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12. Juni 2016

Peter Grimes – Gabriel Feltz.
Theater Dortmund.

15:00 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 78, nach der Pause Platz 88


Den Kniff kannte ich so auch noch nicht: einfach im Programmheft dem Komponisten ein paar fingierte Aussagen in den Mund legen, um das eigene Regiekonzept gewissermaßen im Konjunktiv absegnen zu lassen. Schon klar, daß das Kurzinterview mit Britten nicht wirklich ernst gemeint und noch weniger zu nehmen ist, doch zeigt es schon, daß sich die Verantwortlichen offenbar selbst im Klaren sind, wie angreifbar ihre Interpretation ist. Dabei sind durchaus gelungene Ansätze und Details zu entdecken, mit dem kleinen Schönheitsfehler, daß leider das große Ganze nicht funktioniert – und das gleich auf mehreren Ebenen. Daß es Tilman Knabe nicht reicht, Peter Grimes als Einzelgänger und Knabenschinder zu porträtieren, sondern aus ihm gleich mal einen pädophilen Serienmörder macht, wäre dabei noch nicht einmal so schlimm, wie es sich provokanzbemüht anhört. Das Hauptproblem bei dieser Idee stellt – wie bei eigentlich allen übrigen des Regieteams – weniger das „Was“, als vielmehr das „Wie“ dar, denn auf letzteres scheint es in dieser Produktion nur eine Antwort zu geben: Von allem zuviel.

Willkommen in Asi-Town, einem kleinen Fischerdorf irgendwo an der Steilküste sozialer Norm nach der unwiederbringlichen Landnahme durch die stetig peitschende Brandung der Sittenlosigkeit. Fast könnte man meinen, einer mit aller Liebe zum Detail umgesetzten Bühnenfassung von „Mitten im Leben“ oder ähnlichen Perlen privatsenderlicher Menschenverachtung beizuwohnen. Hier wird pausenlos geraucht, gesoffen und geprügelt, die Klamotten sind so betont auf Konsumismus-Bodensatz abgestimmt, dass sich die zwei Nichten-Nutten optisch richtig anstrengen müssen, um überhaupt in puncto Vulgarität und billigem Auftreten noch halbwegs herauszustechen. Der Begriff Nichten-Nutte ist vielleicht nicht die feine englische Art, nicht gerade subtil gewählt, aber wenn diese Inszenierung eines NICHT ist, dann subtil. Gleich im Gerichts-Prolog geht es los mit einem hoffnungslosen Overacting, das erst irritiert und auf die Dauer einfach nur nervt. Jeder ist hier im Nu von Null auf Hundert. Aber noch mal hübsch der Reihe nach. Was genau ich mit dem „Zuviel“ meine, lässt sich in drei Teilbereiche einsortieren:

Ich bin ja ein großer Freund individueller Personenregie und hätte nie gedacht, dass sich deren Einsatz bei einer Überdosierung, wie sie heute verabreicht wurde, derart störend auswirken könnte. Einerseits gilt mein Respekt den Verantwortlichen, die offenbar davon getrieben sind, den handelnden Personen, insbesondere auch dem Chor, sinnvolle und somit glaubhafte Tätigkeiten auf den Leib zu inszenieren (Gelungenes Beispiel: Grimes nimmt während eines Dialoges Fische aus). Eigentlich genau das richtige Prinzip, um unmotivierte Rampensteherei zu vermeiden und Authentizität zu stützen. In Dortmund wird der Bogen allerdings in schöner Regelmäßigkeit überspannt, so daß vor lauter Gewusel und Nebensächlichem die eigentliche Handlung überdeckt wird.

Zwei Beispiele: Als Ellen gegenüber den anderen Dorfbewohnern für Peter einsteht, wird sie von der wild gestikulierenden Meute regelrecht zugestellt, so daß ihr Apell, immerhin eine Schlüsselszene, visuell, aber vor allem auch akustisch verpufft. Noch unnötiger: wie sich Mrs. Sedley in plattester Agenten-Parodie stetig neue „Deckung“ (Gartenstuhl?!) sucht, um das Gespräch zwischen Ellen und Balstrode zu bespitzeln – dessen Inhalt durch diese Slapstick-Einlage fast zur Nebensache gerät. Ja, Mrs. Sedley steht auf Krimis, schon klar, was die Idee hinter dieser Nummer war, aber nö – einfach die Dame an der Ecke stehen und lauschen lassen – fertig. Wie gesagt, es gibt auch durchaus andere Momente, in denen die Inszenierung ihre Überfrachtung durchbricht und stimmige, wirklich lebensnahe Szenen kreiert, etwa wenn sich das schmerzlich-himmlische Quartett der Frauen über das Wesen der Männer entspinnt, genau nachdem Boles eine der Nichten geschlagen hat.

Das zweite „Zuviel“ leitet sich gewissermaßen aus dem ersten ab und betrifft das schon angesprochene Overacting. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass man beispielsweise für die musikalische Entladung heftigster Energien in den Chorszenen auch szenisch eine Entsprechung gesucht hat. Ob jedoch die erlebte Form der Mob-Karikatur ein wirkungsvolles Mittel darstellt, wage ich zu bezweifeln. Die Fackeln, die gelynchte Sündenbockpuppe, die Bluthände – ich hab nur noch die Mistgabeln vermisst, wie sie in keiner Frankenstein-Verfilmung fehlen dürfen. Tötet das Monster! Auch hier: ja, kann man so machen – wenn man auf Holzhammer-Umsetzungen steht. Die Menschen reagieren wie Vieh, ok, hab ich verstanden. Hätte man ohne Bluthände und mega shocking im Hintergrund drapierte, kopulierende Statisten allerdings wohl auch. Ui, die ficken da! Tilman Knabes Dörfler sind aber auch Schlingel. Der Pastor macht sich gleich nach dem Gottesdienst ein Bier auf, in der Kneipe startet man in bester Bud Spencer-Manier aus dem Nichts eine Massenkeilerei, jeder begrapscht unentwegt die Nichten, die pausenlos Geld einsacken und bei Auntie abdrücken, damit man auch ja nicht vergisst, welcher Profession die beiden nachgehen, Peter scheuert Ellen nach ihrem Disput nicht nur eine, nein, er tritt ihr auch gleich mal mit Anlauf in den Bauch, kurz: alles Menschenmüll.

Womit wir bei Punkt drei des heutigen Scheiterns der Prämisse „viel hilft viel“ wären, dem inhaltlichen Versagen der Inszenierung. Mit der Charakterisierung der Dorfgemeinschaft als ein Haufen zügelloser Proleten beraubt man das Stück seiner Fallhöhe, die gerade darin liegt, dass Misstrauen, Vorverurteilung und schließlich Hetze von ganz normalen, braven Bürgern ausgehen können. Natürlich hat das auch ganz viel mit ländlichen sozialen Strukturen zu tun, mit Enge und Engstirnigkeit, aber wer wie hier einfach nur die Dorfdeppkarte ausspielt, macht es sich viel zu leicht. Ausgrenzung, unterlassene Hilfeleistung, Sündenbockmechanismen sind Themen, die uns alle angehen – die hier porträtierte Gesellschaft geht mich gar nichts an. Ist ja logisch, dass es unter diesen Umständen so kommt, kommen musste. Abschaum gebiert Abschaum. Diese Inszenierung berührt nicht, lädt eher dazu ein, mit einer Mischung aus Ekel und Selbstgefälligkeit zu gaffen, anstatt zu reflektieren. Ein Unfall, bei dem man nicht wegsehen kann. Wie schön, dass sowas bei uns nicht vorkommt – Thema verfehlt, würde ich sagen. Daß die Bewohner keine Heiligen sind, wird an vielen Punkten des Librettos deutlich, spätestens das nächtliche Treiben zeigt die Bigotterie der frommen Kirchgänger. Bei Knabe geht diese Ambivalenz im asozialen Grundrauschen einfach unter.

Bliebe da noch Peter Grimes selbst. Wahrscheinlich dachte man auch hier, bei all dem präsentierten Ranz und Siff eine Schippe drauflegen zu müssen, um die Außenseiterexistenz der Titelfigur dem reißerischen Ganzen anzupassen. Die Brücke von der Gewalt an Kindern zum Kindesmißbrauch zu schlagen, ist aus meiner Sicht ebenso überflüssig wie inhaltlich bemüht, hätte jedoch durchaus funktionieren können – sofern es der Regie eingefallen wäre, sich nicht allein in plumper Effekthascherei zu ergehen. Tiefpunkt der Plattheit: Während der Sturmszene bestritt ein Grimes-Double die Wirtschaft und entblößt seinen Missetäterleib: Ein blutiges „Pädo“ in die Brust geritzt, auf dem Rücken der Aufruf „Kill him“. Seufz. Warum dann nicht gleich noch Zwischentitel wie beim Stummfilm: „Dieser Mann ist eine Gefahr für sich und andere aber niemand kann oder will es sehen!“ Für wie beschränkt hält das Regieteam seine Zuschauer, dass es zu einem solchen Wink mit dem Zaunpfahl ausholt?

Ganz zerfahren wird die Sache dann nach der Pause, wenn wir in Grimes Hütte Zeuge des Ergebnisses seiner Wildbretbehandlung werden, die er dem Lehrjungen bereits hat angedeihen lassen. Kunstblut im Sonderangebot, alles muss raus! Abgesehen davon, dass die Szene in ihrer übertriebenen Machart eher Kopfschütteln als Gänsehaut verursacht, ergibt sich daraus gleich das nächste Problem: Der Bursche ist also schon tot, folgerichtig sind Grimes Worte an ihn lediglich Ausdruck eines bereits vollends verwirrten Geistes. Ganz anders als im Stück angelegt, wo nach dem noch so hoffnungsvollen „In dreams I ’ve build myself some kindlier home“, Grimes von den Erinnerungen an den ersten toten Jungen heimgesucht wird und die Stimmung kippt. Hier und heute sehe ich nur einen armen Irren, Identifikation Fehlanzeige. Blöd auch, dass die eigentliche Tragik der Szene, welche Grimes erst durch die nahenden Dorfbewohner derart in Brass geraten und den Absturz des Jungen verschulden lässt, so natürlich komplett abhandenkommt. Er lässt die Leiche verschwinden (wozu übrigens dann noch der Schrei?), die Häscher sind zu doof, Ned Keene deckt Grimes – was auch immer.

Hatte ich nicht eingangs irgendwas von gelungenen Ansätzen und Details fabuliert? Ja, die gab es tatsächlich. Die Konsequenz und Mannigfaltigkeit, mit der diese – leider fehlinterpretierte – Dorfgemeinschaft gezeichnet wird, sucht Ihresgleichen. Bühnenbild, Ausstattung, Kostüme, alles atmet glaubhaft und allumfassend Trostlosigkeit, Rohheit, eine verlorene Gesellschaft. Seefahrerromantik hat hier folgerichtig keinen Platz. Das Meer als solches ward nicht gesehen, verborgen hinter dem kalten Beton der Kaianlagen, deren soziales Zentrum ein schäbiger Kiosk darstellt, links die elende Spelunke. Plastikgartenstühle, Maschendrahtzaun, Unrat, Verfall. Sehr eindringlich dann in diesem Zusammenhang auch das Bild, als Peter die Leiche des Jungen auf einer Müllhalde entsorgt. Von der Intensität gerät der Schluss der Inszenierung generell am stärksten. Wenig Platz für Ablenkung, alles fokussiert sich auf Grimes Schicksal und seine Freunde, die ihn fallen lassen. Einziger Wermutstropfen hier: Durch den unsinnige Regieeinfall, der zuvor Balstrode Ellen küssen lässt, bekommt dessen Motivation ein unnötiges Kalkül. Überhaupt bizarr der Transfer, dass in diesem sozialen Milieu ein Motorradrocker als „Respektsperson“ herhalten muss.

Die Sea Interludes mit Traumsequenzen zu koppeln, ist nicht ganz doof, unterstreicht dies doch die seelisch-psychologische Komponente jener nicht allein als Naturillustrationen zu verstehenden Zwischenspiele. Grimes’ Ringen mit seiner düsteren Seite, Ellens Utopie einer glücklichen Ehe, da hat sich das Team durchaus plausible Bilder einfallen lassen, sieht man einmal vom möchtegern-schockierenden buchstäblichen Leichenschmaus in Eyes-Wide-Shut-Abklatsch-Optik ab. Gelungen dann noch das Schlussbild. Der tote Grimes auf leerer Bühne, der Dörfler-Chor kommentiert lapidar aus dem Zuschauerraum, postiert auf der Galerie, Seegeräusche sind zu hören, dann abrupt Stille.

Ich würde gern über die musikalische Wirkung mal wieder ähnlich ausführlich werden, wie zu szenischen Aspekten, leider gab der Abend in dieser Hinsicht nicht viel mehr her als Standardware. Das Ensemble war in Ordnung, der Sänger der Titelrolle trotz erkennbarer Bemühung um Lyrik (z.B. Plejaden-Monolog) wie so oft Welten von dem entfernt, was die Partie auszulösen imstande ist. Tut mir leid, eine derart harmlose, farblose Stimme kann den gebührenden Anspruch an Ausdruck einfach nicht leisten, da hilft es wenig, dass sehr wohl einiges in eine intensive Darstellung investiert wurde. Musikalisch unkaputtbar in ihrer Wucht sind auch dieses Mal die Massenchorszenen, in denen sich der Dirigent mit knackiger Handschrift und zügigen Tempi um eine energiegeladene Umsetzung verdient gemacht hat. Das Orchester klingt gut, Wunderdinge sind allerdings keine zu vernehmen. Hier und da wurde der Bogen mitunter etwas überspannt, der ein oder andere hektische, zerfahrene Moment war die Folge. Alles in allem eine solide Leistung.

Was nimmt man aus einem solchen Abend mit? Das Hadern über eine vertane Chance? Das Wissen um die Qualität eines Werkes, das dem Durchschnitt trotzt? Die Absicht, bei Herzenzangelegenheiten in Zukunft doch lieber auf den Faktor Überraschung zu verzichten und auf bewährte Kräfte und Häuser zu bauen? Wahrscheinlich von all dem ein bißchen, aber so ist das nun einmal mit Segen und Fluch des lebendigen Musiktheaters: Hoffnung ersetzt Gewißheit, das Sehnen nach der Einlösung der Möglichkeit des Unwahrscheinlichen wiegt mehr als jede mögliche Enttäuschung. Irgendwie ist das ein bißchen das Thema von Peter Grimes selbst, vielleicht werde ich auch aus diesem Grund nie müde, es wieder und wieder gerade mit dieser zarten Skizze einer uneinlösbaren Utopie zu versuchen.


Peter Grimes – Benjamin Britten
Musikalische Leitung – Gabriel Feltz
Regie – Tilman Knabe
Bühne – Annika Haller
Kostüme – Eva-Mareike Uhlig
Chor – Manuel Pujol
Licht – Florian Franzen
Dramaturgie – Georg Holzer

Peter Grimes, Fischer – Peter Marsh
Ellen Orford, Lehrerin – Emily Newton
Balstrode, Kapitän – Sangmin Lee
Auntie, Wirtin – Judith Christ
Erste Nichte – Tamara Weimerich
Zweite Nichte – Ashley Thouret
Bob Boles, Fischer und Methodist – Fritz Steinbacher
Swallow, Bürgermeister und Richter – Karl-Heinz Lehner
Mrs. Sedley, eine Witwe – Martina Dike
Rev. Horace Adams, Pfarrer – Ks. Hannes Brock
Ned Keene, Apotheker – Morgan Moody
Hobson, Fuhrmann – Thomas Günzler
John, Grimes’ Lehrling – Simon Daiber
Dr. Crabbe – Hans-Peter Frings
Fischer, Bürger – Hitomi Breitzmann, Hans Werner Bramer, Gerontiy Chernyshev, Hiroyuki Inoue, Johannes Knecht, Henry Lankester, Ian Sidden

Opernchor des Theaters Dortmund
Extrachor des Theaters Dortmund
Statisterie des Theaters Dortmund
Dortmunder Philharmoniker

7. November 2015

Peter Grimes – Markus Poschner.
Theater Bremen.

19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 13
















Das Theater Bremen nimmt durch eine Reihe musikalischer wie inszenatorischer Ausnahmeleistungen in den letzten Jahren bei mir einen besonderen Stellenwert ein – heute mußte ich allerdings schweren Herzens zur Kenntnis nehmen, daß jede Serie einmal ihr Ende findet. Dieser Peter Grimes ist nicht meiner, und das hat gleich mehrere Gründe.

Die Inszenierung ist beileibe keine unreflektierte, geschweige denn uninteressante, jedoch nimmt die Regie mit ihrer Sicht auf Grimes eine Interpretation des Titelcharakters vor, die zum einen eine sehr einseitige Lesart der Geschehnisse nach sich zieht und dadurch die Tragik der Ereignisse für mich eher simplifiziert. Das Konzept, nachdem die Handlung als verzerrte Wahrnehmung Grimes’ gedeutet wird, der als sensibler, träumerischer Außenseiter keinen Zugang zu den Konventionen der ihn umgebenden Gesellschaft findet, wird zwar stimmig und konsequent verfolgt, unterschlägt jedoch gerade die Ambivalenz, die den Fischer in Brittens Werk auszeichnet.

Die Frage nach Ursache und Wirkung drängt sich auf. Was hat Grimes so verbittert, so schroff und abweisend werden lassen, wo er doch untrüglich auch eine andere Seite besitzt, wie man in den berührenden Szenen seines philosophischen Monologs in der sturmumtosten Kneipe („Now the Great Bear and Pleiades ...“) oder seiner von lieblicher Musik umspielten Vision eines Familienlebens („In dreams I’ve built myself some kindlier home ...“) erfährt? Diesen Charakter allein auf die Facette „Träumer“ zu reduzieren, birgt die Gefahr, den Begriff – wenn man gemein ist – auch einfach durch „Spinner“ ersetzen zu können. „Selbst schuld“ könnte man kalt resümieren – war ja klar, daß so jemand nicht mit der harten Realität seines Umfelds klarkommt. Der „Ausweg“ des Selbstmords ist hier selbst gewählt, Balstrodes „Ratschlag“ kommt aus Grimes’ Munde, weder Ellen noch der Kapitän sind anwesend, als Peter diese Entscheidung für sich trifft.

Ist es nicht ungleich erschütternder, dem Scheitern eines Mannes beizuwohnen, der eigentlich Kraft seiner zupackenden, stoischen Art geradezu prädestiniert für den (wirtschaftlichen) Erfolg in dieser rauen Wirklichkeit der Menschen am Meer gewesen sein müsste? Der eigentlich der größte Fischer von allen hätte sein können, ja hätte man ihn gelassen, wäre er gerade wegen seiner Ambivalenz nicht auf solche Ablehnung bei den schlichten, braven Bürgern gestoßen. Grimes geht nicht zimperlich mit seinen Lehrjungen um, soviel steht fest. Man könnte ihn wohl einen Choleriker nennen, in jedem Fall einen von Ungeduld getriebenen. Vielleicht nicht die ideale Fürsorgeperson. Die genauen Todesumstände des ersten Lehrjungen bleiben im Dunkel, wahrscheinlich hat er ihm zuviel zugemutet.

Die eigentliche Tragik speist sich jedoch aus der Reaktion der Gemeinschaft, die viel mehr an seinem Scheitern, seiner Verfehlung interessiert ist, als dem Hilfebedürftigen – wie es sich doch für barmherzige Christenmenschen gehört – die Hand zu reichen, um zukünftiges Unheil abzuwenden. Die versagte Hilfe der Dorfbewohner beim Festmachen des Bootes gleich zu Beginn des ersten Aktes zeigt dies unmißverständlich. Versagte Hilfe. Zudem Versagen der Helfenden. Auch hier geht es nicht um einfache Mechanismen der Schuld oder Schuldzuweisungen. Ellen und Balstrode sind ebenso wahre Freunde, wie auch sie unter dem gesellschaftlichen Druck letztlich scheitern, den Freund fallen lassen.

Was kann es Schlimmeres geben als die Entwicklung des von beiden unisono postulierten „We shall be there with him“ zur Aufforderung Balstrodes in Anwesenheit Ellens, sich mit dem Boot selbst zu versenken? Er hätte auch noch ein „Es ist so für alle das Beste“ ergänzen können, der Gedanke wird seinen „guten Rat“ geleitet haben. Daß sich all dies nur im Kopf eines sich ausgestoßen Fühlenden abgespielt haben soll, nimmt meiner Ansicht nach eine Menge von der Wucht und Brisanz der ganzen Verkettung. Tragisch ist auch diese Version, ohne Zweifel, aber die Frage danach, welche Wechselwirkung zwischen Gesellschaft, besser noch einer (vorgeblichen) Gemeinschaft und einem Individuum herrscht, welches eben nicht völlig außer ihr, sondern nur einen Schritt zu weit von ihr entfernt steht, erscheinen mir ungleich mehr Material zum Nachdenken zu bieten als die traurige Geschichte „Peter Grimes kommt nicht klar“.

Doch auch wenn ich gewillt wäre, mich auf diese Interpretation der Regie einzulassen, funktioniert die Inszenierung für mich nur bedingt. Es gibt starke Bilder, wie das auf dem Wasser treibende, provisorische Haus als Ausdruck für Peters halt- und hilflosen Seelenzustand. Eine fragile Verbindung zum Ideal des „Home“, dessen letzter Rest schließlich auch von den Flammen verschlungen wird, ihn vollends entwurzelt zurücklässt. Gleichzeitig beraubt jene Fixierung auf dieses eine, wenn auch variantenreich eingesetzte Ausstattungsmerkmal das Bühnenbild mehr oder weniger seiner strukturierenden, gliedernden Funktion der einzelnen Orte und Stimmungen der Handlung – eine gewisse Monotonie macht sich breit, wo doch gerade diese Oper auch von den Kontrastwirkungen der Szenenfolge lebt, die häufig mit den musikalischen Kontrasten einhergehen.

Aber auch innerhalb einer Episode wie den Geschehnissen in der Kneipe während des Sturms hätte ich mir insgesamt einfach mehr szenisches Handwerk gewünscht. Die äußere Bedrohung durch das Unwetter, das Ablenkung und Zerstreuung suchende Treiben der Dorfbewohner, der darin fast entrückt anmutende Auftritt Grimes’ – all die Feinheiten und Reibungen gehen in der Abstraktion dieser Inszenierung nahezu unter, die ihr Hauptaugenmerk auf die Visualisierung der grotesk verzerrten Wahrnehmung des Protagonisten legt.

Auch hier bleibe ich dabei: das wirklich Groteske speist sich weniger aus einem fratzenhaften, albtraumhaften Auftreten der Dorfbewohner, als vielmehr aus den Gedanken, Worten und Taten, die den braven Hirnen, frommen Mündern und rechtschaffenen Händen dieser durch und durch normalen, einfachen Leute entstammen. Kein Spuk, kein Voodoo, kein böser Zauber, sondern der gute alte Dorftratsch und das ewig verlockende Prinzip des Sündenbocks, der die eigenen großen und kleinen Schwächen zumindest für den Moment zu verscharren vermag.

Und ja, die karikaturhafte Zeichnung der Meute und Solisten, ihre Untoten gleich geschminkten Gesichter, ihre exaltierten Gesten, sind innerhalb des beschriebenen Konzeptes ebenfalls plausibel, nur evozieren sie neben dem Eindruck des Unwirklichen, Unbehaglichen oft auch einfach nur Momente (unfreiwilliger?) Komik. Albträume sind oft rätselhaft, bizarr – Der Albtraum, den Peter Grimes meiner Ansicht nach durchlebt, zieht seinen Schrecken aus der stumpfen, kalten Normalität eines unbarmherzigen Gefüges. Wobei es natürlich durchaus Aufgabe der Regie sein muß, Inhaltliches in Bildern, als Interpretation oder auch Kommentar zu behandeln. Am Ende liegt es nun mal immer auch an einem selbst, ob und wie ein gewähltes Mittel Wirkung zeigt. Während sich die Stimmen der vier Frauen zu ihrem engelhaft wehmütigen Gesang über das Wesen der Männer vereinen, sehen wir, wie sich in der oberen Kammer des Hauses die vier Abbilder des/der Schiffsjungen gegenseitig erwürgen. Natürlich ist davon bei Slater und Britten nichts zu finden, trotzdem trifft es für mich den Kern dieser Szene.

Abgesehen davon, welchen Anteil die Inszenierung an meiner unerwartet reservierten Reaktion auf diese Produktion hatte, steht außer Frage, daß ich auch musikalisch heute nur bedingt angefasst wurde – ein Umstand, der mich angesichts der Verehrung und tief empfundenen Nähe, die seit jeher mein Verhältnis zu diesem Werk bestimmen, dieses Mal etwas ratlos zurückgelassen hat. Sicher ist ein Faktor dafür in der Besetzung der Titelfigur zu finden. Chris Lysack verfügt zwar technisch über jene Lyrik, die gerade in den zerbrechlichen Schlüsselstellen der Partie unabdingbar ist, berührt mich stimmcharakterlich allerdings leider nicht im Geringsten. Ich erkenne die Noten wieder, das Stück jedoch nicht. Besondere krass und frustrierend im letzten Monolog Grimes’, der mich jedesmal aufs Neue ins Mark trifft – und heute rein gar nichts in mir auslöste. Kein Mitgefühl, keine Trauer, keine Verzweiflung – nur Leere, Hohlheit. Ich möchte Herrn Lysack nicht absprechen, ein guter, vielleicht auch sehr guter Sänger zu sein, den Nachweis zur Eignung als (Stimm)Charakterdarsteller ist er heute zumindest in dieser Rolle schuldig geblieben.

Dabei bot die übrige Besetzung ein vielversprechendes Fundament – wenn ich jemanden besonders hervorheben müsste, dann wahrscheinlich Jason Cox, der als schmierig-hinterlistiger Ned Keene vor allem darstellerisch für pointierte Momente sorgte, und Loren Lang in der Rolle des Kapitäns. Jener verpasste zwar seinen Einsatz beim „We live and let live“, strahlte ansonsten aber stimmlich die Autorität aus, wie sie von dem alten Seebären ausgehen sollte. Wirklich getragen wurde der Abend hingegen von der beherzten Leistung des Chores, der als Kollektiv den heimlichen Hauptdarsteller stellte.

Von Markus Poschner halte ich eine Menge. Seit seiner Lady Macbeth an der Komischen Oper 2007, die den Begriff Raserei quasi neu definierte, durfte ich in Bremen bei Rosenkavalier und Mahagonny unter seiner Stabführung jeweils in jeder Hinsicht Vollendetem beiwohnen. Diesmal sprang der Funke leider nicht so über, obwohl es an Orchesterleistung und Dirigat insgesamt kaum etwas auszusetzen gab. Die Bremer Philharmoniker besitzen einen wirklich farb- und facettenreichen Klang und ihr GMD weiß diesen auch einzusetzen. Vielleicht stand mir heute einfach zu viel im Weg, um mich auf die Musik einlassen zu können.

Fazit: Wenn Herzensangelegenheiten nicht zu Herzen gehen, ist das dumm gelaufen. Objektiv gesehen war der Abend sicher nicht so schlecht, wie ich hier vermittelt habe – aber Objektivität ist nun mal nicht mein Thema. Ein vertaner Abend war es in keinem Fall, und wenn an seinem Ende lediglich aufs Neue die Erkenntnis steht, welch vielschichtiges Wunder Britten mit dieser Oper doch gelungen ist.


Benjamin Britten – Peter Grimes
Musikalische Leitung – Markus Poschner
Regie – Marco Štorman
Bühne – Dominik Steinmann / Anna Rudolph
Kostüme – Sara Schwartz
Musik – Daniel Mayr
Licht – Chris Moos
Dramaturgie – Laura Schmidt

Peter Grimes, ein Fischer – Chris Lysack
John, Grimes’ Lehrjunge – Jakob von Borries, Arne Duprée, Jakob Schade, Ben Wiese
Ellen Orford, eine verwitwete Lehrerin – Patricia Andress
Balstrode, ein pensionierter Kapitän – Loren Lang
Auntie, eine Wirtin – Nathalie Mittelbach
Erste Nichte – Iryna Dziashko
Zweite Nichte – Francisca Prudencio
Bob Boles, Methodist und Dorfprediger – Christian-Andreas Engelhardt
Swallow, Bürgermeister und Rechtsanwalt – Patrick Zielke
Mrs. Sedley, wohlhabende Witwe – Melody Wilson
Horace Adams, Pfarrer – Luis Olivares Sandoval
Ned Keene, Apotheker und Quacksalber – Jason Cox
Hobson, ein Fuhrmann – Christoph Heinrich
Dr. Crabbe – Allan Parkes

Chor des Theater Bremen
Bremer Philharmoniker

9. Februar 2013

Peter Grimes – Donald Runnicles.
Deutsche Oper Berlin.

19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 4, Platz 22



Habe mir gerade eine BBC Produktion der Oper aus dem Jahre 1969 angesehen, unter Brittens Dirigat, mit Peter Pears als Grimes. Was soll ich sagen. Auch wenn manches Detail der Ausstattung und der Personenführung vielleicht aus heutiger Sicht etwas hölzern anmuten mag, ist der Mitschnitt doch ein unsagbar anrührendes Dokument dafür, was sich in Ton und Wort an menschlichem Abgrund, aber auch tief empfundenem Mitgefühl ausdrücken läßt. Allzu Menschliches anklagend, gleichsam an die Menschlichkeit appellierend. Grimes Ende und der Schluß der Oper lassen mich jedesmal aufs Neue zerschmettert zurück. Am Ende einer Reihe irrlichternder Fetzen seines dem Wahn entgegen taumelnden Geistes, Splitter seiner Erinnerung, die Grimes auf der Flucht vor der Meute umtreiben, gehört sein letzter Gedanke wiederum Ellen, wenn auch die Zuversicht in ihm erloschen scheint:

What harbour shelters peace
Away from tidal waves
Away from storms!
What harbour can embrace
Terrors and tragedies?
Her breast is harbour too –
Where night is turned to day.

Es fehlen die Zeilen aus dem ersten Akt, als er voller Hoffnung sang:„With her there’ll be no quarrels, With her the mood will stay, A harbour evermore, Where night is turned to day.“

Vollends niederdrückend dann der Moment, in dem sich die einzigen Freunde von Grimes abwenden, Balstrode ihm kühl den Selbstmord als einzigen „Ausweg“ weist. Er hätte noch hinzufügen können, daß es so für alle das Beste sei. Für alle? Den Seelenfrieden der Gemeinde? Den ungestörten Fortgang des Alltags? Grimes scheitert an dem Versuch, ein Teil dieses bürgerlichen Alltags zu werden. Obwohl ihm Ellens Herz von Beginn an gehört, will er kein rein privates Glück, er will sichtbar über den Mob und sein Getratsche triumphieren, es vor den Augen der ihm verhaßten Gesellschaft zu etwas bringen – nach ihren Maßstäben, wohlgemerkt. Erst danach sieht er sich legitimiert, Ellen heiraten zu dürfen. Doch dazu wird es nicht kommen. Sein Eifer, seine Unbarmherzigkeit und seine inneren Dämonen bringen ihn zu Fall.

Warum diese lange Vorrede, wo ich doch über meinen Besuch der aktuellen Produktion an der Bismarckstraße berichten wollte? Nun ja, gerade jene Eindrücke dort haben in mir den Drang ausgelöst, mich auch über den Abend hinaus wieder mit dem Stoff zu beschäftigen, der seither in meinem Kopf herumgeistert. Wobei Peter Grimes zum ersten gehörte, das den Grundstein für meine bedingungslose Liebe für den Komponisten aus Lowestoft legte, um genau zu sein begann sie mit den Sea Interludes und der Passacaglia, die mir bis heute zum Teuersten gehören.

Die Inszenierung an der Deutschen Oper stellte den dritten Versuch dar, diese großartige Oper live auf der Bühne zu erleben. Versuch, weil die beiden ersten Begegnungen aus verschiedenen Gründen nicht unbedingt von Erfolg gekrönt waren. In Dresden ließ ich vor Jahren einmal eine unsägliche Inszenierung über mich ergehen, die „ungesehene“ Einfälle wie das Verschütten unzähliger Plastikwasserflaschen als Sturmmetapher und ähnliche Genialitäten bereithielt, welche den Gehalt des großen Werkes auf läppisches Musicalmaß stutzten. Bei der Produktion in Bielefeld vor etwa einem Jahr (Link) gab es zwar starke Momente der Regie, insgesamt aber musikalische Schonkost.

Nun also Berlin. Runnicles schlägt insbesondere im ersten Akt eine extrem laute Grunddynamik an, vor allem die Chöre sind zum Teil brutal. Hier und da mögen mit dieser Herangehensweise zwar Feinheiten untergehen, insgesamt betont der Zugang jedoch das schroffe, unberechenbare Moment des harten Küstenlebens – gerade auch im Angesicht des aufziehenden Sturmes – und bietet packende Steigerungen von elementarer Wucht. Man kann jedoch durchaus darüber streiten, ob Runnicles manchmal den Bogen etwas überspannt und seiner Überfalltaktik mit gezielt gesetzten Abstufungen etwas weniger „Hammer“, dafür etwas mehr „Sog“ hätte beibringen können. Das Orchester folgt all dem ohne Fehl und Tadel, auch das stark beanspruchte Blech zeigt sich gut aufgelegt.

Christopher Ventris gibt stimmlich wie szenisch einen intensiven Peter Grimes. Fraglos bleibt sein Vortrag für mich im Schatten der Leistung von Peter Pears – aber wessen Darbietung bliebe das nicht? Um ganz ehrlich zu sein, bin ich bezüglich der Tenorpartien bei Britten einfach befangen – gewissermaßen für das Liveerlebnis versaut durch die Einspielungen mit Pears und Britten selbst. Dabei läßt sich als Objektivum sicher festhalten, daß es generell kaum Tenöre gab und gibt, die an Pears’ geradezu hypnotischen Ausdruck in Passagen zerbrechlichster Lyrik heranreichen, sein wehmütiges Flehen, ein Vortrag äußerster Verletzlichkeit, gepaart mit etwas absolut Reinem, Unschuldigem, gleichsam Flüchtigem, stetig um Auslöschung Befürchtbarem.

Stark subjektiv geprägt ist auf der anderen Seite ohne Zweifel die Bewertung seiner Stimme an sich. Ich kann durchaus nachvollziehen, daß es Gesangsliebhaber gibt, die sich am mitunter etwas weinerlichen, „sauertöpfischen“ Charakter des Tenors stören und strahlend reine, heldischere Vertreter bevorzugen. Ich für meinen Teil konnte jedoch am eigenen Ohr feststellen, daß mir beispielsweise ein bloß schön und lyrisch gesungener Aschenbach rein gar nichts gibt. Am Ende geht es eben doch nicht ums Singen, wenn es ans Eingemachte geht. Ventris besitzt eine schöne, kräftige, strahlende, farbenreiche Stimme. Die neuralgischen Punkte der Partie, die mit größter Zartheit vorzutragenden Passagen, wie das „Now the Great Bear and Pleiades“ des ersten oder der bereits angesprochene letzte Monolog Grimes im dritten Akt, lassen ihn zweifellos an seine stimmlichen Grenzen stoßen. Dennoch „funktioniert“ seine Interpretation dieser sensiblen Seelenschau-Momente Grimes’ überraschend gut – auch weil er der Rolle durch seine Bühnenpräsenz Glaubhaftigkeit einzuflößen vermag.

Besonders gut gefallen hat mir Markus Brück als Balstrode. Der Mann hat wirklich eine tolle Entwicklung an diesem Haus genommen. Sein Bariton ist sowohl vom Volumen her, aber vor allem auch bezüglich des Wohlklangs, eine absolute Bank. Mit Michaela Kaune tue ich mich weiterhin schwer. Am Ausdruck liegt es wohl nicht, aber ich höre da immer wieder ein Timbre, das mir einfach nicht so zusagt. Trotzdem sind ihr Sensibilität und Präsenz nicht abzusprechen. Generell ist das Ensemble stark besetzt, Albert Pesendorfer als Hobson beispielsweise sorgt in dieser vergleichsweise kleinen Rolle für stimmlich wirklich beeindruckende Momente.

Die Produktion kommt bezüglich Bühnenbild und Ausstattung erst einmal in recht naturalistischem, dabei relativ reduziertem Gewand daher, dieser klassische Eindruck wird jedoch durch einen betont artifiziellen Gestenkatalog immer wieder aufgebrochen, der anfangs etwas befremdet. Vor allem Auntie und ihre Nichten sorgen in ihren Auftritten für bizarre Momente. Sind die beiden Nichten als unwirkliche, puppenhafte Zwillinge in Schuluniform angelegt, die seltsam mechanische, häufig repetitive Bewegungen ausführen, tritt Auntie als skurrile Drahtzieherin im Hosenanzug, geradezu dandyhaft mit Gehstock auf, die ihre Püppchen an unsichtbaren Fäden zu führen und auch sonst nicht ohne Einfluss auf das Wohl und Wehe der Gemeinschaft zu sein scheint.

Überhaupt ist die Charakterzeichnung der einzelnen Protagonisten durch Kostümierung und Habitus jeweils sehr scharf umrissen. Der Lebemann und Witwentröster Ned Keene mit keck in die Stirn gelegtem Hut, der paranoide Prediger Bowles in seinem versifften Mantel, der trotz eines fehlenden Armes enorme Würde ausstrahlende pensionierte Kapitän Balstrode – die Liste ließe sich Darsteller für Darsteller fortsetzen. Das schlichte Bühnenbild mit seinen wettergegerbten Wellblechelementen sorgt für maritimes Lokalkolorit und schafft damit gleichsam eine spröde Atmosphäre der menschlichen Härte und emotionalen Armut.

Nach dem die Fischerwelt exponierenden und inhaltlich wie choristisch sturmumtosten ersten Akt begegnen wir im zweiten dann vermehrt Passagen (scheinbarer) Ruhe. Ein mild-romantischer Wolkenprospekt als Ausblick verheißt Kontemplation und Sehnsucht gleichermaßen. Leider gerät das Vorspiel musikalisch befremdlich unrund – das die Kirchglocken andeutende Blech schwingt ganz und gar nicht mit den emsig zuströmenden Holzbläsern zusammen, hier wird eher zum Kirchgang gestolpert denn gehastet. Dennoch: Die Zeit vergeht in diesem Akt wie im Fluge.

Michaela Kaune sorgt hier in der Szene zwischen Ellen und dem Jungen für Momente großer Sensibilität, wenn aus ihren Befürchtungen langsam Gewißheit wird. Die Kontrastierung bzw. Kommentierung durch die Messgesänge aus dem Off ist ein weiteres Beispiel für die dramaturgische Meisterschaft Brittens – ebenso wie der immense Kontrast, der sich nach der Kulmination der aufgehetzten Meute zu dem Quartett der Frauen bietet. Diese Musik ist so zerbrechlich, so behutsam, scheu, wehmütig und dabei so unfassbar wunderschön – daß man über der Gewißheit, dieses kurze Schlaglicht der Güte und Wärme in diesem Ozean des Hasses und der Kälte nicht festhalten zu können, schier verzweifeln möchte.

Grimes Hütte, als aus den schrägen Tischen vorangegangener Szenen geformte Bühne, steht sinnbildlich für sein kommendes Scheitern. Die Passacaglia gestaltet das Orchester sehr eindringlich, ebenso intensiv gelingt der zuerst noch hoffnungsvolle, dann verdüsterte Monolog Grimes’ durch Ventris. Der Unfall ist zwingend inszeniert, indem Grimes das Sicherungsseil des Jungen in dem Augenblick losläßt, als der Mob an seine Tür klopft – das Ende des Taus verschwindet im Nichts. Als letztes Bild sehen wir Grimes mit dem blutüberströmten Jungen, seine schattenhafte Vision hat ihn eingeholt.

Der letzte Akt ist der intensivste des Abends. Hier zeigt sich Runnicles auch alles andere als ein Fortissimo-Fetischist und sein Orchester von seiner einfühlsamsten Seite. Die Inszenierung läßt das Nachtleben der Gemeinde als bizarr-traumhaftes Treiben einer bigotten Gesellschaft erscheinen, wo brave Bürger ihren Gelüsten nachgehen und alles nach der Pfeife von Auntie tanzt, die das Wappentier ihrer Wirtschaft wie eine Art Schamane auf dem Kopf trägt und nur über alles lachen kann. Die Nichten haben die Schul- gegen Militäruniformen getauscht, um die Männer zu becircen. Pantomimen, Tänze, lüsterne Spießer in Unterhosen – ein Spuk, der dem braven Alltag verborgen bleibt, denn der Eber wütet nachts.

Das Duett zwischen Ellen und Balstrode wird sehr zart umgesetzt. Es folgt der unzweifelhafte Höhepunkt des Werkes mit dem Schlußmonolog der Titelfigur. Christopher Ventris allein auf leerer Bühne, nur die Wolken im Hintergrund, verfolgt von den schaurig-fahlen „Grimes“ Rufen. Wie bereits angemerkt, erreicht der Sänger zwar keine jenseitige Lyrik wie Pears, liefert jedoch ein Beispiel an Intensität, wie man es selten auf der Bühne antrifft.

Her breast is harbour too –
Where night is turned to day.

Peter Grimes wird diesen Hafen nie erreichen. Was nach dem Erkalten einer Freundschaft und dem Scheitern einer Liebe bleibt, ist das Ende mit seinem gewaltigen Aufrauschen des Orchesters und des Chores, das den Bogen zurück zum Anfang schlägt. Das Leben geht weiter, der Alltag nimmt seinen Lauf wie die stetig strömenden Fluten unter den mächtigen Schlägen der Gezeiten – was kümmert da schon das leise Kräuseln einer einzigen kleinen Welle?


Benjamin Britten – Peter Grimes
Musikalische Leitung – Donald Runnicles
Inszenierung – David Alden
Bühne – Paul Steinberg
Kostüme – Brigitte Reiffenstuel
Licht – Adam Silverman
Chöre – William Spaulding
Choreographie – Maxine Braham
Dramaturgie – Angelika Maidowski

Peter Grimes – Christopher Ventris
Ellen Orford – Michaela Kaune
Balstrode – Markus Brück
Auntie – Rebecca de Pont Davies
Ihre Nichten – Hila Fahima, Kim-Lillian Strebel
Bob Boles – Thomas Blondelle
Swallow – Stephen Bronk
Pastor Horace Adams – Clemens Bieber
Mrs. Sedley – Dana Beth Miller
Ned Keene – Simon Pauly
Hobson – Albert Pesendorfer

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

18. Februar 2012

Peter Grimes – Alexander Kalajdzic.
Stadttheater Bielefeld.

19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 4, Platz 12














Das war wieder einer dieser Abende, wie man sie gar nicht haben möchte: nicht wirklich schlecht, nicht wirklich gut, beschwörte er das Schreckgespenst der Durchschnittlichkeit herauf, den natürlichen Feind der Intensität. Erlebnisse wie diese bestätigen mir jedes mal aufs Neue die Richtigkeit meiner Entscheidung, mein berufliches Glück nicht im musikalischen Bereich gesucht, sondern mir diese Welt als Refugium rein autokratischer Prägung bewahrt zu haben. Meine Hochachtung vor dem Kritiker, der auch einer Magerkost wie dieser mit der seines Berufsauftrag gemäßen Routine und Gründlichkeit zu Leibe rückt. Ich sähe mich – die Frage der tatsächlichen beruflichen Befähigung frech ausklammernd – einfach nicht in der Lage, gerade diese kargen Pfade jenseits der lichten Alleen der persönlichen Begeisterung mit der gebührenden Gelassenheit abzuschreiten.

Konkret auf den Abend bezogen heißt das: Ich möchte mich nicht groß mit den Sängern beschäftigen, schon gar nicht im Einzelnen, die allesamt ihre Rollen gesanglich wie darstellerisch mehr oder weniger passabel abgeliefert haben. Und womöglich tue ich gerade dem Einzelnen oder meinetwegen auch dem gesamten Ensemble Unrecht, überhaupt von „abliefern“ zu sprechen. Aber für mich war da wenig, das im eigentlichen Sinne der Rede wert gewesen wäre. Dies bitte nicht falsch verstehen – es war keine miese Leistung, aber eben auch nichts, das dem vorhandenen Reichtum dieser vielschichtigen Partien der Partitur wirklich Leben eingehaucht hätte. Sicher, der Kapitän hat ein gutes Organ, das man sicher auch weitergehend einordnen könnte – aber warum, wenn das Ganze einfach „nichts bringt“? Einzig Peter Bronder entreißt die Aufführung dem permanenten Verdikt des bloßen Handwerks – wenn auch nur selten und kurz. Nun beißt man sich mit elfenbeinturmverorteter Schwarzweißmalerei erfahrungsgemäß bei einer Kunstform, in der in jedem Moment so viel gelingen, aber eben auch scheitern kann, sicher die Zähne aus, aber die Sehnsucht nach dem schlichten „Ja“ als Fazit für einen Abend ist zumindest bei mir weiterhin ungebrochen.

Ein schlichtes „Nein“ möchte ich dem Dirigat und der Orchesterleistung an diesem spezifischen Abend entgegnen. Ebenso hochtrabend formuliert wie unzweifelhaft war dies keine Äußerung im Dienste Brittens, soweit lehne ich mich mal aus dem Fenster. Der Begriff „Entstellung“ trifft es am besten. In weiten Teilen hatte das schlicht und ergreifend nicht viel mit Britten zu tun. Es gab nur eine kurze Phase im zweiten Akt, von etwa gegen Ende der sich steigernden Hysterie der Dorfbewohner bis einschließlich der folgenden Klage der Frauen, in der ich mich dem Komponisten an diesem Abend nah gefühlt habe, sieht man mal von diversen unkaputtbaren, einzelnen, meist Chormomenten ab.

Ich habe zwischenzeitlich immer wieder darüber nachgedacht (ich hatte ja sonst wenig zu tun), wie sich ein stärkerer musikalischer Eindruck auf meine Beurteilung der Inszenierung ausgewirkt hätte. Es gab sicher Elemente, die nie den Anstrich des Ungeschickten oder Belanglosen verloren hätten, insgesamt hänge ich aber dem Gedanken nach, das hier etwas sehr Brauchbares vor die Wand gefahren wurde. Als Beispiel sei dafür die letzte Szene Grimes’ herangezogen, in welcher dem Sänger unzweifelhaft im besten und einen Abglanz des Metaphysischen evozierenden Sinne, die Bühne für einen Abschied größter Intensität bereitet wurde. Da war es wieder, das kleine Wörtchen Intensität. Heute war es nur ein flüchtiger Gast, aber ich bleibe ihm auf den Fersen.


Benjamin Britten – Peter Grimes
Musikalische Leitung – Alexander Kalajdzic
Inszenierung – Helen Maikowsky
Kostüme – Henrike Bromber
Bühne – Saskia Wunsch
Choreinstudierung – Hagen Enke
Dramaturgie – Jón Philipp von Linden
Licht – Gregor Fritz
Regieassistenz und Abendspielleitung – Annette Nora Wolf
Musikalische Einstudierung – Christian van den Berg-Bremer, Narah Chung, Merjin van Driesten, Witold Werner
Bühnenbildassistenz – Olga Gromova

Peter Grimes – Peter Bronder
Ellen Orford – Sarah Kuffner
Balstrode – Jacek Strauch
Auntie – Ceri Williams
1. Nichte – Cornelie Isenbürger
2. Nichte – Christiane Linke
Boles – Michael Pflumm
Swallow – Jacek Janiszewski
Mrs. Sedley – Xenia Maria Mann
Pastor Adams – Reto Raphael Rosine
Ned Keene – Daniel Billings
Hobson – Torben Jürgens

Bielefelder Philharmoniker
Bielefelder Opernchor und Extrachor des Theater Bielefelds