11. August 2013

Lohengrin – Andris Nelsons.
Festspielhaus Bayreuth.

16:00 Uhr, Parkett links, Türe II, Reihe 5, Platz 17



Heute verlasse ich in regelrechter Verzückung das Festspielhaus. Grund dafür ist neben musikalischer Güte vor allem eine Inszenierung, wie ich sie in ästhetischer Perfektion und dramaturgischer Kraft kaum je erlebt habe. Hans Neuenfels gebührt der Ruhm, diesen Abend zu etwas ganz Besonderem, ja Magischem erhoben zu haben. Wen diese Inszenierung kalt läßt oder gar abstößt, muß schon unter einer schweren Wahrnehmungsstörung leiden oder schlichtweg mit totaler Theaterblindheit geschlagen sein, so deutlich tritt hier das Bühnenwunder zutage. Aber was schwülste ich groß herum, schließlich gibt es von dieser Produktion einen Mitschnitt, der jedem geneigten Zweifler zumindest einen Abglanz der Live-Wirkung bieten sollte. Also lassen wir es gut sein für heute.

Nur das eine: Inszenierungskritiken bzw. Ablehnung sind eigentlich in den meisten Fällen lediglich eine Ablehnung der Ausstattung. Ein Lohengrin ohne Nachen, womöglich gar im Anzug? Nein Danke! Die braven Brabanter als Ratten? Undenkbar! Gegen Reaktionen wie diese ist per se erst mal nichts einzuwenden, sind sie doch allenfalls Ausdruck eines konservativen Geschmacks in Bezug auf Bühnenbild und Kostümierung. Mit der eigentlichen Regiearbeit und etwaiger Kritik daran hat dies meiner Ansicht nach jedoch nur am Rande zu tun. Sicher, Bühnenwirkung entsteht durch die Summe der Teile, aber mich persönlich interessiert doch deutlich mehr, wie Motivation und Handeln der Figuren vermittelt werden, als die Frage, ob Lohengrin zwingend in silberner Rüstung aufzutreten hat. Interessant wird es allerdings dann, wenn einem ernsthaft an der inhaltlichen Umsetzung der alten Regieanweisungen gelegen ist. Hans Neuenfels scheint jemand zu sein, der diesen Fragen nachspürt. Und für meine Begriffe darauf Antworten findet, die die Kraft haben, ein altbekanntes Werk wie zum ersten Mal vor unseren Augen erstehen zu lassen, den Kern zu treffen, zu berühren.

Den tosenden Applaus und erdbebenartiges Getrampel im Ohr gehe ich zu Fuß durch die Bayreuther Stille zum Hotel. Am nächsten Morgen bescheinigt man mir an der Rezeption, der wohl besten Lohengrin-Aufführung dieser Spielzeit beigewohnt zu haben. Qualität spricht sich eben doch herum.


Richard Wagner – Lohengrin
Musikalische Leitung – Andris Nelsons
Inszenierung – Hans Neuenfels
Bühnenbild und Kostüme – Reinhard von der Thannen
Licht – Franck Evin
Video – Björn Verloh
Dramaturgie und Regie-Mitarbeit – Henry Arnold
Chor – Eberhard Friedrich

König Heinrich – Wilhelm Schwinghammer
Lohengrin – Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant – Annette Dasch
Friedrich von Telramund – Thomas J. Mayer
Ortrud – Petra Lang
Der Heerrufer des Königs – Samuel Youn
1. Edler – Stefan Heibach
2. Edler – Willem Van der Heyden
3. Edler – Rainer Zaun
4. Edler – Christian Tschelebiew
Edelknaben – Kitty de Geus, Anja Ulrich, Zuzanna Foremska, Johanna Dur
Edeldamen – Sharona Applebaum, Cosima Henseler, Stefanie Dasch, Gisela Pohl, Theresa Derksen- Bockermann, Jessica Leary, Gabriele Neugebauer, Christine Hallereau, Raquel Luis, Dörte Rohlfing, Alice Rath, Ina Gasciarino

Das Festspielorchester
Der Festspielchor