21. November 2023

Médée. Freiburger Barockorchester – Sir Simon Rattle. Elbphilharmonie Hamburg

19:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4


Hatte mir keine Notizen gemacht, erinnere mich nur vage an einen gelungenen Abend mit Frau Kožená im Zentrum, ohne dass sich nach diesem ersten Kennenlernen der Oper der Wunsch eingestellt hätte, die Oper näher kennenzulernen.


Médée – Oper in einem Prolog und fünf Akten
Konzertante Aufführung in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Musik 
– Marc-Antoine Charpentier

Dirigent – Sir Simon Rattle
Médée – Magdalena Kožená
Creon – Luca Tittoto
Créuse – Carolyn Sampson
Cléone, L’Amour – Jehanne Amzal
Jason – Reinoud van Mechelen
Oronte – Gyula Orendt
Nérine, Bellone – Markéta Cukrová
Arcas, La Jalousie – Gonzalo Quinchahual
La Vengance – Dionysios Avgerinos

Freiburger Barockorchester
Staatsopernchor Berlin


11. Oktober 2023

Orgel pur. Iveta Apkalna, Benjamin Appl,
Martynas Levickis. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8




Claudio Monteverdi – Domine, ad adiuvandum me festina
(Bearbeitung für Bariton, Akkordeon und Orgel)
Tu se’ morta, mia vita, aus: L’Orfeo
(Bearbeitung für Bariton und Akkordeon)

Arne Nordheim – Flashing

Philip Glass  Etüde Nr. 6

John Dowland – Flow, My Tears F II/6
(Bearbeitung für Bariton und Akkordeon)

Antonín Dvořák – Wolken und Dunkel ist um ihn her,
aus: Biblische Lieder op. 99
Der Herr ist mein Hirte, aus: Biblische Lieder op. 99

Johann Sebastian Bach – Ich habe genug, Arie aus: Ich habe genug BWV 82
(Bearbeitung für Bariton und Orgel)

(Pause)

Franz Schubert – Der Tod und das Mädchen D 531
(Bearbeitung für Bariton, Akkordeon und Orgel)

Lionel Rogg – La femme et le dragon
aus: Deux visions de l’apocalypse

Veli Kujala
Photon für Orgel und Akkordeon

Anonymus
Im schönen Wiesengrunde / aus: Russische Lieder und Tänze

Alfreds Kalninš
Liedertag / Volkslied aus Lettland

Friedrich Glück – In einem kühlen Grunde op. 60/3

Jazeps Vitols – Bikeris mironu sala, op. 34/3 / Volkslied aus Lettland

Johann Abraham Peter Schulz / Max Reger – Der Mond ist aufgegangen

Anonymus – Stok ant akmenėlio / Volkslied aus Litauen
Teka Saulė / Volkslied aus Litauen

(Benjamin Appl – Bariton, Martynas Levickis – Akkordeon, Iveta Apkalna – Orgel)



Auch wenn der Titel der Aboreihe "Orgel pur" diesmal nicht so recht passte, gab es heute sicher keinen Grund für Beschwerden – wurde er doch von gleich drei hervorragenden Solisten gestaltet: Zu Frau Apkalna, wie gewohnt als Beherrscherin der Königin der Instrumente, gesellten sich Herr Levickis mit seiner handlichen Ausgabe eines luftbefeuerten Tasteninstruments und der Bariton Benjamin Appl, über den mir erst kürzlich nur das Beste zugetragen wurde. Das Dreigestirn gestaltete dann auch einen vielschichtigen, gleichsam abwechslungsreichen wie anregenden Konzertabend, dem mit der gebotenen Innigkeit zu folgen leider nicht jedem Elphi-Besucher vergönnt war – schon verblüffend, wenn es nicht mal nach der ausdrücklichen Bitte des Sängers, man möge die abschließende Liedabfolge nicht durch Applaus unterbrechen, für diverse schlichte Gemüter einfach nicht machbar war, ihren Klatschjuckreiz unter Kontrolle zu halten. 

16. September 2023

Pelléas et Mélisande. Budapest Festival Orchestra –
Iván Fischer. Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Auch wenn Debussy insgesamt betrachtet nicht wirklich zu meinen ausgemachten Lieblingen zählt, genauer gesagt in die Kategorie "zweifellos erste Liga aber nicht mein Spielsystem" fällt, hat mich seine einzige vollendete Oper schon seit dem ersten Kennenlernen gleichermaßen angesprochen wie fasziniert. Als unachtsamer Abonnent war ich davon ausgegangen, das Werk nach ein paar Produktionen an Opernhäusern diesmal wohl konzertant in der Elbphilharmonie zu erleben. So weit, so falsch, wie spätestens bei Saaleinlass der Blick auf die Bühne verriet: Allerlei knorriges Gehölz überwucherte weite Teile des Orchesterraums und die Plätze der Musiker gleich mit. Durchgehender Waldboden, ganz vorn ein Brunnen, im Hintergrund angedeutete höfische Architektur, zur Illumination ein paar Neonröhren. 

Später gesellten sich die Sänger in einfachen, "traditionellen" Kostümen hinzu sowie die Orchestermusiker nebst Dirigent in langen "Waldgewändern". Die Inszenierung, wohl von Iván Fischer selbst und einem Herrn Gandini erdacht, lieferte jetzt nicht unbedingt eine tiefenpsychologische Auslotung, wie sie dem Gehalt des Werks angemessen wäre, sondern sorgt dafür, dass die beteiligten Sängerdarsteller gemäß der Handlung ein bisschen was zu tun haben, schafft Orte, an denen sie rumstehen können, so dass der Abend für den Debussy-Unkundigen sicher deutlich verdaulicher geriet. Simpel aber dienlich, könnte man zusammenfassen. Die deutschen Übertitel taten das Ihrige dafür – die Atmosphäre im leider mit Lücken besetzten Saal war insgesamt in Ordnung. 

Die per Hebebühne emporsteigenden Schloss-Elemente hatten zudem den Vorteil, dass die Sänger ihre Beiträge oft von hinten über das Orchester hinweg liefern konnten, was bekanntlich die ratsame Konstellation in der Elphi darstellt. Die Stimmen wurden aber ohnehin nie verdeckt, Kraft der allgemein sehr transparenten Partitur und Fischers umsichtigen Dirigates. Gesanglich bot die Besetzung keine Schwachstellen, die Akustik bietet eh ein Fest für Zartheiten – an denen es im Werk nicht mangelt und die allen voran von Frau Petibon entsprechend zauberisch gestaltet wurden, nicht allein im entrückt-bedrückenden Finale. 

Es gibt unzählige Gründe, nicht zuletzt Noten, warum ich diese Oper sehr gerne mag. Melisandres Arie vor dem Treffen mit Pelleas zum Beispiel und die darauf folgende Szene zu zweit: das Haar, die Liebe – ein Leuchten nach langem Darben in bedrückendem Zwielicht. Womit nicht nur das Paar, sondern auch der Hörer gemeint sind. Erst das weitgehende Verharren in musikalischem Halbdunkel bis zu diesem Moment lässt ihn selbst so strahlen. Oder die charakterlichen Finessen der Partitur: wie sich etwa der Stimmungswandel des Golaud auch durch stimmlichen Wandel manifestiert, wie seine (scheinbare?) Güte in Härte umschlägt, nicht nur gegenüber Melissande, sondern vor allem in den Szenen mit Ynoild. Es hilft natürlich, wie genial diese Ambivalenz schon im Text angelegt ist, wenn er beispielsweise noch in vermeintlich liebevollem Ton zu Mellisande sagt: "Deine Hände, die ich wie Blumen zerdrücken könnte ...".

Was kann ich noch als Debussy-Laie sagen? "La Mer" klingt des Öfteren an. Wenig Wagner, einmal Waldweben, teilweise Parsifal, aber insgesamt klar das eigene, zarte Gespinst Debussys – mustergültig dargeboten von allen Beteiligten, aber nicht unbedingt einfach für die Konzentration – Kontraste im Kleinen, wenig Tempoverschärfungen und eben der bereits angesprochene düster-nebulöse Grundton, der sich wie ein schweres Tuch über weite Teile der Oper legt. Kurz: Genau mein Ding.


Pelléas et Mélisande – Claude Debussy
Oper in fünf Akten

Bernard Richter – Pelléas
Patricia Petibon – Mélisande
Nicolas Testé – Arkel
Yvonne Naef – Geneviève
Tassis Christoyannis – Golaud
Oliver Michel – Ynoild, Sohn von Golaud
Peter Harvey – ein Arzt/ein Schäfer

Anna Biagiotti – Kostüme
Andrea Tocchio – Bühnenbild
Tamás Bányai – Licht
Róbert Zentai – Technischer Direktor
Wendy Griffin-Reid – Bühnenmanager
Heide Stock – Regieassiszenz
Iván Fischer und Marco Gandini – Regie
Musikalische Leitung – Iván Fischer
Budapest Festival Orchestra


10. September 2023

Bayerisches Staatsorchester – Vladimir Jurowski. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Richard Wagner – Vorspiel zu »Tristan und Isolde« WWV 90
Alban Berg – Konzert für Violine und Orchester »Dem Andenken eines Engels« (Vilde Frang – Violine)

(Pause)

Richard Strauss – Eine Alpensinfonie op. 64
Zugabe:
Richard Wagner – Vorspiel zum 3. Akt zu »Die Meistersinger von Nürnberg« WWV 96



Tristan: erster Eindruck sehr langsam, in der weiteren Entwicklung aber absolut zwingend, ja soghaft. Volltreffer, auch aufgrund des abgeänderten Schlusses – eine Art Mini-Liebestod für den Konzertgebrauch?

Berg: Frang gewohnt sensibel und zart, Eindruck insgesamt stark, am besten im intimen Schluss.

Strauss: Licht und Schatten im Gebirge. Dynamikprobleme? Fortissimo entfaltet nicht so recht Druck? Interpretation evtl. nicht flexibel genug, zu strikt/steif? Unterm Strich aber dennoch (wie immer) ein Erlebnis.

Zugabe: Meistersinger Vorspiel 3. Akt – Wahnmonolog instrumental als Statement gegen den Krieg ohne Worte. Sehr innig und warmherzig vorgetragen.






30. April 2023

Quatuor Ébène. Elbphilharmonie, kleiner Saal.

19:30 Uhr, Parkett ???



Wolfgang Amadeus Mozart – Streichquintett C-Dur KV 515

(Pause)

Wolfgang Amadeus Mozart – Streichquintett g-Moll KV 516

Zugabe:
Wolfgang Amadeus Mozart – Streichquintett B-Dur KV 174


Quatuor Ébène

Pierre Colombet – Violine
Gabriel Le Magadure – Violine
Marie Chilemme – Viola
Raphaël Merlin – Violoncello

Antoine Tamestit – Viola



Da erlebt man schon mal ein ganzes Konzert mit Werken des größten Komponisten, von dem ich nichts auf eine einsame Insel mitnähme, ist vom Programm dann wider Erwarten mehr als angetan, und dann macht man sich keine Notizen. Umso ärgerlicher, wenn nach dem ebenso halbherzigen wie unvollständigem Versuch, das Erlebte per Tonkonserve aufzufrischen, nur eine vage Vermutung bleibt, was denn die Faszination des Abends ausgemacht hat. Sicher, das Adagio des g-Moll Quintetts ist zweifellos innig und anrührend, aber diese exemplarisch gewählte, etwas uninspirierte Adjektivkombination deutet bereits an, dass das Konzerterleben selbst und sein unmittelbarer Nachhall ungleich mehr Potenzial für emotionale Aufarbeitung bereitgestellt haben muss. Eine vertane Chance, dem Phänomen Mozart, welches sich mir seit Jahr und Tag verschließt, in Worten näherzukommen.