6. März 2017

Klavierabend – Grigory Sokolov.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 2. Rang rechts, Seitenreihe 1, Platz 21



Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate C-Dur KV 545 „Sonata facile“
Wolfgang Amadeus Mozart – Fantasie c-Moll KV 475
Wolfgang Amadeus Mozart – Klaviersonate c-Moll KV 457

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90
Ludwig van Beethoven – Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

Zugaben:

Franz Schubert – Moment Musicaux Nr. 1 C-Dur D 780
Frédéric Chopin – Nocturne op. 9, Nr. 1 b-Moll
Frédéric Chopin – Nocturne op. 32, Nr. 2 As-Dur
Jean-Philippe Rameau – L’indiscrete
Robert Schumann – Arabeske op. 18 C-Dur
Frédéric Chopin – Prélude op. 28, Nr. 20 c-Moll



Von Sokolov bin ich ja bereits das Äußerste gewohnt. Die heutige Wundertat ging dann aber noch einen Schritt weiter: Mozart so zu präsentieren, dass sich zumindest für die Dauer eines Konzertes ein würdiges Duell mit Beethoven um meine Gunst entsponn. Wer hätte das gedacht. Nach einer eher gemütlich dahinplätschernden, fast schon konturlos, lieblich-breit vorgetragenen „Sonata facile“ trat – dem doppelten c-Moll von Fantasie und Sonate sei Dank – ein gänzlich anderes Antlitz Mozarts auf den Plan, welches viel mehr die Züge seines Bonner Kollegen aufwies, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ein monolithischer, kühner Mozart? Oder wurde perfider Weise die Programmreihenfolge geändert, um mich zu narren? Nein, es ist tatsächlich der ungeliebte Salzburger, der hier unter Sokolovs magischen Händen neu für mich entsteht. Ein Mozart, mehr aus der Struktur als aus der Melodie heraus entwickelt, mehr dramatischer Fluß als bloße Aneinanderreihung netter Einfälle.

Und das in der unmissverständlich zwingenden Umsetzung des kompromisslosen Russen, wie man es von ihm kennt und liebt – unerhörte Anschlagnuancen, gewaltige Sogwirkungen, Kontraste, dazu über allem eine bis zum Bersten aufgeladene Spannung, Ergebnis schier unerschöpflicher Kontrolle auch im Angesicht extremster Forderungen an sich selbst. Bezeichnend, dass die beiden Beethoven-Sonaten nach der Pause diesen Eindruck nicht mehr toppen konnten, zu groß war offenbar die Überraschung, gewissermaßen einer Vorwegnahme durch Mozart. Erst mit den Zugaben war das Ende des Tunnels erreicht, das gewohnte Konzert nach dem Konzert justierte den Fokus neu. Sechs weitere Gelegenheiten, die Meisterschaft Sokolovs ehrfürchtig zu bestaunen.

Seit Eröffnung der Elbphilharmonie begleitet mich das Thema Akustik in besonderem Maße. Hier im hinterletzten Winkel der alten Laeiszhalle wurde wieder einmal deutlich, wie leicht man doch dem allgemeinen Hype erliegt bzw. wie sehr wir uns von Faktoren, die das eigentlich Musikalische gar nicht betreffen, beeinflussen und ablenken lassen. Sicher, es gibt gemütlichere Plätze als jenen der Seitenreihe, den Blick zur Bühne von einer stattlichen Säule versperrt, aber man hört deutlich besser als es die Sicht suggeriert. Vieles ist und bleibt einfach eine Frage der Konzentration. Wie nehme ich Musik wahr, wie richte ich meine Antennen aus. Und in diesem Zusammenhang auch: wie gehe ich mit der Tatsache um, dass kein Privatkonzert für mich veranstaltet wird. Jeder achtlose Huster, der die Verletzlichkeit des Augenblickes ignorierte, war hier und heute ebenso ein Schlag ins Gesicht wie er es in jedem Saal ist, in dem wir am flüchtigen Wunder der Musik teilnehmen dürfen. Am Ende geht es um Respekt – vor der Kunst, vor der Hingabe jener, die sie vermitteln, und vor der Leidenschaft derer, für die ein Konzert mehr bedeutet als zwei Stunden totgeschlagene Zeit.