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4. Juni 2015

City of Birmingham SO – Andris Nelsons.
Laeiszhalle Hamburg.

19:30 Uhr, 1. Rang links, Loge 4, Reihe 1, Platz 3

Richard Wagner – „Karfreitagszauber“ (Parsifal)
Richard Wagner – „Amfortas, die Wunde“ (Parsifal, 2. Aufzug)
Richard Wagner – „Nur eine Waffe taugt“ (Parsifal, 3. Aufzug)
Richard Wagner – Lohengrin, Vorspiel zum 3. Akt
Richard Wagner – „Höchstes Vertrauen hast Du mir schon zu danken“
(Lohengrin, 3. Akt)
Richard Wagner – Gralserzählung (Lohengrin, 3. Akt)

Zugabe: Richard Wagner – „Winterstürme wichen dem Wonnemond“
(Die Walküre, 1. Aufzug)

(Klaus Florian Vogt – Tenor)

(Pause)

Antonín Dvořák – Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70

Zugabe: Antonín 
Dvořák – Slawischer Tanz Nr. 2, e-Moll op. 72


Dem City of Birmingham Symphony Orchestra gebührt seit eh und je ein Ehrenplatz in den Tiefen heimischer CD-Regale, errungen durch die Referenzeinspielung der Sinfonien Sibelius’ unter Simon Rattle. Hatte dessen Nach-Nachfolger Nelsons beim letzten von mir besuchten Gastspiel noch eine Arbeitsprobe des schwerblütigen Finnen im Gepäck (Link), bot heute deutsch-böhmische Repertoirepflege die Grundlage für die Zeichen des Abschieds – Nelsons zieht es weiter gen Boston. Nach Triumphen in Bayreuth und an den übrigen ersten Adressen der klassischen Musikwelt scheint Birmingham mittlerweile vielleicht doch eine Spur zu gediegen für die Ambitionen des lettischen Kometen.

Ambitionen sind überhaupt ein gutes Stichwort. Viel deutlicher als üblicherweise trennen sich für mich beim heutigen Konzert die aus einer bestimmten Erwartungshaltung gespeisten Eindrücke in klar separierte Bereiche, das Triumvirat Dirigent, Orchester und Solist als einzelne Facetten erleb- und beurteilbar werden lassend. Das kann auf ein starkes Qualitätsgefälle der Beteiligten hindeuten, ist diesmal aber vielmehr Ausdruck einer Kombination, die meine persönlichen Vorlieben nicht zur Gänze bedient. Die Geschmäcker sind halt verschieden.

Das Orchester ist sicher kein schlechtes (etwas anderes zu behaupten könnte angesichts meiner Kolportage von 2012 natürlich auch leicht als Wankelmut ausgelegt werden – wobei, einen gewissen Zug der Unberechenbarkeit sieht doch insgeheim jeder gern an sich), aber für den Wagner’schen Rausch fehlt mir einfach eine gewisse Opulenz der Klangfarben. Die Streicher ziemlich herb, man könnte auch stumpf sagen, die Holzbläser mit Ausnahme der Soloklarinette relativ unsensibel, das Blech sattelfest, aber auch hier ohne den letzten Nachdruck – zusammenfassend ergibt sich daraus für mich ein eher neutrales, böse formuliert etwas unspannendes Gesamtbild des Klangkörpers.

Dabei folgen die Damen und Herren den ausgefeilten Anweisungen ihres Noch-Chefs weitgehend mit der nötigen technischen Finesse – von kleinen Aussetzern wie dem verpatzten Horneinsatz zu Beginn der Dvořák-Sinfonie einmal abgesehen. Dennoch drängte sich bei mir der Eindruck auf, daß Nelsons für das, was ihm – jedenfalls bei Wagner – konzeptionell so vorschwebt, doch besser ein anderes Orchester mitgebracht hätte, Abschiedstour hin, Abschiedstour her.

Nelsons Wagner ist in jedem Fall ein organischer, ungemein differenzierter, fein ziselierter, gleichsam ein Wagner der großen fließenden Bögen. Beschwörend mäandert sich der Maestro mit raumgreifenden Gesten durch die Partitur, sucht auch mimisch unentwegt den Kontakt zu den einzelnen Stimmgruppen, mit der Linken nahezu pausenlos nachregulierend, Dynamik und Fluß gestaltend, in besonders delikaten Momenten ganz ohne Taktstock mit beiden Händen formend – Das Orchester als Tonklumpen.

Und zu eben dieser hochsensiblen, dem schillernd-somnambulen Mischklang des Parsifal nachforschenden Lesart will in meinen Ohren der durch und durch bodenständige Sound der Engländer so gar nicht passen. Ein Bild wird mir dabei – so isoliert wie ungerecht die Beobachtung sein mag – hängen bleiben: Nelsons, wie er, nachdem er bei einem für seine Begriffe offenbar viel zu forschen Holzbläsereinsatz zu Beginn des ruhigen Mittelteils des Vorspiels zum dritten Akt Lohengrin blitzartig mehrmals herunterzuregeln sucht und schließlich den Finger vielsagend ans Ohr legt.

Wobei sein Ansatz weit davon entfernt ist, in Schönheit zu sterben. Spätestens besagtes Vorspiel offenbart den Elan, der von dem zu Recht hoch gehandelten Letten ausgeht – ohne dabei jedoch in extreme Schärfe oder Brutalität umzuschlagen. Das Vulgäre scheint Nelsons Sache nicht, der das Feuer offenbar immer noch mit einer gewissen Eleganz zu bändigen weiß. „Rund“ ist so eine gern bemühte, etwas hilflose Vokabel, die mir für diesen Stil aber wie gemacht zu sein scheint.

Womit wir zum einen wieder bei Geschmack und damit verbunden bei der einzigen Einschränkung dieser Meisterleistung am Pult angekommen wären: Sicher verblendet von der nostalgischen Verklärung der Einspielung unter Rafael Kubelik, ist mir Nelsons Dvořák fast schon eine Spur zu rund. Oder anders herum ausgedrückt, mir fehlte – zumindest in den ersten beiden Sätzen – jenes derbe, mitunter schroffe, fast schon bockige Moment, mit dem Kubelik dies Füllhorn melodischer und rhythmischer Einfälle vor der Latz zu knallen pflegt. Im Laufe der Sätze 3 und 4 verflüchtigte sich dieser Eindruck jedoch zusehends. Den mitreißenden Final-Sog mit einem schlichten „fulminant“ abzuspeisen, hieße, einer außergewöhnlichen Leistung Ungerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Fehlt schließlich noch die dritte Kraft im Bunde, der Solist des Abends. Über Klaus Florian Vogt könnte ich jedesmal ein Buch schreiben – mache es jedoch so gut wie nie. Auch über seinen kürzlich bewunderten Paul an der Staatsoper (Link) habe ich nicht viele Worte verloren, obwohl – oder gerade weil – er mich zwischen Ehrfurcht und Verzückung zurückließ. Dennoch: Es gibt in meinen Augen nur zwei Herren, die den lyrischen Kern der Wagner-Partien in dieser Qualität und Tiefe auszuloten vermögen – und ich wähle den anderen. Trotzdem fiebere ich Vogts Darbietung als Johannes in Schmidts „Das Buch mit Sieben Siegeln“ hier in Hamburg entgegen. Denn noch einmal: Die Geschmäcker sind halt verschieden.

11. August 2013

Lohengrin – Andris Nelsons.
Festspielhaus Bayreuth.

16:00 Uhr, Parkett links, Türe II, Reihe 5, Platz 17



Heute verlasse ich in regelrechter Verzückung das Festspielhaus. Grund dafür ist neben musikalischer Güte vor allem eine Inszenierung, wie ich sie in ästhetischer Perfektion und dramaturgischer Kraft kaum je erlebt habe. Hans Neuenfels gebührt der Ruhm, diesen Abend zu etwas ganz Besonderem, ja Magischem erhoben zu haben. Wen diese Inszenierung kalt läßt oder gar abstößt, muß schon unter einer schweren Wahrnehmungsstörung leiden oder schlichtweg mit totaler Theaterblindheit geschlagen sein, so deutlich tritt hier das Bühnenwunder zutage. Aber was schwülste ich groß herum, schließlich gibt es von dieser Produktion einen Mitschnitt, der jedem geneigten Zweifler zumindest einen Abglanz der Live-Wirkung bieten sollte. Also lassen wir es gut sein für heute.

Nur das eine: Inszenierungskritiken bzw. Ablehnung sind eigentlich in den meisten Fällen lediglich eine Ablehnung der Ausstattung. Ein Lohengrin ohne Nachen, womöglich gar im Anzug? Nein Danke! Die braven Brabanter als Ratten? Undenkbar! Gegen Reaktionen wie diese ist per se erst mal nichts einzuwenden, sind sie doch allenfalls Ausdruck eines konservativen Geschmacks in Bezug auf Bühnenbild und Kostümierung. Mit der eigentlichen Regiearbeit und etwaiger Kritik daran hat dies meiner Ansicht nach jedoch nur am Rande zu tun. Sicher, Bühnenwirkung entsteht durch die Summe der Teile, aber mich persönlich interessiert doch deutlich mehr, wie Motivation und Handeln der Figuren vermittelt werden, als die Frage, ob Lohengrin zwingend in silberner Rüstung aufzutreten hat. Interessant wird es allerdings dann, wenn einem ernsthaft an der inhaltlichen Umsetzung der alten Regieanweisungen gelegen ist. Hans Neuenfels scheint jemand zu sein, der diesen Fragen nachspürt. Und für meine Begriffe darauf Antworten findet, die die Kraft haben, ein altbekanntes Werk wie zum ersten Mal vor unseren Augen erstehen zu lassen, den Kern zu treffen, zu berühren.

Den tosenden Applaus und erdbebenartiges Getrampel im Ohr gehe ich zu Fuß durch die Bayreuther Stille zum Hotel. Am nächsten Morgen bescheinigt man mir an der Rezeption, der wohl besten Lohengrin-Aufführung dieser Spielzeit beigewohnt zu haben. Qualität spricht sich eben doch herum.


Richard Wagner – Lohengrin
Musikalische Leitung – Andris Nelsons
Inszenierung – Hans Neuenfels
Bühnenbild und Kostüme – Reinhard von der Thannen
Licht – Franck Evin
Video – Björn Verloh
Dramaturgie und Regie-Mitarbeit – Henry Arnold
Chor – Eberhard Friedrich

König Heinrich – Wilhelm Schwinghammer
Lohengrin – Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant – Annette Dasch
Friedrich von Telramund – Thomas J. Mayer
Ortrud – Petra Lang
Der Heerrufer des Königs – Samuel Youn
1. Edler – Stefan Heibach
2. Edler – Willem Van der Heyden
3. Edler – Rainer Zaun
4. Edler – Christian Tschelebiew
Edelknaben – Kitty de Geus, Anja Ulrich, Zuzanna Foremska, Johanna Dur
Edeldamen – Sharona Applebaum, Cosima Henseler, Stefanie Dasch, Gisela Pohl, Theresa Derksen- Bockermann, Jessica Leary, Gabriele Neugebauer, Christine Hallereau, Raquel Luis, Dörte Rohlfing, Alice Rath, Ina Gasciarino

Das Festspielorchester
Der Festspielchor

21. März 2012

City of Birmingham SO – Andris Nelsons.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16


Benjamin Britten – Four Sea Interludes op. 33a
Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert Nr. 4 (Anna Vinnitskaya)
Zugaben: Ludwig van Beethoven – Bagatelle / Johannes Brahms – Intermezzo Es-Dur op. 117/1

(Pause)


Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 2

Zugabe: Jean Sibelius – Andante festivo



Am heutigen Tag wurde mein akustischer Fundamentalismus auf eine harte Probe gestellt. Eine saftige Erkältung nebst hartnäckigem Rachenreiz trat an, meine mehr als 350 Konzerte währende Hustenabstinenz jäh abreißen zu lassen. So weit kommt es noch! Wie soll ich denn dann bitte weiterhin meine inwändigen Haßtiraden gegenüber allen Konzert-Röchlern und Spontan-Auswürflern in bewährter Freude ausleben? Da könnte ich mich ja selbst nicht mehr im Spiegel anhusten. Gemach, gemach, es kam erst gar nicht zum Äußersten – auch, weil mich ein rundum gelungenes Konzert in seinen Bann zog.

Das City of Birmingham Symphony Orchestra ist für meine Begriffe eines der besten Orchester für Sibelius. Insbesondere sein herb schneidender, leicht spröder Klang der Streicher scheint sich seit den Zeiten mit Rattle – die ich allerdings nur von den Mitschnitten her kenne – konserviert zu haben. Diese EMI-Aufnahmen stellen für mich nach wie vor die Referenz in Sachen Sibelius dar, interpretationstechnisch wie klanglich. Umso schöner festzustellen, daß dieser Sibelius-Sound auch heute noch live erlebbar ist.

Doch zuerst stand Anderes auf dem Programm. Zuvor bewies man auch in den Sea Interludes seine tönende Eignung für Britten, wenn ich auch mit Nelsons Interpretation nicht in allen Einzelheiten mitgehen konnte. Aus einem erfrischend schwungvollen, von Elan geprägten Ansatz heraus unterstelle ich ihm in schnellen Passagen (beispielsweise in „Sunday morning“) eine Tendenz zum Davongaloppieren, das rhythmische Gefüge gerät für mein Empfinden aus den Fugen, ins Kurzatmige, läuft Gefahr zu stolpern. Trotz dieser Irritationen stehen spannungsreich gestaltete Ergebnisse Nelsons zu Buche.

Dem Beethoven konnte ich allerdings weniger abgewinnen, auch die Solistin vermochte daran zunächst nichts ändern, obwohl sie spätestens im Finalsatz und erst recht in den Zugaben ihre Extraklasse demonstrierte. Wahrscheinlich war ich doch nicht ganz in Form. Frau Vinnitskaya ging den Schluß des Beethoven-Finales aber mit einer derart Aufhorchen machenden eleganten Agilität an, daß auch bei mir der Groschen fiel. Die Bagatelle überzeugte vollends, nach Verklingen des Brahms-Intermezzo war ein Aggregatszustand wohliger Wehmut erreicht – einem zarten Anschlag und sensibler Spielweise sei Dank.

Nach der Pause nun Sibelius. Wann immer es zu den spärlichen Aufführungen des Finnen kommt, ist die Wahrscheinlichkeit überaus hoch, seine zweite Sinfonie kredenzt zu bekommen. Oder halt Finlandia als Programmauffüller oder Rausschmeißer. Warum also immer die Zweite? Sicher weil sie Kraft ihrer Ausdehnung als vollwertiger Hauptgang taugt und darüber hinaus noch nicht so viel mit dem zu tun hat, was mir Sibelius so faszinierend und unverwechselbar erscheinen läßt. Das ist natürlich stark vereinfachend zu verstehen. Nichts desto trotz fristet die Zweite in der heimischen Sibelius-Jukebox ein Schattendasein und wird von ihren Geschwistern Vier bis Sieben hoffnungslos ausgespielt. Nun denn, mein Plattenschrank ist (noch) nicht Vorbild für Programmgestalter, somit kehren wir zurück ins Reich der unumschränkt herrschenden Nummer Zwei.

Wie schon gesagt, bezüglich des Klangs gab es heute rein gar nichts zu beanstanden. Streicher schroff-scharf; Blech präsent – nicht ultradrohend aber sehr brauchbar, insbesondere ein klar schneidender Trompetenstahl; Holz ohne Fehl und Tadel. Schönes Cellosolo. Zwar muß ich gestehen, die Sinfonie in ihrer Struktur nicht besonders gut auf dem Schirm zu haben, dennoch war mir phasenweise ein Abgleich mit schon Vertrautem möglich. Und auch ohne diesen Vergleich war ich sehr von Nelsons Herangehensweise angetan. Manch ruhige Passage hätte man behutsamer, kontemplativer lösen können, im Großen und Ganzen empfand ich die Interpretation als absolut schlüssig.

Besser noch als die Sinfonie selbst eignet sich vielleicht die Zugabe, das Andante festivo, um Nelsons Zugang zu beschreiben. Dieses Stück wird ja immer mal wieder als Nachtrag gegeben, in solch einem freudigen, schwungvollen – wahrhaft festlich glänzenden – Gewand habe ich es jedoch noch nie gehört. Nelsons schürt die Energie, betont das Schwungvolle, auch hier mit einer gewissen Tendenz zur Eile, das Ergebnis ist glückselig umarmend anstatt elegant oder gar melancholisch. Ob diese Art auch auf eine vierte oder siebte Sinfonie angewendet funktionieren könnte, kann ich nicht sagen. Nicht, daß mit der Zweiten heute keine Tiefe übertragen worden wäre, aber so ein monumentales Triumphfinale ist schon etwas Anderes als das dünne Eis der späten Sinfonien.

So oder so geben Nelsons und sein Orchester eine Kombination ab, die Eindruck und Freude macht – bitte wiederkommen!