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23. Januar 2024

Royal Concertgebouw Orchestra – Myung-Whun Chung.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester G-Dur KV 453 (Emanuel Ax)

Zugabe: Frédéric Chopin – Nocturne f-Moll op. 55/1

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7 E-Dur



Ich werde das Adagio aus der Siebten wohl nie wieder so hören wie vor diesem Abend. Etwa einen Monat später wurde aus ohnmächtiger Vorahnung traurige Gewissheit.

In liebevollem Gedenken an meine Mutter.

12. Dezember 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester – Krzysztof Urbański.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 19 



György Ligeti – Atmosphères
Jean Sibelius – Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47
(Joshua Bell)

Zugabe des Solisten:
Frédéric Chopin – Nocturne Es-Dur op. 9/2

(Pause)

Mieczysław Weinberg – Sinfonie Nr. 3 op. 45



Zur Abwechslung mal ein anderes Gesicht bei der Einführung – kein Wunder, ist es doch meine erste NDR-Einführung seit Ewigkeiten. Herr Hodeide gibt zu jedem Werk eine Kurzvorstellung des Komponisten inklusive zeitlicher Einordnung sowie knapper Strukturanalyse. In dieser beleuchtet er neben den Aufbau auch kompositorische Besonderheiten, die dazu herangezogenen Musikbeispiele sind schlüssig gewählt und setzten den wohl eher wenigen vertrauten Weinberg in Verwandtschaft zum allbekannten Schubert. Darüber hinaus machen sie Lust auf das Werk, ohne zu viel vorwegzunehmen. All das präsentiert Hodeige ohne Umschweife, einzig vielleicht eine Spur zu mechanisch, wobei er beispielsweise Fachtermini stets im gleichen Atemzug erläutert – hier und da eine kleine Anekdote würde dem Ganzen wahrscheinlich gut tun – Stichwort persönliche Note.

Ligeti: Hoffnungsschimmer – Top-Klang, sehr kluge Dynamikregelung, generell sehr leise, gefällt mir ausgesprochen gut (Ohne Metrum kann Urbanski ...), Intonation weitgehend rein, das An- und Abschwellen funktioniert tadellos. Respekt, sehr verblüffende Wirkung. Für solche Werke wurde die Elbphilharmonie gebaut, leider gibt es kein adäquates Publikum dafür.

Sibelius: Klanglich weiterhin prima, auch hier sehr leise Grundlautstärke. Aber die Interpretation leider spannungslos. Es zieht sich – das sollte es nicht. Bell auch nicht so mein Fall: zu wenig Feuer, recht brav, nicht immer intonationsrein. Zugabe spricht Bände: Schmalz pur mit seiner eigenen Chopin-Version (Nocturne): Kitsch, süßlich-klebrig und ein bisschen Lamettagirlanden zum Schluss – und alle sind begeistert. Fast wie bei Rieu.

Weinberg: kein abschließendes Urteil. Sätze 1 und 2 aufs erste Hören wenig beeindruckend – gefälliger Schostakowitsch. Eingängig, lieblich, weniger komplex – bisschen Unterforderung. Adagio-Beginn auch eher seicht, dann aber mit deutlich intensiverer Entwicklung. Düsterer, spannungsgeladen. Finale auch kein happy Rausschmeisser, irgendwie ernster, fordernder. Hier und da interessante Instrumentierung. Der Klang überzeugt auch hier, einzig das Dirigat sieht schlimm aus, funktioniert aber.

Fazit: Ein ganz netter Abend.

1. Mai 2019

Klavierabend – Krystian Zimerman.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 6, Platz 1



Johannes Brahms – Vier Balladen op. 10
Johannes Brahms – Sonate Nr. 2 fis-Moll op. 2

(Pause)

Johannes Brahms – Sonate Nr. 3 f-Moll op. 5

Zugaben:
Frédéric Chopin – Mazurka g-Moll op. 24/1
Frédéric Chopin – Mazurka C-Dur op. 24/2
Frédéric Chopin – Mazurka b-Moll op. 24/4



Krystian Zimerman ist schon so ne Marke, zumindest eilt ihm der Ruf des Künstlerkauzes voraus, dessen Konzerte rar gesät und im Härtefall auch mal durch Abbruch gefährdet sind, wenn es nicht nach seinem sensiblen Gusto läuft. Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn der Herr Intendant höchstpersönlich vor dem Solisten die Bühne betritt und noch einmal inständig bittet, von Knipsereien oder gar Mitschnittversuchen tunlichst Abstand zu nehmen. Nachdem der Saal dann lichttechnisch mit der höchsten Muckeligkeitsstufe versehen ist, tritt eine imposante Figur mit schneeweißem Schopf und ebensolchem Barte schnellen Schrittes ans Piano und beginnt nach knapper Verbeugung das Spiel.

Und wie! Sollte Herr Zimerman tatsächlich der Exzentriker sein, für dessen Existenz ich selbst bislang nur sekundäre Quellen anzuführen vermag – heute präsentierte sich mir eher ein freundlich, ja verschmitzt dreinblickender Herr, der es kaum abwarten zu können scheint, die Menschen mit seiner Kunst zu erfreuen und statt ritualisiertem Verbeugungszeremoniell beim Applaus lieber flugs eine weitere Zugabe nachlegt – all seine realen oder angedichteten Eigenheiten seien ihm mehr als gegönnt, angesichts eines Vortrags, der die Einlösung, vielmehr Übertreffung aller pianistischen Hoffnungen bereithält. Was würde ich darum geben, diesen Brahms auf Tonträger gebannt zu wissen, was angesichts der Tatsache, dass Zimerman seine eigene Einspielung aus den 80ern für nicht mehr verkaufenswert erachtet, einen besonderen Reiz hätte.

So aber bleibt zumindest das flüchtige Ereignis der beigewohnten Wiedergabe im Konzertsaal. Und auch wenn das konkrete Erlebnis, die Fülle an beeindruckenden, elektrisierend aufgenommenen Einzelheiten verblassen mag, so bleiben doch das dankbare Gefühl sowie die wohlige Gewissheit, einmal mehr zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Zimermans Brahms ist von einer solchen Finesse, vereint zarteste Versonnenheit (2. und 4. Satz der dritten Sonate) mit unbändiger, vitaler Explosivität, den sinfonischen Gehalt der Sonaten auf das Intensivste, Innerlichste, Imposanteste auslotend. Glücklicherweise überträgt sich diese extreme Spannung auch weitgehend auf die Atmosphäre im Saal – von dem ein oder anderen dumm platzierten Huster einmal abgesehen, lauscht man verblüffend andächtig dem pianistischen Wunder. Geht doch.

Spätestens mit den Zugaben wird dann offensichtlich, wie sehr das Publikum ihren Zimerman liebt, ja wahrscheinlich schmerzlich vermisst hat (der letzte Hamburger Auftritt liegt fast zehn Jahre zurück). Aber wie auf so vieles im Leben trifft wohl auch hier die Westentaschenphilosophie zu: Die Verabreichung des Höchsten ist nur in kleinen Dosen ratsam. Schließlich heißt es nicht ohne Grund nicht: Alltag, verweile doch ... Ein Hoch auf Perfektionisten wie Herrn Zimerman, der uns weiterhin sehnen lässt.

6. März 2017

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 2. Rang rechts, Seitenreihe 1, Platz 21



Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate C-Dur KV 545 „Sonata facile“
Wolfgang Amadeus Mozart – Fantasie c-Moll KV 475
Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate c-Moll KV 457

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90
Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

Zugaben:

Franz Schubert – Moment Musicaux Nr. 1 C-Dur D 780
Frédéric Chopin – Nocturne op. 9, Nr. 1 b-Moll
Frédéric Chopin – Nocturne op. 32, Nr. 2 As-Dur
Jean-Philippe Rameau – L’indiscrete
Robert Schumann – Arabeske op. 18 C-Dur
Frédéric Chopin – Prélude op. 28, Nr. 20 c-Moll



Von Sokolov bin ich ja bereits das Äußerste gewohnt. Die heutige Wundertat ging dann aber noch einen Schritt weiter: Mozart so zu präsentieren, dass sich zumindest für die Dauer eines Konzertes ein würdiges Duell mit Beethoven um meine Gunst entsponn. Wer hätte das gedacht. Nach einer eher gemütlich dahinplätschernden, fast schon konturlos, lieblich-breit vorgetragenen „Sonata facile“ trat – dem doppelten c-Moll von Fantasie und Sonate sei Dank – ein gänzlich anderes Antlitz Mozarts auf den Plan, welches viel mehr die Züge seines Bonner Kollegen aufwies, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ein monolithischer, kühner Mozart? Oder wurde perfider Weise die Programmreihenfolge geändert, um mich zu narren? Nein, es ist tatsächlich der ungeliebte Salzburger, der hier unter Sokolovs magischen Händen neu für mich entsteht. Ein Mozart, mehr aus der Struktur als aus der Melodie heraus entwickelt, mehr dramatischer Fluß als bloße Aneinanderreihung netter Einfälle.

Und das in der unmissverständlich zwingenden Umsetzung des kompromisslosen Russen, wie man es von ihm kennt und liebt – unerhörte Anschlagnuancen, gewaltige Sogwirkungen, Kontraste, dazu über allem eine bis zum Bersten aufgeladene Spannung, Ergebnis schier unerschöpflicher Kontrolle auch im Angesicht extremster Forderungen an sich selbst. Bezeichnend, dass die beiden Beethoven-Sonaten nach der Pause diesen Eindruck nicht mehr toppen konnten, zu groß war offenbar die Überraschung, gewissermaßen einer Vorwegnahme durch Mozart. Erst mit den Zugaben war das Ende des Tunnels erreicht, das gewohnte Konzert nach dem Konzert justierte den Fokus neu. Sechs weitere Gelegenheiten, die Meisterschaft Sokolovs ehrfürchtig zu bestaunen.

Seit Eröffnung der Elbphilharmonie begleitet mich das Thema Akustik in besonderem Maße. Hier im hinterletzten Winkel der alten Laeiszhalle wurde wieder einmal deutlich, wie leicht man doch dem allgemeinen Hype erliegt bzw. wie sehr wir uns von Faktoren, die das eigentlich Musikalische gar nicht betreffen, beeinflussen und ablenken lassen. Sicher, es gibt gemütlichere Plätze als jenen der Seitenreihe, den Blick zur Bühne von einer stattlichen Säule versperrt, aber man hört deutlich besser als es die Sicht suggeriert. Vieles ist und bleibt einfach eine Frage der Konzentration. Wie nehme ich Musik wahr, wie richte ich meine Antennen aus. Und in diesem Zusammenhang auch: wie gehe ich mit der Tatsache um, dass kein Privatkonzert für mich veranstaltet wird. Jeder achtlose Huster, der die Verletzlichkeit des Augenblickes ignorierte, war hier und heute ebenso ein Schlag ins Gesicht wie er es in jedem Saal ist, in dem wir am flüchtigen Wunder der Musik teilnehmen dürfen. Am Ende geht es um Respekt – vor der Kunst, vor der Hingabe jener, die sie vermitteln, und vor der Leidenschaft derer, für die ein Konzert mehr bedeutet als zwei Stunden totgeschlagene Zeit.

22. März 2016

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 1. Rang rechts, Loge 2, Reihe 1, Platz 1/2



Robert Schumann – Arabeske C-Dur op. 18

Robert Schumann – Fantasie C-Dur op. 17

(Pause)

Frédéric Chopin – Nocturne H-Dur op. 32/1
Frédéric Chopin – Nocturne As-Dur op. 32/2
Frédéric Chopin – Sonate b-Moll op. 35


6 Zugaben


Das Schöne an einem Abend wie diesem ist, daß ich das Köfferchen mit dem Interpretationsvergleichs-Besteck getrost daheim belassen kann, da ich weder über nennenswerte Kenntnisse der Klavierliteratur verfüge, noch die Namen Schumann oder Chopin eine besondere oder gar gesteigerte Erwartungshaltung bei mir auslösen. Ganz im Gegensatz zum Namen Sokolov. Wie befreiend, daß es im fragilen Kosmos des Live-Erlebnisses doch etwas wie eine Gewißheit des Gelingens gibt, legt man die Geschicke in die begnadeten Hände des russischen Pianisten. Wobei „Gelingen“ als hoffnungslose Untertreibung jegliche Qualifikation zur Umschreibung dieser Konzert-Ereignisse abgeht.

Ich habe schon zur Genüge bei früheren Begegnungen meiner Ehrfurcht und Begeisterung Ausdruck zu verleihen versucht, was mich allerdings auch dieses Mal wieder nicht losläßt, ist die unglaubliche Konzentration, ja vielmehr diese Art atemloser Anspannung, mit der Sokolov am Flügel seine Vision der ausgewählten Werke ausficht. Wobei Anspannung ein bei mir grundweg positiv besetzter Begriff und anstrebenswerter Zustand bei der Rezeption von Musik ist. Zur Entspannung gehe ich in die Sauna, nicht ins Konzert.

Umso euphorisierender zu erfahren, wie sich diese unumstößliche Fokussierung Sokolovs auf die eigene Wahrnehmung überträgt. Nach einer Weile stellt sich jener unwiderstehliche Sog, eine Art Tunnelblick ein, der mich in hypnotischer Verzückung dem stetig brandenden Wellengang der Tasten lauschen lässt. Dem Faszinosum scheinbar vom Verdikt der Anschlagsphysik ausgenommener, gewissermaßen aus dem Nichts zerstäubender Tontröpfchen ebenso wie dem gewaltigen Tidenhub, welcher die Gezeiten der Partituren kontrolliert in ein atemberaubendes, organisches Werden und Vergehen übersetzt. Kontraste. Der Struktur entspringt mitunter regelrecht Gewaltsames, aber nie Chaos, das Konzept bleibt schlüssig, vom feinsten, schüchternsten Nichts bis zum schmetterndsten, bärbeißigsten Alles.

Passt diese Herangehensweise besser zu Chopin als zu Schumann? Ist das eine romantische Lesart? Eine russische? Eine eigensinnige? Am Ende sind das alles akademische Überlegungen, die nirgendwo hin führen. Mit den großen Pianisten ist es wie mit den großen Dirigenten – wer den seltsamerweise oft mit dem Attribut „gesund“ versehenen Mittelweg verläßt, stößt umso wahrscheinlicher auf Ablehnung oder eben Begeisterung. Schön, daß es kompromisslose Künstler wie Grigory Sokolov gibt und wir an ihrem Kosmos zumindest für die Dauer eines Konzertes teilhaben dürfen.

26. Juli 2015

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Kieler Schloss.

19:00 Uhr, Parkett links, Block A, Reihe 1, Platz 1



Johann Sebastian Bach – Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825
Ludwig van Beethoven – Sonate D-Dur op. 10, Nr. 3

(Pause)

Franz Schubert – Sonate a-Moll op. 143 D 784
Franz Schubert – Moments musicaux op. 94 D 780

6 Zugaben:
Frédéric Chopin: Auswahl von vier Mazurken
Frédéric Chopin: Prélude Des-Dur op. 28/15 «Regentropfen-Prélude»
???



Was soll man groß über Perfektion schreiben? Ebenso wie der Meister selbst sich vollkommen auf den Vortrag konzentriert, jede überflüssige Geste meidet, möchte ich es nach meinen letzten Elogen (Link und Link) bei wenigen Worten belassen: Sokolov ist der Beste. Die Kontrastwirkungen, die er aus seinem konkurrenzlos differenzierten Anschlag schöpft, sind erschütternd. Die Ernsthaftigkeit und Tiefe, bei dem gleichzeitig vermittelten Eindruck von Selbstverständlichkeit, verleihen seinen Interpretationen trotz aller Eigenwilligkeit etwas Unantastbares. Sein unwiderstehlich perlender Bach stimuliert den Geist, sein Beethoven kontrastiert das Bild des titanischen Zertrümmerers mit beinahe schmerzhafter Verletzlichkeit. Das allzu bekannte Regentropfen-Prélude als Zugabe ist bei ihm kein kalkuliertes Rührstück, ersteht vor unseren Ohren wie zum ersten und einzig richtigen Mal, trifft unter seinem kontrolliert verlöschenden Vortrag mehr ins Herz als jedes sentimentale Forcieren. Kurz: Wann immer sich eine Gelegenheit bietet, Sokolov zu hören – man sollte sie wahrnehmen. Näher wird man der Musik, ihrem Wesen, an anderer Stelle kaum gelangen.

2. März 2013

Ballett-Gala. Staatsballett Berlin.
Brandenburger Theater

19:30 Uhr, Parkett, Reihe C, Platz 9















Was verschlägt einen als Hamburger ans Brandenburger Theater – außer der fixen Idee, stetig neue Häuser kennenlernen zu wollen? Ein Gastspiel des Berliner Staatsballetts beispielsweise. Am Sonntag locken die Trojaner in die Hauptstadt, das läßt sich doch wunderbar kombinieren.

Das Theater, genauer das multifunktionale Cultur Congress Centrum, ist nicht unbedingt eine Augenweide, bzw. angesichts der historischen Straßenzüge ringsum ein veritabler Fremdkörper, aber hübsch in eine kleine Parkanlage am Wasserlauf eingebettet. Außerdem geht es ja darum, Tanz- und Tonkunst auf sich wirken zu lassen – und weniger die Tristesse der Baukunst der Gegenwart. Bezüglich der technischen Gegebenheiten und Akustik kommt der geneigte Ästhet dann auch durchaus auf seine Kosten: Ein mehr als brauchbarer Konzertsaal inklusive standesgemäßem Orchestergraben und großzügiger Bühne erwartet den Besucher im Inneren des nüchternen Komplexes.

Die Gala scheint restlos ausverkauft – nicht zu Unrecht, wie sich schnell herausstellt. Die Brandenburger Symphoniker sind kein schlechtes Orchester und werden von Herrn Reimer munter befeuert. Die Kombination beweist Schmiss und Elan, aber ebenso Fingerspitzengefühl. Orchestraler Höhepunkt der Veranstaltung ist die Scheherazade-Szene, in der getanzte Exotik und Erotik in den Wirkungen des Klangkörpers eine bedingungslos leidenschaftliche Entsprechung finden. Auf der anderen Seite braucht man wiederum auch kein Geheimnis daraus machen, daß es das Solocello im „Sterbenden Schwan“ mit dem Siechtum doch etwas zu wörtlich genommen hat – möchte man der gewagten Intonation noch eine interpretatorische Aussage abgewinnen. Im Allgemeinen besteht jedoch kein Anlaß zu Lästerei und Unmut – das Brandenburger Orchester bietet Potenzial für inspirierte Konzert- und Opernabende.

Oder eben in Kombination mit Ballett. Wobei mehrere Szenen nicht direkt aus dem Graben, sondern vom Band begleitet wurden. Das hatte wohl hauptsächlich organisatorische, bzw. rein pragmatische Gründe, da man beispielsweise keinen Chor nur für das Lacrimosa antreten lassen und sich der Konzertmeister wahrscheinlich auch nicht als todesmutiger Virtuose für das Paganini- Capriccio hervortun wollte. Ein Stück beinhaltete eine Collage aus Musik und Geräuscheffekten, ein anderes war mit einem Song von Tom Waits unterlegt. Eine bunte Mischung, wie man sich denken kann, eine Art „Best of“ aus verschiedensten Ballettwerken – Gala halt.

Und genau daraus ergab ich für mich der einzige Wermutstropfen des Abends. So wie ich mich nur schwer mit dem Arien-Gulasch der beliebten Operngalas anfreunden kann, erging es mir mit der sehr heterogenen Abfolge der Ballettszenen. Aus dem Kontext der Ursprungswerke gerissen und mit dadurch vorprogrammierten Stimmungswechseln von jetzt auf gleich, hatte das Ganze ein wenig die Tendenz, zur virtuosen Bonbonverkostung zu verkommen. Wohlgemerkt berührt diese Einschätzung keineswegs die Qualität der dargebotenen Szenen als solche – ich bin zwar im Ballett ein seltener Gast, war jedoch sehr von den Leistungen – mehr noch vom Ausdruck – der meisten Tänzer angetan. Dennoch sind meine Lehren daraus: Lieber ein komplettes Stück als Szenen-Zapping, lieber eine getanzte Geschichte als rein virtuose Sprunggelenk- Präsentation.

Und ein letzter Kritikpunkt: Den Abend mit einer ausgedehnten, tänzerreichen, jedoch ermüdend inhaltsarmen Szene krönen zu wollen, die darüber hinaus von der eintönigsten und uninspiriertesten Musik beplätschert wurde, die das 19. Jahrhundert zum Zwecke der Spaßvollbremsung bereithält, halte ich für gewagt, ja dramaturgisch fragwürdig, kurzum: verfehlt. Mehr ist mitunter schon mal mehr, aber ob jetzt zwei, vier, sechs oder ein Dutzend Paar trippelnder Füßchen den Dienst an der getanzten Belanglosigkeit verrichten, ist einfach unerheblich. Das Konzept „Tänzer als Deko-Elemente“ erschließt sich mir nicht.

Aber wie gesagt, auch diese Nullszene schmälert nicht die Leistung der Compagnie, verwehrte dem Abend aus meiner Sicht lediglich einen gehaltvollen Abschluß. Der verdiente Jubel war den Ausführenden dadurch ohnehin nicht zu nehmen. Werde ich eine weitere Ballettgala besuchen – unwahrscheinlich. Werde ich noch mal an der Havel Halt machen – warum nicht?


Brandenburger Symphoniker – Robert Reimer

Le Spectre de la rose
Musik von Carl Maria von Weber – Aufforderung zum Tanz (orchestriert von Hector Berlioz) Choreographie in der Tradition von Michail Fokin
Tänzer: Iana Salenko, Dinu Tamazlacaru

Lacrimosa
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart – Requiem KV 626, Lacrimosa
Choreographie von Gyula Pandi
Tänzer: Marian Walter

Les Sylphides
Musik von Frédéric Chopin – Walzer op. 64 Nr. 2 (orchestriert von Alexander Glasunow)
Choreographie in der Tradition von Michail Fokin
Tänzer: Shoko Nakamura, Mikhail Kaniskin

Scheherazade
Musik von Nikolai Rimski-Korsakow – Scheherazade op. 35, Auszüge
Choreographie in der Tradition von Michail Fokin
Tänzer: Elisa Carrillo Cabrera, Ibrahim Önal

Der sterbende Schwan
Musik von Camille Saint-Saens
Choreographie in der Tradition von Michail Fokin
Tänzerin: Beatrice Knop

Das Sofa
Musik von Tom Waits – Nobody
Choreographie von Itzik Galili
Tänzer: Soraya Bruna, Michael Banzhaf, Leonard Jakovia

(Pause)

Elegie der Herzen
Musik von Arvo Pärt
Choreographie von Raimondo Rebeck
Tänzer: Iana Salenko, Marian Walter

Caravaggio
Musik von Bruno Moretti nach Claudio Monteverdi
Choreographie von Mauro Bigonzetti
Tänzer: Beatrice Knop, Leonard Jakovina

C/24
Musik von Nicolo Paganini
Choreographie von Mauro de Candia
Tänzer: Dinu Tamazlacaru

La Péri
Gartenszene Divertissement
Musik von Friedrich Burgmüller (eingerichtet und arrangiert von Roland Bittmann und Torsten Schlarbaum)
Choreographie von Vladimir Malakhov
Tänzer: Shoko Nakamura, Mikhail Kanisin, Stephanie Greenwald, Sarah Mestrovic, Krasina Pavlova, Anastasia Kurkova, Taras Bilenko, Alexej Orlenco, Kévin Pouzou sowie Damen des Corps de ballet

18. Dezember 2011

Musik auf historischen Tasteninstrumenten.
Museum für Kunst und Gewerbe.

16:00 Uhr, freie Platzwahl


Claviermusik zum Advent (Susanne von Laun)

Werke von Bach, Haydn, Mozart, Clementi, Beethoven, Mendelssohn, Chopin, gespielt an sechs verschiedenen Instrumenten



Eine Frage: Was treibt Menschen dazu, eine solche Veranstaltung zu besuchen, nur um dort im Minutentakt jeden Funken Atmosphäre gnadenlos niederzuschneuzen? Es ist Winter, gewiß, aber die heimische Schellack-Sammlung will doch sicher auch entstaubt werden und im Zweifel sollte man nicht nur seine Bazillen, sondern sein ganzes ignorantes Wesen bei sich und in diesem Falle weit, weit von morschen Instrumenten und Zuhörernerven entfernt halten.

6. Februar 2011

Concertgebouworkest Amsterdam – Mariss Jansons.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16


Gioachino Rossini – Ouvertüre zu „Die Italienerin in Algier“
Wolfgang Amadeus Mozart – Klavierkonzert c-Moll KV 491
(Leif Ove Andsness)
Zugabe: Frederic Chopin – Grande valse brillante op. 42

(Pause)


Richard Wagner – Tristan-Vorspiel und Liebestod
Richard Strauss – Rosenkavalier-Suite
Zugaben:
Wolfgang Amadeus Mozart – Ouvertüre zu „Die Hochzeit des Figaro“
Richard Wagner – Lohengrin-Vorspiel 3. Akt



Selten hat sich ein Orchester von meinem Stammplatz aus so gut angehört. Sehr fein, edel, warm, virtuos, leicht, samtig. Der „bratschige“ Streicherklang, den ich von Aufnahmen her kenne, fällt nicht so stark auf. Rossini: so wendig elegant, so transparent. Phänomenale Holzbläser (beste Piccolo aller Zeiten). Und noch einmal: Der Klang kommt außergewöhnlich gut rüber - keine Spur von der „problematischen“ Laeiszhallen-Akustik. Ist das Concertgebouw ähnlich gebaut? Schneidig federndes Dirigat – perfekt.

Mozart: Andsness hat vielleicht nicht den Sokolov-Anschlag, ist aber ein Top-Mann mit zwingender Interpretation. Eventuell eine Spur zu nüchtern. Das Orchester auch hier eine Wucht, ein Fürsprecher Mozarts vor meinem widerstrebenden Geschmack. Wagner: leider verbonbonraschelt und verhustet. Vielleicht nicht meine Lieblingsinterpretation (Sogwirkung), aber tadellos gemacht. Klangfarbenüberschwang. Luxusproblem: Die samtenen Streicher lassen im Fortissimo eben jene Schärfe vermissen, die mich gewöhnlich ins Mark trifft. Vielleicht war ich heute auch einfach nicht in Stimmung. Die Liebestod-Wirkung kam dann aber doch auf Bestellung. Das Orchester (und Jansons) schaffen eine enorme Dichte, ein phänomenales Volumen. Das ist der sprichwörtliche Druck, der von bloßer Lautstärke streng zu trennen ist.

Strauss: Die Vergleiche zum Dresdner Straussorchester drängen sich auf. Warm, dunkel, nie scharf – was eben gut und schlecht sein kann. Das Blech ist immer rund und voll aber nie forsch oder schmetternd. Die Zauberatmosphäre der silbernen Rose ist in bester, intonationsreinen Studioqualität zu bewundern. Generell eine Klangfarbenorgie sondergleichen. Und immer wieder: Dampf! Die Streicher treten als dunkle Einheit auf, sehr kompakt bzw. Homogen von den tiefen Streichern ausgehend. Ocker.

Zugaben: Mozart: Hätte eine Spur spritziger sein können (Solti); Wagner: bombig. Ein Posaunenfest ganz ohne „amerikanisches“ Geschmetter (das ich ja ebenfalls schätze), dennoch druckvoll. Die Laeiszhalle erfüllt von goldenem Klang. Beeindruckend. Randnotiz zu Jansons: ich denke nicht, daß er mein Lieblingswagnerdirigent wird, aber er ist ein großer Dirigent, allemal für Strauss.