31. März 2017

Kleiner Konzertchor Blankenese – Dieter von Sachs. Kath. Kirche Maria Grün Hamburg.

20:00 Uhr, freie Platzwahl

Joseph Haydn – Kanon, Tod ist ein länger Schlaf
Antonio Lotti – Crucifixus für 8 Stimmen
Ludwig van Beethoven – Bitten, Klavier und Sopran (Mascha Zippel – Sopran, Fabian Höfer – Klavier)
Felix Mendelssohn Bartholdy – Denn er hat seinen Engeln (8 Stimmen)
John Rutter – I Believe In Springtime
Henry Purcell – O Blow Ye The Trumpet (Steffi Arnold – Sopran, Renanto Kroll – Tenor, Fabian Höfer – Klavier)
Johann Sebastian Bach – Motette Nr. 3, Jesu meine Freude

26. März 2017

Die lustige Witwe – Florian Erdl.
Theater Itzehoe.

15:00 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 19



Diese Produktion des Landestheaters Schleswig-Holstein vereint alle Zutaten, die man für einen perfekten Operettenabend benötigt. Ein gut aufgelegtes Orchester mit einem Dirigenten, der einerseits für Elan und Spritzigkeit sorgt, auf der anderen Seite auch ein Gespür dafür besitzt, Gefühlvolles und vor allem Sentimentales davor zu bewahren, in Kitsch abzugleiten. Dazu genau die richtige Mischung aus eher sängerisch und eher schauspielerisch prädisponierten Darstellern, wobei Überschneidungen in beiden Richtungen natürlich wünschenswert und, wie man heute wieder erleben konnte, kein Ding der Unmöglichkeit sind.

Ob es Anna Schoeck in der Titelpartie ist, die über ihr vorzügliches stimmliches Ausdrucksvermögen hinaus auch darstellerisch die gesamte Klaviatur von kokett über sinnlich bis verletzlich beherrscht, oder Ansgar Hüning als Graf Danilo, bei dem der Schwerpunkt noch mehr auf dem Schauspiel liegt, so dass er die Partie über reinen Schöngesang hinaus mit Charakter füllt – bis hin zum Sprechgesang, bzw. halb Gesungenem, halb Gefluchtem in der großen Eifersuchtsszene. Und zu guter Letzt hilft es, ein derart beliebtes wie unverwüstliches Werk wie Die lustige Witwe mit einer dienlichen wie visuell opulenten, die Schauwerte stetig steigernden Inszenierung funktionieren und trotzdem glänzen zu lassen. Allein die simple wie effektvolle Integration des Fächers als Leitmotiv in das Bühnenbild zeugt von einem Regieteam mit kreativem Blick für das Wesentliche. Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die mitreißenden Auftritte des Ballettensembles.

Wenn all diese Faktoren – so wie heute – zusammentreffen, hat Operette nichts Belächelnswertes für den Musiktheaterfreund. Die kleine Schwester der Oper behandelt das allzu Menschliche, die vermeintlich banalen Fallstricke menschlicher Beziehungen mit dem Mittel der humoristischen Übertreibung und Entlarvung nicht weniger intelligent oder tiefsinnig als manch brütendes Sittengemälde. Die einfache, teils karikaturhafte Charakterzeichnung sollte man nicht mit Seichtheit verwechseln, wenn es darum geht, uns, sicher auf humorvolle, unterhaltsame Weise, den Spiegel vorzuhalten. Wir erblicken Menschen, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen (wollen). Menschen, die sich (mit ihrem Ego oder falschen Stolz) selbst im Weg stehen. Die Tragik des Banalen ist unter dem Brennglas nicht weniger tragisch als jene der Dinge, die die Welt bedeuten – bzw. doch oft ein und dasselbe.

Es gäbe heute vieles im Detail zu loben und besondere Leistungen hervorzuheben, ich möchte es aber einfach mal bei folgendem Fazit belassen: Wenn’s stimmt, dann stimmt’s.


Franz Lehar – Die Lustige Witwe
Musikalische Leitung – Florian Erdl
Inszenierung – Markus Hertel
Ausstattung – Erwin Bode
Choreinstudierung – Bernd Stepputis
Choreografie – Catalin Tiganasu
Dramaturgie – Anne Sprenger

Baron Mirko Zeta – Markus Wessiack
Valencienne, seine Frau – Tina Marie Herbert
Graf Danilo Danilowisch – Ansgar Hüning
Hanna Glawari – Anna Schoeck
Camille de Rosillon – Christopher Hutchinson
Vicomte Cascada – Marian Müller
Raoul de St. Brioche – Samuel Smith
Bogdanowitsch – Kai-Moritz von Blanckenburg
Sylvaine – Alma Samimi
Kromow – Lucian-Nicolaie Cristiniuc
Olga – Eva Eiter
Pritschitsch – Octavian Georgescu
Praškowia – Rhonda Lehmann
Njegus – Jürgen Böhm
Lolo – Anja Herm
Dodo – Tamirys Candido
Jou-Jou – Yuri Tamura
Frou-Frou – Risa Tero
Clo-Clo – Anna Schumacher
Margot — Tanja Probst

Opernchor, Damen des Extrachors und Herren der Ballettcompagnie, Statisterie
Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester

23. März 2017

Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela –
Gustavo Dudamel. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 16, Bereich V, Reihe 2, Platz 18



Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125

(Julianna Di Giacomo – Sopran, Tamara Mumford – Mezzosopran, Joshua Guerrero – Tenor, Soloman Howard – Bass, EuropaChorAkademie)



Dudamel zum Dritten, oder: die Neunte aus luftiger Höhe. Dafür, dass man hier unterm Dach so ziemlich am Ende der preislichen Nahrungskette angekommen ist, hört und sieht man ausgesprochen gut. Der Blick steil nach unten, aufgrund der Trichterform des Saales eher mit dem Rangempfinden in manchem Opernhaus vergleichbar, gewährt nicht allein beste Sicht auf den imposant von der Decke tropfenden Schallpilz, sondern lässt auch das Bühnengeschehen weitgehend frei einsehbar, ohne sich dafür den Hals auskugeln zu müssen. Dennoch werden Ausflüge ins Gebälk bei mir in Zukunft nach Möglichkeit eher selten stattfinden, dafür bin ich einfach zu gern unmittelbar im Geschehen dabei. Von hier oben klingt alles fein und ausgewogen, aber auch ein bisschen distanziert – zumindest für Krawallbrüder wie mich. Spätestens beim Chor sollte einem schon die Birne wegfetzen, sonst kann ich auch daheim die Kalotten entstauben. Aber geschenkt, Lautstärke ist nicht alles, die Neunte ist und bleibt ein besonderes Erlebnis.

Woran Dudamels Handschrift auch heute großen Anteil hat. Zupackend und kontrastreich im ersten und vierten Satz, auf dem Rhythmus-D-Zug durch den zweiten, einzig der überirdisch schöne dritte Satz blieb, trotz betont langsamer, inniger Lesart, relativ wirkungslos. Was auch einigen Störfaktoren in unmittelbarer Nachbarschaft geschuldet sein mag – bräsiges Getuschel, Handygefummel und mehrfaches lautstarkes Umgraben des Handtascheninhaltes helfen jetzt auch nicht direkt, die Konzentration hochzuhalten. Dafür war dann wiederum die behutsamst möglich vollzogene Einführung des Freude-Themas in den tiefen Streichern an unhörbarer Wucht kaum zu übertreffen. Leises klingt in diesem Saal auch hier oben einfach unbeschreiblich beeindruckend. Orchester und Solisten schlugen sich wacker, die vor dem Chor postierten Sänger waren gut zu vernehmen, wenn auch nicht immer textverständlich. Solche Probleme kennt die EuropaChorAkademie natürlich nicht, die Damen und Herren avancierten zu den heimlichen Helden des Abends.

Das Fazit nach dreimal ¡Viva Beethoven!: Dudamel hat's drauf, seine Kollegen aus der Heimat machen ihre Sache gut, können allerdings mit Orchestern der Weltspitze nicht mithalten. Trotzdem bleibt unter dem Strich dreimal Ludwig van mit Schmackes und Gefühl, was bei diesen gleichermaßen geliebten wie ausgenudelten Werken keine Selbstverständlichkeit darstellt. ¡Muchas gracias!

22. März 2017

Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela –
Gustavo Dudamel. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



















Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93



Zweiter Eintrag zur Testreihe Beethoven – und gleich eine akustische Überraschung. Die nahezu identischen Zutaten ergeben auf meinem zweiten Aboplatz, wohlgemerkt von Montag auch nicht viel mehr als einen Hustenbonbonwurf entfernt, ein vollkommen anderes Ergebnis bzw. Hörerlebnis: Der Klang ist durch den geringeren Abstand zur Bühne deutlich direkter, dabei allerdings auch weit weniger homogen. Was noch schwerer wiegt, ist der Umstand, dass diese zusätzliche Nähe die Akustik auch weniger gutmütig erscheinen lässt – oder anders ausgedrückt, den Damen und Herren aus Venezuela weniger schmeichelt. Mängel bei den Hörnern treten zutage, die Streicher erscheinen nicht so voll, alles wirkt etwas unbehauen.

Dabei sagt mir Dudamels Interpretation weiterhin sehr zu. Der erste Satz der Siebten noch am unspektakulärsten, im langsamen zweiten nimmt man sich viel Zeit, um den soghaften Aufbau intensiv zu gestalten. Die beiden schnellen Sätze dann wirklich im Affenzahn. Hier zeigt sich wieder der Unterschied zur Weltspitze in puncto Technik – insbesondere den schnellen Läufen mangelt es des Öfteren an Präzision, der geölte Blitz zieht leichte Fäden. Trotzdem mehr als mitreißend. Die Leute sind schwer begeistert. Kann man auch sein – ein überaus leidenschaftliches Plädoyer für Beethoven. Der Musikwissenschaftler mag mich belächeln, aber Wahnsinn, was allein die Aufteilung der Streicher in der Behandlung des Allegretto-Themas für eine Wirkung entfaltet: Während die Bratschen mit dem Thema beginnen, werden sie von den 2. Violinen begleitet, welche es dann ihrerseits übernehmen, begleitet von den ersten, bis die Melodie schließlich dort in der hoher Lage intoniert erstrahlt – so einfach wie genial.

Bei der Achten bin ich zum ersten Mal nicht ganz auf Dudamels Wellenlänge. Die habe ich seinerzeit unter Zagrosek schon für meine Begriffe interessanter erlebt. Die Interpretation ist keine schlechte, betont aber mehr das elegante, als das bissige Moment, welches der Sinfonie dann eine fast schon ironische Note verleiht. Das Finale gerät in dieser „braven“ Konzeption noch am packendsten – Dudamel hat einfach ein Händchen, rhythmische Spannung aufzubauen und zu entladen, ohne dabei schroff oder vulgär zu sein. Es knallt, aber mit Stil und immer mit dem Blick für die Zusammenhänge.

Letztere, bezogen auf die Faktoren, welche ein Konzerterlebnis als Ganzes prägen und die Akustik bzw. ganz konkret die Platzwahl im Besonderen, lassen mich nach dem Vergleich von heute und Montag doch den Reflex zu klaren Urteilen in Zweifel ziehen. Bleibt die Einordnung eines Dirigates, einer Lesart, ohnehin immer dem eigenen Geschmack und Erfahrungshintergrund verhaftet, ist es doch verblüffend, wie sehr die Platzwahl selbst in einer wunderbaren Halle wie der Elbphilharmonie massiven Einfluss auf die wahrgenommene Qualität eines Klangkörpers hat. Am Montag Champions League, am Mittwoch Bundesliga – mit derselben Mannschaft. An welchem Tag hatte ich nun „Recht“? Am Ende ist das natürlich Mumpitz, erklärt aber vielleicht, warum in den Tagen und Wochen nach der Eröffnung so viel Widersprüchliches (und Stuss) geschrieben wurde. Der objektive Konzertbericht, ein rührendes Stück Utopie – Beethoven kann es wurscht sein.

20. März 2017

Orquesta Sinfónica Simón Bolívar de Venezuela –
Gustavo Dudamel. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



















Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 „Eroica“

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60



Erster Eintrag Forschungsgruppe Elbphilharmonie / Testreihe Beethoven, mit freundlicher Unterstützung durch Gustavo Dudamel und sein Heimatorchester: Ein Komponist, ein Dirigent, ein Klangkörper, drei Konzerte auf drei verschiedenen Plätzen – das sollte doch einiges an Erkenntnissen bringen. Weitere Erkenntnisse über die Akustik des Saales, darüber hinaus bezogen auf die ewige Suche nach „dem“ Beethoven.

Um gleich mal mit meinem persönlichen Glanzstück des Abends einzusteigen: Im Trauermarsch hat es mich förmlich zerlegt – es türmt und trotzt und trifft bis ins Mark. So soll es sein. Auch wenn das Orchester klanglich und technisch nicht mit den Wienern oder Berlinern mithalten kann, holt Dudamel unglaublich viel aus seinen Kollegen heraus. Erster Eindruck erster Satz: relativ gesittet, fast schon gemütlich. Auf keinen Fall radikal oder eckig, eher voll, satt, romantisch. Ausgefuchste Dynamikregelung. Aber doch durchaus energisch im weiteren Verlauf. Der zweite Satz dann eine Welt für sich. Das folgende Scherzo äußerst flott und bissig – größtmöglicher Kontrast zum monumentalen Tableau des Trauermarsches. Das Finale voller dynamischer Kontraste und rhythmischem Feuer. Bei einer Passage (grimmig) geht Dudamel richtig ab, pusht seine Leute spürbar, treibt sie fast schon vor sich her. Unmittelbar darauf wieder ein Kontrast, diesmal im Ausdruck: Dudamels Beethoven ist beileibe nicht nur drängend und ruppig, sondern über weite Strecken eine sehr elegante Angelegenheit. Insgesamt zeichnet den Maestro ein sehr ökonomischer Dirigierstil mit wenigen klaren Schlaglichtern aus. Scharfe Einsätze ja, aber eben auch ganz viel Rundes und Zartes für den Fluss.

Die Akustik auf 13 E ist voll beethoventauglich, auch ohne Posaunen knallt das Blech ordentlich (4 Hörner, 2 Trompeten), ohne penetrant aufzufallen. Die Trompeten bekrönen wunderbar plastisch das Gefüge des ganzen Orchesters. Insgesamt ein sehr druckvoller Klang, bei dem vor allem wieder der satte Bassgrund und die atemberaubende Transparenz begeistern. Das bei anderen Gelegenheiten teilweise wahrgenommene „Streicherproblem“ (Violinen, weniger Bratschen und Bässe, gehen im Tutti bei großer Lautstärke gegenüber den Bläsern tendenziell unter) ist heute absolut nicht spürbar. Sehr, sehr überzeugend. Die Konzentration im Saal gestaltete sich relativ gut, was einigen pianissimo ausgeführten Momenten sehr zugute kam. Das macht richtig Spaß. Auch das Orchester selbst. Alle Soli top, nur einmal minimale Hornunsicherheit. Ach ja, dieser Beethoven klingt übrigens keinen Deut südamerikanisch, er klingt einfach richtig.

Nach der Pause das gleiche Bild. Die dritte Sinfonie ist vielleicht sogar meine Lieblings-Beethoven, aber die vierte hat es auf andere Art in sich. Seltsam modern, gewitzt, tückisch, ich möchte fast sagen schelmisch oder gar verschlagen, noch mehr Musik über Musik bzw. dessen Bausteine. Die Offenbarung hier: der Streicherklang, den Dudamel für den zweiten Satz auspackt – himmlisch seidig! Diese Vierte wartet immer wieder mit Überraschungen auf. Im Scherzo fühle ich mich plötzlich stark an Bruckner erinnert? Scherzo und Finale hätten übrigens teilweise doch etwas mehr Präzision in den schnellen Streicherpassagen vertragen. Dennoch kommt die sehr knackige Lesart gut rüber. Trotzdem kann Dudamel für den gleichen Zyklus gern mit den Berlinern oder vielleicht seinen Freunden aus Los Angeles wiederkommen – „sein“ Beethoven lohnt sich.