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26. Januar 2025

Mahler Chamber Orchestra – Mitsuko Uchida.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester
B-Dur KV 456

Leoš Janáček – Mládi (Die Jugend) für Bläserensemble

(Pause)

Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester
C-Dur KV 467

Zugabe der Solistin:
Arnold Schönberg – Klavierstück Nr. 2 /
aus: Sechs kleine Klavierstücke op. 19


Mahler Chamber Orchestra
Mitsuko Uchida – Klavier und Leitung



Fazit vorweg: 1. Halbzeit überraschend erfrischend, 2. Halbzeit Snoozefest

Mozart zum Ersten: mir unbekanntes Klavierkonzert entpuppt sich als ungewohnt involvierend. Uchidas Ansatz im Orchester elegant-federnd (1. Satz), behutsam-innig (2. Satz) überzeugt entgegen meiner sonst bevorzugten ruppigen Lesart. Liegt aber wohl auch am Stück selbst, gerade der zweite Satz enthält Tiefe und Innigkeit (wie z.B. die Bläser das hoffnungsvolle Thema nach der verzweifelten Episode anstimmen, welches das Klavier dann übernimmt). Finale nicht der Oberrausschmeisser aber durchaus zwingend. Uchida mit perlendem Anschlag.

Janacek: spannendes kleines Bläserstück. Erster Satz: Jugendthema erinnert an Williams/Hook/Peter Pan? Generell tolle Kombinationen und Klangfarben.

Mozart zum Zweiten: eines der bekanntesten Konzerte lässt mich absolut kalt. Musikalisches Material langweilig, man weiß jederzeit was kommt und anstatt sich auf etwas davon zu freuen, erdulde ich unter höchster Anstrengung den Fortgang. Heute vielleicht nicht ganz die übliche Quälerei, hat aber immer noch nichts mit Genuss zu tun, weder intellektuell noch emotional berührend. Einfach frustrierend. Uchida doch nicht so toll? Zweiter Satz irgendwo zwischen unangenehm süßlich und langweilig.

Die Zugabe dann mehr als befremdlich: Hurz-Vibes, das Ganze gefühlt keine Minute lang. Später stellt sich der Übeltäter raus – Schönberg, natürlich.


23. Januar 2024

Royal Concertgebouw Orchestra – Myung-Whun Chung.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester G-Dur KV 453 (Emanuel Ax)

Zugabe: Frédéric Chopin – Nocturne f-Moll op. 55/1

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7 E-Dur



Ich werde das Adagio aus der Siebten wohl nie wieder so hören wie vor diesem Abend. Etwa einen Monat später wurde aus ohnmächtiger Vorahnung traurige Gewissheit.

In liebevollem Gedenken an meine Mutter.

30. April 2023

Quatuor Ébène. Elbphilharmonie, kleiner Saal.

19:30 Uhr, Parkett ???



Wolfgang Amadeus Mozart – Streichquintett C-Dur KV 515

(Pause)

Wolfgang Amadeus Mozart – Streichquintett g-Moll KV 516

Zugabe:
Wolfgang Amadeus Mozart – Streichquintett B-Dur KV 174


Quatuor Ébène

Pierre Colombet – Violine
Gabriel Le Magadure – Violine
Marie Chilemme – Viola
Raphaël Merlin – Violoncello

Antoine Tamestit – Viola



Da erlebt man schon mal ein ganzes Konzert mit Werken des größten Komponisten, von dem ich nichts auf eine einsame Insel mitnähme, ist vom Programm dann wider Erwarten mehr als angetan, und dann macht man sich keine Notizen. Umso ärgerlicher, wenn nach dem ebenso halbherzigen wie unvollständigem Versuch, das Erlebte per Tonkonserve aufzufrischen, nur eine vage Vermutung bleibt, was denn die Faszination des Abends ausgemacht hat. Sicher, das Adagio des g-Moll Quintetts ist zweifellos innig und anrührend, aber diese exemplarisch gewählte, etwas uninspirierte Adjektivkombination deutet bereits an, dass das Konzerterleben selbst und sein unmittelbarer Nachhall ungleich mehr Potenzial für emotionale Aufarbeitung bereitgestellt haben muss. Eine vertane Chance, dem Phänomen Mozart, welches sich mir seit Jahr und Tag verschließt, in Worten näherzukommen. 

23. Januar 2023

Netherlands Philharmonic Orchestra – Lorenzo Viotti. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Richard Wagner – Siegfried-Idyll E-Dur WWV 103
Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester B-Dur
KV 595 
(Maria João Pires)

Zugabe:
Wolfgang Amadeus Mozart – Adagio / aus: Sonate für Klavier F-Dur
KV 300k

(Pause)

Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Zugaben:
Wolfgang Amadeus Mozart – Ave verum corpus / Motette KV 618
Johannes Brahms – Ungarischer Tanz Nr. 5 g-Moll


Wagner: Orchester sehr schön, vielleicht nicht in jeder Beziehung überragend – Streicher toll, Bläser gut. Viotti mit sehr breitem Tempo, aber vor allem sehr, sehr zartem Ansatz. Beginn traumhaft hingehaucht, ebenso den Schluß ins Nichts verschwindend. Zwischendurch auch nicht lahm, hatte alles schon seinen Sinn. Was für ein Stück. Martha-Momente.

Mozart: es tut mir Leid, es hat keinen Zweck, es ist eine einzige Quälerei. Die Melodik lässt mich im besten Falle gleichgültig, oftmals aber eher abgestoßen zurück, die Harmonik hart unterfordernd bis einlullend – bin wieder mehrfach weggeknackt. Das schafft nur Mozart – auch ne Leistung. Dabei gibt es schon Abwechslung, aber keine interessante. Und diese zermürbenden Wiederholungen von Dingen, die meine Geduld schon beim ersten Hören strapazierten. Pires mit schön zartem Anschlag, doch was bringt es bei dem Material. Drei Sätze Zeit schinden. Kolossal unbefriedigend.

Brahms: Die Zweite entschädigt für das snoozefest vor der Pause, obgleich ich sie schon berührender erlebt habe. Aber was soll man erwarten, wenn selbst der Dirigent auf die üblichen Programmheft-Gemeinplätze verweist und die Sinfonie in seiner kleinen Anmoderation (machte er vor allen Stücken) als durchweg „heiter“ einstuft. Ist mir ein Rätsel, wie die Ambivalenz, das teilweise bittersüß Wehmütige, Zweifelnde, angesichts eines meinetwegen insgesamt als gelöst zu bezeichnenden Grundtones am Ohr vorbeigehen kann. Egal, bei Mahlers 4. ist der Fall ja ähnlich gelagert.

In der ersten Zugabe überrascht das Orchester mit seinen Chor-Qualitäten, ein ungarischer Tanz fungiert wieder mal als Rausschmeisser. Nett wars.

29. Oktober 2019

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester
A-Dur KV 488 (Rudolf Buchbinder)

Zugabe Solist:
Johann Sebastian Bach – Gigue aus: Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 10 e-Moll op. 93

Zugabe Orchester:
Dmitri Schostakowitsch – Zwischenaktmusik aus der Oper »Lady Macbeth von Mzensk«



Endlich mal Mozart, den man gebrauchen kann – zumindest der langsame Mittelsatz liefert mit seiner Melancholie ein erfreuliches Gegengewicht zum gefälligen Virtuosentum der ihn umschließenden Nachbarn. Als Appetizer durchaus aushaltbar. Buchbinders Zugabe schien dann eher der Schublade Koordinations-Demonstration entsprungen. Bisschen nüchtern, aber ok. Das alles war ohnehin nur ein freundliches Warmwerden für Jansons und seine Truppe, um den Hauptgang nach der Pause zu servieren – Schostakowitschs Zehnte.

Was für ein Kopfsatz! In seinem stetigen Aufbau, der immensen Komplexität der Struktur und dem damit verbundenen Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit kaum steigerungsfähig, aber in solch zwingender Darbietung einfach unbeschreiblich erhebend wie erschütternd. Die kurze Scherzo-Blendgranate im Anschluss fast wie das Drücken eines Reset-Knopfes der Rezeptoren. Elementar, unentrinnbar. Die folgenden beiden Sätze verlangen dem Hörer wieder einiges ab, auch das Finale sträubt sich lange gegen die erlernte Apotheose, liefert mit seinem skandierten D-Es-C-H eher trotzigen, denn befreienden Jubel.

Was für ein Werk, was für ein persönliches Bekenntnis. Stalin hin oder her, Schostakowitsch löst hier in jedem Fall große Ventile der Ohnmacht und der Ungewissheit. Die Interpretation durch Jansons und seine Münchner besitzt dabei wieder einmal absoluten Referenzcharakter. Es ist die pure Wonne, diesem Fluss der Unerbittlichkeit in Vollendung zu folgen, mit dem Sog hinfortgerissen zu werden. Das Konzert als intellektuelle wie physische Erfahrung. Das kompromisslose Lebendigmachen einer Partitur, die keine Kompromisse kennt. Die vielleicht beste Leistung einer an Höhepunkten wahrlich bereits reichen Saison. Einfach immer wiederkommen!

10. Dezember 2018

Zyklus D „Große Stimmen“ – Cecilia Bartoli.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 1


Antonio Vivaldi:

Allegro / erster Satz aus „La Primavera“ op. 8 Nr. 1 RV 269
Quell’augelin / Arie der Silvia aus „La Silvia“ RV 734
Non ti lusinghi la crudeltade / Arie des Lucio aus „Tito Manlio“ RV 738
Gelosia, tu già rendi/ Arie des Caio aus „Ottone in villa“ RV 729
Allegro / dritter Satz aus „La Primavera“ op. 8 Nr. 1 RV 269
Vedrò con mio diletto / Arie des Anastasio aus „Il Giustino“ RV 717
Allegro non molto / erster Satz aus „L’Estate“ op. 8 Nr. 2 RV 315
Sol da te mio dolce amore/ Arie des Ruggiero aus „Orlando furioso“ RV 728
Adagio und Presto / zweiter und dritter Satz aus
„L’Estate“ op. 8 Nr. 2 RV 315
Se lento ancora il fulmine/ Arie der Zanaida aus „Argippo“ RV 697

(Pause)

Zeffiretti che sussurrate / Arie der Ippolita aus
„Ercole su’l Termodonte“ RV 710
Allegro /erster Satz aus „L’Autunno“ op. 8 Nr. 3 RV 293
Ah fügte rapido / Arie des Astolfo aus „Orlando furioso“ RV 728
Allegro / dritter Satz aus „L’Autunno“ op. 8 Nr. 3 RV 293
Gelido in ogni vena/ Arie des Farnace aus „Farnace“ RV 711
Allegro non molto / erster Satz aus „L’Inverno“ op. 8 Nr. 4 RV 297
Se mai senti spirarti sul volto / Arie des Cesare aus
„Catone in Utica“ RV 705
Largo und Allegro / zweiter und dritter Satz aus
„L’Inverno“ op. 8 Nr. 4 RV 297

Zugaben:
Georg Friedrich Händel – Mi deride ... Desterò /
Rezitativ und Arie der Melissa aus »Amadigi di Gaula« HWV 11
Wolfgang Amadeus Mozart – Voi che sapete che cosa è amor / Sagt,
holde Frauen / Arie des Cherubino aus »Le nozze di Figaro« KV 492
Ernesto de Curtis – Non ti scorda di me
Agostino Steffani – A facile vittoria

(Les Musiciens du Prince-Monaco, Gianluca Capuano – Dirigent, Andrés Gabetta – Violine, Cecilia Bartoli – Mezzosopran)



Bartolis Stimme absolut rund, nie keifig, selbst in der heftigsten „Aggression“ nicht. Die Koloraturen fließen (obwohl ich diese Musik weiterhin nicht besonders mag). Auch nicht das übliche Ältliche wie bei manchen Mezzos. Eindeutig DiDonato überlegen, viel feiner, perfekt nuanciert. Mit den anderen Solisten bin ich nicht so zufrieden, ob Holz oder Violinist hapert es hier und da doch mit der Intonation – oder sind das historische Instrumentenaltlasten?

Respekt vor der Dramaturgie des Programms, nahtlose Übergänge auch zu den Instrumentalstücken, Flöte und Oboe als Gesangspartner, Einstieg in die jeweiligen Arien. Die Jahreszeiten als Rückgrat ebenfalls clever gewählt, weil es so immer wieder bekannte Oasen gibt. Die Arien sind – so schön sie sein mögen – doch Spezi-Kost. Und die „Show“ ist ganz ohne Mätzchen packend, ein knackiges Dirigat und eine mal energische, mal berührende Sängerin, mehr braucht es nicht. Auch hier kann manche „Diva“ noch lernen.

Lustiger Stimmungswandel beim Pärchen neben mir: Von „Vivaldi – oh, wie schön!“ bis nervöses Sitzgerutsche und gelangweiltes Händchenhaltsuchen in weniger als einer Stunde. Eumel bleiben eben Eumel, vom Zappelphillip-Opa schräg rechts hinter mir ganz zu schweigen. Schade, da die Konzentration im Saal sonst nahezu vorbildlich ist, kein Vergleich zu Levit (Link).

Was DiDonato mit Pathos versucht, macht die Bartoli mit Herz. Die Dame ist ultrabeliebt beim Volk. Zurecht, was für ein Talent. schade, dass sie das falsche Repertoire besetzt :) Aber im Ernst, sehr interessanter Ansatz: einerseits ein Raritätenprogramm, gehaltvoll, ernst, und dann diese vier Zugaben:

1. Koloraturwettstreit zwischen Oboe, Trompete und Bartoli, 2. etwas Schlichtes (gemein gesagt Seichtes), was alle kannten – Rossini? (ne, war Mozart) 3. eine Kanzone? Schmalz triumphiert! 4. Arie und Duell Trompete/Bartoli inklusive Gershwin-Einschub (Jazztrompete/ Summertime). Und dann die Nummer mit der Glitzer-Weihnachtsmütze ... sowas kommt an. Die Leute ticken aus.

Also die meisten. Wenn Deine Loge nach der dritten Zugabe bis auf Dich selbst leer ist, weißt Du, wie sehr deine Umsitzenden Musik lieben ... Egal, was zählt, sind diese beiden Hammerarien nach der Pause. Diese Innigkeit, Zartheit, Pianissimo. Und bei der zweiten die Verwandtschaft zum Winter ... und dann der Übergang zum wirklichen Winter – genial. Gabetta durchaus krass virtuos, nur die Sache mit der Intonation bleibt seltsam.

Sollte Schule machen: Eumel-Klatschen durch die nahtlose Stringenz des Programms (fast) unmöglich. Auch keine zig „Vorhänge“, Frau Bartoli lässt sich nicht lang bitten – Zack, kommen die Zugaben.

Fazit: Selten hat mich ein Konzert mit Musik, die mich nicht wirklich interessiert, derart begeistert.

5. April 2018

Zyklus D „Große Stimmen“ – Juan Diego Flórez.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 1


Wolfgang Amadeus Mozart –
Ouvertüre zu „La Clemenza di Tito“ KV 621
„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ aus: „Die Zauberflöte“ KV 620
„Si spande al sole in faccia“ aus: „Il re pastore“ KV 208
Ouvertüre zu „Don Giovanni“ KV 527

Christoph Willibald Gluck –
„L’espoir renaît dans mon âme“ und „J’ai perdu mon Eurydice“ aus: „Orphée et Eurydice“

Gaetano Donizetti –
„Ballabile“ und „Danza Militare“ aus: „Lucia di Lammermoor“

(Pause)

Jules Massenet –
„Je suis seul! ... Ah! fuyez, douce image“ aus: „Manon“
„Pourquoi me réveiller“ aus: „Werther“

Giuseppe Verdi –
Ballabile „La Primavera“ aus: „I Vespri Siciliani“
„Questa o quella“ und „Parmi veder le lagrima“ aus: „Rigoletto“
Ouvertüre zu „Alzira“
„Lunge da lei ... De’ miei bollenti spiriti“ und „O mio rimorso“ aus: „La Traviata“

Zugaben:
Willy Mattes – Deine Liebe ist mein ganzes Leben
Peruanisches Volkslied
Caetano Veloso – Cucurrucucú Paloma (Hable con Ella)
Gaetano Donizetti – „Pour mon âme, quel destin!“ aus: „La Fille du Régiment“
Agustín Lara – Granada

(Juan Diego Flórez – Tenor, NDR Radiophilharmonie / Leitung – Riccardo Minasi)


Natürlich bürgt der Name Juan Diego Flórez für Sangeskunst von Weltrang – nichts weniger wird in diesem Goette-Abo aufgetischt – aber ich hätte nicht gedacht, dass mich gerade dieses Konzert aus der Reihe so begeistern würde, wo das Repertoire des Peruaners doch nur marginal mit meinen Vorlieben überlappt. Aber wer braucht schon „seine“ Musik, wenn man dieser Stimme lauschen darf.

Dabei geriet der Start sogar noch etwas verhalten – die Gestaltung der Zauberflöten-Arie war nicht so ganz mein Fall, das Liedhafte kam fast etwas steif rüber. Vielleicht auch eine Frage des ungewohnten Sprachmetiers? Da geht doch nichts über Wunderlich. Ganz anders sah das jedenfalls schon bei der nächsten italienischen Mozart-Arie aus und erfuhr eine nochmalige Steigerung über Gluck zu Donizetti – dafür ist diese Stimme gemacht. Dieses Legato, dieser Schmelz, diese innige Wärme. Spannend auch der Unterschied zu Kaufmann was Volumen, Strahlkraft, das ganze Timbre angeht – eine „kleinere“ Stimme, aber eben perfekt für den Belcanto, mit süßem Schmelz und spielerischer Wendigkeit. Insbesondere bei Gluck und Donizetti merkt man zudem, welch großartiger Stimmdarsteller Flórez ist. Innige Seelenbilder in Sprachen, derer ich nicht mächtig bin – und die ich durch ihn doch verstehe. Schön: die Leute sind meist mucksmäuschenstill, die Konzentration wird selten gefährdet.

Die zweite, absolut unverhoffte Entdeckung des Abends: Herr Minasi ist eine Wucht am Pult. Knackig, leicht, wieselflink – durchweg sehr flotte Lesarten, die perfekt Verve und Esprit dieser Kompositionen transportieren. Ein wahrer Ohrenöffner: Seine Interpretation der Don Giovanni-Ouvertüre. ich bin halt kein Mozart-Experte und es wird sicher andere Dirigenten mit diesem Konzept geben und gegeben haben, aber das für mich absolut ungewohnt hohe Tempo gleich vom Start weg, lässt den düsteren Beginn wohl weniger mysteriös und bedrohlich wirken als z.B. bei Furtwängler, sorgt aber andererseits dafür, dass sich dieser viel besser, homogener in das Ganze fügt. Der Übergang zum schnellen Teil erfährt so einen deutlichen Energieschub, das Leichte, Vitale, Tänzerische wird betont – das war heute fast ein ganz neues Stück für mich.

Ein anderes Beispiel für Minasis Meisterschaft: die Donizetti-Festmusik – mit ordentlich Wumms vorgetragen, aber nicht lärmig, sondern schmissig, satt. Eleganz und Kraft. Die Radiophilharmonie Hannover hat ihren Anteil daran. Obgleich nicht perfekt (Präzision bei hohem Tempo, hier und da Wackler etc.), so doch absolut zuverlässig im Gesamtklang und in der Wirkung auf den Punkt. Darüber hinaus ist die Akustik-Wahrnehmung heute wieder sehr schön, präsent, ausgewogen – allein die Kombination Hörner plus Flórez’ Stimme – Balsam für die Ohren.

Mit dem Massenet nach der Pause kommen wir schließlich in kompositorische Gefilde, die mein Herz höher schlagen lassen. Was für eine Orchestration – die Einbindung der Orgel, der Glocken, der Harfe. Die Manon-Arie ist sehr vielversprechend – die Oper ist mir gänzlich unbekannt, die Arie aus dem bereits zweimal live bestaunten Werther bestätigt das Potenzial, welches dieser Komponist für mich besitzt. Wahrscheinlich tendierte mein Geschmack für diese Rollen doch eher zu einem Tenor mit mehr Stahl in der Stimme (und wieder ergibt der parallel im Kopf vollzogene Abgleich mit Kaufmann ein interessantes Wechselspiel), aber ungeachtet dessen, welchen Weg man bevorzugt, wandelt Flórez unbestreitbar auf den Pfaden der Vollendung.

Verdi mag mich insgesamt nicht so berühren, in Flórez’ Darbietung erfährt noch die banalste Humtata- und Drehorgelmusik ungeahnte Veredlung. Zumal der Mann scheinbar auf Knopfdruck voll in Text und Rolle eintaucht – davon zeugen auch seine launigen Anmoderationen, etwa wenn er dem Duca aus Rigoletto angesichts Emanzipation und #Metoo in der heutigen Zeit einen schweren Stand bescheinigt. Womit wir bei einem weiteren, äußerst wichtigen Faktor für Flórez’ Extraklasse und Erfolg wären: Der Mann kann Kraft seiner sympathischen Ausstrahlung und offenen Art einen Saal für sich gewinnen. Ich muss ihn unbedingt einmal auf der Theaterbühne erleben, ich glaube fest, dass er jeden Charakter mit Spielfreude und Herzblut verkörpert.

Heute waren es neben seiner atemberaubenden Kunst auch seine witzigen Einschübe und Anekdoten, die dem Sänger die Herzen des Publikums zufliegen ließen – etwa als er einmal fast den Einsatz des Dirigenten „crashte“, um doch noch etwas über das folgende Stück zu erzählen, und sich mit den Worten entschuldigte: „Sorry, i am crazy – too many high notes, you know ...“. Flórez plaudert über seine kosmopolitische Familie, begrüßt die kleine peruanische Schar im Publikum (mit einem Seitenhieb, dass man trotz aller Begeisterung für Fußball die WM im Sommer wohl doch nicht gewinnen werde), und das alles streut er mit leichter Hand ein, ohne das es bemüht oder gar anbiedernd wäre. Ein richtiger Kommunikator, möchte man sagen.

Als er dann die Zugaben nicht mit einer weiteren Arie, sondern den Zeilen „Deine Liebe ist mein ganzes Leben“ beginnend ein Ständchen für seine Frau zum Hochzeitstag anstimmt, sich dabei selbst auf der Gitarre begleitend, ist es um jedes romantische Herz im Saal geschehen. Die weiteren Stücke, zwei Lieder, eine Arie von Donizetti sowie der feurige Schlusspunkt „Granada“ demonstrieren noch einmal eindrucksvoll die Vielseitigkeit dieses Künstlers und seine ohrenscheinliche Liebe dazu, was Gesang in und für Menschen auslösen kann – sei mit einer einfachen Volksweise oder durch die Artistik der Spitzentöne.

24. Januar 2018

Kammerphilharmonie St. Petersburg – Juri Gilbo.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 1


Wolfgang Amadeus Mozart – Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550
Max Bruch – Konzert für Violine und Orchester g-Moll op. 26
Camille Saint-Saëns – Introduction et Rondo Capriccioso a-Moll op. 28

(Pause)

Felix Mendelssohn Bartholdy – Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“



Schon beruhigend, wenn bereits das Ticket den Solisten des Abends als „Star Violinist“ ankündigt, und auch auf dem Titel des Programmheftes nur der Name „Vadim Repin“ prangt, nebst nettem Portrait des Künstlers natürlich. Hm, wußte gar nicht, dass ich an einem Solokonzert teilnehmen werde ... ach nein, die Informationen über die Randerscheinungen Orchester und Dirigent folgen bereits auf Seite 12 – nachdem uns lobende Zitate, die mit einem bescheidenen „Ein Weltstar zu Gast in Deutschland“ eingeleitete (doppelte?) Biographie sowie eine Diskographie mit Katalognummern (gleich morgen ab zu Hanse CD!) noch einmal von der fraglosen Weltklasse des Solisten überzeugt haben.

Abgerundet wird das vielleicht Welt-wertvollste Programmheft (8 Euro für 16 Seiten heiße Luft – ich war neugierig, ob sich in seinem Inneren womöglich etwas Blattgold oder eine Staatsanleihe verbirgt, daher musste ich zugreifen) von einer Autogrammkarte zum Ausschneiden. Allerdings (noch) ohne Autogramm. Mal sehen, ob ich es mir nach dem Konzert abholen möchte (bzw. darf). Die Ballung der im Text verwendeten Attribute (beste/höchste/enorm ...) lässt die Spannung ins Unermessliche steigen ... Man wird sehen, ob ich später noch die Kraft finden werde, mich und meine Eindrücke zu fassen ...

So peinlich die papierne Präsentation des Solisten auch ausgefallen sein mag, so uneingeschränkt sorgte sein Vortrag, eingebettet in den exquisiten Klangkörper der Kammerphilharmoniker unter dem elektrisierenden Dirigat ihres Chefs, für nachhaltige Begeisterung. Auch ganz ohne Herrn Repin war unmittelbar klar, dass es ein erstklassiger Abend werden würde. Der Mozart: richtig gut. Knackig, zupackend, nicht unbedingt „historisch“, sondern einfach leidenschaftlich – was sich durch den Abend ziehen sollte. Die Akustik verhielt sich dabei viel besser als gedacht. Die Bläser etwas zurückgenommen, minimal dumpf, dafür die Violinen sehr strahlend – um nicht zu sagen perfekt. Die Celli und Bässe auch minimal dumpf – die deutsche Aufteilung wäre von meinem Platz aus wahrgenommen vielleicht etwas besser gewesen, da die zweiten Violinen der rechten Seite dann zu etwas mehr Strahlkraft verholfen hätten.

Aber auch so gelingt den russischen Gästen wahrhaft Referenzwürdiges. Das Bruch-Konzert: ebenfalls knackig, nicht sentimental oder kitschig. Teilweise Mordsantritte durch den Dirigenten – da ist richtig Dampf drin. Repin topp – brillant, mit Verve, Feuer, Druck, Leidenschaft, Spannung, Schnellkraft. Nicht unantastbar (hört man wahrscheinlich auch nur auf diese Distanz), aber insgesamt ein Traum. Ein wahres Dreamteam mit dem Orchester und seinem Dirigenten. Die Akustik wunderbar, leise Stellen traumhaft, aber auch im Tutti druckvoll und homogen. Der Solist kommt immer gut durch, strahlender, voller Klang – auch hier ist der Bläserapparat zurückgenommen.

Das Saint-Saëns-Stück sagte mir zunächst nichts, ist jedoch sehr wohl ein Paradestück und ersetzt gewissermaßen die obligatorische Zugabe des Solisten – perfekt. Es zeigt sich, dass das Parkett für Konzerte mit solistischer Beteiligung eine überaus interessante Alternative darstellt. Der Mendelssohn nach der Pause gehört zwar nicht zu meinen Lieblingen, wurde unter Herrn Gilbos zugkräftiger Stabführung aber dennoch zum Erlebnis.

Fazit: Einer der erfreulichen Fälle, in denen die Erwartungshaltung um ein Vielfaches übertroffen wurde.

8. Oktober 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Thomas Hengelbrock.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Ebene 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Witold Lutosławski – Musique funèbre
Wolfgang Amadeus Mozart – Requiem d-Moll KV 626
Zugabe: 

Johann Sebastian Bach – „Du, o schönes Weltgebäude“ 
BWV 301 und „Komm oh Tod, du Schlafes Bruder“ aus 
„Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ BWV 56

(NDR Elbphilharmonie Orchester,
Balthasar-Neumann-Chor und -Solisten,
Anna Lucia Richter – Sopran, Wiebke Lehmkuhl – Alt,
Lothar Odinius – Tenor, Tareq Nazmi – Bass)



Lutosławskis Trauermusik als „modernes“ Entree zu einem Totenmessen-Klassiker – da war doch was. Richtig, Tate hat es bereits 2014 in Hamburg vorgemacht, als die Eröffnung der Elbphilharmonie noch in den Sternen stand, seinerzeit mit dem Brahms-Requiem (Link). Was nicht suggerieren soll, dass die Symphoniker Hamburg, damals noch Hamburger Symphoniker, diesen Programm-Kniff erfunden hätten. Interessant eher, dass die Aufführung eines allseits bekannten Trauer-Opus offenbar gern als Anlass genommen wird, doch auch mal das Lutosławski-Stück zu präsentieren. So schrecklich oft ist der Pole ja sonst nicht im Konzertsaal anzutreffen. Was sehr schade ist, wie ich nach dem heutigen Abend wieder feststellen konnte.

Das etwa 15-minütige Werk für Streicher mag vor Tritoni und Dissonanzen nur so zu strotzen – Stichwort Clusterbildung – für mich klingt diese Musik, obwohl ich sie nicht gut kenne, äußerst vertraut und nah. Im Mittelteil, nachdem alles zur Ruhe kommt und leises Pizzicato einen neuen Abschnitt einleitet, sehe ich im Gesang der Violinen, begleitet von den Celli und Bratschen, während die Bässe ehrfürchtig schweigen, eine faszinierende Parallele zu Hindemith, genauer zur Mathis-Sinfonie. Die Streicherflächen der Grablegung, aber auch eine bestimmte Passage aus dem dritten Satz, der Versuchung des hl. Antonius, kommen mir in den Sinn. Nicht, dass Lutosławski hier Hindemith zitieren würde, aber die Stelle strahlt diese gleiche entkörperlichte, überirdische Schönheit gepaart mit tiefer Wehmut aus. Wahrscheinlich gibt es darüber hinaus viel naheliegendere Verbindungen zu Bartok, dem Lutosławski das Stück schließlich gewidmet hat, nur bin ich in dessen Œuvre leider nicht so firm.

Mit Mozart hingegen ist natürlich jeder vertraut. Sollte man zumindest meinen. Also ich ohnehin bekanntermaßen weniger – aus Gründen. Dennoch war es auch und gerade für mich besonders erfreulich, dass in der Einführung, nachdem wie üblich die Melange aus Legendenbildung und Anekdotenhalbwissen-Bingo, welche traditionell das Requiem umweht, nur noch einmal kurz umrissen und abgefertigt wurde, Herr Heile ein weitaus interessanteres Thema anschnitt: Mozart und seine Inspirationsquellen. Auch Mozart hat – wie alle Großen – geklaut, aber dabei – wie alle Großen – Neues hinzugefügt, weiterentwickelt. Eigentlich wenig überraschend, aber es gibt sicher nicht wenige Verklärer, die den Göttlichen gern als Gestirn, das sich einzig um sich selbst dreht, sehen würden. Mumpitz. Händel, Bach, Haydn – zur Abwechslung mal der Michael – haben alle spannende Sachen abgeliefert, so spannend, dass Mozart deren Aneignung und Veredelung im Betracht zog. Auch eine interessante Einschätzung: Mozart sei eher Vervollkommner bzw. Vollender denn Erfinder gewesen – im Gegensatz zu Haydn (jetzt aber der Joseph). Apropos Vollendung: jene des Requiems sei übrigens weniger aufgrund künstlerischer Weitsicht, sondern mehr aus der Sorge Constanzes um die bereits eingesackte Anzahlung und noch fehlende Schlussraten für die Messe angeschoben worden. Solche Anekdoten finde ich dann doch amüsant.

Das heutige Programmheft beherbergte die Besetzung des Orchesters als Faltblatt nebst Mini-Interview zum Thema historische Aufführungspraxis. Ich persönlich kann mich wirklich stundenlang mit der Entwicklung der Instrumente beschäftigen – auf Wikipedia, nicht im Konzertsaal. Konvex gebogene Bögen, ventillose Trompeten, Barockposaunen, kleinere Pauken, von mir aus. Ok, es ist klar, dass Mozart in Straussbesetzung diese Art von Musik in Sachen Transparenz nicht unbedingt nach vorne bringt, aber das ganze Gewese um (pseudo-)alte Instrumente bleibt mir bis auf Ausnahmen schleierhaft. Oder anders ausgedrückt: nicht uninteressant, aber im Ergebnis selten luststeigernd. Geschichtsunterricht halt. Ich bin sehr gern nach Gotha gefahren, um mir die alte Bühnentechnik mit ihren von Geisterhand wechselnden Papp-Scherenwänden in Aktion anzusehen, aber ich bin heilfroh, dass es an den Theatern heute auch in Barockopern mehr als die Option gibt, Bäume durch Säulen auszutauschen. Was sicher kein Plädoyer für ein anderes, viel schlimmeres „Pseudo“ sein soll, den (Pseudo-)Realismus im Theater. Aber ich schweife ab.

Viel wichtiger als irgendwelche Nasenhaarbögen und Posaunen mit oder ohne Schnüffelstück ist im Konzert immer noch der Einsatz der Musiker, nicht zuletzt des Dirigenten. Gefiel mir der Lutosławski unter Hengelbrock noch ausgesprochen gut, ja erwies sich als packend und intensiv, brachte er mit dem Requiem das Kunststück fertig, eines der wenigen Stücke Mozarts, für das ich so etwas wie leise Sympathie, mitunter gar Bewunderung hege, so blutleer und trocken in die makellose Akustik der Elbphilharmonie zu versenden, dass es auch dieses Mal ein Kampf auf Leben und Tod mit dem Sandmännchen wurde.

Gleich der Beginn – warum so hastig? Man kann auch schreiten, ohne zu schleppen und trotzdem den natürlichen Atem bewahren. Das Dies irae – gehetzt, verstolpert. Das Lacrimosa – seltsam aseptisch, dazu mit irritierend punktierten Betonungen. Dabei verfolgt der Mann vom Grundsatz her doch eigentlich vielversprechende ästhetische Ansätze: klare dynamische Kontraste, eine zum Teil äußerst knackige, fast aggressive Gangart in den schnellen Passagen (Rex tremendae majestatis) – wenn ich doch nur sein Timing nachvollziehen könnte. Da bringt mir auch der Hinweis aus dem Programmheft nicht viel, dass man mit Barockbögen deutlich agiler unterwegs sein kann, wenn das Ergebnis ohne die entsprechende Präzision an meinen Ohren vorbeischrammelt. Wo wir wieder beim Klang sind: dafür dämpfen diese tollen historisch verbürgten Bögen den Streicherklang dermaßen, dass er in der tendenziell ohnehin streicherfressenden Akustik des Saales, von Bläsern und Choristen übertönt, ein Schattendasein fristen muss.

Am Ende entschädigte zumindest die unverhoffte Zugabe ein wenig. Bach als zarter Klangtest für Ohren und Halle. Gerade der Schlusschoral der Kreuzstab-Kantate, a cappella durch den Balthasar-Neumann-Chor dargeboten, vermittelte auf den letzten Metern des Konzerts jenen feinen, schwebenden Charakter, der wohl bereits den ganzen Abend intendiert war – leicht, aber nicht leichtgewichtig. Und schloss gleichzeitig den Kreis zur Einführung: das Aufgreifen eines musikalischen Gedankens für ein neues Werk, hier mit dem Sonderfall, dass „Urheber“ und „Entlehner“ ein und dieselbe Person sind.

19. Juni 2017

St. Petersburger Philharmoniker – Wassili Sinaiski.
Philharmonie St. Petersburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 10, Platz 19



Wolfgang Amadeus Mozart – Serenade Nr. 13 für Streicher in G-Dur KV 525 „Eine kleine Nachtmusik“

Ludwig van Beethoven – Zwei Violinromanzen (Ilya Gringolts – Violine)
Zugabe?

(Pause)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 5



Die St. Petersburger Philharmonie verbirgt sich, nimmt man die schier überwältigende Opulenz der ganzen Innenstadt als Maßstab, hinter fast schon bescheidenen, unscheinbaren Mauern. Ein Eckhaus / Klassizismusblock, wie es dort unzählige gibt, nur der güldene Schriftzug darüber unterscheidet das Portal zum großen Saal von den angrenzenden zu Restaurants u. a.; Kleine Eingangshalle mit Ticketschalter und Gastronomie, etwas versteckte Garderoben, wenig lenkt die Aufmerksamkeit ab von der großen Treppe hinauf zu Foyers und Saal.

Das Programmheft kann nur mit der vehement durch das resolute Personal forcierten Abnahme einer Werbebroschüre über Petersburger Immobilien erstanden werden. Der Hinweis, man möge es nicht wegwerfen – zumindest nicht in diesen Hallen – führt den Begriff „hard selling“ auf eine ungeahnte Ebene, vielleicht sollte ich doch diese Villa hier ... aber nein, es geht schließlich immer noch (auch) um Musik, also weiter mit der Erkundungstour.

Im großen Foyer blicken Komponisten aus geschmackvoll gerahmten Schwarzweiß-Bildern auf die Wartenden herab. Habe ich so noch nicht gesehen, hat im Zusammenspiel mit dem schönen, aber nicht zu verspielten Raum eine wirklich gute Wirkung. Natürlich werden neben Mozart und Beethoven vor allem russische Komponisten geehrt, aber auch ein Exot wie Sibelius ist dabei – und auch Gustav Mahler. Dessen legitimem Nachfolger in Sachen Sinfonik hat man in einem Nebenraum ein Standbild gewidmet – Schostakowitsch steht neben dem Uraufführungsplakat seiner siebten Sinfonie, die auf ewig mit dieser Stadt und seinen Bewohnern verbunden sein wird.

Der große Saal selbst ist eine dezent-klassizistische Variante des Schuhschachtelprinzips, erinnert sehr entfernt an das Berliner Konzerthaus oder vielleicht den Wiener Musikverein, den ich allerdings bislang nur von Bildern kenne. Die Akustik hat mir sehr zugesagt, auch wenn bei Mahlerscher Besetzung selbst in Reihe Zehn nicht wirklich von einem ausgewogenen bzw. kompakten Klangbild gesprochen werden kann, da sich das Riesenorchester in Ermangelung der erforderlichen Bühnentiefe extrem in die Breite aufreiht – Posaunen am äußersten rechten Flügel hab ich auch noch nicht erlebt. Aber der Reihe nach.

Der erste Programmpunkt des Abends, Mozarts Kleine Nachtmusik, ist ausschließlich den Streichern vorbehalten. Der erste Höreindruck verdutzt doppelt: Einerseits scheint man es hier nicht unbedingt mit Präzisionsfanatikern zu tun zu haben, was die rein technische Seite (Einsätze, Intonation) angeht, andererseits habe ich selten einen erleseneren Streicherklang erlebt. Wäre er eine Fotografie, wäre diese nicht auf Hochglanzpapier abgezogen, sondern auf seidenmattem. Seidig, mattiert, minimal herb, ja rauchig, sind Attribute, die mir unweigerlich in den Sinn kommen, oder, weniger assoziativ – wunderschön. Ich frage mich, wieviel die Halle an sich zu diesem Eindruck beiträgt.

Die beiden Violinromanzen von Beethoven sind Neuland für mich, in ihrer gleichermaßen virtuosen wie gesanglichen Art auf den ersten Blick eher nicht „typisch Beethoven“ aber in jedem Fall eine Bereicherung des privaten Repertoires. Ilya Gringolts erobert die Bühne seiner Heimatstadt mit feinem, innig-lyrischem Ton und passt damit perfekt zum Seidenschimmer seiner Philharmoniker-Kollegen. Seine (mir leider unbekannte) Zugabe zeigt dann eine deutlich wildere, hitzig-gespannte, „zigeunerische“ Seite – nicht minder edel im Tonfall.

Nach der Pause dann der mutmaßliche Höhepunkt des Abends – das Publikum sollte nicht enttäuscht werden. Zwar bleibt das Präzisionsempfinden, vorbehaltlich bei schnellen, rhythmischen Strukturen ähnlich kulant, stellt in der großartigen Konzeption Sinaiskis allerdings keinen wirklichen Mangel dar, sondern kann als Teil einer äußerst organischen, flexiblen Lesart gesehen werden, die sich zudem klanglich auf höchstem Niveau bewegt. Insbesondere der zweite Satz in seiner Aggressivität und Zerrissenheit wird von Sinaiski mittels ausgefeilter Rubatogestaltung und kontrastgebenden Tempowechseln dazu genutzt, das Collagehafte bei Mahler zu betonen. Insgesamt geht Sinaiski mit seiner Interpretation aufs Ganze, treibt seine Musiker immer wieder mit Inbrunst an, fordert mehr Intensität von den Streichern etc.

Letztere können auch hier ihren erlesenen Sound voll einbringen, nie schneidend, aber doch ungemein präsent. In den ruhigen, innigen Passagen schaffen sie unter Sinaiskis Führung dann eine weit schwingende Gelöstheit, Zartheit und Intimität, wie ich sie selten erlebt habe. Aber auch an den Kollegen von Holz und Blech lässt sich klanglich berauschen – ansatzlose Hörner und berührende Hornsoli machen das Scherzo, neben vielen anderen staunenswerten Leistungen, zu einer Manifestation betörender Schönheit und bittersüßer Sehnsucht innerhalb des Mahlerschen Kosmos menschlichen Ringens. Momente, wie der im zweiten Satz noch nicht vollendete, im Finale majestätisch triumphierende Choral, werden zur Demonstration dessen, wozu die Blechgruppe eines Orchesters nicht allein dynamisch, sondern vor allem klanglich-qualitativ in der Lage sein kann. Der mitreißende, kompromisslose Jubel des Finales fand seine Entsprechung in der Begeisterung der Hörerschaft – der krönende Abschluss eines großen Abends an ehrwürdiger Stelle.

6. März 2017

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 2. Rang rechts, Seitenreihe 1, Platz 21



Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate C-Dur KV 545 „Sonata facile“
Wolfgang Amadeus Mozart – Fantasie c-Moll KV 475
Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate c-Moll KV 457

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90
Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

Zugaben:

Franz Schubert – Moment Musicaux Nr. 1 C-Dur D 780
Frédéric Chopin – Nocturne op. 9, Nr. 1 b-Moll
Frédéric Chopin – Nocturne op. 32, Nr. 2 As-Dur
Jean-Philippe Rameau – L’indiscrete
Robert Schumann – Arabeske op. 18 C-Dur
Frédéric Chopin – Prélude op. 28, Nr. 20 c-Moll



Von Sokolov bin ich ja bereits das Äußerste gewohnt. Die heutige Wundertat ging dann aber noch einen Schritt weiter: Mozart so zu präsentieren, dass sich zumindest für die Dauer eines Konzertes ein würdiges Duell mit Beethoven um meine Gunst entsponn. Wer hätte das gedacht. Nach einer eher gemütlich dahinplätschernden, fast schon konturlos, lieblich-breit vorgetragenen „Sonata facile“ trat – dem doppelten c-Moll von Fantasie und Sonate sei Dank – ein gänzlich anderes Antlitz Mozarts auf den Plan, welches viel mehr die Züge seines Bonner Kollegen aufwies, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ein monolithischer, kühner Mozart? Oder wurde perfider Weise die Programmreihenfolge geändert, um mich zu narren? Nein, es ist tatsächlich der ungeliebte Salzburger, der hier unter Sokolovs magischen Händen neu für mich entsteht. Ein Mozart, mehr aus der Struktur als aus der Melodie heraus entwickelt, mehr dramatischer Fluß als bloße Aneinanderreihung netter Einfälle.

Und das in der unmissverständlich zwingenden Umsetzung des kompromisslosen Russen, wie man es von ihm kennt und liebt – unerhörte Anschlagnuancen, gewaltige Sogwirkungen, Kontraste, dazu über allem eine bis zum Bersten aufgeladene Spannung, Ergebnis schier unerschöpflicher Kontrolle auch im Angesicht extremster Forderungen an sich selbst. Bezeichnend, dass die beiden Beethoven-Sonaten nach der Pause diesen Eindruck nicht mehr toppen konnten, zu groß war offenbar die Überraschung, gewissermaßen einer Vorwegnahme durch Mozart. Erst mit den Zugaben war das Ende des Tunnels erreicht, das gewohnte Konzert nach dem Konzert justierte den Fokus neu. Sechs weitere Gelegenheiten, die Meisterschaft Sokolovs ehrfürchtig zu bestaunen.

Seit Eröffnung der Elbphilharmonie begleitet mich das Thema Akustik in besonderem Maße. Hier im hinterletzten Winkel der alten Laeiszhalle wurde wieder einmal deutlich, wie leicht man doch dem allgemeinen Hype erliegt bzw. wie sehr wir uns von Faktoren, die das eigentlich Musikalische gar nicht betreffen, beeinflussen und ablenken lassen. Sicher, es gibt gemütlichere Plätze als jenen der Seitenreihe, den Blick zur Bühne von einer stattlichen Säule versperrt, aber man hört deutlich besser als es die Sicht suggeriert. Vieles ist und bleibt einfach eine Frage der Konzentration. Wie nehme ich Musik wahr, wie richte ich meine Antennen aus. Und in diesem Zusammenhang auch: wie gehe ich mit der Tatsache um, dass kein Privatkonzert für mich veranstaltet wird. Jeder achtlose Huster, der die Verletzlichkeit des Augenblickes ignorierte, war hier und heute ebenso ein Schlag ins Gesicht wie er es in jedem Saal ist, in dem wir am flüchtigen Wunder der Musik teilnehmen dürfen. Am Ende geht es um Respekt – vor der Kunst, vor der Hingabe jener, die sie vermitteln, und vor der Leidenschaft derer, für die ein Konzert mehr bedeutet als zwei Stunden totgeschlagene Zeit.

4. März 2017

Schlafes Bruder – Joachim Vogelsänger.
Theater Lüneburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 20, Platz 7



Etikettenschwindel in Lüneburg: Statt der erhofften (und postulierten) Umsetzung des Bestsellers als Musiktheater, gibt es einen schnöden Ballettabend mit erweiterter musikalischer Staffage, dem in homöopathischen Dosen eingestreute Lesungsrudimente den Anschein von Geschlossenheit verleihen sollen – vergebens. Die zur Unkenntlichkeit vertanzte Geschichte des über alle Maßen Begabten, Liebenden und nicht zuletzt Verstoßenen, gerät zur seichten Folie für den krachend gescheiterten Versuch, aus der losen Folge einer zweistündigen Best-of-Bach-Collage (plus Füller) ein abendfüllendes Handlungsgerüst zu zimmern.

Die Liste der Unzulänglichkeiten ist lang. In der vielversprechenden Einführung wurde viel über die Tauglichkeit von Bachs Musik gesprochen, in (anderen) szenischen Zusammenhängen zu wirken – Stickwort Affekte. Prinzipiell möchte ich dies nicht ausschließen, in der unmotivierten Aneinanderreihung seiner bekanntesten Vokal- aber auch Instrumentalkompositionen für diese Produktion wurde allerdings jeglicher Spannungsaufbau konsequent vermieden, von handlungsunterstützendem roten Faden gar nicht zu sprechen. Hit folgt auf Hit, die Bezüge zur Geschichte mögen in ihrer theoretischen Konstruiertheit sogar teilweise nachvollziehbar sein, entfalten jedoch selten bis nie dramaturgische Finesse. Eine rühmliche Ausnahme: Während die Hexenjagd auf den Sündenbock der Gemeinde von atonaler, bedrohlicher Klangkulisse begleitet wird (Chorimprovisation I), die Raserei und Hass treffend transportiert, folgt in der nächsten Szene mit dem Griff zum naiven Bauernidyll Annette Thomas ein größtmöglicher Bruch, der die Bigotterie der Dörfler entlarvt – Der Fremdkörper ist entfernt, die „heile Welt“ dreht sich trotz etwaiger Reue weiter. Vielleicht bezeichnend, dass hier gerade die Kombination zweier Nicht-Bach-Stücke die dramaturgische Nulllinie unterbricht.

Abgesehen davon, dass ich in der irrigen Annahme nach Lüneburg fuhr, ein neues Musiktheaterwerk zu erleben, und keinen Ballettabend, ist gegen Tanztheater nichts einzuwenden. Sofern es fesselnd, abwechslungsreich, originär ist. Ich bin kein großer Ballettexperte, aber die Lüneburger Choreografie ist, neben schönen Einzelheiten, geprägt von ermüdenden Wiederholungen und Plattheiten. Durch Tanz lassen sich Inhalte ausdrücken, definitiv, aber wenn es so comichaft illustrativ erfolgt wie teilweise hier, bin ich raus. Anderen scheint gerade die Verbindung von Physischem und „Humor“ vorzüglich zu gefallen: Das Micky-Mousing-Getrappel zu Gesangskapriolen oder die getanzte Umsetzung der lautmalerischen Stöhn- und Hechelvorlage des Chores, um die sexuellen Ausschweifungen der braven Bürger zu präsentieren – hui, die bumsen da, hi hi. Klamauk geht immer. Aber auch weniger „lustig“ angelegte Szenen entfalten durch ihre überzogen illustrative Choreografie eher unfreiwillig komischen Charme, etwa wenn Elias zu exaltierten Gesten, die jeden Stummfilm subtil erscheinen lassen, seinem Zorn auf Gott Luft macht.

Bleibt noch ein kurzer Blick auf die musikalische Güte des Abends. Leider reißen es auch hier die Damen und Herren nicht heraus. Die Sänger – szenisch zu einer Art Zwitterdasein aus mehr oder weniger teilnahmsloser Deko im Kostüm und Träger einer krampfhaft implementierten Verbindung zur Jetztzeit verdammt – sind allesamt keine Experten für die Anforderungen der Barockmusik. Was mitunter recht brutal zu hören ist. Vergeblich ausgefochtene Koloraturkämpfe, Flexibilitätsengpässe. Nicht jeder Opernstimme schmeichelt das Oratorium- oder Kantatenidiom. Der Chor nicht allein örtlich begriffen ein ums andere Mal nicht zusammen, das Lüneburger Orchester unauffällig bis mau (matte Streicher im Air) unter uninspirierter Leitung, die Orgel aus der Konserve ein akustischer Bruch.

Fazit: Abendfüllendes Handlungsballett nennt man jene Gattung, für die John Neumeier gefeiert wird – Olaf Schmidt hat sich mit Schlafes Bruder sowohl semantisch (Musiktheater) als auch im Ergebnis an seinem großen Vorbild böse verhoben.


Schlafes Bruder – nach dem Roman von Robert Schneider
Musikalische Leitung – Joachim Vogelsänger
Inszenierung und Choreographie – Olaf Schmidt
Bühnenbild – Barbara Bloch
Kostümbild – Susanne Ellinghaus

Musik: Johann Sebastian Bach, Arvo Pärt, Claudio Monteverdi, Jean Guillou, Annette Thoma, Franz Schubert, Richard Trunk, Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel

Sänger:
Signe Heiberg, Franka Kraneis, Regina Pätzer, Ulrich Kratz, Timo Rößner

Tänzer:
Dorfbewohnerin Elsbeth – Júlia Cortés
Dorfbewohnerin / Das Kind – Rhea Gubler
Burga – Gabriela Luque
Seelenzilli – Giselle Poncet
Seffin – Claudia Rietschel
Meistenteils – Anibal dos Santos
Peter – Wallace Jones
Dorfbewohner / Elias 2 – Wout Geers
Lukas – Francesc Fernández Marsal
Dorfbewohner / Elias 1 – Phong Le Thanh
Seff – Matthew Sly

Lüneburger Symphoniker
Haus- und Extra-Chor
Kantoreien von St. Johannis und St. Michaelis

18. Januar 2017

Klavierabend – Mitsuko Uchida.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Wolfgang Amadeus Mozart –Sonate C-Dur KV 545 "Sonate facile"
Robert Schumann – Kreisleriana / Acht Fantasiestücke für Klavier op. 16

(Pause)

Jörg Widmann – Sonatina facile (Uraufführung)
Robert Schumann – Fantasie C-Dur op. 17
Zugabe: ?



Das Spannungsfeld zwischen Raumakustik und individueller Wahrnehmung ist schon eine spannende, vertrackte Sache. War ich mir anfangs nicht ganz sicher, ob der Flügel nicht doch ein klein wenig dumpf klingt, gab es auf demselben Platz nach der Pause keinen Moment, daran weitere Gedanken zu verschwenden. Vielleicht ist dieses Phänomen einfach dem unterschwelligen Schlummermodus geschuldet, in den mich Mozarts Musik regelmäßig überführt. So auch bei der drolligen Sonate und den sich anschließenden Kreisleriana-Stücken Schumanns, der ja eine ähnlich dimensionierte Rolle in meiner privaten musikalischen Hausapotheke spielt wie sein Salzburger Kollege. Oder war es doch das frech angehurzte Stilkopiegulasch Widmanns, das in der Manier "Hans Liberg in Donaueschingen" zum aufmerksamen Ohrenspitzen einlud? Unerheblich.

Wichtig und beruhigend allein, daß der große Saal der Elbphilharmonie auch Klavierabende zu einer akustischen Wohltat macht. Von Bereich D der zwölften Etage hat man optimale Sicht auf die Künstlerin und ihre Fingerfertigkeit, generell fühle ich mich gleich wohl mit der leicht erhöhten Sitzposition – in Laeiszhallen-Maßstäben eher ein Zwitter aus Parkett und erstem Rang. Und man hört wunderbar fokussiert, obgleich der Klang ausgesprochen rund und warm das Auditorium füllt. Auch noch das kleinste Summen, welches dem Flügel, einem zarten Echo oder organischer Rückkopplung gleich, entweicht, ist deutlich zu vernehmen, das ganze Klangspektrum wirkt ungemein differenziert und lebendig.

Frau Uchidas Spiel ist dabei über jeden Zweifel erhaben. Die Schumann-Fantasie lässt auch einen Ignoranten wie mich aufgewühlt zurück – hier möchte ich keinen der drei Sätze missen, die jeder für sich genommen wie ein erhabener Gipfel dieses pianistische Massiv bilden. Gleich mit dem Beginn sprudelt und schäumt sich die Musik in einen Rausch, der inzwischen sehnendem Drängen und nach innen gerichteter Kontemplation gebettet ist. Begeistert der zweite Satz mit seiner kompromisslos-auftrumpfenden Art und daraus resultierenden Sogwirkung, ist mir der dritte doch der liebste – aufsteigende Harmonien, die Gemüt und Zustand von Plateau zu Plateau emporheben, eine ungeheure Steigerung, die in einzelnen, verhallenden Melodie-Schlägen Auflösung findet. Die Definition von Romantik.

An deren Interpretation gab es nichts zu kritisieren, einzig mein persönlicher Geschmack tendiert nun mal eher zur Gespanntheit und Wucht eines Grigory Sokolov als zur heute gehörten leichtfüßig-lieblichen Duftigkeit. Wobei die kleine Dame durchaus zulangen kann. Aber das ist ja gerade das Schöne: Daß sich große Werke auf mehr als eine Weise schlüssig und berührend vermitteln lassen. Auf die kommenden Klavierabende in diesem großartigen Saal!

7. November 2016

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen –
Christian Tetzlaff. Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 8, Platz 15


Wolfgang Amadeus Mozart – Violinkonzert G-Dur KV 216 
Arnold Schönberg – Verklärte Nacht op. 4

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Violinkonzert D-Dur op. 61
Zugabe: Jean Sibelius – Humoreske Nr. 5


Ich weiß nicht, ob Mitglieder der Hamburger Camerata das heutige Konzert besucht haben, aber die Überlegung kam mir unweigerlich in den Sinn. Verbunden mit der Frage, welche Gefühle und Gedanken sie bei diesem hypothetischen Blick auf die Bremer Kollegen beschlichen hätten. Bewunderung? Neid? Motivation? Gleichgültigkeit?

Für mich war es ziemlich erhellend bzw. wie man es nimmt auch erschütternd, die beiden Kammerorchester im Abstand von weniger als einer Woche zu erleben. Erschütterung wahlweise aufgrund der unfreiwilligen nachträglichen Abwertung der Camerata-Leistung in Erfahrungsnachbarschaft zur Konkurrenz südlich der Elbe, gleichsam angesichts der über jeden Vergleich erhabenen Perfektion der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen an sich.

Die Kombination mit Christian Tetzlaff sollte sich als ideal erweisen. Sicher, hier und da konnte ich mich im Mozart und später auch im Beethoven kurzer Eindrücke nicht erwehren, dass an dieser oder jener Stelle ein wirklich aktiv gestaltender Dirigent noch ein paar Prozente mehr aus diesem traumhaften Klangkörper geholt hätte – Luxusprobleme. Aber zum einen ist die Kammerphilharmonie nicht zuletzt durch Järvi bestens geeicht, zum anderen drückt Tetzlaff allein schon mit seiner Spielkultur dem Ganzen seinen Stempel auf.

Es geht dabei weniger um Intonation, denn Artikulation. Dynamische Feinheiten. Ein mitunter herber, nie süßlich-reiner, oft zupackender, immer involvierender Klang. Wie er das Thema des zweiten Mozart-Satzes in immer neuer Gestaltung bringt. Der unglaubliche Schwung, der den kurzen Tanzteil im dritten Satz prägt. Und schließlich jener zweite Satz des Beethoven-Konzertes – Musik gewordener Humanismus. Insgesamt betrachtet kommt der gute Ludwig heute knackig, aber immer elegant daher – mein persönliches „Problem“, dass es mich selbst bei solch exquisiten Lesarten nach der gewissen Prise Brutalität sehnt (vgl. Currentzis/Kopatchinskaja, Link).

Das Wunder des Abends ereignete sich jedoch ohnehin bereits mit Schönberg, genauer der wohl unüberbietbaren Aufführung seiner Verklärten Nacht. Was für ein Streicherklang! Samtene, homogene Perfektion, schneidend, feinst, solistisch wie im Tutti makellos. Für Ensembles wie dieses wurde das wunderschöne Stück geschrieben. Feinheiten, die die Sinne betören, dynamische Ausbrüche, die durch Mark und Bein gehen – Gott sei Dank bei sehr diszipliniertem Publikum. Manch geniale Stelle durfte ihr Werden und Vergehen in absoluter Stille erleben – himmlisch! Auch hier: Tetzlaff nicht clean, sondern facettenreich. Und nochmal zum Stück, bzw. dem für gewöhnlich ja als Alibikonzertschreck wahrgenommenen Komponisten: Was für Durchführungen! Welche Arbeit mit dem Material – und dabei Seele! Interessante Querverbindungen tun sich auf: (Vorweggenommener?) Schreker, Salome-Anklänge, später das Liebeserblühen im Walküre-Stil.

Man kann es schließlich auch so sehen: Die Tatsache, dass die Strecke zur Abkehr von der Tonalität mit Werken wie diesem gesäumt ist, versöhnt mich doch ungemein mit seiner hässlichen Endhaltestelle.

21. März 2016

Les Musiciens du Louvre – Marc Minkowski.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16



Wolfgang Amadeus Mozart –

Adagio und Rondo C-Dur KV 617 für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello

„Ach, ich fühl’s, es ist verschwunden“ Arie der Pamina aus „Die Zauberflöte“ KV 620 (Chiara Skerath – Sopran)

Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622 (Nikolas Baldeyrou – Klarinette)

(Pause)

Ouvertüre zu „La clemenza di Tito“ KV 621

Requiem d-Moll KV 626 / Ave verum corpus KV 618 (Chiara Skerath – Sopran, Helena Rasker – Alt, Yann Beuron – Tenor, Yorck Felix Speer – Bass, Cor de Cambra del Palau de la Música Catalana)



Das Adagio und Rondo, in dem hier statt der Glasharmonika ein Glockenspiel zum Einsatz kam, ist bis auf den interessanten Klangfarben-Effekt des Soloinstrumentes, welcher sich allerdings recht schnell abnutzt, leider eine kammermusikalische Belanglosigkeit, die das Originalität und Tiefe ersehnende Gemüt mit unerbittlichen Wiederholungen malträtiert. Der Vortrag durch die Mitwirkenden war makellos.

Die Arie der Pamina gehört zu den raren Eingebungen Mozarts, die meine Gleichgültigkeit und Ablehnung gegenüber diesem Komponisten in flüchtige Phantasmagorien glühender Verehrung verkehren. Chiara Skerath gefällt mir richtig gut, wenngleich ihre Stimme für meine Janowitz-imprägnierte Vorstellung einer Pamina fast schon etwas zu herb bzw. voll ausfällt. Wunderbare Phrasierung und Textverständlichkeit.

Klarinettenkonzert: Allein schon für die hauchzarte Wiederholung des Adagio-Eingangsthemas durch Herrn Baldeyrou hat sich der heutige Konzertbesuch gelohnt. Die Leistung des Solisten, aber auch die kongeniale Orchesterarbeit Minkowskis, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, wie mich das Werk selbst – mit eingeschränkter Ausnahme des Mittelsatzes – unberührt um Konzentration kämpfen läßt. Während man sich die Rahmensätze getrost sparen kann (Melodien von emsiger Unverbindlichkeit werden in harmloser Begleitung durch die Wiederholungswurstemühle gedreht) sorgt im Adagio nicht allein das unbestreitbar beseelte Themenmaterial, sondern vor allem auch die Art, in der das Orchester auf dieses eingeht und es aufnimmt, für kontinuierlich entwickelte Intensität.

Marc Minkowskis Lesart der Titus-Ouvertüre könnte man nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche charakterisieren. Wobei es in diesem Falle richtiger Peitsche und Zuckerkrümel heißen müsste. Hier wird ganz der Erscheinung des stetig in rotierend-pendelnder Bewegung agierenden Dirigenten gemäß ordentlich Schwung geholt für einen mitreißenden Ritt, der in seiner ruppigen Gangart, sprich Artikulation, einen wahrhaft elektrisierenden Energieschub ins Auditorium sendet. So laß ich mir das gefallen.

Und dann das Requiem. Hat der Süßmayr schon gut hinbekommen – ich kann jedenfalls keinen Bruch feststellen (der für jeden musikwissenschaftlich bewanderten Experten ohne Frage auf der Hand liegen mag). Auch wenn es vielleicht ketzerisch klingt: Der freudige Tonfall im Sanctus und Benedictus sagt mir mehr zu als es oft bei positiv gestimmten Werken aus Mozarts Feder der Fall ist. Ok, ich möchte nicht unterstellen, dass der Wolfgang das nicht auch prima hinbekommen hätte, dafür sind die übrigen Sätze einfach zu sehr von Inspiration durchströmt. Ja, ganz recht, das Requiem möchte ich dann trotz aller Mozart-Aversion nicht missen.

Und wenn es dann noch in solch einer packenden, kontrastreichen, sensiblen Gestalt daherkommt, wie sie uns Minkowski mit seinen herrlichen Musikern präsentiert, ist meine Wandlung vom Saulus zum Paulus für eine Stunde perfekt. Klar, in erster Linie springt mein schlichtes Gemüt sicher auf die von Trauer bzw. dramatischem Ernst geprägten Elemente an, aber das Recordare ist ein gutes Beispiel dafür, daß die Kombination Mozart und eine helle, hoffnungsvolle Sicht auf das Leben für mich durchaus berührende Ergebnisse liefern kann. Gleich mit den wiegenden, versetzt einsetzenden Streichern zu Beginn dieses Satzes hat er mich. Und dann der Gesang des Solistenensembles. Gut, als durchweg unbeschwert kann man diesen Satz auch nicht bezeichnen – ganz wie es sich nun mal mit der Hoffnung verhält. Wunderschöne Musik, die eben nicht nur schön sein will. Mit dem „Ave verum corpus“ läßt Minkowski direkt an das Requiem anschließend das Konzert sanft entschwebend verklingen.

Auch wenn meine Versuche einer Beschäftigung mit Mozart in der Regel ein Gefühl auslösen, welches jenem in verblüffender Weise ähnelt, das den einen oder anderen schon einmal in der Schlange einer Supermarktkasse beschlichen haben mag, deren Kopf ein meist älteres Semester auf der Suche nach Kleingeld bildet, so ist dieser Abend unter dem Strich des Kassenbons doch ein großer Gewinn geworden. Dank Herrn Minkowski, Dank des großartigen Orchesters und Chores samt Solisten, und, ja tatsächlich auch Dank Mozart, der vor allem mit dem Requiem heute eine Seite offenbarte, die man zur Abwechslung erfreulicherweise ernst nehmen sowie ohne wenn und aber genießen konnte.

7. Februar 2016

Don Giovanni – Hendrik Haas.
Theater Ulm.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 60



Leporello spricht mir aus der Seele: „Die Musik kommt mir zu den Ohren raus!“ Zwei, drei schöne Stücke und ein brauchbarer Showdown, verteilt über mehr als drei Stunden Fluchtversuch-Variationen des Titelhelden – das ist also die „Oper der Opern“. Wenn die Häscher nur ein wenig mehr auf Zack gewesen wären, und Don Ottavio seine Knarre nicht bloß zur Zierde herumtrüge, hätte man sich den kompletten zweiten Akt und mir einen Sack voll Langeweile sparen können. Nun ja, alles in allem war es, abgesehen vom gebotenen Werk, an sich ein richtig guter Abend hier in Ulm, denn sowohl musikalisch wie szenisch durfte ich eine starke Produktion erleben.

Der Garten der Lüste wird ausgehoben – so könnte man den Grundgedanken der Inszenierung zusammenfassen. Exotische Flora dominiert anfangs die Bühne, ein kleiner Urwald, in dem die Pflanzen zum Teil den Wuchs weiblicher Rundungen angenommen haben. Ein sinnig-sinnliches Bild für den Bestäubungstrieb des Herzensbrechers. An eben diese gebrochenen Herzen gemahnen endlose Papiertaschentuch-Lianen, die vom Schnürboden herabhängen. Doch spätestens am Ende des ersten Akts kündigt sich die Zeitenwende an: in Form eines riesigen Bagger-Arms, der sich aus der Höhe bedrohlich auf die Szenerie senkt.

Mit Beginn des folgenden Aktes ist der Wandel vollzogen. Der Garten ist einer umzäunten Baustellengrube gewichen, über welcher der Bagger thront. Die Zeiten ändern sich – auch für adlige Schwerenöter – diese Erkenntnis greift nicht allein inhaltlich mit dem Fortschreiten der Handlung Raum, sondern eben auch äußerlich. Selbst die Erscheinung der Mitwirkenden zeugt davon. Hüllten sich jene im ersten Akt noch in schwarze, stilisierte Kostüme des Absolutismus, hat nach der Pause ein Garderoben- und Frisurenwechsel in Richtung Anfangsjahrzehnte des 20. Jahrhunderts stattgefunden. Wobei sich die Standesunterschiede interessanterweise immer noch in Details der Kleidung äußern – so trägt Masetto nun einen schlichten Anzug, während unter anderem die kunstvollen Applikationen auf Don Ottavios Hemd weiterhin Hinweis auf dessen gehobene Stellung geben.

Don Giovanni selbst tritt barfuß auf, den freien Oberkörper unter einem langen schwarzen Rock verborgen, der die Frivolität seines Auftritts wie eine Art Bademantel unterstreicht, den er jederzeit abzustreifen gewillt ist. Genau so wie ihn dieses Auftreten als Freigeist und Sinnesmenschen charakterisiert, nimmt es ihn von dem allgemeinen Wandel der Mode aus – im optischen wie übertragenen Sinne. Er ist und bleibt ganz Relikt einer überkommenen Zeit – das Adelsprädikat „Don“ in seinem Namen darf für den Erfolg seiner „Karriere“ sicher nicht unterschätzt werden. So ist denn die Einordnung als romantischer Edelmann und Herzensbrecher oder Wüstling, der seine Privilegien mißbraucht, um notorische Triebhaftigkeit zu befriedigen, immer auch eine Frage der Perspektive und des Grades an Verklärung, den man solchen „Heldentaten“ einräumt.

Die Ulmer Inszenierung bezieht hier recht eindeutig Stellung. Ihr Don Giovanni ist zweifellos charismatisch, aber kein Übermann, eher allzu sehr von sich überzeugter Egomane, der den Bogen diesmal überspannt hat. Zu viele angefangene oder auch nur angestrebte Techtelmechtel verstricken den Macho in ein Netz, dem er sich eigentlich nurmehr pausenlos zu entwinden sucht, anstatt seiner unendlichen Eroberungsliste tatsächlich neue Einträge des Vollzugs hinzuzufügen. Diverse Türen mit darüber leuchtendem Notausgangsschild verweisen auf dieses Dilemma, doch der Flüchtige nimmt keine der Optionen wirklich wahr.

Die finale Freveltat der Toteneinladung ist dann der Sargnagel dieser Komme-was-wolle-Attitüde, zuvor mehrfach angedeutet im Auftreten immer weiterer Inkarnationen des Komturs, schwarze, gesichtslose Todesboten, die Don Giovannis Treiben beobachten und langsam einkreisen. Am Ende ist jeder ein Teil dieser Racheengel-Auflösung, während der Bagger als Symbol einer neuen Zeit die dekadente Tafel mitsamt des unbelehrbaren Gastgebers zertrümmert. Der Epilog beschert dem Verführer einen letzten bezeichnenden Auftritt: Don Giovanni steht am Bühnenrand und versucht, eine weitere junge Dame zu betören, indem er ihr eine exotische Blume – letztes Relikt seines Zaubergartes – entgegenstreckt. Doch die potenzielle Eroberung würdigt ihn keines Blickes und läßt ihn stehen, die Magie wirkt nicht mehr.

Was mir an der Ulmer Umsetzung besonders gefällt, ist die Liebe zum Detail, mit der auch die übrigen Rollen beleuchtet und ihre jeweiligen Beweggründe plausibel dargelegt werden. Dies wird in erster Linie durch eine intelligente Personenregie gelöst, welche die Protagonisten besonders auch in den ariosen Momenten narrativen Stillstandes abseits jeder Rampensteherei szenische Tiefe verleiht. Spannend, wie sich Don Ottavio beispielsweise seine – wohl gemerkt von Donna Anna – zur Faust geballte Hand ansieht, sich gewissermaßen mit dem Gedanken der Rache anzufreunden scheint, um in der darauf folgenden Arie, angesichts der notwendigen Konsequenzen, sein schwankendes Herz erst zur Entschlossenheit führen muss – illustriert durch die mittels akzentuierten Lichteinfall akzentuierte Waffe, die er erst zögerlich, dann mit festem Griff an sich nimmt.

Oder die ganze Anlage der Rolle der Donna Elvira, deren kugelrunder Bauch anfangs sehr deutlich ihre Motivation erklärt, den Womanizer so hartnäckig an seine Pflichten zu erinnern und andere Damen vor ihm zu warnen. Eine tragische Färbung bekommt dieser Charakter in dem Moment, da sie im zweiten Akt ein Kissen unter ihrer Kleidung hervorzieht und wir den Inhalt des Reisekoffers gewahr werden, den sie permanent mit sich führt: Ein transportabler Schrein für den Verflossenen. Diese Donna Elvira ist einerseits, wie die übrigen Verfolger, getrieben von Rachegelüsten gegen Don Giovanni, kann andererseits jedoch auch nicht von ihm und der Erinnerung an die gemeinsame Zeit lassen. Täuscht sie eine Schwangerschaft vor, um ihn zurückzugewinnen, oder hat sie gar ein gemeinsames Kind verloren? Letzteres könnte man vermuten, wenn sie einer weiteren Komtur-Inkarnation eine Säuglingspuppe aus ihrem Koffer überreicht. So oder so, diese Frau ist zerrissen, das wird in der Arbeit des Regieteams sehr deutlich und anrührend gestaltet.

Darüber hinaus muss ich sagen, dass Frau Rosendorfsky diese Gestalt auch durch die Kraft ihrer darstellerischen Präsenz sowie zauberhaften Stimme prägt und in meinen Augen daher das heimliche Zentrum des Abends darstellte. Gerade auch ihre innigen Momente boten – neben der Arie „Dalla sua pace“ Don Ottavios, hervorragend dargeboten durch Herrn Sigurdsson – die musikalischen Höhepunkte, Inseln wahrer Einbindung und Anteilnahme, beachtlich vor allem vor der Tatsache, dass mich dieses Werk, wie bereits erwähnt, weitgehend kalt lässt. Generell hat mir die Ulmer Besetzung gut gefallen, auch Kwang-Keun Lee überzeugt in der Titelpartie mit Wohlklang und Charisma, einzig I Chiao Shih wies als Zerlina hier und da eine leichte Schärfe in der Stimme auf, war aber nichts Dramatisches.

Das wirkliche Drama ist und bleibt mein Verhältnis zu Mozart. Nach all meinen mehr oder minder glücklosen Konzertbegegnungen mit diesem Komponisten hatte ich mir ein Herz gefasst, es noch einmal mit Musiktheater zu versuchen; Die wenigen Don Giovanni-Eindrücke von CD in die lebendige Wirkung der Bühne zu überführen – letztlich leider nur ein weiteres gescheitertes Experiment. Ich denke, ich belasse es fürs Erste dabei. Wenn nicht einmal diese Oper zündet, werde ich von den übrigen Figaros, Entführungen oder Così fan tuttes lieber die Finger lassen, gerade auch angesichts der Unmengen spannender, reichhaltiger Werke, die sich wohlbekannt oder noch unentdeckt in den Spielplänen tummeln. Der Kontrast zum gestrigen Meyerbeer in Karlsruhe hat mir da wieder die Augen geöffnet.


Wolfgang Amadeus Mozart – Don Giovanni
Musikalische Leitung – Hendrik Haas
Inszenierung – Matthias Kaiser
Bühne – Marianne Hollenstein
Kostüme – Angela C. Schuett
Licht – Marcus Denk
Choreinstudierung – Hendrik Haas
Dramaturgie – Benjamin Künzel

Don Giovanni – Kwang-Keun Lee
Il Commendatore / Masetto – Mario Klein
Donna Anna – Edith Lorans
Don Ottavio – Thorsten Sigurdsson
Donna Elvira – Maria Rosendorfsky
Leporello – Tomasz Katunzy
Zerlina – I Chiao Shih

Opernchor des Theaters Ulm
Statisterie des Theaters Ulm
Das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm
Alfredo Miglionico – Cembalo

28. Januar 2016

Hamburger Symphoniker – Guy Braunstein.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, Parkett rechts, Reihe 11, Platz 7


Wolfgang Amadeus Mozart – Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219
Gioacchino Rossini – Aus „Guillaume Tell“: „Ils s'éloignent enfin“ und „Sombre forêt“ (Guanqun Yu – Sopran)
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Aus „Eugen Onegin“: Brief-Szene (Eva Hornyakova – Sopran)

(Pause)

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64



Die letzte Begegnung mit Herrn Braunstein liegt nun ziemlich genau zwei Jahre zurück und ist bei mir vorbehaltlos positiv abgespeichert (Link). Das heutige Konzert hingegen würde wahrscheinlich ohne Umschweife als nur mäßig erinnerungswürdig in der zerebralen Versenkung verschwinden, wäre nicht Frau Yu mit ihrem betörenden Gesang in Erscheinung getreten. Zusammen mit Eva Hornyakova eingesprungen für die erkrankte Krassimira Stoyanova, hat mich ihre Darbietung der Rossini-Passagen mehr als aufhorchen lassen. Welch klare, feine und dabei im Forte so warme und vor allem sinnliche Stimme! Das hat man doch selten. Im Vergleich dazu wußte auch Frau Hornyakova zu begeistern, vor allem im Schlußteil ihrer Tschaikowsky-Szene mit seiner weit schwingenden Melodie, aber in der Höhe und mit zunehmender Lautstärke ist bei ihr eine gewisse Schärfe nicht von der Hand zu weisen, wo Guanqun Yu auch in dieser Lage Balsam verströmt.

Balsamisches blieb ansonsten heute Mangelware, andere, weitaus unliebsamere B-Worte sollten den Abend dominieren: belanglos, brav, beliebig, breiig – womit ich in erster Linie den Beitrag Braunsteins als Dirigent beklagen möchte, der eine weitergehende Qualifikation für dieses Amt durchweg vermissen ließ. Von einem harmlosen, tempoarmen Mozart ohne Kontur und Verve bis zu einer nur der Erinnerung nach dramatisch-rauschhaften Tschaikowsky-Sinfonie, in der sich das Schicksal heute mit verblüffend laschem Händedruck zu Wort meldete, gab es heute nichts zu hören, das man unter anderer Stabführung nicht schon ungleich spannender und ergreifender vernommen hätte.

Schade, da ich mich gerade auf die Fünfte mit den Hamburger Symphonikern gefreut hatte, deren wunderbarer Klang auch heute einen Eindruck davon vermittelte, welch elementares Erlebnis die Darbietung mit einer kontrastreichen, bissigen Marschroute hätte werden können. Allein dieser Streicherklang, zum Schmelzen schön! Es gibt doch nichts Schlimmeres, wenn geliebte Werke einfach so unmotiviert an einem vorüberplätschern – dann doch fast lieber eine richtig miese Interpretation, da kann man sich im Anschluss zumindest richtig aufregen. So bleibt nur der Eindruck, für die Dauer einer Sinfonie in einer zermürbenden Warteschleife festzuhängen, in der traurigen Gewissheit, nicht auflegen zu können. Tschaikowsky mit angezogener Handbremse.

Noch mal zurück zum Mozart. Der könnte mir ja eigentlich egal sein, lieferte in seiner einlullenden Gestalt aber wertvolle Hinweise für das Scheitern des Abends. Guy Braunstein wählt ein durchweg langsames Tempo und kümmert sich in den ersten beiden Sätzen wenig um mögliche Kontrastwirkungen. Und zwar nicht nur als Dirigent, sondern ebenso in seiner Funktion als Solist. Auch für seinen eigenen musikalischen Beitrag drängt sich mir ein Wörtchen auf: lasch. Wenn man es freundlicher formulieren wollte, könnte man vielleicht von einem zurückhaltenden Vortrag sprechen, in meinen Ohren klingt das einfach fad. Selbst die Intonation haut mich nicht aus den Schuhen, was soll mir das dann geben?

Besonders spannend nun der Wandel im dritten Satz, dessen Rhythmik Herrn Braunstein offenbar zu einer deutlich kontrastreicheren Gangart inspirierte. Plötzlich war sein Spiel präsenter, lebendiger, im alla Turca Teil geradezu ruppig – es geht also, warum aber erst jetzt? Den Eindruck auf die Faktur des Finalsatzes zu reduzieren, ginge zu kurz. Zum einen bietet auch der erste Satz genug Potenzial, sich „auszutoben“ und, viel wichtiger, Engagement muss eben nicht immer mit Aggressivität oder Wildheit gleichgesetzt werden, sondern kann sich beispielsweise in einem besonders differenzierten, sensiblen Umgang mit den Feinheiten eines zweiten Satzes äußern – was Braunstein jedoch vermied.

Fazit: Auch auf die Konzertgänger-Karriere trifft zu: Mal gewinnt man, mal verliert man. Die heutige Niederlage wird spätestens beim nächsten Tate-Treffen vergessen sein.

18. Januar 2016

MusicAeterna – Teodor Currentzis.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16


Ludwig van Beethoven – Violinkonzert D-Dur op. 61 
(Patricia Kopatchinskaja)
Zugabe: Jorge Sánchez-Chiong – Crin

(Pause)

Wolfgang Amadeus Mozart – Sinfonie D-Dur KV 504 „Prager“
Zugabe: Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 5, 4. Satz



Man könnte jetzt ein Traktat über Skinny Jeans und ihre Wirkung auf bestimmte Teile der Laeiszhallen-Zielgruppe verfassen. Ich belasse es bei der Erkenntnis, welch ein oberflächlicher, von Vorurteilen geprägter Blick auf die äußere Erscheinung auch beim vermeintlich reflexionsfähigen bildungsbürgerlichen Konzertbesucher vorzuherrschen scheint – Spannend, sollte doch das Thema Wahrnehmung auf verschiedenen Ebenen den Abend bestimmen.

Denn während ein Großteil des Publikums, mich eingeschlossen, das heute Gebotene als außergewöhnliche Leistung, ja wohl ohne Übertreibung als Sternstunde empfand, fühlte sich eine andere, wenn auch ungleich kleinere Fraktion in gleichem Maße enttäuscht, vielmehr offenbar regelrecht provoziert und beleidigt. Selten habe ich in der braven Laeiszhalle ein derartiges Aufeinandertreffen zweier Sturmfronten der Begeisterung und Entrüstung nach einer Darbietung erlebt, noch dazu wenn man bedenkt, dass ein Programm zur Verköstigung stand, welches der Papierform nach kaum konservativer hätte ausfallen können.

Und genau hier wird es interessant. Welche Erwartungshaltung stelle ich an einen Konzertbesuch, gerade wenn die sogenannten Klassiker des Repertoires gegeben werden? Das Häuflein Buh-Schreier schien sich heute um „ihren“ Beethoven gebracht, bzw. sah selbigen durch die Ausführenden gewissermaßen entstellt oder gar entweiht. Ich persönlich empfinde diese Reaktion als ebenso verblüffend wie köstlich, gerade wenn man sich die „Verbrechen“ der Musiker im Detail besieht.

Da wäre zum einen das Dirigat durch Herrn Currentzis, welches die Extreme auszuloten sucht. Dabei basiert sein Ansatz – zumindest im Violinkonzert – nicht etwa auf besonders krass gewählten Tempi (wie dann zweifellos in der atemberaubenden Zugaben-Explosion des Finalsatzes der Fünften) oder Rubato-Individualismen, sondern vor allem auf dem größtmöglichen Kontrast bezogen auf Ausdrucksweise bzw. Akzentuierung. Schroffste, aggressivste Artikulation und dynamische Eruptionen wechseln mit lieblichsten Zartheiten von zum Teil kaum mehr wahrnehmbarer Lautstärke. Eine, wie ich finde, ungemein belebende Frischzellenkur für dieses geliebte, alte Konzertschlachtross. Vor allem wenn man auf ein solches Ausnahmekollektiv wie die Damen und Herren der MusicAeterna bauen kann. Das Liveerlebnis verdient in meinen Augen gerade dann seinen zweiten Wortteil, sobald Erwartungen nicht bloß eingelöst, sondern übertroffen werden, wenn man unmittelbar Zeuge wird, wie selbst Altbekanntes vor unseren Augen und Ohren neu entsteht. Das Konzert als schöpferischer Akt, nicht als Hort der Reproduktion und musealer Verwaltung.

Bliebe zum anderen noch die zweite „Übeltäterin“ – Frau Kopatchinskaja. Abgesehen davon, daß ihr solistischer Beitrag auf das Vortrefflichste mit der energiegeladenen Interpretation Currentzis’ korrespondierte, scheint sie insbesondere mit ihren Kadenzen einigen Museumsaufsehern mächtig vor den Kopf gestoßen zu haben. Und auch hier ist es faszinierend zu sehen, wie jemand, der offensichtlich deutlich mehr Gedanken und Mühe auf die Ausgestaltung dieser im Kern virtuos und im besten Falle improvisatorisch angelegten Passagen verwendet, als die Nutzer vorgekauter und zur Genüge auf Tonträger zementierter Kadenzvorlagen, solch heftige Ablehnung generiert. Ob das reiner Stil oder beethovig genug ist, ist mir dabei gelinde gesagt schnurz, zumal ich bei der vorschnellen Beurteilung musikalischer „Redlichkeit“ als Laie besonders vorsichtig wäre. Frau Kopatchinskaja wird ihre Quellen zumindest besser studiert haben als der gemeine Stuben-Beethoven-Bewahrer, dem alles, was nicht mit seiner Plattensammlung in Abgleich zu bringen ist, schwere Bauchschmerzen bereitet. Darin liegt eben doch mehr Sprengkraft, als in der herrlich schrägen Zugabe, welche die Solistin als provokante „Liebeserklärung“ an ihre Kritiker adressierte.

Ich möchte heute aber die entrüsteten Buhs ebenso wenig wie die frenetischen Bravo-Rufe missen, zeigt doch beides eindrucksvoll, dass diese Musik die Menschen nicht kalt lässt, dass ein Konzert eine wirkliche Verbindung zwischen Ausführenden und Zuhörern schaffen kann, auch und gerade mit vermeintlich kaltem Kaffee wie Beethoven, weil es zeigt, wie heiß das Feuer in diesen genialen Werken für alle Zeiten lodert – es braucht nur Abende wie diesen, den Funken wahrer, ursprünglicher Leidenschaft aufs Neue zu entfachen.

11. November 2015

Hamburger Camerata – Simon Gaudenz.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 13, Platz 12



Wolfgang Amadeus Mozart – Eine kleine Nachtmusik G-Dur KV 525
Ralph Vaughan Williams – The Lark Ascending für Violine und Orchester (Ning Feng)

(Pause)

Gustav Holst – A Song of the Night op. 19,1 für Violine und Orchester
Joseph Haydn – Sinfonie Nr. 95 c-Moll Hob. I:95



Manchmal lohnt eben doch ein zweiter Blick. Anders als bei dem eher durchwachsenen Auftritt im Juni (Link) wußte die Hamburger Camerata unter ihrem Chef Simon Gaudenz dieses Mal restlos zu überzeugen. Dabei gab es auf den Tag genau einen Monat nach der „Nachtmusik“ der Hamburger Symphoniker ein kleines thematisches Déjà-vu, diesmal unter dem Holst entlehnten Motto „Song of Night“. Glücklicherweise kann die Geschichte auf eine mittlerweile beachtliche Zahl an Nächten und, viel wichtiger noch, zumindest mehr oder minder gemäß diesem Sujet betitelter Werke zurückblicken, um genügend Stoff für so manches Programm derartiger Ausrichtung zu bieten.

Was kann es Ausgelutschteres geben als Mozarts orchestralen Weltgassenhauer, die kleine Nachtmusik? Umso verblüffender die Wirkung, die von der Darbietung dieses Staubfängers durch die Camerata ausging. Daß Herr Gaudenz ein großer Mozartfreund ist, hat er ja bereits bei meinem letzten Besuch Taten- und vor allem wortreich herausgestellt. Daß er der müden Klingeltonvorlage mit seiner knackigen und differenzierten Interpretation allerdings derart Begeisterndes entlocken würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Besser geht es wohl kaum. Spritzig und federnd, dabei ein besonderes Augenmerk auf der Ausgestaltung dynamischer Kontraste, mit dem Ergebnis entwaffnender Lebendigkeit und Frische – wenn die Floskel „als hätte man das Stück zum ersten Mal gehört“ jemals angebracht war, dann hier und heute.

So zwingend die Interpretation, so erlesen präsentierte sich der Klang der Camerata. Zarte, warme Streicher, geschmeidiges Holz, tadelloses Blech. In der Einführung kam Herr Gaudenz auf das Streben nach Vielseitigkeit, nach der richtigen klanglichen Umsetzung für Werke verschiedener Epochen zu sprechen. Das Konzert lies der Theorie gleichsam anschaulich wie vollendet Taten folgen. So war es eine Wonne, nach dem belebenden Mozart bei dem sich aus zartestem Nichts entwickelnden lieblich-romantischen Idyll aus der Feder Vaughan Williams’ gewissermaßen eine zweite Camerata zu entdecken. Welch ein Pianissimo! Und auch hier: ein ausgenommen feiner Streicherklang, allerdings dem Stück gemäß in gänzlich anderer Farbgebung. Überhaupt verblüffend, wie die im Vergleich zu einem „ausgewachsenen“ Sinfonieorchester reduzierte Anzahl Musiker in der Folge den typisch satten, spätromantischen Sound fortspann, mit dem Vorteil, Transparenz und Durchhörbarkeit angesichts jener Besetzung nie einzubüßen.

Bei der Wahl des Solisten hat man heute mit Ning Feng ein besonders glückliches Händchen bewiesen. Sein warmer, von lupenreiner Intonation geprägter Stil, krönte die sensible, feinsinnige Darbietung des Orchesters. Ist schon eine ganze Weile her, daß ich mich so uneingeschränkt am Spiel eines mir bis dato unbekannten Geigers erfreut habe. Ning Fengs Vielseitigkeit schloß dabei nahtlos an die unausgesprochene Maxime des Konzerts an – von den hauchzarten Girlanden der aufsteigenden Lerche zum eher klassisch konzertierenden, dabei wunderbar gesanglichen Part in Holsts Nachtstück. Für dessen Aufnahme ins Programm ich mich noch besonders bei den Verantwortlichen der Camerata bedanken möchte. Wer Holst sagt, muss eben nicht immer auch „Planets“ sagen. Eine meiner Lieblingskompositionen des Briten – Egdon Heath – wäre vielleicht auch etwas für zukünftige Planungen. Ebenso wie „A Song of the Night“ eine fragile, zudem verwunschene Angelegenheit, die ich nach der heutigen Leistung in besten Händen wüßte.

Generell hat das Konzert wieder einmal gezeigt, wie wichtig eine ausgewogene Programmgestaltung doch für die Aufnahme der einzelnen Bestandteile ist. Der Haydn bot so als Klammer den perfekten Abschluß für eine Folge, die eben nicht allein aus den bekannten Kammermusik-Hausgöttern bestand, sondern gerade von den spannenden musikgeschichtlichen Kontrasten lebte. Keine Monokultur, sondern Erkenntnis- und Aufmerksamkeitsgewinn durch sich stetig neu ergebende Bezüge historischer Entwicklungen, Gegensätze und Gemeinsamkeiten. Wobei dieses Vorgehen gerade auch die „Evergreens“ strahlen läßt, wie ich als bekanntermaßen eher neuzeitlich orientierter Musikfreund meiner heutigen Begeisterung für die Herren Mozart und Haydn entnehmen konnte.

Fazit: Getreu dem Motto „Was schert mich mein Geschwätz von gestern“ nehme ich vorbehaltlich mal meine Skepsis zurück und möchte diesmal mit einem weitaus hoffnungsvolleren Ausblick schließen – wer diese Qualität abzurufen imstande ist, dem sollte seine Zukunft jedenfalls keine Sorgen bereiten dürfen. Das wäre nach diesem Abend, oder, um im Bild zu bleiben, dieser Nacht, jedenfalls eine Schande.

11. Oktober 2015

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 11, Platz 15



Wolfgang Amadeus Mozart – Serenade Nr. 6 D-Dur „Serenata Notturna“ KV 239
Benjamin Britten – Serenade für Tenor, Horn und Streichorchester op. 31 (Toby Spence für John Mark Ainsley – Tenor, Alessio Allegrini – Horn)

(Pause)

Frederick Delius – Summer Night on the River
Claude Debussy – Trois Nocturnes L 91 (Damenchor Hamburg)



Was würde ich nur ohne Jeffrey Tate in Hamburg machen? Weniger Konzerte erleben, die dem heute wieder eindrucksvoll eingelösten Anspruch an konzeptionelle Geschlossenheit und Qualität gerecht werden, wahrscheinlich. Allein die Kombination von Stücken, die das Thema „Nacht“ in Titel oder Inhalt tragen, mag keine Atomphysik sein, es kommt aber eben auf Wahl und vielmehr noch Abfolge an, um aus einer blumigen Programmüberschrift ein wahrlich traumhaftes Programm abzuleiten. „Facetten der Nacht“ hätte es auch benannt sein können. Von Mozarts unbeschwertem Tänzchen zu später Stunde über Brittens nächtliche Seelenwanderung und Delius’ Idyll zu Debussys flüchtigen Traumwelten – das war schon eine ganz besondere akustische Reise.

Da fällt auch der Umstand, daß ich mich mit dem Einspringer-Sänger für Brittens Serenade nicht uneingeschränkt anfreunden konnte, nicht so schwer ins Gewicht. Herr Spence macht seine Sache gut, verfügt meiner Ansicht nach aber nicht über die stimmcharakterlichen Feinheiten, um das illustrativ-dramaturgische Potenzial der Vorlage auszuschöpfen und seine verschiedenen Stimmungen über den Notentext hinaus zu übertragen. Zudem hatte ich den Eindruck, daß der Sänger teilweise kämpfen mußte, um bei dynamischen Spitzen gegen das Orchester bestehen zu können, etwa im fünften Teil „Dirge“, der Spence ohrenscheinlich an seine Grenzen brachte.

Eingebettet in den himmlischen Streicherklang der Symphoniker, begleitet durch das samtene Spiel Alessio Allegrinis, spielte der Gesang heute vielleicht nicht die herausragende Rolle, wie sie ihm Kraft Brittens Eingebung gebührt, seine betörende Wirkung konnte die Serenade unter der delikaten Stabführung Tates jedoch ohne Weiteres entfalten. Eine bestimmte Atmosphäre zu generieren, liegt dem Maestro wie kaum einem anderen. Vor allem das flüchtig Zarte, das organisch Fließende wird unter seinen fein justierenden Händen zum Ereignis. Den Hörer nicht mit Effekthascherei blenden, sondern mit subtilsten Schwebezuständen umschmeicheln und verzücken.

Wobei Wollen und Können ja nicht unbedingt immer Hand in Hand gehen – wie gut, daß sich bei den Hamburger Symphonikern diese Ungewissheit vollends erübrigt hat. Ganz gleich, ob es darum geht, neue Werke kennenzulernen oder die Liebe zu Altbekanntem aufzufrischen, wird man von diesem Orchester und seinem Chefdirigenten wohl kaum enttäuscht werden. Das Gegenteil ist mittlerweile ganz und gar nicht routinierte Routine geworden. Ich freue mich auf die nächsten gemeinsamen Entdeckungsreisen.