichen im Ergebnis heraus, wie es diese bis zum Exitus durchgenudelten Werke des großen B dringend brauchen. Coriolan war noch ganz ok, aber für die Achte mit ihren Ecken und Kanten war das einfach zu wenig. Vor allem die Streicher waren nicht immer zusammen, da konnte sich Herr Truscott biegen und reinhängen wie er wollte, war er doch selbst nur Teil des Ganzen. Der Überblick eines Dirigenten wurde schmerzlich vermisst, um Kontraste zu schärfen und Feinheiten zu betonen.

Von einem Mangel an Feinheiten konnte Dank der Herren Levit und Berwaerts im Schostakowitsch nicht die Rede sein. Hier ließen sich die Streicher glücklicherweise von dem Niveau der Solisten anstecken und sorgten beispielsweise im berührenden Lento für ein wirkliches Weltklasse-Timbre. Potenzial ist also über die Maßen gegeben, warum demnach die Selbstbeschneidung durch den Verzicht auf konsequente musikalische Leitung? Zumal an anderer Stelle (Berlin) und auch hier in Hamburg für das Konzert am Sonntag Adam Fischer am Pult stand. Es konnte mir heute egal sein, wurde mein von dieser Frage induziertes Stirnrunzeln durch Levits Tastenbehandlung unmittelbar mit den ersten Takten geglättet. Es war wie immer, wenn ich diesen Ausnahmepianisten höre – es stellt sich sofort die Gewissheit ein, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht, und durch Levit seine musikalische Einlösung erfährt. Eben das genaue Gegenteil zum flankierenden Egal-Beethoven.

Über technische Perfektion muss in solchen Sphären kein Wort verloren werden, es geht um mehr als Noten, gerade in einem Werk wie dem Schostakowitsch-Konzert. Es wird gerungen, gesehnt, betrauert, aber ebenso ein parodistischer, bisweilen gar trotzig anmutender Humor mit feiner Klinge geschwungen. Mitunter schlaglichtartig wechseln Episoden von atemberaubender Virtuosität mit tief empfundenen Seelenzuständen. Jeroen Berwaerts zeigte sich als kongenialer Partner, der Klang seiner beiden im Wechsel eingesetzten Trompeten von butterweich bis silbrig schneidend, feinste Nuancen mit und ohne Dämpfer. Allein für diesen Schostakowitsch hat sich der Besuch mehr als gelohnt.

Fazit: Levit und Berwaerts retten einen ansonsten durchwachsenen Abend.

15. Juni 2025

NDR Elbphilharmonie Orchester – Herbert Blomstedt. Elbphilharmonie Hamburg.

10:00 Uhr Einführung, 11:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 3, Platz 2



Johann Sebastian Bach – Jauchzet Gott in allen Landen / 
Kantate BWV 51

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36


NDR Elbphilharmonie Orchester
Regula Mühlemann – Sopran
Dirigent – Herbert Blomstedt



Bei der Einführung mit Thomas Cornelius sprang Raliza Nikolov für Regula Mühlemann ein, die laut Nikolov mit dem Kreislauf zu kämpfen hatte – im Konzert war die Sopranistin dann aber ohrenscheinlich wieder voll auf der Höhe. Die Einführung selbst entwickelte sich als entspannter Plausch, bei dem Herbert Blomstedt im Mittelpunkt stand. Von Anekdoten aus dem gemeinsamen Arbeitsleben, die sowohl das ungebrochene Arbeitspensum und -Ethos des kommenden Monat seinen 98. Geburtstag begehenden Ex-Chefs des NDR, als auch dessen weiterhin geölten wie gewitzten Geist belegten, bis hin zu wunderbaren Tonaufnahmen von den Proben, mittels derer man dem unentwegt singenden Blomstedt bei der Erarbeitung von Details zumindest indirekt beiwohnen durfte, stellte die Einführung in erster Linie eine Liebeserklärung an den rüstigen Schweden dar.

Insbesondere Cornelius hatte die Stauner und Lacher auf seiner Seite, ob er nun Blomstedts unglaubliches Namensgedächtnis rühmte, seinen von ihm verliehenen Spitznamen (Der Ding Ding Ding Mann) enthüllte oder seine irrige Annahme, Opfer von Spam-Mail geworden zu sein. Wir erfahren: Der Maestro schreibt immer noch selbst und hält sich nicht lang mit Kleinigkeiten wie Geburtstagen auf – zum 120. könne man ja immer noch gemeinsam feiern. Ein Ausspruch Blomstedts bei den Proben zum Bach bleibt besonders im Gedächtnis: das stetige Ausdünnen der Orchesterstimmen in einer bestimmten Passage kommentiert er mit „es werden immer weniger … wie im richtigen Leben“. Wobei es ihm damit laut Cornelius beileibe nicht um Resignation oder Pessimismus ging – das Leben und die Musik gehen immer weiter.

Blomstedts Sicht auf Beethovens Zweite ist ein weiterer Beleg für seinen Ansatz, den Blick stets frisch zu halten. Anstatt die Sinfonie wie üblich als Vorläufer/Vorbereiter der Dritten zu sehen, überwiegt in ihr laut Blomstedt vielmehr ihr Status als eigenständige Innovation (Zitat sinngemäß: ist die Erste noch ein breiter Haydn, so kommt die Zweite mit ganz neuer Atmosphäre daher). So sinniert er darüber, wie wohl seinerzeit die Zuhörer (und Musiker) dieses Werk aufgenommen haben und möchte auch für uns Beethoven-Vertraute den Blick auf diese Neuerungen lenken.

Das Konzert selbst feiert dann drei große Bs – Bach, Beethoven, und eben Blomstedt selbst (wobei er selbst dies sicher als Unsinn abgetan hätte). Ich habe ihn zuletzt vor mehr als 5 Jahren in der Elphi erleben dürfen (Link), seinerzeit schritt er noch ohne Hilfe auf die Bühne und absolvierte den Bruckner stehend (was mein um diverse Jahrzehnte jüngerer Rücken sicher nicht ohne Murren goutiert hätte), heute wird der verdiente Orchesterleiter von einem Mitglied des NDR zum Pult geführt, wo er für die kommenden Aufgaben Platz nimmt. Und wie er diese Aufgaben wahrnimmt! Der Bach ist von der Struktur her wie in der Einführung dargelegt – von viel zu wenig zu viel. Frau Mühlemanns Sopran wunderbar, sowohl bei den Koloraruren als auch in Sachen Zartheit (zweiter Satz). Und Blomstedt geht voll mit. Die Akustik so weit vorn ist ok, der Fokus liegt dadurch allerdings, gerade bei der größeren Besetzung im Beethoven, klar auf den Streichern. Die Bläser kommen immer noch klar durch, aber auch deutlich verortbar von hinten. Nach der Pause folgt ein knackiger, tiefgründiger Beethoven. Der Kopfsatz mit Schwung, der zweite innig und kontemplativ, der dritte mit ordentlich Pepp, das Finale in agilem Tempo und mit schönen Kontrasten.

Standing ovations für Blomstedt. Der obligatorische Weg von der Bühne und zurück wird untergehakt abgekürzt, in Sachen Emotion und Inspiration ist der – er möge mir die Doppeldeutigkeit nachsehen – Altmeister für uns heute jedoch die Extrameile gegangen.

10. März 2020

Kammerakademie Potsdam – Antonello Manacorda.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 14, Platz 2



Ludwig van Beethoven – Ouvertüre zu »Coriolan« op. 62
Ludwig van Beethoven – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37 (Igor Levit)

Zugabe des Solisten:
???

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73 (Igor Levit)


Es sind jetzt weit über zwei Jahre, seit ich diesem denkwürdig herrlichen wie unwirklich denkwürdigen Konzert beigewohnt und seine Nachbereitung in Schriftform auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben habe. Sankt-Nimmerlein ist heute, der 4. September 2022 und ich sitze an alter Wirkungsstätte, einem Seitenfoyer der Elbphilharmonie, wo ich mich wahrscheinlich damals genauso auf Herrn Levit gefreut habe wie heute. Heute, wo ich nach ewig scheinender Abstinenz von Oper und Konzert dem ersten Aboabend, ach was, dem ersten Mal Livemusik überhaupt, seit eben diesem Konzert im März 2019 mit eben genau demselben Solisten im Programm entgegensehe.

Wenn das kein gutes Omen ist, weiß ich es auch nicht – man wird es sehen bzw. lesen, wenn ich mir bei der Bewältigung des heute nicht wieder so lange Zeit lassen werde wie beim gestern. Trotzdem soll das gestern nun noch einmal Thema sein, auch wenn die Erinnerung an jenes Konzert schon weitgehend verblasst ist. Mein letzter präpandemischer Musikbesuch war eine Sternstunde, soviel bleibt abgespeichert – Igor Levit ist einfach der Pianist für das Besondere. Auch wenn in diesem Fall Altbekanntes auf dem Programm stand: zweimal Beethoven im Verbund mit der wunderbar aufgelegten Kammerphilharmonie Potsdam, die sich eingangs mit der Coriolan-Ouvertüre vorstellte. Leider ist mir Levits Zugabe entfallen bzw. ich habe sie seinerzeit nicht recherchiert. So ist das eben mit aufgeschobenen Dingen.

4. Dezember 2019

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen –
Paavo Järvi. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 3, Platz 6 



Johannes Brahms – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15 
(Igor Levit)

Zugabe des Solisten:
Franz Schubert – Allegretto As-Dur aus: Moments musicaux D 780

(Pause)

Joseph Haydn – Sinfonie Es-Dur Hob. I/103 »Mit dem Paukenwirbel«

Zugabe:
Ludwig van Beethoven – Allegro molto e vivace aus:
Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21



Herrn Levit beim Klavierkonzert gewissermaßen auf dem Schoß, bzw. als staunendes Äffchen auf der Schulter zu sitzen, mag den akustischen Gesamteindruck vielleicht in subjektivere Gefilde gelenkt haben als sonst, erwies sich jedoch angesichts der sich dadurch ergebenden fokussierten Innensicht auf sein Ausnahmekönnen als äußerst gute Wahl. In Kombination mit Järvis gewohnt knackiger Lesart, durch die er mit seiner Kammerphilharmonie an gleicher Stelle Brahms bereits einer symphonischen Frischzellenkur unterzog (Link), wurde auch diese verkappte Sinfonie mit obligatem Klavierpart zur energischen Offenbarung.

Wilde Entschlossenheit, mürrischer Ernst, ja Verzweiflung wechseln sich im Kopfsatz fast sprunghaft mit zarter Wehmut und Versonnenheit ab. So extrem als emotionale Achterbahnfahrt habe ich diesen Satz wohl noch nicht erlebt – ein ausgesprochen mitreißender, berührender Ansatz. Das Konzept starker Kontraste im Ausdruck setzt sich dementsprechend auch satzübergreifend fort, vom kolossalen Ersten über den kontemplativen Zweiten zum furiosen Kehraus des Finales. Wenn es einem dann noch vergönnt ist, von der Hingabe und Leidenschaft, die Levit in dieses Werk investiert, aus nächster Nähe beschienen zu werden, weiß man, spürt man, wie viel diese Musik zu geben vermag. Die Schubert-Zugabe ist wie ein süßes Versprechen auf weitere wunderbare Klavierabende.

Nach der Pause „lediglich“ den Haydn zu bekommen, hatte mich im Vorfeld ehrlicherweise nicht unbedingt in Verzückung versetzt. Aber selbst ein Banause wie ich kommt nicht umhin, die Klarheit, die Frische, den Verve im Umgang mit dieser Musik dankbar zur Kenntnis zu nehmen, welche Järvi dem alten Schinken entlockt. Überhaupt Järvi, der Schelm – macht Faxen, blickt angesichts imitierter Vogelrufe in der Partitur scheinbar irritiert gen Saaldecke, dreht sich mit hochgezogener Augenbraue zum Publikum um. Und das alles – wie auch immer er das macht – ohne aufgesetzt oder affig zu wirken. Gewissermaßen spiegelt er nur das Gewitzte Haydns, ohne jedoch aus dessen Musik eine Show zu machen. Eine pfeilschnelle Beethoven-Zugabe beschließt diesen ungetrübt labenden Abend.

19. September 2019

Klavierabend – Igor Levit.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 2, Platz 5 



Ludwig van Beethoven – Sonate Fis-Dur op. 78
Ludwig van Beethoven – Sonate Es-Dur op. 7

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sonate E-Dur op. 14/1
Ludwig van Beethoven – Sonate G-Dur op. 14/2
Ludwig van Beethoven – Sonate Es-Dur op. 81a »Les Adieux«

Zugabe:
Schubert?



So sehr ich Igor Levit und die Möglichkeit schätze, ihn live unter perfekten akustischen Bedingungen hören zu dürfen, so frustrierend ist es unweigerlich, die mögliche Perfektion des Auftritts durch eine von schwachen, unmusikalischen Menschlein induzierte mittelprächtige Atmosphäre beschmutzt zu wissen. Abgesehen davon, dass mir das Programm gestern (Link) einfach auch mehr zugesagt hat als jenes heute, hätten mir die bekannt-berüchtigten Komponenten aus der Konzertfolterkammer ohnehin jeden Abend verleidet. Hörgeräte-Fiepsen (offenbar gerade wirklich im Trend), Rumgehuste, allgemeine Unruhe – einfach kein Umfeld für Kunst dieser Güte. Auch wenn es hart klingt, die übrigen Konzerte von Levits Sonaten-Reihe werde ich mir getrost schenken und lieber zu seiner Gesamteinspielung ins CD-Regal greifen. Meine Nerven werden es mir danken.

18. September 2019

Klavierabend – Igor Levit.
Elbphilharmonie Hamburg

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 5, Platz 5



Ludwig van Beethoven – Sonate f-Moll op. 2/1
Ludwig van Beethoven – Sonate As-Dur op. 26

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sonatine G-Dur op. 79
Ludwig van Beethoven – Sonate C-Dur op. 53 »Waldstein-Sonate«

Zugaben:
Dmitri Schostakowitsch – bizarrer Walzer?
Rodion Schtschedrin – Humoresque



Warum reagiere ich eigentlich so allergisch auf jenen Laut, den manche Teile gern unmittelbar nach jenen Stücken von sich geben, deren Charakter, oder zumindest deren Schluss ihnen offenbar irgendwie drollig vorkommt? Über die Existenz von Humor in der Musik lässt sich ja streiten, aber meist reichen ohnehin zwei, drei hingetupfte Akkorde oder Töne, um diesen Reflex auszulösen. Das Ende der G-Dur Sonatine zum Beispiel hatte heute für mich persönlich wenig Beschmunzelnswertes, sie verklingt einfach delikat. Vielleicht ist es aber auch vielmehr das produzierte Geräusch selbst, das meine Abscheu erregt. Eine Art Kombination aus Schnauben und parallel dazu vollführten, kurzen Tonabgabe, als habe man gerade eine witzige Anekdote realisiert. Es wohnt diesem Reflex etwas ungeahnt Naives, ja Unschuldiges, aber leider auch unsagbar Tumbes inne, dass es mich jedes Mal aufs Neue erschaudern lässt. Aber was weiß denn ich – ein Hoch auf die einfachen Freuden!

Viel wichtiger: Ein Hoch auf Igor Levit, den ungezwungenen Tastengott, der sich auch durch die dümmsten und strategisch ungünstigsten Störaktionen der schlichten Gemüter unter uns nicht aus der Ruhe und dem Fluss bringen lässt. Faszinierend, wie dieser ohnehin mit einer ungemein sprechenden Mimik beim Spiel zu erlebende Künstler quasi im Vorbeigehen, im vollen Lauf seines unüberbietbaren Vortrags ärgerliche Huster, Niesanfälle und Dergleichen mit äußerst vielsagenden Seitenblicken quittiert. Ganz so als huschte – wohlgemerkt zeitgleich zur Berserkerkonzentration auf Beethoven – ein Gedanke vorbei wie: „Hab ich schon gemerkt, Du Penner, dass Du gerade diese schöne Stelle verhusten musstest ...“

Es ging ja gleich gut los. Ein gut hörbarer Fotoauslöser-Ton direkt als Levit beginnen wollte, gefolgt von der fast schon Elphi-obligatorischen Handy-Bombe. Kopfschütteln und bitteres Schmunzeln des Solisten, Gelächter im Saal – darauf ein in den Saal gelittenes „Nicht lustig!“ eines empörten Empörers – was wiederum von Levit mit dem kurz angetäuschten Nokia-Klingelton quittiert wurde. Bis dann doch Beethoven zu seinem Recht kam. Und wie.

Auch dem Nicht-Beethoven-Experten wird hier schnell klar, dass er einem ganz besonderem Vortrag beiwohnen darf. Dieser Anschlag im Adagio der 1. Sonate! Diese Bandbreite der Dynamik und des Ausdrucks! Dabei sind die beiden Stücke vor der Pause gar nicht so meins, am ehesten der Kopfsatz der Nr. 12, da Variationssatz. Aber letzen Endes kommt es heute nicht auf Vorlieben und dergleichen an, Levit spielt wie vom anderen Stern. Der Kontrast im Ausdruck vom zweiten zum dritten Satz der Sonatine op. 79 – unglaublich. Und dann der unbestreitbare Höhepunkt des Abends, vielleicht der pianistischen Saison überhaupt: Die Waldstein-Sonate. Starkstrom, Drive, Gewalt und Zartheit im 1. Satz, tiefste Auslotung im Folgenden. Besser geht es nicht. Doch – im Finale: Der Übergang dahin gehört zum Herzerwärmendsten, das ich je jemanden einem Flügel entlocken hörte. Dieses fast schon penetrante, unbeirrbare Singen, erst ganz behutsam, wie es immer wieder bittersüß nach Moll gezogen wird, in einen triumphalen, in berührender Weise gleichzeitig melancholischen Schluss mündend. Himmlisch!

Mit den beiden Zugaben legt Herr Levit dann noch mal eine Transfer-Schippe drauf – meinen Respekt und Dank auch für diese Horizonterweiterung.

21. Mai 2019

Orchestre de Paris – Daniel Harding.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 16, Bereich W, Reihe 1, Platz 34



Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 »Pastorale«

(Pause)

Hector Berlioz – Harold in Italien / Sinfonie in vier Sätzen mit Soloviola op. 16

Orchestre de Paris
Antoine Tamestit – Viola
Dirigent – Daniel Harding



Neue Perspektiven auf Vertrautes: Dass dieser Saal nach beinahe 100 Konzerten immer noch neue Facetten für mich bereithält – heute den verblüffend intensiven Appell an meine latente Höhenangst – ist und bleibt wahrlich faszinierend, zumal die luftige Vogelperspektive von 16W auch akustische Neuheiten zu Tage förderte. Man sitzt tatsächlich so weit über dem Orchester, in meinem Fall exakt mittig Vis-à-vis zum Dirigenten, dass sich (wie schon so oft auf andere Weise) ein Klangeindruck ergibt, der mir in dieser Form aus keinem anderen Konzerthaus bekannt ist: Das Orchester unter dem Mikroskop, ein gleichsam transparenter wie homogener Klang, der sich da unter einem emporschwingt, vielleicht etwas leiser als auf näher gelegenen Plätzen, dafür ungemein fein, ja duftig, und ungeachtet der beachtlichen Distanz bzw. des aberwitzigen Höhenunterschiedes doch viel präsenter als erwartet.

Und richtig spannend wird es, wenn das räumliche Element innerhalb des Orchesters ins Spiel kommt. Wie beispielsweise die ersten und zweiten Violinen miteinander interagieren, ja duettieren, hat von oben besehen und belauscht eine ganz eigene Wirkung. Hinzu kommt, dass die Streicher aufgrund der von hier nurmehr indirekt wahrgenommenen Bläser im Tutti nicht ins Hintertreffen geraten, wie ich es schon auf anderen „billigen Plätzen“ auf der gegenüber liegenden Saalseite erlebt habe – das Klangbild bleibt ausgewogen, dementsprechend ergibt sich ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis dieser Plätze, die ich all jenen wirklich ans Herz legen kann, die sich von der ersten Kategorie, nicht aber luftigen Höhen abschrecken lassen.

Zum Konzert selbst gibt es gar nicht viel zu sagen, außer dass es sich nahtlos in die Reihe musikalischer Sternstunden einreiht, die ich hier bereits erleben durfte. Das Orchestre de Paris ist das in der kurzen Anmoderation der Programmumstellung angekündigte Spitzenorchester, wovon ich mich bereits vor Jahren in der Laeiszhalle bei einer wirklich unvergessenen 5. Beethoven unter Christoph Eschenbach und einem Heimspiel in der französischen Kapitale (Link) überzeugen konnte. Der spontane Tausch der Werke ist schlüssig, um auf den reduziert/klassisch besetzten Beethoven seinen opulenten Sinfoniker-Erben Berlioz folgen und möglichst viele Kollegen am (tosenden) Schlussapplaus teilhaben zu lassen. Hardings Pastorale ist durch und durch zart und elegant mit Liebe für klangliche Feinheiten (Gedämpfte Streicher in Kombination mit den Hörnern zu Beginn des zweiten Satzes!), alles wirkt rund und fließend. Nicht unbedingt der flott-knackige Ansatz, den ich gewöhnlich bei Beethoven bevorzuge, aber gerade bei dieser Sinfonie und ihrem Charakter zu hundert Prozent zwingend. Zumal Harding sehr wohl das beethovensche Stürmen und Drängen zu entfesseln weiß, namentlich im Gewitter.

Die Harold-Sinfonie – eine meiner liebsten Schöpfungen des verehrten Franzosen – habe ich selten bis nie so fesselnd präsentiert erlebt. Von dem sich zögerlich entwickelnden, dann wahrlich dramatischen Kopfsatz über die verletzliche Lyrik des zweiten und das südliche Flair des dritten bis zur Ekstase des Finales nehmen uns Harding und sein Orchester mit auf eine schillernde Reise durch ein Kaleidoskop der Emotionen und die Möglichkeiten der Instrumentation. Kongenial bekrönt durch den Beitrag Antoine Tamestits, welcher nicht allein durch sein beseeltes Spiel, sondern gleichermaßen eine Art „Personenregie“ den Violapart zum nicht rein akustisch, sondern szenisch teilnehmenden Charakter umformt. So betritt der Solist erst nach der Orchestereinleitung die Bühne, vielmehr nähert er sich zögerlich dem Geschehen, bis er in der Harfe eine erste Kommunikationspartnerin findet.

In der Folge der Sätze variiert Tamesit mehrfach die Position, umkreist die Bühne, um sich immer wieder an Schlüsselstellen der Partitur mit den dort entsprechend zum Einsatz kommenden Orchestergruppen einzubringen, seiner vor allem in Form des Harold-Themas repräsentierten „Rolle“ durch das Stück auch visuell Rechnung tragend – ohne dass dieser „Kniff“ affig oder gar störend wirken würde. Im Gegenteil. Als der Solist dann schließlich mit einigen Kollegen aus dem Orchester die Bühne komplett verlässt, um gemeinsam aus dem Auditorium heraus das Streichquartett zu bilden, welches gewissermaßen als Gegenpol zur Tutti-Raserei des Finales (ein besonderes Kompliment an Harding für dessen gepfefferte Lesart!) aufblitzt, finden das ungewöhnliche Konzept und ein Konzert der Extraklasse seinen effektvollen wie würdigen Abschluss.

14. Februar 2019

Klavierabend – Daniil Trifonov.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 12, Platz 9



Ludwig van Beethoven – Andante favori F-Dur WoO 57
Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Es-Dur op. 31/3
Robert Schumann – Bunte Blätter op. 99 (Auszüge)
Robert Schumann – Presto Passionato (Ursprüngliches Finale
der Klaviersonate Nr. 2 g-Moll op. 22)

(Pause)

Sergej Prokofjew – Klaviersonate Nr. 8 B-Dur op. 84

Zugaben:
Sergej Rachmaninow – Vocalise op. 34/14 / 14 Lieder
Sergej Rachmaninow – Etudes-tableaux op. 33 Nr. 7



Warum sich auf dem Olymp meiner absoluten Lieblingspianisten mittlerweile ausschließlich Russen tummeln, müsste mir mal jemand erklären. Fakt ist jedoch, dass sich mit Herrn Trifonov ein weiterer Landsmann des höchst verehrten Grigory Sokolov und meiner noch recht frischen „Neuentdeckung“ Igor Levit dazugesellt hat, und wie schon seine Kollegen dem Begriff Klavierabend eine neue Bedeutungs- und Intensitätsebene verleiht. Leider fehlen mir als jemand, für den Kammermusik und die Klavierliteratur nicht zum Leib- und Magen-Repertoire gehören, sowohl die interpretatorischen Vergleichsmöglichkeiten als auch die Übung in der Beschreibung des Erlebten, doch fällt dieser Umstand angesichts einer tief empfundenen Sprachlosigkeit eingedenk des Vortrags nicht weiter ins Gewicht.

Spannend: Offenbar ist man auch im Solokonzertbereich immer noch dabei, die für die Elbphilharmonie-Akustik bestmögliche Lösung zu erforschen. Davon zeugen der fehlende Deckel des Flügels und die unorthodox schräge Positionierung desgleichen auf der Bühne. Kompliment an Herrn Trifonov, für den diese Anpassungen sicher ebenfalls eine klangliche Wahrnehmungsumstellung bedeuten. Auf der anderen Seite dürfte es heute akustisch tatsächlich größtmöglich demokratisch zugegangen sein. Selbst die sonst klar benachteiligten zusätzlichen Podiumsplätze sind so durch ihre Nähe zum Solisten eine reizvolle Option – sollte ich für die Zukunft mal im Hinterkopf behalten.

So gab es natürlich aber ohnehin auf meinem Platz, leicht erhöht in der letzten Reihe des Parketts auf einer Art „Loveseat“ nichts zu meckern, sieht man einmal von den Herrschaften schräg hinter mir ab – leider ebenfalls Landsleute des Künstlers – die sich nicht zu benehmen wussten und die erste Hälfte des Konzerts durch permanente Unruhe schmälerten. Glücklicherweise entschloss man sich dazu, nach der Pause den ganz offenbar mißfallenden Klängen fernzubleiben. Vielleicht hatte die Frau Gattin auch einfach – Achtung Klischeefalle – einen weiteren Termin zum Lippenaufspritzen.

Zuerst bildete ich mir ein, dass der Klang ohne Schalldeckel etwas dumpf, wenig brillant sei, aber mit fortlaufendem Konzert und Gewöhnung daran muss ich zugegeben, dass ich auf diese Entfernung einen Flügel wohl kaum habe differenzierter, fein abgestufter klingen hören. Was natürlich in erster Linie das Verdienst des Solisten ist. Daniil Trifonov windet sich dabei an den Tasten, als ab er in den Eingeweiden seinen Arbeitsgerätes kneten wolle, immer wieder durchfährt ihn ein Energieschub, der ihn beinahe von seinem Schemel aufspringen lässt. Was überaus manieriert klingen mag, hat im tatsächlichen Erleben jedoch nichts Aufgesetztes, Effektheischendes, sondern zeigt nichts weniger als eine faszinierende, geradezu symbiotische Verbindung des Musikers mit seinem Instrument als Verlängerung seiner selbst.

Wie er beispielsweise die Steigerung des Trauermarschs in den Schumann-Blättern stetig bis ins Titanische auftürmt, um sie gleichsam organisch wieder vergehen zu lassen – das sind einfache wahre Klangwunder, die sich hier in der alles offenlegenden Akustik des Saales ereignen. Für bestimmte Passagen beim Schumann und später auch in der Prokofjew-Sonate sind Begriffe wie „aberwitzig“ oder „unüberbietbar“ in jedem Falle zu abgegriffen, um die Sogwirkung zu beschreiben, die von diesen fliegenden Fingern ausgeht.

Fazit: Die Zukunft des Klavierspiels ist gesichert.

30. Januar 2019

Philharmonia Orchestra – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 9, Platz 2



Ludwig van Beethoven – Ouvertüre c-Moll zu »Coriolan« op. 62
Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19 (Hillary Hahn)

Zugabe Solistin:
Johann Sebastian Bach – Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003 für Violine solo / Andante

(Pause)

Sergej Rachmaninow – Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27

Zugabe Orchester:
Jean Sibelius – Valse triste op. 44/1 / Kuolema



Wenn es so etwas wie eine Allzweckwaffe auf dem Podium gibt, dann wohl in Gestalt Paavo Järvis. Der sympathische Este hat wirklich ein Händchen für eigentlich jedes Repertoire, sei es der strenge Beethoven, für den er mit seinen Bremern zu Recht so gefeiert wird (auch sein extrem knackiger Brahms (Link) passt dazu) oder der üppige Rachmaninow – erst Recht, wenn er eine Weltklassetruppe wie das Philharmonia Orchestra aus London dirigiert.

In der Coriolan-Ouvertüre überträgt sich die extreme Körperspannung Järvis nahtlos auf seine Mitmusiker. Grimmiger und bärbeißiger kann man Beethoven nicht stürmen und drängen lassen, immer wieder weich kontrastiert durch das lyrische Seitenthema, ohne dass der unbeirrbare Strom dadurch abrisse.

Die dritte Darbietung des Prokowjew-Konzerts in der Elbphilharmonie – lustigerweise hatte das Philharmonia Orchestra dieses auch bei seinem letzten Besuch (Link) im Gepäck – brachte wiederum neue Facetten des Stücks zum Vorschein. Schätzte ich bei Pekka Kuusisto/Esa-Pekka Salonen gerade das kantig-expressive Moment und war ich von der Interpretation durch Frank-Peter Zimmermann/Urbanski eher gelangweilt, so ergab sich heute im Wechselspiel Hahn/Järvi eine im Vergleich zum ersten Philharmonia-Konzert viel rundere, epischere, dabei nicht minder spannungsvolle Lesart. Hillary Hahn hat mir wirklich sehr gut gefallen, lupenreiner Ton, eher romantischer Ansatz, aber nicht kitschig. Dass sie als Zugabe wieder einmal den fast schon obligatorischen Bach brachte, konnte ich ihr angesichts eines Vortrags, der zu Tränen rührte, nicht verdenken.

Ähnliches gelang Herrn Järvi dann spätestens im großen Adagio der Rachmaninow-Sinfonie. Was soll man da noch groß sagen bzw. schreiben? Wenn man auf diesem Parkett-Platz im Epizentrum der sich in Sehnsucht aufstauenden, vor Herzschmerz zerfließenden Wogen nicht mitgenommen wird, gibt es wohl keine musikalische Rettung mehr. Ist das nicht Kitsch? Nennt es, wie ihr wollt, es macht in jedem Falle süchtig. Spannend für mich dabei mit einem wachen Ohr zu lauschen, warum ich diese Musik so mag, während sich das andere dem Rausch hingibt. Gemein gesagt ist dieses Adagio eine perfekte Symbiose aus Karfreitagszauber und Bruckner-Bögen – was soll ich dieser Kombination schon entgegen setzen? Das Philharmonia Orchestra für seine Technik und Klangfarbenvielfalt zu loben, ist fast ein wenig albern. Sie können es einfach. Also alles.

Und wie schon 2017 beschließen die Gäste mit dem Valse triste das Konzert. Ein kleines, duftiges, leicht wehmütiges Lebwohl nach den Eruptionen der großen Sinfonie und der perfekte Ausklang eines perfekten Abends.

13. Dezember 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Herbert Blomstedt.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Ludwig van Beethoven – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 
Es-Dur op. 73 (Emanuel Ax)
Zugabe: Schubert?

(Pause)

Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73



Das Phänomen Blomstedt – auch mit mittlerweile 91 Jahren immer noch verblüffend flott unterwegs. Der Gang auf die Bühne vielleicht eine Spur steifer im Rücken (kann ich mir auch eingebildet haben) als 2017 in Berlin (Link), am Pult jedoch weiterhin mit beneidenswerter physischer Präsenz – Der Mann hat Übersicht und läßt keinen Zweifel daran, dass er die Zügel mit gütiger Mine aber fest im Griff hat. Auch das Beethoven-Dirigat selbst ist mit Berlin vergleichbar – sehr rund und elegant, mir persönlich jedoch etwas zu gemütlich. Doch gerade dynamisch absolut ausgefeilt, facettenreich, das Orchester klingt sehr gut, sehr homogen. Generell heute erst mal nichts zu meckern. Im Gegenteil: die Hörner richtig gut! Die Akustik auf 15 M ist immer noch nicht mein Fall, aber immerhin transparent – tiefes Horn als Grund für den Solisten im dritten Satz war mir so noch nie aufgefallen. Ax passt dabei prima zu Blomstedt, ebenfalls rund, phänomenales Legato und butterweicher Anschlag – auch und gerade in der Zugabe.

Eine Prise Pausen-Rassismus: Das alte Klischee „Asiaten spielen technisch perfekt, jedoch ohne Seele“ erfreut sich in Teilen der Hamburger Bildungselite ungebrochener Beliebtheit. So erfuhr man ungewollt über Lang Lang: „Da können sie auch einen Automaten hinstellen“ Jawoll! Deutsche Leitkultur über alles in der Welt!

Aber zurück zu echten Leitbildern. Über Blomstedts Mimik und Gestik allein ließe sich ein Essay zum Thema ansteckende Lebensfreude verfassen. Über den jungendlichen Schwung seines Handkantendirigats. Über die freudig-erwartungsvollen Blicke an seine Mitstreiter, wenn er ihnen ihre Einsätze gibt. Oder über seine typische Geste beim Herauspicken der verdienten Solisten für den Applaus: eine Mischung aus Winken und Segnen der Musiker. Wer mit über 90 noch so intensiv Freude an Musik zu vermitteln und offenkundig zu erleben imstande ist, darf wahrlich gesegnet genannt werden.

Kein Segen ist leider mein Aboplatz. Habe ich bereits oft mit ihm gehadert, wurde die problematische Akustik heute nach der Pause noch einmal schlagartig klar. Offenbar ist die Verstärkung von der Beethoven- zur Brahms-Instrumentation alles andere als förderlich (u.a. 8 statt 4 Bässe). Der runde Klang weicht einem harten, kalten, zudem fällt er auseinander. Die Bläser dominieren die Streicher, letztere – eigentlich das Prunkstück des NDR – klingen dünn und kalt. So z.B. die Celli am Anfang des zweiten Satzes gespenstisch matt. Das Blech dafür lärmend, Horn leider nun auch mit ein paar Unsicherheiten (u.a. Solo zweiter Satz), Trompeten mit Patzer zum Satzschluss. So macht große Sinfonik einfach keinen Spaß, ich hoffe, dass ich meinen Platz zur neuen Saison endlich umtopfen kann.

Dafür gibt es beim Brahms, wahrscheinlich auch angeregt durch die gute Einführung, unerwartet spannende Bezüge zu Mahler zu entdecken. Eigentlich unverständlich, dass mir das nicht schon früher aufgefallen ist, schließlich gehören die Sinfonien des Hamburger Jung nicht gerade zu den seltenen Exoten in den Konzertprogrammen und die auch in der Einführung angesprochene Leihgabe der „Naturlaut“-Intervalle aus dem Finale, mit denen Mahlers Erstling beginnt, stellt ein mir seit Jahr und Tag bekanntes Kuriosum dar. Viel spannender als diese einzelne zitathafte Stelle schien mir heute allerdings die ganze Faktur der Zweiten, welche – wenn man so will – Brahms konzeptionell viel näher an Mahler heranrückt, ja ihn in gewisser Weise durchaus als Vorgänger auf charakterlicher Ebene erscheinen lässt.

Ich muss gestehen, dass ich gemeinhin mit der Zweiten am wenigsten anfangen konnte, gerade nach dem ersten Kennenlernen schien sie mir ungleich uninteressanter, ja seichter als die von Dramatik nur so durchzuckte Erste. Das ist natürlich eine dumme Einschätzung, aber zum Glück muss man ja nicht unbedingt (ganz) dumm bleiben. Was mir immer mehr, und heute eben wieder mit Macht aufgeht, ist die Ambivalenz, die in dieser Sinfonie verborgen (oder halt für Blitzmerker offenkundig) ist. Nehmen wir einmal beispielhaft den dritten Satz, namentlich die Holzbläser, im Besonderen die Oboe: Ihr Auftreten wirkt zuerst beschaulich, gemütlich, dann jedoch mindestens in gleichem Maße melancholisch, fast sentimental.

Die Ton gewordene wehmütige Erinnerung, die bei Mahler so oft anzutreffen ist und deren Vorläufer ich immer eher bei Schubert gesehen habe – hier findet sich ein ergreifender Vorgriff beim „absoluten“ Musiker Brahms. Gut, über die Unsinnigkeit, von absoluter und programmatischer Musik in klar abgrenzbaren Kategorien zu sprechen, hatte ich mich sicher bereits oft genug ausgelassen, das würde hier den Rahmen sprengen. Vielleicht liegt auch keine Wahnsinnserkenntnis darin, diesen Bezügen zwischen den beiden (zumindest stilistisch) scheinbar grundverschiedenen Komponisten nachzuspüren, aber für mich war das heute frappierend, gewissermaßen vom privaten Ringen bei Brahms zum Weltringen bei Mahler.

10. November 2018

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Manfred Honeck. Gasteig München.

19:00 Uhr, Block Q, Reihe 5, Sitz 25



Ludwig van Beethoven – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 
G-Dur, op. 58 (Igor Levit)
Zugabe des Solisten: Beethoven? Variationssatz?

(Pause)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 1 D-Dur



Der Gasteig und ich werden wohl keine Freunde mehr werden. Nachdem sich heute abermals die akustischen Defizite des (viel zu) großen Saales bemerkbar machten und darüber hinaus von einer äußerst befremdlichen Attitüde des Personals akkompagniert wurden, welche irgendwo zwischen überfordert, argwöhnisch belehrend oder schlichtweg ungastfreundlich anzusiedeln war, bin ich doch mehr als froh, dieses herrliche Orchester in schöner Regelmäßigkeit in der heimischen Philharmonie-Alternative bewundern zu dürfen. Vielleicht bringt ein Sitz mit weniger Outsorcing-Feeling, irgendwo auf halbem Wege zwischen Bühne und dem Hang, der noch nicht einmal das Ende der platztechnischen Fahnenstange bedeutet, sich aber dennoch meilenweit vom Geschehen anfühlt, eine Verbesserung, aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob sich weitere Experimente in dieser Scheune lohnen und man nicht einfach abwarten sollte, bis sich München ebenfalls zu einem vernünftigen Konzerthaus durchgerungen hat. So bleibt erst einmal die Erinnerung an ein großartiges Konzert unter kleinartigen Bedingungen. Man ist nicht allein zu weit von der Bühne entfernt, als dass ein Fortissimo auch wie ein solches bei einem ankommen könnte, der übertragene Ton ist zudem durchweg stumpf und breiig ohne jede Brillanz, so dass sich gerade Feinheiten lediglich als Ahnung übertragen und eine transparente Wirkung des Orchestergefüges nahezu ausgeschlossen ist. Aber genug der Schelte, selbst diese maue Akustik konnte einer nahezu perfekten Darbietung kaum etwas anhaben.

Nachdem Maestro Jansons seine Teilnahme an diesem und weiteren Konzerten seines Orchesters aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, ließen mich Umbesetzung und Programmänderung doch weiterhin auf einen großen Abend hoffen. Der Verzicht auf Mahlers eher selten gespielte Siebte mag im ersten Moment ein kleiner Dämpfer gewesen sein, doch wenn man Mahler ersetzt, dann am besten mit Mahler, und natürlich ist auch Beethoven als Beifang nicht zu verachten. Manfred Honeck genießt seit dem Mahler-Geniestreich mit seinen Pittsburghern in der Laeiszhalle (Link) mein höchstes Vertrauen und vermochte jenes heute auf beeindruckende Art aufzufrischen. Mit Igor Levit konnte ich endlich einmal einen Künstler erleben, von dem ich zwar bereits viel Gutes gehört hatte – ihn selbst jedoch nicht. Die Kombination Honeck/Levit sollte sich dabei als ideal erweisen.

Während der Einspringer vom Pult aus für eine enorm konstrastreiche Lesart des Partitur sorgte und eine flotte Interpretation mit oftmals knackig-scharf konturiertem Ausdruck gestaltete, ergänzte sich dies vortrefflich mit dem überaus zarten Anschlag des jungen Russen – am eindringlichsten im zweiten Satz zu beobachten, in dem die mit größtmöglicher Schroffheit, ja Aggressivität vorgetragenen Eingaben der Streicher vom Solisten auf das Zarteste, Behutsamste beantwortet wurden. Dabei ist Honeck beileibe kein Brutalisnki, wovon beispielhaft die daraufhin einsetzende Beruhigung des Orchesters und viele weitere Passagen intimsten Ausdrucks zeugen, die teilweise den akustischen Rahmen bis an die Grenzen des Hörbaren ausloteten. Bleibt noch die Frage nach der Urheberschaft der vom Solisten gewählten Kadenz des ersten Satzes, welche in ihrem modernen, expressiven Duktus überraschte, gleichzeitig jedoch das Wesen des Beethovenschen Mikromotivik-Baukastens perfekt einfing. Bei der Zugabe stellte Levit noch einmal die Vielseitigkeit seiner Anschlagskultur und Wandlungsfähigkeit im Ausdruck unter Beweis, anstatt das Publikum mit einer typischen Virtuosenblendgranate beeindrucken zu wollen – sehr sympathisch.

Mit Mahlers Ersten blieb Honeck seiner von mir erstmals in Hamburg genossenen Handschrift treu. Auch hier arbeitete er mit starken Kontrasten, vor allem im Ausdruck, aber ebenfalls im Tempo, dass mal rubatoartig changierte und immer wieder vehement anzog, um das vermeintlich Disparate, die oft collagenhaft aufeinanderprallenden Gegensätze konsequent herauszuarbeiten. Dabei kam neben dem Treibenden, unbändig Vitalen ebenso das lyrische Moment nicht zu kurz, welches beispielsweise in der scheu-entrückten Lindenbaum-Passage des dritten Satzes an intimer Verletzlichkeit kaum zu steigern war. Andererseits ist sich Honeck nicht zu schade, das bäuerliche Tanzbein im zweiten Satz aufs Derbste schwingen zu lassen, was wiederum einen wunderbaren Kontrast zum für meine Begriffe durchaus parodistisch aufzufassenden „feinen“ Walzer schuf. Abgesehen davon, dass ich ohnehin jedesmal aufs Neue über die Großartigkeit der Konzeption der Sinfonie als Ganzes und ihres Finales im Besonderen staune, war es wieder eine Wonne, dieses musikalisch wie narrativ so plastisch fassliche Wunderwerk in solch kompromissloser Perfektion erleben zu dürfen. Da spielt es auch keine Rolle, dass z.B. unter der Dauerbelastung im Blech der ein oder andere Ton nicht hundertprozentig saß – das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erweckt Mahler zum Leben, wie er zu klingen hat. Meinen Dank an Manfred Honeck und meine Genesungswünsche an Mariss Jansons.

26. Mai 2018

Klavierabend – Elisabeth Leonskaja.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Ludwig van Beethoven – Sonate As-Dur op. 110
Ludwig van Beethoven – Sonate c-Moll op. 111

(Pause)

Franz Schubert – Sonate B-Dur D 960

Zugaben:
Franz Liszt – Sonetto del Petrarca Nr. 104 S 161/5 »Pace non trovo« / Années de pèlerinage, deuxième année, Italie
Franz Liszt – Sonetto del Petrarca Nr. 123 S 161/6 »I' vidi in terra« / Années de pèlerinage, deuxième année, Italie



Elisabeth Leonskaja mag als Ersatz für den erkrankten Maurizio Pollini eingesprungen sein, von zweiter Wahl kann künstlerisch jedoch nicht die Rede sein – im Gegenteil. Ich hatte die Pianistin zwar schon einmal vor über zehn Jahren in Hamburg erlebt, aber so unwiderstehlich, wie es sich mir heute offenbarte, hatte ich ihr Spiel aus unerfindlichen Gründen nicht abgespeichert. Da zeigt sich wohl doch auch wieder die enorme Ausdehnung meiner Bildungslücke im Bereich der Klavierliteratur und seiner Vertreter. Drei dramatisch-intensiv ausgelotete Sonaten später reiht sich dieser Abend in die stärksten pianistischen Eindrücke ein, die ich bislang erleben durfte. Und spätestens seitdem der doppelte Liszt als Zugabe mit jener Bandbreite von erotisch-irisierend bis maskulin-auftrumpfend Ohr und Sinne berauschte, muss der Weg zur Erkundung der Diskographie dieser Künstlerin ein obligatorischer sein – h-Moll-Sonate, ich komme!

14. April 2018

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich I, Reihe 2, Platz 5


Franz Schubert –
Ouvertüre C-Dur „im italienischen Stil“ D 591

Ausgewählte Lieder in Orchesterbearbeitungen:
An Silvia D 891 (Bearbeitung: Alexander Schmalcz)
Des Fischers Liebesglück D 933 (Schmalcz)
Das Heimweh D 456 (Schmalcz)
Ganymed D 544 (Schmalcz)
Die Forelle D 550 (Benjamin Britten)
Alinde D 904 (Schmalcz)

Zugabe: Abendstern D806

(Matthias Goerne – Bariton)

(Pause)

Sinfonie Nr. 8 C-Dur D 944 „Große C-Dur-Sinfonie“

Zugabe:
Ludwig van Beethoven – Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ op.43


Wer ist dümmer – das Paar, das die falschen Plätze eingenommen hat oder jenes, das verdutzt bei den Erstbesetzern abblitzt, während der Dirigent bereits die Bühne betritt? Last Minute mag für Malle funktionieren, in der Elbphilharmonie steht man dann da wie bestellt und nicht abgeholt. Glück für das Depp-Quartett, dass der erste Programmpunkt nur fünf Minuten dauert, und man danach vom freundlichen Saalpersonal bedient wird.

Schubert macht den Rossini, das ist ein nettes Stückchen zum Eingrooven, wobei ich bezweifle, dass dieses famose Orchester wirklich erst auf Betriebstemperatur kommen muss, um seinen feinen, transparenten Klang zur Entfaltung zu bringen. Der Chef am Pult löst die italienische Esprit-Aufgabe mit federnder Eleganz und klarer Kante – typisch Järvi eben.

Die anschließenden Orchesterlieder ermöglichen das nächste Treffen mit der wahrscheinlich schönsten Baritonstimme des Planeten. Meine letzte Eloge auf Matthias Goerne (Link) liegt erst etwas mehr als einen Monat zurück, und ich habe meiner Schwärmerei heute nichts hinzuzufügen, außer der abermaligen Feststellung seiner Einzigartigkeit. Die Bearbeitungen der Lieder funktionieren übrigens wunderbar, Järvi und sein Ensemble stellen der überirdischen Stimme zarteste Orchesterminiaturen zur Seite in denen die Musiker auch solistisch zu überzeugen wissen – etwa im Lied „Heimweh“, in dem erst Englischhorn, dann Viola und schließlich Querflöte die sehsüchtige Weise aufnehmen. Mit der Zugabe – Abendstern – breiten Goerne und seine Begleiter noch einmal die Summe dessen vor den Zuhörern aus, was die Kunstform Lied so ergreifend macht: Intimität und Intensität – ganze Welten komprimiert in Minuten.

Mit dem ersten butterweichen Horneinsatz ist nach der Pause sofort klar, dass Järvi und seine Truppe auch den sinfonischen Teil des Abends veredeln werden. Offenbart die „Große C-Dur“ immer wieder die Vorbildfunktion Beethovens für Schubert, etwa in den laut-leise Effekten zu Beginn oder dem pochenden Dreiermotiv im Finale sowie dessen generellem, stürmischem Charakter, ist es weit interessanter, den Eigenheiten Schuberts in diesem Werk nachzugehen, die wiederum ihrerseits Einfluss auf die Fortentwicklung der Sinfonik hatten. Insbesondere für Bruckner muss sein Landsmann wirklich prägend gewesen sein, immer wieder fühle ich mich im Werk des jung Verstorbenen an die Arbeit des spät Berufenen erinnert. Namentlich der sicher mit der Ausdehnung der Sätze, aber ebenso ihrem strukturellen Aufbau verbundene Effekt, von einem Plateau auf das nächste gehievt zu werden, tritt schon bei Schubert zu Tage.

Welche Steigerung wohnt doch dem zweiten Satz inne, und wie Atem raubend wird diese aufgelöst – mit einem Flüstern nach der Eruption. Dynamische Kontrastwirkungen scheinen Järvi besonders zu liegen, sein Kammerorchester entfesselt dabei Energien und erzielt Wirkungen, die sich in der Wahrnehmung absolut mit „ausgewachsenen“ Orchestern messen lassen können. Es kommt eben bei dem subjektiv wahrgenommenen Bumms – wie bereits oft beobachtet – nur bedingt auf die reine Lautstärke an, sondern auf die Summe vieler Faktoren, darunter der Umgang mit Lautstärkeverhältnissen oder die Artikulation. Schade, dass ich an dieser Stelle gedanklich nochmal gegen den NDR nachtreten muss, mit dem Järvi Schostakowitschs Siebte weit weniger beeindruckend präsentierte.

Der dritte Satz steht gleichsam für Bruckner Pate, genauer für dessen Starkstrom-Scherzi. Die Kammerphilharmonie hier wunderbar knackig bis ruppig, gleichzeitig betont Järvi eine prägnante Wendung darin mit solch einer Verzögerung, als wolle er gleich zum Schunkeln übergehen. Besonderer Ohrenschmaus: das perfekte, wohlig-weiche Zusammenspiel der Posaunen und Hörner – ein perfektes Klang-Amalgam. Das Finale gestaltet sich als pure Energieexplosion, überbordender Elan bei technischer Brillanz. Spannend die Stelle, in der Järvi bei dem ganzen Stürmen und Drängen einmal ordentlich auf die Bremse tritt – die stampfende fanfarenartige Passage erhält dadurch ein ordentliches Gewicht – richtig fett, könnte man neudeutsch konstatieren.

Als Zugabe wird das große sinfonische Vorbild Schuberts selbst auf die Bühne gebeten – die Prometheus-Ouvertüre bildet, bekrönt von Naturtrompeten anstelle ihrer Ventil-Geschwister, den elektrisierenden Abschluss für ein Konzert ohne einen einzigen schwachen Takt.

Memo an mich: warum kollabieren eigentlich so viele Leute in der Elphi? Ist es der steile Aufstieg am Anfang, der den älteren Herrschaften dann im Konzert den Blutdruck zerhaut? Heute gab’s schon wieder Tumult, entweder ist mir das früher in der Laeiszhalle einfach nicht aufgefallen oder die Elphi lässt tatsächlich vermehrt die Sinne schwinden – allein bei meinen Besuchen nun schon zum vierten oder fünften Mal.

9. November 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Ludwig van Beethoven – Violinkonzert (Frank Peter Zimmermann)
Zugabe: Sergej Rachmaninow – Prélude op. 23, Nr. 5 g-Moll
(Transkription Ernst Schliephake)

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 7


Es ist zum Mäuse Melken. In diesem Leben wird das wohl nichts mehr mit dem NDR und mir. Da kann nicht mal Paavo Järvi als Vermittler helfen, den ich insbesondere in seiner Funktion als Chef der Kammerphilharmonie Bremen und sichere Bank als Gastdirigent sehr schätze. An seiner Interpretation lag es nicht, dass heute trotz zweier Lieblingswerke nicht so recht Favoritenstimmung aufkommen wollte.

Egal ob Beethoven oder Schostakowitsch, an der Lesart und der „technischen Ausführung“ habe ich wenig auszusetzen – und doch will sich die Wirkung, die von diesen Werken ausgehen kann, einfach nicht einstellen. Sind es die (fehlenden) Klangfarben? Gibt es da doch eine gewisse akademische Steifheit, oder bilde ich mir das nur ein? Am Ende kann es mir egal sein, komme ich mit anderen Orchestern doch einfacher ans Ziel.

Fazit: Halbzeit im Abo D, Ernüchterung macht sich breit, vielleicht begebe ich mich nach dieser Spielzeit doch NDR-technisch ein paar Jahre in den Winterschlaf, zumal mich der designierte neue Chef des Vereins auch nicht unbedingt in euphorische Vorfreude versetzt. Man wird sehen und vor allem hören, was die Zeit bringt.

19. Juni 2017

St. Petersburger Philharmoniker – Wassili Sinaiski.
Philharmonie St. Petersburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 10, Platz 19



Wolfgang Amadeus Mozart – Serenade Nr. 13 für Streicher in G-Dur KV 525 „Eine kleine Nachtmusik“

Ludwig van Beethoven – Zwei Violinromanzen (Ilya Gringolts – Violine)
Zugabe?

(Pause)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 5



Die St. Petersburger Philharmonie verbirgt sich, nimmt man die schier überwältigende Opulenz der ganzen Innenstadt als Maßstab, hinter fast schon bescheidenen, unscheinbaren Mauern. Ein Eckhaus / Klassizismusblock, wie es dort unzählige gibt, nur der güldene Schriftzug darüber unterscheidet das Portal zum großen Saal von den angrenzenden zu Restaurants u. a.; Kleine Eingangshalle mit Ticketschalter und Gastronomie, etwas versteckte Garderoben, wenig lenkt die Aufmerksamkeit ab von der großen Treppe hinauf zu Foyers und Saal.

Das Programmheft kann nur mit der vehement durch das resolute Personal forcierten Abnahme einer Werbebroschüre über Petersburger Immobilien erstanden werden. Der Hinweis, man möge es nicht wegwerfen – zumindest nicht in diesen Hallen – führt den Begriff „hard selling“ auf eine ungeahnte Ebene, vielleicht sollte ich doch diese Villa hier ... aber nein, es geht schließlich immer noch (auch) um Musik, also weiter mit der Erkundungstour.

Im großen Foyer blicken Komponisten aus geschmackvoll gerahmten Schwarzweiß-Bildern auf die Wartenden herab. Habe ich so noch nicht gesehen, hat im Zusammenspiel mit dem schönen, aber nicht zu verspielten Raum eine wirklich gute Wirkung. Natürlich werden neben Mozart und Beethoven vor allem russische Komponisten geehrt, aber auch ein Exot wie Sibelius ist dabei – und auch Gustav Mahler. Dessen legitimem Nachfolger in Sachen Sinfonik hat man in einem Nebenraum ein Standbild gewidmet – Schostakowitsch steht neben dem Uraufführungsplakat seiner siebten Sinfonie, die auf ewig mit dieser Stadt und seinen Bewohnern verbunden sein wird.

Der große Saal selbst ist eine dezent-klassizistische Variante des Schuhschachtelprinzips, erinnert sehr entfernt an das Berliner Konzerthaus oder vielleicht den Wiener Musikverein, den ich allerdings bislang nur von Bildern kenne. Die Akustik hat mir sehr zugesagt, auch wenn bei Mahlerscher Besetzung selbst in Reihe Zehn nicht wirklich von einem ausgewogenen bzw. kompakten Klangbild gesprochen werden kann, da sich das Riesenorchester in Ermangelung der erforderlichen Bühnentiefe extrem in die Breite aufreiht – Posaunen am äußersten rechten Flügel hab ich auch noch nicht erlebt. Aber der Reihe nach.

Der erste Programmpunkt des Abends, Mozarts Kleine Nachtmusik, ist ausschließlich den Streichern vorbehalten. Der erste Höreindruck verdutzt doppelt: Einerseits scheint man es hier nicht unbedingt mit Präzisionsfanatikern zu tun zu haben, was die rein technische Seite (Einsätze, Intonation) angeht, andererseits habe ich selten einen erleseneren Streicherklang erlebt. Wäre er eine Fotografie, wäre diese nicht auf Hochglanzpapier abgezogen, sondern auf seidenmattem. Seidig, mattiert, minimal herb, ja rauchig, sind Attribute, die mir unweigerlich in den Sinn kommen, oder, weniger assoziativ – wunderschön. Ich frage mich, wieviel die Halle an sich zu diesem Eindruck beiträgt.

Die beiden Violinromanzen von Beethoven sind Neuland für mich, in ihrer gleichermaßen virtuosen wie gesanglichen Art auf den ersten Blick eher nicht „typisch Beethoven“ aber in jedem Fall eine Bereicherung des privaten Repertoires. Ilya Gringolts erobert die Bühne seiner Heimatstadt mit feinem, innig-lyrischem Ton und passt damit perfekt zum Seidenschimmer seiner Philharmoniker-Kollegen. Seine (mir leider unbekannte) Zugabe zeigt dann eine deutlich wildere, hitzig-gespannte, „zigeunerische“ Seite – nicht minder edel im Tonfall.

Nach der Pause dann der mutmaßliche Höhepunkt des Abends – das Publikum sollte nicht enttäuscht werden. Zwar bleibt das Präzisionsempfinden, vorbehaltlich bei schnellen, rhythmischen Strukturen ähnlich kulant, stellt in der großartigen Konzeption Sinaiskis allerdings keinen wirklichen Mangel dar, sondern kann als Teil einer äußerst organischen, flexiblen Lesart gesehen werden, die sich zudem klanglich auf höchstem Niveau bewegt. Insbesondere der zweite Satz in seiner Aggressivität und Zerrissenheit wird von Sinaiski mittels ausgefeilter Rubatogestaltung und kontrastgebenden Tempowechseln dazu genutzt, das Collagehafte bei Mahler zu betonen. Insgesamt geht Sinaiski mit seiner Interpretation aufs Ganze, treibt seine Musiker immer wieder mit Inbrunst an, fordert mehr Intensität von den Streichern etc.

Letztere können auch hier ihren erlesenen Sound voll einbringen, nie schneidend, aber doch ungemein präsent. In den ruhigen, innigen Passagen schaffen sie unter Sinaiskis Führung dann eine weit schwingende Gelöstheit, Zartheit und Intimität, wie ich sie selten erlebt habe. Aber auch an den Kollegen von Holz und Blech lässt sich klanglich berauschen – ansatzlose Hörner und berührende Hornsoli machen das Scherzo, neben vielen anderen staunenswerten Leistungen, zu einer Manifestation betörender Schönheit und bittersüßer Sehnsucht innerhalb des Mahlerschen Kosmos menschlichen Ringens. Momente, wie der im zweiten Satz noch nicht vollendete, im Finale majestätisch triumphierende Choral, werden zur Demonstration dessen, wozu die Blechgruppe eines Orchesters nicht allein dynamisch, sondern vor allem klanglich-qualitativ in der Lage sein kann. Der mitreißende, kompromisslose Jubel des Finales fand seine Entsprechung in der Begeisterung der Hörerschaft – der krönende Abschluss eines großen Abends an ehrwürdiger Stelle.

4. Mai 2017

Wiener Philharmoniker – Herbert Blomstedt.
Konzerthaus Berlin.

20:00 Uhr, 1. Rang links, Reihe 1, Platz 31



Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37
(Kit Armstrong)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 4 Es-Dur



Spätestens nach diesem Konzert habe ich ein ganz konkretes Vorbild in Bezug auf die Zielgerade meines Aufenthaltes hier auf Erden – Herbert Blomstedt. Ganz gleich, wie viele Runden diesem Pult-Urgestein noch vergönnt sein mögen, aber wenn man mit knapp 90 Jahren die Bühne noch so flotten Schrittes betritt, und einen dicken Schinken wie Bruckner, mehr als eine Stunde ohne Pause stehend, mit vollem Körpereinsatz immer noch frei aus dem Gedächtnis den Wiener Kollegen zu entlocken vermag, hat man eine ganze Menge im Leben richtig gemacht. Oder extrem gute Gene. Oder absolut keinen Bock auf die Rente. Wahrscheinlich von allem etwas. Auf jeden Fall hat dieser Mann richtig Spaß bei dem was er tut, das merkt man auch mit weitaus weniger Lebenserfahrung.

Energie, Körperspannung, ungebrochener Drang nach Gestaltung. Während beim Beethoven vielleicht noch etwas wie Altersmilde angedichtet werden könnte – eher breite Tempi dominieren eine runde, aber keineswegs konturlose Lesart – findet sich in Blomstedts Bruckner keine Spur davon. Vielleicht auch bedingt durch das makellose, insgesamt aber etwas harmlose Spiel Armstrongs, ergibt sich ein bemerkenswerter Kontrast zwischen den beiden Konzerthälften. Ging es im Klavierkonzert noch beschaulich-elegant zu, sollte nach der Pause eine Demonstration von Saft und Kraft folgen. Diese „Romantische“ ist kein naiv-verträumtes blaues Blümelein, sondern eine mächtige Eiche, die in ihrer ganzen Pracht das Leben feiert. Eine trutzige Burg, deren Mauern im Sonnenschein strahlen, keine nebelumwaberte Zinne als Projektionsfläche verklärter Sehnsucht. Mehr Walhall als Monsalvat.

Es wäre spannend, den Mitteln Blomstedts nachzuforschen, durch die er die Sinfonie in dieses unerschütterlich optimistische Licht frei von allem Zweifelnden, Brütenden taucht, wie es Bruckner sonst so oft anhaftet. Gut, die Vierte ist – welch Erkenntnis – nicht die Siebte, Achte oder gar Neunte. Trotzdem ist es schon ungewöhnlich, wie selbstsicher und geerdet das Ganze rüberkommt, ohne dabei profan zu wirken. Leider war ich allzu sehr mit Staunen beschäftig, um viel über die Details der Interpretation sagen zu können. Auf jeden Fall gab es immer wieder Momente, namentlich im ersten und vierten Satz, bei denen Blomstedt Steigerungen durch ziemlich forsche Tempozunahme etwas extrem Mitreißendes, Zwingendes gab, das keinen Widerspruch duldete. Klingt erst mal banal, ist sicher auch nur ein kleines Mosaiksteinchen einer Herangehensweise, die ohne Zweifel als ebenso schlüssig wie konsequent bezeichnet werden kann.

Bleibt nur zu hoffen, dass uns jenes schelmische Lächeln und das, was es bewirkt, noch möglichst lange erhalten bleibt.

31. März 2017

Kleiner Konzertchor Blankenese – Dieter von Sachs. Kath. Kirche Maria Grün Hamburg.

20:00 Uhr, freie Platzwahl

Joseph Haydn – Kanon, Tod ist ein länger Schlaf
Antonio Lotti – Crucifixus für 8 Stimmen
Ludwig van Beethoven – Bitten, Klavier und Sopran (Mascha Zippel – Sopran, Fabian Höfer – Klavier)
Felix Mendelssohn Bartholdy – Denn er hat seinen Engeln (8 Stimmen)
John Rutter – I Believe In Springtime
Henry Purcell – O Blow Ye The Trumpet (Steffi Arnold – Sopran, Renanto Kroll – Tenor, Fabian Höfer – Klavier)
Johann Sebastian Bach – Motette Nr. 3, Jesu meine Freude

23. März 2017

Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela –
Gustavo Dudamel. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 16, Bereich V, Reihe 2, Platz 18



Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125

(Julianna Di Giacomo – Sopran, Tamara Mumford – Mezzosopran, Joshua Guerrero – Tenor, Soloman Howard – Bass, EuropaChorAkademie)



Dudamel zum Dritten, oder: die Neunte aus luftiger Höhe. Dafür, dass man hier unterm Dach so ziemlich am Ende der preislichen Nahrungskette angekommen ist, hört und sieht man ausgesprochen gut. Der Blick steil nach unten, aufgrund der Trichterform des Saales eher mit dem Rangempfinden in manchem Opernhaus vergleichbar, gewährt nicht allein beste Sicht auf den imposant von der Decke tropfenden Schallpilz, sondern lässt auch das Bühnengeschehen weitgehend frei einsehbar, ohne sich dafür den Hals auskugeln zu müssen. Dennoch werden Ausflüge ins Gebälk bei mir in Zukunft nach Möglichkeit eher selten stattfinden, dafür bin ich einfach zu gern unmittelbar im Geschehen dabei. Von hier oben klingt alles fein und ausgewogen, aber auch ein bisschen distanziert – zumindest für Krawallbrüder wie mich. Spätestens beim Chor sollte einem schon die Birne wegfetzen, sonst kann ich auch daheim die Kalotten entstauben. Aber geschenkt, Lautstärke ist nicht alles, die Neunte ist und bleibt ein besonderes Erlebnis.

Woran Dudamels Handschrift auch heute großen Anteil hat. Zupackend und kontrastreich im ersten und vierten Satz, auf dem Rhythmus-D-Zug durch den zweiten, einzig der überirdisch schöne dritte Satz blieb, trotz betont langsamer, inniger Lesart, relativ wirkungslos. Was auch einigen Störfaktoren in unmittelbarer Nachbarschaft geschuldet sein mag – bräsiges Getuschel, Handygefummel und mehrfaches lautstarkes Umgraben des Handtascheninhaltes helfen jetzt auch nicht direkt, die Konzentration hochzuhalten. Dafür war dann wiederum die behutsamst möglich vollzogene Einführung des Freude-Themas in den tiefen Streichern an unhörbarer Wucht kaum zu übertreffen. Leises klingt in diesem Saal auch hier oben einfach unbeschreiblich beeindruckend. Orchester und Solisten schlugen sich wacker, die vor dem Chor postierten Sänger waren gut zu vernehmen, wenn auch nicht immer textverständlich. Solche Probleme kennt die EuropaChorAkademie natürlich nicht, die Damen und Herren avancierten zu den heimlichen Helden des Abends.

Das Fazit nach dreimal ¡Viva Beethoven!: Dudamel hat's drauf, seine Kollegen aus der Heimat machen ihre Sache gut, können allerdings mit Orchestern der Weltspitze nicht mithalten. Trotzdem bleibt unter dem Strich dreimal Ludwig van mit Schmackes und Gefühl, was bei diesen gleichermaßen geliebten wie ausgenudelten Werken keine Selbstverständlichkeit darstellt. ¡Muchas gracias!

22. März 2017

Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela –
Gustavo Dudamel. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



















Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93



Zweiter Eintrag zur Testreihe Beethoven – und gleich eine akustische Überraschung. Die nahezu identischen Zutaten ergeben auf meinem zweiten Aboplatz, wohlgemerkt von Montag auch nicht viel mehr als einen Hustenbonbonwurf entfernt, ein vollkommen anderes Ergebnis bzw. Hörerlebnis: Der Klang ist durch den geringeren Abstand zur Bühne deutlich direkter, dabei allerdings auch weit weniger homogen. Was noch schwerer wiegt, ist der Umstand, dass diese zusätzliche Nähe die Akustik auch weniger gutmütig erscheinen lässt – oder anders ausgedrückt, den Damen und Herren aus Venezuela weniger schmeichelt. Mängel bei den Hörnern treten zutage, die Streicher erscheinen nicht so voll, alles wirkt etwas unbehauen.

Dabei sagt mir Dudamels Interpretation weiterhin sehr zu. Der erste Satz der Siebten noch am unspektakulärsten, im langsamen zweiten nimmt man sich viel Zeit, um den soghaften Aufbau intensiv zu gestalten. Die beiden schnellen Sätze dann wirklich im Affenzahn. Hier zeigt sich wieder der Unterschied zur Weltspitze in puncto Technik – insbesondere den schnellen Läufen mangelt es des Öfteren an Präzision, der geölte Blitz zieht leichte Fäden. Trotzdem mehr als mitreißend. Die Leute sind schwer begeistert. Kann man auch sein – ein überaus leidenschaftliches Plädoyer für Beethoven. Der Musikwissenschaftler mag mich belächeln, aber Wahnsinn, was allein die Aufteilung der Streicher in der Behandlung des Allegretto-Themas für eine Wirkung entfaltet: Während die Bratschen mit dem Thema beginnen, werden sie von den 2. Violinen begleitet, welche es dann ihrerseits übernehmen, begleitet von den ersten, bis die Melodie schließlich dort in der hoher Lage intoniert erstrahlt – so einfach wie genial.

Bei der Achten bin ich zum ersten Mal nicht ganz auf Dudamels Wellenlänge. Die habe ich seinerzeit unter Zagrosek schon für meine Begriffe interessanter erlebt. Die Interpretation ist keine schlechte, betont aber mehr das elegante, als das bissige Moment, welches der Sinfonie dann eine fast schon ironische Note verleiht. Das Finale gerät in dieser „braven“ Konzeption noch am packendsten – Dudamel hat einfach ein Händchen, rhythmische Spannung aufzubauen und zu entladen, ohne dabei schroff oder vulgär zu sein. Es knallt, aber mit Stil und immer mit dem Blick für die Zusammenhänge.

Letztere, bezogen auf die Faktoren, welche ein Konzerterlebnis als Ganzes prägen und die Akustik bzw. ganz konkret die Platzwahl im Besonderen, lassen mich nach dem Vergleich von heute und Montag doch den Reflex zu klaren Urteilen in Zweifel ziehen. Bleibt die Einordnung eines Dirigates, einer Lesart, ohnehin immer dem eigenen Geschmack und Erfahrungshintergrund verhaftet, ist es doch verblüffend, wie sehr die Platzwahl selbst in einer wunderbaren Halle wie der Elbphilharmonie massiven Einfluss auf die wahrgenommene Qualität eines Klangkörpers hat. Am Montag Champions League, am Mittwoch Bundesliga – mit derselben Mannschaft. An welchem Tag hatte ich nun „Recht“? Am Ende ist das natürlich Mumpitz, erklärt aber vielleicht, warum in den Tagen und Wochen nach der Eröffnung so viel Widersprüchliches (und Stuss) geschrieben wurde. Der objektive Konzertbericht, ein rührendes Stück Utopie – Beethoven kann es wurscht sein.