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17. Mai 2025

Chicago Symphony Orchestra – Jaap van Zweden.
Elbphilharmonie Hamburg.

Einführung 18:45 Uhr (Marcel Klinke),
20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 6 a-Moll


Eine der packendsten Mahler-Interpretationen seit langem. Vor mehr als zehn Jahren hatte mich Herr van Zweden im Concertgebouw Amsterdam, nicht mit dem danach benannten Orchester, sondern den Radio-Philharmonikern, schon einmal restlos begeistert (Link). Heute fügte er mit Mahlers 6. eine ähnlich intensive Darbietung hinzu. Schrieb ich damals von einem "Energietransfer sondergleichen", so trifft das auf das heutige Gastspiel in der Elphi in kaum steigerungsfähiger Weise zu. Ich kann mich nicht erinnern, diese symphonische Dampfwalze mit ähnlicher oder gar mehr Wucht über mich hinweggefegt erlebt zu haben. Aber es ist nicht allein die Vehemenz, sondern gleichermaßen Klarheit und Finesse, die mich zu dem persönlichen Fazit hinreißen lassen: besser geht es für mich kaum. Daran hat selbstverständlich das Chicago Symphony Orchestra mit seiner Kombination aus technischer Perfektion und spektakulärem Klang (und nicht nur das Blech) seinen Anteil. 

Einziger minimaler Wermutstropfen war, dass sich für mich heute die Frage beantwortet hat, ob mein Lieblingsplatz weiterhin mein Lieblingsplatz ist, und die Antwort ist leider jein. Sicher sind sowohl die objektive Klangpracht als auch Durchhörbarkeit gerade in einem solch stark besetzten Werk hier wohl unerreicht, doch hat sich mein persönlicher Live-Geschmack offenbar doch etwas mehr in Richtung akustischer Überwältigung entwickelt. Das war im groben und ganzen immer schon so – mit gesitteter Berieselung konnte ich noch nie etwas anfangen (und die ist auf diesem Platz auch nie der Fall), aber ich hätte heute tatsächlich gern etwas weiter vorn im hinteren Parkett gesessen, um Hammerschläge und Furor mit noch mehr Schmackes um die Ohren gepfeffert zu bekommen. 

Ob es an veränderten Hörgewohnheiten oder schlichtweg Abstumpfung liegt, kann ich nicht sagen. Es scheint sich nur ein Muster abzuzeichnen, dass mich ja beispielweise bei Mäkeläs Mahler (Link) auf demselben Platz regelrecht ratlos zurückließ – ich glaube, ich habe dem Mann bzw. seiner Interpretation seinerzeit Unrecht getan. Es ist, wie es ist und ich werde mal in mich gehen müssen, um zu entscheiden, ob ich dieses Abo hier oder auf einem anderen Platz die nächsten Jahre fortführen möchte. Luxusprobleme im Akustikparadies. 

5. Oktober 2013

Radio Filharmonisch Orkest – Jaap van Zweden.
Concertgebouw Amsterdam.

14:15 Uhr, Podium Nord, Reihe 13, Platz 14 (nach der Pause: Balkon Nord, Reihe 3, Platz 10)



Nikolai Rimski-Korsakow – Ouvertüre „Russische Ostern“, op. 36
Henri Dutilleux – Correspondances (Barbara Hannigan – Sopran)

(Pause)

Dmitri Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 5



Ein Orchester klingt nur so gut wie sein Saal, so sagt man ja. Was in Hamburg gern als ein Argument für den Bau der Elbphilharmonie aufgegriffen wird, um sie der betagten Dame Laeiszhalle zwecks akustischer Stadtaufwertung an die Seite zu stellen, stellt die noch deutlich ältere holländische Schwester eindrucksvoll unter Beweis. Wohlgemerkt, ich bin ein großer Freund der Laeiszhalle, aber in puncto Hörerlebnis setzt die Amsterdamer Schuhschachtel wahrlich Maßstäbe. Dies wird selbst auf den hinterletzten Plätzen im sichtminimierenden Schatten der Orgel unmittelbar klar, obwohl man sich hier im Rücken des Orchesters einfindet. Transparenz, Klarheit, Fülle, eine angenehme Nachhallzeit – Eigenschaften, die nach dem strategischen Platzwechsel in der Pause zum rechten Balkon vollends ihre Wirkung entfalten. Woran liegt’s? Ich bin leider kein Akustik-Experte, aber es fällt auf, dass es angesichts eines Raumes dieser Größe (vergleichbares Platzangebot wie in der Laeiszhalle) nur einen Rang und somit enorme „Kopffreiheit“ gibt. Das Orchester wiederum drückt sich nicht in der hintersten Ecke herum, sondern ragt mitsamt des Podiums zu Füßen der Orgel relativ weit in den Saal hinein. Keine Ahnung, vielleicht entziehen sich diese Beobachtungen auch jeglicher Relevanz und der Kasten ist einfach mit Old Amsterdam gedämmt. Man – zumindest ich – weiß es nicht.

Aber ich weiß ganz sicher, daß ich wiederkommen werde, wiederkommen muß, um weitere vollendete Konzerte wie dieses zu erleben. Gleich das russische Osternest zu Beginn erweist sich als runde Sache der Güteklasse Fabergé. Bis zur finalen Steigerung entströmt dem Orchester allerlei Feines, Glanzvolles, Mitreißendes und weckt die Lust auf ein wiederholtes Hören. Der Dutilleux im Anschluß hat mich vor allem in seiner Zugänglichkeit überrascht. Subtil, mitunter spröde und fordernd – ganz gewiß. Aber sicher nicht kalt lassend, in seiner verwunschenen Zerbrechlichkeit mir Britten nicht unähnlich – und somit spontan sympathisch. Leider wurde der Nachteil eines Platzes hinter den Interpreten jetzt spätestens bei Frau Hannigan unüberhörbar: Von ihrer bekanntermaßen wunderbaren, irisierenden Stimme erreichte nur ein gedämpftes, indirektes und häufig vom Orchester überdecktes Maß das nördliche Podium. Im Nachhinein betrachtet aber wirklich der einzige Wermutstropfen des Konzerts. Und dann kam Schostakowitsch.

Und wie er kam. Natürlich hätte ich bei meinem Besuch im Concertgebouw gern auch sein weltberühmtes Namensvetterorchester auf der Bühne gewußt, aber ganz ehrlich: Viel besser als Jaap van Zweden mit dem Radio Filharmonisch Orkest kann man ein Pfund wie Schostakowitschs Fünfte nicht unters Volk bringen. Ein Energietransfer sondergleichen, ohne Abstriche auch zapffertig für die Abfüllung auf Tonkonserve geeignet – einfach Stecker rein und gut. Leider gab es an diesem Tag wohl keinen Mitschnitt. Auf ihm hätte sich Beeindruckendes befunden: Sagenhafte Streicher, die gleich ab den ersten Takten Gewissheit darüber herstellen, daß hier Großes auf die Hörerschaft zukommt, kompromisslos in Schönheit und Wucht gleichermaßen. Dazu sattes Blech und edles Holz, welches vor allem auch in den zarten Soli (dritter Satz!) das Herz zum Schmelzen bringt. Ach was ließe sich noch alles an Facetten besingen und Höhepunkten preisen, aber ich belasse es diesmal bei einem knappen, aber nicht minder in Begeisterung gezogenem Fazit: Die Hütte klingt bombig und die Herren und Damen auf dem Podium wußten diesem Umstand eindrucksvoll zu nutzen.