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2. Dezember 2025

SWR Symphonieorchester – François-Xavier Roth. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich 12 A, Reihe 9, Platz 2



Helmut Lachenmann – Ausklang / Musik für Klavier mit Orchester

Zugabe des Solisten: Béla Bartók – Improvisation

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92


SWR Symphonieorchester
Jean-Frédéric Neuburger – Klavier
Dirigent – François-Xavier Roth


Ein Wort zum Lachenmann-Stück: Nö. War ich vor dem Konzert noch in gespannter Erwartung, endlich mal ein Werk des dem Namen nach wohlbekannten Komponisten zu hören, der im Kosmos der Moderne fraglos seine Spuren hinterlassen hat, trat jedoch bereits nach wenigen Minuten Ernüchterung ein. Das Konzept einer Geräuschkomposition klingt erst einmal spannend, erweist sich im Falle des 50-minütigen Ausklangs für Klavier und Orchester allerdings leider als die staubtrockene, unzugängliche und emotional kaltlassende Kopfgeburt, die man durch den bewusst gewählten Verzicht auf nahezu jegliche für den interessierten Laien erkennbare melodische, harmonische sowie rhythmische Zutaten erwarten darf.

Mag sein, dass eine analytische Auseinandersetzung dem geneigten Musikwissenschaftler oder Komponistenkollegen einen freudigen Schauer der Erkenntnis nach dem anderen über den Rücken jagen lässt, wobei ich die Vermutung hege, dass selbst diese Annahme zu viel naiv-emotionale Denke enthält. Dabei sind die einzelnen Klangkombinationen und Geräusche für sich betrachtet zum Teil durchaus interessant und/oder wirkungsvoll – hätte sie Lachenmann nach seiner Laborarbeit doch nur in die Hände eines Komponisten gegeben, der gewillt wäre, sie in einen hörenswerten Gesamtzusammenhang zu setzen. Das Ganze pendelt sich dann in meiner Wahrnehmung irgendwo zwischen verpasster Chance und Ärgernis ein, könnte Lachenmann bei jemandem eigentlich offene Türen einrennen, der durch Kollegen wie Berlioz oder Mahler absolut die Gepflogenheiten des „Hässlichen“ oder Geräuschhaften zu schätzen weiß.

So bleiben die Quakgeräusche der über die Klaviatur gezogenen Plastikförmchen oder der durch den Schlag aufs Mundstück induzierte Trompetenfurz putzige Inseln in einem kargen Meer aus mehr oder weniger innovativen Geräuschen, einzig durch den Wellengang des An- und Abschwellens der Lautstärke mit einer Prise Abwechslung versehen. Auf jeden Fall braucht es davon keine 50 Minuten, da man bereits nach spätestens 5 jegliches Gefühl für das Fortschreiten der Zeit verloren hat. Auch eine Leistung. Bleibt für mich persönlich die einfache (und nicht neue) Erkenntnis, dass Musik als rein intellektuelle Spielart ohne die Intention einer emotionalen Ansprache für mich letztlich reine Zeitverschwendung darstellt – dafür gibt es einfach viel zu viel unfassbar ergiebiges Zeug zum Entdecken oder auch zum immer wieder neu Verlieben.

In letztere Kategorie fällt natürlich die Siebte, auf der allgemeinen Beethliebtheitsskala wohl nur von der Fünften und Neunten übertrumpft, versehen mit schmissigen Urteilen, wie die in keinem Programmheft fehlende „Apotheose des Tanzes“. Oder anders: nicht nur playlist, sondern heavy rotation. Ich habe ja schon oft festgestellt, dass ich eigentlich gar keinen ausgemachten Beethoven-Dirigenten meines Vertrauens habe, von daher ist es mit Vergleichen so eine Sache. Auf jeden Fall braucht es eine knackige Interpretation, damit meine Antennen anschlagen.

So begeisterte mich Herrn Roths Stabführung im ersten Satz dann auch nur bedingt – eine Spur zu lasch, zu wabbelig schien mir der Ansatz, obwohl ein durchaus flottes Tempo vorherrschte. Ich konnte nicht genau greifen, ob es für mich eher die Artikulation oder das Timing war, welche mich nicht so recht abholten. Mit dem zweiten Satz wusste ich dann ungleich mehr anzufangen: auch hier ein recht zügiges Tempo, welches sich mit erfrischender Eleganz vom breiten Depri-Schmonz abhob, wie er gern beim nicht seltenen Einsatz des Allegrettos in Filmen gewählt wird. Die Sätze drei und vier rundeten einen unter dem Strich dann doch sehr positiven Gesamteindruck ab – im Finale will Roth sich, wie so viele, in Sachen Tempo beinahe überschlagen, aber seine Truppe macht gut mit. Allgemeine Begeisterung im Saal, Roth scheint auch seinen persönlichen Fanclub dabei zu haben – könnten auch einfach weitere Musiker des SWR gewesen sein, die beim relativ schlank besetzten Beethoven keinen Einsatz hatten?

Fazit: eine gute halbe Stunde Beethoven entschädigt letztlich für 50 Minuten Lachenmann-Quälerei.

16. Juni 2024

SWR Symphonieorchester – Teodor Currentzis.
Elbphilharmonie Hamburg

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 10, Platz 1



Benjamin Britten – War Requiem op. 66

SWR Symphonieorchester
London Symphony Chorus
SWR Vokalensemble
Knabenchor Hannover
Irina Lungu – Sopran
Allan Clayton – Tenor
Matthias Goerne – Bariton
Dirigent – Teodor Currentzis



Das Verblüffendste des Abends war die Erkenntnis, dass Currentzis hier mal keine Interpretation liefert, die extrem von der auf Tonträger belegten Lesart des Komponisten abweichen würde. Meine Wahrnehmung des Werkes ist aber ohnehin derart mit Brittens eigener Einspielung verknüpft, dass jedes Abweichen davon in seltensten Fällen für mich funktioniert. Leider trifft das gleichermaßen auf die beteiligten Sänger zu. Irina Lungu und Allan Clayton erfüllen ihre Aufgaben mit Können und Hingabe, nur ist es für sie – wie für wohl jeden anderen Sänger – in meinen Ohren ein Ding der Unmöglichkeit, die akustischen Fußstapfen einer Wischnewskaja und eines Pears zu füllen. Am ehesten gelingt dies dem überaus geschätzten Matthias Goerne, der den Vergleich zu Fischer-Dieskau, gerade auch in Bezug auf den darstellerischen Gehalt in der Stimme, nicht zu scheuen braucht. Das War Requiem lässt mich nie unberührt, so auch diesmal nicht. Ein Werk, dem ich mich nur selten aussetzen darf, gerade weil es so schmerzlich-schön, gewaltig und zerbrechlich ist und bis heute leider nichts von der Relevanz seiner Botschaft verloren hat. 

21. Juni 2019

SWR Symphonieorchester – Teodor Currentzis. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 9, Platz 2



Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 »Leningrader«


Es ist wirklich bemerkenswert, wie Herr Currentzis dem Hype, der zweifellos teilweise in den Medien über ihn geschürt wird, mit Substanz mehr als Gerecht wird. Schon meine erste Begegnung, damals noch in der Laeiszhalle (Link), ließ mich aufhorchen und seitdem waren Konzerte mit seiner Beteiligung immer etwas ganz Besonderes. Heute gab es eigentlich zwei Faktoren, die mich verblüfft haben. Zum einen hatte ich das SWR Symhonieorchester, seinerzeit noch in Form seines unfusionierten Teils SWR SO Baden-Baden und Freiburg unter Dirigenten wie Gielen oder Cambreling, durchaus als gutes Orchester abgespeichert – auf den hier präsentierten Spitzenklang war ich dann allerdings doch nicht vorbereitet. Respekt. Keine Ahnung, ob Currentzis als neuer Chef diesbezüglich schon Akzente setzen oder auf eine mir entgangene Entwicklung aufbauen konnte, so oder so ist das Ergebnis bestechend. Womit wir beim zweiten Faktor des bewegenden Konzerts wären: der von Currentzis gewählten Lesart dieser an emotionalen Extremen sicher ohnehin nicht armen Sinfonie, wobei „Gangart“ es noch besser trifft. Der Dirigent scheint ein Händchen dafür zu besitzen, sein Orchester in einen Zustand zu bringen, als ginge es bei der Aufführung sprichwörtlich um alles oder nichts. Keine schlechten Voraussetzungen für solch ein Schicksalswerk wie die Leningrader, und ich muss sagen, dass ich diese Sinfonie wohl kaum zuvor mit solch elementarer Wucht und Hingabe bis ins Extrem aufgenommen habe. In dieser Intensität nichts, dem man sich täglich aussetzen sollte, aber das triff ja schließlich auf alle höchsten Dinge zu.