Posts mit dem Label NDR Elbphilharmonie Orchester werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label NDR Elbphilharmonie Orchester werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

15. Juni 2025

NDR Elbphilharmonie Orchester – Herbert Blomstedt. Elbphilharmonie Hamburg.

10:00 Uhr Einführung, 11:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 3, Platz 2



Johann Sebastian Bach – Jauchzet Gott in allen Landen / 
Kantate BWV 51

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36


NDR Elbphilharmonie Orchester
Regula Mühlemann – Sopran
Dirigent – Herbert Blomstedt



Bei der Einführung mit Thomas Cornelius sprang Raliza Nikolov für Regula Mühlemann ein, die laut Nikolov mit dem Kreislauf zu kämpfen hatte – im Konzert war die Sopranistin dann aber ohrenscheinlich wieder voll auf der Höhe. Die Einführung selbst entwickelte sich als entspannter Plausch, bei dem Herbert Blomstedt im Mittelpunkt stand. Von Anekdoten aus dem gemeinsamen Arbeitsleben, die sowohl das ungebrochene Arbeitspensum und -Ethos des kommenden Monat seinen 98. Geburtstag begehenden Ex-Chefs des NDR, als auch dessen weiterhin geölten wie gewitzten Geist belegten, bis hin zu wunderbaren Tonaufnahmen von den Proben, mittels derer man dem unentwegt singenden Blomstedt bei der Erarbeitung von Details zumindest indirekt beiwohnen durfte, stellte die Einführung in erster Linie eine Liebeserklärung an den rüstigen Schweden dar.

Insbesondere Cornelius hatte die Stauner und Lacher auf seiner Seite, ob er nun Blomstedts unglaubliches Namensgedächtnis rühmte, seinen von ihm verliehenen Spitznamen (Der Ding Ding Ding Mann) enthüllte oder seine irrige Annahme, Opfer von Spam-Mail geworden zu sein. Wir erfahren: Der Maestro schreibt immer noch selbst und hält sich nicht lang mit Kleinigkeiten wie Geburtstagen auf – zum 120. könne man ja immer noch gemeinsam feiern. Ein Ausspruch Blomstedts bei den Proben zum Bach bleibt besonders im Gedächtnis: das stetige Ausdünnen der Orchesterstimmen in einer bestimmten Passage kommentiert er mit „es werden immer weniger … wie im richtigen Leben“. Wobei es ihm damit laut Cornelius beileibe nicht um Resignation oder Pessimismus ging – das Leben und die Musik gehen immer weiter.

Blomstedts Sicht auf Beethovens Zweite ist ein weiterer Beleg für seinen Ansatz, den Blick stets frisch zu halten. Anstatt die Sinfonie wie üblich als Vorläufer/Vorbereiter der Dritten zu sehen, überwiegt in ihr laut Blomstedt vielmehr ihr Status als eigenständige Innovation (Zitat sinngemäß: ist die Erste noch ein breiter Haydn, so kommt die Zweite mit ganz neuer Atmosphäre daher). So sinniert er darüber, wie wohl seinerzeit die Zuhörer (und Musiker) dieses Werk aufgenommen haben und möchte auch für uns Beethoven-Vertraute den Blick auf diese Neuerungen lenken.

Das Konzert selbst feiert dann drei große Bs – Bach, Beethoven, und eben Blomstedt selbst (wobei er selbst dies sicher als Unsinn abgetan hätte). Ich habe ihn zuletzt vor mehr als 5 Jahren in der Elphi erleben dürfen (Link), seinerzeit schritt er noch ohne Hilfe auf die Bühne und absolvierte den Bruckner stehend (was mein um diverse Jahrzehnte jüngerer Rücken sicher nicht ohne Murren goutiert hätte), heute wird der verdiente Orchesterleiter von einem Mitglied des NDR zum Pult geführt, wo er für die kommenden Aufgaben Platz nimmt. Und wie er diese Aufgaben wahrnimmt! Der Bach ist von der Struktur her wie in der Einführung dargelegt – von viel zu wenig zu viel. Frau Mühlemanns Sopran wunderbar, sowohl bei den Koloraruren als auch in Sachen Zartheit (zweiter Satz). Und Blomstedt geht voll mit. Die Akustik so weit vorn ist ok, der Fokus liegt dadurch allerdings, gerade bei der größeren Besetzung im Beethoven, klar auf den Streichern. Die Bläser kommen immer noch klar durch, aber auch deutlich verortbar von hinten. Nach der Pause folgt ein knackiger, tiefgründiger Beethoven. Der Kopfsatz mit Schwung, der zweite innig und kontemplativ, der dritte mit ordentlich Pepp, das Finale in agilem Tempo und mit schönen Kontrasten.

Standing ovations für Blomstedt. Der obligatorische Weg von der Bühne und zurück wird untergehakt abgekürzt, in Sachen Emotion und Inspiration ist der – er möge mir die Doppeldeutigkeit nachsehen – Altmeister für uns heute jedoch die Extrameile gegangen.

12. Dezember 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester – Krzysztof Urbański.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 19 



György Ligeti – Atmosphères
Jean Sibelius – Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47
(Joshua Bell)

Zugabe des Solisten:
Frédéric Chopin – Nocturne Es-Dur op. 9/2

(Pause)

Mieczysław Weinberg – Sinfonie Nr. 3 op. 45



Zur Abwechslung mal ein anderes Gesicht bei der Einführung – kein Wunder, ist es doch meine erste NDR-Einführung seit Ewigkeiten. Herr Hodeide gibt zu jedem Werk eine Kurzvorstellung des Komponisten inklusive zeitlicher Einordnung sowie knapper Strukturanalyse. In dieser beleuchtet er neben den Aufbau auch kompositorische Besonderheiten, die dazu herangezogenen Musikbeispiele sind schlüssig gewählt und setzten den wohl eher wenigen vertrauten Weinberg in Verwandtschaft zum allbekannten Schubert. Darüber hinaus machen sie Lust auf das Werk, ohne zu viel vorwegzunehmen. All das präsentiert Hodeige ohne Umschweife, einzig vielleicht eine Spur zu mechanisch, wobei er beispielsweise Fachtermini stets im gleichen Atemzug erläutert – hier und da eine kleine Anekdote würde dem Ganzen wahrscheinlich gut tun – Stichwort persönliche Note.

Ligeti: Hoffnungsschimmer – Top-Klang, sehr kluge Dynamikregelung, generell sehr leise, gefällt mir ausgesprochen gut (Ohne Metrum kann Urbanski ...), Intonation weitgehend rein, das An- und Abschwellen funktioniert tadellos. Respekt, sehr verblüffende Wirkung. Für solche Werke wurde die Elbphilharmonie gebaut, leider gibt es kein adäquates Publikum dafür.

Sibelius: Klanglich weiterhin prima, auch hier sehr leise Grundlautstärke. Aber die Interpretation leider spannungslos. Es zieht sich – das sollte es nicht. Bell auch nicht so mein Fall: zu wenig Feuer, recht brav, nicht immer intonationsrein. Zugabe spricht Bände: Schmalz pur mit seiner eigenen Chopin-Version (Nocturne): Kitsch, süßlich-klebrig und ein bisschen Lamettagirlanden zum Schluss – und alle sind begeistert. Fast wie bei Rieu.

Weinberg: kein abschließendes Urteil. Sätze 1 und 2 aufs erste Hören wenig beeindruckend – gefälliger Schostakowitsch. Eingängig, lieblich, weniger komplex – bisschen Unterforderung. Adagio-Beginn auch eher seicht, dann aber mit deutlich intensiverer Entwicklung. Düsterer, spannungsgeladen. Finale auch kein happy Rausschmeisser, irgendwie ernster, fordernder. Hier und da interessante Instrumentierung. Der Klang überzeugt auch hier, einzig das Dirigat sieht schlimm aus, funktioniert aber.

Fazit: Ein ganz netter Abend.

17. Oktober 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester –
Herbert Blomstedt. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 19



Joseph Haydn – Sinfonie D-Dur Hob. I:104 „Londoner“

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 6 A-Dur



Also bis auf den Klangeffekt, den die tiefen Hörner zu Beginn des Finales in Kombination mit den über sie hinweg tanzenden Figuren der Streicher und Holzbläser schaffen, bietet Haydns Letzte mir leider bitter wenig. Dabei möchte ich diesem Komponisten gern gewogen sein, wo ich mich bei Mozart schon fasst mit meiner Gleichgültigkeit abgefunden habe. Auf theoretischer Basis kann ich durchaus nachvollziehen, wie die Sinfonie von für ihre Zeit sicher interessanten Ideen und Eigenheiten durchzogen ist, die letztlich auch Haydns Handschrift ausmachen. Und wahrscheinlich liegt das Hauptproblem in meiner Aversion gegen diesen spezifisch unbekümmert heiteren Ton, der weite Teile des Werkes dominiert.

So oder so, es hilft nichts – der Einstieg in den Abend gerät heute für mich zur Geduldsprobe. Daran ändert auch Blomstedts Zugang wenig, dem eine frische, durchaus lebendige Sicht auf das Ganze nicht abzusprechen ist. Der NDR klingt von meinem umgetopften Aboplatz aus sehr honorig, wenn auch gelegentlich wahrgenommene oder eingebildete Verschwommenheiten in der Präzision des Zusammenspiels ein wenig das Bild trüben. Randnotiz: Das NDR Abopublikum scheint zum Klischee des Altersdurchschnittes bei klassischen Konzerten noch einmal eine Schippe draufzulegen, oder bilde ich mir das ebenfalls nur ein?

Der erste Satz von Bruckners Sechster geht mehr oder weniger als Gewöhnungsphase für den NDR drauf, dessen Ausbaufähigkeit in Sachen Klang und Technik von diesem schönen Platz tatsächlich noch etwas unschöner zu Tage treten. Spätestens jedoch mit Beginn des wahrlich nichts weniger als himmlisch zu bezeichnenden Adagios übernimmt das Phänomen Blomstedt das Kommando über die Wirksamkeit dieser im allgemeinen Konzertzirkus maßlos unterschätzten Sinfonie.

Wie der Maestro sanft und mit genau dem richtigen Atem das Geflecht tastend, aber unaufhaltsam zur Entfaltung bringt. Es mag nicht Bruckners gewaltigster langsamer Satz sein, aber mit Sicherheit einer seiner schönsten. Allein der Einsatz der Streicher nach der Horngruppe gehört zum Besten aus der Feder des Kathedralen-Sinfonikers, zum Besten überhaupt. Es kommt natürlich heute noch hinzu, dass ich genau dieses Adagio nach Mahlers 9. wirklich gebraucht habe – Trost, ehrlicher, gütiger Trost, nach dem großen Fragezeichen. Aber auch jenseits des Zustandes, der die Zeit anzuhalten scheint, hat Blomstedt heute die richtigen Mittel, mir diese Sinfonie noch einmal mehr als Herz zu legen.

Das Scherzo keck und zackig – einfach das perfekte Timing, ergo eine perfekte Interpretation. Und schließlich der letzte Satz: vielleicht nicht das Überfinale, aber ebenfalls auf seine Art vollkommen. Besonders anrührend dabei für mich die immer wiederkehrenden „Mild und leise“-Zitate – hier jedoch eher Güte und Wärme denn Weltabschied verströmend. Dennoch ein Satz der Brüche, der Vielseitigkeit mit seinen stetigen Stimmungswechseln. In Blomstedt fand sich exakt der richtige Anwalt für diese Musik, das Konzert brachte für mich noch einmal eine (eigentlich peinlich einzugestehende) enorme Aufwertung der Sechsten, die bei mir unsinniger Weise auch immer etwas unter dem Radar lief. Doch wie heißt es so schön: besser spät als nie.

21. März 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester – Omer Meir Wellber.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Joseph Haydn – Sinfonie d-Moll Hob. I/80

Alfred Schnittke – Concerto grosso Nr. 1 für zwei Violinen, Cembalo, präpariertes Klavier und Streichorchester (Stefan Wagner – Violine, Rodrigo Reichel – Violine, Dirigent und Tasteninstrumente – Omer Meir Wellber)

(Pause)

Piotr I. Tschaikowsky – »Manfred«-Sinfonie in vier Bildern h-Moll op. 58



Das letzte Konzert meines NDR-Abos auf Etage 15 – nächste Spielzeit geht es auf 13 E weiter. Wehmut wäre auch nach dem heutigen Abschied fehl am Platze. Beim Haydn ist die akustische Welt noch in Ordnung. Etwa 40 Musiker füllen die Bühne leidlich, der Klang ist insgesamt sehr angenehm, homogen. Einzig das Cembalo ist kaum bzw. nur in manchen Passagen zu vernehmen. Solo-Oboe und Flöte erste Sahne – die Sinfonie selbst eher schon mit Haut auf der Milch. Die Hervorhebung der Originalität des Werkes (zu seiner Entstehungszeit) sei dem Autor des Programmhefttextes unbenommen, dennoch bin ich im Menuett kurz eingenickt. Zudem war der Multitasking-Dirigent in seiner Doppelfunktion etwas gewöhnungsbedürftig.

Nach der Sinfonie folgte ein Umbau in Windeseile, bei dem nicht wenig an Kabelage für die Arte-Live-Übertragung umgestöpselt werden musste – Respekt.

Schnittke: Sehr guter Streicherklang. Die Solisten, beides Mitglieder des NDR, ebenfalls mit einer absolut überzeugenden Leistung. Das präparierte Klavier gab dem Beginn und Schluss des Stückes eine besondere Stimmung – der nun scheppernde, gongartige Flügel evozierte ein Gefühl von Vergänglichkeit, wie es sonst beispielsweise bei Mahler durch den Einsatz des Tamtams aufkommt. Das Stück an sich changiert von düstersten, deprimierendsten Tiefen bis zu regelrecht gelösten, mitunter tänzerischen Passagen – an einer Stelle schält sich gar ein Tango hervor. Das Ganze ist von collagehaftem Charakter, trotz schärfster Dissonanzen gibt es immer wieder tonale Anker in der Partitur. Eine zutiefst fesselnde, fordernde Musik, am Ende zwischen höchsten Streichern und tiefsten Klavierschlägen verlöschend.

Mit Verzückung denke ich an die letze Live-Darbietung der Manfred-Sinfonie vor nicht allzu langer Zeit zurück. Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester (Link) gelang es mit Macht und Furor, dieses mir wenig geläufige Riesenwerk aus dem Schatten seiner ungleich beliebteren sinfonischen Schwestern 4 bis 6 zu reißen – so schien es zumindest an jenem Abend. Nach der aktuellen Neubegegnung tendiere ich dazu, keinesfalls die aus der Leistung der seinerzeit Beteiligten geborene Begeisterung für das Erlebte in Frage zu stellen, leider jedoch durchaus den tatsächlichen Gehalt der Sinfonie. Kurzum: ich glaube, ich habe den Manfred überschätzt. Daraus ergab sich eine Erwartungshaltung, die heute jäh unterboten wurde.

Der Aufbau ist nicht uninteressant, aber das verarbeitete Material an sich eher guter Durchschnitt. So pocht das Schicksal bei Tschaikowsky in seiner Fünften deutlich spannender an die Tür, wenn man die beiden Kopfsätze gegenüberstellt. Die Fee flirrt bei Berlioz verwunschener, überhaupt erinnert Vieles in diesem Werk an den Franzosen, ohne an ihn heranzukommen: Das Hauptthema des dritten Satzes –Harold in Italien ist mir lieber. Den Dämonentanz des Finales gab es in der Symphonie Fantastique auch schon mal besser. Das Thema des zweiten Satzes könnte dem Einfallspapierkorb Rimski-Korsakows entnommen sein – Scheherazade light. Die Verklärung ganz zum Schluß ist so ein weiteres Beispiel dafür, dass es in diesem Werk eher schlicht zugeht: Die Blechbläser vermelden Glanz und Gloria zwar mit Nachdruck, aber simpel. Harmonische Finessen – Fehlanzeige.

Noch ein paar Worte zum Dirigat und dem NDR: irgendwie seh ich viel Einsatz und doch kommt erschreckend wenig dabei rum. Ist es wirklich der Platz? Ich denke nur zum Teil. Die Interpretation Wellbers kann einfach bei weitem nicht mit Petrenkos Starkstromversion mithalten. So oder so freue ich mich auf meinen neuen Abo-Platz. Wobei sich das Publikum selbst ja leider nicht tauschen lässt – diverse NDR-Rentner-Pärchen halten zwischendurch gern mal ein Schwätzchen – ätzend.

Fazit: Nur der Schnittke.

7. Februar 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester – Ingo Metzmacher.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Olivier Messiaen – Trois petites liturgies de la présence divine 

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 13 b-Moll op. 113 »Babi Jar«

(NDR Elbphilharmonie Orchester, NDR Chor, WDR Rundfunkchor, Mikhail Petrenko – Bass, Cédric Tiberghien – Klavier, Nathalie Forget – Ondes Martenot, Dirigent– Ingo Metzmacher)



Messiaen: Ein unglaubliches Werk beschert ein unglaubliches Klangerlebnis – trotz der ab dem forte schwächelnden Streicher. Metzmacher wieder einmal der Anwalt der Raritäten, die zu Unrecht selten gespielt werden. Dabei ist Messiaen doch von der Harmonik eigentlich sehr eingängig, gerade in den langsamen Abschnitten, zudem ist die klare Struktur der Sätze (ABA) sehr fasslich. Höchstens wenn es sich ballt, wird es „wild“ und vertrackt. Ich bin jedenfalls hin und weg, vor allem vom ruhigen Teil des Finales. Einer der feinsten, delikatesten Hauche von Musik, die ich in diesem Saal bislang hören durfte. Ondes Martenot – die große Geige Messiaens. Klangwirkungen, Klangmischungen, Kontemplation und Ekstase. Der Chor ist der Held des Stückes, skandierend, beschwörend, balsamierend, hysterisierend – himmlisch!

Schostakowitsch: Die Anklage irdischen Leids statt religiöser Verzückung. Hart, bitter, scharf, ironisch gebrochen. Ein Wiedersehen mit Mikhail Petrenko, den ich bei meinem Ausflug nach St. Petersburg (Link) als Boris Godunow am Mariinski kennenlernte. Kommt der Tod in der 14. Sinfonie leise und den Atem erstickend, klagt Schostakowitsch den Schmerz hier immer wieder aus vollen Kehlen und mit äußerster Vehemenz an. Metzmacher lässt Orchester und Chor dementsprechend in den Steigerungen mit einem Höchstmaß an Brutalität agieren, allerdings ohne dabei den Solisten und das dynamische Gefüge in seiner Gesamtheit aus den Augen zu verlieren. Eine gallige, trotzige Erfahrung, die gleichsam erschüttert und gerade im Wechselspiel mit dem Messiaen zum Nachdenken darüber anregt, wie unterschiedlich und persönlich sich der musikalische Umgang mit den letzten Dingen zeigen kann.

13. Dezember 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Herbert Blomstedt.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Ludwig van Beethoven – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 
Es-Dur op. 73 (Emanuel Ax)
Zugabe: Schubert?

(Pause)

Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73



Das Phänomen Blomstedt – auch mit mittlerweile 91 Jahren immer noch verblüffend flott unterwegs. Der Gang auf die Bühne vielleicht eine Spur steifer im Rücken (kann ich mir auch eingebildet haben) als 2017 in Berlin (Link), am Pult jedoch weiterhin mit beneidenswerter physischer Präsenz – Der Mann hat Übersicht und läßt keinen Zweifel daran, dass er die Zügel mit gütiger Mine aber fest im Griff hat. Auch das Beethoven-Dirigat selbst ist mit Berlin vergleichbar – sehr rund und elegant, mir persönlich jedoch etwas zu gemütlich. Doch gerade dynamisch absolut ausgefeilt, facettenreich, das Orchester klingt sehr gut, sehr homogen. Generell heute erst mal nichts zu meckern. Im Gegenteil: die Hörner richtig gut! Die Akustik auf 15 M ist immer noch nicht mein Fall, aber immerhin transparent – tiefes Horn als Grund für den Solisten im dritten Satz war mir so noch nie aufgefallen. Ax passt dabei prima zu Blomstedt, ebenfalls rund, phänomenales Legato und butterweicher Anschlag – auch und gerade in der Zugabe.

Eine Prise Pausen-Rassismus: Das alte Klischee „Asiaten spielen technisch perfekt, jedoch ohne Seele“ erfreut sich in Teilen der Hamburger Bildungselite ungebrochener Beliebtheit. So erfuhr man ungewollt über Lang Lang: „Da können sie auch einen Automaten hinstellen“ Jawoll! Deutsche Leitkultur über alles in der Welt!

Aber zurück zu echten Leitbildern. Über Blomstedts Mimik und Gestik allein ließe sich ein Essay zum Thema ansteckende Lebensfreude verfassen. Über den jungendlichen Schwung seines Handkantendirigats. Über die freudig-erwartungsvollen Blicke an seine Mitstreiter, wenn er ihnen ihre Einsätze gibt. Oder über seine typische Geste beim Herauspicken der verdienten Solisten für den Applaus: eine Mischung aus Winken und Segnen der Musiker. Wer mit über 90 noch so intensiv Freude an Musik zu vermitteln und offenkundig zu erleben imstande ist, darf wahrlich gesegnet genannt werden.

Kein Segen ist leider mein Aboplatz. Habe ich bereits oft mit ihm gehadert, wurde die problematische Akustik heute nach der Pause noch einmal schlagartig klar. Offenbar ist die Verstärkung von der Beethoven- zur Brahms-Instrumentation alles andere als förderlich (u.a. 8 statt 4 Bässe). Der runde Klang weicht einem harten, kalten, zudem fällt er auseinander. Die Bläser dominieren die Streicher, letztere – eigentlich das Prunkstück des NDR – klingen dünn und kalt. So z.B. die Celli am Anfang des zweiten Satzes gespenstisch matt. Das Blech dafür lärmend, Horn leider nun auch mit ein paar Unsicherheiten (u.a. Solo zweiter Satz), Trompeten mit Patzer zum Satzschluss. So macht große Sinfonik einfach keinen Spaß, ich hoffe, dass ich meinen Platz zur neuen Saison endlich umtopfen kann.

Dafür gibt es beim Brahms, wahrscheinlich auch angeregt durch die gute Einführung, unerwartet spannende Bezüge zu Mahler zu entdecken. Eigentlich unverständlich, dass mir das nicht schon früher aufgefallen ist, schließlich gehören die Sinfonien des Hamburger Jung nicht gerade zu den seltenen Exoten in den Konzertprogrammen und die auch in der Einführung angesprochene Leihgabe der „Naturlaut“-Intervalle aus dem Finale, mit denen Mahlers Erstling beginnt, stellt ein mir seit Jahr und Tag bekanntes Kuriosum dar. Viel spannender als diese einzelne zitathafte Stelle schien mir heute allerdings die ganze Faktur der Zweiten, welche – wenn man so will – Brahms konzeptionell viel näher an Mahler heranrückt, ja ihn in gewisser Weise durchaus als Vorgänger auf charakterlicher Ebene erscheinen lässt.

Ich muss gestehen, dass ich gemeinhin mit der Zweiten am wenigsten anfangen konnte, gerade nach dem ersten Kennenlernen schien sie mir ungleich uninteressanter, ja seichter als die von Dramatik nur so durchzuckte Erste. Das ist natürlich eine dumme Einschätzung, aber zum Glück muss man ja nicht unbedingt (ganz) dumm bleiben. Was mir immer mehr, und heute eben wieder mit Macht aufgeht, ist die Ambivalenz, die in dieser Sinfonie verborgen (oder halt für Blitzmerker offenkundig) ist. Nehmen wir einmal beispielhaft den dritten Satz, namentlich die Holzbläser, im Besonderen die Oboe: Ihr Auftreten wirkt zuerst beschaulich, gemütlich, dann jedoch mindestens in gleichem Maße melancholisch, fast sentimental.

Die Ton gewordene wehmütige Erinnerung, die bei Mahler so oft anzutreffen ist und deren Vorläufer ich immer eher bei Schubert gesehen habe – hier findet sich ein ergreifender Vorgriff beim „absoluten“ Musiker Brahms. Gut, über die Unsinnigkeit, von absoluter und programmatischer Musik in klar abgrenzbaren Kategorien zu sprechen, hatte ich mich sicher bereits oft genug ausgelassen, das würde hier den Rahmen sprengen. Vielleicht liegt auch keine Wahnsinnserkenntnis darin, diesen Bezügen zwischen den beiden (zumindest stilistisch) scheinbar grundverschiedenen Komponisten nachzuspüren, aber für mich war das heute frappierend, gewissermaßen vom privaten Ringen bei Brahms zum Weltringen bei Mahler.

7. Juni 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Jukka-Pekka Saraste.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 2, Platz 10



Carl Nielsen – Helios-Ouvertüre op. 17 
Dmitri Schostakowitsch – Konzert für Violine und Orchester
Nr. 1 a-Moll op. 77 

(Leonidas Kavakos)

(Pause)

Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op. 82



Der Bestplatztest für den NDR, noch dazu mit mit dem geliebten Sibelius – man durfte gespannt sein.

Nielsen: Das Orchester klingt gut ... aber sicher nicht überragend. Der feine, oft fast schon an eine perfekte Studiomischung erinnernde Klangeffekt will sich nicht recht einstellen. Etwas lärmig, hart im Tutti. Zudem treten die üblichen Leiden zutage: Ich mag die Hörner nicht, unabhängig davon, dass gleich der erste Einsatz in die Hose ging. Spröde. Angestrengt. Unrund. Streicher und Holzbläser allerdings prima, Blech insgesamt naja – alles beim Alten.

Kavakos: erst dachte ich: hoppla, seine Intonation hatte ich aber besser in Erinnerung – aber dann! Feine Stellen, die nicht feiner können, hoch und hauchzart. Fast schon jenseitige Expression in der Kadenz. Doch Kavakos begeistert nicht allein mit seidig Duftigem, gerade der Höllenritt im Finale gelingt unglaublich mitreißend. Lustig: in tiefer Lage gefallen mir die Hörner hier ganz gut, z.B. zu Beginn des 3. Satzes (Passacaglia) ... sonst immer noch nicht. Saraste mit gutem Tempo, aber Kavakos zieht eh alle mit – Bravo! Leider keine Zugabe.

Irgendwie mag ich die Sitzordnung des Orchesters nicht, die hinteren Reihen sind zur gewohnten Konstellation gespiegelt – Bässe links, Hörner rechts u.s.w.. Aber es ist wohl vielsagend, dass ich nach der Pause Zeit für solche Gedankenspiele habe – als Begleitorchester für den Spitzensolisten reichts, aber nicht, um Sibelius zu tragen. Das ist zu wenig Kammermusik, zu wenig Feinheiten, Klangfarben, Übergänge, Mischungen, Artikulation, Phrasierung – hatte ich schon Feinheiten gesagt? Die verschiedenen Ebenen, Aggregatszustände kommen nicht rüber, es klingt das Skelett der Sinfonie durch, aber keine Spur von dem faszinierenden Organismus, den Sibelius uns zur immerwährenden (Neu-)Entdeckung hinterlassen hat. Da ist keine Transparenz, sondern es riecht nach ganz viel schwerer Arbeit, man ist offenbar nicht damit vertraut, ein Finne am Pult scheint auch nicht als Inspirationsquelle zu genügen.

Und immer wieder diese unsäglichen Hörner: Die erhabene Hauptmelodie im Finale zumindest zu Beginn ein einziger eiernder Brei, die (eigentlich guten) Streicher nicht schneidend genug. Viel zu laut dann bei der sonst atemberaubenden Passage, in der sie die eingangs vorgestellten Figuren sehr leise forttragen, während immer wieder Fragmente des Hauptthemas aufblitzen, darüber hinaus herrscht hier viel zu wenig Spannung, die Artikulation ist zu lasch – das muss wie auf der Rasierklinge klingen, über ganz dünnes Eis eilend. Apropos, der zweite Satz wiederum zu eilig, ohne die majestätische Ruhe, die von ihm ausgehen sollte. Die so wichtigen, bekrönenden Trompeten im ersten Satz und Finale auch nicht durchgehend überzeugend, teilweise flattrig. Kurzum, es holpert und klappert und klingt vor allem absolut nicht nach Sibelius. Unabhängig von den ganzen klanglichen und technischen Missständen hat mich Sarastes Interpretation ebenfalls enttäuscht.

Wobei ich mit dieser Meinung wohl wieder mal allein auf weiter Flur war – Applaus, Begeisterung. Den fachkundigen Hamburgern kann man halt nichts vormachen. Wenn ein Finne etwas Finnisches mit unserem NDR dirigiert, muss es gepasst haben, man kennt schließlich seine Pappenheimer ... beim Verlassen des Saales aufgeschnappt: „wie hieß der noch?“ ... „Salonen ... Esa-Pekka Salonen“. Merke, wie in der Ausführung von Musik gilt ebenso hier: knapp vorbei ist auch daneben.

22. März 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Krzysztof Urbański.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Wojciech Kilar – Orawa für Streichorchester
Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19
(Frank Peter Zimmermann – Violine)

(Pause)

Antonín Dvořák – Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70


Das letzte Konzert des NDR-Abos D, heute eher eines der Sorte für den kleinen Musikhunger zwischendurch. Nicht besonders lang das Programm, nicht besonders nachhaltig die Wirkung. Der Kilar mit einem eingängigen Streicherstückchen zwischen Minimal Music-Repetitionen und Balanescu Quartett-Feeling. Da fand ich die vor etwa einem Jahr ebenfalls durch Urbański und den NDR präsentierte sinfonische Dichtung aus der Feder des von mir für seinen Dracula-Soundtrack verehrten Polen deutlich spannender.

Spannung ist auch das Stichwort für das Violinkonzert, bzw. das Fehlen derselben bei der Interpretation durch Solist und Orchester. Was schrieb ich noch nach der Erstanhörung des Werkes im September (Link) an gleicher Stelle? Nervös-expressiv? Schroff? Heute eher eine geleckte, gediegene Angelegenheit. Nachträglich gebührt umso mehr Respekt Salonen und seinen Philharmonia-Kollegen – und es ist schlicht verstörend, was Pekka Kuusisto ganz im Gegensatz zum eigentlich geschätzten Frank Peter Zimmermann an Funken und Feuer aus der Partitur geschlagen hat. So habe ich das Konzert heute kaum wiedererkannt – die „schönen Stellen“, Vorboten des „Romantikers“ Prokofjew, fielen wieder auf, aber das ganze Gerüst darum blieb unwirklich blass.

Womit die nächste unrühmliche Überleitung geschaffen wäre, um die Präsentation des erhofften Highlights des Programms, des sinfonischen Energiebündels von Dvořák, traurig-treffend zu charakterisieren. Eignet sich die siebte Sinfonie wie kaum ein anderes „traditionelles“ Werk dazu, rhythmischen Furor zu entfesseln, war davon heute wenig zu spüren. Der laschen, harmlosen Lesart Urbańskis möchte ich nur ein Wort entgegenstellen: Kubelik. Einfach mal reinhören und vergleichen – ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Überhaupt Urbański: Der erste Gastdirigent des NDR mag auf den ersten Blick wie der Prototyp des jungen, dynamischen Pultlöwen erscheinen, bemisst man allerdings seine Wirkung abzüglich des seltsam affektierten, ja bisweilen unangenehm theatralischen Auftretens, bleibt nicht viel mehr als ein stylischer Bettvorleger übrig. Den Taktstock wie eine Peitsche über die Schulter ausholend geschlagen, eine Feldherrengeste hier, ein süßliches Schwelgen da – angesichts des mangelnden Effektes auf die Gestaltung einfach unerträglich. Einfachste Tempokontrastpotenziale werden verschenkt, von der harmlosen Artikulation ganz zu schweigen. Dvořák zum Abgewöhnen. Das Gros des Publikums ist dennoch begeistert und bejubelt den feschen Dirigenten und das Hausorchester – man ist genügsam im NDR-Fanclub.

Mein Abo-Fazit: Vier Konzerte, die den weiten Weg des Ensembles zur postulierten Weltspitze schonungslos offenlegen. Das Trockenobst Hengelbrock kapitulierte, die dirigierende Reiswaffel Gilbert steht in den Startlöchern, flankiert vom 1. Gastposterboy. Mir bleibt nur auf interessante Gastdirigenten zu hoffen und auf ein Entwicklungswunder – wo und durch wen das auch immer herkommen soll. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

18. Januar 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Christoph Eschenbach.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Franz Schubert – Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 „Unvollendete“

(Pause)

Paul Hindemith – When Lilacs Last in the Door-Yard Bloom’d / A Requiem „For those we love“

(Gerhild Romberger – Alt, Matthias Goerne – Bariton, RIAS Kammerchor, NDR Chor)


Gerade mal drei Tage nach der ersten Vollendung der Unvollendeten in diesem Saal nun die zweite Auflage. Auf Sir Simon als designierter Chef des LSO folgt der geschätzte Christoph Eschenbach mit seinen ehemaligen Kollegen vom NDR. Leise Töne mögen sie beide, beziehungsweise ist der Hang zu Streicherflächen an der Grenze des Mach- und Wahrnehmbaren heute wie bereits Montag offenkundig. Es ist ein bisschen gemein, dass die Londoner derart entrückt vorgelegt haben, ansonsten hätte mich der sensible Auftritt der Hanseaten wahrscheinlich noch viel mehr beeindruckt. Am Ende geht das imaginierte Duell weniger aufgrund der unvergleichlichen Akustik auf meinem Lieblingsplatz, oder die nicht von der Hand zu weisende Klanggüte der Briten, denn vielmehr Kraft der zwingenderen Interpretation Rattles zu Gunsten der Erstlieferanten aus.

Eschenbach geht den Schubert ziemlich breit und getragen an, mit Pathos und Weihe, aber hier und da auch etwas schleppend. Zwar war Rattle ebenfalls nicht mit Raketenantrieb unterwegs, aber bei den Londonern gelang das Kontrastverhältnis bei Dynamik und Ausdruck zwingender. So waren mir heute die Fortissimo-Ausbrüche im ersten Satz nach den leisen Plateaus nicht knackig genug, anders gerieten die Holzbläsereinsätze nach den fließend-zarten Streicherpassagen zu irdisch, in jedem Fall zu laut. Dennoch braucht sich die Leistung des NDR insgesamt nicht zu verstecken, vor allem die Streicher klingen edel, der Gesamteindruck ist geprägt durch Transparenz und differenziertes Spiel.

Nach der Pause folgt mit dem Hindemith-Requiem eines jener kaum gespielten Riesenwerke, das angesichts seiner Abstinenz in den Konzertprogrammen bei der ersten Begegnung selbst glühende Verehrer des Komponisten wie mich leicht überfordert, dessen Reichtum und Gehalt jedoch ebenso deutlich anklingt. Typisch Hindemith, kommt es mir immer wieder in den Sinn, klangliche Parallelen zum Mathis oder anderen Schöpfungen stellen sich ein. Dazu ungewöhnliches wie ein Fernorchester, in dem jenes bekannte militärische Fanfarenthema intoniert wird, welches man mit Morgenapell, aber auch Begräbnis assoziiert. Immer wieder unterstützt die Orgel den gewaltigen Orchesterapparat, auch die Chorszenen sind von teils infernalischer Wucht.

Wenn es aber richtig emotional ans Eingemachte geht, bleibt Hindemith sich treu: eine einzelne, zarte Soloflöte leitet mit überirdisch schöner Kantilene das transzendierende Moment ein. Wenn man dann noch mit Matthias Goerne den Honigbariton unserer Zeit auf der Bühne weiß, steht der Verklärung nichts mehr im Wege. Was für ein Sänger! Seit ich das erste Mal seine Interpretation diverser Mahler-Lieder auf CD bestaunt hatte, kenne ich kaum eine Stimme, die mehr Charakter, falls erforderlich auch Autorität, aber vor allem Wärme und Seele ausstrahlt. Die Kombination mit Gerhild Romberger ist dabei äußerst gelungen. Ihr fast schon schwarzes Timbre rückt die englisch/amerikanischen Texten teilweise in Richtung Gospel, faszinierend.

Weniger beeindruckend als das Werk schlug heute leider der akustische Eindruck zu Buche. Zwar stellten sich wiederholt bei sehr leisen, intimen Stellen äußerst berührende Momente ein, jedoch gerade die angesprochenen dynamischen Eruptionen verpufften leider weitgehend, was nicht unbedingt an mangelnder Lautstärke lag. Der Chor klirrte, das Blech blieb nackt, seltsam dünn. Gewaltige Kräfte, die sich nicht übertragen wollen. Sicher, man kann auf vielen, womöglich allen Plätzen starke Eindrücke haben, ich für meinen Teil bin allerdings mittlerweile verwöhnt und sehne mich nach dem klanglichen Schoß auf Ebene 13.

Viel härter als diese akustischen Ungereimtheiten wiegt allerdings weiterhin die Ignoranz und Respektlosigkeit so vieler Besucher. Es ist eine Peinlichkeit sonder gleichen für Hamburg, dass es Kohorten von ichbezogenen, kulturlosen Sesselfurzern nicht einmal abwarten können, bis die Künstler, welche sich hier gut zwei Stunden für sie den Arsch abgearbeitet haben, den ersten verdienten Applaus entgegen genommen haben – geschweige denn den paar Minuten Dankesbekundung tatsächlich bis zum Schluß beizuwohnen. Diese Maden kotzen mich an – bei mir bekämen die alle Hausverbot, wenn man nicht glaubhaft einen Infarkt oder ähnliches vorzuweisen hat. Der Atmosphäre kommender Konzerte täte es sicher gut, so oder so.

9. November 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Ludwig van Beethoven – Violinkonzert (Frank Peter Zimmermann)
Zugabe: Sergej Rachmaninow – Prélude op. 23, Nr. 5 g-Moll
(Transkription Ernst Schliephake)

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 7


Es ist zum Mäuse Melken. In diesem Leben wird das wohl nichts mehr mit dem NDR und mir. Da kann nicht mal Paavo Järvi als Vermittler helfen, den ich insbesondere in seiner Funktion als Chef der Kammerphilharmonie Bremen und sichere Bank als Gastdirigent sehr schätze. An seiner Interpretation lag es nicht, dass heute trotz zweier Lieblingswerke nicht so recht Favoritenstimmung aufkommen wollte.

Egal ob Beethoven oder Schostakowitsch, an der Lesart und der „technischen Ausführung“ habe ich wenig auszusetzen – und doch will sich die Wirkung, die von diesen Werken ausgehen kann, einfach nicht einstellen. Sind es die (fehlenden) Klangfarben? Gibt es da doch eine gewisse akademische Steifheit, oder bilde ich mir das nur ein? Am Ende kann es mir egal sein, komme ich mit anderen Orchestern doch einfacher ans Ziel.

Fazit: Halbzeit im Abo D, Ernüchterung macht sich breit, vielleicht begebe ich mich nach dieser Spielzeit doch NDR-technisch ein paar Jahre in den Winterschlaf, zumal mich der designierte neue Chef des Vereins auch nicht unbedingt in euphorische Vorfreude versetzt. Man wird sehen und vor allem hören, was die Zeit bringt.

8. Oktober 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Thomas Hengelbrock.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Ebene 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Witold Lutosławski – Musique funèbre
Wolfgang Amadeus Mozart – Requiem d-Moll KV 626
Zugabe: 

Johann Sebastian Bach – „Du, o schönes Weltgebäude“ 
BWV 301 und „Komm oh Tod, du Schlafes Bruder“ aus 
„Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ BWV 56

(NDR Elbphilharmonie Orchester,
Balthasar-Neumann-Chor und -Solisten,
Anna Lucia Richter – Sopran, Wiebke Lehmkuhl – Alt,
Lothar Odinius – Tenor, Tareq Nazmi – Bass)



Lutosławskis Trauermusik als „modernes“ Entree zu einem Totenmessen-Klassiker – da war doch was. Richtig, Tate hat es bereits 2014 in Hamburg vorgemacht, als die Eröffnung der Elbphilharmonie noch in den Sternen stand, seinerzeit mit dem Brahms-Requiem (Link). Was nicht suggerieren soll, dass die Symphoniker Hamburg, damals noch Hamburger Symphoniker, diesen Programm-Kniff erfunden hätten. Interessant eher, dass die Aufführung eines allseits bekannten Trauer-Opus offenbar gern als Anlass genommen wird, doch auch mal das Lutosławski-Stück zu präsentieren. So schrecklich oft ist der Pole ja sonst nicht im Konzertsaal anzutreffen. Was sehr schade ist, wie ich nach dem heutigen Abend wieder feststellen konnte.

Das etwa 15-minütige Werk für Streicher mag vor Tritoni und Dissonanzen nur so zu strotzen – Stichwort Clusterbildung – für mich klingt diese Musik, obwohl ich sie nicht gut kenne, äußerst vertraut und nah. Im Mittelteil, nachdem alles zur Ruhe kommt und leises Pizzicato einen neuen Abschnitt einleitet, sehe ich im Gesang der Violinen, begleitet von den Celli und Bratschen, während die Bässe ehrfürchtig schweigen, eine faszinierende Parallele zu Hindemith, genauer zur Mathis-Sinfonie. Die Streicherflächen der Grablegung, aber auch eine bestimmte Passage aus dem dritten Satz, der Versuchung des hl. Antonius, kommen mir in den Sinn. Nicht, dass Lutosławski hier Hindemith zitieren würde, aber die Stelle strahlt diese gleiche entkörperlichte, überirdische Schönheit gepaart mit tiefer Wehmut aus. Wahrscheinlich gibt es darüber hinaus viel naheliegendere Verbindungen zu Bartok, dem Lutosławski das Stück schließlich gewidmet hat, nur bin ich in dessen Œuvre leider nicht so firm.

Mit Mozart hingegen ist natürlich jeder vertraut. Sollte man zumindest meinen. Also ich ohnehin bekanntermaßen weniger – aus Gründen. Dennoch war es auch und gerade für mich besonders erfreulich, dass in der Einführung, nachdem wie üblich die Melange aus Legendenbildung und Anekdotenhalbwissen-Bingo, welche traditionell das Requiem umweht, nur noch einmal kurz umrissen und abgefertigt wurde, Herr Heile ein weitaus interessanteres Thema anschnitt: Mozart und seine Inspirationsquellen. Auch Mozart hat – wie alle Großen – geklaut, aber dabei – wie alle Großen – Neues hinzugefügt, weiterentwickelt. Eigentlich wenig überraschend, aber es gibt sicher nicht wenige Verklärer, die den Göttlichen gern als Gestirn, das sich einzig um sich selbst dreht, sehen würden. Mumpitz. Händel, Bach, Haydn – zur Abwechslung mal der Michael – haben alle spannende Sachen abgeliefert, so spannend, dass Mozart deren Aneignung und Veredelung im Betracht zog. Auch eine interessante Einschätzung: Mozart sei eher Vervollkommner bzw. Vollender denn Erfinder gewesen – im Gegensatz zu Haydn (jetzt aber der Joseph). Apropos Vollendung: jene des Requiems sei übrigens weniger aufgrund künstlerischer Weitsicht, sondern mehr aus der Sorge Constanzes um die bereits eingesackte Anzahlung und noch fehlende Schlussraten für die Messe angeschoben worden. Solche Anekdoten finde ich dann doch amüsant.

Das heutige Programmheft beherbergte die Besetzung des Orchesters als Faltblatt nebst Mini-Interview zum Thema historische Aufführungspraxis. Ich persönlich kann mich wirklich stundenlang mit der Entwicklung der Instrumente beschäftigen – auf Wikipedia, nicht im Konzertsaal. Konvex gebogene Bögen, ventillose Trompeten, Barockposaunen, kleinere Pauken, von mir aus. Ok, es ist klar, dass Mozart in Straussbesetzung diese Art von Musik in Sachen Transparenz nicht unbedingt nach vorne bringt, aber das ganze Gewese um (pseudo-)alte Instrumente bleibt mir bis auf Ausnahmen schleierhaft. Oder anders ausgedrückt: nicht uninteressant, aber im Ergebnis selten luststeigernd. Geschichtsunterricht halt. Ich bin sehr gern nach Gotha gefahren, um mir die alte Bühnentechnik mit ihren von Geisterhand wechselnden Papp-Scherenwänden in Aktion anzusehen, aber ich bin heilfroh, dass es an den Theatern heute auch in Barockopern mehr als die Option gibt, Bäume durch Säulen auszutauschen. Was sicher kein Plädoyer für ein anderes, viel schlimmeres „Pseudo“ sein soll, den (Pseudo-)Realismus im Theater. Aber ich schweife ab.

Viel wichtiger als irgendwelche Nasenhaarbögen und Posaunen mit oder ohne Schnüffelstück ist im Konzert immer noch der Einsatz der Musiker, nicht zuletzt des Dirigenten. Gefiel mir der Lutosławski unter Hengelbrock noch ausgesprochen gut, ja erwies sich als packend und intensiv, brachte er mit dem Requiem das Kunststück fertig, eines der wenigen Stücke Mozarts, für das ich so etwas wie leise Sympathie, mitunter gar Bewunderung hege, so blutleer und trocken in die makellose Akustik der Elbphilharmonie zu versenden, dass es auch dieses Mal ein Kampf auf Leben und Tod mit dem Sandmännchen wurde.

Gleich der Beginn – warum so hastig? Man kann auch schreiten, ohne zu schleppen und trotzdem den natürlichen Atem bewahren. Das Dies irae – gehetzt, verstolpert. Das Lacrimosa – seltsam aseptisch, dazu mit irritierend punktierten Betonungen. Dabei verfolgt der Mann vom Grundsatz her doch eigentlich vielversprechende ästhetische Ansätze: klare dynamische Kontraste, eine zum Teil äußerst knackige, fast aggressive Gangart in den schnellen Passagen (Rex tremendae majestatis) – wenn ich doch nur sein Timing nachvollziehen könnte. Da bringt mir auch der Hinweis aus dem Programmheft nicht viel, dass man mit Barockbögen deutlich agiler unterwegs sein kann, wenn das Ergebnis ohne die entsprechende Präzision an meinen Ohren vorbeischrammelt. Wo wir wieder beim Klang sind: dafür dämpfen diese tollen historisch verbürgten Bögen den Streicherklang dermaßen, dass er in der tendenziell ohnehin streicherfressenden Akustik des Saales, von Bläsern und Choristen übertönt, ein Schattendasein fristen muss.

Am Ende entschädigte zumindest die unverhoffte Zugabe ein wenig. Bach als zarter Klangtest für Ohren und Halle. Gerade der Schlusschoral der Kreuzstab-Kantate, a cappella durch den Balthasar-Neumann-Chor dargeboten, vermittelte auf den letzten Metern des Konzerts jenen feinen, schwebenden Charakter, der wohl bereits den ganzen Abend intendiert war – leicht, aber nicht leichtgewichtig. Und schloss gleichzeitig den Kreis zur Einführung: das Aufgreifen eines musikalischen Gedankens für ein neues Werk, hier mit dem Sonderfall, dass „Urheber“ und „Entlehner“ ein und dieselbe Person sind.

14. Mai 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Antonio Méndez.
Elbphilharmonie Hamburg.


11:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 12, Platz 1



Michail Glinka – Ouvertüre zu „Ruslan und Ljudilla“
Béla Bartók – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 BB 48a
(Vilde Frang – Violine)

(Pause)

Sergej Rachmaninow – Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27


Heute mal das Parkett mit Orchester ausprobiert; letzte Reihe, um genau zu sein. Was ich vermutete, hat sich bewahrheitet – viel weiter vorn sollte man bei groß besetzten Werken wohl nicht sitzen. Der Klangeindruck insgesamt ist mehr als ordentlich, vielleicht nicht ganz so gut wie im Block 13 E, dessen erhöhte Ebene direkt hinter diesem Platz aufragt. So sitzt man in Reihe 12 dementsprechend unmittelbar vor einer Wand der bekannten Akustikverschalung. Mitunter nicht das Schlechteste – keine potenziellen Nervquellen im Nacken. Ansonsten treten auch hier die liebgewonnenen Vorzüge zu Tage: Differenzierte Klangwirkungen, ordentlich Bumms, leise Stellen wirken atemberaubend.

Wobei heute in erster Linie Frau Frang für den geraubten Atem verantwortlich zeichnete. Insbesondere der erste Satz des Bartok-Konzertes hat mich sowohl vom Material her als auch durch dessen suggestive Vermittlung schwer beeindruckt. Die Solistin bringt alles mit, was man abgesehen von der obligatorischen Technik für einen berührenden Vortrag benötigt. Lebendiger Ausdruck von superzart bis zupackend. Darüber hinaus liefert der NDR unter Mendez mit diesem Satz ebenfalls seinen besten Beitrag zum Programm. Enorme Klangwirkungen, Crescendi, die sich wunderbar plastisch aufbauen – man sieht die Tongebilde förmlich wachsen. Welch Kontrast vom Fortissimo zur unmittelbar folgenden, ganz intimen Stelle. Irisierender Klang, die Harfen tragen ihren Teil dazu bei. Der zweite Satz gerät dann nicht ganz so eindringlich, zwischen Rhythmischem, Treibenden und Innehaltendem – mag aber auch daran liegen, dass ich seine Faktur trotz (oder wegen?) des lebhaften Tempos als weniger spannend empfinde. Unterm Strich spiegelt das Konzert ganz treffend das ambivalente Verhältnis wider, welches ich für diesen Komponisten hege.

Ambivalenz ist insgesamt ein gutes Motto für diesen Abend, Pardon, Vormittag. Nehmen wir den Glinka: Tadellos musiziert, nicht ohne Schwung, aber eben doch ohne die letzte Präzision. Schnelligkeit allein bringt die Agilität diese Ouvertüre nur unzureichend zur Geltung. Entweder man gibt noch Schärfe der Akzentuierung hinzu, damit die Sache Schneid bekommt, oder man macht es ganz locker flockig, Virtuosität, scheinbar mühelos aus dem Ärmel geschüttelt. Dabei gestaltet Méndez durchaus – beim Seitenthema dämpft er merklich die Lautstärke, dynamische Kontraste sind das Ziel. Das Blech klingt besser als gedacht, das Bassfundament sitzt. Dennoch bleibt der Eindruck: Da wäre noch mehr gegangen.

Hatte ich mich im Vorfeld noch am meisten auf die Rachmaninow-Sinfonie gefreut, traten hier die Meinungsverschiedenheiten zwischen Méndez und mir am deutlichsten zutage. Der Mann ist spürbar um Feinheiten bemüht, verschleppt dabei aber mehr oder weniger die komplette Sinfonie. Alles klingt weich und rund, wie er es mit ausladender, fließender Gestik vorgibt. Was dieser Interpretation jedoch als Ausdrucks-Gegengewicht abgeht, ist mehr Kante, mehr Kontur an entsprechender Stelle. So läuft dieser Koloss Gefahr, im süßlich-milden Fluß vor sich hin zu plätschern, ja staut sich teilweise zäh wie Sirup auf.

Was es Méndez mit seiner buttrigen Lesart zudem nicht leichter macht, ist der Umstand, dass das Residenzorchester der Elbphilharmonie nur bedingt in der Lage ist, all die Feinheiten und Klangfarbenschmankerl abzurufen, die solch eine betont romantisch-breite Sichtweise dann zumindest für Soundfetischisten zum Erlebnis machen. Stattdessen wird solides Handwerk geboten, kein Klangzauber. Der erste Einsatz der Holzbläser im Vergleich zu den Streichern – zu laut. Das Klarinettensolo im Adagio – könnte deutlich zarter kommen. Ein signifikanter Einstieg der Bratschen – konturlos. Und so weiter und so fort. Nichts Arges, aber halt auch bei weitem nichts, um angesichts der Möglichkeiten, die dieser Saal bietet, mit der Zunge zu schnalzen. Überraschend allerdings, dass Méndez im Finale auf den letzten Metern dann doch wieder einfällt, wie man die Handbremse löst – nahm er die Steigerungen bis dahin gemäß Konzept eher langsam, zieht er die letzten Takte das Tempo gehörig an und sorgt somit, auch im Kontrast zum zuvor erlebten, für einen wahren Knalleffekt zum Schluß. Respekt, das nenne ich mal Wirkungs-Ökonomie – Allgemeine Begeisterung im Saal.

Was mich, abgesehen von derlei Frotzeleien, jedoch wirklich bei diesem Konzert beschäftigt hat, ist die Frage, warum ich mehr als 70 Euro dafür ausgegeben habe. Kein Festakt, einfach ein stinknormales Aboprogramm des NDR. Gut, alte Laeiszhallenbillets als Vergleichsbeweismittel für günstigere Zeiten hervorzukramen, ist ebenso nicklig wie realitätsfern, angesichts der allgemeinen Preissteigerungen, die beispielsweise ebenso das Philharmonische Staatsorchester bei seinen Auftritten hier erfahren hat. Und auch die seltenen Gastspiele der Symphoniker Hamburg in der Elbphilharmonie haben ihren Preis. Natürlich ist es mehr oder weniger immer so gewesen, dass Preisstaffelungen vor allem mit der erwarteten Qualität, oder sagen wir besser Strahlkraft der jeweiligen Klangkörper, Solisten etc. einhergehen. Und natürlich ließe sich trefflich darüber streiten, ob man für entsprechende Gastspiele von Spitzenorchestern das Dreifache ausgeben möchte – ich persönlich sehe dieses Geld in der Regel jeweils gut investiert.

Und eigentlich geht es bei meiner Frage auch weniger um die 70 Euro, sondern darum, wofür das NDR Sinfonieorchester, jetzt Elbphilharmonie Orchester (mit Deppenleerzeichen, ohne Bindestrich), steht – klanglich, künstlerisch. Wie klingt dieses Orchester? Was ist sein Profil, sein akustischer Fingerabdruck, der es unverwechselbar macht? So richtig kann ich das nach ca. 15 Jahren Konzerten in Hamburg immer noch nicht sagen. Es gab eine Zeit, da habe ich zumindest auf den Streicherklang geschwört. Unter den Bedingungen des neuen Saales relativiert sich selbst das deutlich. Noch ist es ungewiss, wo die Reise hingeht. Ich werde trotz aller Skepsis, nicht zuletzt aus reiner Neugierde, diese Reise ein Stück mitgehen – Abo D ist bereits gebucht – und mich, solange geschätzte Gastdirigenten wie Herbert Blomstedt oder Paavo Järvi eingeladen werden, weiter um Karten bemühen. Man sieht sich.

17. Februar 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Urbański. Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr, Etage 15, Bereich L, Reihe 1, Platz 1



Wojciech Kilar – Krzesany / Symphonische Dichtung
Igor Strawinsky – Le sacre du printemps


Eine gute und eine schlechte Nachricht. Auch auf Ebene 15 ist die Akustik der Elbphilharmonie eine Wucht, allerdings wuchtet es im dynamischen Sinne doch merklich weniger als auf den bislang probierten Plätzen. Oder man hat heute beim Sacre nicht alles rausgehauen – was ich mir nicht denken kann. An einem Mangel an Personal auf der Bühne wird es auch kaum gelegen haben, dass das letzte Quäntchen Dampf auf dem Trommelfell gefehlt hat. Der Wucht-Faktor erschöpfte sich so an der immer noch in Staunen versetzenden Transparenz. Wobei das ernüchternder klingt, als es tatsächlich war. Man ist nach den letzten Klangeindrücken eben verwöhnt.

Der auf satten Bassbereichen fußende Klang erlaubt auch von dieser Warte aus beeindruckende akustische Einsichten in das Zusammenspiel der einzelnen Stimmgruppen und das Orchestergefüge als Ganzes, nur doch eine ganze Ecke weniger präsent als in tiefer gelegenen Regionen des Saaltrichters. Was nicht weiter tragisch ist, zumal nicht nur die Physik etwas gegen Klang-Kommunismus hat, sondern es für jeden Musikfreund eine Selbstverständlichkeit sein sollte, den Sitzplatz je nach Konzertart, Besetzung sowie persönlichem Geschmack zu variieren. Wer auch immer den dummen Spruch „Man hört auf allen Plätzen GLEICH gut“ in die Welt gesetzt haben mag – ich bezweifle, dass es ein Mensch aus dem Konzerthausumfeld, geschweige denn Herr Toyota war.

Was unterscheidet also die Business Class von der First Class unter uns? Der Eindruck, dass die Streicher, insbesondere die Violinen, im Wettstreit mit den Bläsern latent den Kürzeren ziehen und ab einer gewissen Gesamtlautstärke teilweise im Tutti unterzugehen drohen, verstärkt sich offenbar mit zunehmender Entfernung von der Bühne. Die Wiener haben spätestens im Schostakowitsch klargestellt, dass sich die Streicher durchaus gegenüber ihren Kollegen vom Holz und Blech Gehör zu verschaffen in der Lage sind, wobei eine Vergleichbarkeit schon allein aufgrund diverser Meter Hörhöhenunterschied nicht gegeben ist. Konkret bewirkte dieser Effekt heute, dass beim Stravinsky im Fortissimo der oft fast schon rein perkussive Einsatz des Streicherapparetes im Gegensatz zu den Stößen und Hieben von Bläsern und Schlagwerk weniger dominant als gewohnt ausfiel.

Abgehen davon war es ein mehr als ordentliches Konzert: Das Orchester klang wunderbar (selbst die Posaunen überzeugten mit ungewohnter Schwärze), die Interpretation hatte durchaus Biss, einzig die Kombination zweier „Kraftstücke“ hat sich mir nicht so ganz erschlossen. Nichts gegen Kilar, schon allein weil ich sonst nicht in den Genuss meiner unverhofften Erstbeorgelung an dieser Stätte gekommen wäre, aber nach dem wahrlich erdbebenartig anschwellenden Schlussakkord war irgendwie das Pulver verschossen. Es hätte schon geholfen, wenn Urbański, wie es Hengelbrock an gleicher Stelle praktizierte, durch ein paar auflockernde Worte die mangelnde Pause kaschiert und der Zielgruppe nicht gleich sofort die nächste rhythmische Druckbetankung verpasst hätte. Die allgemeine Konzentration während des Sacre lies jedenfalls zu wünschen übrig – der Chor der Huster wuchs mit fortlaufender Dauer merklich an.

Insgesamt mutete dieses Konzert für Hamburg offizieller, etwas steifer an als das von mir im Januar besuchte: Die Musiker im Frack statt krawattenfreiem Schwarz, keine Anekdoten, keine Zugabe – vielleicht auch alles ein wenig den anwesenden Fernsehkameras geschuldet. Außerdem darf nicht vergessen werden, welchen Marathon sich der NDR mit dieser Konzertreihe aufgebürdet hat – allein dieses Konzert wird in unterschiedlicher Konstellation fünfmal an drei aufeinander folgenden Tagen gegeben. Nun denn, am Ende (ja bereits zur Opfer-Halbzeit war die Freude groß) wurde nicht minder applaudiert und gejubelt. Die Elphi begeistert eben doch auf allen Ebenen.

31. Januar 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester –
Thomas Hengelbrock.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:30 Uhr, Ebene 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 10



Bedřich Smetana – Vlatana (Die Moldau)
Maurice Ravel – Tzigane (Patricia Kopatchinskaja – Violine)
Zugabe: Maurice Ravel – Sonate für Violine und Violoncello,
2. Satz " Très vif"
(Patricia Kopatchinskaja – Violine, Nicolas Altstaedt – Violoncello)

(Pause)

Richard Strauss – Suite aus „Der Rosenkavalier“ op. 59
Zugabe: Richard Wagner – Lohengrin, Vorspiel 3. Akt



Wer am Veranstaltungstag wach und online ist, kann momentan fast bei allen Konzerten in der Elbphilharmonie noch Glück haben und eine Karte erhaschen. So bekam ich am Dienstag spontan die Möglichkeit, das NDR Elbphilharmonie Orchester unter seinem Chefdirigenten das erste Mal live in ihrer neuen Heimstätte zu hören, nachdem ich das Eröffnungskonzert nur aus der Konserve erlebte (Link). Dabei besonders aufschlussreich: mein Platz war nahezu identisch mit jenem bei der Wiener Offenbarung vor ein paar Tagen (Link). Dann steht einer Prüfung auf Herz und Nieren nebst Vergleich also nichts mehr im Wege.

Ich muss sagen, dass ich die "Gefahr", der Saal verzeihe keine Unzulänglichkeiten (bzw. mehr als andere), weiterhin so nicht nachvollziehen kann. Neben der wohl unstrittigen Transparenz, zeichnet ihn meiner Ansicht nach eher aus, klangliches Potenzial besser ins Bewusstsein zu bringen, oder, wie ich den heutigen Eindruck zusammenfassen möchte: der Saal schmeichelt dem NDR. Stärken, wie der feine Streicherklang, den ich seit jeher an diesem Orchester schätze, werden noch verstärkt – homogen, strahlend, von zurückhaltend bis durchdringend, alles auf Abruf vorhanden. Aber auch Elemente, die mich in der Vergangenheit eher weniger zu Begeisterungsstürmen hinreißen ließen, wie eine relativ harmlose Posaunengruppe, erfahren in der Elbphilharmonie eine deutliche klangliche Aufwertung. Zumindest in der Gestalt, dass die Äußerungen runder, plastischer rüberkommen, sich (eben trotz besagter Transparenz) besser in das gesamte Gefüge integrieren.

Sowohl die Rosenkavalier-Suite als vor allem auch die Wagner-Zugabe bot hier erhellendes Testmaterial – allerdings auch in der Form, dass man sehr wohl hört, was weiterhin fehlt bzw. entwickelt werden muss: Persönlichkeit der Klangfarben und eben jenes ehrfurchtgebietende, satte Fundament, welches in anderen Orchestern von diesen Instrumenten ausgeht. Woran dies liegt, ob am Material und/oder der Spielweise, kann ich als musikalischer Laie nicht beurteilen – den Unterschied hören allerdings durchaus, und zwar in jeder Halle. Genauso wie den ein oder anderen Wackler oder unschönen Ansatz bei den Trompeten – das kann einem ziemlich wurscht sein, unter welchen akustischen Bedingungen man sich darüber auf die Lippe beißt. Aber lassen wir es mal mit dem Blech-Bashing gut sein, viel wichtiger: Insgesamt betrachtet war es ein richtig gutes Konzert!

Überhaupt scheint mir das ganze Konzept der "Konzerte für Hamburg"-Reihe sehr gelungen. Hengelbrock greift neben dem Taktstock immer wieder auch zum Mikrophon, um eingangs zu umreißen, was überhaupt auf dem Programm steht, und dann jedes einzelne Stück kompakt vorzustellen. Kein Fachchinesisch, sondern beispielsweise für die Moldau ein paar Hinweise zu eingesetzten Instrumenten und deren Funktion auf der sinfonisch gedichteten Fahrt Richtung Elbe – sympathisch und kurzweilig. Und auch wenn die Vermutung nahe liegt, dass sich ein Großteil der Besucher – wie ja ausdrücklich beabsichtigt – nicht aus dem Stammpublikum klassischer Konzerte rekrutiert (dem Aufruf nach legerer Kleiderordnung wird bereitwillig entsprochen, die Selfie-Dichte ist noch eine Spur höher und Haribo-Tüten sind sonst eher seltene Mitbringsel), ist die Atmosphäre während des Konzerts erfreulich konzentriert und weit weniger hustenbefrachtet als mancher Aboabend. Wahres Interesse schafft eben wahre Aufmerksamkeit.

Und die Musiker des NDR und ihr Chef verdienen diese auch, indem sie die Stücke mit klanglichen Finessen und überzeugender Lesart präsentieren. Die bereits unzählige Male befahrene Moldau sprudelt frisch und kräftig, die Mondschein-Passage verzaubert mit kristallenem Streichergewebe, feinen Holzbläsergirlanden und Harfenglanz; das Rosenkavalier-Konzentrat mundete als musikalische Kalorienbombe vorzüglich (hier haben mich vor allem die Hörner positiv überrascht). Hengelbrocks Dirigat ist durchweg überzeugend und gestaltet, beispielsweise wenn er die tänzerische Bauernhochzeit am Ufer der Moldau durch rhythmische Akzentuierung und leichte Verzögerungen schön derb und täppisch skizziert. Auch beim Strauss erreicht er eine bemerkenswerte Geschlossenheit der an sich losen Szenenfolge, selbst im Lerchenauischen Tumult greift alles ineinander, Rosenübergabe und Schlussterzett atmen den Zauber zum Stehen gebrachter Zeit. Einzig mit der leichten Tendenz, bei melodischen Steigerungen ein wenig ins Eilen zu verfallen, anstatt sie auszukosten, kann ich mich nicht anfreunden – ein Zug, der mir schon im Parsifal-Vorspiel der Eröffnung missfiel.

Meiner Bewunderung für Frau Kopatchinskaja habe ich zwar bei früheren Gelegenheiten bereits zur Genüge Ausdruck verliehen, doch auch der heutige Auftritt brachte wieder alles mit, um sich frisch in ihr Spiel zu verlieben. Feuereifer und Innigkeit; eine Spannung bzw. Gespanntheit, die alles unter 100 % Einsatz und Hingabe für das Werk ausschließt; rasende Virtuosität gepaart mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Daß sie für die Ravel-Zugabe den Solisten des kommenden Konzertes zum konspirativen Funkenschlagen auf die Bühne bat, unterstreicht, wie viel ursprüngliche Freude ihr das Musizieren bringen muss – und sowas überträgt sich leicht auf jede Zuhörerschaft.

Fazit: Die Konzerte für Hamburg halten das, was sie versprechen: Einen Abend komprimierte Einführung in die Welt der Klassik auf Spitzen-Niveau.