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2. April 2017

Symphoniker Hamburg – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, 1. Rang, Loge 5, Reihe 1, Platz 1



Richard Strauss – Schlußgesang aus „Salome“ op. 54
(Camilla Nylund – Sopran)


(Pause)

Richard Strauss – Eine Alpensinfonie op. 64



Gleich mal mit dem Salome-Finale den Abend zu starten, erscheint mir bezüglich des Spannungsbogens schon ein wenig gewagt – Kaltstart von Null auf Hundertachtzig binnen Sekunden. Wahrscheinlich liegen darin rein praktische Erwägungen. Wenn man schon das riesige Strauss-Orchester für die Sinfonie benötigt, die allein keine abendfüllende Angelegenheit darstellt, bleibt man halt bei der Programmbefüllung bei Strauss. Warum dann nicht gleich ein wenig konzertante Oper, darüber hinaus eine schöne Gelegenheit, einen hochkarätigen Gast zu präsentieren. Daß man dabei heute die erkrankte Petra Lang so kurzfristig mit Camilla Nylund ersetzen konnte, zeigt nur, wie weit der Ruf der Kombination Symphoniker/Tate mittlerweile gediehen ist – Respekt. Selbiger gebührt ebenso fraglos der Sängerin, die sich mit stimmlicher Durchsetzungskraft den dynamischen Ausbrüchen des Orchesters durchaus zu erwehren wusste, um dann gerade in den ruhigeren, intimen Momenten der Reflexion Salomes für anrührende Momente zu sorgen.

Mit der Alpensinfonie nach der Pause konnte man, wie erwartet, einer der langsamsten Besteigungen beiwohnen, an der ich bislang teilnehmen durfte. Was mitnichten als Kritik, sondern erneute Feststellung der Tateschen Gestaltung großer Bögen unter Berücksichtigung aller Schönheiten und Details der Partitur aufzufassen ist. Unglaublich, wie beispielsweise beim Erklimmen des Gipfels durch stetige Verlangsamung der sprichwörtliche Höhepunkt ins physisch kaum zu Verkraftende hinausgezögert und schließlich umso machtvoller zelebriert wird. Ob in den heftigsten Entladungen des Gewitters oder bei der alles in eine sehnsuchtsvolle Decke hüllenden Schlußverklärung bevor die Nacht anbricht – Tate und seine Symphoniker glänzen mit zwingender Dramaturgie sowie ausdrucksstarkem Spiel und beherrschen dabei das ganze Farbspektrum des Strauss-Sounds. Eine Sinfonie als Seelenwanderung – viel näher als heute wird man dem Kern dieser Dichtung in Musik wohl kaum gelangen.

4. Dezember 2016

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, 1. Rang links, Loge 5, Reihe 1, Platz 2


Anton Brucker – Sinfonie Nr. 8


Auffallend langsame Tempi, in denen die ganze Erhabenheit und Wucht der Komposition bis ins letzte Detail herausgearbeitet wird, ohne dabei auch nur für eine Sekunde die strukturelle Integrität des großen Ganzen zu gefährden – so in etwa möchte ich Tates Bruckner zusammenfassen. Das Ergebnis ist – wieder mal – überwältigend. Das Adagio habe ich live wohl noch nie in dieser Intensität erlebt. Aber das hätte ich mir nach der traumhaften Siebten im letzten Jahr (Link) eigentlich denken können. Bleibt nur, die Regelmäßigkeit, mit der die Hamburger Symphoniker – oder wie es neuerdings heißt, Symphoniker Hamburg – unter Tate für unvergessliche Abende sorgen, nicht als Selbstverständlichkeit zu verstehen. Auf dass ich noch lange in Freude und Dankbarkeit diese Hamburger Traumehe begleiten darf.

11. Oktober 2015

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 11, Platz 15



Wolfgang Amadeus Mozart – Serenade Nr. 6 D-Dur „Serenata Notturna“ KV 239
Benjamin Britten – Serenade für Tenor, Horn und Streichorchester op. 31 (Toby Spence für John Mark Ainsley – Tenor, Alessio Allegrini – Horn)

(Pause)

Frederick Delius – Summer Night on the River
Claude Debussy – Trois Nocturnes L 91 (Damenchor Hamburg)



Was würde ich nur ohne Jeffrey Tate in Hamburg machen? Weniger Konzerte erleben, die dem heute wieder eindrucksvoll eingelösten Anspruch an konzeptionelle Geschlossenheit und Qualität gerecht werden, wahrscheinlich. Allein die Kombination von Stücken, die das Thema „Nacht“ in Titel oder Inhalt tragen, mag keine Atomphysik sein, es kommt aber eben auf Wahl und vielmehr noch Abfolge an, um aus einer blumigen Programmüberschrift ein wahrlich traumhaftes Programm abzuleiten. „Facetten der Nacht“ hätte es auch benannt sein können. Von Mozarts unbeschwertem Tänzchen zu später Stunde über Brittens nächtliche Seelenwanderung und Delius’ Idyll zu Debussys flüchtigen Traumwelten – das war schon eine ganz besondere akustische Reise.

Da fällt auch der Umstand, daß ich mich mit dem Einspringer-Sänger für Brittens Serenade nicht uneingeschränkt anfreunden konnte, nicht so schwer ins Gewicht. Herr Spence macht seine Sache gut, verfügt meiner Ansicht nach aber nicht über die stimmcharakterlichen Feinheiten, um das illustrativ-dramaturgische Potenzial der Vorlage auszuschöpfen und seine verschiedenen Stimmungen über den Notentext hinaus zu übertragen. Zudem hatte ich den Eindruck, daß der Sänger teilweise kämpfen mußte, um bei dynamischen Spitzen gegen das Orchester bestehen zu können, etwa im fünften Teil „Dirge“, der Spence ohrenscheinlich an seine Grenzen brachte.

Eingebettet in den himmlischen Streicherklang der Symphoniker, begleitet durch das samtene Spiel Alessio Allegrinis, spielte der Gesang heute vielleicht nicht die herausragende Rolle, wie sie ihm Kraft Brittens Eingebung gebührt, seine betörende Wirkung konnte die Serenade unter der delikaten Stabführung Tates jedoch ohne Weiteres entfalten. Eine bestimmte Atmosphäre zu generieren, liegt dem Maestro wie kaum einem anderen. Vor allem das flüchtig Zarte, das organisch Fließende wird unter seinen fein justierenden Händen zum Ereignis. Den Hörer nicht mit Effekthascherei blenden, sondern mit subtilsten Schwebezuständen umschmeicheln und verzücken.

Wobei Wollen und Können ja nicht unbedingt immer Hand in Hand gehen – wie gut, daß sich bei den Hamburger Symphonikern diese Ungewissheit vollends erübrigt hat. Ganz gleich, ob es darum geht, neue Werke kennenzulernen oder die Liebe zu Altbekanntem aufzufrischen, wird man von diesem Orchester und seinem Chefdirigenten wohl kaum enttäuscht werden. Das Gegenteil ist mittlerweile ganz und gar nicht routinierte Routine geworden. Ich freue mich auf die nächsten gemeinsamen Entdeckungsreisen.

26. April 2015

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 11



Alban Berg – Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ (Lara Boschkor)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7 E-Dur WAB 107



Momentan verhält es sich so: Jenseits selbst auferlegter Abofesseln ertappe ich mich, trotz vielbeschworener Lobbyarbeit wider ausgetretene Programmpfade, nicht selten dabei, die Wahl meiner Konzertbesuche an das mir Bewährte zu knüpfen. Wobei häufig der Dirigent der Ausschlag gebende Faktor dafür ist, überhaupt ein bestimmtes Konzert in Erwägung zu ziehen. Der Wunsch, weitere Orchester, wenn vorhanden großen Namens, kennenzulernen, ist immer mehr ein nachgelagerter, mehr dem technischen Abgleich zuzuschreibender.

Bei den Hamburger Symphonikern verhält es sich seltsamer Weise aber etwas anders. Mittlerweile untrüglich das Heimspielorchester meiner Wahl, kommt durch den Faktor Tate und die bereits oft angesprochene Programmvielfalt und -Tiefe für mich so langsam der Punkt, an dem ich mich frage, warum ich noch kein Abonnement dieser wunderbaren Institution besitze. Zumal wenn Programme wie das heutige einen regelrechten Sturzbach auf die Mühlen meiner musikalischen Vorlieben geben. Das Thema bleibt also aktuell, einzig meine Angewohnheit, den Sitzplatz der jeweiligen Besetzung (Orchestergröße? Solisten? Chor?) anzupassen, läßt mich weiter zögern.

Keine Sekunde Bedenkzeit brauchte ich hingegen für den Besuch des heutigen Konzertes. Berg und Bruckner – was für eine Kombination! Auf der einen Seite das einfühlsame Violinkonzert, in seinem Ausdruck teilweise noch ganz bei Mahler und doch unverkennbar Berg, in seinen Klangmitteln und der Harmonik immer wieder Britten am Horizont aufglimmen lassend. Auch wenn das Alter der Solistin bei so manchem Besucher wahrscheinlich den unvermeidlichen Sensationsimpuls ausgelöst haben mag, sollte es angesichts von Lara Boschkors Vortrag, den man erwachsen, reif oder – die (Wunder-)Kind-Schublade schließend – auch einfach dem Wesen des Werkes in jeder Form angemessen nennen kann, schlicht kein Thema sein. An einigen Stellen, vornehmlich im Zusammenspiel mit dem Orchester-Tutti, hätte ihr Spiel etwas kräftiger sein können, was wahrscheinlich doch (noch) der Physis geschuldet ist.

Gleich mit den ersten Takten Bruckner wird die Konzeption Tates klar: Geschwindigkeit raus, Gestaltung rein. Selten habe ich eine Bruckner-Sinfonie so langsam und dabei so differenziert und erhaben erlebt. Die Gefahr, daß diese ohnehin breite Musik ab einem gewissen Tempo ins Schleppen gerät oder gar zerfällt ist groß, wird jedoch von Tate durch einen konzentrierten Spannungsaufbau gebannt, der sich Zeit für die Feinheiten der Partitur läßt und den Aufbau besonders plastisch erlebbar macht – insbesondere das registerartige Schichten Bruckners erfährt hierdurch eine enorm transparente und gleichsam intensive Wirkung.

Wie so oft schöpft Tate Kontraste weniger aus dem Tempo-, denn dem Dynamikgefälle. Es gehört zu den absoluten Stärken des Chefdirigenten aufzuzeigen, daß es eben ungleich mehr gibt als laut und leise, welche feinen Abstufungen gerade im unteren Dynamikbereich möglich und für eine sensible Gestaltung bereichernd sind. Ein Prinzip, das vor allem auch im gewaltigen Adagio viel zu einer besonders weihevollen Lesart beiträgt, wenn sich die gewaltigen Bögen der Steigerungen aus zartesten Quellen speisen. Die dynamischen Spitzen der Sätze versieht Tate zudem oft mit einem ritardando, welches die Wucht dieser Gipfel ins kaum steigerungsfähige hebt.

Besonders spannend habe ich das Konzept des langsamen Grundtempos im Scherzo erlebt. Anders als beispielsweise kürzlich beim SOdBR (Link), wo Jansons mit seinem Hochgeschwindigkeitsdirigat einen regelrechten tänzerischen Taumel entfachte, bleibt Tate auch hier seiner Linie treu und zieht das – für mich durchaus ungewohnte – Tempo konsequent durch, was dem Satz eine gewisse bärbeißig-stoische Note als Rahmen für das Trio verleiht.

Das Orchester zeigt sich wieder einmal blendend aufgelegt, insbesondere Streicher und Blech wunderbar – die Blechgruppe von geradezu genialer Färbung, die einzelne kleine Wackler unerheblich werden läßt. Das ist der Bruckner-Sound!

Fazit: Sie wollen in Hamburg ein besonderes Konzert erleben? Die Hamburger Symphoniker unter Jeffrey Tate sind Ihre Wahl.

21. April 2015

Close-Up. Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, freie Platzwahl


Es scheint was dran zu sein an dem alten Spruch, des Menschen liebste Tätigkeit sei es doch, anderen Menschen bei der Arbeit zuzusehen. Zumindest legt dies der gleichsam verblüffende wie erfreuliche Anblick einer gut gefüllten Laeiszhalle nahe, wo heute weder die Aussicht auf Solisten von Weltgeltung noch ein besonders straßenfegerartiges Programm lockte, sondern ein schlichter Blick über probende Musikerschultern. Nun gut, der Faktor „Freier Eintritt“ wird seinen Anteil daran gehabt haben – geschenkt. Ohne ein ehrliches Interesse an der gemeinsamen Arbeit der Hamburger Symphoniker und ihres Chefs scheint mir ein derartiger Zuspruch dennoch unwahrscheinlich, schließlich gibt es durchaus andere Möglichkeiten kurzweiliger Abendgestaltung.

Nach einer guten Stunde „Close-Up“ hat sich schließlich freudige Erwartung in wohlige Gewissheit gewandelt – Es ist eine Wonne, Jeffrey Tate und sein Orchester bei der Probenarbeit begleiten zu dürfen. Die verschiedenen Kameras sorgen mit ihren Möglichkeiten der visuellen Orientierungshilfe für den idealen Rahmen, ansonsten ist die Angelegenheit erfreulich wenig an etwaige Befindlichkeiten der Beiwohnenden angepasst. Zu Beginn eines jeden Satzes der zu probenden Suite on English Folk Tunes „A Time there was“ von Benjamin Britten spricht Tate ein paar Worte zu Herkunft oder Inhalt der jeweiligen darin vom Komponisten verarbeiteten Melodien bzw. Lieder, deren musikalische Urform wiederum vom Konzertmeister oder einer Sängerin vorgestellt wird.

Das war es dann auch schon an Interaktion mit dem Publikum – glücklicherweise, schließlich versprach die Veranstaltungsankündigung einem „echten“ Einblick in die Probenarbeit eines Orchesters und nicht etwa eine moderierte Probe oder gar Crashkurs in Orchesterarbeit. So folgt nach dem ersten Durchspielen die gewissenhafte, mitunter mühsame und kleinteilige Arbeit an der Umsetzung der Partitur im Sinne des Dirigenten, der wiederum den Intentionen des Komponisten möglichst genau Rechnung zu tragen gewillt ist. An kritischen Stellen wird solange neu angesetzt, bis Tate seine Vorstellung zumindest weitgehend vermittelt sieht.

Diese Arbeit stellt die tongewordene Antwort auf die gern in naiv-provokanter Banausenweise geäußerte Frage, wozu ein Dirigent denn überhaupt Nutze sei. Sicher, die Instrumentalisten der Hamburger Symphoniker haben – Profis wie sie sind – ihre jeweiligen Stimmen gelernt oder aufgefrischt und wären sicher auch ohne einen Taktgeber in der Lage, vor allem altbekannte und oft intonierte Werke unfallfrei durchzuspielen. Nun handelt es sich bei Brittens Suite offenbar um ein opus, das neu für die Damen und Herren Musiker zu sein scheint, und das Verblüffende wie gleichsam Verständliche liegt darin, daß man dies – Profi hin, Profi her – beim ersten Durchspielen teilweise auch deutlich vernimmt.

Bitte nicht falsch verstehen – ich schätze die Hamburger Symphoniker als herausragenden Klangkörper, es ist nur für mich, der ihr Wirken gewöhnlich in der vollendeten Einstellung eines Konzertabends bewundert, besonders spannend zu sehen, daß auch in dieser Liga die Meister nicht vom Himmel fallen, sondern vor akustischer Perfektion harte Arbeit steht. Stellen, die sich besonders hartnäckig widersetzen, werden beispielsweise in verlangsamten Tempo mit den entsprechenden Orchestergruppen verinnerlicht, um sie dann auch in Regulärgeschwindigkeit zu bestehen.

Interessanter als das Umschiffen dieser rein technischen Klippen ist jedoch die Erarbeitung der Feinheiten in Interpretation und Ausdruck. Tates Schwerpunkt liegt hier – wie man schon aus dem Konzertbetrieb erahnen konnte – häufig im Herausarbeiten dynamischer Abstufungen. Im Zweifel wird eher heruntergeregelt, gemäßigt, um dann den Kontrast zu den Spitzen besonders deutlich zu gestalten. Weiterhin kommt der feinfühligen Realisierung von gesanglichen Linien eine große Bedeutung zu, sei es im Ganzen, in den Stimmen oder auch in Solopassagen („Peter!“) – zur Not trägt der Maestro auch mal die Ausführung eins Bogens aus eigener Kehle vor.

Dabei ist Tates Tonfall generell zwar bestimmt und fordernd, aber immer geduldig und aufbauend. Er verwendet wenig Worte für die Umschreibung dessen, was ihm vorschwebt, gerade in Bezug auf den angestrebten Ausdruck ist es faszinierend, wie knapp und präzise Tate formuliert, ohne sich in elegischen Umschreibungen zu ergehen. Trotzdem setzt er hier und da illustrative Vokabeln ein, wo es beispielsweise aus dem dem Lied zugrunde liegenden Text ableitbar und hilfreich für seine Musiker ist („hier mehr drohend – die Mutter ist böse!“).

Bei alledem ist die Atmosphäre konzentriert, aber, soweit ich das als Außenstehender überhaupt beurteilen kann, durch die besonnene Art des Chefdirigenten gleichzeitig fern jeder Drangsal. Tate weiß genau, was er will und geht dem konsequent nach, vergisst dabei aber z.B. auch nicht zu loben, wenn etwas gelungen oder auf dem richtigen Weg ist. Ein trockener, dabei sehr herzlicher Humor („das klingt bei Britten nicht nett, eher Mittelalter – Game-of-Thrones-like“) läßt diesem großen Dirigenten neben tiefstem künstlerischen Respekt auch die Sympathien des Publikums zufliegen.

Ich kann nur hoffen, daß das Konzept „Close-Up“ in Zukunft als fester Bestandteil bei den Hamburger Symphonikern eingeplant wird – diesem Orchester und seinem Chef ist man gerne nah.

7. Dezember 2014

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

18:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 7, Platz 12



Alban Berg – Fünf Orchesterlieder op. 4 nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg (Michaela Schuster, Mezzosopran)
Joseph Haydn – Sinfonie Nr. 88 G-Dur Hob. I:88

(Pause)

Gustav Mahler – Rückert-Lieder (Michaela Schuster, Mezzosopran)
Franz Schubert – Sinfonie Nr. 2 B-Dur D 125



Eine ziemlich heterogene Zusammenstellung, mochte man beim ersten Blick auf die Programmfolge vielleicht denken, doch wieder einmal ist es Jeffrey Tate gelungen, aus dieser Vielfalt ein äußerst intensives Konzerterlebnis-Amalgam zu schmieden. Gerade die stilistische Bandbreite der Stücke sorgte für Kontraste, die den Blick auf die einzelnen Werke wechselseitig schärfte.

Und damit möchte ich nicht etwa verquer zum Ausdruck bringen, wie erleichtert manch konservativer Zeitgenosse auf die Haydn-Klänge nach dem „schwierigen“ Berg reagiert haben mag (Bereits die Einführung schürte dessen „Skandalpotenzial“ für meine Begriffe etwas zu parteiisch), sondern zum wiederholten Male eine Lanze brechen für die hamburgweite Konkurrenzlosigkeit der spannenden Programmgestaltung dieser Konzertreihe. Möge Herrn Tate auch in Zukunft die nötige Inspiration zufliegen, die das Fundament für solch besondere musikalische Erfahrungen darstellt.

So so, dieser Berg ist also ein gefährlicher Bursche, vor dem sich brave Konzertgänger in Acht nehmen sollten, und das offenbar noch mehr als hundert Jahre, nachdem er in Wien sein Unwesen trieb. Zumal er ja den Schönberg kannte, schlimmer noch, sein Schüler war, bei dessen bloßer Namensnennung es ja bekanntermaßen beim Großteil des Abopublikums aushakt. Ach liebe Leute, wie kann man denn so verbohrt sein, von dieser die Sinne stimulierenden Musik nicht berührt zu werden (Nun gut, wahrscheinlich würden mir h-Moll-Messe-Liebhaber das gleiche vorwerfen)? Von einer Instrumentation, so ungemein transparent, farbgewaltig und voll feinster Schattierungen, dabei gleichermaßen distanziert-verwunschen wie emotional fesselnd.

Und natürlich in erster Linie von dem schlichtweg vollendeten Vortrag der wunderbaren Michaela Schuster, die den Begriff der Sängerdarstellerin hier auch abseits der Opernbühne ohne den Hauch des Prätentiösen auf das Eindrucksvollste mit Leben füllte. Ihre unverwechselbare Stimme, mal kraftvoll, scheinbar unerschöpflich, ohne dabei je schrill, sondern stets warm und voll zu klingen, mal zarteste Nuancen auslotend, gepaart mit brillanter Textverständlichkeit und einer mimischen Bühnenpräsenz, die involvierte, intensivierte, machten diesen Liedvortrag ebenso wie die Mahler-Lieder zu etwas ganz Besonderem.

Noch einmal kurz zu Berg: Heute ist mir fast weniger die rückwärtsgerichtete Nähe zu Mahler als vielmehr der Impuls aufgefallen, den diese fragile Musik doch für kommende Komponisten gehabt haben muss – unter anderem auch für meinen geliebten Britten. Allein der soghafte Beginn von „Hier ist Friede“ mit der Tonfolge in Flöte und Harfe, der Reihe, grundiert von tiefem Blech, die harmonischen Reibungen/Schönheiten, das Sehnen, auch die Form der Passacaglia erinnern sehr an entsprechende Passagen des sensiblen Tonsetzers aus Lowestoft. Man könnte auch soweit gehen, dass das Konzept Brittens, in vielen seiner Liedzyklen, das gewichtigste, sinnlichste Stück ans Ende zu setzen, hier von Berg in Miniatur bereits vorgelebt wurde. Eine Brücke von Mahler zu Britten – die Musiktradition nimmt mitunter verschlungene Pfade.

Und dann nach der Pause die Rückert-Lieder. Auch hier hat sich Tate wieder selbst übertroffen. Mit einem Orchesterklang, den ich gegen nichts eintauschen möchte, mit einer Interpretation, die jedes einzelne der Lieder zur vollen Geltung brachte – „Liebst Du um Schönheit“ beispielsweise habe ich nie berührender in Konzert oder irgend einer Einspielung gehört. Bei „Um Mitternacht“ überraschte er mit relativ zügigem Grundtempo, um dann auch den majestätischen Schluss voller Schwung zu entfesseln (oft wird gerade bei diesem Lied der stoische Ernst mit schleppenden Tempi verwechselt, die das ohnehin pausenreiche Stück auseinanderfallen lassen). „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ schließlich, ja was soll man zu diesem in entrückter Ruhe umschließenden, betörenden Fluß elfenbeinerner Romanik sagen, die das Gemüt gleichzeitig so warm und doch so schwer macht? Unvergleichlich. Und natürlich gebührt auch hier Frau Schuster ein besonderer Dank für eine besondere, herzerwärmende Leistung.

„Den Haydn und den Schubert hat er jetzt aber wieder einfach ausgelassen“ könnte der aufmerksame Leser anmerken, doch weit gefehlt, geben diese beiden (scheinbar) wohlvertrauten Herren mir doch die Chance, noch einmal auf den ersten Gedanken meiner Betrachtungen zurückzukommen – mein Bekenntnis zu stilistischer Programmvielfalt. Ich finde es ein bisschen schade, daß gerade in Einführungen gern auf einleitende Worte zu den bekannten Stücken oder Komponisten zugunsten der „Härtefälle“ verzichtet wird.

Dabei ist es klar, daß eine halbe oder Dreiviertelstunde sich nicht als musikwissenschaftliche Vorlesung auswachsen kann, natürlich muß fokussiert werden, aber darum geht es mir auch gar nicht. Ich kann mich nur relativ schwer mit dieser Einteilung in „erklärungsbedürftige“ und „vertraute“ Musik abfinden – wahrscheinlich gerade weil mir Berg und Mahler gefühls- und somit rezeptionsmäßig viel näher als ein Haydn und selbst noch ein früher Schubert liegen. Vielen mag das anders gehen, trotzdem schwingt da immer so eine Haltung mit wie: „Na das ist halt schöne Musik, da muß man nicht viel drüber erzählen“.

Abgesehen davon, daß mir Musik, die darauf reduziert wird, schön anzuhören zu sein, erstmal den Angstschweiß auf die Stirn zaubert, tut man ihr in den meisten Fällen damit sicher auch Unrecht. Nicht falsch verstehen, es sei hübsch jedem überlassen, wie er ein Konzert auf sich wirken läßt, wie tief man in die Musik einsteigt, oder ob man das Gehörte als Untermalung für seine Gedankenspiele, was noch alles mit Herrn Dr. Klöbner in der Pause zu besprechen sei, verstanden wissen möchte. Aber es hat sicher mehr zum musikalischen Weltruhm der Werke Haydns beigetragen, als deren unverbindliche Gefälligkeit. Einfach ein paar Worte zu Faktur und Besonderheiten, vor allem im historischen Kontext, wären ganz nett.

Wie frisch und knackig und ganz und gar nicht zopfig man diese Musik doch rüberbringen kann, stellten Tate und seine Hamburger Symphoniker mit ihrer zupackenden, aber nie groben, stets transparentem Darbietung unter Beweis. Gerade im Kontrast zu dem gewaltigen Klangkosmos der Altenberg-Lieder konnte die Haydn’sche Reduktion und Konzentration wirken, die Struktur in all ihrer Klarheit hervortreten lassen. Ein vergleichbarer Effekt trat auch beim frühen Schubert nach dem Mahler ein. Eine spannende Sinfonie, die ich – zumindest so bewußt – nie wahrgenommen hatte.

Ich kann mir das natürlich aus alles einbilden, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß ich jedenfalls an einem reinen Haydn-Programm wohl ähnlich zu beißen hätte, wie manch anderer an einem Berg-Abend. Fazit: Musik ist und bleibt Geschmackssache – wie schön, daß Jeffrey Tate eine derart vielseitige Küche pflegt.

16. November 2014

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg

19:00 Uhr, 1. Rang rechts, Loge 5, Reihe 1, Platz 2


Dylan Thomas – Do Not Go Gentle Into That Good Night (Gedicht)

Franz Schubert – Der Tod und das Mädchen, Streichquartett d-Moll op. 14, Allegro (Laeisz-Quartett)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 9 D-Dur



Allzu oft sollte ich mir diese Sinfonie wirklich nicht verabreichen. Mahlers Neunte, oder: Jedes Mal ein bisschen sterben. Eine Ahnung des Unausweichlichen. Der anderen Seite? Des Nichts? Oder anders herum betrachtet die Bewußtwerdung einer schier grenzenlose Liebe zum Leben, aus der sich dieses Nicht-Loslassen-Können speist. Am Ende allen Kampfes und Aufbäumens, aller Bitterkeit und Ironie, folgt nach dem Klagen und Sehnen doch das Verlöschen. Aber eines ist gewiß – zumindest bei Mahler – dort ist Güte und Trost, auch wenn es schmerzt. Ich muß darüber nachdenken, ob Trost der richtige Begriff ist. Diese Musik löst in mir einen Zustand aus, der Gegensätzlichstes wie durch ein Brennglas im Innersten vereint wachruft. Trauer und Hoffnungslosigkeit im Angesicht des Verlustes, gepaart mit der Gewißheit, im Vergehen Frieden zu finden. Erlebter und erinnerter Schmerz, umschlungen von tiefer Dankbarkeit in der gleichzeitigen Empfindung von Reinheit, Unschuld und Schönheit. Unwiederbringlich verloren und doch ganz zu Hause. Mit allem allein bei sich. Kein Zustand, dem sich ein gesunder, zufriedener, fröhlicher Mensch allzu oft aussetzen sollte. Obwohl oder gerade weil dieses Gefühl, dieses kleine bisschen Ahnung so süß schmeckt. Komm, süßer Tod, du Schlafes Bruder. Noch. Nicht.

Tate bleibt sich treu. Langsame Tempi, breit, warmer Klang, langer Atem. Nicht immer mein Tempo? Was ist schon „Mein Mahler“? Beispiel: Zweiter Satz mit weniger Wirkung – weniger zügig und kantig als ich es mag. Weniger Solti-Faktor. Dritter Satz: Dem ersten Eindruck nach ebenfalls „zu langsam“ – aber weit gefehlt! Was für eine unentrinnbare Konzeption der Tempoverschärfung auf den letzten Schlag des Satzes hin! Größtmögliche Entladung all der galligen Energie dieses Totentanzes und gleichzeitig krasse Fallhöhe für den Einsatz der flehenden Streicher zu Beginn des Finalsatzes.

Ich springe noch mal zurück an den Anfang des ersten Satzes. Gleich mit dem ersten Seufzermotiv der Violinen ist es um mich geschehen. Ich kenne kaum einen zweiten Dirigenten, der Tate in Sachen Streicherbehandlung das Wasser reichen könnte. So fein abgestimmt, so differenziert, so facettenreich. In diesem für mich vielleicht erschütterndsten aller Sätze aus der Feder Mahlers beweisen die Hamburger Symphoniker vom ersten bis zum letzten Takt ihre Meisterklasse. Einzig die Horngruppe lässt es hier und da etwas an Feingefühl mangeln – ein Eindruck, der mich auch in den folgenden Sätzen begleitet und der vielleicht auch nur auf ungünstige akustische Gegebenheiten zurückzuführen ist. Dieser Schluß liegt nahe, hält man sich vor Augen, welch unglaubliche Akribie Tate gerade in der Abstufung der Dynamik permanent an den Tag legt. Im letzten Satz steigert er dies Prinzip ins Extrem, wenn er nach den gewaltigen Steigerungs-Eruptionen die Streicher in kaum hörbarem Pianissimo fortfahren läßt – Ein Kontrast von unfassbarer Intensität, der mehr als sprichwörtlich den Atem verschlägt.

Aber so oder so, bei einer solch leidenschaftlichen Darbietung verschwinden Details im Fluss der Überwältigung. Bevorzugt geglaubte Tempi hin, liebgewonnene Einspielungen her, an diesem Abend war die Laeiszhalle vom Wesen und Geist Mahlers erfüllt. Die Hamburger Symphoniker und Tate mit der Neunten – mehr Mahler ist kaum denkbar. Wenn überhaupt ratsam.

21. September 2014

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, 1. Rang rechts, Loge 5, Reihe 1, Platz 2



Richard Strauss – Also sprach Zarathustra

(Pause)

Gustav Holst – The Planets
(Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg (Damen))



Auf diese Saisoneröffnung hatte ich mich besonders gefreut – Die verheißungsvolle Kombination zweier ausgesprochener Lieblingswerke, präsentiert durch die geschätzten Hamburger Symphoniker und ihren verehrten Chefdirigenten. Zu hohe Erwartungen sind selten ratsam, da nicht nur in der Oper, sondern auch im Konzert das subjektive Gelingen des Abends von allzu vielen Faktoren abhängig ist. Daß ich bei Veranstaltungen der Hamburger Symphoniker, zumal unter Mitwirkung Herrn Tates, allerdings mittlerweile ein wohliges Zutrauen in die Fügung der Dinge entwickelt habe, wurde auch heute wieder nicht bestraft.

Also sprach Zarathustra, oder: So geht Strauss. Ein nie versiegender Fluß mäandernder Harmonik, aufs Nuancierteste ausgesteuert durch die feinen Fingerzeige Tates, sein herrliches Orchester im Rausch der Klangfarben erstrahlen lassend. Gipfel für Gipfel wird unbeirrbaren Schrittes erklommen, Bögen dürfen hier atmen, so daß stetig Spannung aufgebaut wird. Dabei spielt es keine Rolle, welchen Ausdruckscharakter eine Passage hat, die aufeinander aufbauenden bzw. kontratierenden Teile werden gemäß ihrer dramatischen Funktion im Fortgang des Stückes ungemein dicht verzahnt und lassen dabei das große Ganze ebenso wie die einzelnen Schönheiten der Partitur ans Herz gehen.

Und zu Herzen geht diese Musik, zumal in solch einer Interpretation, wie sie ein sensibler Gestalter wie Tate hervorbringt. Dabei zeichnet sich sein Dirigierstil sowohl durch äußerste Präzision, als auch eine ungeheure Ruhe und Wärme aus, ein Federn, daß den Fluß organisch lenkt. Fluß, da taucht der Begriff abermals auf. Wahrscheinlich empfinde ich deshalb auch Tates Strauss (und Wagner!) als so zwingend. Rund und voll. Mit einem Ohr für die Schattierungen, über die manch anderer achtlos hinfort eilt. Allein wie der innige Streichersog im Teil „Von den Hinterwäldlern“ stufenlos an Intensität und Kraft gewinnt, ließ mich einfach in Verzückung dahinschmelzen. Mag vielleicht arg pathetisch klingen, aber: Perfektion kann starke Worte vertragen.

Nach Rausch, Ekstase und Verklärung bei Strauss freute ich mich nicht minder auf die nachpausige Planetenkunde. Als Freund der unter Klassikfreunden gern naseberümpften Filmmusik und großer Bewunderer John Williams’ macht es einfach einen Heidenspaß, sich an dem standardsituativen Füllhorn, welches Holst mit dieser Suite ausgeschüttet hat, in vollen Zügen zu laben und staunend von den Früchten zu kosten, die schon manchen Kollegen aus Hollywood auf den Geschmack gebracht haben.

Natürlich sind da erst einmal die offensichtlichen Parallelen zu bekannten Stücken der Filmmusikgeschichte, wie die Patenschaft des Mars für allerlei Martialisches von Star Wars bis Gladiator. Viel spannender als einzelne, konkrete Allusionen oder (Beinahe-)Zitate ist in meinen Augen allerdings die Bandbreite und Plakativität der verschiedenen Holst’schen Stimmungsbilder, die auch ohne die Verknüpfung mit mythologischen Charakterstudien vor dem geistigen Auge Szenen verschiedenster Couleur hervorrufen. Damit meine ich weniger konkrete „auskomponierte“ Handlungen, als vielmehr präzis formulierte emotionale Aggregatzustände, die wiederum nach der Verknüpfung mit außermusikalisch Archetypischem geradezu schreien.

Die Untertitel der Sätze geben dabei zwar schon die grobe Richtung an – Krieg, Frieden, Freude, Alter usw. – doch sie unterschlagen den Variantenreichtum, mit dem sich Holst den Themen widmet. Faszinierend, wie er beispielsweise im Jupiter den Begriff „Freude“ von verschiedenen Seiten beleuchtet: Ausgelassen, weihevoll, übermütig, stolz, triumphierend. Und das organisch innerhalb weniger Minuten – ein Umstand, den diese Musik so interessant für Filmkomponisten macht, bei denen es oft auch um die Gestaltung plakativer Miniaturen geht, mit denen es Szenen von bereits durch den Schnitt definierter Länge zu vertonen gilt.

Dabei ist diese Art der Musik natürlich nicht mit Holst vom Himmel gefallen, Anklänge an andere Klassiker der „Programmmusik“ von Strauss bis Dukas (Holsts Magier Uranus scheint mit dem Zauberlehrling die gleiche Schulbank gedrückt zu haben) sind unüberhörbar. Dennoch stellt diese Suite für mich ein Schlüsselwerk der illustrativen bzw. deskriptiven Musik dar – die Diskussion, ob Musik an sich überhaupt lustig, traurig etc. sein kann, erspare ich mir an dieser Stelle – eben aufgrund seines kaleidoskopischen Steinbruchs an Ausdrucks-Standards, die in der Folge so inspirierend wirken sollten.

Gerade auch der Instrumentation darf in diesem Zusammenhang fast schon stilbildende Funktion beigemessen werden – um als Beispiel den Bogen wieder zu John Williams zu schlagen. Wer sähe sich als fleißiger Kinogänger beim einsamen Solohorn der Venus nicht an die Weiten Tatooines, bei Merkurs wirbelnden Figuren nicht an „Home Alone“ erinnert? Überhaupt fällt die Kombination flirrender Streicher und Holzbläser, wie sie unter anderem im Uranus anzutreffen ist, ganz klar unter den „typischen“ Williams-Sound.

Der Umstand, daß die Filmmusik in Vertretern wie Williams nicht minder begnadete Schöpfer großer Werke (unter gänzlich anderen Vorzeichen und für einem völlig anderen Einsatz) gefunden hat, läßt mich das Aufgreifen der angesprochenen Muster ganz klar als weitergeführte Tradition, ein aufeinander Aufbauen sehen und hat für mich gerade in diesem Fall keinesfalls etwa mit Ideenraub zu tun. Das Besondere – und Bewundernswerte – an Williams ist nämlich letztlich die Fülle originärer Ideen und Lösungen, die dieser Mann für die verschiedensten Genres in beseelte Musik gegossen hat. Aber dies im Detail auszuführen, würde wiederum einen eigenen Eintrag erfordern.

Besondere Erwähnung erfordert allerdings auch an diesem Abend Tates Beitrag. Gleich die ersten Takte des Mars liefern eine eindringliche Antwort auf die in meinem Umfeld gern mal halb unbedarft, halb provokant gestellte Frage, was der Dirigent denn schon groß beizutragen habe. Ein für mein auf Bernstein und seine New Yorker Philharmoniker geeichtes Ohr spontan viel zu langsames Grundtempo zum Beispiel. Und dann passiert nach einigen Momenten der Irritation eben jenes Phänomen, für das ich nicht müde werde, mir immer wieder ein und dieselben, scheinbar wohlvertrauten Stücke im Opern- oder Konzertsaal einzuverleiben: Das Altbekannte entsteht unter den Händen eines inspirierten Dirigenten frisch und neu wie ein Schatz, den man gerade erst gefunden hat.

Konkret auf den Mars bezogen bedeutet das folgenden Effekt: Während Bernstein mit seinem schnellen, ungestümen Tempo das aggressive, ungezügelte Moment des Krieges beschwört, der beinahe wie eine Naturgewalt hereinbricht, hebt das langsame, dafür ungleich präzisere Tempo Tates in seiner fast metronomartigen Strenge, das keinesfalls weniger beklemmende Technokratische, Unaufhaltsame der Kriegsmaschinerie in aller Unerbittlichkeit hervor. Querverbindungen zum maschinenhaften Tanz in Ravels „La Valse“, der ebenfalls sein grotesk stampfend schnaufendes Ende findet, tun sich auf – es ist einfach immer wieder spannend zu erleben, daß es eben nicht die eine, allein selig machende Sichtweise auf eine Komposition gibt. Daß sich hierbei auch die Hamburger Symphoniker nicht schuldlos zeigen – beispielsweise mit einem satten Blech, das droht, als gäbe es kein Morgen – versteht sich von selbst. Ebenfalls für die übrigen Sätze der Suite gilt: Die Hamburger Symphoniker liefern!

Fazit: Zarathustra-Sonnenaufgang und Milchstraßen-Bummel zeigen es um die Wette strahlend an – Die Sterne stehen günstig für die neue Saison der Hamburger Symphoniker.

23. März 2014

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 7, Platz 14



Witold Lutosławski – Musique Funèbre

(Pause)

Johannes Brahms – Ein Deutsches Requiem (Christian Gerhaher (Bariton), Chen Reiss (Sopran), Philharmonia Chorus London)



Nach der noch in bester Erinnerung verweilenden Darbietung seiner vierten Sinfonie (Link) brachten die Hamburger Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten heute also ein weiteres Werk Lutosławskis, gewissermaßen als kleinen Trauer-Bruder des großen Brahms-Requiems, zur vorpausigen (Erst-)Begegnung. Mit der Klammer möchte ich mal keck von mir auf andere schließen: Ich nehme nämlich an, daß die Musique Funèbre nicht nur für mich eine Neuentdeckung darstellte – die sich, wie seinerzeit die Sinfonie, mit Herrn Tate und seinem Orchester der besten Vermittler versichert sein durfte, die überhaupt zu denken sind.

Was ich mit diesen gedrechselten Einleitungsworten zum Ausdruck bringen möchte: Es ist schön, immer wieder „alte“ Neuheiten bzw. neue Altheiten für sich auszugraben, noch schöner wird dies Unterfangen allerdings mit den richtigen Schatzgräbern an der Seite. Und die Hamburger Symphoniker haben diesen faszinierenden Transfer mittlerweile perfektioniert. Von den ersten zarten Klängen des Solocello bis zu seiner verhauchend abschließenden Wiederkehr entsponn sich das Werk als Demonstration eines Streicherklanges, der an Intensität kaum zu übertreffen ist. Wobei sich wieder einmal zeigt, das Intensität keinesfalls an schiere Lautstärke gekoppelt sein muß. Anders: Mit solch einem Streicherklang – ob leise oder laut – läßt sich eine Welt aus den Angeln heben, und sei es auch nur für die Dauer einer Trauermusik.

Wenn mich heute jemand fragte, wie ich mir den perfekten Violinenklang vorstelle, wäre die Antwort: ziemlich genau so, wie ich ihn heute vernommen habe. Warm, voll, seidig, aber eben auch kräftig und schneidend. Dieses bittersüße Paradox, daß bei Fortissimo-Ausbrüchen ein zum Niederknien schöner Schall gleichzeitig unerbittlich bis ins Mark trifft. Reinhauen muß es! Profund gebettet von sonor grollenden Bässen, veredelt von samtig näselnden Celli, konnte heute streichertechnisch einfach nichts schief gehen, um es mal gelinde auszudrücken.

Nach der Einleitung und heftigen Steigerung folgt im Lutosławski ein Abschnitt, der von den Violinen dominiert wird, sehr gesanglich, hat mich etwas an Hindemith erinnert, und auch da dachte ich mir: ja, so und nicht anders, klar und farbig, nie matt oder leer – ebenso für Hindemith geeignet. Na, die Mathis-Sinfonie oder Die Harmonie der Welt, das wär doch auch was ... Aber ich komme wieder mal vom Thema ab. Lutosławski ist das Stichwort. Unabhängig vom grandiosen Vortrag unter einfühlsamer Leitung konnte das Werk auf Anhieb überzeugen. Zwölftonreihe hin oder her, das ist einfach beseelte Musik.

Gleiches gilt sicher auch für das Brahms-Requiem, obwohl ich gestehen muß, daß ich nie so ganz damit warm geworden bin. Ich liebe den ruhig fließenden Puls des Beginns, den zweiten Satz mit der ganzen Härte seines unentrinnbaren Ernstes einerseits („Denn alles Fleisch ...“) und dem genialen Übergang zum scheu verklärten „Das Gras ist vergangen ...“ mit seiner entrückt schönen Begleitung (Holzbläser bzw. Streicher) andererseits, und auch in den folgenden Sätzen gibt es immer wieder Passagen und Momente, die mich berühren, mitreißen, erschüttern. Dennoch überwiegt über die gesamte Dauer des Werkes gesehen eher der Respekt vor der vielschichtigen Faktur als ein bedingungsloses Eintauchen in diese musikalische Sprache, deren kontrollierter Furor und akademischer Gestus mir insgesamt doch fremd bleibt.

Daran konnte auch die vorzügliche Leistung der Mitwirkenden nur bedingt etwas ändern. Und trotzdem habe ich viel Anregendes auch aus diesem Teil des Konzertes mitgenommen. Anfangs hatte ich leichte Probleme, mich in das doch recht langsame Grundtempo Tates hineinzufinden, aber spätestens beim ersten markanten Tempowechsel wurde der ganze Schwung unmittelbar spürbar, den ein plötzliches Forcieren auf ruhigem Grund freizusetzen vermag. Diesen Effekt des Sogwirkung erzielenden Anziehens im Tempo, konnte man in der Folge noch mehrfach genießen, was dem Werk, bzw. seiner strukturellen Fasslichkeit sehr gut tat. Darüber hinaus blieb Tate mit den eher breiten Tempi seiner Linie treu, noch die feinsten Feinheiten aus einem Werk herauszuholen. Nichts wird einfach nur abgespult, kein wichtiges Detail läuft Gefahr, nicht bedacht und somit überhört zu werden – es ist einfach eine Wonne, Herrn Tate beim Gestalten in Echtzeit zu erleben. Aber darauf war ich ja bereits mehrfach an anderer Stelle genauer eingegangen, z.B.: (Link).

Nicht minder als die – hier wieder einmal erstklassige – Orchesterleistung gebührt in einem Requiem natürlich dem Chor und den Solisten besondere Beachtung. Auch wenn ich kein wirklicher Chorexperte bin, hat mich die Londoner Truppe absolut überzeugt, genauer gesagt auch hier wiederum die durch Tate gesteuerte Abstimmung zwischen Feinheiten und Schmackes-Momenten. Und dann bliebe da noch die luxuriöse solistische Besetzung mit Frau Reiss und Herrn Gerhaher. Während ich der israelischen Sopranistin bereits einige Male im Hamburger Konzertleben begegnet bin, sei es zusammen mit den Hamburger Symphonikern oder bei Liederabenden (Link und Link), kannte ich Herrn Gerharhers wunderbare Stimme bislang nur von Aufnahmen. Umso beeindruckender zu erleben, welch stimmliche und physische Präsenz von diesem Sänger in Natura ausgeht.

Eine schöne, wohltimbrierte Stimme ist das Eine – spannend wird es aber immer dann, wenn eben mehr hinzukommt. Ohrenzeuge zu werden, wie bei der Anklage der gedankenlosen Menschen der Sänger wahrhaftig zum Prediger wird, der jedes Wort mit Feuereifer an seine Gemeinde richtet, oder mit welcher Energie Gerhaher das Erscheinen der Posaune kom... nein, eben nicht bloß kommentiert, sondern viel mehr. Mit Inbrunst – leider fast schon ein abgegriffener Begriff – verkündet. Es ist immer das Gleiche. Die Noten allein sagen es nicht, es braucht einen Sänger der nicht nur singt, sondern – weniger pathetisch ausgedrückt – Inhalte glaubhaft vermitteln kann.

Vielleicht könnte sich Frau Reiss – ohne Zweifel im Zenit ihrer technischen und klanglichen Mittel stehend – in Bezug auf diese schwer zu beschreibende Übertragung des (scheinbar?) Persönlichen, das Herz Bloßlegenden, noch eine kleine Scheibe bei ihrem Kollegen abschneiden. Aber ich möchte heute nicht das Haar in der Suppe suchen. Vielmehr möchte ich mich bei allen Beteiligten für dieses außergewöhnliche Konzert bedanken und verbleibe in freudiger Erwartung weiterer Sternstunden durch die Hamburger Symphoniker.

26. März 2013

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 1. Rang rechts, Loge 2, Reihe 1, Platz 2

 

Aron Kitzig – Spiegel (Videoinstallation)
Richard Wagner – Vorspiel und Karfreitagszauber aus „Parsifal“

(Pause)

Edward Elgar – Sinfonie Nr. 2



Ich bleibe dabei: Momentan stellen die Hamburger Symphoniker einfach das interessanteste Angebot für den geneigten Konzertgänger in der Hansestadt dar. Die Vorzüge liegen für mich auf der Hand:

Abwechslung.
Kein Abonnement in Hamburg bietet eine derart wohltuende Programmgestaltung abseits der ausgetretenen Pfade mit den üblichen Verdächtigen des Klassikbetriebs. Was spricht gegen Brahms, Beethoven oder Tschaikowsky? – Nichts! Ich verehre die Werke dieser und anderer Dauergäste der Konzertprogramme und höre sie gern und oft, aber ich bin den Hamburger Symphonikern dankbar dafür, daß sie offen für „Neues“ sind und über den Abo-Tellerrand hinausschauen. Und mal im Ernst: Wir reden hier ja schließlich nicht von irgendwelchen Ausgrabungen drittklassiger Komponisten, mit denen man sich vielleicht profilieren möchte, sondern schlicht und einfach von der reichhaltigen Erweiterung des Kernrepertoires um gewichtige Stücke von Komponistengrößen wie z.B. Sibelius, Britten oder Elgar – oder auch Haydn, Schumann oder Strauss, um nicht nur die „Exoten“ ins Feld zu führen. Eigentlich ist es ja ganz einfach, bzw. könnte auch andernorts so einfach sein – es ist immer eine Frage der Ausgewogenheit. Auch bei den Hamburger Symphonikern ist ja alles da: Die Neuner-Straßenfeger von Beethoven und Dvořák, Mozart-Konzerte, Brahms, Bruckner, Mahler ... Aber eben fast immer verbunden mit dem Angebot, seinen (musikalischen) Horizont zu erweitern. Ich finde, das verdient Respekt, und falls es tatsächlich – wie heute – dazu führen sollte, mal nicht die Hütte auf Alt-Abonnent komm raus voll zu bekommen, erst recht Hochachtung ob dieses Engagements.

Innovationsfreude.
Ich mag den Gedanken, das Konzertwesen nicht als unabänderliches, ewig wiederkäuendes Konstrukt, sondern auch als Spielwiese für Experimente zu begreifen. Mit Ideen wie dem als Konzert-Theaterstück (oder doch Theater-Konzert?) aufgeführten Shakespeareschen „Sturm“ aus Sibelius’ Feder oder der mit großem Einsatz unter Hinzuziehung neuer Wege (Stichwort Crowdfunding) realisierten DVD-Produktion „Divine“ (Link) beweist man auch hier den Willen zur Innovation. Das heutige Unterfangen, dem eigentlichen Konzert eine visuelle Ouvertüre in Form einer Videoinstallation voranzustellen, zeugt einerseits allein durch den betriebenen Aufwand von großer Ambition, brachte darüber hinaus jedoch ganz konkret eine äußerst ungewohnte Form der Poesie, der Kontemplation in die Laeiszhalle.

Qualität.
Ich habe es bereits viele Male thematisiert, aber ich werde nicht müde es zu wiederholen: Die Hamburger Symphoniker sind ein wunderbares Orchester mit einem Chefdirigenten, unter dessen Händen sich die Gestaltung von Klang und Struktur bei jedem Konzert auf das Eindringlichste manifestiert. Diesen Gestaltungsprozess hautnah miterleben zu können, erleichtert wiederum gerade den Zugang in Bezug auf musikalische Erstbegegnungen. Zumindest geht es mir persönlich so, weil sich dadurch mein Fokus auf die Entwicklung der Musik noch weiter schärft und einfach mehr schon beim ersten Hören hängenbleibt. Auch die heutige Darbietung der Elgar-Sinfonie bestätigte diesen Effekt. Sei es die Vermittlung des Aufbaus der Sinfonie im Ganzen oder ein Detail wie die Gänsehaut bringende Präsentation des verwunschen aufblühenden Seitenthemas aus dem ersten Satz – zunächst in pulsierend marschähnlicher Anmutung auf Trommelgrund intensiviert, schließlich bei seiner Wiederkehr zum Höhepunkt des Rondos mit pochendem Schlagwerk noch gesteigert – Eindrücke wie diese sind ideale Fürsprecher einer großen Musik, die offenbar viel zu selten im hiesigen Konzertbetrieb erklingt. Daß ich dabei besonders gern auf den klanglichen Charakter dieses Orchesters vertraue, ist auch kein Geheimnis und wurde schon im ersten Teil des Programmes beim Ausspinnen der Wagner-Wonnen wieder mal mit soghafter Wirkung und fein abgestuftem Klangfarbenfächer belohnt.

Man könnte noch viele Worte verlieren, aber der Fall liegt denkbar einfach: Sollten Sie Gelegenheit haben, die Hamburger Symphoniker, vor allem mit seinem Chefdirigenten, einmal zu erleben – tun Sie sich und Ihren Ohren einen Gefallen und schlagen – oder vielmehr hören – Sie zu!

9. Februar 2013

DVD-Präsentation „Divine“ – Hamburger Symphoniker.
Astor Film Lounge Berlin.

11:30 Uhr



Heute hatte ich das Glück, der Vorab-Präsentation der neuen DVD „Divine“, ein Mitschnitt eines Konzertprogramms der Hamburger Symphoniker (Link), auf der Leinwand der Astor Film Lounge in Berlin beizuwohnen. Das Projekt war im letzten Jahr mittels Crowdfunding finanziell angeschoben worden, nun konnte man einen ersten Blick auf das Ergebnis werfen. Wobei man sich auf den Hauptteil des Konzertes, Auszüge aus Wagners Götterdämmerung, konzentrierte und den Strawinsky, den es als ersten Programmpunkt gegeben hatte, im Köcher ließ.

Mag zwar Deborah Voigts europäische Erstbrünnhilde auf den ersten Blick als das Hauptargument für die Produktion gelten, war es doch schon allein eine Wonne zu sehen und vor allem auch zu hören, wie die außergewöhnliche Arbeit des Jeffrey Tate, manifestiert in den wunderbaren Klängen der Hamburger Symphoniker, vom Live-Erlebnis in beeindruckend differenzierter Weise auf „Konserve“ zu bannen geglückt war. In Bezug auf die fast beispiellose Sensibilität und zwingende Gestaltung habe ich ja bereits nach dem Konzert das ein oder andere Wort getätigt, das Ereignis der Vorführung war die Lebendigkeit der Aufnahme, durch die jene Vorzüge den Weg heraus aus dem Gedächtnis wieder direkt ins Mark fanden.

Dazu in Einklang präsentiert sich die ästhetische Qualität der Bilder, die viel dazu beitragen, eine intensive Atmosphäre zu schaffen, unter anderem indem strukturgebende Schlaglichter auf die Orchestermusiker gesetzt werden. Ich freue mich sehr, daß diese Produktion realisiert wurde, die gleichzeitig Beispiel und Ausdruck der mit Recht großen Ambitionen der Verantwortlichen dieses herrlichen Klangkörpers ist. Man darf gespannt sein, welche Projekte die Zukunft bringen wird.

10. Juni 2012

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 15














Camille Saint-Saëns – Phaéton
Benjamin Britten – Les Illuminations (Anne Schwanewilms – Sopran)

(Pause)


Maurice Ravel – Shéhérazade (Anne Schwanewilms)

Albert Roussel – Sinfonie Nr. 3



Frankreich-Wochen in der Laeiszhalle, Teil 2: Phaéton mag zündeln, zünden will er nicht, obwohl der Maestro und seine Mannschaft mit Verve zu Werke gehen – wie in letzter Zeit schon so oft bestaunt und besprochen. Die Ausführenden tragen keine Schuld, das Werk selbst scheint dem ersten Vernehmen nach lärmende Langeweile.

Ganz im Gegensatz zum wohlvertrauten Werk des genialen Insulaners, der sich per Sprachregelung in den Abend gemogelt hat. Frau Schwanewilms knüpft dort an, wo sie in der Ariadne aufgehört hatte – feinstziselierte Phrasierungs- und Nuancierungswonnen aus goldener Kehle. Gleichwohl die Sopranfassung für meine Pears-geeichten Ohren überaus gewöhnungsbedürftig im Wortsinne war – es dauerte eine ganze Weile, um reinzukommen, danach war der Weg frei, das Stück von ganz anderer Warte gewissermaßen neu zu entdecken. Sehr interessant, wie sich der gesamte Ausdruck, aber auch Details in der Wahrnehmungs-Gewichtung durch die alternative „Instrumentation“ verschieben.

Ungeachtet ihrer Leistung im Britten scheint sich Frau Schwanewilms bei Ravel eine Spur wohler zu fühlen. Stimmlich ist dies der Höhepunkt des Abends – wenn ich mich doch nur für diese Musik erwärmen könnte. Vielleicht kommt das ja noch. Gestern hatte Ravel mich, heute blieb ich „L’indifférent“.

Aber endlich höre ich einmal ein Werk von diesem Roussel. Das schätze ich so an den Konzerten der Hamburger Symphoniker – eine inspirierte Programmgestaltung jenseits der altbewährten Konzertschlachtrösser. Und siehe da: Der Neue kann sich hören lassen. Eine Art französischer Westentaschen-Mahler. Ein bärbeißiges Allegro, Marsch- und immer wieder Tanzelemente, groteske Einschläge, urige Instrumentation (z.B. tiefes Blech plus Triangel), ein episodenhaftes Adagio, ein Mini-Scherzo, das Finale fast schon Ives-mäßig. Und immer wieder interessante Harmonien.

Anstelle eines Fazits einige Überlegungen zum Konzertbetrieb. Heute lag ein Fragebogen der Hamburger Symphoniker aus, in dem man unter anderem auch angeben konnte, was man von einem Konzert dieses Orchesters erwartet. Programme wider den Klassik-Mainstream, vollendet interpretiert von Herrn Tate und anderen Dirigenten sowie Gastsolisten mit diesem wunderbaren Orchester – das ist es, was ich erwarte und zum Glück auch erhalte. Aber wie sieht das die Mehrheit im Saal?

Das Konzert heute war sehr gut besucht, soweit ich das überblicken konnte, das habe ich speziell bei den Hamburger Symphonikern schon ganz anders erlebt. Dennoch schnappe ich nach Programmen dieser Art – mit ein oder gar mehreren Werken unbekannterer Bauart – an der Garderobe oder am Bahnsteig der U-Bahn eher Kommentare auf, die den Vortrag, nicht aber das Vorgetragene loben. Oder gleich unverblümt ihrem Sehnen nach Mozart und Brahms Ausdruck verleihen. Britten? Hindemith? Sibelius? Womöglich das böse S-Wort gar – Schönberg? Stirnrunzeln. Kopfschütteln. Schwere Seufzer. Modernes Zeugs.

Seit über hundert Jahren zu modern – nicht schlecht. Aber zurück zur Frage: wie sieht das die Mehrheit im Saal? Zumindest im Radio wird ja immer die gleiche Sülze gewünscht. Gestern im Fauré geht ein erleichtertes Raunen durch den Saal, als „das bekannte Stück“ aus der Suite erklingt. Vielleicht sind Konzerte auch einfach nur zu einem guten Teil eine Art geheime Absprache. Man mag es nicht – man klatscht trotzdem. Denn was wäre ein Konzertbesuch ohne den abschließenden Satz der Sätze: „Schön war’s“.

PS: Wenn „nett“ bekanntermaßen der kleine Bruder des anderen bösen S-Wortes ist, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis steht dann „schön“?

19. Februar 2012

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 8, Platz 16


Igor Strawinsky – Apollon Musagète

(Pause)

Richard Wagner – Auszüge aus „Götterdämmerung“: Sonnenaufgang, Siegfrieds Rheinfahrt, Siegfrieds Tod und Trauermarsch, Brünnhildes Schlußgesang (Deborah Voigt – Sopran)



Für das Strawinsky-Ballett konnte ich mich nicht besonders erwärmen, sehr wohl aber für den gewohnt warmen, feinen Streicherklang der Symphoniker. In einigen schnellen Passagen hätte es eine kleine Schippe Virtuosität mehr sein können, unter dem Strich wieder eine mustergültige Darbietung, fein geregelt von Jeffrey Tate. Seiner nuancierten Gestaltung verdanke ich dann auch, daß die halbe Stunde zumindest kognitive, wenn schon keine emotionale, Stimulanz gewährleistet war. Eine unglaublich anstrengende, weil kaltlassende Musik.

Der Kontrast der Halbzeiten wurde ja bereits in der Einführung (diesmal ungewohnt launig!) beschworen und hätte in der Tat kaum eklatanter ausfallen können. Eines vorweg: Tates Wagner ist nicht immer mein Wagner, aber es ist ein ununterbrochen beeindruckender, bis ins letzte Detail ausgetüftelter Wagner. Auch hier fällt mir nichts Besseres ein, als die üblichen Tate-Attribute zu bemühen: transparent, nuanciert, gestaltet, plastisch, homogen, bestechend. Ungeachtet der schieren Wucht, die in den dargebotenen Passagen der Götterdämmerung nun einmal dominiert, geht Tate auch hier konsequent seinen Weg der differenzierten Interpretation. Dabei hört sich meine Beschreibung seines Stils analytischer an, als es das eigentliche Ergebnis tut. Die Art der Darbietung trat vielmehr wieder einmal den Gegenbeweis an, bei Wagner handele es sich unter dem Strich um eine brutale, lärmende Angelegenheit.

Wenn Maßlosigkeit in der Musik eine Schwäche darstellt, dann bin ich gerne ein Anhänger des Schwachen. Ich liebe Musik, die „von ... bis“ ist. Von den zartesten Streicherstrahlen des Sonnenaufgangs der Götterdämmerung bis zu den (im Idealfall) markerschütternden Schlägen des Trauermarsches. Musik von hoch bis tief, von leise bis laut, von langsam bis schnell und so weiter und so fort. Auf den Punkt gebracht ist das eine Musik der Kontraste. Nun ja, eine Musik, die gänzlich auf Kontraste verzichtet, ist sicher selten bis nie anzutreffen, mir liegt aber insbesondere das Maß, gewissermaßen die Amplitude der Kontraste am Herzen. Und in diesem Zusammenhang kann ich meine Vorliebe für Superlative nicht verhehlen, wobei beispielsweise „leisest“ und „zartest“ eine mindestens ebenso große Anziehungskraft auf mich ausüben wie ihre Spiegelbilder.

Tate liefert diese Kontraste, nicht holzschnittartig, sondern organisch wachsend und vergehend. Ein relativ langsames Grundtempo läßt den Spielraum, sich am Reichtum der Partitur zu weiden. Steigerungen entstehen bei ihm als durchhörbare, soghafte Entwicklungen, zum Höhepunkt hin nochmals verlangsamend schichtend, bei denen ich vielleicht höchstens die letzte Zündstufe der Entäußerung vermisse, im Zweifel auch auf Kosten der hier nie in Frage stehenden Homogenität. Aber ist nicht die bloße Suche nach dem I-Tüpfelchen, dem letzten bißchen Klangfarbe und Intensität, dem ich hier hinterherjage, in Zusammenhang gesetzt mit der Tatsache, daß hier weder die Berliner noch Wiener Orchestereliten am Werk waren, sondern ein dem Renommee nach eher unbeschriebener Klangkörper, die eigentliche, unzweifelhafte Sensation des Abends?

Die im Vorfeld nach allen Regeln der Vermarktung (und angestrebten Realisation der DVD-Produktion) angekündigte personelle Sensation, die deutsche Erstbrünnhilde von Deborah Voigt, geriet mir da zwar nicht zur Randnotiz, fügte sich aber vielmehr als ein wichtiger Baustein zum gelungenen Ganzen der Aufführung. Ich würde meinem tatsächlichen Eindruck nicht gerecht, schmisse ich auch hier mit Superlativen um mich, aber sie ist definitiv eine Brünnhilde, wie man sie nicht so häufig – auch an sogenannten ersten Häusern – zu Gehör bekommt. Nicht schrill, keine Spur des üblichen Gekeifes, eine sehr warme, schlanke, dennoch durchdringende Stimme, vielleicht mit etwas viel Vibrato, bemerkenswert textverständlich und akzentneutral. Ich bin gespannt auf die DVD.

Die Hamburger Symphoniker verdanken Jeffrey Tate eine Menge, soviel ist sicher. Ich verdanke allen Beteiligten einen äußerst intensiven, im Wortsinne musikalischen Abend.

29. September 2011

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, Parkett rechts, Reihe 7, Platz 14


Robert Schumann – Szenen zu Goethes „Faust“

Juliane Banse – Sopran

Chen Reiss – Sopran
Anja-Nina Bahrmann – Sopran
Natascha Petrinsky – Mezzosopran
Iris Vermillion – Alt
Steve Davislim – Tenor
Simon Keenlyside – Bariton
Georg Zeppenfeld – Bass
Staatlicher Akademischer Chor „Latvija“
Tölzer Knabenchor



Eigentlich ist es doch beruhigend, gewisse Konstanten im Leben zu wissen und angenommene Entwicklungen bestätigt zu sehen. Es ist ein gutes Gefühl, Jeffrey Tate nach seiner Krankheit wieder am Pult sein wunderbares Orchester beflügeln zu erleben, das unter seiner Gestaltung und mit Hilfe von exzellenten Gesangssolisten eine weitere mustergültige Interpretation eines großen Werkes bietet.

Weniger beruhigend als vielmehr ernüchternd ist jedoch die Konstante, angesichts einer Komposition aus der Feder Schumanns die angesprochene Größe nur in Bezug auf Besetzung und Aufführungsdauer erkennen zu können: selten habe ich mich auf so hohem Niveau gelangweilt. Die Faszination an Schumann erschließt sich mir schlichtweg nicht. Ähnlich Mozart und Mendelssohn mag es zwingende Ausnahmen geben, aber es ist das Grundsätzliche, das Wesen dieser Musik ist mir zutiefst fremd. Als hörte ich eine Sprache eines anderen Kulturkreises, die mich nicht fasziniert, sondern einfach ausschließt.

Einige wenige Momente des Werkes sind mir haften geblieben: Die eigentümliche Kombination von Gretchens Gesang mit dem Dies Irae des Chores, der dämonische Auftritt der Sorge (hinreißend: Chen Reiss), Fausts „Augenblick verweile doch“ und die ein oder andere Kleinigkeit aus dem zweiten Teil. Für meinen Geschmack etwas wenig für zwei Stunden Dauerbeschallung.

Dabei waren mit den Solisten die besten Anwälte für das Werk zugegen, die sich denken lassen: Simon Keenlyside als stimmgewaltiger, aber auch sensibler Faust (evtl. durch eine Erkältung nicht ganz im Vollbesitz seiner Stimmschönheit – in mittlerer bis hoher Lage in gemäßigter bis geringer Lautstärke war die Stimme zuweilen brüchig). Georg Zeppenfeld – meine hohen Erwartungen wurden noch übertroffen – als nachtschwarzer Mephisto (perfekte Diktion, genialer Ausdruck, beeindruckendes Volumen). Chen Reiss als Krone des starken Damenquartetts (silbrig, kristallen; als Sorge stellte sie ihr dramatisches, dämonisch-verführerisches Talent unter Beweis). Dazu ein guter Tenor und eine sehr gute Juliane Banse (deren Stimme mir persönlich allerdings nicht so liegt), ergänzt durch solide Chöre. Kurz: an den Ausführenden lag es nicht, daß mich das Werk vollkommen kalt ließ.

Mir erscheint das alles so unendlich brav, so vorhersehbar, so unfordernd. Harmonisch ist da nichts, das mich faszinieren würde, alles bleibt hübsch in schulmeisterlich-klassischen, biederen Bahnen. Selbst die größten Steigerungen verpuffen – laute Musik, na und? Ich habe da immer einen Schumann im Kopf, der spricht: „jetzt wollen wir aber recht tüchtig auf den Putz hauen!“ Und das Ergebnis: gebremster Schaum. Mit domestizierter Leidenschaft kann ich nichts anfangen, ich erbitte mir in solchen Fällen Ekstase.

Und was genau möchte Schumann eigentlich? Opernszenen? Ein Oratorium? Eine Kantate? Von allem ein bißchen? Einzig in den bereits angesprochenen „dunklen“ oder lyrisch entrückten Momenten kann ich ihm (bedingt) folgen, ähnlich dem 4. Satz der „Rheinischen“. So oder so ist mir das zu wenig, da gibt es andere, lohnendere Pfründe der musikalischen Ernährung – bei der Beschäftigung mit Schumann fürchte ich doch langfristig das Auftreten von Mangelerscheinungen.

Nach dem Konzert zeigte sich Keenlyside vom Werk sehr begeistert, lobte vor allem den Ansatz „richtigen“ Goethe vertont zu wissen – im Gegensatz zu Berlioz und Gounod. Auch Reiss und Zeppenfeld schwärmten von dem Stück. Vielleicht haben sie ja den Schlüssel, den ich bislang vergeblich gesucht habe.

23. Januar 2011

Hamburger Symphoniker – Jeffrey Tate.
Laeiszhalle Hamburg.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 4, Platz 16


Joseph Haydn – Sinfonie Nr. 4
Witold Lutosławski – Sinfonie Nr. 4

(Pause)


Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 4 (Michelle Breedt – Mezzosopran)



Haydn gehört nicht zu meinen ausgemachten Lieblingskomponisten und wird es wahrscheinlich auch nie in mein Privat-Pantheon schaffen, aber so lasse ich mir den Österreicher gefallen. Nicht ganz mit der Järvischen Straffheit, dafür mit einem Höchstmaß an Differenzierung der Stimmen, gestaltet Tate ihn. Die Streicher klingen dabei erstklassig, insbesondere mit Dämpfer ein Klangfeingeschmack sonder gleichen. Der 2. Satz ist mir vom musikalischen Material natürlich am nächsten.

Lutosławski: Um es mit einem Wort zu sagen – Weltklasse! Eindringlicher kann ein erstes Treffen mit einem Komponisten nicht ausfallen – arrangiert von phänomenalen Symphonikern, die ihr Dirigent auf eine 20-minütige Seelenfahrt mitnimmt. Wer davon nicht berührt ist, muß schlichtweg die Musikalität abgesprochen werden. Im Detail: Das Orchester braucht sich so vor keinem anderen Klangkörper verstecken. Der Streicherklang, insbesondere der 1. Violinen, ist vorbildhaft; die ganze Bandbreite von zart bis schneidend kann in allen Nuancen und Klangfarben abgerufen werden. Das Holz: wunderbar. Das Blech: beeindruckend! Nicht jeder Ton mag sitzen, dies gerät allerdings angesichts der permanenten Präsenz zur Marginalie. So sollte eine Trompete klingen. Und eine Posaune. Die Interpretation Tates läßt einen sprichwörtlich um Worte ringen. Sensibel, differenziert, konsequent bis in die letzte Windung – oder einfach nur: perfekt? Ich weiß noch nicht, welche Einspielung ich mir von dieser Sinfonie zu Gemüte führen werde, aber sie wird es schwer haben.

Mahler: Leichte Schwächen des Orchesters offenbaren sich (Horn nicht immer sicher, ebenso Trompete), die angesichts des wundervollen Gesamteindrucks aber nicht ins Gewicht fallen. Die Symphoniker sind durch und durch Mahler-geeignet. Tates Interpretation hat ein ziemlich langsames Grundtempo als Basis, auf dem er insbesondere das Zarte, die Zwischentöne beleuchtet; darin Maazel mit den Wienern nicht unähnlich. Auch dynamisch wird sensibel vorgegangen, die äußerste Lautstärke bleibt wenigen Höhepunkten vorbehalten, alles im Dienst einer Transparenz und Deutlichkeit, die selten bei Mahler erreicht wird – zumindest im Konzert. Und „ganz nebenbei“ läßt Tate mit seiner Arbeit das so schwierige Ziel, die Wunschvorstellung, nicht allein eine Sinfonie in vier Sätzen, sondern eine Welt entstehen zu lassen, auf eindrucksvollste Art gelingen.

Da verwundert es am Ende nur, warum mit Michelle Breedt eine, in meinen Ohren, viel zu stimmschwere Sängerin für das Finale besetzt wurde, die so gar nicht zum zarten Ganzen passen wollte. Der Chen-Reiss-Gedanke drängt sich förmlich auf. Denn obwohl Frau Breedt ihre Sache sehr gut gemacht hat, bleibt ihre Stimme – ich muß es so deutlich sagen – eine Fehlbesetzung, die gerade das reine, unschuldige Moment des Himmlischen Lebens vermissen läßt, ja Kraft ihrer Wagnerschwere vermissen lassen muß. Nichts desto trotz ein denkwürdiger Abend, der in Herrn Tate einen im Überschwang gebenden Gastgeber hatte.