5. April 2018

Zyklus D „Große Stimmen“ – Juan Diego Flórez.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 1


Wolfgang Amadeus Mozart –
Ouvertüre zu „La Clemenza di Tito“ KV 621
„Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ aus: „Die Zauberflöte“ KV 620
„Si spande al sole in faccia“ aus: „Il re pastore“ KV 208
Ouvertüre zu „Don Giovanni“ KV 527

Christoph Willibald Gluck –
„L’espoir renaît dans mon âme“ und „J’ai perdu mon Eurydice“ aus: „Orphée et Eurydice“

Gaetano Donizetti –
„Ballabile“ und „Danza Militare“ aus: „Lucia di Lammermoor“

(Pause)

Jules Massenet –
„Je suis seul! ... Ah! fuyez, douce image“ aus: „Manon“
„Pourquoi me réveiller“ aus: „Werther“

Giuseppe Verdi –
Ballabile „La Primavera“ aus: „I Vespri Siciliani“
„Questa o quella“ und „Parmi veder le lagrima“ aus: „Rigoletto“
Ouvertüre zu „Alzira“
„Lunge da lei ... De’ miei bollenti spiriti“ und „O mio rimorso“ aus: „La Traviata“

Zugaben:
Willy Mattes – Deine Liebe ist mein ganzes Leben
Peruanisches Volkslied
Caetano Veloso – Cucurrucucú Paloma (Hable con Ella)
Gaetano Donizetti – „Pour mon âme, quel destin!“ aus: „La Fille du Régiment“
Agustín Lara – Granada

(Juan Diego Flórez – Tenor, NDR Radiophilharmonie / Leitung – Riccardo Minasi)


Natürlich bürgt der Name Juan Diego Flórez für Sangeskunst von Weltrang – nichts weniger wird in diesem Goette-Abo aufgetischt – aber ich hätte nicht gedacht, dass mich gerade dieses Konzert aus der Reihe so begeistern würde, wo das Repertoire des Peruaners doch nur marginal mit meinen Vorlieben überlappt. Aber wer braucht schon „seine“ Musik, wenn man dieser Stimme lauschen darf.

Dabei geriet der Start sogar noch etwas verhalten – die Gestaltung der Zauberflöten-Arie war nicht so ganz mein Fall, das Liedhafte kam fast etwas steif rüber. Vielleicht auch eine Frage des ungewohnten Sprachmetiers? Da geht doch nichts über Wunderlich. Ganz anders sah das jedenfalls schon bei der nächsten italienischen Mozart-Arie aus und erfuhr eine nochmalige Steigerung über Gluck zu Donizetti – dafür ist diese Stimme gemacht. Dieses Legato, dieser Schmelz, diese innige Wärme. Spannend auch der Unterschied zu Kaufmann was Volumen, Strahlkraft, das ganze Timbre angeht – eine „kleinere“ Stimme, aber eben perfekt für den Belcanto, mit süßem Schmelz und spielerischer Wendigkeit. Insbesondere bei Gluck und Donizetti merkt man zudem, welch großartiger Stimmdarsteller Flórez ist. Innige Seelenbilder in Sprachen, derer ich nicht mächtig bin – und die ich durch ihn doch verstehe. Schön: die Leute sind meist mucksmäuschenstill, die Konzentration wird selten gefährdet.

Die zweite, absolut unverhoffte Entdeckung des Abends: Herr Minasi ist eine Wucht am Pult. Knackig, leicht, wieselflink – durchweg sehr flotte Lesarten, die perfekt Verve und Esprit dieser Kompositionen transportieren. Ein wahrer Ohrenöffner: Seine Interpretation der Don Giovanni-Ouvertüre. ich bin halt kein Mozart-Experte und es wird sicher andere Dirigenten mit diesem Konzept geben und gegeben haben, aber das für mich absolut ungewohnt hohe Tempo gleich vom Start weg, lässt den düsteren Beginn wohl weniger mysteriös und bedrohlich wirken als z.B. bei Furtwängler, sorgt aber andererseits dafür, dass sich dieser viel besser, homogener in das Ganze fügt. Der Übergang zum schnellen Teil erfährt so einen deutlichen Energieschub, das Leichte, Vitale, Tänzerische wird betont – das war heute fast ein ganz neues Stück für mich.

Ein anderes Beispiel für Minasis Meisterschaft: die Donizetti-Festmusik – mit ordentlich Wumms vorgetragen, aber nicht lärmig, sondern schmissig, satt. Eleganz und Kraft. Die Radiophilharmonie Hannover hat ihren Anteil daran. Obgleich nicht perfekt (Präzision bei hohem Tempo, hier und da Wackler etc.), so doch absolut zuverlässig im Gesamtklang und in der Wirkung auf den Punkt. Darüber hinaus ist die Akustik-Wahrnehmung heute wieder sehr schön, präsent, ausgewogen – allein die Kombination Hörner plus Flórez’ Stimme – Balsam für die Ohren.

Mit dem Massenet nach der Pause kommen wir schließlich in kompositorische Gefilde, die mein Herz höher schlagen lassen. Was für eine Orchestration – die Einbindung der Orgel, der Glocken, der Harfe. Die Manon-Arie ist sehr vielversprechend – die Oper ist mir gänzlich unbekannt, die Arie aus dem bereits zweimal live bestaunten Werther bestätigt das Potenzial, welches dieser Komponist für mich besitzt. Wahrscheinlich tendierte mein Geschmack für diese Rollen doch eher zu einem Tenor mit mehr Stahl in der Stimme (und wieder ergibt der parallel im Kopf vollzogene Abgleich mit Kaufmann ein interessantes Wechselspiel), aber ungeachtet dessen, welchen Weg man bevorzugt, wandelt Flórez unbestreitbar auf den Pfaden der Vollendung.

Verdi mag mich insgesamt nicht so berühren, in Flórez’ Darbietung erfährt noch die banalste Humtata- und Drehorgelmusik ungeahnte Veredlung. Zumal der Mann scheinbar auf Knopfdruck voll in Text und Rolle eintaucht – davon zeugen auch seine launigen Anmoderationen, etwa wenn er dem Duca aus Rigoletto angesichts Emanzipation und #Metoo in der heutigen Zeit einen schweren Stand bescheinigt. Womit wir bei einem weiteren, äußerst wichtigen Faktor für Flórez’ Extraklasse und Erfolg wären: Der Mann kann Kraft seiner sympathischen Ausstrahlung und offenen Art einen Saal für sich gewinnen. Ich muss ihn unbedingt einmal auf der Theaterbühne erleben, ich glaube fest, dass er jeden Charakter mit Spielfreude und Herzblut verkörpert.

Heute waren es neben seiner atemberaubenden Kunst auch seine witzigen Einschübe und Anekdoten, die dem Sänger die Herzen des Publikums zufliegen ließen – etwa als er einmal fast den Einsatz des Dirigenten „crashte“, um doch noch etwas über das folgende Stück zu erzählen, und sich mit den Worten entschuldigte: „Sorry, i am crazy – too many high notes, you know ...“. Flórez plaudert über seine kosmopolitische Familie, begrüßt die kleine peruanische Schar im Publikum (mit einem Seitenhieb, dass man trotz aller Begeisterung für Fußball die WM im Sommer wohl doch nicht gewinnen werde), und das alles streut er mit leichter Hand ein, ohne das es bemüht oder gar anbiedernd wäre. Ein richtiger Kommunikator, möchte man sagen.

Als er dann die Zugaben nicht mit einer weiteren Arie, sondern den Zeilen „Deine Liebe ist mein ganzes Leben“ beginnend ein Ständchen für seine Frau zum Hochzeitstag anstimmt, sich dabei selbst auf der Gitarre begleitend, ist es um jedes romantische Herz im Saal geschehen. Die weiteren Stücke, zwei Lieder, eine Arie von Donizetti sowie der feurige Schlusspunkt „Granada“ demonstrieren noch einmal eindrucksvoll die Vielseitigkeit dieses Künstlers und seine ohrenscheinliche Liebe dazu, was Gesang in und für Menschen auslösen kann – sei mit einer einfachen Volksweise oder durch die Artistik der Spitzentöne.

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