9. Juni 2013

Der Ring des Polykrates / Violanta – Roland Techet.
Theater Augsburg.

14:30 Uhr Einführung, 15:00 Uhr, Parkett links, Reihe 4, Platz 14


Große Erwartungen in Augsburg: Gleich zwei Erstbegegnungen an einem Abend mit Werken aus der Feder des geschätzten Tonsetzers. Und auf Korngold ist Verlass. Kommt „Der Ring des Polykrates“ noch als heitere Vorspeise daher, hinterläßt „Violanta“ gleich nach dem ersten Erleben einen starken, aufwühlenden Eindruck, der den Weg zur „Toten Stadt“ eindrucksvoll aufzeigt. Wie schon beim „Mahagonny“ vor zwei Jahren bestätigte sich, daß man Augsburg beruhigt in seine Saisonplanung einbeziehen kann, sowohl musikalisch als auch insbesondere szenisch wurde ich wieder nicht enttäuscht.

Der Ring des Polykrates kommt als harmloses Lustspiel mit den beliebten Zutaten Intrige, Eifersucht und Liebesbeweis daher, das durch die Inszenierung allerdings eine weiterführende Lesart erfährt. Natürlich findet auch hier das junge und das ältere Glück wie vorbestellt nach kleinen Turbulenzen zusammen. Die eingebrachten Bezüge zum ersten Weltkrieg nehmen dem Stück allerdings einiges von seiner unbeschwerten Komik, sind angesichts der Entstehungszeit der Oper aber durchaus nachvollziehbar und rücken den glückseligen Mikrokosmos bei Kapellmeisters in ein elitäres, weltflüchtiges Licht. Der alte Freund ist hier weniger Intrigant und Störenfried als vielmehr lästiger Vorbote von Umwälzungen, die den auch im Bühnenbild angelegten goldenen Käfig der Glückskinder bedrohen. Der Rausschmiss des „Übeltäters“ erhält somit eine kaltherzige Note, die zum Nachdenken anregt, jedoch von Korngold für seine Komödie sicher so nicht beabsichtigt war. Besondere Erwähnung verdient die Ausnahmestimme von Sophia Christine Brommer, die mit ihrem lieblichen Gesang das Ohr verwöhnte und den Hauptpartien beinahe die Schau stahl.

Der eigentliche musikalische Leckerbissen folgte dann nach der Pause mit besagter „Violanta“, ein Werk das den Vergleich beispielsweise zu den wunderbaren Zemlinsky-Einaktern absolut aushält. Inhaltlich und von der Anlage gibt es Parallelen zur ein Jahr später uraufgeführten „Florentinischen Tragödie“ und auch zur Straussschen „Salome“, insbesondere was das auf die weibliche Hauptrolle fixierte Finale angeht. Komponierter Rausch und Sinnlichkeit in einem düsteren, schwer lastenden Gesamtgefüge zeigen Korngolds Mittel musikalischer Opulenz und Raffinesse bereits hier auf höchstem Niveau. Das Theater Augsburg trägt diesem Anspruch mit einer konzentrierten Umsetzung Rechnung, wie man sie sich für eine Erstbegegnung wünschen kann.

Orchester, Chor und Solisten beweisen sich dabei in einer stimmungsvollen Inszenierung, die das innere Ringen der Hauptpersonen konsequent in den Mittelpunkt rückt. So schaffen Regie und Bühnenbild auch ohne naturalistisches Dekor mit einfachen Mitteln eine Atmosphäre, die zwischen der lustvollen Ausgelassenheit des Karnevals und stetiger Todesahnung pendelt. Das Bild des goldenen Käfigs wird wieder aufgegriffen und betont die Gemeinsamkeit beider Stücke, sich mit innerem und äußerem Glück auseinanderzusetzen. Von den Sängern bildet hier ohne Frage Sally Du Randt in der Titelpartie den Fixstern, um dessen Glanz sich die übrigen gelungenen Leistungen gruppieren. Frau Du Randt verfügt dabei über eben jene stimmlichen und darstellerischen Fähigkeiten, die zentrale Ambivalenz der Figur zwischen unterdrückter und überströmender Sinnlichkeit und Lust glaubhaft zu verkörpern. 

Am Ende stehen die wohlige Gewissheit eines gelungenen Opernbesuches und der freudige Eintritt eines „neuen“ Vertreters in den eigenen Bekanntenkreis großer Werke.


Erich Wolfgang Korngold – Der Ring des Polykrates / Violanta
Musikalische Leitung – Roland Techet
Inszenierung – Markus Trabusch
Bühne – Volker Hintermeier
Kostüme – Su Bühler
Licht – Kai Luczak
Choreinstudierung – Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek
Dramaturgie – Katharina John

Der Ring des Polykrates

Wilhelm Arndt, Hofkapellmeister – Niclas Oettermann
Laura, dessen Frau – Sally du Randt
Florian Döblinger, Paukist und Notenkopist – Christopher Busietta
Lieschen, bei Laura bedienstet – Sophia Christine Brommer
Peter Vogel, Wilhelms Freund – Giulio Alvise Caselli

Violanta

Simone Trovai, Hauptmann der Republik Venedig – Stephen Owen
Violanta, seine Gattin – Sally du Randt
Alfonso, Sohn des Königs von Neapel – Ji- Woon Kim
Giovanni Bracca, ein Maler – Niclas Oettermann
Bice – Sophia Christine Brommer
Barbara, Violantas Amme – Kerstin Descher
Matteo – Giulio Alvise Caselli
1. Soldat – Gabor Molnar
2. Soldat – Daniel Holzhauser
1. Magd – Susanne Simenec
2. Magd – Stephanie Hampl

Opernchor, Extra-Chor und Statisterie des Theaters Augsburg
Augsburger Philharmoniker

8. Juni 2013

Katja Kabanova – Arne Willimczik.
Theater Regensburg.

19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 4, Platz 11



Eines schönen Tages kam ich im Foyer eines mir wohlbekannten Hauses in der Schlange zur Pausenbrezel mit einem älteren Herrn ins Gespräch, der mir mehr oder weniger ungefragt seine Ansichten über gebührliches Verhalten in Oper und Konzert kundtat. Während sich die Weißweinprozession langsam gen Tresen schob, eröffnete er mir, daß er in langen Jahren des Studiums des Publikums einen Vergehenskatalog angelegt habe, in dem alle kleinen und großen Sünden der Besucherkaste Eingang gefunden hätten – gewissermaßen ein Standardwerk des schlechten Benehmens.

Mit einer Mischung aus anerzogener Höflichkeit und latentem Interesse folgte ich – auch in Ermangelung einer spannenderen Alternative als Warteschlangenbestandteil – seinen leicht wirren, jedoch von Enthusiasmus geprägten Ausführungen, so daß man am Ende von Kurzvortrag und Pause nicht umhin kam, Mail-Adressen zwecks weiterer Vertiefung auszutauschen. Die daraufhin erhaltenen Beobachtungen und Gedanken zu ebenso beliebten wie gängigen Publikumssünden gedenke ich nun zukünftig in loser Folge meinen eigenen Berichten beizufügen, um zumindest ein kleines Schlaglicht auf den jahrzehntelangen Einsatz des mysteriösen Herrn für ungetrübten Kunstgenuss zu werfen und seiner Arbeit ein Mindestmaß an Würdigung angedeihen zu lassen, obwohl ich mich ausdrücklich von der teils rüden Ausdrucksweise distanzieren möchte.


Konzertsünde Nr. 1: Der gemeine Konzerthusten.

Als Klassiker unter den Konzertsünden erfreut sich der Husten in den Sälen landauf landab ungebrochener Beliebtheit. In unterschiedlichen Abstufungen, beispielsweise als halb unterdrückter Solistenschreck, ausladend produziertes Zwischensatzstakkato oder auch ungeniert vorgetragener Pianissimo-GAU, ob geröchelt oder aus voller Seele bzw. Schleimbevorratung hinausgeschleudert, ist er trotz seines mannigfaltigen Auftretens vor allem Eines – überflüssig. Merke: Es geht auch ohne. Immer. Wer etwas anderes behauptet, hat sich und seine Konzentration nicht im Griff und sollte sein Konzertengagement grundlegend überdenken. Anders ausgedrückt: Der Husten ist das Ventil der Unmusikalischen.

Konzertsünde Nr. 2. Das dreiste Gelaber.

Die verbale Verfehlung des Gelabers, je nach Region auch als Geschwätz, Gebabbel, Gesülze, Geplapper, Gewäsch oder Gefasel bekannt, ist ebenso ärgerlich wie vermeidbar, zumal hier fadenscheinige Ausreden, wie sie noch in der Erduldung des Hustens schwächere Geister vielleicht durchgehen lassen mögen, von vornherein ein mutwillig kunstfeindliches Gemüt entlarven. Dabei ist es einerlei, ob es sich um eine Frage („Geht es schon los?“) oder Aussage („Es geht los!“), eine Äußerung des Mißfallens („Wie lange geht das denn noch?“), der Zustimmung („Das könnte immer so weitergehen!“) oder das häufig anzutreffende Phänomen handelt, bei dem schlichte Gemüter irgendeine belanglose Erkenntnis direkt absondern müssen („Schau mal – da geht einer.“). Es spielt keine Rolle, welche Intention und welcher Informationsgehalt der akustischen Entleerung zugrunde liegt – man erspare sie sich und den übrigen Besuchern und hebe sich Perlen wie „Das ist Mozart!“ (In einem Mozart-, besser noch in einem Haydnkonzert) oder „Ein schönes Kleid hat die Isolde“ für das Expertendinner NACH der Darbietung auf.

Fortsetzung folgt.


Ach ja, und dann war ich an diesem Wochenende zum ersten Mal in Regensburg. Ein hübsches Theater, ein ehrwürdiger Saal, der im Gegensatz zum ursprünglich eingeplanten Passau trotz launischer Donau das Sitzen auf trockenen Polstern ermöglichte, dazu eine runde Produktion von Janáčeks „Katja Kabanova“, die ich also hier in der Oberpfalz kennenlernen sollte.

Die Tatsache, daß man auch nach zwei- bis dreimaliger Lektüre der Handlung im Programmheft immer noch nicht so recht verstanden hat, wer mit wem und überhaupt, läßt entweder auf eine tierisch komplizierte Handlung, ein dürftiges Gedächtnis bzw. Leseschwäche beim Autor dieses Blogs oder aber mittelschwere Probleme beim Memorieren slawischer Namen schließen – Letzteres konnte letztendlich als Hürde identifiziert werden. Aber eigentlich liegt der Fall auch hier – wie so oft – ebenso einfach wie tragisch: Die, die zusammen sollen, wollen nicht und die die zusammen wollen, dürfen nicht. Man kennt das.

Die Inszenierung von Frau Fassbaender, deren stimmliches Wirken ich leider nicht mehr live erlebt habe, mir aber durch manch herrliche CD ans Herz gewachsen ist, hat mir ausgesprochen zugesagt. Die Wesenszüge der einzelnen Charaktere kommen deutlich zur Geltung – etwa der zögerliche, schwache Tichon, die herrschsüchtige, auf ihren Sohn offenbar mit mehr als Mutterliebe fixierte Kabanicha oder die von Sehnsucht getriebene Katja. All die Figuren mit ihren Hoffnungen, Ängsten, Wünschen, irrlichtern im stetigen Fluss der doppelten Drehbühne, wie von den Wellen der omnipräsenten Wolga getrieben. Verschiedene Lichtsituationen lassen den Strom immer wieder anders erscheinen, mal erinnert das Bild an ein Werk Gerhard Richters, mal scheint Caspar David Friedrich Pate gestanden zu haben, schließlich geraten die Wellen durch Projektion in Bewegung.

Die Sorgen und Nöte der Menschen wirken auf mich fast nebensächlich, beiläufig; der Wissenschaftler macht seine Experimente als Repräsentant einer neuen Zeit, die Tradition in Frage stellend. Doch wie steht es mit der Tradition der Unterdrückung? Weniger im großen Ganzen als unter dem Brennglas persönlicher Schicksale? Sind auch hier neue Erkenntnisse, Fortschritte zu erwarten? Katjas Schicksal wirkt eher wie eine Störung denn als Aufbruch der Tradition, ein unerwartetes Kräuseln auf der seit Gezeiten ruhig dahinfließenden Wolga. Ihr Selbstmord bestürzt, wird jedoch durch den bigotten Schlußkommentar der Kabanicha seltsam relativiert.

Vielleicht ist es diese Form von Realismus, dem Pathos eher fern, der mir die Oper auch musikalisch – zumindest nach dem ersten Durchhören – eher sperrig und distanziert erscheinen läßt. Der Funke will jedenfalls erst mal nicht so recht überspringen, obwohl ich generell der Tonsprache Janáčeks sehr zugetan bin. An der Inszenierung dürfte es wie gesagt nicht gelegen haben. Kommt Zeit, kommt Erkenntnis.


Leoš Janáček – Katja Kabanova
Musikalische Leitung – Arne Willimczik
Inszenierung – Brigitte Fassbaender
Bühne und Kostüme – Dorit Lievenbrück
Licht – Martin Stevens
Choreinstudierung – Alistair Lilley
Dramaturgie – Eva Maskus

Sawjol Prokofjewitsch Dikoj, ein Kaufmann – Mario Klein
Boris Grigorjewitsch, sein Neffe – Arturo Martín
Marfa Ignatjewna Kabanova (Kabanicha) – Clarry Bartha
Tichon Iwanytsch Kabanov, ihr Sohn – Roman Payer
Katja, seine Frau – Michaela Schneider
Wanja Kudrjasch – Cameron Becker
Varvara, Pflegetochter im Hause Kabanov – Vera Egorova
Kuligin, Freund von Kudrjasch – Matthias Wölbitsch
Glascha – Elena Lin
Fekluscha – Angelika Hircsu

Philharmonisches Orchester Regensburg
Opernchor des Theaters Regensburg
Statisterie und Kleindarsteller

25. Mai 2013

Philharmonia Orchestra – Esa-Pekka Salonen.
Laeiszhalle Hamburg.

19:15 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 5, Platz 16



Edgar Varèse – Amériques

(Pause)

Igor Strawinsky – Le sacre du printemps



Ich glaube an dem Tag, da ich ein Programmheft zum Sacre in Händen halten werde, das einmal NICHT den (kalkulierten) „Jahrhundertskandal“ seiner Uraufführung thematisiert, bringe ich zum Dank eigenhändig irgendein heidnisches Opfer dar. Vielleicht nicht gerade eine tanzende Jungfrau, wahrscheinlich eher eine quasselnde Nebensitzerin (dazu später mehr), oder etwas in der Art.

Mein Respekt gilt erst mal Herrn Matuschek für die Handschrift seiner Einführungen. Schon beim Bostridge/Britten Liederabend (Link) war mir diese positiv aufgefallen. Zahlreiche Bild- und Tonbeispiele, ein interessanter, ungewöhnlicher Einstieg (im Falle von Britten ein erhellender Folksong-Vergleich), dazu ein lockerer aber keineswegs seichter Vortrag. Und heute also: Der Skandal. Oder besser: Der kalkulierte, inszenierte Skandal. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich bin der turbulenten Farce, bei der ein Störenfried aus dem Publikum die einleitende Fagottkantilene der Solistin auf der Bühne barsch zu stören suche, um dann seinerseits von erbosten Nebenleuten angegangen zu werden, absolut auf den Leim gegangen. Da war gleich Leben in der Bude, eine Mischung aus Peinlich- und Fassungslosigkeit machte sich breit. Meine Hochachtung für diesen Wachmacher! Die Einführung als solche war eine wirkliche Bereicherung, indem Matuschek beispielsweise mittels grafischer Umsetzung bestimmter Stellen der Sacre-Partitur deren komplexe Struktur zumindest punktuell nachvollziehbar zu machen suchte. So was könnte ich mir stundenlang zu Gemüte führen.

Dergestalt geht es aber offenbar nicht jedem, der sich mit solch einem rein „modernen“ Programm konfrontiert sieht – so zumindest deutete ich das grotesk ablehnende Verhalten der Dame zu meiner Rechten, das mir den Genuß eben jenes Sacre unmöglich machte. Unablässiges Aufstöhnen, ja lautes Hereinreden bis hin zu Klatschen (!?) während der Aufführung – sollte sich das Motto des Skandals nun verselbständigt haben? Mein Hinweis an die Dame beim Verlassen des Saales, ihr Gebaren habe das Konzerterlebnis jetzt nicht unbedingt bereichert, wurde zuerst ignoriert, dann von ihrem Gatten (der im Laufe der Darbietung zumeist abwesend mit den Schuhen klapperte, wenn er nicht gerade seine Begleitung zur Mäßigung rief, und so dem rhythmischen Element der Komposition eine ganz neue Note verlieh) umso beherzter mit einem Griff an meinen Arm aufgenommen: Was mir denn einfiele, seine Frau derart anzusprechen, wo sie doch – Zitat: „etwas dement“ sei.

Man mag mich für einen Unmenschen halten, daß ich dieser Logik daraufhin widersprach, aber vielleicht ist es meiner Kaltherzigkeit oder Respektlosigkeit geschuldet, daß ich in diesem Fall auf einer gänzlich anderen Einschätzung des Tatbestandes Respektlosigkeit beharre. Und ganz allein blieb ich mit dieser Meinung dann auch nicht, wie sich bei einem Gespräch an der Garderobe herausstellte. Es will mir einfach nicht einleuchten, mit welchem Recht man es sich herauszunehmen getraut, das Interesse von etwa zweitausend Konzertbesuchern der individuellen Verfassung unterzuordnen. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob der Grund für die anhaltende Störung Demenz, ein permanent schreiendes Baby oder ein ordinärer Schnupfen ist, wenn er dazu führt, daß die Person den Saal zusammenhustet oder –niest. Bestimmte Dinge gehen einfach nicht, so tragisch es im Einzelfall dann sein mag. Leid tut mir in dieser Posse nur die alte Dame, die in eine Veranstaltung geschleppt wird, die sie im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich weder aufgenommen, geschweige denn genossen hat.

Und zu genießen gab es eine Menge, soviel habe ich dann doch noch mitbekommen. Schließlich gastierte mit der Truppe aus London eines der besten Orchester überhaupt auf der erweiterten Bühne der Laeiszhalle. Jene war insbesondere für Varèse zwingend erforderlich, um Gerät und Künstler immer noch in Ölsardinenschichtung unterzubringen. Das Philharmonia Orchestra gehört zu meinen ausgemachten Lieblingen. Die Kombination aus virtuoser Perfektion und einem etwas spröden, fast rauchigen Charakter macht es ebenso stimulierend wie unverwechselbar. Die Energie, die es unter dem kantigen, treibenden Dirigat Salonens entfacht, konnte ich glücklicherweise nun schon zum dritten Mal auf mich wirken lassen – naja, bis auf die heutige Sabotageaktion, aber das hatten wir ja schon. Jede Instrumentengruppe für sich liefert Referenzwerte an Klang und Technik, im Zusammenspiel erlebt man die Vereinbarkeit von Urgewalt und Sinnlichkeit.

In Frage gestellt werden konnte heute allenfalls das dynamische Konzept Salonens, das vor allem bei Amériques die Schmerzgrenze der Laeiszhallenakustik aus- und überreizte – aber was hat man schließlich bei solch einem Berserker-Stück auch in Reihe 5 verloren. Wohlgemerkt: Die Verhältnisse und Kontraste der Lautstärken, bezogen auf den Aufbau der Komposition sowie die Konsequenz in der Umsetzung waren bestechend, nur vielleicht nicht ganz ohrgerecht für einen Saal dieser Bauart. Und das aus dem Munde eines unverbesserlichen Krawalljunkies wie mir!

Aber noch einmal: ob laut, ob leise, das Orchester ist eine Wucht. Schneidende Streicher, geschmeidig-agiles Holz, unerbittliches Schlagwerk, majestätisches Blech. Und immer wieder – Feinheiten. Allein die Wirkung der silbrig flüsternden Trompeten der Introduktion des zweiten Sacre-Teils, die Illusion einer fernen und doch sehr präsenten Klage schaffend – nur ein Beispiel unter vielen. Die Qualität des Vortrages machte den Abend besonders frustgesättigt, schließlich weckt solch hoher Besuch entsprechende Vorfreude und schürt Erwartungen, deren Eintreten heute einer Verschwendung gleichkam. Fazit: Dumm gelaufen.

PS: Wer immer noch glaubt, das erlauchte Klassikpublikum habe mit schnöden Erfindungen wie Fußball nichts am kulturell breitkrempigen Hut, hätte sich nach dem Konzert mal im Brahmsfoyer einfinden sollen. Sehr lustig und als Frustbewältigung besser geeignet als gedacht. Relativiertes Fazit: Zweimal ganz großes Kino mit britischer Beteiligung – London empfiehlt sich als Gast UND Gastgeber. Meine Hochachtung.

27. April 2013

Lucrezia Borgia – Andriy Yurkevych.
Deutsche Oper Berlin.

18:45 Uhr Einführung, 19:30 Uhr, Parkett links, Reihe 6, Platz 26



Ab nach Berlin zur Gruberova-Show. Zumindest hatte ich mir das so vorgestellt, aber der Abend hielt dann doch noch andere Überraschungen bereit. Ein exzellentes Ensemble beispielsweise, das meine Befürchtung einer einseitigen Fokussierung auf die Koloratur-Diva grundlegend widerlegte. Und damit meine ich nicht nur die weiteren Hauptrollen, die wahrlich Weltklassequalität bewiesen, sondern jeden einzelnen, der sich heute befrackt vor dem Orchester ans Publikum wandte.

Auch ohne Kostüm und Kulisse übertrug sich da Vieles an Atmosphäre und Zwischentönen der Handlung, nehmen wir einmal die etwas kleinere Rolle des Rustighello, in der Alvaro Zambrano List und Tücke ausstrahlte, oder aber Alex Esposito als alles beherrschender Herzog – wenn Blicke töten könnten! Aber es ist ja nicht mit der Mine, dem Auftreten getan, in diesem Fall komplettieren jene eine stimmliche Präsenz, die geradezu Ehrfurcht gebietend ist. Allein um diesen Künstler zu hören, hätte sich die Reise schon gelohnt. Aber gemach – die Liste der musikalischen Schönheiten ist lang heute.

Pavol Breslik scheint mir den Idealtypus für solche Tenorpartien zu sein, eine Stimme voll Herzblut und Strahlkraft, gleichermaßen klangschön wie energisch, dazu deutete er bereits mit wenigen Gesten an, daß er auch darstellerisch über erhebliches Charisma verfügt. Ähnliches läßt sich über Jana Kurucová sagen, die in der Hosenrolle des Maffio glänzte (das beileibe nicht nur durch den Glitzerblazer im zweiten Akt) und die Herrenriege mit ihrem klaren, flexiblen Mezzo bereicherte. Und auch wenn er quantitativ nur eine Randfigur des Abends darstellte, hinterließ der volltönende, wunderbare Bass des Tobias Kehrer umso deutlicher einen bleibenden Eindruck. Chor und Orchester folgten dem knackigen Dirigat, das immer wieder für intensive Momente sorgte, beispielsweise in der mitreißenden Tempoverschärfung zum Ende des ersten Aktes – das knallt ordentlich!

Und natürlich, es gab da ja noch diese gewisse Dame, deren Gestaltung der Titelpartie schon das ein oder andere Wort verdient hat. Um nur eines zu verwenden: phänomenal! Frau Gruberova bildet ohne Frage das Zentrum der Aufführung, bei jedem Auftritt scheint das Publikum wie elektrisiert zu sein. Neben der schier erschlagenden Elastizität ihrer feinen Stimme hat mich deren Kraft und Tragfähigkeit verblüfft. Wirklich unglaublich wird es dann, wenn der Begriff Nuance neu verhandelt wird – an einer Stelle hielt die Sängerin einen Hauch von Ton über eine gefühlte Ewigkeit, trotz der um sie herum stattfindenden, lauteren musikalischen Ereignisse absolut präsent, um diesen dann plötzlich in dynamische Höhen zu schrauben, die ihrer Rolle in dieser Situation unmißverständlichen Respekt einflößten. Frau Gruberova geht voll und ganz in dieser Partie auf. Sie umgarnt und verflucht, schmachtet und kämpft, triumphiert und leidet. Und auch wenn es vielleicht widersinnig klingen mag, ergibt sich gerade aus dieser größtmöglichen Verinnerlichung mein einziger Kritikpunkt: Ich kann mir nicht helfen, am Ende ist es mir doch etwas zu dicke mit dem Geschluchze, Geseufze und Geweine. Wahrscheinlich wird jetzt jeder Freund der italienischen Oper vor Empörung ob dieser frevelhaften Ketzerei auf- und der Dame zur Seite springen, aber so empfinde ich es nun mal – eine Spur zu viel.

Eine Spur zu wenig hingegen – um mich wenn schon, dann richtig in die Nesseln zu setzen – liefert mir das Werk an sich. Die Musik plätschert hübsch langweilig dahin, zwischendurch wird mal angezogen, aber gerade auf die Dauer ist die Oper mehr als eintönig. Zu mokieren, es passiere ja nicht viel und es würde eh nur rumgelabert, könnte natürlich auch jeden Parsifal-Verächter auf den Plan rufen, aber gut, die Geschmäcker sind eben verschieden. Mir persönlich wollen insbesondere Trink- und Schunkelepisoden der Weinseligkeit anfangs des zweiten Aktes einfach nicht munden. Auch diese ewigen „Überraschungsmomente“ wer jetzt wieder wen ver- oder entgiftet hat, entziehen sich meiner Vorstellung von Spannungsbögen.

Egal, genug geunkt, am Ende des Abends ändern auch musikalische Geschmacksvorlieben nichts an der Tatsache, daß mit dieser konzertanten Aufführung eine Qualität abgeliefert wurde, wie sie luxuriöser kaum denkbar ist. Ein orkanhafter, nach diversen Vorhängen kaum abflauender Beifall setzte diese Erkenntnis auch akustisch gebührend um.


Gaetano Donizetti – Lucrezia Borgia
Musikalische Leitung – Andriy Yurkevych
Chöre – William Spaulding

Don Alfonso d’Este – Alex Esposito
Lucrezia Borgia – Edita Gruberova
Gennaro – Pavol Breslik
Maffio Orsini – Jana Kurucová
Jeppo Livoretto – Paul Kaufmann
Apostolo Gazella – Andrew Harris
Ascanio Petrucci – Seth Carico
Oloferno Vitellozzo – Jörg Schörner
Rustighello – Alvaro Zambrano
Gubetta – Simon Pauly
Astolfo – Tobias Kehrer
Eine Stimme aus der Ferne – Tobias Kehrer

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

26. April 2013

Liederabend – Ian Bostridge & Friends.
Laeiszhalle Hamburg, Kl. Saal.

19:15 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Parkett Mitte links, Reihe 9, Platz 4



Benjamin Britten – Songs and Proverbs of William Blake op. 74
Henry Purcell/Benjamin Britten – Lord, what is Man
Pelham Humfrey – A Hymn to God the Father D 49 (arrangiert von Michael Tippett und Walter Bergmann)
William Croft/Benjamin Britten – A Hymn in Divine Musick

(Pause)

Benjamin Britten – Canticle I op. 40
für Tenor und Klavier „My Beloved is Mine“
Benjamin Britten – Canticle II op. 51
für Alt, Tenor und Klavier „Abraham and Isaac“
Benjamin Britten – Canticle III op. 55
für Tenor, Horn und Klavier „Still falls the Rain“
Benjamin Britten – Canticle IV op. 86
für Countertenor, Tenor, Bariton und Klavier „Journey of the Magi“
Benjamin Britten – Canticle V op. 89
für Tenor und Harfe „The Death of Saint Narcissus“

(Ian Bostridge – Tenor, Iestyn Davies – Countertenor, Simon Keenlyside – Bariton, Stefan Dohr – Horn, Maria Tsaytler – Harfe, Julius Drake – Klavier)



Hatte ich schon einmal erwähnt, daß ich Britten liebe? Hmm, ich befürchte jedesmal, wenn der Lockenkopf Thema ist. Oder auch wenn nicht, denn ich lenke das Thema gern mal auf Britten, auch wenn seine Werke gerade nicht Bestandteil eines Programms sind. Da habe ich es in diesem Fall leichter – ein reiner Britten-Abend. Also fast, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein.

Ein Liederabend mit Ian Bostridge (auch bei der Einführung stand der schlaksige Brite Rede und Antwort), der gleich noch ein paar Freunde im Schlepptau mitbrachte – und was für welche! Simon Keenlyside förderte mit den Songs and Proverbs of William Blake Kraft einer kaum steigerungsfähigen textlichen Identifikation Unglaubliches an Inbrunst und Ausdruck zu Tage. Dabei scheint dieser Intensitätsgrad bei ihm keine Seltenheit zu sein, wie ich bei seinem Münchner Wozzeck erleben durfte (Link). Ein wohltimbriertes Organ, das die ganze emotionale Skala von galligem Furor bis ersterbendem Flüstern abrief, die in diesem dämonisch soghaften Werk angelegt ist.

Im Zuge der folgenden Liedbearbeitungen konnte man sich erstmals von der kristallinen Qualität der wahrhaft himmlischen Stimme des Iestyn Davies einnehmen lassen. Unter seiner Mitwirkung erwies sich dann das zweite Canticle als einer der Höhepunkte eines Glücksfalls von Abends im Geiste Brittens. Gerade dieses Canticle zeigt mit seinen verschiedenen Affektminiaturen die ganze Meisterschaft des Komponisten: Die Trauer Abrahams, seinen Sohn opfern zu müssen, dessen Angst, die schließlich in zärtliche Wehmut beim Abschied der beiden mündet, um dann am Ende in grenzenlose, dankbare Freude über die Rettung umzuschlagen.

In der Einführung wurde Herr Bostridge auch danach befragt, wie er denn mit dem unausweichlichen Pears als Vorbild bzw. Bürde umzugehen pflege, was der Sänger damit beantwortete, er müsse und könne angesichts der singulären stimmlichen Eigenart des Vorgängers nur seinen eigenen Weg gehen. Und wie er ihn geht. Bostridge besitzt die Intelligenz und das Einfühlungsvermögen, die tiefsten Tiefen dieser kleinen Wunderwerke auszuloten, ihnen das Höchste abzugewinnen. Die Stimme schlank und edel, geschmeidig und wandelbar im Ausdruck.

Wie wohl stimmt – und klingt – es, daß Britten über solche Freunde verfügt, wobei ausdrücklich die Instrumentalisten des Abends, allen voran Julius Drake mit seinem butterweichen Anschlag, mit einzubeziehen sind. Der Freundeskreis seiner Tonkunst dürfte jedenfalls durch solche Darbietungen den ein oder anderen neuen Zugang zu verzeichnen haben. Die Reaktion des Publikums zumindest ermutigt, daß in diesem Fall nicht bloß der Wunsch Vater des Gedankens ist.