Posts mit dem Label Prokofjew werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Prokofjew werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

28. März 2023

City of Birmingham Symphony Orchestra – Mirga Gražinytė-Tyla. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Edward Elgar – Konzert für Violine und Orchester h-Moll op. 61
(Vilde Frang)

(Pause)

Sergej Prokofjew – Romeo und Julia / Ballett op. 64,
Auszüge zusammengestellt von Mirga Gražinytė-Tyla



Elgar: Muss erst noch mit dem Stück warm werden, aber der dritte Satz hat mich doch überzeugt – endlich mal kein rein virtuoser Bravur-Rausschmeisser, sondern facettenreich und tiefgründig wie der Rest. Das Finale will nicht überwältigen, sondern erzählt die Geschichte konsequent zu Ende. Frang mit phänomenaler Leistung, leider durch bildungsferne Laberspacken hier und da arg gestört. Birmingham wie eh und je – schön, aber nicht top. Blech z.B. kein Vergleich zu San Francisco, weniger technisch als von der Farbe. Mir zu normal, zu leicht. Dirigentin macht nen guten Job, insbesondere bei den zarten Stellen – an denen Elgar keinesfalls gespart hat.

Prokofjew: Die wohlbekannte Stücke aus den Suiten bringen die abschließende Erkenntnis über die Kombination Birmingham/Gražinytė-Tyla: gewogen und für zu leicht befunden. Alles ganz in Ordnung, sowohl in Bezug auf Klang, Technik und Interpretation, aber eben auch keine Darbietung, die aufhorchen lässt. Vor allem die Stellen mit Schmackes zu brav, das ist mir unterm Strich zu gepflegt. Ein akustisches Kuriosum sei noch erwähnt: Die Verwendung der Militärtrommel ergab jedesmal ein äußerst unschönes Echo von der linken Seite (Blickrichtung Bühne) – ob es an der Position des Solisten lag? Hatte ich in der Penetranz noch nicht erlebt. Im Rückblick ein Konzert der Kategorie „Kann man machen“ mit dem Highlight Vilde Frang.


25. Juni 2019

Symphoniker Hamburg – Sylvain Cambreling.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 11



Anton Webern – Passacaglia d-Moll op. 1 für Orchester
Sergej Prokofjew – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26

(Pause)

Piotr I. Tschaikowsky – Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Symphoniker Hamburg
Martha Argerich – Klavier
Dirigent – Sylvain Cambreling



Ach Leute. Können wir uns darauf einigen, dass ich für jeden Huster, der in den Saal geblafft wird, einen Euro bekomme? Und für jedes Foto mit Blitz bzw. Auslösersound vielleicht zwei? Einen Heiermann für jedes Handyklingeln? Ich bräuchte mir dann bald keine Gedanken über meine Rente zu machen. Heute war das Publikum wieder besonders dümmlich, viele Bus-Pomeranzen, soweit ich das übersehen konnte. Einen Handy-Hattrick muss man erst mal hinbekommen, Chapeau! Ich glaube man könnte das sicher ausrechnen oder im Labor erforschen, wie viele Trottel pro Besucher die Saalatmosphäre verträgt, bis sie gesättigt ist und das Experiment umkippt. Natürlich kommt an solch einem Tag dann noch höhere Gewalt in Form eines Notarzteinsatzes hinzu (ja, ja, das Wetter), kurzum: Die Rahmenbedingungen hätten kaum rezeptionshemmender sein können.

Dass es dennoch ein lohnenswerter Abend wurde, ist in erster Linie Frau Argerichs Verdienst. Das Prokofjew-Konzert war mir unbekannt, löste aber unter ihrer stupenden Tastenbehandlung spontan den Reflex bei mir aus, es gleich nochmal hören zu wollen. Wirklich schade, dass während der kompletten Aufführungsdauer so viel Unruhe im Saal herrschte, da eine bedauernswerte Dame pünktlich zum Beginn kollabierte und danach versorgt wurde. Kann man nicht ändern, machte ein konzentriertes Zuhören jedoch weitgehend unmöglich. Umso bemerkenswerter, welchen starken Eindruck die wenigen Darbietungsfetzen machten, die ich verarbeiten konnte. Frau Argerichs Spiel zeichnet eine teils aberwitzig perlende, mühelos wirkende Geläufigkeit aus, zudem besitzt sie einen Anschlag der Kategorie zauberzart, so dass die Präsentation dieses komponierten Wirbelwinds voll keck-verschmitztem Feuer und melodisch verwunschenen Oasen allen Widrigkeiten zum Trotz aufhorchen ließ.

Das opus 1 von Webern hörte ich ebenfalls zum ersten Mal. Hatte ich gedanklich mit seiner spätromantischen Tondichtung „Im Sommerwind“ verwechselt, die allerdings gar keine Opuszahl trägt. Die Passacaglia von 1908 ist schon eine ganze Ecke progressiver als das vier Jahre zuvor entstandene Idyll, wandelt allerdings nach wie vor (noch) auf den Pfaden der Tonalität – wenn auch irgendwo auf halben Weg in die Moderne, dem späten Mahler einen Besuch in der Schrekergasse abstattend. Das Werk hat etwas Unheimliches, Beunruhigendes, gleichzeitig fasziniert es durch eine entrückt betörende Melodik und Harmonik; grelle, gellend expressive Ausbrüche erwachsen aus einem subtilen, mitunter fast kargen Gespinst. Definitiv eine Entdeckung.

Definitiv eine Enttäuschung war für mich dann leider der Tschaikowsky nach der Pause. Was keinesfalls an den Symphonikern Hamburg lag, das Orchester klingt nach wie vor mehr als überzeigend, vor allem der Streichersound hätte die Sinfonie theoretisch zu einem Erlebnis werden lassen können, theoretisch, wohlgemerkt. Nach den äußerst vielversprechenden Begegnungen mit Cambrelings Beethoven (Generalprobe 9.) und Cambrelings Debussy (Link), musste ich heute feststellen, dass sich Cambrelings Tschaikowsky so gar nicht mit der Sicht vereinbaren lässt, in der sich mir dieses Werk darstellt.

Die Bauchschmerzen fangen gleich mit dem Kopfsatz an, der in Cambrelings Interpretation nichts von der Dramatik, dem grimmigen Ringen zwischen Melancholie und Sehnsucht auf der einen und den mit Macht hereinbrechenden, namentlich vom Blech gestalteten Schicksalsschlägen auf der anderen Seite aufweist. Gerade dieses Disparate in der stetig voranschreitenden Struktur, seine Kontraste im Charakter haben mich immer an diesen Satz gefesselt. Cambreling setzt hingegen auf größtmögliche Homogenität, das Drama tritt für eine schön musizierte Rundreise ohne Ecken und Kanten in den Hintergrund. Alles klingt sauber und wohlig, ja geradezu lieblich – man könnte auch harmlos sagen – Gegensätze in Sachen Ausdruck werden ebenso vermieden wie potenzielle Tempokontraste. Die Blechepisoden werden ausnahmslos majestätisch zelebriert, haben nichts Aufrüttelndes oder gar Bedrohliches, nicht zuletzt weil die Einsätze stets abgefedert, alles andere als forsch gesetzt werden. Überhaupt scheint Herr Cambreling eine leichte Lesart zu verfolgen – ein Element, welches sich durch alle Sätze zieht, ist die Betonung des Tänzerischen. Gleichermaßen eher gediegen als rauschhaft. So entfaltet das wunderschöne gesangliche Thema des ersten Satzes in seiner Steigerung nicht die gewohnte Sogwirkung, sondern hastet kurzatmig vorüber.

Und immer wieder geht es um Ausdruck, um Klangfarben. Die fahle Wehmut des zweiten Satzes weicht einer sonnigen Belanglosigkeit, außerdem hätte ich nicht vermutet, dass ein Anwalt der neuen Musik für das breite Streicherthema derart auf die Kitschtube drückt – Tschaikowskys Melodien sind süß genug und bedürfen keiner Nachzuckerung. Das im Schlusssatz zum trotzigen Marsch und schließlich „Jetzt-erst-recht“-Finale getürmte Schicksalsmotiv lädt heute mehr zum Schunkeln ein, als dass es die Faust ballte. Die berührende, wehmütige Passage, in der das Drängen kurz zur Ruhe kommt, fällt nicht weiter auf, weil dort ebenfalls die Übergänge geglättet werden. Es tut mir leid, aber der letzte Satz sollte dem Zuhörer schon einiges mehr abverlangen als Glanz und Schmalz.

Auch wenn das jetzt alles vernichtend klingt, war diese Erfahrung alles andere als unergiebig. Vor allem, weil mir dadurch wieder klar wurde, wie sehr man mit Tschaikowsky bei mir landen kann. Oder halt so gar nicht. Ich schätze Sylvain Cambreling trotzdem weiter als großartigen Dirigenten, schließlich ist es ja nicht der Fall, dass er keine eigene Handschrift an den Tag gelegt hätte – nur eben eine für mich persönlich sehr unleserliche. Bleibt abzuwarten, ob ich bei anderen geliebten Sinfonikern – Bruckner oder Mahler kommen mir in den Sinn – dem sympathischen Franzosen wieder folgen kann.


17. Februar 2019

Berliner Philharmoniker – Yannick Nézet-Séguin.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 2, Platz 13



Claude Debussy – La Mer / Drei sinfonische Skizzen

(Pause)

Sergej Prokofjew – Sinfonie Nr. 5 B-Dur op. 100



Die Berliner Philharmoniker und die Elbphilharmonie sind eine Kombination, wie sie exquisiter nicht sein könnte, erst recht unter der gewohnt sensiblen Stabführung Nézet-Séguins. Schon nach den ersten Takten herrscht klangliche Gewissheit darüber, dass dieser Abend etwas ganz Besonderes werden wird. Und tatsächlich ist es eine beispiellose Freude, einen der wohl ausgelutschtesten modernen Klassiker, Debussys Ozeanreigen, in solch vollendeter Aufführung zu jungfräulicher Frische zurückgeführt zu wissen. Nézet-Séguins Mikromodulationen in Klang und Fluß, dazu das in wirklich jeder Beziehung makellose Orchester, lassen die Partitur in einer Transparenz schillern und aufblühen, wie man sie live sonst nur schwerlich erleben kann.

Dabei zeigt sich gerade bei den üblichen „Problemstellen“ die Meisterschaft der Berliner Musiker – butterweiche Hörner, abgestuft bis zum samtigen Hauch, das Gleiche gilt für die Trompeten, welche, ob frei aufspielend oder gedämpft, zum Edelsten gehören, was man akustisch wahrnehmen kann. Und wenn man dann realisiert, dass mit Herrn Pahud und Herrn Mayer gerade zwei der wohl Besten ihres Faches gemeinsam das betörende Flöten- und Oboensolo des dritten Satzes intonieren, könnte das innere Grinsen kaum breiter ausfallen. Beim Dirigat fällt wieder einmal auf, dass Herr Nézet-Séguin den Saal auch bezogen auf die Dynamik absolut im Griff hat. Die Steigerungen sind allesamt wuchtig, dabei allerdings in der Dosierung der Lautstärke minutiös gestaffelt, so dass er sich das volle Volumen tatsächlich bis zum Schluss des Stücks aufsparen kann – mit untrüglicher Wirkung.

Selbige erzielen die Gäste nicht minder mit Prokofjews Fünfter. Ehrfürchtiges Geraune zwischen den Sätzen, in wahre Jubelstürme nach dem Finale kulminierend, zeugen davon, dass man sich in Hamburg auch mit diesem weit weniger gelernten Mammutwerk der überlegenen Qualität der Philharmoniker bewusst ist. Für mich persönlich gehört die Fünfte sicher zu meinen Lieblingssinfonien. Gerade die Sätze eins bis drei, allen voran das herzzerreißende Adagio mit seinen sehrend-schneidenden Streichern (und wie sie heute schnitten!), haben es mir angetan. Mit dem Finale hatte ich meine Probleme, als ich die Sinfonie kennenlernte, mittlerweile habe ich realisiert, wie gut es sich in die formal doch sehr konservative Gesamtstruktur des Werkes einfügt, welches eben keine „Finalsinfonie“ in der Nachfolge Mahlers darstellt, wie es Prokofjews Kollege Schostakowitsch mitunter ebenfalls handhabt. Der Schwerpunkt liegt hier eindeutig auf dem monumentalen Kopfsatz, der mir mit seinem schubhaft einsetzenden, stetig wiederkehrenden Eingangsthema wie eine einzige, majestätische Introduktion gigantischen Ausmaßes vorkommt. Das Finale fungiert da eher als traditioneller Kehraus, wobei es auch hier die ein oder andere bizarre Überraschung gibt, etwa wenn der Komponist kurz vor dem eigentlichen Fortissimo-Schluss mitten in der Kulminationsphase das Geschehen abrupt für wenige Takte auf kammermusikalisches Maß stutzt, um den finalen Ausbruch um so vehementer im Tutti explodieren zu lassen.

Es wäre müßig, angesichts der Perfektion des Vortrags Einzelleistungen gesondert hervorzuheben – Herr Nézet-Séguin tat gut daran, beim Applaus die Orchesterstimmen jeweils als Gruppe aufstehen zu lassen – das Kollektiv ist der Star. Es war mir eine kaum steigerungsfähige Freude, diese herrliche Musik von einem solch unwiderstehlichem Ensemble in Empfang nehmen zu dürfen. Nehmen Sie sich an Ihren Münchner Kollegen ein Beispiel und kommen Sie recht bald und häufig wieder nach Hamburg – die Elbphilharmonie braucht Orchester wie dieses.

14. Februar 2019

Klavierabend – Daniil Trifonov.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 12, Platz 9



Ludwig van Beethoven – Andante favori F-Dur WoO 57
Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Es-Dur op. 31/3
Robert Schumann – Bunte Blätter op. 99 (Auszüge)
Robert Schumann – Presto Passionato (Ursprüngliches Finale
der Klaviersonate Nr. 2 g-Moll op. 22)

(Pause)

Sergej Prokofjew – Klaviersonate Nr. 8 B-Dur op. 84

Zugaben:
Sergej Rachmaninow – Vocalise op. 34/14 / 14 Lieder
Sergej Rachmaninow – Etudes-tableaux op. 33 Nr. 7



Warum sich auf dem Olymp meiner absoluten Lieblingspianisten mittlerweile ausschließlich Russen tummeln, müsste mir mal jemand erklären. Fakt ist jedoch, dass sich mit Herrn Trifonov ein weiterer Landsmann des höchst verehrten Grigory Sokolov und meiner noch recht frischen „Neuentdeckung“ Igor Levit dazugesellt hat, und wie schon seine Kollegen dem Begriff Klavierabend eine neue Bedeutungs- und Intensitätsebene verleiht. Leider fehlen mir als jemand, für den Kammermusik und die Klavierliteratur nicht zum Leib- und Magen-Repertoire gehören, sowohl die interpretatorischen Vergleichsmöglichkeiten als auch die Übung in der Beschreibung des Erlebten, doch fällt dieser Umstand angesichts einer tief empfundenen Sprachlosigkeit eingedenk des Vortrags nicht weiter ins Gewicht.

Spannend: Offenbar ist man auch im Solokonzertbereich immer noch dabei, die für die Elbphilharmonie-Akustik bestmögliche Lösung zu erforschen. Davon zeugen der fehlende Deckel des Flügels und die unorthodox schräge Positionierung desgleichen auf der Bühne. Kompliment an Herrn Trifonov, für den diese Anpassungen sicher ebenfalls eine klangliche Wahrnehmungsumstellung bedeuten. Auf der anderen Seite dürfte es heute akustisch tatsächlich größtmöglich demokratisch zugegangen sein. Selbst die sonst klar benachteiligten zusätzlichen Podiumsplätze sind so durch ihre Nähe zum Solisten eine reizvolle Option – sollte ich für die Zukunft mal im Hinterkopf behalten.

So gab es natürlich aber ohnehin auf meinem Platz, leicht erhöht in der letzten Reihe des Parketts auf einer Art „Loveseat“ nichts zu meckern, sieht man einmal von den Herrschaften schräg hinter mir ab – leider ebenfalls Landsleute des Künstlers – die sich nicht zu benehmen wussten und die erste Hälfte des Konzerts durch permanente Unruhe schmälerten. Glücklicherweise entschloss man sich dazu, nach der Pause den ganz offenbar mißfallenden Klängen fernzubleiben. Vielleicht hatte die Frau Gattin auch einfach – Achtung Klischeefalle – einen weiteren Termin zum Lippenaufspritzen.

Zuerst bildete ich mir ein, dass der Klang ohne Schalldeckel etwas dumpf, wenig brillant sei, aber mit fortlaufendem Konzert und Gewöhnung daran muss ich zugegeben, dass ich auf diese Entfernung einen Flügel wohl kaum habe differenzierter, fein abgestufter klingen hören. Was natürlich in erster Linie das Verdienst des Solisten ist. Daniil Trifonov windet sich dabei an den Tasten, als ab er in den Eingeweiden seinen Arbeitsgerätes kneten wolle, immer wieder durchfährt ihn ein Energieschub, der ihn beinahe von seinem Schemel aufspringen lässt. Was überaus manieriert klingen mag, hat im tatsächlichen Erleben jedoch nichts Aufgesetztes, Effektheischendes, sondern zeigt nichts weniger als eine faszinierende, geradezu symbiotische Verbindung des Musikers mit seinem Instrument als Verlängerung seiner selbst.

Wie er beispielsweise die Steigerung des Trauermarschs in den Schumann-Blättern stetig bis ins Titanische auftürmt, um sie gleichsam organisch wieder vergehen zu lassen – das sind einfache wahre Klangwunder, die sich hier in der alles offenlegenden Akustik des Saales ereignen. Für bestimmte Passagen beim Schumann und später auch in der Prokofjew-Sonate sind Begriffe wie „aberwitzig“ oder „unüberbietbar“ in jedem Falle zu abgegriffen, um die Sogwirkung zu beschreiben, die von diesen fliegenden Fingern ausgeht.

Fazit: Die Zukunft des Klavierspiels ist gesichert.

30. Januar 2019

Philharmonia Orchestra – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 9, Platz 2



Ludwig van Beethoven – Ouvertüre c-Moll zu »Coriolan« op. 62
Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19 (Hillary Hahn)

Zugabe Solistin:
Johann Sebastian Bach – Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003 für Violine solo / Andante

(Pause)

Sergej Rachmaninow – Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27

Zugabe Orchester:
Jean Sibelius – Valse triste op. 44/1 / Kuolema



Wenn es so etwas wie eine Allzweckwaffe auf dem Podium gibt, dann wohl in Gestalt Paavo Järvis. Der sympathische Este hat wirklich ein Händchen für eigentlich jedes Repertoire, sei es der strenge Beethoven, für den er mit seinen Bremern zu Recht so gefeiert wird (auch sein extrem knackiger Brahms (Link) passt dazu) oder der üppige Rachmaninow – erst Recht, wenn er eine Weltklassetruppe wie das Philharmonia Orchestra aus London dirigiert.

In der Coriolan-Ouvertüre überträgt sich die extreme Körperspannung Järvis nahtlos auf seine Mitmusiker. Grimmiger und bärbeißiger kann man Beethoven nicht stürmen und drängen lassen, immer wieder weich kontrastiert durch das lyrische Seitenthema, ohne dass der unbeirrbare Strom dadurch abrisse.

Die dritte Darbietung des Prokowjew-Konzerts in der Elbphilharmonie – lustigerweise hatte das Philharmonia Orchestra dieses auch bei seinem letzten Besuch (Link) im Gepäck – brachte wiederum neue Facetten des Stücks zum Vorschein. Schätzte ich bei Pekka Kuusisto/Esa-Pekka Salonen gerade das kantig-expressive Moment und war ich von der Interpretation durch Frank-Peter Zimmermann/Urbanski eher gelangweilt, so ergab sich heute im Wechselspiel Hahn/Järvi eine im Vergleich zum ersten Philharmonia-Konzert viel rundere, epischere, dabei nicht minder spannungsvolle Lesart. Hillary Hahn hat mir wirklich sehr gut gefallen, lupenreiner Ton, eher romantischer Ansatz, aber nicht kitschig. Dass sie als Zugabe wieder einmal den fast schon obligatorischen Bach brachte, konnte ich ihr angesichts eines Vortrags, der zu Tränen rührte, nicht verdenken.

Ähnliches gelang Herrn Järvi dann spätestens im großen Adagio der Rachmaninow-Sinfonie. Was soll man da noch groß sagen bzw. schreiben? Wenn man auf diesem Parkett-Platz im Epizentrum der sich in Sehnsucht aufstauenden, vor Herzschmerz zerfließenden Wogen nicht mitgenommen wird, gibt es wohl keine musikalische Rettung mehr. Ist das nicht Kitsch? Nennt es, wie ihr wollt, es macht in jedem Falle süchtig. Spannend für mich dabei mit einem wachen Ohr zu lauschen, warum ich diese Musik so mag, während sich das andere dem Rausch hingibt. Gemein gesagt ist dieses Adagio eine perfekte Symbiose aus Karfreitagszauber und Bruckner-Bögen – was soll ich dieser Kombination schon entgegen setzen? Das Philharmonia Orchestra für seine Technik und Klangfarbenvielfalt zu loben, ist fast ein wenig albern. Sie können es einfach. Also alles.

Und wie schon 2017 beschließen die Gäste mit dem Valse triste das Konzert. Ein kleines, duftiges, leicht wehmütiges Lebwohl nach den Eruptionen der großen Sinfonie und der perfekte Ausklang eines perfekten Abends.

22. März 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Krzysztof Urbański.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Wojciech Kilar – Orawa für Streichorchester
Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19
(Frank Peter Zimmermann – Violine)

(Pause)

Antonín Dvořák – Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70


Das letzte Konzert des NDR-Abos D, heute eher eines der Sorte für den kleinen Musikhunger zwischendurch. Nicht besonders lang das Programm, nicht besonders nachhaltig die Wirkung. Der Kilar mit einem eingängigen Streicherstückchen zwischen Minimal Music-Repetitionen und Balanescu Quartett-Feeling. Da fand ich die vor etwa einem Jahr ebenfalls durch Urbański und den NDR präsentierte sinfonische Dichtung aus der Feder des von mir für seinen Dracula-Soundtrack verehrten Polen deutlich spannender.

Spannung ist auch das Stichwort für das Violinkonzert, bzw. das Fehlen derselben bei der Interpretation durch Solist und Orchester. Was schrieb ich noch nach der Erstanhörung des Werkes im September (Link) an gleicher Stelle? Nervös-expressiv? Schroff? Heute eher eine geleckte, gediegene Angelegenheit. Nachträglich gebührt umso mehr Respekt Salonen und seinen Philharmonia-Kollegen – und es ist schlicht verstörend, was Pekka Kuusisto ganz im Gegensatz zum eigentlich geschätzten Frank Peter Zimmermann an Funken und Feuer aus der Partitur geschlagen hat. So habe ich das Konzert heute kaum wiedererkannt – die „schönen Stellen“, Vorboten des „Romantikers“ Prokofjew, fielen wieder auf, aber das ganze Gerüst darum blieb unwirklich blass.

Womit die nächste unrühmliche Überleitung geschaffen wäre, um die Präsentation des erhofften Highlights des Programms, des sinfonischen Energiebündels von Dvořák, traurig-treffend zu charakterisieren. Eignet sich die siebte Sinfonie wie kaum ein anderes „traditionelles“ Werk dazu, rhythmischen Furor zu entfesseln, war davon heute wenig zu spüren. Der laschen, harmlosen Lesart Urbańskis möchte ich nur ein Wort entgegenstellen: Kubelik. Einfach mal reinhören und vergleichen – ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Überhaupt Urbański: Der erste Gastdirigent des NDR mag auf den ersten Blick wie der Prototyp des jungen, dynamischen Pultlöwen erscheinen, bemisst man allerdings seine Wirkung abzüglich des seltsam affektierten, ja bisweilen unangenehm theatralischen Auftretens, bleibt nicht viel mehr als ein stylischer Bettvorleger übrig. Den Taktstock wie eine Peitsche über die Schulter ausholend geschlagen, eine Feldherrengeste hier, ein süßliches Schwelgen da – angesichts des mangelnden Effektes auf die Gestaltung einfach unerträglich. Einfachste Tempokontrastpotenziale werden verschenkt, von der harmlosen Artikulation ganz zu schweigen. Dvořák zum Abgewöhnen. Das Gros des Publikums ist dennoch begeistert und bejubelt den feschen Dirigenten und das Hausorchester – man ist genügsam im NDR-Fanclub.

Mein Abo-Fazit: Vier Konzerte, die den weiten Weg des Ensembles zur postulierten Weltspitze schonungslos offenlegen. Das Trockenobst Hengelbrock kapitulierte, die dirigierende Reiswaffel Gilbert steht in den Startlöchern, flankiert vom 1. Gastposterboy. Mir bleibt nur auf interessante Gastdirigenten zu hoffen und auf ein Entwicklungswunder – wo und durch wen das auch immer herkommen soll. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

13. Januar 2018

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich K, Reihe 1, Platz 20



Richard Strauss – Also sprach Zarathustra

(Pause)

Sergej Prokofjew – Sinfonie Nr. 5 B-Dur op. 100

Zugabe: Peter Iljitsch Tschaikowsky – Panorama aus „Dornröschen“ / Ballett op. 66


Die Orgel fetzt – auch auf 15 K, obwohl sie heute ja leider lediglich als Wuchtfundament für straussischen Nachdruck Verwendung findet. Auf den Orchesterklang als Ganzes bezogen macht sich die größere Distanz der erhöhten Lauschposition hingegen etwas stärker bemerkbar als erhofft und aufgrund der Missa Solemnis (Link) vermutet. Überraschte seinerzeit insbesondere die Präsenz der Solisten auf diese Entfernung, möchte ich heute wenn auch nicht von einer enttäuschenden, so doch leicht ernüchternden Erfahrung sprechen. Zwar ist der differenzierte Elphi-Sound fraglos zu bestaunen, allerdings in abgeschwächter Form. Zudem fehlt der letzte Bumms, gerade bei den beiden groß besetzten Stücken an diesem Abend gleichsam verblüffend wie schade.

Wobei mir der Zarathustra klanglich dann noch etwas besser gefallen hat als die Prokofjew-Sinfonie, auf die ich mich dummerweise am meisten gefreut hatte. Höhepunkte waren beim Strauss die ungemein sonor grummelnden Kontrabässe sowie die Präsenz der direkten Ansprache der (allerdings anfangs minimal wackligen) Solotrompete. Die Holzbläser blieben von dieser Warte aus abgehört auf höchsten Niveau unauffällig, die hohen Streicher wollten hingegen nicht so recht schneiden. Ein Umstand, der sich durch den Abend zog. Am Klangkörper wird es wohl kaum gelegen haben, ist mir das Münchner Orchester doch aus diversen Begegnungen in bester Erinnerung abgespeichert, unter anderem auch durch das phänomenale Gastspiel im Mai (Link). Das Geburtstagskind am Pult ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Nichts desto trotz – ein guter Abend ist unter diesen Voraussetzungen zu wenig. Fortsetzung am Montag ...

12. Dezember 2017

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich  Q, Reihe 2, Platz 31


Richard Wagner – Waldweben / Aus: Siegfried WWV 86 C
(Arrangement von Hermann Zumpe)
Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 63 
(Viktoria Mullova)
Zugabe: Misha Mullov-Abbado – Brazil

(Pause)

Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98

Zugaben:
Johannes Brahms – Ungarischer Tanz Nr. 3 F-Dur
Johannes Brahms – Ungarischer Tanz Nr. 10 F-Dur


Mein erstes Konzert hinter dem Orchester – gar nicht so übel. Der typisch duftige Klang, den man mit zunehmender Höhe erlebt, funktioniert auch aus dieser Perspektive. Allerdings macht sich von hier aus bisweilen eine Dominanz der Bläser bemerkbar, die gerade im Brahms das klassische sinfonische Gefüge, welches in der Regel von den Streichern getragen wird, teilweise auf den Kopf stellt – weiter unten sollte man wirklich nicht sitzen, es sei denn, man möchte bewusst beim Bläserapparat ganz dezidiert einen Blick unter die Haube bzw. die Ventile riskieren.

Trotzdem sind feinste Klangmischungen erlebbar – gleich im Waldweben erweisen sich Järvi und sein Orchester als ideale Fürsprecher des Delikaten. Das Prokofjew-Konzert hat mich auf den ersten Blick nicht so angemacht, trotz vieler interessanter Klangwirkungen (z.B. Trompeten plus Solistin). Da schien mir das erste Konzert, welches ich vor kurzem an gleicher Stelle erleben durfte, auf Anhieb spannender (Link). Mullova tadellos, sieht man einmal von leicht befremdlichen Koordinations-Schockmomenten ab (Das Ab- und wieder Anmontieren der Schulterstütze im laufenden Betrieb führte zu einer unfreiwilligen Hatz, bei der sie ihren Einsatz knapp verpasste, wobei Järvi netterweise wartete. Ebenso mutete die Dämpfer-Jonglage gleichsam riskant an). Generell bestätigt sich der Eindruck, dass der Saal Geiger nicht so glänzen lässt, eine gewisse Distanz ist nicht zu leugnen, zumindest auf diese Entfernung. Wobei es sich bei der Zugabe handelte, konnte ich angesichts der Äußerung Richtung Parkett nicht vernehmen – zaubern kann die Akustik halt auch nicht. Glücklicherweise wird das Programm in der Regel im Nachhinein noch auf der Elbphilharmonie-Seite um die Zugaben ergänzt, so konnte ich nachlesen, dass es sich dabei um ein Stück ihres Sohnes handelte.

Nun zu Järvi: Der Mann der kleinen Gesten (was für ein Kontrast zu Frau Hannigan gestern) – so kontrolliert sein Dirigierstil anmutet, so effektiv wie effektvoll ist er. Die Kammerphilharmonie Bremen lässt die Bezeichnung Kammerorchester nicht als Einschränkung gegenüber auf die reine Musikerzahl bezogen „großen“ Orchestern erscheinen, sondern definiert die Gattung mit vorbildlicher Transparenz und Flexibilität ohne dabei auch nur einen Funken Power zu vermissen. Und um Power ging es dann auch nach der Pause: Das war ohne Zweifel der knackigste, kompromissloseste Brahms, den ich je gehört habe. Wenn man ein Stück wie dieses, das man aufgrund seiner Allgegenwart im Konzertbetrieb wie seine Westentasche zu kennen glaubt, in derart neuem Licht präsentiert bekommt, ist das wahrhaftig ein elektrisierendes Erlebnis. Järvi bringt den Brahms, den ich von Solti erwartet hätte (nur dass Soltis Brahms tatsächlich eine eher bedächtige Angelegenheit ist) – schnelle Tempi, peitschende Leidenschaft, die mit inniger Romantik alterniert – Kontraste bis zum Abwinken. Hinzu kommt die Qualität des Orchesters, die sich nicht allein in traumhaften Streichern, sondern exzellenten Bläsern und saftigem Schlagwerk bemisst. So sollten die Solohornstellen klingen, so hört sich ein erhabener Posaunensound an! Dieser Klangkörper als Residenzorchester, und die leidige Suche nach hanseatischer Weltklasse hätte sich erledigt.

Als Zugabe gibt es noch zwei Ungarische Tänze, die das Bremer Brahms-Konzept nahtlos weiterführen – Elan, Verve, Frische, aber immer auch Eleganz, kein plumpes Gepolter. Und natürlich wählt man hier nicht die ausgenudelten Vertreter als Rausschmeißer, sondern zwei nicht so häufig gespielte Tänze. Brahms als Überraschungsgast, vertraut-unvertraut – eine Druckbetankung, die die Innovationskraft des Bekannten feiert.

25. September 2017

Philharmonia Orchestra – Esa-Pekka Salonen.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Einführung, 20:00 Uhr, Ebene 12 D, Reihe 3, Platz 4



Kaija Saariaho – Lumière et pesanteur
Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 6 d-Moll op. 104

(Pause)

Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19 (Pekka Kuusisto – Violine)
Zugabe: Glastanz?
Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 105
Zugabe: Jean Sibelius – Valse triste op. 44



Dass sich der Besuch des hochgeschätzten Philharmonia Orchestra aus London als weiteres Weltklasse-Konzert in meinen noch jungen Abo-Annalen an diesem Ort verewigen würde, hatte ich insgeheim gehofft. Dass ich heute allerdings in gewisser Weise eine akustische Neubewertung meines Platzes erfahren würde, hätte ich sicher nicht erwartet. Ohne Zweifel bleibt 13 E das Maß der Dinge, aber von all dem, was ich teilweise bei den vorangegangenen Visiten auf 12 D an scheinbar zu akzeptierenden Nachteilen des geringeren Abstands zur Bühne ausgemacht hatte, war heute rein gar nichts zu spüren. Keine Spur von Unausgewogenheit oder gar Schärfe, geriet die Veranstaltung zur Demonstration von Präsenz bei gleichzeitiger Homogenität im Klang. Und ich glaube kaum, dass es auf anderen Plätzen schlechter geklungen haben wird. Keine Patzer, ja nicht einmal unschöne Ansätze, welche die ach so „unerbittliche“ Saalakustik unters Brennglas gezerrt hätte. Stattdessen eine Form technischer und vor allem klanglicher Perfektion, deren Aura der Selbstverständlichkeit sprachlos macht.

Was für ein Streicherklang – mir war nicht bewusst, dass sich Samt so fein weben lässt. Und auf der anderen Seite diese Strahlkraft, welche die Violinen zur Entfaltung bringen. Keine Orchestergruppe, die sich nicht dem Grundsatz der Makellosigkeit verschrieben hätte. Gepaart mit dem Willen und der Fähigkeit Salonens, Klang wirklich zu formen, zu gestalten, wird Sibelius zur Offenbarung. Die Kunst des Übergangs. Nicht die des unmerklichen, suggestiven wie bei Wagner, sondern die offen bestaunbare Transformation klanglicher Aggregatszustände im Fluß motivischer Arbeit. Und hier und heute wurde mit einer Perfektion, Eleganz, Konsequenz und Intensität transformiert, wie es das gleichzeitig herbe und herzenswarme Gewebe Sibelius´ nur verdient hat. Salonen kombiniert eine extrem organische, stetig fließende Geschlossenheit mit einem Höchstmaß an Fokus und Konzentration. Straffe Tempi in den schnelleren Passagen, schneidig vorgetragen, betonen die Kontraste zum breiten Atem sich erhaben ausschwingender Steigerungen. Allein das Finale der Siebten dürfte in seiner hymnischen Sogwirkung kaum zu überbieten sein. Ich liebe diese Musik und bin sehr dankbar, sie heute wieder einmal fern der Komfortzone heimatlicher Referenzaufnahmenhuldigung live in Vollendung genossen zu haben.

Gehören Sibelius Sinfonien zu meinem Leib- und Magen-Repertoire wie Mahler oder Britten, stellt das Violinkonzert von Prokofjew für mich eine Erstbegegnung dar, zumindest bewusst, so dass es mir hier nicht möglich war, Vergleiche mit anderen Interpreten und Interpretationen anzustellen. Ungeachtet dessen ist Prokofjew bei mir untrüglich positiv abgespeichert. Romeo und Julia, Alexander Newski oder beispielsweise die 5. Sinfonie – alles ausgesprochene Lieblingswerke. Das Violinkonzert mag aus einer früheren Schaffensphase stammen, Prokofjews melodiöser und harmonischer Reichtum blitzt jedoch bereits in diesem auf den ersten Blick ziemlich nervös-expressiven, schroffen Werk immer wieder auf. Zuerst wusste ich nicht so recht, was ich vom Solisten des Abends halten sollte, schien mir Kuusistos Spiel zwar wunderbar energiegeladen, im positiven Sinne übermütig, aber in der Intonation hier und da seltsam unsauber, ja fast schlampig. Zweifel an den Fähigkeiten des Finnen räumte dieser allerdings spätestens mit der unbeschreiblich zart, kristallklar und innig vorgetragenen, volksliedartigen Zugabe ("Glastanz"?) aus, bei der er, den Rhythmus stampfend, von zuvor zum Summen animierten Orchestermitgliedern begleitet wurde.

Salonens Zugabe wiederum, der Valse triste von Sibelius, lotete noch einmal die akustischen Möglichkeiten des Saales bis an die Grenzen des Vernehmbaren aus. "Es klingt so schön, hier leise zu spielen", schwärmte der Dirigent bei der Anmoderation – erst recht, wenn man solche Streicher im Gepäck hat. Halt, fast hätte ich den Beginn des Konzerts unterschlagen: Das Stück Lumière et pesanteur der ebenfalls finnischen Komponistin Kaija Saariaho, eine kurze, intrumentale Kostprobe aus ihrem Oratorium "La Passion de Simone" über die Philosophin und Aktivistin Simone Weil. Für mich der perfekte Einstieg in einen Abend faszinierender Klang-Gestaltung, darüber hinaus eine Musik, die in ihrer Schaffung von Atmosphäre und Stimmungen unmittelbar vertraut wirkt.

Fazit: Die Kombination Philharmonia/Salonen erweist sich erneut als Traumkonstellation, die keine Wünsche offen lässt. Mehr geht nicht.

15. Oktober 2011

Hamburger Symphoniker – Andrew Litton.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 6, Platz 15, nach der Pause Reihe 12, Platz 15 links


Benjamin Britten – Klavierkonzert (Barry Douglas)

(Pause)

Sergei Prokofjew – Sinfonie Nr. 7



Ein schöner, recht kurzer Konzertabend mit einer starken ersten und einer geruhsamen zweiten Hälfte. Litton ist das Klavierkonzert schön straff und knackig angegangen. Barry Douglas Interpretation ging ebenfalls in diese, das perkussive, rhythmische Element betonende Richtung. Daß die ein oder andere Feinheit des Stückes in diesem Elan etwas unterging, ist leicht zu verschmerzen. Zu einem guten Teil hängt dieser Eindruck sicher auch mit der direkten, aber auch inhomogenen Akustik so weit vorn im Parkett zusammen.

Da ist das Klangbild beim Prokofjew in Reihe 12 deutlich ausgewogener – aber weit weniger „anfassend“. Angefasst hat mich die Sinfonie beim ersten Hören ohnehin nicht besonders. Einige Romeo und Julia-Reminiszenzen wecken wehmütige Erinnerungen an „das Original“. Der Schluß mit seinem Bläsersatz und „Herunterticken“ ist nicht uninteressant.

28. September 2011

Rotterdams Philharmonisch Orkest – Yannick Nézet-Séguin.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16


Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Violine und Orchester G-Dur KV 216 (Veronika Eberle)
Zugabe: Sergej Prokofjew
– Sonate für Violine solo D-Dur op. 115 (2. Satz: Thema und Variationen: Andante dolce)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 8 c-Moll (Robert Haas)



Wird Herr Nézet-Séguin allen Ortens schon als neuer Stern am Dirigentenhimmel gepriesen, kann ich nach dem heutigen Abend nur bedingt in diesen astrologischen Chor einstimmen. Mein schlichtes Fazit: ein guter Dirigent mit seinem guten Orchester (nebst guter Solistin) sorgt für ein gutes Konzert – nicht mehr und nicht weniger.

Im Einzelnen: Das Orchester ist nicht schlecht, besitzt allerdings in keiner Instrumentengruppe etwas, das es in meiner Wahrnehmung besonders hervortreten ließe. So entsteht ein ordentlicher, ein guter Klang - aber eben kein außerordentlicher. Auch der Solistin im Mozartkonzert läßt sich nichts vorwerfen, außer daß mich ihr Ton Mozart eben nicht näher gebracht hat. Es geht nun mal zarter, virtuoser, geschmeidiger ...

Nezét-Séguins Mozartinterpretation gibt mir nichts. Sie erwärmt mich nicht für eine Musik, zu der ich ohnehin kaum Zugang besitze. Sein Bruckner ist nicht schlecht, in jedem Fall gestaltet und nicht nur abgespult, aber auch keine Offenbarung. Wie gesagt, sicher ein brauchbarer Mann, jedoch in meinen Augen kein Überflieger. Jugend allein ist keine Auszeichnung, auch wenn sie offenbar beim Publikum gut ankommt.

11. März 2011

Junge Deutsche Philharmonie – Andrey Boreyko.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16


Igor Strawinsky – Chant du rossignol
Sergei Prokofjew – Violinkonzert Nr. 1 (Patricia Kopatchinskaja)
Zugaben:
George Ernescu – Impressions d'enfance op. 28
György Kurtag – Kafka-Fragmente (Ruhelos)
Jorge Sánchez-Chiong – Crin

(Pause)

Claude Debussy – Prelude à l'apres-midi d'un Faune
Béla Bartók – Der wunderbare Mandarin (Suite)
Zugaben: Prokofjew – Romeo und Julia (Morgentanz, Masken)



Strawinsky: Deutliche Anklänge an den Feuervogel. Erster Eindruck positiv, aber nicht überschwänglich. Chinesischer Marsch sehr effektvoll. Orchester gut drauf, kleinere Unsicherheiten bei der Trompete, Klang insgesamt sehr schön. Dirigat meiner Einschätzung nach gut, könnte aber ruhig noch mehr in Richtung Solti gehen.

Prokofjew: Hatte ich im Strawinsky noch Probleme mit der Intonation der Konzertmeisterin, wiederholte sich nun z.T. dieser Eindruck bei der Solistin (?). Kopatchinskaja hat ein sympathisches, verschmitztes, leicht schratiges Auftreten. Schelmisches Rehäuglein. Der Ton ist sehr lieblich und warm, kann auch kräftig sein, ist aber nie hart. Gefällt mir. In der ersten Zugabe stellte sie ihre Intonationssicherheit endgültig unter Beweis. Zwei „provokante“ Minizugaben inklusive Sprach- und Lautmalerei. Zur Abwechslung also mal kein Bach ... erfrischend. Das Violinkonzert an sich zieht mir erst mal nicht die Schuhe aus. Entfernte Nähe zum Romeo und Julia- Schmelz im Finalsatz.

Debussy: Ganz nett gemacht, mehr aber auch nicht. Nun ja, das Stück schafft es eh definitiv nie mit mir auf eine einsame Insel. Bartók: Nicht schlecht. Das rhythmische Element gefällt mir, insgesamt aber auch kein potentielles Lieblingsstück. Zackig dirigiert. Zugaben: Zweimal Romeo und Julia. Kann man präziser machen. Wahrscheinlich war nach dem Bartók die Konzentration aufgebraucht. Fazit: Ein guter Dirigent mit einem guten Orchester. Nicht mehr und nicht weniger.