Einführung 18:30 Uhr, 19:30 Uhr, Reihe 1, Platz 21
Ausgewählte Lieder von Francis Poulenc und Claude Arrieu
Lesung von Texten von Louise de Vilmorin
Francis Poulenc – Trois poèmes de Louise de Vilmorin
Louise de Vilmorin – Leben und Lieben der Louise de Vilmorin
Claude Arrieu – Poèmes de Louise de Vilmorin
Louise de Vilmorin – Auszüge aus den Romanen "Madame de ..." und "Liebesgeschichte"
Francis Poulenc – Métamorphoses
(Pause)
Louise de Vilmorin – Auszug aus dem Roman "Belles Amours"
Claude Arrieu – Le sable du sablier
Louise de Vilmorin / Duff und Diana Cooper – Eine Liebe zu Dritt / Auszüge aus Briefen
Francis Poulenc – Fiançailles pour rire
Christiane Karg – Sopran
Thomas Quasthoff – Lesung
Justus Zeyen – Klavier
Hatte sich in der – überaus erfrischenden und vor allem in Bezug auf die Vortragsanweisungen Poulencs sehr erhellenden – Einführung durch Frau Pfister bereits angedeutet, dass der Gegenstand des Lesungsanteils des Abends mich nicht unbedingt immens fesseln würde, bestätigte sich dies dann im Vortrag Quasthoffs. An und für sich könnte ich mir durchaus vorstellen, diesem wohlig-warmen Timbre auch bei der Artikulation von Bedienungsanleitungen oder Telefonbüchern gebannt zu lauschen, was jedoch nichts daran ändert, dass mich weder der Einblick in die Privatheiten der Dichterin, noch ihre Arbeitsproben nachhaltig erreichten. Mag sein, dass die Begegnung mit „pikanten“ Einzelheiten aus Biographie und schmachtendem (Brief-)Verkehr dem geneigten bildungsbürgerlichen Publikum ein frivoles Kichern zu entlocken vermag, mir persönlich sagte das alles herzlich wenig. Was natürlich einfach daran liegen kann, dass mir Frau Vilmorin bis zum heutigen Tage gänzlich unbekannt war und ich für gewöhnlich wenig Erbauung aus der Schilderung intimer Details Fremder ziehe.
Deutlich interessanter gestaltete sich jedoch die Einführung in das lyrische Werk der Künstlerin, wobei hier einerseits Herr Poulenc mit kompositorischer Hilfestellung der Ausschlag gebende Faktor gewesen sein dürfte, darüber hinaus Frau Kargs himmlische Stimme ihren Teil dazu beitrug. Musikalisch besonders fesselnd gestaltete sich vor allem der Zyklus „Fiançailles pour rire“, auch weil er unzweifelhaft nach dem Poulenc klingt, den ich aufgrund von Werken wie „Gloria“ oder den „Karmelitinnen“ sehr schätze. Die übrigen Lieder, ob nun von Poulenc oder seiner Kollegin Arrieu verfasst, konnten dieses Niveau zumindest nach erstmaligem Hören nicht halten. Ganz unabhängig davon ist die Leistung von Frau Karg allerdings nicht hoch genug zu bewerten. Ein lyrischer Sopran, wie er perfekt für Mahlers „Himmlisches Leben“ ist, zart und fein mit einer berührend unschuldigen Note, die bei Bedarf aber auch jederzeit ins keck Kokette oder auch feurig Dramatische umschlagen kann. Ihre stimmdarstellerische Wandelbarkeit beweist Frau Karg mit jedem einzelnen Beitrag, mal lässt sie die Noten fahl im Raum stehen, oder entrückt ersterben, dann wiederum erfüllt ihr glühendes Forte triumphierend den Saal. Macht es mich schon ein wenig wehmütig, Justus Zeyen mit seinem im klassischen Bereich leider verstummten Liedpartner Quasthoff auf einer Bühne zu sehen, wird dieser Umstand mehr als wett gemacht, wenn man erkennt, wie wunderbar das Duo Karg/Zeyen bei diesen duftigen Miniaturen harmoniert.
Fazit: Ein kleiner, feiner Abend, eine unwahrscheinliche Symbiose aus Melancholie und Leichtigkeit.
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17. Juni 2019
28. Juni 2015
Gespräche der Karmeliterinnen – Werner Seitzer.
Stadttheater Hildesheim.
19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 110

In der (nebenbei bemerkt vorbildlich inhaltsvollen) Einführung wurde angesprochen, daß ein derart aufwändiges Werk eigentlich eine Nummer zu groß für ein kleines Haus wie dieses sei. Nach dem, was ich hier und heute erlebt habe, kann ich dem Theater für Niedersachen nur inständig dazu raten, sich unbedingt weiter und möglichst oft in dieser Form zu übernehmen. Poulencs Karmeliterinnen mögen nach den theoretischen Anforderungen an Ensemble und Umfang an größeren Häusern besser aufgehoben sein, besser umgesetzt kann ich sie mir an selbigen jedoch nicht denken. Und das in wirklich jeder Beziehung:
Das Orchester unter der ungeheuer differenzierten, ja märchenhaft subtilen Leitung Werner Seitzers verströmt einen Klang, der insbesondere die zarten, betörenden Passagen der Partitur geradezu vorbildhaft umsetzt, wozu die ohrenscheinlich fabelhafte Akustik des Saals ihren Teil beiträgt. Feines klingt hier fein und nie dünn oder trocken, das mitunter leicht Süßliche bei Poulenc nie abgeschmackt, sondern von erlesenstem Parfüm. Die nervöse Angst Blanches, ihr entrücktes Wesen, dem gegenübergestellt Constances Unbeschwertheit; die kontemplative Welt der Ordensfrauen, schroff kontrastiert durch die martialisch skandierende Musik der Revolution – die Karmeliterinnen warten, wenn auch wohl dosiert, mit extremen Stimmungen auf, die ich in Hildesheim in Vollendung miterleben durfte. Gestus, Klangfarben – hier stimmt einfach alles. Meinen tiefen Respekt an diese Orchesterbehandlung und die ausführenden Musiker.
Aber dabei bleibt es ja nicht. Was für eine Besetzung! Wie selten, ketzerisch gesagt, wie unwahrscheinlich ist doch der Fall, daß man mit einem Ensemble rundum zufrieden ist, noch dazu bei einem an Protagonistinnen nicht eben schmal ausgestatteten Werk wie diesem. Hier in der sogenannten „Provinz“ tritt das Unwahrscheinliche ein – und wie! Ich könnte nicht eine Nebenrolle nennen, die für sich und im Zusammenhang betrachtet einen schwachen oder zu vernachlässigenden Auftritt gehabt hätte, im Gegenteil. Ob ich beispielhaft Konstantinos Klironomos nehme, dessen warm timbrierter Tenor voller Einfühlungsvermögen und Schmelz in Poulencs Partitur handlungsbedingt fast ein wenig zu selten zu hören ist, oder eine noch kleinere Rolle wie den Beichtvater, bei dem Jan Kristof Schliep mit vorbildlicher Textverständlichkeit und schmerzlich ambivalenter Charakterzeichnung überzeugt, oder bei den Nonnen Neele Kramer als Mère Marie, deren resolutes, dann eiferndes Wesen sie ebenso glaubhaft wie stimmgewaltig umsetzt wie den Moment der Erkenntnis des eigenen Versagens im Ton der Verzweiflung – gerade die kleineren Partien sind es, die den starken Gesamteindruck vervollkommnen.
Von den Hauptpartien ganz zu schweigen. Aber anstelle in Begeisterung zu verstummen, gilt es Qualität beim Namen zu nennen: Christiane Oertels darstellerisches Talent durfte ich bereits einige Male bewundern, unter anderem ebenfalls als alte Priorin in der Umsetzung dieses Werkes an der Komischen Oper. Damals wie heute zeichnet sie eine besondere Intensität der Verkörperung dieser Figur aus, eine ehrwürdige Härte an der Schwelle zur Verbitterung, die der Todeskampf schließlich in der offenen Anklage Gottes kollabieren läßt. Eine Meisterleistung Oertels, in der prophetischen Schreckensvision kulminierend.
Oder nehmen wir ihre Nachfolgerin, die neue Priorin, deren anfangs gestelzt bemühtes, oberlehrerhaftes, im weiteren Verlauf jedoch immer besonnenes und im besten Sinne leitendes Auftreten einen spannenden Gegenpol zum Fanatismus (oder doch im dogmatischen Sinne vorbildhaften Standfestigkeit?) Maries bildet – in Stimme und Spiel ideal gestaltet durch Frau Bringmann. In einer Reihe von starken Momenten ist ihr stärkster wohl der anrührende, tief empfundene Gesang der Szene im Gefängnis, durch den sie die in Verzweiflung kauernden Nonnen um sie herum physisch wie seelisch wieder aufrichtet.
Aber es geht hier nicht allein um große darstellerische Momente, sondern eben auch durch die Bank um musikalische Qualität, um schöne Stimmen. Stellvertretend sei hierfür abschließend das Gegensatzpaar Constance und Blanche etwas eingehender beleuchtet. Martina Nawrath und Antonia Radneva kann man wohl als eine Idealbesetzung der beiden Partien bezeichnen. Die eine mit kristallklarem, makellos-frisch-jugendlichem Sopran, der Constanzes ursprüngliche, unbeschwerte Art und ihren sich daraus speisenden reinen, unbeirrbaren Glauben beeindruckend lebendig und klangschön verkörperte, die andere in der Rolle der angstdurchsetzten, fast schon irreal fragilen Blanche, für die sie genau die richtige, ungemein zarte, mit leichter Mezzofärbung betörend anrührende Stimme mitbrachte. Das Konzept dieser beiden Rollen, anfangs basierend auf dem Reiz des scheinbar Unvereinbaren, schließlich in der Erkenntnis des verbindenden Elements vollendet, fand in den beiden Sängerinnen optimale Vertreter.
Und dann wäre da ja noch diese Inszenierung. Eike Gramss und sein Team machen hier alles, aber auch wirklich alles richtig. Die trichterförmige Grundstruktur des Bühnenbildes ist einerseits akustisch vorteilhaft und schafft andererseits durch eine Vielzahl von äußerst variabel kombinierbaren Wanddurchbrüchen für die stetigen Bildwechsel die Illusion verschiedenster Räumlichkeiten von der kargen, dunklen Einzelzelle im Kloster zum lichtdurchfluteten Gemeinschaftsraum. Wenige sorgsam platzierte Möbel und Requisiten (Den Globus aus dem Anwesen des Marquis sehen wir am Ende der Oper zerbrochen in Blanches Händen – Symbol für eine ganze Welt in Trümmern) tun ihr übriges.
Wobei die wohl mit Abstand wichtigste Zutat für einen starken optischen Gesamteindruck und eindringliche Bilder der konsequente Einsatz von Licht darstellt. Goldgelbe Strahlen, die seitlich durch Fensterfronten fluten, Interieur und Gesichter plastisch akzentuieren, starke Hell-Dunkel Kontraste mit langen Schatten, so manchem Bild wohnt ohne Übertreibung die Suggestivkraft Rembrandt’scher Gemälde inne. Interessant hier vor allem der Kontrast zwischen dem warmen Licht, das im ersten Teil der Handlung vorherrscht und der ungleich kälteren, fahlen Stimmung, die im späteren Verlauf beispielsweise in der Kerkerszene oder beim finalen Gang zum Schafott gesetzt wird.
Ein weiterer Baustein dieser stimmigen Produktion ist ihr Realismus. Sicher, das hat auch etwas mit Maske und Kostümen zu tun, die ihrerseits viel zum authentischen Ganzen beitragen, weiter gefasst geht es aber bereits hier um Belange einer Personenregie, die das Leben mitfühlbar abbildet. Der (Arbeits-)Alltag der Nonnen, ihre Gartenpflege, kurz unterbrochen durch den Seitenblick bei Blanches Ankunft, die Gebete, die Szene der Totenwache oder die gemeinschaftliche Handarbeit – alles Beispiele für das umsichtige Etablieren eines Realismus, der die titelgebenden Gespräche der Karmeliterinnen geschickt verbindet, gerade in jenem alltäglichen Gefüge aber eine persönliche, dringliche Note verleiht. Ebenso unspektakulär wie wirksam vielleicht die erste intensive Unterhaltung zwischen Blanche und Constance, bei der diese parallel der Hausarbeit nachgeht.
Der besondere Effekt, den diese Herangehensweise zudem mit sich bringt, liegt in dem Kontrast, der sich aus der abgeschotteten, reguliert-ritualisierten Welt des Klosters und dem Furor des Revolutions-Terrors ergibt, der in selbige auf ebenfalls authentische, jedoch ungleich lautere und brutalere Weise einfällt. Wo es Umsturz gibt, da gibt es Nutznießer – Gesinnung hin oder her – auch das kommt in dieser Regie deutlich zum Tragen. Die Plünderung des Klosters durch ehemals sicher lammfrommes Volk setzt in dieser Beziehung den Gipfel tumber Aggression und Vorteilsnahme.
Umso erschütternder dann der menschenverachtende Text des Revolutionsführers St. Just, der nach der Inhaftierung der Nonnen vor geschlossenem Vorhang verlesen wird. Hier lässt sich noch einmal gewissermaßen aus erster Hand der ganze in kalter Abstraktion gedachte pseudophilosophische Überbau einer Bewegung erfahren, die wahrscheinlich in bester Absicht gestartet zur Perversion ihrer eigenen Bestrebungen auswuchs. Befremdlich, wie der Blut- und Reinigungstenor dieser Rede doch dem so vieler anderer Pläne zum Wohle eines neuen Menschseins ähnelt, ganz gleich, ob nun Volk, Rasse oder wer auch immer sonst bemüht wird.
Bei all dem Leid und der Verzweiflung, die die letzten Episoden der Oper bestimmen, entschließt sich die Regie jedoch das starke Bild des Zusammenhalts der Frauen bis in den Tod mit einem versöhnlichen, hoffnungsvollen Blick abzuschließen. Es obliegt wiederum dem Licht, dieser Hoffnung Ausdruck zu verleihen, indem es mit ihr, in gegenläufiger Bewegung zum fallenden Vorhang zentral aufsteigend, die Bühne zu den letzten Klängen warm durchflutet. Ein Bild, das mehr von Menschlichkeit und Menschsein weiß, als all die vermeintlich großen Gedanken der Pamphlete der Geschichte.
Francis Poulenc – Gespräche der Karmeliterinnen
Musikalische Leitung – Werner Seitzer
Inszenierung – Eike Gramss
Bühne und Kostüme – Philippe Miesch
Marquis de la Force – Levente György
Blanche, seine Tochter – Antonia Radneva
Der Chevalier, ihr Bruder – Konstantinos Klironomos
Madame de Croissy, Priorin des Klosters – Christiane Oertel
Madame Lidoine, die neue Priorin – Isabell Bringmann
Mère Marie, Subpriorin – Neele Kramer
Sœur Constance, eine sehr junge Novizin – Martina Nawrath
Mère Jeanne, Klosterälteste – Karin Schibli
Sœur Mathilde –Tanja Westphal
Der Beichtvater des Klosters – Jan Kristof Schliep
Erster Kommissar – Daniel Käsmann
Zweiter Kommissar – Stephan Freiberger
Erster Offizier – Peter Kubik
Der Kerkermeister / Rede St. Just – Peter Frank
Thierry, Diener im Haus des Marquis – Piet Bruninx
Javelinot, ein Arzt – Michael Farbacher
Opernchor und Extrachor des TfN
Orchester des TfN
28. Januar 2012
Stuttgarter Philharmoniker – Jonathan Stockhammer.
Liederhalle Stuttgart.
19:00 Uhr, Parkett Mitte, Reihe 12, Platz 50
Charles Ives – Psalms a capella
Charles Ives – The Unanswered Question
Francis Poulenc – Gloria
(Pause)
Igor Strawinsky – Bläsersinfonie
Igor Strawinsky – Psalmensinfonie
(Jeanette Köhn – Sopran, Gächinger Kantorei Stuttgart)
Ein Programm ausschließlich mit Werken, die mehr oder weniger offen geistliche Bezüge aufweisen – da ist es zumindest nachvollziehbar, daß der Redner der Einführung als Klammer für seinen Vortrag die Werke mit dem konfessionellen Hintergrund der Komponisten (nicht allein den persönlichen, sondern auch den auf den jeweiligen Kulturkreis bezogenen) in Verbindung bringt. Die Formel, die dann am Schluß im Raum steht – hier protestantische, da katholische und dort orthodoxe Musik – scheint mir dann aber doch ein wenig zu vereinfacht.
Das Konzert nahm mit der nahtlosen Wiedergabe der beiden Ives-Stücke seinen Anfang, wobei die Darbietung von „The Unanswered Question“ als eine Art Rauminstallation durchgeführt wurde. Die Streicher spielten vor den Blicken der Zuhörer verborgen, die Solotrompete stellte ihre Frage von wechselnden Standorten im Saal, allein die Holzbläser befanden sich auf der Bühne. Leider trug diese Art des Vortrags, neben der offenkundigen „Neuheit“ des Stücks nicht dazu bei, das Interesse und die Konzentrationsfähigkeit der Hörerschaft zu wecken: Unverstandene Musik im Lungensanatorium. Sehr schade, war die Aufführung an sich doch durchaus gelungen. Das Publikum schien an diesem Abend generell mit der Programmzusammenstellung überfordert. Die Psalmensinfonie wurde mir regelrecht kaputtgequatscht.
Die musikalische Durchführung geriet ordentlich, mehr jedoch leider nicht. Die Philharmoniker scheinen mir ein brauchbares Orchester zu sein, das hier und da zu glänzen vermag, insgesamt jedoch beispielsweise hinter den Kollegen der Oper deutlich zurücksteht. Einzig die Solo-Oboe möchte ich von jeglicher Kritik ausnehmen – der Herr stach mit seinem virtuosen, butterweichen Spiel eindeutig hervor. Das Dirigat ging in Ordnung, im Gloria, das mir im Gegensatz zu den Strawinsky-Stücken besser geläufig ist, bestand deutlich Luft nach oben, was Differenzierung und Präzision anging. Die Sopranistin hat keine schlechte Stimme, da ist schon viel von der Zart- und Klarheit, die man für die Partie braucht. Leider hat sie darüber hinaus die Angewohnheit, angesetzte Tonhöhen permanent korrigieren zu müssen (zu Recht!), so daß von sicherer Stimmführung nicht die Rede sein kann. Rückhalt des Abends war eindeutig der Chor, der sich keine Blöße gab.
Lohnende Neuentdeckungen stellten für mich die beiden Strawinsky-Werke dar. Insbesondere die Psalmensinfonie mit ihren glockenhaften, erhabenen Harmonien hat es mir angetan. Da werde ich doch zu Hause gleich mal die entsprechende Solti-Aufnahme hervorkramen, um das zu vertiefen.
Charles Ives – Psalms a capella
Charles Ives – The Unanswered Question
Francis Poulenc – Gloria
(Pause)
Igor Strawinsky – Bläsersinfonie
Igor Strawinsky – Psalmensinfonie
(Jeanette Köhn – Sopran, Gächinger Kantorei Stuttgart)
Ein Programm ausschließlich mit Werken, die mehr oder weniger offen geistliche Bezüge aufweisen – da ist es zumindest nachvollziehbar, daß der Redner der Einführung als Klammer für seinen Vortrag die Werke mit dem konfessionellen Hintergrund der Komponisten (nicht allein den persönlichen, sondern auch den auf den jeweiligen Kulturkreis bezogenen) in Verbindung bringt. Die Formel, die dann am Schluß im Raum steht – hier protestantische, da katholische und dort orthodoxe Musik – scheint mir dann aber doch ein wenig zu vereinfacht.
Das Konzert nahm mit der nahtlosen Wiedergabe der beiden Ives-Stücke seinen Anfang, wobei die Darbietung von „The Unanswered Question“ als eine Art Rauminstallation durchgeführt wurde. Die Streicher spielten vor den Blicken der Zuhörer verborgen, die Solotrompete stellte ihre Frage von wechselnden Standorten im Saal, allein die Holzbläser befanden sich auf der Bühne. Leider trug diese Art des Vortrags, neben der offenkundigen „Neuheit“ des Stücks nicht dazu bei, das Interesse und die Konzentrationsfähigkeit der Hörerschaft zu wecken: Unverstandene Musik im Lungensanatorium. Sehr schade, war die Aufführung an sich doch durchaus gelungen. Das Publikum schien an diesem Abend generell mit der Programmzusammenstellung überfordert. Die Psalmensinfonie wurde mir regelrecht kaputtgequatscht.
Die musikalische Durchführung geriet ordentlich, mehr jedoch leider nicht. Die Philharmoniker scheinen mir ein brauchbares Orchester zu sein, das hier und da zu glänzen vermag, insgesamt jedoch beispielsweise hinter den Kollegen der Oper deutlich zurücksteht. Einzig die Solo-Oboe möchte ich von jeglicher Kritik ausnehmen – der Herr stach mit seinem virtuosen, butterweichen Spiel eindeutig hervor. Das Dirigat ging in Ordnung, im Gloria, das mir im Gegensatz zu den Strawinsky-Stücken besser geläufig ist, bestand deutlich Luft nach oben, was Differenzierung und Präzision anging. Die Sopranistin hat keine schlechte Stimme, da ist schon viel von der Zart- und Klarheit, die man für die Partie braucht. Leider hat sie darüber hinaus die Angewohnheit, angesetzte Tonhöhen permanent korrigieren zu müssen (zu Recht!), so daß von sicherer Stimmführung nicht die Rede sein kann. Rückhalt des Abends war eindeutig der Chor, der sich keine Blöße gab.
Lohnende Neuentdeckungen stellten für mich die beiden Strawinsky-Werke dar. Insbesondere die Psalmensinfonie mit ihren glockenhaften, erhabenen Harmonien hat es mir angetan. Da werde ich doch zu Hause gleich mal die entsprechende Solti-Aufnahme hervorkramen, um das zu vertiefen.
3. Juli 2011
Gespräche der Karmelitinnen – Stefan Blunier.
Komische Oper Berlin.
19:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 5, Platz 19

Einführung recht informativ. Akustik sagenhaft. Sänger sehr präsent, Orchesterklang voll, homogen, gleichzeitig direkt und druckvoll. Orchester durchweg auf Top-Niveau, technisch und bezüglich des Ausdrucks. Die Klangsprache Poulencs wird auf beeindruckende Weise offenbar, alles erscheint mir absolut „richtig“. Reiche Dynamik- und Klangfarbenpalette. Blech beeindruckend. Streicher zart. Dirigat ebenfalls „richtig“. Ich kann es nicht anders sagen, mehrfach kommt mir der Gedanke „so muß es sein“ oder „so bin ich vollkommen bei Poulenc“. Insbesondere im ersten Akt immer wieder Verblüffung, wie reich doch die Partitur ist. Da geriet das Finale fast ein wenig „unspektakulär“.
Ensemble durchweg stark. Vater und Bruder etwas schwächer, getragen wurde alles aber von Blanche und Constance, flankiert von einer sehr starker Marie/Priorin. Ganz stark auch die Inszenierung: Verstörend die einzelne, halb nackte Schwester als „Irrlicht“ (offene Bühne). Der Ruf Bieixtos als Ekelregisseur trifft überhaupt nicht – „trotz“ Blut- und „Schmutz“–Momenten. So empfand ich beispielsweise die Waschung der toten Priorin mit der alles zeigenden Positionierung nicht als Provokation, sondern als etwas Intimes, Menschliches. Kurze Irritation bei der schwangeren Constance (Regieeinfall oder reale „Umstände“?). Intensives Spiel aller Beteiligten. Die Komische Oper scheint generell viel Wert auf MusikTHEATER zu legen (vgl. Mahagonny und Lady Macbeth). Hochästhetisch gefilmte Portraits der Sängerinnen als Abbilder von Seelenzuständen. Eine sehr körperliche Inszenierung. Atemgeräusche, Stöhnen, Röcheln. Hell erleuchteter Saal bei der Urteilsverkündigung per Megaphon.
Fazit: Eine realistische, involvierende, drastische aber ungemein sensible Inszenierung. Und wieder ein Triumph für die Komische Oper.
Francis Poulenc – Gespräche der Karmelitinnen
Musikalische Leitung – Stefan Blunier
Inszenierung – Calixto Bieito
Bühnenbild – Rebecca Ringst
Kostüme – Ingo Krügler
Licht – Franck Evin
Dramaturgie – Bettina Auer
Chöre – André Kellinghaus
Video – Robert Lehniger, Bert Zander
Marquis de La Force – Claudio Otelli
Blanche de La Force – Maureen McKay
Der Chevalier – Joska Lehtinen
Madame de Croissy, alte Priorin – Christiane Oertel
Madame Lidoine, neue Priorin – Erika Roos
Mutter Marie – Irmgard Vilsmaier
Schwester Constance – Julia Giebel
Mutter Jeanne – Caren van Oijen
Schwester Mathilde – Maren Schäfer
Beichtvater des Karmel – Peter Renz
Erster Kommissar – Thomas Ebenstein
Zweiter Kommissar – Hans-Peter Scheidegger
Kerkermeister – Carsten Sabrowski
Schwester Anne – Margita Zalite
Orchester der Komischen Oper Berlin
Chorsolisten und Komparserie der Komischen Oper Berlin
Mitglieder des Ernst Senff Chores Berlin

Einführung recht informativ. Akustik sagenhaft. Sänger sehr präsent, Orchesterklang voll, homogen, gleichzeitig direkt und druckvoll. Orchester durchweg auf Top-Niveau, technisch und bezüglich des Ausdrucks. Die Klangsprache Poulencs wird auf beeindruckende Weise offenbar, alles erscheint mir absolut „richtig“. Reiche Dynamik- und Klangfarbenpalette. Blech beeindruckend. Streicher zart. Dirigat ebenfalls „richtig“. Ich kann es nicht anders sagen, mehrfach kommt mir der Gedanke „so muß es sein“ oder „so bin ich vollkommen bei Poulenc“. Insbesondere im ersten Akt immer wieder Verblüffung, wie reich doch die Partitur ist. Da geriet das Finale fast ein wenig „unspektakulär“.
Ensemble durchweg stark. Vater und Bruder etwas schwächer, getragen wurde alles aber von Blanche und Constance, flankiert von einer sehr starker Marie/Priorin. Ganz stark auch die Inszenierung: Verstörend die einzelne, halb nackte Schwester als „Irrlicht“ (offene Bühne). Der Ruf Bieixtos als Ekelregisseur trifft überhaupt nicht – „trotz“ Blut- und „Schmutz“–Momenten. So empfand ich beispielsweise die Waschung der toten Priorin mit der alles zeigenden Positionierung nicht als Provokation, sondern als etwas Intimes, Menschliches. Kurze Irritation bei der schwangeren Constance (Regieeinfall oder reale „Umstände“?). Intensives Spiel aller Beteiligten. Die Komische Oper scheint generell viel Wert auf MusikTHEATER zu legen (vgl. Mahagonny und Lady Macbeth). Hochästhetisch gefilmte Portraits der Sängerinnen als Abbilder von Seelenzuständen. Eine sehr körperliche Inszenierung. Atemgeräusche, Stöhnen, Röcheln. Hell erleuchteter Saal bei der Urteilsverkündigung per Megaphon.
Fazit: Eine realistische, involvierende, drastische aber ungemein sensible Inszenierung. Und wieder ein Triumph für die Komische Oper.
Francis Poulenc – Gespräche der Karmelitinnen
Musikalische Leitung – Stefan Blunier
Inszenierung – Calixto Bieito
Bühnenbild – Rebecca Ringst
Kostüme – Ingo Krügler
Licht – Franck Evin
Dramaturgie – Bettina Auer
Chöre – André Kellinghaus
Video – Robert Lehniger, Bert Zander
Marquis de La Force – Claudio Otelli
Blanche de La Force – Maureen McKay
Der Chevalier – Joska Lehtinen
Madame de Croissy, alte Priorin – Christiane Oertel
Madame Lidoine, neue Priorin – Erika Roos
Mutter Marie – Irmgard Vilsmaier
Schwester Constance – Julia Giebel
Mutter Jeanne – Caren van Oijen
Schwester Mathilde – Maren Schäfer
Beichtvater des Karmel – Peter Renz
Erster Kommissar – Thomas Ebenstein
Zweiter Kommissar – Hans-Peter Scheidegger
Kerkermeister – Carsten Sabrowski
Schwester Anne – Margita Zalite
Orchester der Komischen Oper Berlin
Chorsolisten und Komparserie der Komischen Oper Berlin
Mitglieder des Ernst Senff Chores Berlin
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