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8. Februar 2018

Liederabend – Diana Damrau, Jonas Kaufmann.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 1


Hugo Wolf – Italienisches Liederbuch
Zugaben:
Robert Schumann – Unterm Fenster op. 34/3 / Vier Duette
Felix Mendelssohn Bartholdy – Gruß op. 63/3 / Sechs zweistimmige Lieder

(Diana Damrau – Sopran, Jonas Kaufmann – Tenor, Helmut Deutsch – Klavier)


So richtig traumhaft wurde es trotz des Traumpaares Damrau/Kaufmann dann leider doch nicht. Was in erster Linie wohl den Liedern selbst geschuldet ist, die mich überraschend kalt ließen. Dabei hatte ich das Italienische Liederbuch immer als eine von Wolfs besten, zumindest bekanntesten Schöpfungen abgespeichert. Scheinbar bin ich nicht der einzige Banause – die Lieder sind beim Publikum offenbar nicht bekannt und ernten eher höflichen Beifall. 

An der Konzeption des Abends liegt das wohl nicht. Die Lieder sind in der Reihenfolge so angepasst, dass ein erzählerischer Spannungsbogen entsteht, der es dem Sängerpaar gestattet, auch in darstellerische Interaktion zu treten. Viel Mimik und Gestik wird betrieben, um die Verbindung nicht abreißen zu lassen, teilweise ein bisschen simpel, scherenschnittartig, aber insgesamt sicher förderlich, um bei der Stange zu bleiben. Zudem sind die Lieder in vier stimmungsgemäße Abteilungen unterteilt, die durch Frau Damraus wechselnde Schultertücher visuell angekündigt werden. Erst Grün, dann Rosa, dann Schwarz und schließlich das unvermeidliche Rot – wenig überraschend, dass mir das schwarze Viertel mit Abstand das interessanteste schien. Das letzte Stück daraus – „Sterb’ ich, so hüllt in meine Glieder“ – von Herrn Kaufmann unnachahmlich dargeboten, war für mich der innige Höhepunkt des Abends.

Frau Damrau beeindruckt vor allem mit leisen, hohen Tönen, hinterläßt insgesamt aber nicht den nachhaltigen Eindruck wie erhofft. Die Akustik ist prima, Timbre und Textverständlichkeit übertragen sich bei beiden ideal – nur Dumme lesen da im Programmheft mit. Helmut Deutsch wie gewohnt genial, der Flügel kommt auch sehr schön rüber – vielleicht besser als von 12 C bei Oppitz, wenngleich Deutsch auch keine Orchesterkonkurrenz zu fürchten braucht. Mit den Zugaben wird schließlich das abwechselnde Hin und Her der Sänger aufgebrochen – zwei waschechte Duette von Schumann und Mendelssohn Bartholdy runden das Konzert ab.

24. Mai 2017

Liederabend – Jonas Kaufmann.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12 Bereich A, Podiumsplatz
(freie Platzwahl – Reihe 2, Platz 5)



Franz Schubert – Die Bürgschaft D 246

Henri Duparc – Fünf Lieder
L'invitation au voyage
Phidylé
Le manoir de Rosemonde
Chanson triste
La vie antérieure

(Pause)

Franz Liszt – Tre Sonetti di Petrarca S 270/1 / Erste Fassung

Richard Strauss – Sieben Lieder
Heimliche Aufforderung op. 27/3
Wozu noch, Mädchen, soll es frommen op. 19/1
Breit' über mein Haupt dein schwarzes Haar op. 19/2
Ich liebe dich op.37/2
Befreit op. 39/4
Freundliche Vision op. 48/1
Cäcilie op. 27/2

Zugaben:
Richard Strauss:
Ich trage meine Minne op. 32/1
Zueignung op.10/1
Morgen! op. 27/4



So sieht man also von der Bühne aus. Die Aussicht in den Saal ist von hier noch eine Spur imposanter – ich habe auf einem Stuhl der vier zusätzlich auf dem Podium aufgestellten, halbrunden Sitzreihen Platz genommen und beobachte, wie sich die verschachtelt aufsteigenden Ränge bis zur Decke langsam füllen. Ein Liederabend im Rücken des Sängers – ob das so eine gute Idee ist? Das Fazit vorweg: Nicht wirklich. Ich sitze so, dass ich Herrn Deutsch über die linke Schulter schaue, die Sicht auf die Klaviatur ist allerdings durch die Dame verdeckt, die ihm beim Umblättern der Noten behilflich ist. Herr Kaufmann entzieht sich nach der Begrüßung durch die Tatsache, dass ihn der Schalldeckel des Flügels verdeckt, mehr oder weniger komplett meinen Blicken. Sei´s drum, was wirklich zählt, ist schließlich der Klang. Der erste Eindruck daraufhin: oh, schade. Die Charakteristika dieser bekanntermaßen überwältigend schönen Stimme sind zwar zu vernehmen, aber eben rein indirekt. Zudem wird der Gesang doch sehr von der Begleitung dominiert, welche umso präsenter die wenigen Meter zu den Podiumsplätzen überbrückt. Ein Klavierabend mit dezenter Tenorbegleitung, könnte man festhalten. Bezogen auf die Wirkung des Klaviers hat das durchaus etwas – die Eingeweide eines Steinway auf den Seziertisch. Der Kasten klingt bombig, zumal Helmut Deutsch ein begnadeter Pianist mit traumhaft differenzierter Anschlagskultur ist – einen "echten" Klavierabend aus dieser Position kann ich mir durchaus vorstellen.

Aber heute ging es ja eigentlich um eine der betörendsten Stimmen unserer Tage. Die dramatische Szene Schuberts rauschte mehr oder weniger an mir vorbei. Die ganze Charakterarbeit, das Deklamatorische, bis hin zum Flüsterton, versang sich hinter der Steinway-Wand ins Unbestimmte des Saales. Etwas besser verhielt es sich dann mit den Liedern Duparcs, welche eine komplett andere gesangliche Herangehensweise erfordern. Legato, Schmelz, Sinnlichkeit. Darüber hinaus scheint die Begleitung hier etwas zurückgenommen. Allerdings machen die wenigen Momente, in denen Kaufmann sich leicht dem Pianisten zuwendet, schmerzlich deutlich, welch himmelweiter Unterschied zum Eindruck bestehen muss, den die Zuhörer auf der gegenüberliegenden Seite genießen dürfen. Duparcs Lieder haben es mir sofort angetan – gleich das erste transportiert den Hörer in eine ganz eigene, verwunschende Klangwelt. Umso frustrierender, dieser Kombination aus Ohrenspitzer-Programm und vollendeter Darbietung nur als Abglanz teilhaft zu werden. Dabei hatte ich fast vergessen, dass ich genau diese Lieder bereits 2012 in der Laeiszhalle mit Herrn Kaufmann erleben durfte (Link). Seinerzeit stand, beste Hörposition inklusive, ebenfalls Liszt auf dem Programm, allerdings erklangen mir die drei wunderbaren italienischen Sonette tatsächlich heute zum ersten Mal. Der Rest des Abends gehörte dann Strauss – insgesamt zehn Lieder inklusive Zugaben.

Über die alternativlose Qualität des Vortrages braucht es eigentlich keine weiteren Worte. Auch hier: Die Nuancen, die göttliche Phrasierung, das unnachahmliche Timbre, das den ganzen Saal füllende Strahlen – all das ist von meinem Platz leider nur ein matter Schatten. Bei der zweiten Zugabe, passenderweise der "Zueigung", macht Kaufmann singend eine Runde um den Flügel und beschert so auch den "Rückenplätzen" ihren Moment erhoffter Labsal. Ob Herr Lieben-Seutter dem Tenor wohl einen Tipp gegeben hat, als er nach der ersten Zugabe eilig den Weg Richtung Bühnenkatakomben antrat? Andererseits kann es nicht Aufgabe eines Sängers sein, seinen von Konzentration und Symbiose mit dem Begleiter geprägten Auftritt durch stetige Brummkreiseleinlagen derart anzupassen, um alle Zuhörer gleichermaßen zu "bedienen". Das größere Problem als der "statische" Kaufmann war heute meiner Ansicht nach eher die unvorteilhafte Einteilung der Preiskategorien. Der Podiumsplatz ermöglichte einen nicht uninteressanten Einblick, insbesondere durch die enge Tuchfühlung zum Pianisten – aber sollten diese Spezialplätze in der zweiten Kategorie angesiedelt sein? Sicher nicht. Wie gesagt, bei einem reinen Klavierabend mag das zutreffen, für die heute erlebte akustische Güte waren die Karten deutlich zu teuer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in der letzten Reihe auf Ebene 16, wohlgemerkt vor der Bühne, den Sänger schlechter vernommen hat als hier. Hätte man sich denken können, aber immer noch besser ein Kaufmann, der einem die kalte Schulter zeigt, als gar kein Kaufmann.

27. September 2012

Liederabend – Jonas Kaufmann.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 9, Platz 15



Franz Liszt – Vergiftet sind meine Lieder S 289
Franz Liszt – Im Rhein, im schönen Strome S 272/1
Franz Liszt – Freudvoll und leidvoll S 280
Franz Liszt – Es war ein König in Thule S 278/2
Franz Liszt – Ihr Glocken von Marling S 328
Franz Liszt – Die drei Zigeuner S 320
Gustav Mahler – Ich atmet' einen linden Duft (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Liebst du um Schönheit (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Blicke mir nicht in die Lieder (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Ich bin der Welt abhanden gekommen (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Um Mitternacht (Rückert-Lieder)

(Pause)

Henri Duparc – L'Invitation au Voyage (Mélodies)
Henri Duparc – Phidylé
Henri Duparc – Le manoir de Rosemonde / Das Schloß von Rosemonde
Henri Duparc – Chanson triste / Trauriges Lied
Henri Duparc – La vie antérieure (Mélodies)
Richard Strauss – Schlechtes Wetter op. 69/5
Richard Strauss – Schön sind, doch kalt die Himmelssterne op. 19/3
Richard Strauss – Befreit op. 39/4
Richard Strauss – Heimliche Aufforderung op. 27/3
Richard Strauss – Morgen op. 27/4
Richard Strauss – Cäcilie op. 27/2

Zugaben:
Richard Strauss – Ach weh mir unglückhaftem Mann op. 21/4
Richard Strauss – Freundliche Vision, op. 48/1
Richard Strauss – Wie sollten wir geheim sie halten, op. 19/4
Richard Strauss – Nichts, op. 10/2
Richard Strauss – Zueignung, op. 10/1



Als Jonas Kaufmann die Worte „... und ich geh’ mit Einer, die mich lieb hat ... in den Frieden ...“ aus der zweiten von insgesamt fünf Strauss-Zugaben sang, wurde mir klar, daß man diese – und so viele weitere zuvor an diesem Abend gehörte Stellen – wohl kaum würde aus anderer Kehle jemals so berührend schön vernehmen werden. Durch einen Liederabend im Prinzregententheater vor einigen Jahren und den Münchner Lohengrin zwar vorgewarnt, trifft doch die Ausnahmequalität dieser Stimme bei jedem Hören aufs Neue ins Mark.

Das unverwechselbare, baritonale Timbre, ein Bombenorgan, gefächert von feinst zerstäubtem Schmelz bis triumphalem Stahl, mal kaum mehr als ein süßes Flüstern, dann wieder ein Glanz, der die gesamte Laeiszhalle erfüllt. Überhaupt ein Abend der extremen Kontraste. Immer wieder regelt Kaufmann die Dynamik an den Rand des Möglichen zurück, um das gebannt lauschende Publikum nach solchen Momenten innigster Spannung mit einer Entladung in strahlendster Weise vollends zu berauschen.

Bezüglich der Interpretation hat mir Strauss insgesamt etwas mehr zugesagt als die Rückert-Lieder, wobei das sehr breit angelegte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ in seiner kaum zu steigernden Intensität unzweifelhaft einen, wen nicht den Gipfelpunkt des Abends markierte. Gerade auch in diesem Fall stellte Helmut Deutsch wieder einmal seine kongeniale Sensibilität unter Beweis. In „Um Mitternacht“ konnte Kaufmann dann vollends seinen Heldenton ausspielen.

In der Darbietung der Duparc-Stücke zeigte sich, wie wunderbar der Sänger auch für das französische Fach geeignet ist – diese Zartheit, diese Lyrik! Aber auch die Liszt-Werke boten reiche Entfaltungsmöglichkeiten, etwa in dem entrückt entschwebenden „Die Glocken von Marling“ oder der bildhaften Beschreibung in „Die drei Zigeuner“.

An Kaufmanns Strauss-Interpretationen gefällt mir besonders die ungezwungene, selbstverständliche Realisation des humorvollen, ironischen Moments – der Mann bringt einfach auch darstellerisch alles mit, und sei es eben in diesen Miniaturen, um das Auditorium für sich zu gewinnen – ohne dafür in die Klamaukschublade greifen zu müssen, wohlgemerkt. Und wenn man dann noch einen Liederabend-Klassiker wie „Morgen“ so scheu, so zärtlich, neu vor dem verwöhnten Ohr erstanden weiß, herrschen nur noch Gewißheit, Erfüllung, Dankbarkeit.