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16. Juni 2013

Der Rosenkavalier – Christian Thielemann.
Semperoper Dresden

16:45 Uhr Führung, 18:00 Uhr, 4. Rang, Sektion R4MI, Reihe 1, Platz 32



Nicht per Rosenkavalier-Sonderzug, sondern in gänzlich unfestlicher Regionalbahn geht es von Chemnitz zur Uraufführungsstätte an die Elbe. Diesmal keine Zeit für Sandsteinromantik und Canaletto-Blick, dafür umso mehr Vorfreude auf eine luxuriöse Besetzung und die Thielemannsche Wunderharfe. Eine kleine Führung durch die ehrwürdigen Hallen sorgt für die nötige Einstimmung. Leider eine etwas oberflächliche Angelegenheit, will sagen man tapert nicht wie in der Lindenoper auch durch die Eingeweide von Bühnenbereich, Garderobe oder Fundus, sondern bleibt hübsch im Stucco lustro- und Scagliola-Glanz der ohnehin zugänglichen Räumlichkeiten. Dafür gab’s auch hier ne Menge Hintergründe und Anekdoten von der netten Dame.

Als mit typisch germanischen Nörgelgenen Geschlagener ist dieses Haus natürlich ein Ort schier zum Verzweifeln – man findet keine Schwachstelle. Optisch, atmosphärisch, künstlerisch ... doch halt, einen Kritikpunkt konnte ich doch in mühevoller Kleinarbeit isolieren: Die Brezeln sind zu trocken! Echt jetzt. So! Nimm dies, Semperoper, Hain der Makellosigkeit! ... Nein, nein, es ist müßig zu bohren – die Qualität, die ich hier unter dem güldenen Kronleuchter mit den spiegelverkehrten Sachsen-Wappen genießen durfte, verdient ohne wenn und aber das altmodische Gütesiegel Weltklasse. Da knirscht der Pfeffersack mit den Zähnen, da ehrfürchtet der Wahl-Hanseat.

Auch vor einer Regie, so unprätentiös und gleichzeitig so klar und fesselnd, wie man es sich nur träumen kann. Ein neuerlicher Beleg, daß eine klassische Umsetzung, die „nur“ das vorhandene Textbuch inszeniert, alles andere als ein Ausdruck von Einfallslosigkeit sein oder gar Langeweile zur Folge haben muß. Schon allein die visuelle Ausgestaltung des Vorspiels der Oper – Das Paar kommt von Fest und Liebe berauscht nach Hause und teilt das Bett bis zum Morgengrauen – ist eine Miniatur inszenatorischer Raffinesse. Das lebendige Spiel der Darsteller, der Lichtwechsel zum Sonnenaufgang – das macht alles Sinn und sieht dabei auch noch verdammt gut aus. Was man im Folgenden der ganzen Aufführung bescheinigen kann.

Und wenn sich dann zu dramaturgisch-visuellem Glanz ein entsprechendes auditives Vergnügen gesellt, entfaltet sich daraus eine Wirkung, die den Bereich des Unwiderstehlichen eröffnet. Frau Schwanewilms sorgt als Marschallin – so zart, so fein, so mild, so edel, oder einfach: himmlisch – in Kombination mit Thielemanns subtiler Führung und dem Samt der Staatskapelle für Momente, im Augenblick ihrer Entstehung als so kostbar empfunden, daß mir auch noch die dickste Portion Pathos bei der Nacherzählung und Einordnung mager erscheint. Oder: Wohl dem, der Euphorie sucht und sie tatsächlich findet.

Mit welcher Intensität und Wärme Frau Schwanewilms die Selbstreflektion der „Resi“ über sich und die Zeit rüberbringt – wobei diese Leistung eigentlich wenig mit „rüberbringen“, als vielmehr mit „sein“ zu tun hat – das geht einfach zu Herzen. Und dann dieses Pianissimo – traumhaft! Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle auch die verblüffend präsente Akustik im 4. Rang – faszinierend, welche Feinheiten es in diesem herrlichen Saal hinauf bis unters Gebälk schaffen!

Elīna Garanča als Octavian und Anna Prohaska als Sophie komplettierten das makellose Terzett-Personal, wobei mir die Berliner Kombination Kozená/Prohaska noch etwas mehr zusagte. Geschmackssache. Peter Rose wie gewohnt souverän. Generell tut seine Interpretation dem Ochs ausgesprochen gut, weil er die Rolle über das belächelbar Tölpelhafte hinaus mit etwas unberechenbar Linkischem, fast schon Dämonischen anfüllt, wodurch der Baron-Bauer deutlich mehr ernsthafte Gefahr für das junge Glück ausstrahlt. Und das besondere Nebenrollen-Bonbon: Kein Geringerer als Bryan Hymel schmachtete zum Lever.

Fazit: Nach den wunderbaren Abenden in Bremen (Link) und Berlin (Link) nun schon die dritte Rosenkavalierbegegnung der Spitzenklasse in Folge. Dreimal anders, dreimal erfüllend – mal sehen, wie lange diese Serie hält.


Richard Strauss – Der Rosenkavalier
Musikalische Leitung – Christian Thielemann
Inszenierung – Uwe Eric Laufenberg
Bühnenbild – Christoph Schubinger
Kostüme – Jessica Karge
Chor – Paolo Assante

Die Feldmarschallin, Fürstin Werdenberg – Anne Schwanewilms
Der Baron Ochs auf Lerchenau – Peter Rose
Octavian, ein junger Herr aus großem Haus – Elīna Garanča
Herr von Faninal, ein reicher Neugeadelter – Martin Gantner
Sophie, seine Tochter – Anna Prohaska
Jungfer Marianne Leitmetzerin, die Duenna – Irmgard Vilsmaier
Valzacchi, ein Intrigant – Thomas Ebenstein
Annina, seine Begleiterin – Helene Schneiderman
Ein Sänger – Bryan Hymel
Der Haushofmeister bei der Feldmarschallin – Kenneth Robertson
Ein Notar – Mathias Henneberg
Der Haushofmeister bei Faninal – Tom Martinsen
Ein Tierhändler – Mert Süngü
Ein Wirt – Dan Karlström
Eine Modistin – Nadja Mchantaf
Ein Polizeikommissar – Peter Lobert
Ein Hausknecht – Hans-Ulrich Ohse
Kellner – Markus Hansel, Klaus Milde, Andreas Heinze, Andreas Burghardt
Die adligen Waisen – Elisabeth Zharoff, Norma Nahoun, Barbara Senator
Leopold, Sohn des Ochs – Dirk Wolter
Die Lerchenauischen – Alexander Födisch, Michael Wettin, Thomas Müller, Mirko Tuma, Werner Harke, Holger Steinert
Die Lakaien der Marschallin – Jun-Seok Bang, Norbert Kleese, Ingolf Stollberg, Matthias Beutlich
Der kleine Mohr – Leonardo Cruz

Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Sächsische Staatskapelle Dresden
Mitglieder der Komparserie
Mitglieder des Kinderchores

14. Dezember 2012

Der Rosenkavalier – Simon Rattle.
Staatsoper im Schillertheater Berlin.

19:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16



1. Akt
Klassische Inszenierung ohne weitere Deutungsebene. Funktioniert. Barocke Garderobe. Große Toilette. Pomp. Damien Hirst Toten-Ballmaske als Anspielung auf die Vergänglichkeit. Ein schräger Kronleuchter. Allerlei verhaltensauffälliges Volk beim Lever. Der Sänger ohne Beine und leider auch ohne Schmelz. Lerchenauische Provinz-Raubritter, Leopold mit Joker-Mund. Die personifizierte Unberechenbarkeit, durch sein bloßes Auftreten sehr intensiv. Ein Zwerg statt einem Mohr, dieser bedient sich dann aber eines Servierwagens in Form eines Mohren. Aha.

Röschmann und Kozená umwerfend. Von Rattle mit Hilfe der farbgewaltigen, edlen Staatskapelle in höchste Verzückungssphären erhoben. Monolog der Marschallin von ergreifendster Sensibilität. Rose etwas verhalten – Erkältung. Andere unauffällig.

2. Akt
Kurzweilige Inszenierung. Die Chaostruppe derer von Lerchenau sorgt für Stimmung. Ein wunderbares Schlussbild: Leopold blickt in den Kristall des Cognacstöpsels. Hübsche Wandlung des Bühnenbildes durch die illuminierten Harnische. Putzig: Die Weltkugel-Minibar – so säuft ein Mann von Welt.

Peter Rose muß nun doch aufgeben. Jürgen Linn leiht ihm von der Bühnenseite seine Stimme, der Brite gibt szenisch weiterhin einen mireißenden Ochs. Schade, daß er nicht auch stimmlich glänzen konnte, aber sein Einspringer macht seine Sache mehr als gut – sehr dialektsicher und textverständlich.

Duett Kozená / Prohaska genial. Zartest. Eine phänomenale Live-Leistung. Für solche Qualität muß man sonst tief in die Plattenkiste greifen. Faninal sehr gut, Top-Organ und Wohlklang.

3. Akt
Scharade nett gemacht, trotzdem ist das nicht mein Humor. Theaterstadl. Ich wiederhole mich. Terzett und vor allem Duett am Ende himmlisch.

Ein ganz großes Lob noch mal an Rattle. Feinheiten, wie sie heute an der Tagesordnung waren, ist man sonst im Idealfall vielleicht aus Konzert und Studio gewohnt, gehören in der Oper jedoch zu den ersehnten Ausnahmen.


Richard Strauss – Der Rosenkavalier
Musikalische Leitung – Simon Rattle
Inszenierung – Nicolas Brieger
Bühnenbild – Raimund Bauer
Kostüme – Joachim Herzog

Die Feldmarschallin – Dorothea Röschmann
Der Baron Ochs auf Lerchenau – Peter Rose / Jürgen Linn
Octavian – Magdalena Kozená
Herr von Faninal – Michael Kraus
Sophie – Anna Prohaska
Leitmetzerin – Carola Höhn
Valzacchi – Torsten Hofmann
Annina – Anna Lapkovskaja
Ein Polizeikommissar – Tobias Schabel
Der Haushofmeister der Ferldmarschallin – Torsten Süring
Der Haushofmeister bei Faninal – Michael Smallwood
Ein Sänger – Stephan Rügamer
Eine Modistin – Narine Yeghiyan
Diener der Marschallin – Michael Markfort
Ein Notar – Tobias Schabel

Kinderchor der Staatsoper unter den Linden
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin

11. März 2012

Der Rosenkavalier – Markus Poschner.
Theater Bremen.

15:30 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 14














„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“, sinniert die Marschallin auch in dieser Inszenierung, die auf kompromisslose Weise Ernst macht in der Beleuchtung der nachdenklichen, Grundfragen der Existenz berührenden Ebene eines Werkes, das allzu oft ein Harnisch an parfümiertem Plunder und Schenkelklopfereien auf Schwankniveau niederdrückt. Davon heute keine Spur. Ich muß dazu sagen, daß ein solcher durchdringender Ansatz der Regie bei mir offene Türen einrennt, da ich mit der Substanz des Stückes als Komödie nicht viel anfangen kann. Das ist einfach nicht mein Humor.

Auf der anderen Seite darf es (mich) dann auch nicht verwundern, wenn die offenkundige Mehrheit der Besucher sich spätestens ab dem zweiten Akt (ja, ja ein paar „historische“ Kostüme helfen schon dabei, die Regiearbeit zu ignorieren) um ihre erhoffte Kuschelkitschklamaukseligkeit gebracht fühlt. Dabei ist es eigentlich keine Frage von fescher Uniform oder T-Shirt vom Grabbeltisch, ob Botschaften – so denn überhaupt der Versuch unternommen wird, welche auszusenden – das Herz des Zuschauers treffen oder nicht.

Doch für die Mehrzahl stellt sich das scheinbar so dar: die Zeit mag ein sonderbar Ding sein, aber man verschone uns bitte auf der Bühne mit jener, die unsere eigene ist. Warum ist das so? Ästhetische Vorlieben mögen eine Rolle spielen, verbunden mit dem Wunsch, „etwas Schönes“ zu Gesicht zu bekommen, zumal doch die Musik auch so schön ist. Was letztendlich die Frage provoziert, warum unser Heute demnach nicht für das Schöne einzustehen in der Lage gesehen wird bzw. andere, uns ferne Zeiten als trefflichere Anwälte des Schönen gelten. Die gute alte Zeit.

Eine tiefere Ursache der Ablehnung liegt wahrscheinlich in der jeweils persönlichen Definition dessen, was Oper zu leisten hat. Zum Glück besteht in der Kunst keine Konsenspflicht, so bleibt nur festzuhalten, daß der Wunsch nach einem kurzweiligen, unterhaltsamen Abend nicht mehr zu belächeln ist als das Verlangen nach einer Inszenierung, die ein Werk ernst nimmt und mehr daraus ableiten möchte als eine möglichst irritationsfreie Staffage zum Dreivierteltakt.

Und nochmal: die gute alte Zeit. Der erste Akt ist anstelle des librettogemäßen Wiens des 18. Jahrhunderts etwa zur Entstehung der Oper verortet und etabliert dieses Zeitalter als Startpunkt für die beiden großen Themen der Inszenierung: das Verhältnis der Menschen zu Besitz und Status und auf der anderen Seite der Umgang mit der unausweichlichen Vergänglichkeit. Im Laufe des Abends ergeben sich daraus neben einer Konsumkritik-Zeitreise immer wieder Momente schmerzlichster, aber auch tröstlichster Konfrontation mit den letzen Dingen.

Schön und gut, aber handelt es sich bei besagter Kapitalismuskritik nicht wieder mal um eine dieser aufgepfropften Schlaumeiereien selbstverliebter Regisseure? Ein klares Nein von meiner Seite. Einerseits ist die ganze Oper in ihrer Genese als kalkulierter Erfolg selbst ein Paradebeispiel für – wenn auch künstlerisch begründeten – Vermarktungswillen, auf der anderen Seite verdienen die in ihr gezeigten gesellschaftlichen Konventionen des bestimmenden Blut- und Geldadels einen Blick fernab verniedlichender Royal-Romantik. Besitzstände und Status definieren und legitimieren die handelnden Personen, erst die unplanmäßige Liebe der jungen Leute streut Sand ins Getriebe einer Welt, in der Seitensprünge ebenso wie Vernunfthochzeiten gefälligst ihre Ordnung haben.

Ich sehe die Gefahr, mich in meinem Überschwang für diese Arbeit, in der schieren Begeisterung angesichts einer solchen Flut an Anregungen und Einzelheiten zu verfransen. Wo anfangen und wo aufhören? Jeder Akt für sich betrachtet wartet mit mehr Regiearbeit im eigentlichen Sinne auf als manch kompletter Abend. Dreimal sehen wir bei offenem Vorhang eine Art Schaufenster, das als Vorgeschmack auf die jeweilige Epoche fungiert, in der der Akt angesiedelt ist. Wir starten unsere Zeitreise in einem Einkaufspalast der ausgehenden KuK-Ära mit seiner überreichen, detail- und materialverliebten Inneneinrichtung. Ein Triumph der Bühnenbildner. Der Beginn mit der Marschallin und Octavian findet in der Bekleidungsabteilung des Warenhauses statt, bei der morgendlichen Aufwartung weitet sich dann der Blick auf die Lobby mit imposantem Aufgang zu den anderen Abteilungen, bekrönt von einer gewaltigen Uhr. Ich wiederhole mich: welch eine Liebe zum Detail! Und so viele Ideen.

Gleich zu Beginn wird die Hosenrollen-Ambivalenz des Octavian, der ja ohnehin im Dienste der Verkleidungsposse mehrfach „die Seiten wechselt“, weitergedacht, indem er als Umkleiden-Spiegelbild der Marschallin an ihrer Reflexion Teil hat. Die Stumme Rolle des Ochs-Anhängsels Leopold gewinnt durch sein irreal-reales Auftreten und Handeln als weinseliger Amor an Witz und Poesie. Boten der Vergänglichkeit sind, neben der stets präsenten Uhr, Valzacchi und Annina, die als Todesengel und Sensenfrau in Erscheinung treten, was ihrem auf der reinen Handlungsebene eher undurchsichtigen Verhalten eine völlig andere Dimension verleiht. So betrachtet sind sie es, die auf einer zweiten Ebene die Fäden in der Hand halten. Einzig der Macht der Liebe scheinen sie sich beugen zu müssen, dies wird vor allem in den Konfrontationen mit Amor klar.

Von Werdenberg, von Lerchenau, von Faninal, dreimal „von“ und gleichzeitig drei verschiedene Vertreter einer Gesellschaft des Seins und Habens. Folgerichtig tritt Faninal als Besitzer des Kaufhauses auf, jemand, der über Besitz zu Ansehen und Titel gekommen ist. Es geht um Geltung und Güter. Die Liebe mag das höchste Gut sein, aber hier wird alles korrekt bezahlt. Davon zeugen die blitzenden Registrierkassen, davon kündet ihr Klang. Die silberne Rose als kostspieligstes Schmuckstück der Geschmeideabteilung. Beim Morgenempfang der Fürstin wird nicht allein gebuckelt und gebettelt, es wird geworben, besser noch, Werbung betrieben. Die Arie des Tenors, von Strauss vielleicht als Karikatur auf die Auskopplungsfähigkeit der Puccini-Schlager angebracht, wird denn auch gleich grammophonwirksam vermarktet, die beschwörenden Gesten und verzückten Blicke des weiblichen Verkaufspersonals tun ihr Übriges. Auch hier: absolute Akribie in der Personenregie selbst der kleinsten Nebenrollen. Dem kolonialen Großwildjäger mit seinen zimmerreinen Bettvorlegern in der Auslage möchte man am liebsten ermutigend zurufen, wenn er auf den Barden anlegt, aber halt, Konkurrenz belebt schließlich das Geschäft.

Die eindringlichste Szene des Aktes indes vollzieht sich, als der Todesengel wie in einer entrückten Vision greise Damen, nackt bis auf ihre repräsentativen Hüte, die große Treppe hinabwandeln läßt. Keine Provokation, sondern schlicht ein ebenso anrührendes wie behutsames Bildnis der Vergänglichkeit, zerbrechlich und gleichermaßen kraftvoll in seiner Wirkung. Die Zeit verrinnt, nicht allein im Zeitraffer der großen Uhr, auch in den Vorzeichen einer Zeitenwende erkennbar. In schneller Folge schreiben wir das Jahr 1912 (Titanic-Schlagzeile), dann 1914 (Sarajewo-Attentat), Octavian tauscht seine Uniform gegen das feldgraue Gegenstück, schließlich die Kappe gegen den Stahlhelm.

Mit dem zweiten Akt ist ein deutlicher Anstieg an Irritation im Publikum zu spüren. Hach, die Fünfziger. Vielleicht fühlt sich ein guter Teil der Zuschauer (zu) sehr an seine eigene Kindheit bzw. Jugend erinnert, in jedem Fall ist für Erheiterung bis Ablehnung gesorgt. Dabei paßt die Einordnung der Prinzessinentraum-Schwärmereien Sophies perfekt in das kitschig-bunt-naive Ambiente des Nachkriegsjahrzehnts, nicht bloß als visuelle Entsprechung, sondern auch als gedankliche Parallele zu ihrer von Hoffnung und Aufbruchsstreben geprägten Sicht, umgeben von einer in seinen Grundfesten weiterhin konservativen, biederen und normierten Gesellschaft. Sophie, und nicht nur sie, sehnt sich nach einem schönen Leben, bonbonfarbene Insignien und frohe Werbebotschaften verheißen eine wunderbare Zukunft. Es darf konsumiert werden!

Die übrigen Rollen in diesem Gefüge sind klar verteilt: Ochs als Biedermann, dem außer an einer guten Partie vor allem an einer guten Aussteuer gelegen ist, Octavian übernimmt den Gegenpol des schmalztollenen „Halbstarken“, des lederbejackten Rebells, der Sophie aus ihrer Puppenhauswelt entführen wird. Das Kaufhaus besitzt architektonisch noch Rudimente der alten Zeit, bietet aber die ganze Wirtschaftswunder-Palette. Statt der silbernen Rose wird dementsprechend eine Porzellanfigurine überbracht, man ist begeistert, insbesondere Ochs, der auch eigens das Herstellersiegel des Geschenk-Services in Augenschein nimmt. Folglich wird er von Octavian nicht körperlich, sondern materiell verletzt – der junge Draufgänger zerschmettert die Porzellanfigur und trifft den Baron damit ins Mark.

Alle sind außer sich, als der Rocker dann mit den Produktschachteln herumwirft. Sophie übernimmt später sein Rebellentum, streift die Lederjacke über, zündet sich eine Zigarette an. Wie gleichsam naiv und treffend ist dieses Bild, in der Flucht vor den Verständnislosen per Vespa gipfelnd. Ochs selbst wittert schließlich durch die briefliche Aussicht auf das Stelldichein Morgenluft, wobei er das Schreiben aus den Händen eines durchaus reizvollen Todes erhält. Der Möchtegernverführer als Verführter – aber wer würde angesichts einer derart sinnlichen Schnitterin nicht auch einen Walzer wagen? So ist es wie bereits angesprochen der Leopold-Amor, der den Herrn davor bewahrt, sein Leben mit einem Seit-Schluß zu beenden.

Der dritte Akt – Heute. Das Schaufenster proklamiert den Ausverkauf, davor singt ein Bettler, begleitet von einem Kofferradio, die Arie des Tenors in der Hoffnung auf etwas Kleingeld. Ausverkauf der Waren, Ausverkauf der Kunst, Ausverkauf des Menschen. Ochs trifft sich mit einer Prostituierten (der als Mariandl verkleidete Octavian, nochmals „verkleidet“), er ist sichtlich gealtert. In der nächtlichen Halle des Kaufhauses ereilt ihn unter den Augen der Schaufensterpuppenzombies sein Scheitern, das in dieser Inszenierung als Impotenz, letztlich als Sterben formuliert wird.

Auch Faninal und die Fürstin sind alt geworden, Vertreter einer vergangenen Zeit. Die große Uhr wurde durch ein digitales Exemplar ersetzt. Rosen gibt es für 99 Cent vom Grabbeltisch, Ramschware. Aber das junge Paar macht Hoffnung, den Zwang des Geldes durch ihre Liebe durchbrochen zu haben. Die Feldmarschallin hingegen bleibt sich treu und verschwindet mit dem „Mohren“ in der Umkleide, nicht ohne ihn dafür zu bezahlen, natürlich. Nachdem Faninal den letzten Aktenordner gepackt hat, das Licht gelöscht wurde und die Uhr längst aufgehört hat, eine Zeit vorzugeben, erobern am Ende spielende Kinder die abgesperrte Konsumhalle. Die Boten einer neuen, besseren Zeit? – keine Sorge, der geflügelte Freund mit dem Stundenglas kümmert sich auch um die jüngste Generation.

Dies alles ist nur eine grobe Zusammenfassung dessen, was die Regie an diesem überwältigenden Abend für den Zuschauer bereithält. Viele Feinheiten und Andeutungen habe ich dabei sicher unterschlagen, aber diese Inszenierung schreit ohnehin danach, mehr als einmal bestaunt, ach was, durchlebt zu werden. Höchste Theaterkunst in Bremen.

Und als wäre das allein noch nicht genug, steht die musikalische Umsetzung der szenischen in nichts nach. Die Besetzung stimmlich wie darstellerisch von erster Güte, die Marschallin wunderbar warm und innig, Octavian voller Leidenschaft, Sophie mit der gebotenen Zartheit, Ochs einzig in der Höhe etwas dünn. Selbst eine kleine Rolle wie der Notar ist erstaunlich stark besetzt. Und dann erst Poschner und sein Orchester – eine Wonne. Den Mann zähle ich weiterhin zu den energiereichsten Vertretern seiner Zunft. Gleich zu Beginn mit recht flottem Tempo, aber immer mit sensiblem Gespür für die Balance zwischen Druck und Innigkeit. Direkt in den ersten Takten erzeugt das Orchester ein unerhörtes Flirren, einen Farbenüberschwang, der ein Versprechen für den Abend abgibt, das im himmlischen Terzett den Triumph seiner stetig strömenden Einlösung feiert. Sicher, zum Teil führt Poschner den Klangkörper an seine Grenzen und darüber hinaus, darin liegt jedoch kein Mangel, sondern der Kern seiner Strahlkraft.

Warum wird so etwas nicht mitgeschnitten? Wo bleibt die DVD? Fest steht: die Inszenierung scheint kein Renner zu sein, viele Plätze bleiben leer, nach jeder Pause kommen noch ein paar hochgeklappte Polster hinzu. Was soll ich sagen? Wer nicht will, der hat schon. Wär nur schade, wenn solch ambitionierte Produktionen dem Diktat der Gleichmut zum Opfer fielen. Schade für Bremen, schade für das Haus und natürlich auch schade für Spinner wie mich.


Richard Strauss – Der Rosenkavalier
Musikalische Leitung – Markus Poschner
Inszenierung – Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme – Rainer Sellmaier
Licht – Christian Kemmetmüller
Chor und Kinderchor – Daniel Mayr
Dramaturgie – Hans-Georg Wegner

Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg – Kelly Cae Hogan
Der Baron Ochs auf Lerchenau – Rúni Brattaberg
Octavian, genannt Quinquin, ein junger Herr – Nadja Stefanoff
Herr von Faninal, ein reicher Neugeadelter – Martin Kronthaler
Sophie, seine Tochter – Alexandra Scherrmann
Jungfer Marianne Leitmetzerin – Nadine Lehner
Valzacchi, ein Intrigant – Christian-Andreas Engelhardt
Annina, seine Begleiterin – Barbara Buffy
Ein Polizeikommissar – Christoph Heinrich
Der Haushofmeister bei der Marschallin – Bert Coumans
Der Haushofmeister bei Faninal – Kejia Xiong
Ein Notar – Daniel Wynarski
Ein Sänger – Randall Bills
Drei adlige Waisen – Lusine Ghazaryan, Martina Parkes, Astrid Kunert
Eine Modistin – Anne-Kathrin Auch
Ein Tierhändler – Robert Lichtenberger
Vier Lakaien der Feldmarschallin – Sangmin Jeon, Can Tufan, Wolfgang von Borries, Allan Parkes
Vier Kellner – Achim Rikus, Zoltán Melkovics, Johannes Scheffler, Daniel Wynarski
Ein Hausknecht – Daniel Ratchev
Mohammed – Michael Davies
Amor – Leander Dewan

Der Chor des Theater Bremen
Statisterie des Theater Bremen
Bremer Philharmoniker