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18. August 2012

S-H Festival Orchester – Manfred Honeck.
MUK Lübeck.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 7, Platz 20



Wolfgang Amadeus Mozart – Violinkonzert A-Dur KV 219 (Arabella Steinbacher)
Zugabe: Eugène Ysaÿe – Sonate für Violine solo Nr. 2, 1. Satz (Obsession)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7



Wie schön könnten Konzerte doch sein, wäre da nicht diese leidige Kleinigkeit, die allzu häufig wahren Genuss unmöglich macht – das Publikum. Andererseits kommt der Katalog der Verfehlungen nicht ohne ein gehöriges Maß Abwechslung daher – gehört man nicht zu der verschrobenen Minderheit, die sich unbedingt mit dem Konzert beschäftigen möchte, wird es so schnell nicht langweilig.

Ich notiere für den heutigen Abend: Eine solistisch in die Stille scheppernde Platzmarke. Ein leider etwas undeutlicher Handyton. Nach jedem Brucknersatz die akustische Simulation eines lauschigen Sommerregens mit Niederschlagsüberhang in den jeweils folgenden Satz hinein mittels vorbildlich synchron agierender Bonbonentfaltungsbrigaden. Das Erlebnis ursprünglicher Kommunikationsmuster anhand primitiver Hust-, Schnaub-, Grunz- und Röchelstafetten. Ein einsamer Recke, der den verdutzten Pünktlichsitzern der von ihm umgepflügten ersten Reihe eindrucksvoll demonstriert, daß es nie zu spät ist. Und schließlich der vielleicht berührendste Moment: Rechtzeitig zum Einsatz der Solistin läßt ein umsichtiger Musikliebhaber im ersten Rang etwas Großes, Klirrendes fallen, um noch mal die Konzentration seiner Hörgenossen zu schärfen – herrlich!

Ganz nebenbei wurde dann auch noch musiziert. Ein Violinkonzert des göttlichen Langweilers und nach der Pause zur Entschädigung Bruckner. Steinbacher und Honeck bewahren mich vor der üblichen einschläfernden Wirkung. Die Solistin mit feinem Ton, zerbrechlich, zart, intonationsrein, kontrolliert, teilweise fast zu gesittet – im entsprechenden Moment schon zupackend, dabei aber nie grob oder unbeherrscht. Bezeichnend: die immer wiederkehrende, weiche Bewegung des Arms beim Zurücknehmen des Bogens. Müßte ich ihr Spiel in einem Wort beschreiben, würde ich wohl ein „nobel“ aus der Attribute-Schublade fischen.

Dieser feine Zugang harmoniert vortrefflich mit Honecks Interpretation, die deutlich milder ausfällt, als erwartet. Wenn man es genau bedenkt aber eigentlich ganz in seiner Tradition, nur eben auf Mozart gemünzt. Leicht und luftig der erste Satz, dazu das Honeck-typische Herunterregeln der Lautstärke an die Grenzen der Verflüchtigung, um größtmögliche Kontraste zu erzielen. Im Final-Marsch wieder gewohnt energisch, geladen, federnd. Über die drei Sätze betrachtet aber eher elegisch-versonnen. Wenn schon Mozart, dann beispielsweise so.

Der ersehnte Bruckner hinterließ einen gemischten Eindruck. Ein äußerst interessantes Dirigat trifft auf die Gegebenheiten eines Orchesters, das in letzter Konsequenz nicht die nötigen Feinheiten aufzubieten vermag. Dabei ist das Schleswig-Holstein Festival Orchester beileibe kein schlechtes. Das stellt es vor allem im rhythmischen Taumel des Scherzo und dem knackigen Finale unter Beweis, wenn Honeck auf sein akzentuiertes Hochspannungs-Dirigat umschaltet. Das Besondere seiner Interpretation liegt – wie bereits im Mozart – jedoch nicht im Auftrumpfen, sondern in der Ausgestaltung leiser und leisester Passagen – hier durch die Einbindung in das schluchtartige dynamische Gefälle mit der Wirkung brutalster Fragilität. Für diesen behutsamen, fast schon kammermusikalischen Bruckner mangelt es dem Orchester – vor allem im Adagio – an Klangfarben, um jene Nuancen zum Blühen zu bringen. Insbesondere die Bläser werden dem Anspruch dieses Konzeptes nicht immer gerecht.

Doch auch wenn Blech und Holz sich mitunter allzu irdisch betrugen und nicht jedes Streicherunisono die Schwere des Profanen abzustreifen gewillt war, verbuche ich den Abend als Gewinn, da er mir wieder einmal die bestechende Kunst Honecks vor Augen und (mehrheitlich inneren) Ohren geführt hat.




13. August 2011

S-H Festival Orchester – Lawrence Foster.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 11, Platz 16


Richard Strauss – Vier letzte Lieder (Waltraud Meier)

(Pause)

Richard Strauss – Eine Alpensinfonie

Zugabe: Johann Strauß – Kaiserwalzer



Meine Ohren fühlen sich heute leider nicht besonders. Ein leicht gedämpfter Eindruck herrscht vor. Der Platz bietet ein sehr ausgewogenes Klangbild mit der Tendenz zum Stumpfen. Generell bin ich wohl in den meisten Fällen, insbesondere bei eingebundenen Solisten, mit meinem Abo-Platz weiter vorn gut bedient. Das gestaltet sich dort doch etwas involvierender, wenn auch weniger „übersichtlich“. Nun ja, direkt hin oder her, trocken hin oder her, es ist halt unbestritten, daß die alte Dame Laeiszhalle im Vergleich zu Köln oder Essen den Kürzeren zieht. Aber ich fühle mich bekanntlich dennoch wohl.

Vier letzte Lieder: Das Orchester klingt wunderbar, sehr homogen und warm. Keine wirklichen Schwachstellen auszumachen. Die Streichergruppe hat sich das Prädikat straussisch-zart verdient. Der Konzertmeister absolviert die Solostellen mit Bravour, daß es zu Herzen geht. Tadellose Hornpassage, weich und rund. Über Holz und Blech im allgemeinen ist nicht viel zu sagen, außer, daß auch diese Gruppen sich sehr stimmig in das Ganze einfügen. Dürfte ich heute nur ein Wort bemühen, so wäre es wohl „homogen“. Meier ist gut in dieses Bild eingefügt, agiert dynamisch eher mit als über dem Orchester, von bestimmten Steigerungen/Höhepunkten einmal abgesehen. Ich mag ihre dunkle, warme Stimme sehr gern, manchmal erscheinen mir ihre Ansätze allerdings zu hart (?). In jedem Fall sehr textverständlich. Im dritten Lied galoppierte sie dann Fosters Interpretation zweimal davon.

Dabei gab es dazu eigentlich keinerlei Veranlassung. Meine Einschätzung bezüglich des Dirigenten hat sich auch heute bestätigt. Ein fähiger Mann, den man wahrscheinlich für so ziemlich alles gebrauchen kann. Weder dem Papier noch dem Auftreten nach ein „Stardirigent“, ein Kapellmeister im besten, dienlichsten Sinne. Es gibt sicher andere Dirigenten, die ich ihm für die „höchsten Aufgaben“ vorziehen würde, aber man kann sich bei ihm offenbar sicher sein, eine wahrhaft gestaltete Interpretation und kein Runtergenudel präsentiert zu bekommen. Sehr sympathisch.

Alpensinfonie: Das Orchester schlägt sich auch hier sehr gut (wiederum haben sich die Streicher besonderes Lob verdient), es treten aber einige Eigenarten zu Tage, die ein durchschlagendes Gelingen verhindern. Das Holz könnte insbesondere an den Solostellen zarter agieren (z.B. Oboen-Kantilene). Zudem hat das Blech zwar bis zu einer gewissen Lautstärke einen passenden Klang, läßt aber in den großen Ausbrüchen sowohl die erforderliche Durchschlagskraft als auch Klangfarbe vermissen. Das ist zu wenig, zu passiv, zu gewöhnlich für diese Partitur, hinzu kommen diverse Wackler im Eifer des Gefechts.

Sehr schade, zumal ich an der eigentlichen Interpretation Fosters kaum etwas auszusetzen habe. Auch hier gilt: sicher ist eine kühnere Interpretation denkbar, aber ich wäre froh, wenn die Mehrzahl der von mir besuchten Konzerte diese Qualität besäßen. Im direkten Vergleich sieht da z.B. Luisi mit seiner Alpensinfonie alt aus. Empfand ich beim Italiener Passagen wie das Gewitter geradezu chaotisch, zeigt Foster hier eindrucksvoll, daß man in jeder Situation die Kontrolle behalten kann. Und dann macht dieser „Lärm“ auch Sinn und darüber hinaus einen Heidenspaß.

In der Wahl der Zugabe beweist Foster dann Humor, indem er schulterzuckend abermals „Strauss“ ankündigt. Womit allerdings der Wiener Namensvetter gemeint war, dessen Kaiserwalzer den Abend schwungvoll und auch hier keineswegs oberflächlich beschließt.