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16. Juni 2024

SWR Symphonieorchester – Teodor Currentzis.
Elbphilharmonie Hamburg

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 10, Platz 1



Benjamin Britten – War Requiem op. 66

SWR Symphonieorchester
London Symphony Chorus
SWR Vokalensemble
Knabenchor Hannover
Irina Lungu – Sopran
Allan Clayton – Tenor
Matthias Goerne – Bariton
Dirigent – Teodor Currentzis



Das Verblüffendste des Abends war die Erkenntnis, dass Currentzis hier mal keine Interpretation liefert, die extrem von der auf Tonträger belegten Lesart des Komponisten abweichen würde. Meine Wahrnehmung des Werkes ist aber ohnehin derart mit Brittens eigener Einspielung verknüpft, dass jedes Abweichen davon in seltensten Fällen für mich funktioniert. Leider trifft das gleichermaßen auf die beteiligten Sänger zu. Irina Lungu und Allan Clayton erfüllen ihre Aufgaben mit Können und Hingabe, nur ist es für sie – wie für wohl jeden anderen Sänger – in meinen Ohren ein Ding der Unmöglichkeit, die akustischen Fußstapfen einer Wischnewskaja und eines Pears zu füllen. Am ehesten gelingt dies dem überaus geschätzten Matthias Goerne, der den Vergleich zu Fischer-Dieskau, gerade auch in Bezug auf den darstellerischen Gehalt in der Stimme, nicht zu scheuen braucht. Das War Requiem lässt mich nie unberührt, so auch diesmal nicht. Ein Werk, dem ich mich nur selten aussetzen darf, gerade weil es so schmerzlich-schön, gewaltig und zerbrechlich ist und bis heute leider nichts von der Relevanz seiner Botschaft verloren hat. 

18. Januar 2019

Ensemble Resonanz – Andris Poga.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 12


Arthur Honegger – Sinfonie Nr. 2 / für Streichorchester und Trompete ad libitum 

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 14 op. 135

(Ensemble Resonanz, Asmik Grigorian – Sopran, Matthias Goerne – Bariton, Dirigent – Andris Poga)



Heute konnte ich das Ensemble Resonanz das erste Mal im großen Saal erleben, nachdem ich mich im kleinen bereits dreimal von seiner hohen Qualität (Link) überzeugen durfte. Nach der üblichen, bereits liebgewonnenen Begrüßung und Mini-Einführung durch Herrn Rempe wurde schnell klar, dass die Kammermusiker die ausgewachsene Bühne ebenfalls bestens zu nutzen wissen.

Die Sinfonien Arthur Honeggers erfreuen sich bei den Streifgängen durch mein CD-Regal außerordentlicher Beliebtheit. Einem dieser kleinen Schätze endlich einmal live zu begegnen, ist nichts weniger als die Erfüllung eines lange gehegten Traumes – umso erfreulicher, dass es nun kein böses Erwachen gab. Zwar unterscheidet sich Herr Pogas Lesart der Zweiten durchaus nicht wenig von der mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangenen, sehr empfehlenswerten Einspielung Michel Plassons, gerade in Sachen Phrasierung, aber insgesamt ergibt sich unter der Leitung des Letten ein nicht minder schlüssiges Ganzes. Der erstklassige Streicherklang und seine optimale Entfaltung im Saal taten ihr Übriges, auch der mit sprichwörtlich glänzendem Optimismus die letzte Bedrückung durchbrechende Trompetenchoral des Finalsatzes wurde zur wahrhaft greifbaren Apotheose, nicht zuletzt weil man mit der Positionierung des Solisten auf der Orgelempore optisch wie akustisch alles richtig machte.

Hatte ich mich auf die Schostakowitsch-Sinfonie vor allem wegen Herrn Goerne und seiner Sangeskunst (Link) gefreut, die zu rühmen ich nicht müde werde, war ich nur unzureichend auf das vorbereitet, wie sich Frau Grigorian in meinen sängerischen Kosmos einführen sollte. Ja sicher, die Salzburger Salome, hatte ich irgendwie nebenbei schon mitbekommen, aber welche Ausnahmestimme da die Luft elektrisieren sollte, war mir nicht im Ansatz klar gewesen. Eine Sopranistin mit dieser Kombination aus wahlweise feinster Zartheit oder feuriger Kraft ohne die geringste Spur von Schärfe bei einer Bühnenpräsenz, die selbst im konzertanten Umfeld in den Bann schlägt – das ist gleichsam unwahrscheinlich wie betörend. Die düstere Sinfonie selbst mag nicht den Geschmack des breiten Publikums treffen, durch seine gleichermaßen kammermusikalische wie bedrückende Faktur höchste Ansprüche an die Konzentration stellen. Ich bin den beteiligten Künstlern daher umso dankbarer, dieses relativ selten anzutreffende Werk in Referenzqualität live erfahren haben zu dürfen.

14. April 2018

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich I, Reihe 2, Platz 5


Franz Schubert –
Ouvertüre C-Dur „im italienischen Stil“ D 591

Ausgewählte Lieder in Orchesterbearbeitungen:
An Silvia D 891 (Bearbeitung: Alexander Schmalcz)
Des Fischers Liebesglück D 933 (Schmalcz)
Das Heimweh D 456 (Schmalcz)
Ganymed D 544 (Schmalcz)
Die Forelle D 550 (Benjamin Britten)
Alinde D 904 (Schmalcz)

Zugabe: Abendstern D806

(Matthias Goerne – Bariton)

(Pause)

Sinfonie Nr. 8 C-Dur D 944 „Große C-Dur-Sinfonie“

Zugabe:
Ludwig van Beethoven – Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ op.43


Wer ist dümmer – das Paar, das die falschen Plätze eingenommen hat oder jenes, das verdutzt bei den Erstbesetzern abblitzt, während der Dirigent bereits die Bühne betritt? Last Minute mag für Malle funktionieren, in der Elbphilharmonie steht man dann da wie bestellt und nicht abgeholt. Glück für das Depp-Quartett, dass der erste Programmpunkt nur fünf Minuten dauert, und man danach vom freundlichen Saalpersonal bedient wird.

Schubert macht den Rossini, das ist ein nettes Stückchen zum Eingrooven, wobei ich bezweifle, dass dieses famose Orchester wirklich erst auf Betriebstemperatur kommen muss, um seinen feinen, transparenten Klang zur Entfaltung zu bringen. Der Chef am Pult löst die italienische Esprit-Aufgabe mit federnder Eleganz und klarer Kante – typisch Järvi eben.

Die anschließenden Orchesterlieder ermöglichen das nächste Treffen mit der wahrscheinlich schönsten Baritonstimme des Planeten. Meine letzte Eloge auf Matthias Goerne (Link) liegt erst etwas mehr als einen Monat zurück, und ich habe meiner Schwärmerei heute nichts hinzuzufügen, außer der abermaligen Feststellung seiner Einzigartigkeit. Die Bearbeitungen der Lieder funktionieren übrigens wunderbar, Järvi und sein Ensemble stellen der überirdischen Stimme zarteste Orchesterminiaturen zur Seite in denen die Musiker auch solistisch zu überzeugen wissen – etwa im Lied „Heimweh“, in dem erst Englischhorn, dann Viola und schließlich Querflöte die sehsüchtige Weise aufnehmen. Mit der Zugabe – Abendstern – breiten Goerne und seine Begleiter noch einmal die Summe dessen vor den Zuhörern aus, was die Kunstform Lied so ergreifend macht: Intimität und Intensität – ganze Welten komprimiert in Minuten.

Mit dem ersten butterweichen Horneinsatz ist nach der Pause sofort klar, dass Järvi und seine Truppe auch den sinfonischen Teil des Abends veredeln werden. Offenbart die „Große C-Dur“ immer wieder die Vorbildfunktion Beethovens für Schubert, etwa in den laut-leise Effekten zu Beginn oder dem pochenden Dreiermotiv im Finale sowie dessen generellem, stürmischem Charakter, ist es weit interessanter, den Eigenheiten Schuberts in diesem Werk nachzugehen, die wiederum ihrerseits Einfluss auf die Fortentwicklung der Sinfonik hatten. Insbesondere für Bruckner muss sein Landsmann wirklich prägend gewesen sein, immer wieder fühle ich mich im Werk des jung Verstorbenen an die Arbeit des spät Berufenen erinnert. Namentlich der sicher mit der Ausdehnung der Sätze, aber ebenso ihrem strukturellen Aufbau verbundene Effekt, von einem Plateau auf das nächste gehievt zu werden, tritt schon bei Schubert zu Tage.

Welche Steigerung wohnt doch dem zweiten Satz inne, und wie Atem raubend wird diese aufgelöst – mit einem Flüstern nach der Eruption. Dynamische Kontrastwirkungen scheinen Järvi besonders zu liegen, sein Kammerorchester entfesselt dabei Energien und erzielt Wirkungen, die sich in der Wahrnehmung absolut mit „ausgewachsenen“ Orchestern messen lassen können. Es kommt eben bei dem subjektiv wahrgenommenen Bumms – wie bereits oft beobachtet – nur bedingt auf die reine Lautstärke an, sondern auf die Summe vieler Faktoren, darunter der Umgang mit Lautstärkeverhältnissen oder die Artikulation. Schade, dass ich an dieser Stelle gedanklich nochmal gegen den NDR nachtreten muss, mit dem Järvi Schostakowitschs Siebte weit weniger beeindruckend präsentierte.

Der dritte Satz steht gleichsam für Bruckner Pate, genauer für dessen Starkstrom-Scherzi. Die Kammerphilharmonie hier wunderbar knackig bis ruppig, gleichzeitig betont Järvi eine prägnante Wendung darin mit solch einer Verzögerung, als wolle er gleich zum Schunkeln übergehen. Besonderer Ohrenschmaus: das perfekte, wohlig-weiche Zusammenspiel der Posaunen und Hörner – ein perfektes Klang-Amalgam. Das Finale gestaltet sich als pure Energieexplosion, überbordender Elan bei technischer Brillanz. Spannend die Stelle, in der Järvi bei dem ganzen Stürmen und Drängen einmal ordentlich auf die Bremse tritt – die stampfende fanfarenartige Passage erhält dadurch ein ordentliches Gewicht – richtig fett, könnte man neudeutsch konstatieren.

Als Zugabe wird das große sinfonische Vorbild Schuberts selbst auf die Bühne gebeten – die Prometheus-Ouvertüre bildet, bekrönt von Naturtrompeten anstelle ihrer Ventil-Geschwister, den elektrisierenden Abschluss für ein Konzert ohne einen einzigen schwachen Takt.

Memo an mich: warum kollabieren eigentlich so viele Leute in der Elphi? Ist es der steile Aufstieg am Anfang, der den älteren Herrschaften dann im Konzert den Blutdruck zerhaut? Heute gab’s schon wieder Tumult, entweder ist mir das früher in der Laeiszhalle einfach nicht aufgefallen oder die Elphi lässt tatsächlich vermehrt die Sinne schwinden – allein bei meinen Besuchen nun schon zum vierten oder fünften Mal.

1. März 2018

Winterreisen – Goerne / Hinterhäuser /
Kentridge. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 3, Platz 6



Franz Schubert – Winterreise D 911

Matthias Goerne – Bariton
Markus Hinterhäuser – Klavier
William Kentridge – Visualisierung, Regie
Sabine Theunissen – Bühne
Greta Goiris – Kostüme
Hermann Sorgeloos – Licht
Snezana Marovic – Videomontage
Kim Gunning – Videoprojektion


Matthias Goerne. Das erste Mal, dass ich auf diesen Ausnahmekünstler aufmerksam wurde, ist jetzt auch schon 15 Jahre her – auf der Einspielung der Wunderlieder Mahlers mit dem Concertgebouw Orchester unter Chailly definierte er seinerzeit (und bis heute) für mich, was einen Sänger von einem stimmlichen Charakterdarsteller unterscheidet. Dieser Facettenreichtum, diese verinnerlichte Außenwerdung der Worte in Gesang, der ganz gemäß dem Mahler’schen Postulat mehr transportiert, als es die Noten vermögen. Und wie anders als der so gerühmte Thomas Hampson, das Dandy gewordene Manifest des parfümierten Schöngesangs. Ich liebe schöne Stimmen, aber Schönheit ohne Tiefe ist oftmals frustrierender als jeder schiefe Ton.

Bei Herrn Goerne sind nun alle Vorzüge, die ein Bariton für die Gattung Lied mitbringen kann, auf das Vollkommenste vereint. Eine profunde, sonore Tiefe, die Autorität wie Wärme zu vermitteln im Stände ist, kombiniert mit einer Höhe, die immer wieder so zart, ja verletzlich, scheu und rein klingt, als spotte sie der allgemeinen Musiktradition, die Engel gern mit Sopranen oder Knabenstimmen besetzt. Eine bis ins Nuancierteste aussteuernde Phrasierungskultur und -Intelligenz liefert im Zusammenspiel mit einer Flexibilität, wie sie bei einer Stimme dieses Volumens selten ist, das permanente Potenzial, höchste Erwartungen noch zu übertreffen.

Wenn dann noch mit Schuberts Winterreise einer der berührendsten Liederzyklen überhaupt gegeben wird, könnte fast unter den Tisch fallen, dass mit William Kentridges visueller Begleitung heute ebenfalls die Arbeit eines bildenden Künstlers auf dem Programm steht, den ich seinerzeit seit langem verehre. Fernsehdokumentationen, Ausstellungen in Hamburg, Berlin und bei der Documenta sowie nicht zuletzt seine „Drawing Lessons“ im Hamburger Schauspielhaus mit der krönenden, abendfüllenden Oper „Refuse The Hour“ (Link) haben mich Kentridge, seinen individuellen Stil und Themenhorizont lieben gelernt.

Seine Umsetzung – größtenteils präexistente, neu arrangierte Segmente aus seinem filmischen Schaffen, die auf die Bühne projiziert werden – ist aufgrund ihrer kontextuellen Neuanbindung zwar weitgehend abstrakt, liefert jedoch einen wahren Fluß aus frei assoziierten Illustrationen der Lieder und ihrer Texte, der ganz ohne allzu konkrete Verbildlichungen eine ungeheuer stimmige Atmosphäre schafft. So geben die umherwirbelnden schwarzen Papierschnipsel, aus denen Kentridge gern wechselnde Schattenrisse werden und vergehen lässt, dem Wind der „Wetterfahne“ ein Gesicht, die stetig abrollenden Stanzlöcher der Rolle eines mechanischen Klaviers werden zu den fallenden „gefror’nen Thränen“. In seltenen Fällen gibt es auch deutliche Parallelmontagen, etwa mit dem animierten Vogel und seinem Flügelschlag zu „Die Krähe“. In wenigen Momenten interagiert der Sänger selbst deutlich mit den Filmsequenzen, beispielsweise wenn er sich unter eine Dusche stellt, indem er in den Lichtkegel des Projektors tritt.

Alles in allem gewinnt Kentridge dem Zyklus mit seiner Arbeit eine auch visuell äußerst stimulierende Ebene ab, die weit über das dekorative Element hinausgeht, seinerseits den Sog der eisigen Wanderung beschwört, die Gesamterfahrung intensiviert. Ich hoffe auf weitere Projekte dieser Art.

18. Januar 2018

NDR Elbphilharmonie Orchester – Christoph Eschenbach.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 7



Franz Schubert – Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 „Unvollendete“

(Pause)

Paul Hindemith – When Lilacs Last in the Door-Yard Bloom’d / A Requiem „For those we love“

(Gerhild Romberger – Alt, Matthias Goerne – Bariton, RIAS Kammerchor, NDR Chor)


Gerade mal drei Tage nach der ersten Vollendung der Unvollendeten in diesem Saal nun die zweite Auflage. Auf Sir Simon als designierter Chef des LSO folgt der geschätzte Christoph Eschenbach mit seinen ehemaligen Kollegen vom NDR. Leise Töne mögen sie beide, beziehungsweise ist der Hang zu Streicherflächen an der Grenze des Mach- und Wahrnehmbaren heute wie bereits Montag offenkundig. Es ist ein bisschen gemein, dass die Londoner derart entrückt vorgelegt haben, ansonsten hätte mich der sensible Auftritt der Hanseaten wahrscheinlich noch viel mehr beeindruckt. Am Ende geht das imaginierte Duell weniger aufgrund der unvergleichlichen Akustik auf meinem Lieblingsplatz, oder die nicht von der Hand zu weisende Klanggüte der Briten, denn vielmehr Kraft der zwingenderen Interpretation Rattles zu Gunsten der Erstlieferanten aus.

Eschenbach geht den Schubert ziemlich breit und getragen an, mit Pathos und Weihe, aber hier und da auch etwas schleppend. Zwar war Rattle ebenfalls nicht mit Raketenantrieb unterwegs, aber bei den Londonern gelang das Kontrastverhältnis bei Dynamik und Ausdruck zwingender. So waren mir heute die Fortissimo-Ausbrüche im ersten Satz nach den leisen Plateaus nicht knackig genug, anders gerieten die Holzbläsereinsätze nach den fließend-zarten Streicherpassagen zu irdisch, in jedem Fall zu laut. Dennoch braucht sich die Leistung des NDR insgesamt nicht zu verstecken, vor allem die Streicher klingen edel, der Gesamteindruck ist geprägt durch Transparenz und differenziertes Spiel.

Nach der Pause folgt mit dem Hindemith-Requiem eines jener kaum gespielten Riesenwerke, das angesichts seiner Abstinenz in den Konzertprogrammen bei der ersten Begegnung selbst glühende Verehrer des Komponisten wie mich leicht überfordert, dessen Reichtum und Gehalt jedoch ebenso deutlich anklingt. Typisch Hindemith, kommt es mir immer wieder in den Sinn, klangliche Parallelen zum Mathis oder anderen Schöpfungen stellen sich ein. Dazu ungewöhnliches wie ein Fernorchester, in dem jenes bekannte militärische Fanfarenthema intoniert wird, welches man mit Morgenapell, aber auch Begräbnis assoziiert. Immer wieder unterstützt die Orgel den gewaltigen Orchesterapparat, auch die Chorszenen sind von teils infernalischer Wucht.

Wenn es aber richtig emotional ans Eingemachte geht, bleibt Hindemith sich treu: eine einzelne, zarte Soloflöte leitet mit überirdisch schöner Kantilene das transzendierende Moment ein. Wenn man dann noch mit Matthias Goerne den Honigbariton unserer Zeit auf der Bühne weiß, steht der Verklärung nichts mehr im Wege. Was für ein Sänger! Seit ich das erste Mal seine Interpretation diverser Mahler-Lieder auf CD bestaunt hatte, kenne ich kaum eine Stimme, die mehr Charakter, falls erforderlich auch Autorität, aber vor allem Wärme und Seele ausstrahlt. Die Kombination mit Gerhild Romberger ist dabei äußerst gelungen. Ihr fast schon schwarzes Timbre rückt die englisch/amerikanischen Texten teilweise in Richtung Gospel, faszinierend.

Weniger beeindruckend als das Werk schlug heute leider der akustische Eindruck zu Buche. Zwar stellten sich wiederholt bei sehr leisen, intimen Stellen äußerst berührende Momente ein, jedoch gerade die angesprochenen dynamischen Eruptionen verpufften leider weitgehend, was nicht unbedingt an mangelnder Lautstärke lag. Der Chor klirrte, das Blech blieb nackt, seltsam dünn. Gewaltige Kräfte, die sich nicht übertragen wollen. Sicher, man kann auf vielen, womöglich allen Plätzen starke Eindrücke haben, ich für meinen Teil bin allerdings mittlerweile verwöhnt und sehne mich nach dem klanglichen Schoß auf Ebene 13.

Viel härter als diese akustischen Ungereimtheiten wiegt allerdings weiterhin die Ignoranz und Respektlosigkeit so vieler Besucher. Es ist eine Peinlichkeit sonder gleichen für Hamburg, dass es Kohorten von ichbezogenen, kulturlosen Sesselfurzern nicht einmal abwarten können, bis die Künstler, welche sich hier gut zwei Stunden für sie den Arsch abgearbeitet haben, den ersten verdienten Applaus entgegen genommen haben – geschweige denn den paar Minuten Dankesbekundung tatsächlich bis zum Schluß beizuwohnen. Diese Maden kotzen mich an – bei mir bekämen die alle Hausverbot, wenn man nicht glaubhaft einen Infarkt oder ähnliches vorzuweisen hat. Der Atmosphäre kommender Konzerte täte es sicher gut, so oder so.