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17. April 2024

Münchner Philharmoniker – Daniel Harding.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Thierry Escaich – Konzert für Violine und Orchester
»Au-delà du rêve« / Kompositionsauftrag von Münchner Philharmoniker, Philharmonie de Paris und Elbphilharmonie Hamburg

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 4 Es-Dur »Romantische«


Münchner Philharmoniker
Renaud Capuçon – Violine
Dirigent – Daniel Harding



Auch hier habe ich nichts notiert und muss mir nun über ein Jahr später eingestehen, dass allein mit Luft und Liebe kein Blog zu befüllen ist. Zumindest nicht substantiell. Sei’s drum. Es war in jedem Fall ein wunderbares Konzert, so viel – oder eben wenig – erinnere ich noch. Beim Escaich konnte ich glücklicherweise etwas mogeln: es gibt einen Mitschnitt der Beteiligten aus dem Musikverein auf YouTube, der mir die faszinierend-verwunschene Faktur des Violinkonzertes und den atemberaubenden Vortrag Capuçons wieder vor Ohren führte. Wer meint, zeitgenössische Klassik sei verkopft oder sperrig, möge sich dieses Werk einmal zu Gemüte führen – einer meiner absoluten Favoriten der letzten Jahre eines Zeitgenossen. Mit Bruckners 4. rundet Harding das Münchner Doublefeature nach dem Mahler gestern ähnlich kolossal ab. Vielen Dank!

16. April 2024

Münchner Philharmoniker – Daniel Harding.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 9, Platz 2



Jean Sibelius – Tapiola / Tondichtung für großes Orchester op. 112

(Pause)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 5 cis-Moll


Münchner Philharmoniker
Dirigent – Daniel Harding



Endlich mal Tapiola live! So sehr ich Sibelius im Allgemeinen und seine späten Sinfonien im Besonderen verehre, so gilt meine Liebe zu seinem letzten großen Orchesterwerk gleichermaßen. Umso schöner, wenn das ersehnte Live-Wiederhören dann auch in allen Belangen zu überzeugen, besser noch zu bewegen weiß. Daniel Harding und die Münchner Philharmoniker haben mir heute diesen Wunsch auf berührende Weise erfüllt. Ob sich einem dabei die Unendlichkeit der nordischen Wälder oder menschlicher Sehnsüchte vor dem geistigen Ohr manifestiert, ist unerheblich. Tiefe Musik, tief empfunden dargeboten.

Dass ich mir zur Fünften keine Notizen gemacht habe, ist in der Regel ein gutes Zeichen. Die Vorzüge solch eines Leib- und Magenstücks zum x-ten Mal hervorzuheben, erübrigt sich, wenn man Harding und seinen Kollegen schlicht und ergreifend attestieren kann: alles richtig gemacht. Zupackend, kontrastreich, kein schleppendes Adagietto, ein Finale, bei dem man mir das Grinsen in sich stetig steigernder Erwartung der Schlussapotheose auch nicht mit dem Hammer aus der Sechsten vom Gesicht hätte schlagen können, das Ganze technisch wie klanglich perfekt umgesetzt. Bitte wiederkommen – ach ja, ist ja schon morgen der Fall.

1. November 2022

Münchner Philharmoniker – Philippe Jordan. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Robert Schumann – Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 »Rheinische«

(Pause)

Richard Wagner – Siegfrieds Rheinfahrt / aus der Oper »Götterdämmerung« WWV 86D
Trauermarsch und Schlussgesang der Brünnhilde / aus der Oper »Götterdämmerung« WWV 86D (Camilla Nylund)



Schumann: Für gewöhnlich sind meine Favoritensätze 1 und 4, heute kam es Dank Jordan anders: 1. Satz irgendwie schleppend, obwohl es nicht am Tempo lag – Artikulation nicht meins, nicht kantig, grimmig genug, zu wenig Kontraste im Ausdruck und in der Dynamik, Orchesterklang seltsam dumpf. Ganz anders 2. Satz (dem ich sonst wenig abgewinnen mag) – Rubatoansatz funktioniert prima, transparent, Dynamikregulation, Facetten – alles top. Ebenso 3. Satz: auch hier Feinregulation, toller Streicherklang (!?). 4. Satz schon dicht und stimmig, aber hier wieder zu wenig düster, grimmig, nur getragen, insgesamt aber ok. 5. Satz erst wieder ähnlich lasch wie der erste, dann zum Endspurt wacht Jordan auf und zeigt, was möglich gewesen wäre: Wahnsinnsantritt, Explosion, spritzig – ich kapiers nicht, warum nicht gleich so?

Wagner: Nicht meine, aber eine sehr stimmige Interpretation. Sonnenaufgang wahnsinnig schön herausgebildet. Jordan ist mir unter dem Strich etwas zu kultiviert. In den Extremen, den Ausbrüchen muss man auch mal den Solti rauslassen, sonst knallt es nicht. Bzw. es kann halt nicht nur halb knallen – ganz oder gar nicht. Jordan nimmt Rücksicht auf Nylund, hält sich aber generell mit dem Fortissimo zurück, bleibt damit weitgehend transparent. Nylund schöne Stimme, vielleicht kein Monsterorgan aber so ist es mir lieber. Highlights: Trauermarsch Spannungsbogen von Anfang bis zu den Ausbrüchen (die eben nicht von Solti-Kaliber sind). Artikulation ist hier auch ein Thema, faszinierend, was zum Orgasmus führt und was knapp doch nicht. Blech super sattelfest, könnte aber schwärzer, Solohorn schön.

Tolles Gespräch mit Herrn rechts über Klassik, Kinder und HiFi.

20. Januar 2020

Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Claude Debussy – Le martyre de Saint Sébastien /
Sinfonische Fragmente /
Fassung für Sinfonieorchester von Désiré-Émile Inghelbrecht

(Pause)

Richard Wagner – Tristan und Isolde / Zweiter Aufzug

Münchner Philharmoniker


Martina Serafin – Sopran
Yulia Matochkina – Mezzosopran
Andreas Schager – Tenor
Miljenko Turk – Bariton
Mikhail Petrenko – Bass
Dirigent – Valery Gergiev


Der Zahnstocher-Maestro ist zurück mit einem weiteren Riesenprogramm: Zwar nicht das komplette Martyrium des Sebastian, aber zumindest die sinfonische Essenz daraus, fungiert heute lediglich als Klangfarben-Mischübung, um nach der Pause den gesamten zweiten Tristan-Akt auf die Bühne der Elbphilharmonie zu hieven. Dabei hatte der mir bis dato unbekannte Debussy an gleicher Stelle in der halbszenischen Präsentation durch die Hamburger Symphoniker (Link) bereits vor nicht ganz einem Jahr mein Interesse geweckt. Dass den Franzosen Wagner, insbesondere der Parsifal, ungeachtet aller späteren Äußerungen, nicht ganz kalt gelassen haben kann, wurde seinerzeit und heute wieder ohrenkundig.

So gehören die vier rein orchestralen Abschnitte zum Beeindruckendsten und Schönsten aus dem mir bekannten sinfonischen bzw. programmmusikalischen Schaffen Debussys – für mich persönlich angesichts der subtilen Komplexität, harmonischen Kühnheiten und Bandbreite der Stimmungen von morbide bis transzendental weitaus spannender als die ungleich häufiger gespielten Werke des Komponisten. Gergiev und seine Philharmoniker bleiben dabei ihrer Extraklasse treu, der Maestro bestätigt einmal mehr meinen Eindruck, ein besonderes Händchen für Nuanciertes, Fließendes zu besitzen.

Bezogen auf Orchesterleistung und vor allem Dirigat lässt sich diese exemplarische Qualität ebenso nach der Pause beim Tristan feststellen. Gergiev macht gleich ordentlich Tempo und portraitiert das hitzige Zusammentreffen der Liebenden wahrlich als elektrisierenden Rausch. Hier werden keine Gefangenen gemacht. Überhaupt sind die Geschlossenheit und immersive Kraft der Interpretation dieses riesigen Akt-Marathons bemerkens- und bewundernswert. Das ist keine Selbstverständlichkeit – das Schlimmste, was diesem nicht enden wollenden Konversationsstück passieren kann ist, dass es auseinanderfällt und dann langatmig wird.

Gleichzeitig steht selbst die beste Interpretation, die mitreißendste Orchesterleistung letztlich im Dienste, die Fixpunkte eben dieser Konversation bestmöglich zu unterstützen – das namensgebende (Sänger-)Paar. Brangäne ist eine berührende Rolle in ihrer Zerrissenheit als gleichzeitige Mahnerin und Komplizin, aber wenn man nach der Aufführung feststellen muss, dass Frau Matochkinas Stimme vom Ausdruck und Timbre her jene der beiden Hauptpartien übertroffen hat, ist das nicht das Beste Zeichen.

Ich schätze Herrn Schager sehr für sein klares, strahlendes Forte. Im Lied von der Erde, ebenfalls unter Gergiev, (Link) hätte ich mir die Tenorpartie kaum besser denken können, so kraftvoll, ja teilweise regelrecht scharf gegen das Schicksal ansingend. Für den Tristan, gerade den zweiten Akt und seine überirdische Zauberwelt der „Nacht der Liebe“, besitzt Schager jedoch nicht die nötige Wärme und Verletzlichkeit in der Stimme. Gleiches möchte ich zumindest in Teilen auch der insgesamt tadellos agierenden Frau Serafin unterstellen.

Es hat sich heute wieder bewahrheitet, dass diese Partitur mit seinen Partien nicht nur auf inhaltlicher, philosophischer Ebene Übermenschliches zu behandeln sucht, sondern dabei in gewisser Weise unmenschliche Wege geht, gehen muss. Auch Mikhail Petrenko ist erfahrungsgemäß ein wunderbarer Bass – wenn man jedoch ein- (oder gar zweimal) René Pape als König Marke erleben durfte, ist man wohl zeitlebens für diese Rolle verdorben.

Womit ich wieder einmal im Reich der Gedankenspiele angekommen wäre. Gibt es sie überhaupt – die ideale Isolde, den idealen Tristan? Hat es sie je gegeben? Wie sehr verklärt man Windgassen, Nilsson & Co. im heimischen Tonträger-Mausoleum? Ich weiß es nicht. Was ich weiß bzw. feststellen muss, dass ich mich bereits live dieser Utopie einer Vollendung des Vollendeten durchaus näher gefühlt habe, sei es in München (Link), sei es in Bayreuth (Link).

Inwiefern die Lebendigmachung des Stoffes auf der ihm angestammten Opernbühne dazu beigetragen haben mag, lässt sich nachträglich kaum bemessen. Das ist auch unerheblich. Was zählt ist, dass auch an diesem heutigen Abend das Versprechen gegeben wurde, das Bestmögliche im Dienste eines der größten Werke überhaupt zu geben. Darüber lässt mich auch seine („nur“) teilweise Einlösung mit der alles andere als einfach zu greifenden Mischung aus Verzückung und Verwundung in meinen Sessel sinken.

22. Januar 2019

Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev.
Elbphilharmonie Hamburg

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 2, Platz 3



Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 4 G-Dur für großes Orchester und Sopran

(Pause)

Gustav Mahler – Das Lied von der Erde / Eine Sinfonie für eine Tenor- und eine Alt- (oder Bariton-) Stimme und Orchester

(Münchner Philharmoniker, Genia Kühmeier – Sopran, Tanja Ariane Baumgartner – Mezzosopran, Andreas Schager – Tenor, Dirigent – Valery Gergiev)



Valery Gergiev macht es richtig: Die Sänger einfach erhöht hinter dem Orchester postieren – fertig. Hat schon bei Jolanthe (Link) geklappt, hat heute wieder geklappt. Scheint im Übrigen auch keine Atomphysik zu sein, denn bereits kurz nach dem Eröffnungskonzert war ich verblüfft ob der Tatsache, wie präsent doch die Sänger in Beethovens Missa solemnis (Link) waren, und – oh Wunder – wo hatte Herr Tate sie damals hingestellt? Ganz genau.

Daher muss auch nicht länger herumgefaselt werden, ob groß besetzte Werke mit Chor und/oder Gesangssolisten im großen Saal funktionieren – sie tun es. Wer sich immer noch darüber beschwert, dass er hinter dem Orchester sitzend nicht den gleichen Klangeindruck genießt wie im Parkett oder im Bereich 13 bzw. 15 vor der Bühne, pinkelt wahrscheinlich auch gern mal gegen den Wind und wundert sich dann, dass er nass wird. Haben diese Leute eigentlich mal ein Konzert in der Laeiszhalle oder in welcher Scheune auch immer besucht, bei dem die ein oder andere bemitleidenswerte Dame bei Brünnhildes Schlussgesang in Konkurrenz zum unverdeckten Orchester nicht im Flammenmeer, sondern Klangmassen untergegangen wäre? Aber wahrscheinlich sind das die gleichen Opfer die glauben, man käme nicht an Karten. Genug davon.

Die Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten haben mit ihrem Mahler-Doublefeature heute aber mal so richtig gezeigt, was in diesem Saal möglich ist. Schon die „kleine“ Vierte wurde zum Triumph, das Lied von der Erde schließlich war buchstäblich nicht von dieser Welt. Dabei ist Gergievs Dirigat gar nicht mal so, wie ich mir das theoretisch wünschen würde – aber hier merkt man wieder, dass Theorie und Praxis zweierlei Dinge sind. Bei ihm liegt der Schwerpunkt weniger auf den scharfen Kontrasten, gerade im Tempo, wie ich es oft bei Dirigenten mag, sondern er gewinnt die Spannung eher aus einer Art dauernervösen Reibung, die das Energielevel unentwegt hoch hält. So kommt der „Schellenbeginn“ der Vierten im reinen Tempo eher bedächtig denn rasch daher, trotzdem entfaltet sich im Laufe des Satzes ein Sog, der seinesgleichen sucht. Natürlich kann Gergiev dabei auch auf die klangliche Qualität seines Orchesters bauen. Alles in allem eine sehr runde, organisch fließende Angelegenheit, aber eben wie angedeutet keinesfalls entspannt – das stünde Mahler auch schlecht zu Gesicht.

So sehr ich die Vierte liebe – von den Narrenschellen über die Todesfidel, dem himmlischen Adagio mit seinen vorweggenommenen Anklängen ans Adagietto und „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ bis zum wortgemäßen Finale im Himmel, heute wunderbar ätherisch getragen vom feinen Sopran Genia Kühmeiers – das Ereignis des Abends traf die Zuhörerschaft in Form eines Lied von der Erde, welches meinem elektrisierten Verstand und malträtiertem Herzchen kaum steigerungsfähig erscheint. Den Vergleich zum vielbejaulten Kaufmann-Konzert zu bemühen, kommt einer Majestätsbeleidigung Gergievs gleich, so immens differenzierter, zwingender und vor allem berührender, um nicht zu sagen bis ins Mark erschütternd ist dessen Interpretation im Gegensatz zur zähen Angelegenheit vor nicht einmal zwei Wochen.

Die Kombination Schager/Baumgartner darf in diesem Zusammenhang keinesfalls vernachlässigt werden. Ich bin der Stimme Kaufmanns verfallen, keine Frage, aber für die satzweisen Stimm-Kontraste in Bezug auf Ausdruck und Klangfarbe gibt es meiner Ansicht nach keine Alternative zur Besetzung zweier Sänger. Herr Schager mag vielleicht nicht über den Schmelz Kaufmanns verfügen, aber seine kraftvolle, ja überbordend virile Gestaltung der Tenor-Sätze transportierte das Unerbittliche, verbittert Trotzige dieser Gedichte ungleich packender. Der Kontrast zum warmen Timbre Baumgartners geriet umso bestechender, die alle Nuancen von Ruhe, Sehnsucht, Wehmut, Melancholie, Trauer bis hin zur entrückten Transzendenz des Abschieds auf das Berührendste durchlebte.

Ja, der Abschied. Sinfoniesatz? Lied? Gebet? Nahtoderfahrung? Wenn er so gegeben wird wie heute in jedem Fall eine der intimsten, unweltlichsten Äußerungen, die je in Töne gesetzt wurden. Eine Qualität von Bewußtseinsberührung, der man sich im Hinblick auf ein Funktionieren im Alltag nicht allzu oft aussetzen sollte, auch wenn das „Ewig“ noch so sehrend ruft.

21. Januar 2019

Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev.
Elbphilharmonie Hamburg

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Igor Strawinsky – Chant funèbre op. 5 
Nikolai Rimski-Korsakow – Suite aus »Die Legende von der unsichtbaren 
Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija«

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43



Es bleibt dabei, die Eumelphilharmonie ist für Feinheiten dieser Art kein geeigneter Ort. Zu viel unmusikalisches, unkonzentriertes Pack. Perlen vor die Säue. Viele Huster, gern an den leisen Stellen, dazu permanente Unruhe direkt hinter mir. Der Herr hatte offenbar ein Problem mit seinem Bein – das ist bedauerlich, trotzdem im Ergebnis eine Zumutung für alle Umsitzenden. Dass es ihm darüber hinaus nicht unbedingt bei seinem Abstecher in die Hansestadt um musikalischen Genuss gegangen zu sein scheint, ließ sich leicht an seiner in breitestem bajuwarischen Dialekt vorgetragenen Eischätzung des Erlebten ablesen: „Zu laut!“ Und das noch vor dem tatsächlichen dynamischen „Gewaltakt“ nach der Pause.

Dabei stellte Gergiev wieder einmal ganz im Gegenteil eindrucksvoll unter Beweis, wie differenziert und nuanciert man in diesem Saal auch die größtbesetzten Werke gestalten kann. Das Strawinsky-Stück ist zudem eine unglaubliche Perle, die da in St. Petersburg beim Entstauben wiederentdeckt wurde. Üppigste Spätromantik, das volle Programm. Die stetige Erweiterung der Instrumentation des dadurch immer weiter anschwellenden Trauermarsches wurde von den Münchnern auf das Delikateste entwickelt – wahrlich unerhörte/ungehörte Klänge und Klangmischungen.

Diesbezüglich wurde beim Rimski-Korsakow sogar noch eine Schippe draufgelegt. Feinste Feinheiten, irisierender Duft und zauberisches Gespinst. Warm, druckvoll, enervierend. Gergiev mit kontrollierter Hochspannung. Unglaublich, wie plastisch die einzelnen Abschnitte vor dem akustischen Auge entstanden. Das Märchenhafte, verwunschene Bild der Stadt, der Furor des Angriffs, der Glanz der Apotheose.

Die vierte Sinfonie Schostakowitschs ist vielleicht mein heimlicher Favorit in seinem geliebten sinfonischen Oeuvre. Zwar muss ich hier weitgehend auf die oft so eindringlich vorhandene, herzzerreißende Adagio-Emphase verzichten, aber die Nähe zu Mahler lässt mich diesem Werk besonders nahe stehen. Die konsequente Weiterentwicklung des mahlerschen Kosmos – die vermeintliche Disparität unvereinbarer Module und Abschnitte sowie die daraus erwachsenden krassen Stimmungswechsel; eine Musik, die darüber hinaus immer aufs Ganze geht.

Gergievs Dirigat bzw. seine Wirkung auf mich ist dabei umso faszinierender, als dass sein Stil an sich gar nicht dem von mir in der Regel bei Mahler oder Schostakowitsch gerade live bevorzugtem Verdikt einer prinzipiell knackigen, wenn nicht gar ruppigen Lesart mit harten Kontrasten in Tempo, Dynamik und Ausdruck entspricht. Mag Gergievs Handschrift visuell wie im akustischen Ergebnis weniger zackig denn brodelnd sein, scheint darin gerade eine unwiderstehliche individuelle Qualität zu liegen. Mag er mit der zu seinem Markenzeichen gewordenen Taktstock-Karikatur eines scheinbar nervös oszillierenden Zahnstochers (der aber nur bei Strawinsky und Rimski-Korsakow zum Einsatz kam), flankiert durch eine nicht minder dauervibrierende Linke, eher auf die Abwesenheit von Klarheit zu bauen, entsteht dadurch jedoch alles andere als ein schwammiger Brei, sondern vielmehr ein permanent unter Hochspannung stehendes, rund und organisch mäanderndes, aber pausenlos von Entladungen jeder vorstellbaren Größenordnung durchzucktes Ganzes.

Wenn man dann noch als Dirigent Zugriff auf ein Orchester mit so homogenem, ausgefeiltem Wesen hat, kann man sich als Hörer auf wahre Interpretations- und Klangwunder einstellen. Die massiven Steigerungen und Eruptionen des ersten und dritten Satzes erwachsen wuchtig aus dem Fluss heraus, in Kontrast dazu schaffen vorzügliche Solisten (Horn – ausgezeichnet! Fagott – absolute Weltklasse!) zarteste Inseln. Das Scherzo beschwört frei nach Mahler die Groteske des Weltenhamsterrades herauf. Nach dem letzten, gewaltsamen Ausbruch des Finale, der das Gefüge vollends zum Zerreißen bringt, bleibt die Zeit für eine gefühlte Ewigkeit stehen, bis diese mit Krassheiten gespickte Partitur zu den Klängen der Celesta in einem Gefühl von Ungewissheit verdämmert.

Fazit: Ein grandioser, erschütternder Abend, der für das morgige Konzert die Erwartungshaltung in ungeahnte Höhen schraubt.

27. Januar 2018

Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 9, Platz 1


Johannes Brahms – Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90

(Pause)

Richard Strauss – Ein Heldenleben op. 40
Zugabe:
Claude Debussy – Prélude à l’après-midi d’ un faune



Eine Menge Münchner in Hamburg, oder: die zwei Gesichter des Valery G. Nach der pfeilschnellen Entschlackungskur für Gevatter Brahms durch Järvi und seine Bremer Stadtmusikanten (Link) heute das extreme Gegenteil. Eine mehr als üppige Besetzung, breiteste Tempi, kombiniert mit nahezu brucknerscher Weihe und Wucht geben der dritten Sinfonie ein Gepräge, welches den Post-Beethoven-Zug zugunsten eines Super-Spätromantik-Sounds verwirft. Das Spannendste an dieser „Umkehrung“ – dass sie bestens funktioniert. Bombastische Bögen, befeuert von der stetig tremolierenden Linken Gergievs, dem es trotz Schneckentempo gelingt, die Spannung zu halten und das Gefüge zu wahren, in sengender Glut mäandernd.

Seine Münchner Kollegen liefern dazu den passenden, üppig-süffigen Klang – meine Gedanken wandern neiderfüllt an die Isar, wo diese Spitzenqualität gleich in mehrfacher Ausführung anzutreffen ist. Nach dem SOdBR nutzen auch die Philharmoniker ihren Besuch dazu, davon klingendes Zeugnis abzugeben – fehlen nur noch die Damen und Herren der Bayerischen Staatsoper, die ich im März genießen darf.

Aber zurück zu Gergiev, der nach der Pause mit dem Heldenleben eine gänzlich andere Gangart einschlug, als es der Bruckner-Brahms vermuten ließ. Schneidig und flott nimmt das einleitende Thema seine abenteuerlustige Fieberkurve – der Held betritt mit Verve und Schnellkraft die Bühne, der Strauss’sche Sog reißt vom ersten Moment an mit. Dabei hetzt Gergiev mitnichten stumpf durch die Partitur. Zwar wird auf der Walstatt das Schwert äußerst flink geschwungen, die vorangehende Annäherung zwischen Held und gegeigter Gattin gibt jedoch dazu kontrastierend den wachsenden Wellen der Balz genug Raum und besticht durch große Innigkeit und Herzenswärme.

Nach zuletzt gemischten Eindrücken bezüglich der Akustik besteht der Parkettplatz den Stresstest der Riesenbesetzung durchaus, nicht zuletzt weil Gergiev sich als großer Freund eines differenzierten, aber immer homogenen Mischklangs zeigt. Während eine relativ geringe Distanz zur Bühne in meinen Ohren häufiger schon mit Schroffheiten quittiert wurde, regiert heute der Wohlklang. Da passt es auch perfekt ins Konzept, dass sich als Zugabe Debussys Faun in der Nachmittagssonne räkeln darf – ein wohlig-verträumter Abschluss für ein Gastspiel auf höchstem Energieniveau.

21. Mai 2014

Münchner Philharmoniker – Zubin Mehta.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 1. Rang links, Loge 4, Reihe 1, Platz 2



Richard Strauss – Till Eulenspiegels lustige Streiche
Richard Strauss – Vier letze Lieder

(Pause)

Richard Strauss – Ein Heldenleben



Nachdem Lorin Maazel, neben dem reinen Strauss-Programm der eigentliche Grund für meinen Kartenkauf, das Konzert gesundheitsbedingt absagen mußte, erfuhren meine Erwartungen erst mal einen gehörigen Dämpfer. Zubin Mehta ist ja zweifellos ein klangvoller Name – der sich nur weder in meinem CD-Regal noch in meiner Konzertbesuchhistorie nennenswerter Relevanz erfreut. Warum auch immer. Im Gegensatz zu Kollegen wie Solti oder eben auch Maazel bin ich einfach nie über Mehta-Aufnahmen gestolpert, die ihn mir – wie die Erstgenannten – für diesen oder jenen Komponisten besonders interessant oder gar unentbehrlich gemacht hätten. Rattle für Sibelius, Karajan für Brahms, Britten für seine eigenen Werke – jeder hat bekanntlich seine Vorlieben. Aber Mehta – Fehlanzeige. Wobei ich ihn vor Jahren schon einmal live erleben durfte, mangels Einfallsreichtums des Schicksals ebenfalls mit den Münchner Philharmonikern, im Gasteig. Bezeichnenderweise habe ich keine nennenswerte Erinnerung an dieses Konzert, was im Umkehrschluß auch bedeutet, daß es sicher keine Katastrophe war. Heute also Mehta zum Zweiten.

Ich mach's mal kurz: Der Mann ist ganz sicher kein Schlechter – nur nicht unbedingt ganz der Richtige für mich. Seine Stärke liegt ganz klar in den ruhigen, sanften Momenten, die er beeindruckend auszukosten weiß, nicht jedoch im straussschen Überschwang oder gar Übermut – eine Erkenntnis, die sich vom quecksilbrigen Eulenspiegel bis ins kraftstrotzende Heldenleben durchträgt. Mehta scheint mir zu sehr ein Vertreter der Eleganz, des Ästhetischen, als daß er den Schmiss des Heldenthemas, das Groteske der Widersacher, das Dröhnen der Walstatt mit dem erforderlichen Maß an Schweiß und Dreck versehen könnte, um nicht auch die geiferndsten Holztiraden und drohendsten Blechgewitter mit Noblesse und Kultiviertheit zu konterkarieren. An den Klangfarben der Münchner lag es jedenfalls nicht. In der Romanze zwischen Held und Gefährtin und vor allem in zum dahinschmelzen fein ausgearbeiteten Schluß wußte Mehta diese auch ohne Kompromisse zu nutzen – im Dienste eines erhabenen Wohlklanges, der sich wie eine zarte, fein gewobene Decke um das betörte Herz schloss.

Auch angesichts überragender Einzelleistungen, wie der des Solohornisten oder des wuchtigen Posaunenklanges, wär aber theoretisch mehr drin gewesen. Ein weiterer erhoffter Konzerthöhepunkt, die Vier letzten Lieder, dargeboten von Frau Harteros, rauschte durch tumbe Ablenkung von schräg hinter mir leider spurlos vorüber – ein penetrant quasselndes Paar hatte sich offenbar in der Veranstaltung geirrt oder aber bewusst das heimische Sofa nebst RTL 2 Abendprogramm für zwei Plätze in der Laeiszhalle eingetauscht. Pech für mich und die anderen umsitzenden Nichtproleten, aber was will man machen? Die alte Sehnsucht nach einem unauffällig einsetzbaren Blasrohr und Curare-Pfeilen bricht sich in Momenten wie diesen wieder Bahn. Es könnte alles so einfach sein.

Nachtrag zum Konzert: Im Juli erreichte mich schließlich die Nachricht vom Tode Maazels. Neben Bestürzung trat das seltsame Gefühl, diesen großen Dirigenten also kein weiteres Mal erleben zu dürfen. So bleibt es bei fünf beeindruckenden Konzerterlebnissen in den Jahren 2005, 2008, 2009 und zweimal 2010 (beim letzten Konzert, wie es der Zufall wollte, als Einspringer für Thielemann mit eben den Münchner Philharmonikern), einer etwas unwirklichen Autogrammstunde in den Korridoren des Mitarbeitertraktes der Laeiszhalle und einer Fülle wundervoller Aufnahmen, die mir auch in Zukunft den besonderen Stellenwert dieses Ausnahmekünstlers immer wieder vor Ohren halten werden.