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28. Januar 2016

Hamburger Symphoniker – Guy Braunstein.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, Parkett rechts, Reihe 11, Platz 7


Wolfgang Amadeus Mozart – Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219
Gioacchino Rossini – Aus „Guillaume Tell“: „Ils s'éloignent enfin“ und „Sombre forêt“ (Guanqun Yu – Sopran)
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Aus „Eugen Onegin“: Brief-Szene (Eva Hornyakova – Sopran)

(Pause)

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky – Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64



Die letzte Begegnung mit Herrn Braunstein liegt nun ziemlich genau zwei Jahre zurück und ist bei mir vorbehaltlos positiv abgespeichert (Link). Das heutige Konzert hingegen würde wahrscheinlich ohne Umschweife als nur mäßig erinnerungswürdig in der zerebralen Versenkung verschwinden, wäre nicht Frau Yu mit ihrem betörenden Gesang in Erscheinung getreten. Zusammen mit Eva Hornyakova eingesprungen für die erkrankte Krassimira Stoyanova, hat mich ihre Darbietung der Rossini-Passagen mehr als aufhorchen lassen. Welch klare, feine und dabei im Forte so warme und vor allem sinnliche Stimme! Das hat man doch selten. Im Vergleich dazu wußte auch Frau Hornyakova zu begeistern, vor allem im Schlußteil ihrer Tschaikowsky-Szene mit seiner weit schwingenden Melodie, aber in der Höhe und mit zunehmender Lautstärke ist bei ihr eine gewisse Schärfe nicht von der Hand zu weisen, wo Guanqun Yu auch in dieser Lage Balsam verströmt.

Balsamisches blieb ansonsten heute Mangelware, andere, weitaus unliebsamere B-Worte sollten den Abend dominieren: belanglos, brav, beliebig, breiig – womit ich in erster Linie den Beitrag Braunsteins als Dirigent beklagen möchte, der eine weitergehende Qualifikation für dieses Amt durchweg vermissen ließ. Von einem harmlosen, tempoarmen Mozart ohne Kontur und Verve bis zu einer nur der Erinnerung nach dramatisch-rauschhaften Tschaikowsky-Sinfonie, in der sich das Schicksal heute mit verblüffend laschem Händedruck zu Wort meldete, gab es heute nichts zu hören, das man unter anderer Stabführung nicht schon ungleich spannender und ergreifender vernommen hätte.

Schade, da ich mich gerade auf die Fünfte mit den Hamburger Symphonikern gefreut hatte, deren wunderbarer Klang auch heute einen Eindruck davon vermittelte, welch elementares Erlebnis die Darbietung mit einer kontrastreichen, bissigen Marschroute hätte werden können. Allein dieser Streicherklang, zum Schmelzen schön! Es gibt doch nichts Schlimmeres, wenn geliebte Werke einfach so unmotiviert an einem vorüberplätschern – dann doch fast lieber eine richtig miese Interpretation, da kann man sich im Anschluss zumindest richtig aufregen. So bleibt nur der Eindruck, für die Dauer einer Sinfonie in einer zermürbenden Warteschleife festzuhängen, in der traurigen Gewissheit, nicht auflegen zu können. Tschaikowsky mit angezogener Handbremse.

Noch mal zurück zum Mozart. Der könnte mir ja eigentlich egal sein, lieferte in seiner einlullenden Gestalt aber wertvolle Hinweise für das Scheitern des Abends. Guy Braunstein wählt ein durchweg langsames Tempo und kümmert sich in den ersten beiden Sätzen wenig um mögliche Kontrastwirkungen. Und zwar nicht nur als Dirigent, sondern ebenso in seiner Funktion als Solist. Auch für seinen eigenen musikalischen Beitrag drängt sich mir ein Wörtchen auf: lasch. Wenn man es freundlicher formulieren wollte, könnte man vielleicht von einem zurückhaltenden Vortrag sprechen, in meinen Ohren klingt das einfach fad. Selbst die Intonation haut mich nicht aus den Schuhen, was soll mir das dann geben?

Besonders spannend nun der Wandel im dritten Satz, dessen Rhythmik Herrn Braunstein offenbar zu einer deutlich kontrastreicheren Gangart inspirierte. Plötzlich war sein Spiel präsenter, lebendiger, im alla Turca Teil geradezu ruppig – es geht also, warum aber erst jetzt? Den Eindruck auf die Faktur des Finalsatzes zu reduzieren, ginge zu kurz. Zum einen bietet auch der erste Satz genug Potenzial, sich „auszutoben“ und, viel wichtiger, Engagement muss eben nicht immer mit Aggressivität oder Wildheit gleichgesetzt werden, sondern kann sich beispielsweise in einem besonders differenzierten, sensiblen Umgang mit den Feinheiten eines zweiten Satzes äußern – was Braunstein jedoch vermied.

Fazit: Auch auf die Konzertgänger-Karriere trifft zu: Mal gewinnt man, mal verliert man. Die heutige Niederlage wird spätestens beim nächsten Tate-Treffen vergessen sein.

30. Januar 2014

Hamburger Symphoniker – Rafael Payare.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 15



Johann Sebastian Bach – Sarabande (Partita Nr. 2) (Guy Braunstein)

Ludwig van Beethoven – Leonoren-Ouvertüre Nr. 3
Johannes Brahms – Doppelkonzert für Violine und Violoncello (Guy Braunstein, Alisa Weilerstein)
Zugabe: Johan Halvorsen – Passacaglia für Violine und Viola über ein Thema von Händel

(Pause)

Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 1



Ein Konzert direkt mit einer Zugabe zu beginnen, ist doch eine eher ungewöhnliche Herangehensweise, in diesem Falle jedoch zudem eine mit traurigem Hintergrund: Guy Braunstein gedachte mit der Sarabande seinem kürzlich verstorbenen Freund und Mentor Claudio Abbado – und verbat sich im Anschluß folgerichtig den verdienten Applaus für seinen innigen Vortrag.

Die Leonoren-Ouvertüre förderte danach zwei Erkenntnisse zu Tage: Die Hamburger Symphoniker haben sich – auch unter „fremdem“ Dirigat – als Spitzenorchester etabliert, das Vergleiche mit hiesigen und anderen Institutionen nicht nur nicht zu scheuen braucht, nein vielmehr Kraft seines eigenen Charakters zum Besuch reizt. Warum ich mir die Hamburger Symphoniker anhöre? Weil ich die Hamburger Symphoniker hören möchte. Dieses Orchester. Diese Klangausprägung in den einzelnen Stimmen, angefangen bei den samtigen, warmen, dabei nie stumpfen Streichern bis hin zum krönenden Blech. Ein runder Klang, je nach Handhabung transparent oder satt, dabei stets präsent, farbig, und eines nie: langweilig oder nichtssagend. Warum man die Hamburger Symphoniker hören sollte? Weil es einfach Freude macht, dieses Orchester zu hören. Auch – und damit komme ich zur zweiten Erkenntnis – wenn mal jemand am Pult steht, dessen Interpretation ich vielleicht nicht zur Gänze annehmen mag.

Dabei möchte ich Herrn Payare weniger dafür kritisieren, was er macht – das hat in meinen Ohren alles schon Hand und Fuß – sondern mehr dem nachspüren, was er eben nicht macht. Mir persönlich fehlte die letzte Konsequenz im Umgang mit Kontrasten, das volle Ausspielen der rhythmischen Aspekte, die, wie so oft bei Beethoven, aber auch in der Brahms-Sinfonie einen regelrechten Sog struktureller Unentrinnbarkeit entfesseln können. Nicht, daß ein falscher Eindruck entsteht: Man bot durchaus eine energische, leidenschaftliche Lesart, nach meinem Empfinden hätte ich diese Leidenschaft nur manches mal anders, vielleicht schneidiger kanalisiert gewußt.

Kanalisierte, auf den Punkt gebrachte Leidenschaft ist dann auch der Grund, warum ich das Doppelkonzert von dieser Kritik ausnehmen möchte. Beziehungsweise lieferten Herr Braunstein und Frau Weilerstein mit ihrem atemberaubenden Vortrag gleich doppelten Grund, jegliche Analysetätigkeit einzustellen und sich voll und ganz dem von ihnen entfesselten Klangrausch hinzugeben. Solch eine symbiotische Demonstration an Virtuosität und Intimität habe ich selten zuvor erlebt. Dazu Frau Weilerstein mit einem Celloklang, wie ich ihn mir in einer Enzyklopädie über Instrumente exemplarisch für dieses wunderbare Werkzeug denken würde. Und im Zusammenspiel mit Herrn Braunstein mit geradezu hypnotischer Wirkung. Die aberwitzige Zugabe dürfte dann wahrlich dem letzten Zweifler im Saal die Lackschuhe ausgezogen haben – ich zumindest war baff.