31. Januar 2026

Staatskapelle Berlin – Christian Thielemann. Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Johannes Brahms – Ein Deutsches Requiem op. 45

Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor Berlin
Nikola Hillebrand – Sopran
Samuel Hasselhorn – Bariton
Dani Juris – Einstudierung Chor
Dirigent – Christian Thielemann


Irgendwann in der letzten Spielzeit fiel mir auf, dass gar nicht mehr so viele Besuche für ein persönliches Jubiläum fehlten: 150 mal Elphi – heute war es dann soweit. Dass mir vom Schicksal und den Programmgestaltern ein solch exquisites Konzert zur inoffiziellen Feier meiner recht regen Inanspruchnahme dieses geschätzten Hauses kredenzt wurde, hatte ich lange gar nicht auf dem Schirm – genau genommen fiel mir der Umstand erst nach dem Konzert auf. Vielleicht auch besser so – „große“ Tage schüren für gewöhnlich große Erwartungen, welche nicht selten in Enttäuschung enden.

Davon konnte heute allerdings keine Rede sein. Das Gastspiel der Staatskapelle Berlin unter ihrem GMD inklusive Opernchor gehört ohne Frage zu den Höhepunkten meiner Saison 25/26. Alles in allem stellt dieses Konzert wohl die vollendetste Darbietung des Brahms-Requiems dar, welcher ich bislang beiwohnen durfte – keine Selbstverständlichkeit, wenn man in Betracht zieht, dass bei mir allein in der Elphi zwei weitere höchst beeindruckende Aufführungen des Werkes unter Haitink (link) und Currentzis (link) zu Buche stehen. Christian Thielemann ist wirklich ein Phänomen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich nach den ersten Takten über meinem geistigen Auge eine Braue erhebt und ich ernsthaft zweifle, ob diese Interpretation für mich funktionieren wird – nur um dann in der Folge restlos überzeugt, ja vielmehr verzückt zu werden. Ich erinnere mich noch lebhaft an einen auf den ersten Blick unsagbar langsamen Bruckner, der dann ungeahnte Kräfte freisetzte. Und heute gelang es Thielemann mit dem Requiem, mir ein großes Werk, dass ich zwar passagenweise sehr schätze, aber nie vollends ins Herz geschlossen habe, in seiner Gänze als zutiefst berührendes Meisterwerk aufzuschlüsseln.

Man muss dazu sagen, dass ich gerade den zarten Beginn des Requiems „Selig sind, die da Leid tragen“ und das erschütternde „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ des zweiten Teils seit jeher zum Besten zähle, das Brahms aus der Feder geflossen ist, doch heute war es bereits mit dem Einsetzen des Bass- und Orgelgrundes um mich geschehen. Und dass, obwohl (oder wahrscheinlich vielmehr weil) mich Thielemanns Dirigat, welches ich als eine Art frei fließendes Rubato wahrgenommen habe (ich kann mich aber auch täuschen) zeitweise irritiert hat – eben da es sich nicht mit meinen Hörgewohnheiten deckte. Umso verblüffender und erfüllender dann das Wunder der Einlösung des Höchsten, gut 70 Minuten gebanntes, hochkonzentriertes Lauschen, Empfinden, Verinnerlichen.

In dieser Präsentation möchte ich keinen der sieben Sätze missen, ja keinen einzelnen Takt, so zwingend schlägt Thielemann den Bogen vom Anfang zum Ausklang. Ihm gelingt eine aus meiner Sicht perfekte Balance aus Lyrischem und Dramatischem, wobei der zweite Parameter eine bislang unbekannte (wild-)romantisch mitreißende Qualität offenlegt, die dem mitunter doch recht akademisch bzw. „retro“ daherkommenden Opus sehr gut zu Gesicht steht. Das Ganze gipfelt in den vom Bariton mysteriös-prophetisch eingeleiteten, bildhaften Steigerungen des sechsten Satzes, von der Ankündigung der Posaune der Auferstehung bis zum heute regelrecht ekstatisch skandierten „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ – keine Spur von trockenem Oratoriengepräge. Auch bei den Fugen höre ich nichts von der durch Wagner bespöttelten „Händel-Perücke“, sondern werde von freud- und energievoller Komplexität in den Bann gezogen.

Waren die Gesangs-Solisten für mich vor dem Konzert unbeschriebene Blätter (was ein Blick ins Programmheft und die jeweiligen Biografien natürlich als Unsinn entlarvte), zeigten beide eine mehr als beeindruckende Darbietung. Herr Hasselhorns Bariton führte mit stimmlicher Autorität und Wohlklang durch das Geschehen, der Sopran von Frau Hillebrand verfügt über eben jene lyrische Qualität und Wärme, welche das „Ihr habt nun Traurigkeit“ zu einem innig- berührenden Ereignis werden lassen. Staatskapelle und Staatsopernchor trugen ihrerseits zu einem Abend auf höchstem Niveau bei.

Fazit: Selig sind, die heute dabei waren.