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12. Dezember 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester – Krzysztof Urbański.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 19 



György Ligeti – Atmosphères
Jean Sibelius – Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47
(Joshua Bell)

Zugabe des Solisten:
Frédéric Chopin – Nocturne Es-Dur op. 9/2

(Pause)

Mieczysław Weinberg – Sinfonie Nr. 3 op. 45



Zur Abwechslung mal ein anderes Gesicht bei der Einführung – kein Wunder, ist es doch meine erste NDR-Einführung seit Ewigkeiten. Herr Hodeide gibt zu jedem Werk eine Kurzvorstellung des Komponisten inklusive zeitlicher Einordnung sowie knapper Strukturanalyse. In dieser beleuchtet er neben den Aufbau auch kompositorische Besonderheiten, die dazu herangezogenen Musikbeispiele sind schlüssig gewählt und setzten den wohl eher wenigen vertrauten Weinberg in Verwandtschaft zum allbekannten Schubert. Darüber hinaus machen sie Lust auf das Werk, ohne zu viel vorwegzunehmen. All das präsentiert Hodeige ohne Umschweife, einzig vielleicht eine Spur zu mechanisch, wobei er beispielsweise Fachtermini stets im gleichen Atemzug erläutert – hier und da eine kleine Anekdote würde dem Ganzen wahrscheinlich gut tun – Stichwort persönliche Note.

Ligeti: Hoffnungsschimmer – Top-Klang, sehr kluge Dynamikregelung, generell sehr leise, gefällt mir ausgesprochen gut (Ohne Metrum kann Urbanski ...), Intonation weitgehend rein, das An- und Abschwellen funktioniert tadellos. Respekt, sehr verblüffende Wirkung. Für solche Werke wurde die Elbphilharmonie gebaut, leider gibt es kein adäquates Publikum dafür.

Sibelius: Klanglich weiterhin prima, auch hier sehr leise Grundlautstärke. Aber die Interpretation leider spannungslos. Es zieht sich – das sollte es nicht. Bell auch nicht so mein Fall: zu wenig Feuer, recht brav, nicht immer intonationsrein. Zugabe spricht Bände: Schmalz pur mit seiner eigenen Chopin-Version (Nocturne): Kitsch, süßlich-klebrig und ein bisschen Lamettagirlanden zum Schluss – und alle sind begeistert. Fast wie bei Rieu.

Weinberg: kein abschließendes Urteil. Sätze 1 und 2 aufs erste Hören wenig beeindruckend – gefälliger Schostakowitsch. Eingängig, lieblich, weniger komplex – bisschen Unterforderung. Adagio-Beginn auch eher seicht, dann aber mit deutlich intensiverer Entwicklung. Düsterer, spannungsgeladen. Finale auch kein happy Rausschmeisser, irgendwie ernster, fordernder. Hier und da interessante Instrumentierung. Der Klang überzeugt auch hier, einzig das Dirigat sieht schlimm aus, funktioniert aber.

Fazit: Ein ganz netter Abend.

22. März 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Krzysztof Urbański.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Wojciech Kilar – Orawa für Streichorchester
Sergej Prokofjew – Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19
(Frank Peter Zimmermann – Violine)

(Pause)

Antonín Dvořák – Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70


Das letzte Konzert des NDR-Abos D, heute eher eines der Sorte für den kleinen Musikhunger zwischendurch. Nicht besonders lang das Programm, nicht besonders nachhaltig die Wirkung. Der Kilar mit einem eingängigen Streicherstückchen zwischen Minimal Music-Repetitionen und Balanescu Quartett-Feeling. Da fand ich die vor etwa einem Jahr ebenfalls durch Urbański und den NDR präsentierte sinfonische Dichtung aus der Feder des von mir für seinen Dracula-Soundtrack verehrten Polen deutlich spannender.

Spannung ist auch das Stichwort für das Violinkonzert, bzw. das Fehlen derselben bei der Interpretation durch Solist und Orchester. Was schrieb ich noch nach der Erstanhörung des Werkes im September (Link) an gleicher Stelle? Nervös-expressiv? Schroff? Heute eher eine geleckte, gediegene Angelegenheit. Nachträglich gebührt umso mehr Respekt Salonen und seinen Philharmonia-Kollegen – und es ist schlicht verstörend, was Pekka Kuusisto ganz im Gegensatz zum eigentlich geschätzten Frank Peter Zimmermann an Funken und Feuer aus der Partitur geschlagen hat. So habe ich das Konzert heute kaum wiedererkannt – die „schönen Stellen“, Vorboten des „Romantikers“ Prokofjew, fielen wieder auf, aber das ganze Gerüst darum blieb unwirklich blass.

Womit die nächste unrühmliche Überleitung geschaffen wäre, um die Präsentation des erhofften Highlights des Programms, des sinfonischen Energiebündels von Dvořák, traurig-treffend zu charakterisieren. Eignet sich die siebte Sinfonie wie kaum ein anderes „traditionelles“ Werk dazu, rhythmischen Furor zu entfesseln, war davon heute wenig zu spüren. Der laschen, harmlosen Lesart Urbańskis möchte ich nur ein Wort entgegenstellen: Kubelik. Einfach mal reinhören und vergleichen – ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Überhaupt Urbański: Der erste Gastdirigent des NDR mag auf den ersten Blick wie der Prototyp des jungen, dynamischen Pultlöwen erscheinen, bemisst man allerdings seine Wirkung abzüglich des seltsam affektierten, ja bisweilen unangenehm theatralischen Auftretens, bleibt nicht viel mehr als ein stylischer Bettvorleger übrig. Den Taktstock wie eine Peitsche über die Schulter ausholend geschlagen, eine Feldherrengeste hier, ein süßliches Schwelgen da – angesichts des mangelnden Effektes auf die Gestaltung einfach unerträglich. Einfachste Tempokontrastpotenziale werden verschenkt, von der harmlosen Artikulation ganz zu schweigen. Dvořák zum Abgewöhnen. Das Gros des Publikums ist dennoch begeistert und bejubelt den feschen Dirigenten und das Hausorchester – man ist genügsam im NDR-Fanclub.

Mein Abo-Fazit: Vier Konzerte, die den weiten Weg des Ensembles zur postulierten Weltspitze schonungslos offenlegen. Das Trockenobst Hengelbrock kapitulierte, die dirigierende Reiswaffel Gilbert steht in den Startlöchern, flankiert vom 1. Gastposterboy. Mir bleibt nur auf interessante Gastdirigenten zu hoffen und auf ein Entwicklungswunder – wo und durch wen das auch immer herkommen soll. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

17. Februar 2017

NDR Elbphilharmonie Orchester – Urbański. Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr, Etage 15, Bereich L, Reihe 1, Platz 1



Wojciech Kilar – Krzesany / Symphonische Dichtung
Igor Strawinsky – Le sacre du printemps


Eine gute und eine schlechte Nachricht. Auch auf Ebene 15 ist die Akustik der Elbphilharmonie eine Wucht, allerdings wuchtet es im dynamischen Sinne doch merklich weniger als auf den bislang probierten Plätzen. Oder man hat heute beim Sacre nicht alles rausgehauen – was ich mir nicht denken kann. An einem Mangel an Personal auf der Bühne wird es auch kaum gelegen haben, dass das letzte Quäntchen Dampf auf dem Trommelfell gefehlt hat. Der Wucht-Faktor erschöpfte sich so an der immer noch in Staunen versetzenden Transparenz. Wobei das ernüchternder klingt, als es tatsächlich war. Man ist nach den letzten Klangeindrücken eben verwöhnt.

Der auf satten Bassbereichen fußende Klang erlaubt auch von dieser Warte aus beeindruckende akustische Einsichten in das Zusammenspiel der einzelnen Stimmgruppen und das Orchestergefüge als Ganzes, nur doch eine ganze Ecke weniger präsent als in tiefer gelegenen Regionen des Saaltrichters. Was nicht weiter tragisch ist, zumal nicht nur die Physik etwas gegen Klang-Kommunismus hat, sondern es für jeden Musikfreund eine Selbstverständlichkeit sein sollte, den Sitzplatz je nach Konzertart, Besetzung sowie persönlichem Geschmack zu variieren. Wer auch immer den dummen Spruch „Man hört auf allen Plätzen GLEICH gut“ in die Welt gesetzt haben mag – ich bezweifle, dass es ein Mensch aus dem Konzerthausumfeld, geschweige denn Herr Toyota war.

Was unterscheidet also die Business Class von der First Class unter uns? Der Eindruck, dass die Streicher, insbesondere die Violinen, im Wettstreit mit den Bläsern latent den Kürzeren ziehen und ab einer gewissen Gesamtlautstärke teilweise im Tutti unterzugehen drohen, verstärkt sich offenbar mit zunehmender Entfernung von der Bühne. Die Wiener haben spätestens im Schostakowitsch klargestellt, dass sich die Streicher durchaus gegenüber ihren Kollegen vom Holz und Blech Gehör zu verschaffen in der Lage sind, wobei eine Vergleichbarkeit schon allein aufgrund diverser Meter Hörhöhenunterschied nicht gegeben ist. Konkret bewirkte dieser Effekt heute, dass beim Stravinsky im Fortissimo der oft fast schon rein perkussive Einsatz des Streicherapparetes im Gegensatz zu den Stößen und Hieben von Bläsern und Schlagwerk weniger dominant als gewohnt ausfiel.

Abgehen davon war es ein mehr als ordentliches Konzert: Das Orchester klang wunderbar (selbst die Posaunen überzeugten mit ungewohnter Schwärze), die Interpretation hatte durchaus Biss, einzig die Kombination zweier „Kraftstücke“ hat sich mir nicht so ganz erschlossen. Nichts gegen Kilar, schon allein weil ich sonst nicht in den Genuss meiner unverhofften Erstbeorgelung an dieser Stätte gekommen wäre, aber nach dem wahrlich erdbebenartig anschwellenden Schlussakkord war irgendwie das Pulver verschossen. Es hätte schon geholfen, wenn Urbański, wie es Hengelbrock an gleicher Stelle praktizierte, durch ein paar auflockernde Worte die mangelnde Pause kaschiert und der Zielgruppe nicht gleich sofort die nächste rhythmische Druckbetankung verpasst hätte. Die allgemeine Konzentration während des Sacre lies jedenfalls zu wünschen übrig – der Chor der Huster wuchs mit fortlaufender Dauer merklich an.

Insgesamt mutete dieses Konzert für Hamburg offizieller, etwas steifer an als das von mir im Januar besuchte: Die Musiker im Frack statt krawattenfreiem Schwarz, keine Anekdoten, keine Zugabe – vielleicht auch alles ein wenig den anwesenden Fernsehkameras geschuldet. Außerdem darf nicht vergessen werden, welchen Marathon sich der NDR mit dieser Konzertreihe aufgebürdet hat – allein dieses Konzert wird in unterschiedlicher Konstellation fünfmal an drei aufeinander folgenden Tagen gegeben. Nun denn, am Ende (ja bereits zur Opfer-Halbzeit war die Freude groß) wurde nicht minder applaudiert und gejubelt. Die Elphi begeistert eben doch auf allen Ebenen.