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17. April 2024

Münchner Philharmoniker – Daniel Harding.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Thierry Escaich – Konzert für Violine und Orchester
»Au-delà du rêve« / Kompositionsauftrag von Münchner Philharmoniker, Philharmonie de Paris und Elbphilharmonie Hamburg

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 4 Es-Dur »Romantische«


Münchner Philharmoniker
Renaud Capuçon – Violine
Dirigent – Daniel Harding



Auch hier habe ich nichts notiert und muss mir nun über ein Jahr später eingestehen, dass allein mit Luft und Liebe kein Blog zu befüllen ist. Zumindest nicht substantiell. Sei’s drum. Es war in jedem Fall ein wunderbares Konzert, so viel – oder eben wenig – erinnere ich noch. Beim Escaich konnte ich glücklicherweise etwas mogeln: es gibt einen Mitschnitt der Beteiligten aus dem Musikverein auf YouTube, der mir die faszinierend-verwunschene Faktur des Violinkonzertes und den atemberaubenden Vortrag Capuçons wieder vor Ohren führte. Wer meint, zeitgenössische Klassik sei verkopft oder sperrig, möge sich dieses Werk einmal zu Gemüte führen – einer meiner absoluten Favoriten der letzten Jahre eines Zeitgenossen. Mit Bruckners 4. rundet Harding das Münchner Doublefeature nach dem Mahler gestern ähnlich kolossal ab. Vielen Dank!

23. Januar 2024

Royal Concertgebouw Orchestra – Myung-Whun Chung.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester G-Dur KV 453 (Emanuel Ax)

Zugabe: Frédéric Chopin – Nocturne f-Moll op. 55/1

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7 E-Dur



Ich werde das Adagio aus der Siebten wohl nie wieder so hören wie vor diesem Abend. Etwa einen Monat später wurde aus ohnmächtiger Vorahnung traurige Gewissheit.

In liebevollem Gedenken an meine Mutter.

17. Oktober 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester –
Herbert Blomstedt. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 19



Joseph Haydn – Sinfonie D-Dur Hob. I:104 „Londoner“

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 6 A-Dur



Also bis auf den Klangeffekt, den die tiefen Hörner zu Beginn des Finales in Kombination mit den über sie hinweg tanzenden Figuren der Streicher und Holzbläser schaffen, bietet Haydns Letzte mir leider bitter wenig. Dabei möchte ich diesem Komponisten gern gewogen sein, wo ich mich bei Mozart schon fasst mit meiner Gleichgültigkeit abgefunden habe. Auf theoretischer Basis kann ich durchaus nachvollziehen, wie die Sinfonie von für ihre Zeit sicher interessanten Ideen und Eigenheiten durchzogen ist, die letztlich auch Haydns Handschrift ausmachen. Und wahrscheinlich liegt das Hauptproblem in meiner Aversion gegen diesen spezifisch unbekümmert heiteren Ton, der weite Teile des Werkes dominiert.

So oder so, es hilft nichts – der Einstieg in den Abend gerät heute für mich zur Geduldsprobe. Daran ändert auch Blomstedts Zugang wenig, dem eine frische, durchaus lebendige Sicht auf das Ganze nicht abzusprechen ist. Der NDR klingt von meinem umgetopften Aboplatz aus sehr honorig, wenn auch gelegentlich wahrgenommene oder eingebildete Verschwommenheiten in der Präzision des Zusammenspiels ein wenig das Bild trüben. Randnotiz: Das NDR Abopublikum scheint zum Klischee des Altersdurchschnittes bei klassischen Konzerten noch einmal eine Schippe draufzulegen, oder bilde ich mir das ebenfalls nur ein?

Der erste Satz von Bruckners Sechster geht mehr oder weniger als Gewöhnungsphase für den NDR drauf, dessen Ausbaufähigkeit in Sachen Klang und Technik von diesem schönen Platz tatsächlich noch etwas unschöner zu Tage treten. Spätestens jedoch mit Beginn des wahrlich nichts weniger als himmlisch zu bezeichnenden Adagios übernimmt das Phänomen Blomstedt das Kommando über die Wirksamkeit dieser im allgemeinen Konzertzirkus maßlos unterschätzten Sinfonie.

Wie der Maestro sanft und mit genau dem richtigen Atem das Geflecht tastend, aber unaufhaltsam zur Entfaltung bringt. Es mag nicht Bruckners gewaltigster langsamer Satz sein, aber mit Sicherheit einer seiner schönsten. Allein der Einsatz der Streicher nach der Horngruppe gehört zum Besten aus der Feder des Kathedralen-Sinfonikers, zum Besten überhaupt. Es kommt natürlich heute noch hinzu, dass ich genau dieses Adagio nach Mahlers 9. wirklich gebraucht habe – Trost, ehrlicher, gütiger Trost, nach dem großen Fragezeichen. Aber auch jenseits des Zustandes, der die Zeit anzuhalten scheint, hat Blomstedt heute die richtigen Mittel, mir diese Sinfonie noch einmal mehr als Herz zu legen.

Das Scherzo keck und zackig – einfach das perfekte Timing, ergo eine perfekte Interpretation. Und schließlich der letzte Satz: vielleicht nicht das Überfinale, aber ebenfalls auf seine Art vollkommen. Besonders anrührend dabei für mich die immer wiederkehrenden „Mild und leise“-Zitate – hier jedoch eher Güte und Wärme denn Weltabschied verströmend. Dennoch ein Satz der Brüche, der Vielseitigkeit mit seinen stetigen Stimmungswechseln. In Blomstedt fand sich exakt der richtige Anwalt für diese Musik, das Konzert brachte für mich noch einmal eine (eigentlich peinlich einzugestehende) enorme Aufwertung der Sechsten, die bei mir unsinniger Weise auch immer etwas unter dem Radar lief. Doch wie heißt es so schön: besser spät als nie.

29. Juni 2017

Staatskapelle Berlin – Daniel Barenboim.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr, Ebene 12 D, Reihe 3, Platz 4



Richard Wagner – Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“
Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 9 d-Moll



Die Staatskapelle Berlin und ihr Chef mit einem absoluten Traumprogramm im Gepäck. Glücklicherweise war die Atmosphäre im Saal, abgesehen von einigen offenbar unvermeidlich-unverbesserlichen Hust-Trampeltieren, erfreulich konzentriert. Mein erster Gedanke beim Tristan-Vorspiel: Mensch Daniel, warum so schleppend? Barenboim gestaltet, behutsam, expressiv, aber eben auch sehr, sehr langsam. Musste ich mich dran gewöhnen. Kann man aber schon machen, wenn man solche Streicher hat. In Sachen Klang ist die Staatskapelle wirklich eine Wucht, obgleich auch hier keine unfehlbaren Musikmaschinen sitzen, wie sich vor allem später im Bruckner zeigen sollte.

Aber noch läuft Wagner, Woge für Woge, Welle für Welle wächst das zum Zerreißen angespannte Streben nach musikalischer Auflösung, emotionaler Erlösung. Diese entfesselt Barenboim in Isoldens Verklärung dann im Kontrast zum Vorspiel in fast eilendem Drängen. So ergibt das langsame Tempo des Beginns durchaus Sinn. Die Chromatik schraubt und schraubt sich in immer sehnsuchtsvoller verästelte Höhen, die Tränen rinnen, Wagner, der alte Seelenverdreher, hat es wieder einmal geschafft.

Und dass, obwohl mir Barenboims Konzeption zumindest auf den ersten Blick gar nicht mal so nahe steht. Aber das Wichtigste: Der Mann HAT ein Konzept. Wie er die sich mischenden Orchesterstimmen differenziert verwebt, an- und abschwellen lässt, ist alles andere als der Standartzugang. Immer wieder nimmt er im Verlauf der Entwicklung die Dynamik zurück, um die Spannung zu halten, die Stufen des Verlangens werden bei ihm nicht vulgär zur Schau gestellt, sondern behalten ihre nervös-kontrollierte Erwartung bis zur Entladung.

Im Bruckner zeigt sich Barenboim nicht weniger als Freund nuancierter Binnengestaltung. Gerade im ersten Satz fällt auf, wie er die einzelnen Abschnitte für sich gesondert behandelt, vor allem Tempokontraste im Kleinen realisiert. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob dadurch der Fluß insgesamt ein wenig leidet, letzten Endes stellt sich diese Lesart aber als probates Mittel heraus, gerade das Blockhafte, Registerhafte in der Struktur Bruckners, auch im Vergleich zum treibsandigen Wagner, anschaulich und mitreißend herauszustellen.

Und wie bereits beim Tristan ist es auch hier der eigenständige, dunkle Klang der Staatskapelle, welcher die Umsetzung auf ein Spitzenniveau hebt. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass sich tatsächlich relativ viele kleine Unsauberkeiten, namentlich im Blech, einschleichen. Kiekser und Ansatzprobleme von Horn und Trompete, auch bei Soli, sind natürlich generell kein seltenes Phänomen, gerade beim blechlastigen Bruckner, aber wenn ein Orchester über solch eine klangliche Qualität und Präsenz des Blechs an sich verfügt, sind das erst recht Marginalien. Regelrecht verliebt habe ich mich in die Posaunen und Tuba – schwärzer, markerschütternd-drohender geht es kaum. Und dann wieder seidig-edel im Choral, überhaupt ist die gesamte Blechbatterie von den Trompeten bis zu den Wagnertuben im Verbund eine Macht.

Die traumhaften Streicher hatte ich ja bereits erwähnt. Fein und edel die hohen Vertreter, mit einer dunklen Note, die Celli bei Bedarf herrlich zupackend und knackig, die Bässe (heute wieder links auf der Bühne innerhalb der deutschen Aufstellung platziert) schön sonor und präsent. Und auch das Holz ist von erlesener Güte, gerade die Flöten im Adagio sehr zart und innig. Seltsamerweise habe ich im Vergleich dazu die Solo-Oboe ein wenig hart wahrgenommen – vielleicht lag es aber wiederum an meinem Platz, der sich ja schon mehrfach als äußerst direkt und schonungslos im Wahrnehmungsergebnis erwiesen hat. Eben mehr Seziertisch als die Zaubermischung auf 13 E, trotzdem speziell bei solchen Spitzenorchestern sehr lehrreich.

Aber zurück zu Barenboims Bruckner. Dominiert den ersten Satz ein mannigfaltiges Repertoire an Stilmitteln wie starke Ritardandi, generelle Kontrastwirkungen in Tempo und Dynamik, verblüfft das Scherzo mit kompromissloser, rhythmischer Härte, gepaart mit einem äußerst flotten Tempo. Auch hier ist der Kontrast zum Nebenthema und gesanglichen Trio nicht zu verachten. Das Adagio wiederum gerät unter Barenboim zu der intimen Seelenwanderung, die Bruckner als letzte vollendete Äußerung seines Glaubens in Tönen manifestiert hat. Es ist müßig, wieder einmal sogenannte Programm- gegen (angebliche) absolute Musik auszuspielen, die Stimmungen und vor allem Stimmungswechsel, die Bruckner hier realisiert, sind für jeden Hörer, der mit dem Verstand und dem Herzen aufnimmt, ganz sicher mehr als die Nebenwirkungen höchster kompositorischer Meisterschaft.

Wenn nach der letzten Steigerung, unwidersprüchlich umklammert von dem mahnenden Machtwort des vollen Blechs aus tiefster Tiefe, sich in der Folge eine einzelne Oboe einsam, scheu, zweifelnd, doch nicht ohne Hoffnung langsam hervortastet, um schließlich in der wohlig-seligen Gewissheit des Satzschlusses aufzugehen, wie unter eine warme Decke, dann ist dies in meinen Ohren mehr Bekenntnis denn handwerkliche Konsequenz. Am Ende muss jeder für sich entscheiden, wie man solche Musik wahrnimmt, für mich hat der auskomponierte Platz auf der Wolke, gerade vor dem biografischen Hintergrund Bruckners, nichts Belächelnswertes.

4. Mai 2017

Wiener Philharmoniker – Herbert Blomstedt.
Konzerthaus Berlin.

20:00 Uhr, 1. Rang links, Reihe 1, Platz 31



Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37
(Kit Armstrong)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 4 Es-Dur



Spätestens nach diesem Konzert habe ich ein ganz konkretes Vorbild in Bezug auf die Zielgerade meines Aufenthaltes hier auf Erden – Herbert Blomstedt. Ganz gleich, wie viele Runden diesem Pult-Urgestein noch vergönnt sein mögen, aber wenn man mit knapp 90 Jahren die Bühne noch so flotten Schrittes betritt, und einen dicken Schinken wie Bruckner, mehr als eine Stunde ohne Pause stehend, mit vollem Körpereinsatz immer noch frei aus dem Gedächtnis den Wiener Kollegen zu entlocken vermag, hat man eine ganze Menge im Leben richtig gemacht. Oder extrem gute Gene. Oder absolut keinen Bock auf die Rente. Wahrscheinlich von allem etwas. Auf jeden Fall hat dieser Mann richtig Spaß bei dem was er tut, das merkt man auch mit weitaus weniger Lebenserfahrung.

Energie, Körperspannung, ungebrochener Drang nach Gestaltung. Während beim Beethoven vielleicht noch etwas wie Altersmilde angedichtet werden könnte – eher breite Tempi dominieren eine runde, aber keineswegs konturlose Lesart – findet sich in Blomstedts Bruckner keine Spur davon. Vielleicht auch bedingt durch das makellose, insgesamt aber etwas harmlose Spiel Armstrongs, ergibt sich ein bemerkenswerter Kontrast zwischen den beiden Konzerthälften. Ging es im Klavierkonzert noch beschaulich-elegant zu, sollte nach der Pause eine Demonstration von Saft und Kraft folgen. Diese „Romantische“ ist kein naiv-verträumtes blaues Blümelein, sondern eine mächtige Eiche, die in ihrer ganzen Pracht das Leben feiert. Eine trutzige Burg, deren Mauern im Sonnenschein strahlen, keine nebelumwaberte Zinne als Projektionsfläche verklärter Sehnsucht. Mehr Walhall als Monsalvat.

Es wäre spannend, den Mitteln Blomstedts nachzuforschen, durch die er die Sinfonie in dieses unerschütterlich optimistische Licht frei von allem Zweifelnden, Brütenden taucht, wie es Bruckner sonst so oft anhaftet. Gut, die Vierte ist – welch Erkenntnis – nicht die Siebte, Achte oder gar Neunte. Trotzdem ist es schon ungewöhnlich, wie selbstsicher und geerdet das Ganze rüberkommt, ohne dabei profan zu wirken. Leider war ich allzu sehr mit Staunen beschäftig, um viel über die Details der Interpretation sagen zu können. Auf jeden Fall gab es immer wieder Momente, namentlich im ersten und vierten Satz, bei denen Blomstedt Steigerungen durch ziemlich forsche Tempozunahme etwas extrem Mitreißendes, Zwingendes gab, das keinen Widerspruch duldete. Klingt erst mal banal, ist sicher auch nur ein kleines Mosaiksteinchen einer Herangehensweise, die ohne Zweifel als ebenso schlüssig wie konsequent bezeichnet werden kann.

Bleibt nur zu hoffen, dass uns jenes schelmische Lächeln und das, was es bewirkt, noch möglichst lange erhalten bleibt.

4. Dezember 2016

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, 1. Rang links, Loge 5, Reihe 1, Platz 2


Anton Brucker – Sinfonie Nr. 8


Auffallend langsame Tempi, in denen die ganze Erhabenheit und Wucht der Komposition bis ins letzte Detail herausgearbeitet wird, ohne dabei auch nur für eine Sekunde die strukturelle Integrität des großen Ganzen zu gefährden – so in etwa möchte ich Tates Bruckner zusammenfassen. Das Ergebnis ist – wieder mal – überwältigend. Das Adagio habe ich live wohl noch nie in dieser Intensität erlebt. Aber das hätte ich mir nach der traumhaften Siebten im letzten Jahr (Link) eigentlich denken können. Bleibt nur, die Regelmäßigkeit, mit der die Hamburger Symphoniker – oder wie es neuerdings heißt, Symphoniker Hamburg – unter Tate für unvergessliche Abende sorgen, nicht als Selbstverständlichkeit zu verstehen. Auf dass ich noch lange in Freude und Dankbarkeit diese Hamburger Traumehe begleiten darf.

26. April 2015

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 11



Alban Berg – Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ (Lara Boschkor)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7 E-Dur WAB 107



Momentan verhält es sich so: Jenseits selbst auferlegter Abofesseln ertappe ich mich, trotz vielbeschworener Lobbyarbeit wider ausgetretene Programmpfade, nicht selten dabei, die Wahl meiner Konzertbesuche an das mir Bewährte zu knüpfen. Wobei häufig der Dirigent der Ausschlag gebende Faktor dafür ist, überhaupt ein bestimmtes Konzert in Erwägung zu ziehen. Der Wunsch, weitere Orchester, wenn vorhanden großen Namens, kennenzulernen, ist immer mehr ein nachgelagerter, mehr dem technischen Abgleich zuzuschreibender.

Bei den Hamburger Symphonikern verhält es sich seltsamer Weise aber etwas anders. Mittlerweile untrüglich das Heimspielorchester meiner Wahl, kommt durch den Faktor Tate und die bereits oft angesprochene Programmvielfalt und -Tiefe für mich so langsam der Punkt, an dem ich mich frage, warum ich noch kein Abonnement dieser wunderbaren Institution besitze. Zumal wenn Programme wie das heutige einen regelrechten Sturzbach auf die Mühlen meiner musikalischen Vorlieben geben. Das Thema bleibt also aktuell, einzig meine Angewohnheit, den Sitzplatz der jeweiligen Besetzung (Orchestergröße? Solisten? Chor?) anzupassen, läßt mich weiter zögern.

Keine Sekunde Bedenkzeit brauchte ich hingegen für den Besuch des heutigen Konzertes. Berg und Bruckner – was für eine Kombination! Auf der einen Seite das einfühlsame Violinkonzert, in seinem Ausdruck teilweise noch ganz bei Mahler und doch unverkennbar Berg, in seinen Klangmitteln und der Harmonik immer wieder Britten am Horizont aufglimmen lassend. Auch wenn das Alter der Solistin bei so manchem Besucher wahrscheinlich den unvermeidlichen Sensationsimpuls ausgelöst haben mag, sollte es angesichts von Lara Boschkors Vortrag, den man erwachsen, reif oder – die (Wunder-)Kind-Schublade schließend – auch einfach dem Wesen des Werkes in jeder Form angemessen nennen kann, schlicht kein Thema sein. An einigen Stellen, vornehmlich im Zusammenspiel mit dem Orchester-Tutti, hätte ihr Spiel etwas kräftiger sein können, was wahrscheinlich doch (noch) der Physis geschuldet ist.

Gleich mit den ersten Takten Bruckner wird die Konzeption Tates klar: Geschwindigkeit raus, Gestaltung rein. Selten habe ich eine Bruckner-Sinfonie so langsam und dabei so differenziert und erhaben erlebt. Die Gefahr, daß diese ohnehin breite Musik ab einem gewissen Tempo ins Schleppen gerät oder gar zerfällt ist groß, wird jedoch von Tate durch einen konzentrierten Spannungsaufbau gebannt, der sich Zeit für die Feinheiten der Partitur läßt und den Aufbau besonders plastisch erlebbar macht – insbesondere das registerartige Schichten Bruckners erfährt hierdurch eine enorm transparente und gleichsam intensive Wirkung.

Wie so oft schöpft Tate Kontraste weniger aus dem Tempo-, denn dem Dynamikgefälle. Es gehört zu den absoluten Stärken des Chefdirigenten aufzuzeigen, daß es eben ungleich mehr gibt als laut und leise, welche feinen Abstufungen gerade im unteren Dynamikbereich möglich und für eine sensible Gestaltung bereichernd sind. Ein Prinzip, das vor allem auch im gewaltigen Adagio viel zu einer besonders weihevollen Lesart beiträgt, wenn sich die gewaltigen Bögen der Steigerungen aus zartesten Quellen speisen. Die dynamischen Spitzen der Sätze versieht Tate zudem oft mit einem ritardando, welches die Wucht dieser Gipfel ins kaum steigerungsfähige hebt.

Besonders spannend habe ich das Konzept des langsamen Grundtempos im Scherzo erlebt. Anders als beispielsweise kürzlich beim SOdBR (Link), wo Jansons mit seinem Hochgeschwindigkeitsdirigat einen regelrechten tänzerischen Taumel entfachte, bleibt Tate auch hier seiner Linie treu und zieht das – für mich durchaus ungewohnte – Tempo konsequent durch, was dem Satz eine gewisse bärbeißig-stoische Note als Rahmen für das Trio verleiht.

Das Orchester zeigt sich wieder einmal blendend aufgelegt, insbesondere Streicher und Blech wunderbar – die Blechgruppe von geradezu genialer Färbung, die einzelne kleine Wackler unerheblich werden läßt. Das ist der Bruckner-Sound!

Fazit: Sie wollen in Hamburg ein besonderes Konzert erleben? Die Hamburger Symphoniker unter Jeffrey Tate sind Ihre Wahl.

24. Januar 2015

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Laeiszhalle Hamburg

19:15 Uhr Einführung fiel aus, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16



Felix Mendelssohn Bartholdy – Violinkonzert e-Moll op. 64 (Michael Barenboim)
Zugabe: Johann Sebastian Bach

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 6 A-Dur



Last des Nachnamens hin oder her – so ganz warm bin ich mit dem Solisten des Abends nicht geworden. Kein Zweifel, daß Herr Barenboim zu Recht das internationale Bühnenparkett bespielt, nur steht mir persönlich der Sinn und Geschmack nach einem anderen Typus. Heute galt es, die Öhrchen in ruhigen, zarten Passagen zu spitzen – hier liefert Barenboim wirklich Außergewöhnliches. Samtig, fein, man spürt förmlich, wie er den Druck des Bogens auf die Saiten mildert, bis nur noch ein lieblicher Hauch zu vernehmen ist. Prima – aber für die Kontrastwirkungen eines Violinkonzert insgesamt zu wenig.

Gleich zu Beginn hatte ich den Eindruck, daß Solist und Orchester auf ungleich motorisierten Dampfern in See stechen, Herr Barenboim dem Gefolge immer wieder ein wenig davoneilte. Trotzdem war seine Interpretation nicht etwa von dem Elan und „Drive“ geprägt, den ich beispielsweise bei Christian Tetzlaff oder Baiba Skride erleben durfte. So macht mir der Mendelssohn keine Freude. Irgendwie recht nüchtern, teilweise mechanisch, kommt der Solopart bei mir an. Und das trotz der Umarmung durch dieses herrliche Orchester. Erst in der Kadenz tritt dann der beschriebene Samteffekt auf, überhaupt löst Barenboim diese Aufgabe alles andere als 08/15. Plötzlich ist eine eigene Handschrift spürbar, er setzt Pausen und Akzente, die das Spiel atmen lassen. Und im Finale des Satzes kommt endlich so etwas wie die vermisste energische Sogwirkung auf.

Leider verflüchtigt sich die Hoffnung auf mehr mit den ersten Takten der kurzatmig vorgetragenen Melodielinie des zweiten Satzes. Wenn man als Solist schon solch entwaffnend herzliches Material verfideln darf, sollte man es ruhig auch aussingen und -schwingen lassen. Das geht. Übrigens ganz ohne Schmalz und Schleim – einfach mal bei Frau Mutter nachschlagen (Link). So ist dies Lied ohne Worte ein Lied ohne Wert. Das Ende einer Phrase einen Deut länger halten würde schon helfen, zart genug ist der Vortrag ja durchaus. Im spritzig-flirrenden Finale spritzte es ebenso wenig wie es flirrte, alles ganz brav nach Vorschrift, aber so auf Nummer sicher kann mir das Stück auch gestohlen bleiben. Eines muß man Barenboim lassen: Er scheint selbst am besten zu wissen, was ihm wirklich liegt – die Bach-Zugabe bot jedenfalls ausreichend Gelegenheit, in leisem, duftig-weichem Tonfall das Ohr zu umschmeicheln. Und noch eines machte mir den Solisten sympathisch: Endlich mal ein Geiger, der bei der generell löblichen Idee, als Zugabe Bach zu kredenzen, NICHT reflexartig zur Sarabande aus der Partita Nr. 2 greift. Dafür ein aufrichtiges Dankeschön.

Mehr als einen Grund dankbar zu sein, gab es allerdings nach der Pause. Wer Bruckner als in erster Linie langsame, mitunter zähe Angelegenheit abgespeichert hat, die in Weihe vor sich hin schleicht und trompetet (eine Sichtweise, die natürlich so oder so Mumpitz ist), dem sei Jansons knackfrische, atemberaubende Lesart wärmstens empfohlen, der uns mit seinen makellosen Bajuwaren den „treudoofen“ Ösi aber sowas von adrenalingetränkt um die Ohren pfefferte. Holla!

Bruckner als D-Zug. Gleich ab den ersten Takten heißt es einsteigen – oder besser aufspringen – und mitreißen lassen. Solch flotte Tempi habe ich für Bruckner sonst nur ähnlich bei Salonen erlebt, lustigerweise ebenfalls mit der Sechsten. Das Besondere an dieser Interpretation ist, was für ein Strom durch die Geschwindigkeit entsteht, bei der die eigene Konzentration spielend auf den Wellenkämmen der Brucknerschen Struktur dahingleitet. Federnd, fesselnd, ein nie abbrechender Fluß (Auch gerade bei den typischen Bruckner-Pausen). Keine Spur von Anstrengung oder gar Ermüdungserscheinungen, einfach nur pures Vergnügen am symphonischen Wunderwerk. Dabei natürlich im Gegenzug von Hektik keine Spur, das Orchester eilt nicht, es demonstriert im besten Sinne virtuos seine Souveränität. Wobei Souveränität nicht allein auf technische, sondern gleichermaßen auf klangliche Fähigkeiten zu beziehen ist. Nenne mir eine Facette – dieses Orchester hat sie in petto. Allein der sonore Klang der stampfenden Celli war den Besuch wert.

Und nochmal: Es ist wirklich spannend zu erleben, was Jansons Handhabe mit dem Werk – aber eben auch einem selbst – macht und wie geschmeidig beschwingt diese wuchtige Musik daherkommen kann – ohne an Wucht bzw. Wirkung zu verlieren, versteht sich. Allein welche tänzerische, aufblühende Konnotation das Seitenthema des ersten Satzes (ich nenne das einfach mal so, das eher ruhige, liebliche halt) entwickelte, ließ mich regelrecht schmunzeln. Interessant auch, daß Jansons, bei allem zupackenden Drang, dem energischen Zugang, auf dynamische Extremkontraste, wie Tate sie häufig einsetzt, verzichtet. Ein weiterer schöner Beleg, daß das Beharren auf einer einzig „gültigen“ Herangehensweise höchstens geneigt ist, den eigenen Horizont einzuschränken. So erfrischend der erste, so leidenschaftlich der zweite Satz, so keck das Scherzo, so triumphierend das Finale – so macht Bruckner einfach Spaß.

18. August 2012

S-H Festival Orchester – Manfred Honeck.
MUK Lübeck.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 7, Platz 20



Wolfgang Amadeus Mozart – Violinkonzert A-Dur KV 219 (Arabella Steinbacher)
Zugabe: Eugène Ysaÿe – Sonate für Violine solo Nr. 2, 1. Satz (Obsession)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7



Wie schön könnten Konzerte doch sein, wäre da nicht diese leidige Kleinigkeit, die allzu häufig wahren Genuss unmöglich macht – das Publikum. Andererseits kommt der Katalog der Verfehlungen nicht ohne ein gehöriges Maß Abwechslung daher – gehört man nicht zu der verschrobenen Minderheit, die sich unbedingt mit dem Konzert beschäftigen möchte, wird es so schnell nicht langweilig.

Ich notiere für den heutigen Abend: Eine solistisch in die Stille scheppernde Platzmarke. Ein leider etwas undeutlicher Handyton. Nach jedem Brucknersatz die akustische Simulation eines lauschigen Sommerregens mit Niederschlagsüberhang in den jeweils folgenden Satz hinein mittels vorbildlich synchron agierender Bonbonentfaltungsbrigaden. Das Erlebnis ursprünglicher Kommunikationsmuster anhand primitiver Hust-, Schnaub-, Grunz- und Röchelstafetten. Ein einsamer Recke, der den verdutzten Pünktlichsitzern der von ihm umgepflügten ersten Reihe eindrucksvoll demonstriert, daß es nie zu spät ist. Und schließlich der vielleicht berührendste Moment: Rechtzeitig zum Einsatz der Solistin läßt ein umsichtiger Musikliebhaber im ersten Rang etwas Großes, Klirrendes fallen, um noch mal die Konzentration seiner Hörgenossen zu schärfen – herrlich!

Ganz nebenbei wurde dann auch noch musiziert. Ein Violinkonzert des göttlichen Langweilers und nach der Pause zur Entschädigung Bruckner. Steinbacher und Honeck bewahren mich vor der üblichen einschläfernden Wirkung. Die Solistin mit feinem Ton, zerbrechlich, zart, intonationsrein, kontrolliert, teilweise fast zu gesittet – im entsprechenden Moment schon zupackend, dabei aber nie grob oder unbeherrscht. Bezeichnend: die immer wiederkehrende, weiche Bewegung des Arms beim Zurücknehmen des Bogens. Müßte ich ihr Spiel in einem Wort beschreiben, würde ich wohl ein „nobel“ aus der Attribute-Schublade fischen.

Dieser feine Zugang harmoniert vortrefflich mit Honecks Interpretation, die deutlich milder ausfällt, als erwartet. Wenn man es genau bedenkt aber eigentlich ganz in seiner Tradition, nur eben auf Mozart gemünzt. Leicht und luftig der erste Satz, dazu das Honeck-typische Herunterregeln der Lautstärke an die Grenzen der Verflüchtigung, um größtmögliche Kontraste zu erzielen. Im Final-Marsch wieder gewohnt energisch, geladen, federnd. Über die drei Sätze betrachtet aber eher elegisch-versonnen. Wenn schon Mozart, dann beispielsweise so.

Der ersehnte Bruckner hinterließ einen gemischten Eindruck. Ein äußerst interessantes Dirigat trifft auf die Gegebenheiten eines Orchesters, das in letzter Konsequenz nicht die nötigen Feinheiten aufzubieten vermag. Dabei ist das Schleswig-Holstein Festival Orchester beileibe kein schlechtes. Das stellt es vor allem im rhythmischen Taumel des Scherzo und dem knackigen Finale unter Beweis, wenn Honeck auf sein akzentuiertes Hochspannungs-Dirigat umschaltet. Das Besondere seiner Interpretation liegt – wie bereits im Mozart – jedoch nicht im Auftrumpfen, sondern in der Ausgestaltung leiser und leisester Passagen – hier durch die Einbindung in das schluchtartige dynamische Gefälle mit der Wirkung brutalster Fragilität. Für diesen behutsamen, fast schon kammermusikalischen Bruckner mangelt es dem Orchester – vor allem im Adagio – an Klangfarben, um jene Nuancen zum Blühen zu bringen. Insbesondere die Bläser werden dem Anspruch dieses Konzeptes nicht immer gerecht.

Doch auch wenn Blech und Holz sich mitunter allzu irdisch betrugen und nicht jedes Streicherunisono die Schwere des Profanen abzustreifen gewillt war, verbuche ich den Abend als Gewinn, da er mir wieder einmal die bestechende Kunst Honecks vor Augen und (mehrheitlich inneren) Ohren geführt hat.




1. März 2012

NDR Sinfonieorchester – Herbert Blomstedt.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, 1. Rang links, Loge 6, Reihe 2, Platz 6



















Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 5



Top-Einführung, kein Zahlengebimse, sondern Strukturanalyse für Einsteiger. Anhand der Klangbeispiele sehr verständliche Querverweise zwischen den Sätzen. So soll’s sein.

Bruckner: Interpretation perfekt. NDR absolut auf Staatskapellenniveau. Einzig die Hörner hier und da mit leichten Unsicherheiten und im Tutti ohne den letzten Wumms. Dafür restliches Blech bombig, eine der stärksten NDR-Leistungen überhaupt. Streicher und Holz ohne Abstriche erstklassig. Traumhafte Violinen, Oboensolo (wie immer) Extraklasse. Blomstedt fit wie ein Turnschuh. Beneidenswert.

Leider massives Bonbongeraschel zu Beginn des zweiten Satzes. Insgesamt aber sehr konzentrierte Stimmung für diesen Brocken.

6. November 2011

Staatsorchester Stuttgart – Hartmut Haenchen.
Liederhalle Stuttgart.

11:00 Uhr, Parkett Eingang B, Reihe 8, Platz 38


Richard Wagner – Tannhäuser-Ouvertüre (1845/61)
Bernd Alois Zimmermann – Sinfonie in einem Satz (1947–53, 2. Fassung)


(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 3 d-Moll (1873/77/91, 3. Fassung)



So schmucklos der Empfang durch die angegraute, biedere Liederhallen-Architektur auch ausfällt, ziehen mich das Orchester und die sehr brauchbare Saalakustik doch gleich von den ersten Takten an in ihren Bann. Fällt in der Tannhäuser-Ouvertüre vor allem die butterweiche, feinst intonierende Hörnergruppe auf, zeigt sich spätestens in der Klang-Achterbahn der Zimmermann-Sinfonie, aus welchem Holz das Staatsorchester Stuttgart geschnitzt ist. Ein Klangkörper ersten Ranges, der sich in dieser Form mit den Spitzenvertretern im deutschen Opernwesen messen kann und manches große Rundfunkorchester bei Weitem überflügelt.

Hinzu kommt mit Hartmut Haenchen ein Dirigent, der die Möglichkeiten in punkto Differenzierung auszuloten weiß. In allen drei Werken wartet er mit einer nuancierten Dynamikregelung auf und läßt dabei weder Biss noch Schmelz vermissen. Das Ergebnis sind ausgesprochen feine, jedoch gleichermaßen knackige Interpretationen, die meinem Faible, sich an Aufbau und Struktur eines Werkes zu erfreuen, sehr entgegenkommen.

Bei der Tannhäuser-Ouvertüre möchte ich neben der Realisierung eines gleichsam transparenten wie reichhaltigen Klangbildes vor allem das äußerst breit angelegte finale Posaunenthema hervorheben, das eine sehr starke Wirkung erzielte. Die Interpretation der Zimmermann-Sinfonie möchte ich als ideal für den Erstkontakt bezeichnen – ein Werk, das mich auf Anhieb angesprochen hat. Zartes steht neben Schärfstem, über allem schwebt ein Drohen, das einnimmt. Bruckners Dritte gehört nicht zu meinen Lieblingen, die Darbietung läßt aber auch hier nichts zu wünschen übrig.

Noch einmal zum Orchester. Alle Instrumentengruppen sind wunderbar. Die Streicher warm, die Holzbläser allesamt zart, das Blech mit vollem Pfund, die Hörner phänomenal in ihrer Ansatzlosigkeit. Es hatte sich ja schon gestern in der Oper angedeutet, unter den heutigen, akustisch klareren Bedingungen bleibt kein Zweifel, daß man in Stuttgart erstklassig beschallt wird.

Leider scheint nur der Stuttgarter an sich es dabei nicht belassen zu können, er muß selbst akustisch wirken – man schwätzt. Offenbar gern und häufig, zudem ist mir seit diesem Besuch bewußt geworden, daß auch die Vortragsanweisung „Flüstern“ landläufigem Interpretationsspielraum unterworfen ist.

28. September 2011

Rotterdams Philharmonisch Orkest – Yannick Nézet-Séguin.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16


Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Violine und Orchester G-Dur KV 216 (Veronika Eberle)
Zugabe: Sergej Prokofjew
– Sonate für Violine solo D-Dur op. 115 (2. Satz: Thema und Variationen: Andante dolce)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 8 c-Moll (Robert Haas)



Wird Herr Nézet-Séguin allen Ortens schon als neuer Stern am Dirigentenhimmel gepriesen, kann ich nach dem heutigen Abend nur bedingt in diesen astrologischen Chor einstimmen. Mein schlichtes Fazit: ein guter Dirigent mit seinem guten Orchester (nebst guter Solistin) sorgt für ein gutes Konzert – nicht mehr und nicht weniger.

Im Einzelnen: Das Orchester ist nicht schlecht, besitzt allerdings in keiner Instrumentengruppe etwas, das es in meiner Wahrnehmung besonders hervortreten ließe. So entsteht ein ordentlicher, ein guter Klang - aber eben kein außerordentlicher. Auch der Solistin im Mozartkonzert läßt sich nichts vorwerfen, außer daß mich ihr Ton Mozart eben nicht näher gebracht hat. Es geht nun mal zarter, virtuoser, geschmeidiger ...

Nezét-Séguins Mozartinterpretation gibt mir nichts. Sie erwärmt mich nicht für eine Musik, zu der ich ohnehin kaum Zugang besitze. Sein Bruckner ist nicht schlecht, in jedem Fall gestaltet und nicht nur abgespult, aber auch keine Offenbarung. Wie gesagt, sicher ein brauchbarer Mann, jedoch in meinen Augen kein Überflieger. Jugend allein ist keine Auszeichnung, auch wenn sie offenbar beim Publikum gut ankommt.