Posts mit dem Label Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

29. Oktober 2019

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Wolfgang Amadeus Mozart – Konzert für Klavier und Orchester
A-Dur KV 488 (Rudolf Buchbinder)

Zugabe Solist:
Johann Sebastian Bach – Gigue aus: Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 10 e-Moll op. 93

Zugabe Orchester:
Dmitri Schostakowitsch – Zwischenaktmusik aus der Oper »Lady Macbeth von Mzensk«



Endlich mal Mozart, den man gebrauchen kann – zumindest der langsame Mittelsatz liefert mit seiner Melancholie ein erfreuliches Gegengewicht zum gefälligen Virtuosentum der ihn umschließenden Nachbarn. Als Appetizer durchaus aushaltbar. Buchbinders Zugabe schien dann eher der Schublade Koordinations-Demonstration entsprungen. Bisschen nüchtern, aber ok. Das alles war ohnehin nur ein freundliches Warmwerden für Jansons und seine Truppe, um den Hauptgang nach der Pause zu servieren – Schostakowitschs Zehnte.

Was für ein Kopfsatz! In seinem stetigen Aufbau, der immensen Komplexität der Struktur und dem damit verbundenen Anspruch an die Konzentrationsfähigkeit kaum steigerungsfähig, aber in solch zwingender Darbietung einfach unbeschreiblich erhebend wie erschütternd. Die kurze Scherzo-Blendgranate im Anschluss fast wie das Drücken eines Reset-Knopfes der Rezeptoren. Elementar, unentrinnbar. Die folgenden beiden Sätze verlangen dem Hörer wieder einiges ab, auch das Finale sträubt sich lange gegen die erlernte Apotheose, liefert mit seinem skandierten D-Es-C-H eher trotzigen, denn befreienden Jubel.

Was für ein Werk, was für ein persönliches Bekenntnis. Stalin hin oder her, Schostakowitsch löst hier in jedem Fall große Ventile der Ohnmacht und der Ungewissheit. Die Interpretation durch Jansons und seine Münchner besitzt dabei wieder einmal absoluten Referenzcharakter. Es ist die pure Wonne, diesem Fluss der Unerbittlichkeit in Vollendung zu folgen, mit dem Sog hinfortgerissen zu werden. Das Konzert als intellektuelle wie physische Erfahrung. Das kompromisslose Lebendigmachen einer Partitur, die keine Kompromisse kennt. Die vielleicht beste Leistung einer an Höhepunkten wahrlich bereits reichen Saison. Einfach immer wiederkommen!

10. November 2018

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Manfred Honeck. Gasteig München.

19:00 Uhr, Block Q, Reihe 5, Sitz 25



Ludwig van Beethoven – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4 
G-Dur, op. 58 (Igor Levit)
Zugabe des Solisten: Beethoven? Variationssatz?

(Pause)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 1 D-Dur



Der Gasteig und ich werden wohl keine Freunde mehr werden. Nachdem sich heute abermals die akustischen Defizite des (viel zu) großen Saales bemerkbar machten und darüber hinaus von einer äußerst befremdlichen Attitüde des Personals akkompagniert wurden, welche irgendwo zwischen überfordert, argwöhnisch belehrend oder schlichtweg ungastfreundlich anzusiedeln war, bin ich doch mehr als froh, dieses herrliche Orchester in schöner Regelmäßigkeit in der heimischen Philharmonie-Alternative bewundern zu dürfen. Vielleicht bringt ein Sitz mit weniger Outsorcing-Feeling, irgendwo auf halbem Wege zwischen Bühne und dem Hang, der noch nicht einmal das Ende der platztechnischen Fahnenstange bedeutet, sich aber dennoch meilenweit vom Geschehen anfühlt, eine Verbesserung, aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob sich weitere Experimente in dieser Scheune lohnen und man nicht einfach abwarten sollte, bis sich München ebenfalls zu einem vernünftigen Konzerthaus durchgerungen hat. So bleibt erst einmal die Erinnerung an ein großartiges Konzert unter kleinartigen Bedingungen. Man ist nicht allein zu weit von der Bühne entfernt, als dass ein Fortissimo auch wie ein solches bei einem ankommen könnte, der übertragene Ton ist zudem durchweg stumpf und breiig ohne jede Brillanz, so dass sich gerade Feinheiten lediglich als Ahnung übertragen und eine transparente Wirkung des Orchestergefüges nahezu ausgeschlossen ist. Aber genug der Schelte, selbst diese maue Akustik konnte einer nahezu perfekten Darbietung kaum etwas anhaben.

Nachdem Maestro Jansons seine Teilnahme an diesem und weiteren Konzerten seines Orchesters aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, ließen mich Umbesetzung und Programmänderung doch weiterhin auf einen großen Abend hoffen. Der Verzicht auf Mahlers eher selten gespielte Siebte mag im ersten Moment ein kleiner Dämpfer gewesen sein, doch wenn man Mahler ersetzt, dann am besten mit Mahler, und natürlich ist auch Beethoven als Beifang nicht zu verachten. Manfred Honeck genießt seit dem Mahler-Geniestreich mit seinen Pittsburghern in der Laeiszhalle (Link) mein höchstes Vertrauen und vermochte jenes heute auf beeindruckende Art aufzufrischen. Mit Igor Levit konnte ich endlich einmal einen Künstler erleben, von dem ich zwar bereits viel Gutes gehört hatte – ihn selbst jedoch nicht. Die Kombination Honeck/Levit sollte sich dabei als ideal erweisen.

Während der Einspringer vom Pult aus für eine enorm konstrastreiche Lesart des Partitur sorgte und eine flotte Interpretation mit oftmals knackig-scharf konturiertem Ausdruck gestaltete, ergänzte sich dies vortrefflich mit dem überaus zarten Anschlag des jungen Russen – am eindringlichsten im zweiten Satz zu beobachten, in dem die mit größtmöglicher Schroffheit, ja Aggressivität vorgetragenen Eingaben der Streicher vom Solisten auf das Zarteste, Behutsamste beantwortet wurden. Dabei ist Honeck beileibe kein Brutalisnki, wovon beispielhaft die daraufhin einsetzende Beruhigung des Orchesters und viele weitere Passagen intimsten Ausdrucks zeugen, die teilweise den akustischen Rahmen bis an die Grenzen des Hörbaren ausloteten. Bleibt noch die Frage nach der Urheberschaft der vom Solisten gewählten Kadenz des ersten Satzes, welche in ihrem modernen, expressiven Duktus überraschte, gleichzeitig jedoch das Wesen des Beethovenschen Mikromotivik-Baukastens perfekt einfing. Bei der Zugabe stellte Levit noch einmal die Vielseitigkeit seiner Anschlagskultur und Wandlungsfähigkeit im Ausdruck unter Beweis, anstatt das Publikum mit einer typischen Virtuosenblendgranate beeindrucken zu wollen – sehr sympathisch.

Mit Mahlers Ersten blieb Honeck seiner von mir erstmals in Hamburg genossenen Handschrift treu. Auch hier arbeitete er mit starken Kontrasten, vor allem im Ausdruck, aber ebenfalls im Tempo, dass mal rubatoartig changierte und immer wieder vehement anzog, um das vermeintlich Disparate, die oft collagenhaft aufeinanderprallenden Gegensätze konsequent herauszuarbeiten. Dabei kam neben dem Treibenden, unbändig Vitalen ebenso das lyrische Moment nicht zu kurz, welches beispielsweise in der scheu-entrückten Lindenbaum-Passage des dritten Satzes an intimer Verletzlichkeit kaum zu steigern war. Andererseits ist sich Honeck nicht zu schade, das bäuerliche Tanzbein im zweiten Satz aufs Derbste schwingen zu lassen, was wiederum einen wunderbaren Kontrast zum für meine Begriffe durchaus parodistisch aufzufassenden „feinen“ Walzer schuf. Abgesehen davon, dass ich ohnehin jedesmal aufs Neue über die Großartigkeit der Konzeption der Sinfonie als Ganzes und ihres Finales im Besonderen staune, war es wieder eine Wonne, dieses musikalisch wie narrativ so plastisch fassliche Wunderwerk in solch kompromissloser Perfektion erleben zu dürfen. Da spielt es auch keine Rolle, dass z.B. unter der Dauerbelastung im Blech der ein oder andere Ton nicht hundertprozentig saß – das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erweckt Mahler zum Leben, wie er zu klingen hat. Meinen Dank an Manfred Honeck und meine Genesungswünsche an Mariss Jansons.

30. April 2018

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich I, Reihe 4, Platz 3



Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 7


Als eifriger Programmheftleser und -sammler hat man es ja nicht leicht, liest man doch jahrein, jahraus mehr oder weniger die gleichen Anmerkungen und Anekdoten zu den Werken, gerade wenn es sich um die altbekannten Evergreens der Klassik handelt (Ja, als Verfasser derselben steht man sicher vor dem gleichen Problem). Nun gehört Mahlers Siebte vielleicht nicht unbedingt zu seinen am häufigsten gegebenen Sinfonien, aber auch hier kann man ganz ohne hellseherische Fähigkeiten vorhersagen, was im Begleittext thematisiert werden wird. Zumindest das „problematische“ Finale muss zwingend zur Sprache kommen, gern auch mit dem hinrissigen Adorno-Zitat vom „schlechten Jasager“, das Mahler die Fähigkeit zu ehrlich positiv gehaltenen Finalsätzen abspricht. Gut, Adorno hat auch eine Menge anderen Stuss in geschliffene Worte verpackt, sei es seine „Interpretation“ des Naturlaut-Beginns von Mahlers 1. Sinfonie oder seine Fehleinschätzung in Bezug auf Sibelius. Umso erfreulicher, dass in dem vorliegenden Programmheft mal ein anderer Ansatz zur „Ehrenrettung“ Mahlers verfolgt wird. Keine Ahnung, in wiefern das neu ist, aber den Jubel und Überschwang des Finales mit karnevaleskem Humor in Verbindung zu bringen, ist endlich mal eine stimmige Einordnung des Gehörten. Ich persönlich habe nie verstanden, wie man sich an dem „Bruch“ – ich möchte eher von Kontrast sprechen – zwischen den vorangegangenen Sätzen und dem Finale stören kann. Es muss nicht immer Apotheose sein, um den düster-nachdenklichen, teilweise aber auch eher sentimental-verträumten Elementen der Kopf- und Mittelteile etwas entgegenzusetzen – das Finale als Kehraus der brütenden, zweifelnden Gedanken.

Jansons und seine Münchner sind mir mittlerweile zu lieben Vertrauten geworden, deren Besuche jedesmal aufs Neue Spitzenklasse definieren. Man kann sich ganz auf die Interpretation konzentrieren, weil man in puncto Ausführung ohnehin nichts zu befürchten hat. Auch wenn mein Platz heute, gewissermaßen eher neben dem Orchester, nicht unbedingt ein ideales Klangerlebnis ermöglichte, war es doch eine Wohltat, diese großartige Sinfonie in all ihren Facetten und Details erneut erkunden zu dürfen. Zu Jansons Interpretation selbst kann ich gar nicht viel sagen, eine besonders extreme Lesart ist das sicher nicht, aber es fühlt sich einfach alles richtig bei ihm an. Klang und Technik des Orchesters tun ihr übriges, die Pforten zum Mahlerschen Kosmos weit aufzustoßen. Sei es die monumentale Konzeption des Kopfsatzes, oder die spätestens mit der zweiten „Nachtmusik“ einsetzende somnambule Stimmung, aus der wir im sich „zu Tode feiernden“ Finale gerissen werden – dieses Werk hält mindestens ebenso viel Berührendes, Feines, Intimes wie ihre sinfonischen Schwestern bereit. Schade, dass sie so selten aufs Programm genommen wird. Die heutige Aufführung hat diesen Mangel gerade durch ihre Makellosigkeit gezeigt.

11. März 2018

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Bernard Haitink. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich N, Reihe 4, Platz 28 


Johannes Brahms – Ein deutsches Requiem 
(Camilla Tilling – Sopran, Hanno Müller-Brachmann – Bassbariton, Chor des Bayerischen Rundfunks) 


Während der ewig jugendliche Mitneunziger Herbert Blomstedt schon immer zu meinen ausgesprochenen Lieblingsdirigenten zählt, die ich gern in meinem CD-Player sowie auch in Person zu Gast habe und oder besuche – so letztmalig 2017 in Berlin (Link) – hat sein an Jahren und Ruhm fast bzw. mindestens ebenbürtiger Kollege aus den Niederlanden kaum eine Rolle in meiner Interpretengalerie gespielt. Zwar hatte ich immer mal wieder in die ein oder andere Haitink-Aufnahme reingehört, allerdings ohne dass dabei ein zwingendes Verlangen aufgekommen wäre, sich eingehender mit diesem Dirigenten zu beschäftigen, geschweige denn gezielt Konzerte mit ihm aufzusuchen – bis heute.

Ein Gastspiel mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist stets einen Besuch wert – mit seinem Chef Mariss Jansons ein Pflichttermin – da kann man ruhig mal probieren, wie sich der bekannte unbekannte Maestro mit diesem Deluxeorchester schlägt. Und was soll ich sagen, entweder habe ich tatsächlich zumindest live eine große Dirigentenkarriere verpennt oder es hat heute einfach alles in Kombination mit Brahms und den Bayern gepasst. In jedem Fall im Ergebnis ein „Deutsches Requiem“, das unter die Haut ging. Gleich der Beginn mit unglaublich zart einsetzendem Chor ein Gänsehautmoment. Die Ausbrüche des zweiten Satzes habe ich bezogen auf die Dynamik live noch nie so differenziert gestaffelt erlebt – sicher auch begünstigt durch die atemberaubende Transparenz der Saalakustik, aber in ihrem energischen Gestus eben alles andere als eine Altherrenangelegenheit.

Besonders interessant wurde es für mich aber ab dem dritten Satz, denn gegenüber einem von mir gewöhnlich wahrgenommenen Spannungsabfall präsentierte sich das Werk unter Haitinks Leitung geschlossen und qualitativ homogen wie noch nie. Keine „schönen Stellen“ hier und dort, sondern ein zwingender Spannungsbogen bis zum Schluss. Umso verblüffender, da das Requiem in seiner Gesamtheit eigentlich nicht zu meinen Favoriten gehört. Und zudem verwunderlich, da mich die beiden Solisten nicht restlos überzeugten, was Timbre und Ausdruck betrifft. Makellos hingegen die Leistung des Chores – der Bayerische Rundfunk setzt auch hier Maßstäbe.

Fazit: ich bin heilfroh, diese Gelegenheit ergriffen zu haben – besser spät als nie.

13. Januar 2018

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich K, Reihe 1, Platz 20



Richard Strauss – Also sprach Zarathustra

(Pause)

Sergej Prokofjew – Sinfonie Nr. 5 B-Dur op. 100

Zugabe: Peter Iljitsch Tschaikowsky – Panorama aus „Dornröschen“ / Ballett op. 66


Die Orgel fetzt – auch auf 15 K, obwohl sie heute ja leider lediglich als Wuchtfundament für straussischen Nachdruck Verwendung findet. Auf den Orchesterklang als Ganzes bezogen macht sich die größere Distanz der erhöhten Lauschposition hingegen etwas stärker bemerkbar als erhofft und aufgrund der Missa Solemnis (Link) vermutet. Überraschte seinerzeit insbesondere die Präsenz der Solisten auf diese Entfernung, möchte ich heute wenn auch nicht von einer enttäuschenden, so doch leicht ernüchternden Erfahrung sprechen. Zwar ist der differenzierte Elphi-Sound fraglos zu bestaunen, allerdings in abgeschwächter Form. Zudem fehlt der letzte Bumms, gerade bei den beiden groß besetzten Stücken an diesem Abend gleichsam verblüffend wie schade.

Wobei mir der Zarathustra klanglich dann noch etwas besser gefallen hat als die Prokofjew-Sinfonie, auf die ich mich dummerweise am meisten gefreut hatte. Höhepunkte waren beim Strauss die ungemein sonor grummelnden Kontrabässe sowie die Präsenz der direkten Ansprache der (allerdings anfangs minimal wackligen) Solotrompete. Die Holzbläser blieben von dieser Warte aus abgehört auf höchsten Niveau unauffällig, die hohen Streicher wollten hingegen nicht so recht schneiden. Ein Umstand, der sich durch den Abend zog. Am Klangkörper wird es wohl kaum gelegen haben, ist mir das Münchner Orchester doch aus diversen Begegnungen in bester Erinnerung abgespeichert, unter anderem auch durch das phänomenale Gastspiel im Mai (Link). Das Geburtstagskind am Pult ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Nichts desto trotz – ein guter Abend ist unter diesen Voraussetzungen zu wenig. Fortsetzung am Montag ...

20. Mai 2017

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Ebene 13 Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 1 f-Moll op. 10

(Pause)

Thomas Larcher – A Padmore Cycle / Fassung für Tenor und Orchester
(Mark Padmore – Tenor)
Maurice Ravel – La Valse

Zugaben:
Franz Schubert – Moments musicaux, D. 780 (op. 94) Nr. 3
(Fassung für Streichorchester)
Antonín Dvořák – Slawischer Tanz op. 72, Nr. 7 C-Dur


Nach einem Konzert wie diesem fällt es mir schwer, mein breites Grinsen wieder abzustellen. Freude und Genugtuung. Über die Eindrücke, die mir ein Orchester von Weltrang, wie es die bayerischen Gäste wieder bewiesen haben, in diesem Saal und ganz speziell auf diesem traumhaften Platz bescheren kann. Über Klangwirkungen, die ich in ihrer Intimität, Transparenz und Plastizität so noch nie in all den Jahren als Klassik-Groupie erfahren habe. Als wäre mir fast über Nacht ein neues Paar Ohren gewachsen. Und wissen Sie, was das Beste an diesem akustischen Wunderwerk ist? Dass man NICHT auf jedem Platz gleich hört. Anders: Gestern ist mir der eigentliche Hauptvorzug des Saales erst bewußt geworden. Ein Wechsel zur Pause von 13 E Mitte/Mitte zu 13 E links, erste Reihe ergab, dass selbst ein paar Meter Luftlinie einen signifikanten Unterschied ausmachen. Was im ersten Augenblick für Irritation sorgen könnte, beinhaltet jedoch tatsächlich ein Riesenpotenzial: Die Möglichkeit, den optimalen Platz gemäß der individuellen Hörvorlieben wählen zu können, und zwar in denkbar feinsten Abstufungen. Klar, aktuell ist das angesichts anhaltenden Hypes und Komplettauslastung natürlich eine recht theoretische Option, aber allein ihre Existenz elektrisiert mich. Bislang hatte ich die Unterschiede der akustischen Eindrücke auf weit auseinander liegenden Plätzen getestet und dabei noch keinen schlechten gefunden (Nein, direkt hinter oder neben dem Orchester habe ich erst mal ausgelassen, da ich zwar mittlerweile an akustische Wunder, aber immer noch auch an die Physik glaube). "Besser" oder "schlechter" hat da, wie bei allen Sinneserfahrungen, logischerweise ganz viel mit individuellem Geschmack zu tun – das Tolle an der Elbphilharmonie ist, dass sie mir eine enorme Bandbreite liefert, innerhalb derer man Klang auf höchstem Niveau an sein Ohr gelangen lassen kann. Darf´s ein bisschen direkter sein? Kein Problem, ein paar Reihen weiter vorn sieht die Welt schon ganz anders aus. Sie stehen eher auf möglichst homogenen Mischklang, ohne dabei auf Durchhörbarkeit verzichten zu wollen? Ab nach oben! Es mag durchaus Konstellationen geben, bei denen die "billigen Plätze" beispielsweise dem Parkett überlegen sein können. Irgendwann, wenn sich das ganze Elphi-Fieber ein wenig gelegt hat, wird es mir eine wahre Freunde sein, all diese Nuancen bei unterschiedlichsten Besetzungen genau zu erforschen.

Doch erst mal zurück ins Hier und Jetzt, wo das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Mariss Jansons ähnlich eindrucksvoll wie ihre Wiener Kollegen im Januar (Link) aufgezeigt haben, wofür diese Halle erbaut wurde – Weltspitzenklang. Eigentlich hatte ich mich am meisten auf "La Valse" gefreut, aber bereits mit dem Schostakowitsch war es um mich geschehen. Perfekte Ausgewogenheit zwischen den einzelnen Stimmgruppen. Die Streicher ungemein präsent und von edelstem Timbre. Die Violinen regelrecht schneidend, an den Stellen, wo sie sich entsprechend Gehör zu verschaffen haben – bei Jansons kommt der Eindruck, daß die hohen Streicher ab dem Forte leicht in die Defensive geraten, keine Sekunde auf. Im Gegenteil. Auch spannend: Die zweiten Violinen sind, "trotz" der Amerikanischen Aufstellung, also direkt neben den ersten verortet, sehr schön einzeln und im Dialog herauszuhören. Die tiefen Streicher, vor allem die Bässe, wirken verblüffender Weise etwas weniger sonor, als ich es in diesem Saal gewohnt bin – keine Ahnung, ob das am Material oder der Abstimmung liegt. Das Blech für seinen Teil agiert unter Jansons angenehm zurückhaltend, besser gesagt perfekt in das große Ganze integriert, um dann an den dynamischen Kulminationspunkten mit überwältigender Klangpracht und -Fülle über dem Fortissimo zu thronen. Wohlgemerkt: darüber thronend, es nicht zukleisternd. Auch in den extremsten Eruptionen der Sinfonie ist der Klang gleichzeitig transparent UND präsent – das ist es, was ich an diesem Platz so liebe. Die Streicher, das Holz, selbst einzelne Facetten wie die des Flügels, bleiben erfahrbar und formen im Schlagwerk- und Blechgewitter Kulminationen von geradezu körperlicher Anschaulichkeit. Stellvertretend für die außergewöhnliche Qualität, die jeder einzelne Musiker dieses Klangkörpers zu besitzen scheint, sei auf das Oboensolo eingangs des dritten Satzes hingewiesen. Phrasierung, die ganze innige, sensible Gestaltung des Themas – diese einzelne Passage besitzt wie die gesamte Aufführung der Sinfonie Referenzcharakter. Auch die Sinfonie selbst hatte ich gar nicht derart mitreißend und berührend im Gedächtnis. Es müssen halt nicht immer die Siebte oder Fünfte sein, auch das hatten die Wiener seinerzeit unter Beweis gestellt ­– um eine weitere Parallele dieser beiden Ausnahmekonzerte zu benennen.

Ebenfalls bezeichnend, dass in beiden Fällen die Gunst der Stunde dazu genutzt wurde, programmatisch einen Abend jenseits ausgetretener Klassikpfade zu begehen. Waren es im Februar Webern und Hartmann, die manchem Gelegenheitshörer oder Traditionalisten einiges abverlangten, trug diesmal das Stück Larchers zur Entmusealisierung bei. "A Padmore Cycle" – benannt nach dem Solisten und in dessen Kehle komponiert – entpuppte sich als wahres Klangexperimentierfeld für Stimme und Orchester und dabei gleichzeitig als ein fesselndes Werk zwischen scharfer Expressivität und Passagen überraschend vertrauter und umarmender Tonalität. Teilweise musste ich an eine Art "Britten 2.0" denken, weniger vom Idiom, als vom Konzept des Zyklus her. Wobei der Einsatz der in höchstem Maße Britten-prädestinierten Tenorstimme Padmores wahrscheinlich auch diesen Gedanken angeregt haben mag. Edler, feiner ist ein Tenor kaum denkbar. Subtilste Nuancen, noch dazu in extrem hoher Lage, Fragilität und Seele. Die Stimme als lebendiger Charakter. Und Larcher scheint sein Handwerk zu verstehen, deckt Padmore trotz des Riesenorchesters nie zu, lässt ihn nur bis zu einem gewissen Grad mit in dynamische Steigerungen einsteigen, überlässt das Fortissimo dann dem Instrumentarium. Natürlich auch eine Frage des Dirigates, bei Jansons aber perfekt austariert. Ferner eine Wohltat: die verwendeten "Spezialsounds" von Akkordeon, Äußerungen des Klaviers bei gehaltenen Saiten bis hin zum Ölfass als Perkussionselement durchdringender Härte, treten nie zum Selbstzweck zutage, sondern sind nahtlos in den vielschichtigen Klangkosmos eingebettet. Glücklicherweise wurde das Konzert aufgezeichnet, so dass ich den Schönheiten dieser Arbeit noch wiederholt auf den Grund gehen kann. Eine Stelle ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, die Worte Padmores dazu: "Und beim Weggehen schmilzt aus den Augen der Schnee."

Mit dem letzen Programmpunkt, Ravels "La Valse", demonstrierten Dirigent und Orchester noch einmal, welch ideale Kombination hier zu bewundern war. Technische Brillanz und Klangfarbenreichtum werden erst durch Jansons Gestaltung vollends zum erfüllenden Erlebnis. Es ist eine Wonne zu sehen und zu hören, wie er die Ambivalenz des Stückes mit einer sehr aus dem Rubato kommenden Lesart unterstreicht. Die stetigen, kleinen Tempomodifikationen geben dem schattenhaften, verzerrten Abbild eines Walzers etwas extrem Nervöses, Unberechenbares. Gleichzeitig bleiben Schmelz und Schwung der von Ravel zitierten, dekonstruierten Sphäre aufgrund der hinreißend sinnlich aufspielenden Streicher erhalten. Eine ordentliche Portion Schizophrenie trägt untrüglich zum Gelingen des Werkes bei. Die Kontraste zwischen mehr erinnerter als tatsächlicher Melodienseeligkeit und harschen Ausbrüchen, die im seltsam kanalisierten, domestizierten Furor des Finale schließlich ihr abruptes Ende finden, all das wurde von den Münchnern als perfekt-unperfekte Ausgabe dieser nicht ganz rund laufenden Walzermaschine atemberaubend umgesetzt. Allein die Gestaltung der sich mit aller Macht ausdehnenden und jeweils jäh abreißenden Tutti-Schläge der Schlussphase ergab Klanggebilde, die man regelrecht hätte greifen können. Das SOdBR in der Elbphilharmonie – ein Naturereignis.

Mit der ersten Zugabe, Schuberts Moment musicaux Nr. 3 in einer Fassung für Streichorchester, scheint Jansons die neue Halle noch einmal auf ihre feine Resonanz abzuklopfen – sein verschmitztes Grinsen, nachdem sich die letzten zarten Töne in den Saal verströmen, scheint Zufriedenheit, vielleicht selbst ein bisschen Überraschung angesichts der delikaten Akustik, zu signalisieren. Als finaler Rausschmeißer beschließt ein furios um die Ohren gepfefferter Slawische Tanz von Dvořák dieses phänomenale Konzert. So wehmütig der Umstand stimmt, dieses Orchester nur als Gast in der Hansestadt zu wissen, so startet mit dem heutigen Tag bereits die Vorfreude auf drei weitere Chancen, es hier in der kommenden Spielzeit wieder erleben zu dürfen.

12. Februar 2016

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Gasteig München.

20:00 Uhr, Block H, Reihe 6, Platz 27/28



Überraschungsstück: Bohuslav Martinu – Mahnmal für Lidice
Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 „Leningrader“


Mein zweiter Ausflug in den oft gescholtenen Gasteig, diesmal auf ordentlichen Plätzen. Als Traumsaal geht dieser Riesentrichter sicher nicht durch, aber miserabel ist der Klang auf keinen Fall. Ich sehe eher Parallelen zur „objektiven“ Akustik der Berliner Philharmonie, bei der ebenfalls einiges an Energie auf der Bühne aufgewendet werden muss, um als Zuhörer angefasst zu werden.

Der erste Eindruck in Block H ist etwas dumpf, im weiteren Verlauf haben es die Streicher mitunter schwer, sich gegen den Rest zu behaupten, was sicher nicht an der Qualität von Material und Ausführenden liegt. Die Ortbarkeit ist ein Pluspunkt, eine differenzierte Wahrnehmung ist problemlos möglich, der Gesamteindruck ist homogen – vom Streicherproblem einmal abgesehen. Natürlich bleibt ein Höreindruck immer subjektiv und dem eigenen Geschmack verhaftet, ich persönlich würde jetzt nicht unbedingt für ein besonders interessantes Orchestergastspiel diesen Saal wählen, sondern lieber den Weg nach Köln antreten.

Die Reise nach München war in diesem Fall jedoch jeden Bahnkilometer wert. Mag ich auch noch so gespannt auf die Elbphilharmonie und ihre hoffentlich überragende Akustik sein, angesichts der hier erlebten unanzweifelbaren Weltklasse des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks fällt der Vergleich mit den nördlichen Rundfunkkollegen für die designierten Residenzler mehr als nüchtern aus. Da kann man noch so viele Marketingkniffe und Etikettenwechsel bei den Hanseaten bemühen, das bayrische Pendant spielt einfach in einer anderen Liga, das wurde heute wieder mehr als deutlich. Ich gönne den Münchnern jedenfalls von ganzem Herzen die Entscheidung für einen neuen Saal und hoffe auf viele Gastspiele an der Elbe.

Das Konzept des Überraschungsstückes ist mir als fester Bestandteil eines Abokonzert auch noch nicht begegnet, eher bei einer Gala oder anderen festlichen Anlässen und natürlich als Zugabe. Hier allerdings wird die musikalische Wundertüte mit Beginn des Konzerts geöffnet und von Maestro Jansons auch erst benannt, nachdem das Werk verklungen ist. Keine schlechte Sache, so blieben etwa zehn Minuten Spieldauer, um ein mir unbekanntes Werk kennenzulernen und gleichzeitig über seinen möglichen Urheber zu rätseln.

Ich muss gestehen, dass ich nicht darauf gekommen bin – ich habe das beeindruckende, tonale, aber immer wieder mit dynamischen Ausbrüchen und Dissonanzen versetzte Stück irgendwo bei Charles Ives oder einem Zeitgenossen einsortiert, obwohl mir Bohuslav Martinu durchaus ein Begriff ist. Wieder was gelernt. Schönes Detail: Nach dem Konzert erhält man beim Verlassen des Saales eine einzelne Seite mit Informationen zum Überraschungsstück, die wie ein großer Sticker an die entsprechende Stelle ins Programmheft geklebt werden kann. Auch in diesem Punkt zeigt München Substanz.

Die Schostakowitsch-Sinfonie nutzten Dirigent und Orchester gleichermaßen zur Einlösung der Definition von Weltniveau. Insbesondere die Präzision im Zusammenspiel innerhalb der einzelnen Stimmen und untereinander ist überwältigend. Hinzu kommen technische Perfektion und Klangfarben, die sowohl die in sich gekehrten, sehnsüchtigen Passagen, als auch die gewaltigen, teilweise brutalen Steigerungen idealtypisch abbilden und die Zerrissenheit dieser Musik auf das erschütterndste einfangen. Auch wenn es sich dabei nur um ein winziges Detail handelt, hätte ich beispielsweise kaum für möglich gehalten, wie zart das Piccolo-Solo klingen kann. In der Gesamtwirkung lässt sich kein Orchesterteil guten Gewissens hervorheben – die Vollkommenheit erstreckte sich über den kompletten Klangkörper.

Wie Mariss Jansons schließlich mit seinen außergewöhnlichen Musikern dieses Seelendrama in der legitimen Nachfolge Mahlers Gestalt werden lässt, erfüllt mich als Schostakowitsch-Liebhaber mit tiefer Dankbarkeit. Transparenz und Verdichtung, Zartheit und Unerbittlichkeit, Wehmut und Trotz – Jansons belässt es nicht bei oberflächlichen Kontrasten, sondern entlockt dem Notentext das innere Ringen, das Streben nach Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt. Eine Klage gegen Unterdrückung, die weit über die Geschehnisse der Entstehungszeit und vermeintlich einfache Deutungen hinausgeht (Das vorzügliche Programmheft hält dazu einiges Wissenswerte bereit), der eben jene Tiefe und Universalität innewohnt, die wahrhaft bedeutende Musik auszeichnet.

24. Januar 2015

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks –
Mariss Jansons. Laeiszhalle Hamburg

19:15 Uhr Einführung fiel aus, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16



Felix Mendelssohn Bartholdy – Violinkonzert e-Moll op. 64 (Michael Barenboim)
Zugabe: Johann Sebastian Bach

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 6 A-Dur



Last des Nachnamens hin oder her – so ganz warm bin ich mit dem Solisten des Abends nicht geworden. Kein Zweifel, daß Herr Barenboim zu Recht das internationale Bühnenparkett bespielt, nur steht mir persönlich der Sinn und Geschmack nach einem anderen Typus. Heute galt es, die Öhrchen in ruhigen, zarten Passagen zu spitzen – hier liefert Barenboim wirklich Außergewöhnliches. Samtig, fein, man spürt förmlich, wie er den Druck des Bogens auf die Saiten mildert, bis nur noch ein lieblicher Hauch zu vernehmen ist. Prima – aber für die Kontrastwirkungen eines Violinkonzert insgesamt zu wenig.

Gleich zu Beginn hatte ich den Eindruck, daß Solist und Orchester auf ungleich motorisierten Dampfern in See stechen, Herr Barenboim dem Gefolge immer wieder ein wenig davoneilte. Trotzdem war seine Interpretation nicht etwa von dem Elan und „Drive“ geprägt, den ich beispielsweise bei Christian Tetzlaff oder Baiba Skride erleben durfte. So macht mir der Mendelssohn keine Freude. Irgendwie recht nüchtern, teilweise mechanisch, kommt der Solopart bei mir an. Und das trotz der Umarmung durch dieses herrliche Orchester. Erst in der Kadenz tritt dann der beschriebene Samteffekt auf, überhaupt löst Barenboim diese Aufgabe alles andere als 08/15. Plötzlich ist eine eigene Handschrift spürbar, er setzt Pausen und Akzente, die das Spiel atmen lassen. Und im Finale des Satzes kommt endlich so etwas wie die vermisste energische Sogwirkung auf.

Leider verflüchtigt sich die Hoffnung auf mehr mit den ersten Takten der kurzatmig vorgetragenen Melodielinie des zweiten Satzes. Wenn man als Solist schon solch entwaffnend herzliches Material verfideln darf, sollte man es ruhig auch aussingen und -schwingen lassen. Das geht. Übrigens ganz ohne Schmalz und Schleim – einfach mal bei Frau Mutter nachschlagen (Link). So ist dies Lied ohne Worte ein Lied ohne Wert. Das Ende einer Phrase einen Deut länger halten würde schon helfen, zart genug ist der Vortrag ja durchaus. Im spritzig-flirrenden Finale spritzte es ebenso wenig wie es flirrte, alles ganz brav nach Vorschrift, aber so auf Nummer sicher kann mir das Stück auch gestohlen bleiben. Eines muß man Barenboim lassen: Er scheint selbst am besten zu wissen, was ihm wirklich liegt – die Bach-Zugabe bot jedenfalls ausreichend Gelegenheit, in leisem, duftig-weichem Tonfall das Ohr zu umschmeicheln. Und noch eines machte mir den Solisten sympathisch: Endlich mal ein Geiger, der bei der generell löblichen Idee, als Zugabe Bach zu kredenzen, NICHT reflexartig zur Sarabande aus der Partita Nr. 2 greift. Dafür ein aufrichtiges Dankeschön.

Mehr als einen Grund dankbar zu sein, gab es allerdings nach der Pause. Wer Bruckner als in erster Linie langsame, mitunter zähe Angelegenheit abgespeichert hat, die in Weihe vor sich hin schleicht und trompetet (eine Sichtweise, die natürlich so oder so Mumpitz ist), dem sei Jansons knackfrische, atemberaubende Lesart wärmstens empfohlen, der uns mit seinen makellosen Bajuwaren den „treudoofen“ Ösi aber sowas von adrenalingetränkt um die Ohren pfefferte. Holla!

Bruckner als D-Zug. Gleich ab den ersten Takten heißt es einsteigen – oder besser aufspringen – und mitreißen lassen. Solch flotte Tempi habe ich für Bruckner sonst nur ähnlich bei Salonen erlebt, lustigerweise ebenfalls mit der Sechsten. Das Besondere an dieser Interpretation ist, was für ein Strom durch die Geschwindigkeit entsteht, bei der die eigene Konzentration spielend auf den Wellenkämmen der Brucknerschen Struktur dahingleitet. Federnd, fesselnd, ein nie abbrechender Fluß (Auch gerade bei den typischen Bruckner-Pausen). Keine Spur von Anstrengung oder gar Ermüdungserscheinungen, einfach nur pures Vergnügen am symphonischen Wunderwerk. Dabei natürlich im Gegenzug von Hektik keine Spur, das Orchester eilt nicht, es demonstriert im besten Sinne virtuos seine Souveränität. Wobei Souveränität nicht allein auf technische, sondern gleichermaßen auf klangliche Fähigkeiten zu beziehen ist. Nenne mir eine Facette – dieses Orchester hat sie in petto. Allein der sonore Klang der stampfenden Celli war den Besuch wert.

Und nochmal: Es ist wirklich spannend zu erleben, was Jansons Handhabe mit dem Werk – aber eben auch einem selbst – macht und wie geschmeidig beschwingt diese wuchtige Musik daherkommen kann – ohne an Wucht bzw. Wirkung zu verlieren, versteht sich. Allein welche tänzerische, aufblühende Konnotation das Seitenthema des ersten Satzes (ich nenne das einfach mal so, das eher ruhige, liebliche halt) entwickelte, ließ mich regelrecht schmunzeln. Interessant auch, daß Jansons, bei allem zupackenden Drang, dem energischen Zugang, auf dynamische Extremkontraste, wie Tate sie häufig einsetzt, verzichtet. Ein weiterer schöner Beleg, daß das Beharren auf einer einzig „gültigen“ Herangehensweise höchstens geneigt ist, den eigenen Horizont einzuschränken. So erfrischend der erste, so leidenschaftlich der zweite Satz, so keck das Scherzo, so triumphierend das Finale – so macht Bruckner einfach Spaß.

23. März 2011

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – Mariss Jansons.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 6, Platz 16


Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert Nr. 3 (Mitsuko Uchida)
Zugabe: Robert Schumann – aus: Davidsbündlertänze

(Pause)

Richard Strauss – Ein Heldenleben
Zugabe: Edvard Grieg – Solveigs Lied (Peer Gynt-Suite)



Akustik für Strauss in dieser Form nicht ideal; Lautstärke ja, Druck bedingt. Da klingen die Tutti schon etwas matschig. Orchester konnte daher seine Qualität nicht ganz auf die Straße bringen. Aber von Anfang an. Beethoven: Wunderbare Interpretation, sowohl von Jansons als auch Uchida. Schön energische, runde Herangehensweise. Gleich zu Beginn ein Patzer der Solistin? Unerheblich. Fesselnd! Zarter Anschlag wenn erforderlich. Ganz stark im zweiten Satz und Kadenz erster Satz.

Strauss: Sehr gute Interpretation, es geht aber noch besser ... ein gutes Beispiel: Wenn in der Walstatt das Soloviolin-Thema wiederkehrt, sollte es daherkommen wie ein lässiger Schwung im Auge des Sturms, ohne den eigentlichen Fluß zu unterbrechen. Dies war heute nicht der Fall. Es hakte. Jansons und Strauss; ich hatte ja schon im TV beim Zarathustra meine Bedenken, bei der Rosenkavalier-Suite war alles in Ordnung – auch hier also wieder Jammern auf höchstem Niveau. Generell: Druckproblem (Blech klingt gut, kommt aber zu wenig an (es geht wiederum nicht um die reine Lautstärke). Seltsam: Die ersten Violinen haben einen eher mäßigen Eindruck in höchster Lage hinterlassen (Akustik?). Irgendwie stumpf. Am besten gefiel mir der letzte Teil der Tondichtung. Konzertmeister eine Bank bei Solostellen. Auch hier im letzten Teil top! Zart, brüchig, verletzlich. Zugabe sehr sensibel, hier waren die Geigen passend, etwas spröde, sehr gut.