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15. März 2023

San Francisco Symphony – Esa-Pekka Salonen. Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung mit Ivana Rajic,
20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Steven Stucky – Radical Light
Samuel Barber – Konzert für Violine und Orchester op. 14 (Johan Dalene)
Zugabe: Eugène Ysaÿe – Sonate e-Moll op. 27/4 für Violine solo

(Pause)

Esa-Pekka Salonen – Nyx für Orchester
Béla Bartók – Suite aus »Der wunderbare Mandarin« Sz 73
Zugaben:
Jean Sibelius – Valse triste / aus der Schauspielmusik zu »Kuolema« op. 44
Richard Wagner – Vorspiel zum 3. Aufzug aus »Lohengrin« WWV 75



Die Einführung brachte außer einer kurzen Vorstellung der Werke und der Erkenntnis, dass die Saalakustik bei der Beschallung durch die Deckenlautsprecher leider kein Selbstläufer ist, ein kurzweiliges Interview mit dem Soloposaunisten des Orchesters, das einige Einsichten ins Orchesterleben und die Arbeit mit Salonen bot.

Dummerweise hab ich mir wieder keine Notizen gemacht, aber ich weiß noch, dass mir das Konzert und gerade auch die Kombination der (eher "modernen") Werke sehr gefallen hatte. Sowohl das Stück von Stucky als auch Salonens Eigenkomposition ließen nicht allein die Qualität des Orchesters zu Tage treten, sondern wussten schon beim ersten Hören durch ihr Material in den Bann zu ziehen. Mit dem Barber hingegen bin ich überraschenderweise nicht direkt warm geworden, womit ich so nicht gerechnet hätte. An der Interpretation Salonens oder dem Vortrag des vorzüglichen Solisten wird es definitiv nicht gelegen haben. 

Im "Wunderbaren Mandarin" glänzte Salonen wieder einmal mit ordentlich Schmackes und trieb die Recken aus San Francisco in ekstatische Regionen. Die beiden Zugaben hat er häufiger im Gepäck – zunächst den zwischen Melancholie und Wirbel changierenden Walzer, dann als glänzenden Abschluss die strahlenden Blechsalven des Wagnerschen Jubelvorspiels. Die Elphi bebt, die Elphi dankt.


5. September 2022

Wiener Philharmoniker – Esa-Pekka Salonen. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Olivier Messiaen – Turangalîla-Sinfonie für Klavier,
Ondes Martenot und Orchester
(Bertrand Chamayou – Klavier, Cecile Lartigau – Ondes Martenot)


Das zweite Konzert nach meiner Pause und alles ist wieder da: meine Liebe zur Musik, mein Hass auf die Menschheit. Nein, nein, ich hab ja alle lieb – vor allem wenn es Zeitgenossen mit besonders kreativen Ansätzen sind. Wie beispielsweise seine schätzungsweise dreijährige Tochter in ein klassisches Konzert zu schleppen, noch dazu wenn dessen einziger Programmpunkt ein anderthalbstündiges Klanggewitter moderner Handschrift darstellt, welches mangels jeglicher Pause sicher selbst manch erwachsenem, ungeschulten Ohr alles abzuverlangen dürfte. Bravo, welch geniale Idee.

Einfach mal einen ganzen Saal durch die eigene Ignoranz (oder schlichte Blödheit) in Geiselhaft nehmen und das Konzerterlebnis für Ausführende wie Besucher durch ein ständig brabbelndes, quengelndes, schließlich weinendes Kleinkind zu verhageln. Von dem armen Würmchen ganz zu schweigen, dass um die Uhrzeit besser im Bettchen aufgehoben gewesen wäre, statt zwischen Langeweile und Überforderung sowie Vatis und Muttis Schoß hin und hergerissen. Erst kurz vor Schluss, als das Geschrei den Klangwogen immer mehr Paroli bot, fiel der Groschen und man verließ den Saal. „Leider“ saß ich in beträchtlicher Entfernung zu besagtem Block. Die Phantasien, das Mädel in den Waisenstatus zu überführen, kamen dennoch reflexhaft in den Sinn.

So begab es sich also, dass an diesem Abend die wunderbare Turangalîla-Sinfonie für Orchester, Klavier, Ondes Martenot und obligates Kleinkind zu erleben war. Die für den Klavierpart vorgesehene Yuja Wang musste krankheitsbedingt leider absagen, so dass sich mein erster Live-Eindruck dieser Künstlerin noch weiter vertagen wird. Herr Chamayou zeigte sich in jedem Fall als glänzender Einspringer. Überhaupt ist Glanz ein gutes Stichwort. Der Klang der Wiener Philharmoniker erwies sich – zum wiederholten Male – als Idealbetankung dieses sensiblen Saales. Zumal von meinem Lieblingsplatz aus vernommen. Geradezu unfair für alle nachfolgenden Orchester, könnte man sagen. Ein Wahnsinnsstreicherklang von Sänfte bis Schwert, zartestes Holz, bombastisches, profundes Blech. Da muss man schon lange horchen, um gegen Ende mal ein nicht ganz sauberes Blechtutti zu erhaschen – das wars dann aber auch an „Unzulänglichkeiten“.

Unzulänglichkeiten ist kein Begriff, den ich mir im gleichen Raum mit Esa-Pekka Salonen vorstellen kann. Über die Jahre habe ich den Finnen als einen meiner Lieblingsdirigenten ins Herz geschlossen. Durchschnitt, gar Langweile, ist bei seinen Interpretationen einfach kein Thema. Stets liefert er fesselnde, elektrisierende Versionen selbst altbekannter Werke – in der Regel mit ordentlich Verve, ja gern aggressiv im besten, Adrenalin fördernden Sinne, dabei nie kalt oder unbeseelt, sondern federnd, lebendig, ohne dabei ruhige und innige Passagen zu vernachlässigen. So auch heute beim Messiaen. Welch Rausch, welche Eruptionen, welch Reise! Und dabei Transparenz bis ins äußerste Fortissimo (Celesta & Co.). Immer wieder fühlt man sich inmitten eines riesigen Synthesizers. Hilft natürlich auch, dass ich das ganze Stück einfach über die Maßen schätze. Den ruhigen Satz könnte sich mir für meine Beerdigung vorstellen, geistert es mir irgendwann kurz durch den Kopf. Ein seltsamer Gedanke während eines Stückes, dass die Liebe und das Leben feiert, oder? Überhaupt, was hätte ich selbst denn davon – dann doch lieber diese Musik noch oft in solch vollendeter Darbietung wie heute bestaunen und genießen.


1. Oktober 2019

Philharmonia Orchestra – Esa-Pekka Salonen.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 9 D-Dur


Mahlers Neunte – in schöner Regelmäßigkeit ein Garant für Hyperventilation und Herzklabaster, eben was sich halt so Schönes und Erbauliches aus Musik mitnehmen lässt. Nach den letzten beiden Volltreffern mit Jonathan Nott (Link) und dem mittlerweile leider verstobenen Jeffrey Tate (Link), beide auch schon wieder einige Jahre her, sollte sich diese Spielzeit gleich mehrfach die Gelegenheit ergeben, mich meiner absoluten Lieblingssinfonie in der Elbphilharmonie auszusetzen. Neben dem Philharmonia Orchestra haben noch der SWR mit Currentzis, das Royal Concertgebouw Orchestra, die San Francisco Symphony sowie das NDR Residenzorchester die Neunte als Beitrag für Hamburg im Gepäck – die reinste Weltschmerzinflation. Da will es wohl überlegt sein, wie oft und mit wem man sich in diesen emotionalen Abgrund stürzt.

Esa-Pekka Salonen und das Philharmonia Orchestra sind eine Kombination, auf die ich seit jeher schwöre. Ob Bruckner-Entschlackung, Dampfhammer-Sacre oder subtiler Sibelius – die Liste außergewöhnlicher Konzerterlebnisse wächst mit den Jahren. Heute sollte sich keine Ausnahme davon einreihen. Bereits nach dem gewaltigen Kopfsatz war ich mehr als bedient. Brutaler, zerrissener, erdrückender kann man einem dieses heißgeliebte, halbstündige Monstrum aus Seufzermotiven, Erinnerungsfetzen und Niederschlägen kaum entgegenschleudern. Der eigentliche Clou des Abends war jedoch fraglos die Präsentation der beiden Mittelsätze. Im Nachhinein hätte ich mir vielleicht denken können, das Salonen gerade diese grotesken Ruinen des Tänzerischen besonders liegen müssen, ist er doch immer ein Experte für alles rhythmisch Forcierte gewesen.

Diese Schärfe, diese Härte, diese elementare Wucht einer sich unbarmherzig in Auflösung befindlichen Musik – erschreckend und faszinierend zugleich. Ich muss Herrn Salonen in gewisser Weise dankbar sein, dass seine Interpretation des ins Unendliche hinausgezögerten, selbstzerfleischenden Abschieds vom Leben und der Welt, des ins Mark schneidenden Schluss-Adagios, vergleichsweise milde, fast schon nüchtern gefasst ausfiel, ansonsten hätte es wieder einmal noch böser für mich enden können. Es muss schon eine gewisse masochistische Grundlage gegeben sein, sich auf diese wonnigen Qualen sehenden Auges, Ohres und Herzens einzulassen. Aber was soll ich machen – das süße Gift, es brennt so tief.

25. September 2017

Philharmonia Orchestra – Esa-Pekka Salonen.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Einführung, 20:00 Uhr, Ebene 12 D, Reihe 3, Platz 4



Kaija Saariaho – Lumière et pesanteur
Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 6 d-Moll op. 104

(Pause)

Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19 (Pekka Kuusisto – Violine)
Zugabe: Glastanz?
Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 105
Zugabe: Jean Sibelius – Valse triste op. 44



Dass sich der Besuch des hochgeschätzten Philharmonia Orchestra aus London als weiteres Weltklasse-Konzert in meinen noch jungen Abo-Annalen an diesem Ort verewigen würde, hatte ich insgeheim gehofft. Dass ich heute allerdings in gewisser Weise eine akustische Neubewertung meines Platzes erfahren würde, hätte ich sicher nicht erwartet. Ohne Zweifel bleibt 13 E das Maß der Dinge, aber von all dem, was ich teilweise bei den vorangegangenen Visiten auf 12 D an scheinbar zu akzeptierenden Nachteilen des geringeren Abstands zur Bühne ausgemacht hatte, war heute rein gar nichts zu spüren. Keine Spur von Unausgewogenheit oder gar Schärfe, geriet die Veranstaltung zur Demonstration von Präsenz bei gleichzeitiger Homogenität im Klang. Und ich glaube kaum, dass es auf anderen Plätzen schlechter geklungen haben wird. Keine Patzer, ja nicht einmal unschöne Ansätze, welche die ach so „unerbittliche“ Saalakustik unters Brennglas gezerrt hätte. Stattdessen eine Form technischer und vor allem klanglicher Perfektion, deren Aura der Selbstverständlichkeit sprachlos macht.

Was für ein Streicherklang – mir war nicht bewusst, dass sich Samt so fein weben lässt. Und auf der anderen Seite diese Strahlkraft, welche die Violinen zur Entfaltung bringen. Keine Orchestergruppe, die sich nicht dem Grundsatz der Makellosigkeit verschrieben hätte. Gepaart mit dem Willen und der Fähigkeit Salonens, Klang wirklich zu formen, zu gestalten, wird Sibelius zur Offenbarung. Die Kunst des Übergangs. Nicht die des unmerklichen, suggestiven wie bei Wagner, sondern die offen bestaunbare Transformation klanglicher Aggregatszustände im Fluß motivischer Arbeit. Und hier und heute wurde mit einer Perfektion, Eleganz, Konsequenz und Intensität transformiert, wie es das gleichzeitig herbe und herzenswarme Gewebe Sibelius´ nur verdient hat. Salonen kombiniert eine extrem organische, stetig fließende Geschlossenheit mit einem Höchstmaß an Fokus und Konzentration. Straffe Tempi in den schnelleren Passagen, schneidig vorgetragen, betonen die Kontraste zum breiten Atem sich erhaben ausschwingender Steigerungen. Allein das Finale der Siebten dürfte in seiner hymnischen Sogwirkung kaum zu überbieten sein. Ich liebe diese Musik und bin sehr dankbar, sie heute wieder einmal fern der Komfortzone heimatlicher Referenzaufnahmenhuldigung live in Vollendung genossen zu haben.

Gehören Sibelius Sinfonien zu meinem Leib- und Magen-Repertoire wie Mahler oder Britten, stellt das Violinkonzert von Prokofjew für mich eine Erstbegegnung dar, zumindest bewusst, so dass es mir hier nicht möglich war, Vergleiche mit anderen Interpreten und Interpretationen anzustellen. Ungeachtet dessen ist Prokofjew bei mir untrüglich positiv abgespeichert. Romeo und Julia, Alexander Newski oder beispielsweise die 5. Sinfonie – alles ausgesprochene Lieblingswerke. Das Violinkonzert mag aus einer früheren Schaffensphase stammen, Prokofjews melodiöser und harmonischer Reichtum blitzt jedoch bereits in diesem auf den ersten Blick ziemlich nervös-expressiven, schroffen Werk immer wieder auf. Zuerst wusste ich nicht so recht, was ich vom Solisten des Abends halten sollte, schien mir Kuusistos Spiel zwar wunderbar energiegeladen, im positiven Sinne übermütig, aber in der Intonation hier und da seltsam unsauber, ja fast schlampig. Zweifel an den Fähigkeiten des Finnen räumte dieser allerdings spätestens mit der unbeschreiblich zart, kristallklar und innig vorgetragenen, volksliedartigen Zugabe ("Glastanz"?) aus, bei der er, den Rhythmus stampfend, von zuvor zum Summen animierten Orchestermitgliedern begleitet wurde.

Salonens Zugabe wiederum, der Valse triste von Sibelius, lotete noch einmal die akustischen Möglichkeiten des Saales bis an die Grenzen des Vernehmbaren aus. "Es klingt so schön, hier leise zu spielen", schwärmte der Dirigent bei der Anmoderation – erst recht, wenn man solche Streicher im Gepäck hat. Halt, fast hätte ich den Beginn des Konzerts unterschlagen: Das Stück Lumière et pesanteur der ebenfalls finnischen Komponistin Kaija Saariaho, eine kurze, intrumentale Kostprobe aus ihrem Oratorium "La Passion de Simone" über die Philosophin und Aktivistin Simone Weil. Für mich der perfekte Einstieg in einen Abend faszinierender Klang-Gestaltung, darüber hinaus eine Musik, die in ihrer Schaffung von Atmosphäre und Stimmungen unmittelbar vertraut wirkt.

Fazit: Die Kombination Philharmonia/Salonen erweist sich erneut als Traumkonstellation, die keine Wünsche offen lässt. Mehr geht nicht.

25. Mai 2013

Philharmonia Orchestra – Esa-Pekka Salonen.
Laeiszhalle Hamburg.

19:15 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16



Edgar Varèse – Amériques

(Pause)

Igor Strawinsky – Le sacre du printemps



Ich glaube an dem Tag, da ich ein Programmheft zum Sacre in Händen halten werde, das einmal NICHT den (kalkulierten) „Jahrhundertskandal“ seiner Uraufführung thematisiert, bringe ich zum Dank eigenhändig irgendein heidnisches Opfer dar. Vielleicht nicht gerade eine tanzende Jungfrau, wahrscheinlich eher eine quasselnde Nebensitzerin (dazu später mehr), oder etwas in der Art.

Mein Respekt gilt erst mal Herrn Matuschek für die Handschrift seiner Einführungen. Schon beim Bostridge/Britten Liederabend (Link) war mir diese positiv aufgefallen. Zahlreiche Bild- und Tonbeispiele, ein interessanter, ungewöhnlicher Einstieg (im Falle von Britten ein erhellender Folksong-Vergleich), dazu ein lockerer aber keineswegs seichter Vortrag. Und heute also: Der Skandal. Oder besser: Der kalkulierte, inszenierte Skandal. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich bin der turbulenten Farce, bei der ein Störenfried aus dem Publikum die einleitende Fagottkantilene der Solistin auf der Bühne barsch zu stören suche, um dann seinerseits von erbosten Nebenleuten angegangen zu werden, absolut auf den Leim gegangen. Da war gleich Leben in der Bude, eine Mischung aus Peinlich- und Fassungslosigkeit machte sich breit. Meine Hochachtung für diesen Wachmacher! Die Einführung als solche war eine wirkliche Bereicherung, indem Matuschek beispielsweise mittels grafischer Umsetzung bestimmter Stellen der Sacre-Partitur deren komplexe Struktur zumindest punktuell nachvollziehbar zu machen suchte. So was könnte ich mir stundenlang zu Gemüte führen.

Dergestalt geht es aber offenbar nicht jedem, der sich mit solch einem rein „modernen“ Programm konfrontiert sieht – so zumindest deutete ich das grotesk ablehnende Verhalten der Dame zu meiner Rechten, das mir den Genuß eben jenes Sacre unmöglich machte. Unablässiges Aufstöhnen, ja lautes Hereinreden bis hin zu Klatschen (!?) während der Aufführung – sollte sich das Motto des Skandals nun verselbständigt haben? Mein Hinweis an die Dame beim Verlassen des Saales, ihr Gebaren habe das Konzerterlebnis jetzt nicht unbedingt bereichert, wurde zuerst ignoriert, dann von ihrem Gatten (der im Laufe der Darbietung zumeist abwesend mit den Schuhen klapperte, wenn er nicht gerade seine Begleitung zur Mäßigung rief, und so dem rhythmischen Element der Komposition eine ganz neue Note verlieh) umso beherzter mit einem Griff an meinen Arm aufgenommen: Was mir denn einfiele, seine Frau derart anzusprechen, wo sie doch – Zitat: „etwas dement“ sei.

Man mag mich für einen Unmenschen halten, daß ich dieser Logik daraufhin widersprach, aber vielleicht ist es meiner Kaltherzigkeit oder Respektlosigkeit geschuldet, daß ich in diesem Fall auf einer gänzlich anderen Einschätzung des Tatbestandes Respektlosigkeit beharre. Und ganz allein blieb ich mit dieser Meinung dann auch nicht, wie sich bei einem Gespräch an der Garderobe herausstellte. Es will mir einfach nicht einleuchten, mit welchem Recht man es sich herauszunehmen getraut, das Interesse von etwa zweitausend Konzertbesuchern der individuellen Verfassung unterzuordnen. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob der Grund für die anhaltende Störung Demenz, ein permanent schreiendes Baby oder ein ordinärer Schnupfen ist, wenn er dazu führt, daß die Person den Saal zusammenhustet oder –niest. Bestimmte Dinge gehen einfach nicht, so tragisch es im Einzelfall dann sein mag. Leid tut mir in dieser Posse nur die alte Dame, die in eine Veranstaltung geschleppt wird, die sie im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich weder aufgenommen, geschweige denn genossen hat.

Und zu genießen gab es eine Menge, soviel habe ich dann doch noch mitbekommen. Schließlich gastierte mit der Truppe aus London eines der besten Orchester überhaupt auf der erweiterten Bühne der Laeiszhalle. Jene war insbesondere für Varèse zwingend erforderlich, um Gerät und Künstler immer noch in Ölsardinenschichtung unterzubringen. Das Philharmonia Orchestra gehört zu meinen ausgemachten Lieblingen. Die Kombination aus virtuoser Perfektion und einem etwas spröden, fast rauchigen Charakter macht es ebenso stimulierend wie unverwechselbar. Die Energie, die es unter dem kantigen, treibenden Dirigat Salonens entfacht, konnte ich glücklicherweise nun schon zum dritten Mal auf mich wirken lassen – naja, bis auf die heutige Sabotageaktion, aber das hatten wir ja schon. Jede Instrumentengruppe für sich liefert Referenzwerte an Klang und Technik, im Zusammenspiel erlebt man die Vereinbarkeit von Urgewalt und Sinnlichkeit.

In Frage gestellt werden konnte heute allenfalls das dynamische Konzept Salonens, das vor allem bei Amériques die Schmerzgrenze der Laeiszhallenakustik aus- und überreizte – aber was hat man schließlich bei solch einem Berserker-Stück auch in Reihe 5 verloren. Wohlgemerkt: Die Verhältnisse und Kontraste der Lautstärken, bezogen auf den Aufbau der Komposition sowie die Konsequenz in der Umsetzung waren bestechend, nur vielleicht nicht ganz ohrgerecht für einen Saal dieser Bauart. Und das aus dem Munde eines unverbesserlichen Krawalljunkies wie mir!

Aber noch einmal: ob laut, ob leise, das Orchester ist eine Wucht. Schneidende Streicher, geschmeidig-agiles Holz, unerbittliches Schlagwerk, majestätisches Blech. Und immer wieder – Feinheiten. Allein die Wirkung der silbrig flüsternden Trompeten der Introduktion des zweiten Sacre-Teils, die Illusion einer fernen und doch sehr präsenten Klage schaffend – nur ein Beispiel unter vielen. Die Qualität des Vortrages machte den Abend besonders frustgesättigt, schließlich weckt solch hoher Besuch entsprechende Vorfreude und schürt Erwartungen, deren Eintreten heute einer Verschwendung gleichkam. Fazit: Dumm gelaufen.

PS: Wer immer noch glaubt, das erlauchte Klassikpublikum habe mit schnöden Erfindungen wie Fußball nichts am kulturell breitkrempigen Hut, hätte sich nach dem Konzert mal im Brahmsfoyer einfinden sollen. Sehr lustig und als Frustbewältigung besser geeignet als gedacht. Relativiertes Fazit: Zweimal ganz großes Kino mit britischer Beteiligung – London empfiehlt sich als Gast UND Gastgeber. Meine Hochachtung.