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2. Oktober 2025

Orgel pur – Iveta Apkalna. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8



Arvo Pärt – Annum per annum
Pari intervallo (Fassung für Orgel)
Johann Sebastian Bach - Passacaglia c-Moll BWV 582
Arvo Pärt – Spiegel im Spiegel

(Pause)

Johann Sebastian Bach – Toccata und Fuge d-Moll BWV 565
Arvo Pärt – Trivium
Pēteris Vasks – Viatore (Wanderer) / Hommage à Arvo Pärt (Fassung für Orgel)

Zugabe: Lūcija Garūta – Meditation

Iveta Apkalna – Orgel



Spiegel im Spiegel, lese ich im Programmheft. Welches der Stücke Pärts war das nochmal, müsste ich doch kennen, denke ich so bei mir. Ach DAS, zuckt es mit einem Schmunzler durch meinen Sinn, als ich das erste Mal die Dreier-Tonfolge vernehme. Und dem ersten Mal sollten einige, nicht wenige Male folgen. Das Programm ist dem 90. Geburtstages des Komponisten gewidmet, fraglos einer der berühmtesten lebenden Tonschöpfer im Klassikbereich. Ohne die Lebensleistung des Esten in Frage stellen zu wollen, zeigt sich heute wieder, dass ich mit seinem Oeuvre einfach wenig anfangen kann (mit einer Ausnahme: Fratres).

Weder das wohlbekannte Spiegel im Spiegel, bei welchem ich immer an eine Verwendung als sentimentale Filmmusik denken muss (und das von jemandem, der originale Filmmusik ebenso wie Klassik liebt), noch die mir unbekannten Stücke waren heute in der Lage, mein Bild von seinen Kompositionen zu relativieren, das ich mit „einlullende Unterforderung“ zusammenfassen möchte. Wie gesagt, ohne mich wirklich vollumfänglich in Pärts Werkkatalog auszukennen.

Der Effekt bei „annum per annum“, der Orgel buchstäblich per Knopfdruck den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist nicht uninteressant – das in sich Zusammensacken der Klangkulisse hat eine unwirkliche, ja beinahe elektronische Qualität. Aber mehr als diesen Aha-Moment erlebe ich mit den ersten beiden Pärt-Stücken nicht.

Der Kontrast zu der von mir heiß geliebten Bach-Passacaglia könnte akustisch wie emotional kaum größer sein. Das in stetiger Variation majestätisch dahinmäandernde Werk zieht mich live immer wieder ebenso in seinen Bann wie in der Abgeschiedenheit des heimischen Musikrefugiums. Frau Apkalnas Interpretation weicht hier und da von dem mir achso Vertrauten ab, arbeitet andere Nuancen zu Tage, verfehlt ihre soghafte Wirkung aber keinesfalls.

Mir persönlich liegt die Passacaglia viel näher als der nach der Pause gespielte Superstar unter den Orgelwerken – nimmt man seine Bekanntheit und den Einsatz in allen möglichen und unmöglichen (pop-)kulturellen Zusammenhängen als Maßstab für solch eine törichte Kiesung. Klar, der Auftakt ist ein unkaputtbares Ausrufezeichen, der weitere Verlauf ein überaus abwechslungsreicher, energetischer Ritt. Dennoch ziehe ich die Gravitas und dichte Konsequenz der Passacaglia vor – wenn man überhaupt vor die Wahl gestellt werden möchte/sollte. Auf jeden Fall entfachte DIE Toccata und Fuge die meiste Begeisterung beim Publikum. Warum auch nicht – schön, das Stück wieder einmal mustergültig dargeboten bekommen zu haben.

Die anschließenden Werke von Pärt und Vasks konnten den Spannungsbogen dann nicht mehr halten. An das Pärt Stück habe ich bereits keine Erinnerung mehr, Vasks Wanderer hatte Potenzial, hätte für meinen Geschmack aber ruhig die ein oder andere Abkürzung nehmen sollen – es zog sich. Die Zugabe aus der Feder einer Landsfrau Apkalnas brachte noch einmal für ein paar Minuten in harmonisch reichem, spät-spätromantisch anmutenden Gewand frischen Wind in den Saal.

Abschließend noch ein Gedanke zu „Spiegel im Spiegel“: Vielleicht ist das Stück nicht unbedingt ideal für die Darbietung auf der Orgel? Die ursprüngliche Kombination von Klavier und Violine bietet in dem repetitiven, schlichten Gerüst ein ungleich intimeres Zusammenspiel, als es eine riesenhafte Orgel mit noch so viel Registerzauber vermag. Den Ausspruch Pärts aus dem Programmheft, „Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird“, möchte ich durchaus unterschreiben, wobei aus der Idee bei diesem Komponisten für mich leider nur in seltenen Fällen eine Umsetzung erwächst, die mich interessiert, geschweige denn berührt. Schade.

22. April 2025

Orgel pur – Olivier Latry. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8



Louis Vierne – Sinfonie für Orgel Nr. 3 fis-Moll op. 28

(Pause)

Pierre Cochereau – Boléro sur un thème de Charles Racquet 
für Orgel und Schlagzeug

Jean-Pierre Leguay – Letzter Satz / aus: Sonate für Orgel Nr. 1

sowie Improvisationen von Olivier Latry

Zugaben:

Alexandre Guilmant – Finale (Allegro assai) / 
aus: Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 42

Johann Sebastian Bach / Marcel Dupré – Sinfonia aus der Kantate 
»Wir danken dir Gott, wir danken dir« BWV 29


Olivier Latry – Orgel
Thomas Schwarz – Schlagzeug
Moisés Santos Bueno – Schlagzeug



Früher hätte mich die Pappnase, die ihr Handy nicht aus bekam, (oder bekommen wollte?) genötigt, wieder mal eine Abhandlung über die Verkommenheit der Welt im Allgemeinen und den Sittenverfall im Konzertleben im Besonderen zu verspeien. Heute reicht es zumindest noch für einen galligen Einstieg. Nützt ja nix. Die Welt ist voller Pappnasen und die Wahrscheinlichkeit, dass sich davon eine (genau genommen waren es heute derer zwei, wobei das erste Näslein recht schnell die richtige Taste fand) in die Elbphilharmonie verirrt, alles andere als gering. Ich möchte mich aber lieber auf jene Zeitgenossen fokussieren, die auch heute noch wie eh und je ein Herz für die Musik und Respekt für jene besitzen, die sie wieder und wieder zum Leben erwecken. Nichts weniger hat auch Herr Latry verdient, ein absoluter Meister seines Fachs, der mir spätestens mit seinen Einspielungen der Werke Messiaens ein Begriff geworden ist.

Von Louis Vierne findet sich das ein oder andere in meinem CD-Regal, die Sinfonie war mir aber bislang unbekannt. Ich kann nicht sagen, dass der Stil Viernes hier sofort Begeisterungsstürme bei mir hervorgerufen hat. Namentlich die Themen und Melodik haben mich (fürs erste zumindest) weniger abgeholt. Ungeachtet dessen sind einige Höhepunkte für mich hängengeblieben: Der Schlussabschnitt des zweiten Satzes – zart, zerbrechlich, irgendwie aus aus einer ganz anderen Sphäre. Ebenso der gesamte letzte Teil des anderen langsamen Satzes, des vierten – eine innige Melodie, berührend. Der dritte Satz insgesamt mit seinem verwunschen/verschrobenen Duktus nicht uninteressant. Nach dem ersten Hören haben mir die drei Mittelstücke jedenfalls besser gefallen als der Bombast in den ausladenden Ecksätzen.

Cochereau: Bolero mal anders. Crescendo und Decrescendo, eher Lohengrin-Vorspiel oder Messiaens „Apparition de l’église éternelle“ mit ihren Bogenformen als Ravels Tanzmaschine Richtung Kollaps. Die Kombination von Orgel und Schlagzeugern funktioniert in der Elphi-Akustik makellos, ob Zusammenspiel mit der Militärtrommel, Beckenschläge auf dem dynamischen Höhepunkt, oder Triangelglanz. Dazu bin ich hier in puncto musikalisches Material voll an Bord. Attestiert der Programmhefttext dem Werk vor allem einen mysteriösen, bedrohlichen Charakter, so ist die emotionale Gemengelage doch weitaus ambivalenter – Erhabenheit, Stolz und Triumph haben gleichsam ihren Platz in diesem mitreißenden opus. Oder um ein Urteil im YouTube-Jargon zu fällen: playlist! Keine Frage.

Mit dem Leguay kommt danach schwere Kost aufs Tableau, wenig melodisch, aber in Bezug auf Klangmixturen dafür sehr ergiebig. Außerdem kann Herr Latry mit diesem Stück seines Notre-Dame-Kollegen auf ganz andere Art virtuos glänzen. Nicht unbedingt berührend, aber Staunen machend.

Zu guter Letzt rundet noch die Facette des Improvisateurs Latry das offizielle Programm ab: Herr Cornelius betritt mit einem Notenblatt die Bühne und reicht es dem Solisten, der wiederum, nachdem er das Material einmal Zeile für Zeile vorgetragen hat, eine etwa viertelstündige Improvisation daraus kreiert. Leider war ich heute nicht in der Einführung, daher kann ich nur mutmaßen, wie die Auswahl der Fragmente vonstatten gegangen ist, mit der Latry offenbar spontan umzugehen hat. Außer dem „Freude schöner Götterfunken“-Thema habe ich dummerweise nichts bei der kurzen Präsentation erkannt, was die mögliche akustische Schnitzeljagd für mich etwas einschränkte, den Effekt aber nicht im Geringsten schmälerte – die vollkommene Faszination, einem ernsthaften, vielseitigen, komplexen, mal innigem, mal überbordend virtuosem, zum Ende hin triumphalen Gebilde bei seiner Entstehung (und gleichzeitigem Vergehen) live beiwohnen zu dürfen.

Die Besucher zeigen sich erfreulicherweise gleichsam begeistert darüber und ringen Latry noch zwei Zugaben ab: zuerst mit dem opulenten Finale aus Guilmants 1. Sinfonie einen vermeintlichen Rausschmeißer, bevor dann mit der Kunst Bachs (natürlich in der Bearbeitung eines Franzosen) die Pariser Außenstelle für heute ihre Pforten schließt.

11. Oktober 2023

Orgel pur. Iveta Apkalna, Benjamin Appl,
Martynas Levickis. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8




Claudio Monteverdi – Domine, ad adiuvandum me festina
(Bearbeitung für Bariton, Akkordeon und Orgel)
Tu se’ morta, mia vita, aus: L’Orfeo
(Bearbeitung für Bariton und Akkordeon)

Arne Nordheim – Flashing

Philip Glass  –Etüde Nr. 6

John Dowland – Flow, My Tears F II/6
(Bearbeitung für Bariton und Akkordeon)

Antonín Dvořák – Wolken und Dunkel ist um ihn her,
aus: Biblische Lieder op. 99
Der Herr ist mein Hirte, aus: Biblische Lieder op. 99

Johann Sebastian Bach – Ich habe genug, Arie aus: Ich habe genug BWV 82
(Bearbeitung für Bariton und Orgel)

(Pause)

Franz Schubert – Der Tod und das Mädchen D 531
(Bearbeitung für Bariton, Akkordeon und Orgel)

Lionel Rogg – La femme et le dragon
aus: Deux visions de l’apocalypse

Veli Kujala
Photon für Orgel und Akkordeon

Anonymus
Im schönen Wiesengrunde / aus: Russische Lieder und Tänze

Alfreds Kalninš
Liedertag / Volkslied aus Lettland

Friedrich Glück – In einem kühlen Grunde op. 60/3

Jazeps Vitols – Bikeris mironu sala, op. 34/3 / Volkslied aus Lettland

Johann Abraham Peter Schulz / Max Reger – Der Mond ist aufgegangen

Anonymus – Stok ant akmenėlio / Volkslied aus Litauen
Teka Saulė / Volkslied aus Litauen

(Benjamin Appl – Bariton, Martynas Levickis – Akkordeon, Iveta Apkalna – Orgel)



Auch wenn der Titel der Aboreihe "Orgel pur" diesmal nicht so recht passte, gab es heute sicher keinen Grund für Beschwerden – wurde er doch von gleich drei hervorragenden Solisten gestaltet: Zu Frau Apkalna, wie gewohnt als Beherrscherin der Königin der Instrumente, gesellten sich Herr Levickis mit seiner handlichen Ausgabe eines luftbefeuerten Tasteninstruments und der Bariton Benjamin Appl, über den mir erst kürzlich nur das Beste zugetragen wurde. Das Dreigestirn gestaltete dann auch einen vielschichtigen, gleichsam abwechslungsreichen wie anregenden Konzertabend, dem mit der gebotenen Innigkeit zu folgen leider nicht jedem Elphi-Besucher vergönnt war – schon verblüffend, wenn es nicht mal nach der ausdrücklichen Bitte des Sängers, man möge die abschließende Liedabfolge nicht durch Applaus unterbrechen, für diverse schlichte Gemüter einfach nicht machbar war, ihren Klatschjuckreiz unter Kontrolle zu halten. 

10. Oktober 2022

Orgel pur. Wayne Marshall. Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung mit Thomas Cornelius,
20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8



Franz Schmidt – Präludium und Fuge D-Dur »Hallelujah«
Jean Roger-Ducasse – Pastorale
Charles-Marie Widor – Sinfonie Nr. 5 f-Moll op. 42/1

(Pause)

Franz Liszt – Fantasie und Fuge über den Choral
»Ad nos, ad salutarem undam« S 259
Wayne Marshall – Improvisation



Einführung unter dem Motto „Big Pieces“ oder die volle Dröhnung. Cornelius wie immer charmant, kompetent und unterhaltsam, erklärt die Orgel jeweils anhand von kurzen Beispielstücken. Kurzes Interview mit Marshall, sehr sympathischer Herr, wechselt immer wieder ins Deutsche. Vita: Mit drei Klavier, Orgel in der Kirche, hat Schmidts Zweite dirigiert, Improvisationen als „Freedom“, Cornelius mit interessantem „Tusch“ für den Gast.

Franz Schmidt: Das Halleluja aus dem Buch mit Sieben Siegeln, aber der Schluss ist der eigentliche Knaller … sehr berührend. Marshall mit Speed und Verve.

Roger-Ducasse: Sehr spannendes Stück, anfangs und zum Ende Karfreitagszaubervibes trotz stilistischer Verschiedenheit, kolossale Steigerung bricht jäh ab, dann fragend, intim, am Ende kehrt die Güte zurück. Marshall kann auch leise und zart.

Widor: Endlich mal wieder live. Satz eins sehr zügig angegangen, Vorbote für eine Highspeed Toccata – Feuer und Wumms. Zweiter Satz noch am wenigsten meins, dritter Top in seiner Vielseitigkeit, vier mehr mein ruhiger Satz. Bei der Toccata schien es für mich im Saal leicht heller zu werden, volle Breitseite auf die Rezeptoren. Wahnsinn.

Marshall immer mit kleinen Ankündigungen per Micro. Erstes Stück eine Improvisation – nur über was? Generell eine ideale Präsentation aller Facetten des Instruments und seines Beherrschers.

Liszt: Erst mal erkenne ich vor lauter herrlichem Tumult das Thema nicht, erst im ruhigen Teil kommt es dann ganz klar und in Variationen, Fuge auch krass, kurz den Faden verloren beim Gedanken an mögliche Themen für die Improvisationssession (Lindenbaum, großes Tor von Kiev …), Finale mit dem C-Dur Durchbruch wahrscheinlich mit das Beste, was ich je an Liveorgel gehört hab.

Improvisationen: Beim Themensammeln im Saal schien der Herr etwas picky. We will rock you, Gershwin, … kein Holst? Pirates of the Carribean gegen Ende doch drin? Insgesamt ziemlich komplexes Ding, nicht unbedingt massentauglich.

Zweites Stück mit „The Entertainer“ oder wie das heißt, We will rock you als Gag am Ende nochmal. Eumelig, aber herzlich.

Fazit: der perfekte Orgelabend


10. Dezember 2017

Orgel pur – Iveta Apkalna.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8


Franz Liszt – Legende Nr. 1 S 175/1 
„St. François d’Assise: La prédication aux oiseaux“ 
(Transkription für Orgel von Günther Berger)

Thierry Escaich – Evocation III

Johann Sebastian Bach – Passacaglia c-Moll BWV 582

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Passacaglia aus der Oper 
„Lady Macbeth von Mzensk“

Arturs Maskats – Präludium, Choral und Variationen über J. S. Bach 
„Uns ist ein Kindlein heut’ gebor’n“ BWV 414

Franz Liszt – Präludium und Fuge über den Namen „B-A-C-H“ S 260

Zugabe: Thierry Escaich – Evocation II


Leider wieder recht viele musikferne Schichten im Konzert – Konzernausflug und dergleichen. Orgelkonzert gabs wohl günstiger. Die Vogelpredigt zur Vorstellung der Register und Klangfarben – für ganz Doofe sogar mit Hinterleuchtungs-Dramaturgie. Aber ok, das Auge hört ja mit. Musikalisch ein erstes Ausrufezeichen: Leises, Feines, der einzelne Kuckucksruf, dann wieder das Aufrauschen im Orgelpfeifen-Gefieder – hier schlummert wirklich Imposantes hinter der Röhrentropfsteinhöhlen-Dekoration.

Das zweite Stück überfordert die Eumel-Fraktion vollends – was sind das für fremde Tone? ... Sehr eindrucksvolle, wenn man mich fragt – Kaskaden, Echowirkungen, krasse Cluster, ganz viel Druck – herrlich! Mein Lieblingsbach, die Passacaglia, hätte hingegen durchaus noch etwas mehr Dampf vertragen, zumal sich der Richtersche Sog nicht so ganz einstellte. Ein, zwei Unsicherheiten? Insgesamt aber ein fabelhaftes Klangbild. Vielleicht fehlt auch ein bisschen der sakrale Nachhall. So ist das Moment ganz auf der Präzision.

Mein Platz könnte besser nicht sein – leicht versetzt hinter der Organistin, die am mobilen Spieltisch auf der Bühne Platz genommen hat, der Blick über die Schulter bietet perfekte Einsicht auf die spielenden Hände. Die Solistin auf die Bühne zu bringen, hat schon was, außerdem wissen dann die Honks, wo sie hinschauen müssen – oh, erst ganz in Weiß, dann nach der Pause ganz in Schwarz gewandet.

Die Schostakowitsch-Passacaglia entfaltete dann endlich jene Sogwirkung, den ich beim Bach noch etwas vermisst hatte – in solch einer mächtigen Steigerung kann die Orgel ihr ganzes Wucht-Potenzial entfalten. Das Stück von Maskats legte den Schwerpunkt dann wieder mehr auf die Vielseitigkeit des Instruments.

Den Höhepunkt des Abends markierte für mich jedoch ohne Zweifel die Lisztsche Reverenz an Bach. Ich liebe dieses Stück und habe damit zigmal die heimischen Wände zum Erzittern gebracht – es heute so vollendet in dieser Akustik zu erleben, hatte etwas Erhebendes. Apkalna kostet die Kontraste zwischen inniger Verklärung und bombastischen Eruptionen bestmöglich aus – was für ein Klang-Trip!

Ein weiteres Escaich-Stück beschloss als Zugabe den fulminanten Einstand in mein Orgel-Abo. Die Messlatte für die nächsten Konzerte liegt in himmlischen Höhen. Leider scheint die Wahrnehmung vieler anderer Besucher wieder mal in profaneren Gefilden hängen zu bleiben. Zwar traut sich diesmal kaum jemand, während des Konzertes die Biege zu machen, aber gleich mit dem Schlussapplaus nehmen nicht wenige die Beine in die Hand.

Was für eine respektlose Bände, aber das kennt man hier ja schon. Ein auf dem Weg zur U-Bahn aufgeschnappter Kommentar fasst die Geisteshaltung des typischen Elphi-Touristen zusammen: „Also, das war schon ein Erlebnis ... aber die Musik war nicht schön“. Ich halte es da lieber mit Frau Apkalna, applaudiere der Orgel, großen Kompositionen und, nicht zuletzt, einer großartigen Solistin.

17. August 2017

Das Phantom der Oper – Stummfilm mit Livemusik.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich R, Reihe 1, Platz 16



Das Phantom der Oper
Regie: Rupert Julian, USA 1925
Franz Danksagmüller – Orgel



Nach einem Monat sommerpauslicher Abstinenz geht das Abenteuer Elbphilharmonie für mich nun also weiter, gleich mal mit etwas ganz anderem: Die große Orgel als Begleitinstrument für einen Stummfilm-Klassiker. Eine Leinwand beherrscht die Bühne, welche bis auf den Manualtisch des Organisten verwaist ist. Die Plätze neben und hinter der Projektionsfläche sind schlauerweise nicht in den Verkauf gegangen, Notenpulte mit Infoblättern weisen dezent darauf hin, dass jene Reihen heute nicht zur Verfügung stehen. Wobei der gesunde Menschenverstand und der Wille, auch visuell auf seine Kosten zukommen, dem ohnehin im Wege stehen sollten. Aber im Ernst, wirklich gut gemacht das Ganze, man hat selbst daran gedacht, die in die Treppenstufen eingelassene Beleuchtung in Leinwandnähe mit schwarzem Tuch abzudecken. Einzig das Geländer zerschneidet von meiner Warte aus unausweichlich das Sichtfeld, hier sind das Parkett und die unteren Ränge klar im Vorteil. Ein weiteres, individuell wahrgenommenes Manko: 15 R, zumindest mein Platz, ist doch schon ein wenig zu nah an der Königin der Instrumente.

Das wird gleich mit dem ersten, zu den Eingangstiteln des Films schlagartig einsetzenden, dissonanten Akkord deutlich, der mit unvermittelter Härte und brutaler Lautstärke das Ohr ereilt. Auf der anderen Seite: kein schlechter Effekt. Generell ist es auch weniger die schiere Lautstärke das Problem, sondern eher das Empfinden, doch sehr direkt an den Verlautbarungen der Pfeifen teilzuhaben - eine größere Distanz hätte sicher mehr Raumklang und Homogenität zur Folge gehabt. Nichts desto trotz entwickelt sich der Abend zu einer höchst gelungenen, spannenden Angelegenheit. Die Kombination aus Stummfilm und (in welchem Maße auch immer improvisierter) Begleitung funktioniert bestens. Natürlich ist der Film selbst etwas in die Jahre gekommen, gerade die Anlage der Charaktere, inklusive der Titelfigur, weist angesichts ihrer Simplizität und Überzeichnung eher die Nähe zur (aus heutiger Sicht) harmlosen Schauerromanwelt der Vorlage, denn zu tiefenpsychologischem Horror auf. Die ungleich dichtere, suggestivere Atmosphäre des einige Jahre älteren "Nosferatu" Friedrich Wilhelm Murnaus drängt sich als Vergleich auf.

Dennoch bietet der Film, lässt man sich einmal auf das, angesichts der sehr überschaubaren Handlung, doch ziemlich langsame Erzähltempo ein, eine Vielzahl eindrücklicher Momente. Namentlich die Vermittlung der Faszination jener Bühnen- und Unterwelt der Pariser Oper sowie die Einführung seines rätselhaften Phantom-Untermieters in Andeutungen und Schatten. Die Zeichnung des Phantoms selbst verliert für mich ab dem Moment ihren Reiz, nachdem es die faszinierend ausdruckslose, kalte Maske entzogen bekommt und wir mit der Maske des eigenen, entstellten Antlitzes konfrontiert werden, die eine Art permanenter Überausdruck eher in den Bereich des unfreiwillig Komischen treibt. Und doch gibt es auch hier Einstellungen, die den Wahnsinn Eriks besser einfangen als dessen allzu theatralische Gesten, etwa eine ruhige Ansicht der Fratze, von gespenstischen Schatten umflackert, oder die verwackelt gefilmte Raserei des verfolgten Phantoms auf dem Kutschbock. Darüber hinaus wartet der Film durch seine Ausstattungswucht und die aufwändigen Massenszenen, allen voran die nachcolorierte Ballsequenz, mit Schauwerten auf, die auch heute noch begeistern können.

Die Arbeit Danksagmüllers tut ihr übriges, den Handlungsverlauf mit sorgsam austarierter Dramaturgie in einer Vielzahl von musikalischen Stimmungsbildern fesselnd zu unterstützen. Dabei gibt es neben illustrativen Entsprechungen im Sinne des Mickey-Mousings – so begleitet beispielweise eine absteigende Tonfolge Stufe um Stufe den Gang in die Kellergewölbe – immer wieder minutiös entwickelte Steigerungen, die den Spannungsbogen bei entsprechenden Entwicklungen intensivieren. So mischt sich in der Kronleuchterszene unmerklich aber dann sehr deutlich eine verzerrte Variante in die konsonante Bühnenmusik, bis sich diese mit dem Fall des Lüsters ins Publikum vollends in Auflösung befindet und das ausbrechende Chaos illustriert. Das majestätische Orgelspiel Eriks, der Christine seine Komposition des "Don Juan Triumphant" präsentiert, enthält gut hörbar jenen "warnenden", bzw. bedrohlichen Unterton, auf den das Phantom selbst hinweist und der mit der Demaskierung seine Einlösung erfährt. Die finale Verfolgungsjagd durch den Lynchmob gestaltet Danksagsmüller ebenfalls als beeindruckende, atemlose Steigerung, in die er vielsagend die bekannte Tonfolge des "Dies Irae" einwebt.

Aber auch für die weniger effektgetriebenen, leiseren Schlüsselmomente des Film findet der Solist und Komponist starke Entsprechungen, etwa wenn er der überirdischen Stimme des "Engels der Musik", von der wir ja ansonsten nur durch die Zwischentitel erfahren, mit irisierenden Klängen akustische Gestalt verleiht. Ebenso fein, ja delikat vertont ist die Szene auf dem Dach der Oper, wo ein kristallines Gewebe die Verletzlichkeit der nächtlichen Unterredung zwischen Christine und Raoul herausstellt, die schließlich vom Phantom belauscht werden. Als erhellenden "Nebeneffekt" brachte die vielgestaltige Komposition die Wandlungsfähigkeit und Differenzierungsmöglichkeiten der herrlichen Orgel hervor – ich freue mich bereits jetzt auf mein entsprechendes Abo, möchte aber doch hoffen, dass dieses Konzept der Stummfilmumsetzung kein einmaliges Vergnügen bleiben wird.