18. September 2016

Orchestre de Paris – Daniel Harding.
Philharmonie Paris.

16:30 Uhr, 1er Balcon, Etage 4, Tür 4B, Platz D45



Robert Schumann – Szenen aus Goethes Faust

Hanna-Elisabeth Müller – Sopran

Mari Eriksmoen – Sopran
Bernarda Fink – Mezzosopran
Andrew Staples – Tenor
Christian Gerhaher – Bariton
Franz-Josef Selig – Bariton
Tareq Nazmi, Bass
Chor des Orchestre de Paris
Kinderchor des Orchestre de Paris


Das ist sie also, die neue Philharmonie von Paris. Falls die Saalakustik tatsächlich den erhofften Vorgeschmack auf die Elbphilharmonie geboten hat, könnte die Ernüchterung 2017 keine kleine sein. Aber lassen wir mal das Konzerthaus im Dorf und warten diesbezüglich ab. Nur eines ist sicher: Nach Paris muss man nicht reisen, um vollendeten Klang zu erleben, zumindest nicht ins Gestühl des ersten Rangs. Relativ distanziert, sehr hallig – was sich insbesondere für die Textverständlichkeit ungewohnt destruktiv erweisen sollte – zudem ohne Bumms im Fortissimo (Ok, Schumann ist hier sicher nicht der Maßstab). Einzelne Instrumente und Soli sind durchaus gut zu orten, leise Passagen entfalten einen gewissen intimen Reiz, das war es dann aber auch schon mit den Vorzügen der Halle. Oder anders: Nichts, was man woanders nicht schon ähnlich oder eben besser gehört hat. Köln bleibt hier sowohl in Bezug auf die Herausarbeitungsmöglichkeiten für Details als auch beim Gesamteindruck eine andere Liga.

Von meinem Platz aus war es jedenfalls äußerst ernüchternd erfahren zu müssen, dass beispielsweise von dem subtilen Vortrag des geschätzten Christian Gerhaher erschreckend wenig den Weg ans Ohr fand, da die Akustik Tiefen offenbar generell schlecht überträgt und der bereits angesprochene Hall die Charakteristika der Stimme verschleierte. Das gilt natürlich gleichermaßen für alle übrigen Sänger, deren durchweg exzellente Leistung durch diese widrigen Umstände je nach Stimmlage mehr oder weniger getrübt wurde. Die Damen und Herr Staples kamen somit besser als das Bariton- und Bass-Segment davon, ideal ist aber in jedem Fall etwas anderes.

Apropos – kleiner Einschub zur Architektur: Über Optik lässt sich sicher streiten. Ich persönlich könnte mir durchaus ansprechendere Formen für ein neues, repräsentatives Konzerthaus vorstellen, als einen gigantischen Chrom-Hundehaufen, den ein eckiges, ebenfalls metallisches Irgendwas bekrönt. Auch die Frage, ob die unzähligen Plättchen, die in den Foyers von der Decke baumeln, als Hingucker oder Staubfänger fungieren, bietet sicher Raum für Diskussionen. Unzweifelhaft ist jedoch, dass bei der Gestaltung des Interieurs die Möglichkeit einer Benutzung durch menschliche Besucher offenbar nur am Rande in Betracht gezogen wurde – Kaum Sitzmöglichkeiten, schon gar nicht da, wo man sie wirklich gebrauchen könnte (in der Bar zum Beispiel), auch das Toilettenbudget scheint für Deckenhänger, verspiegelte Simse und Bodenplatten in der Form dieser Dinger, die das ganze Haus überziehen (Vögel?), draufgegangen zu sein. Immerhin gibt es das Programmheft gratis.

Aber zurück zur Musik. Schumann ist ja nun mal so’n Kollege, der mit angezogener Handbremse komponiert. Mein Eindruck des Stückes heute war allerdings nicht ganz so katastrophal wie seinerzeit in Hamburg (Link). Der Sonnenaufgang, maßgeblich getragen vom wunderbaren Tenor Andrew Staples’, einiges aus der Mitternacht-Episode und Fausts Tod, dazu mehr oder weniger der komplette zweite Teil, da gibt es durchaus Schlimmeres. Nichts zum Ausflippen, aber gute Unterhaltung. Überhaupt verblüffte heute die gänzlich abweichende Faktur des zweiten Teils. Mehr geschlossene Kantate als die lose Szenenfolge, welche die erste Halbzeit beinhaltet. Hat mir insgesamt auch besser gefallen, fasslicher, zielgerichtet. Natürlich darf man während des Hörens nicht darüber nachdenken, was Mahler aus dem Material geholt hat oder wie schillernd der Faust Berlioz’ ist. Es ist einfach nur ein bisschen schade, dass sich Schumann nicht mehr getraut hat. Seine Verfechter werden ihm diese selbst auferlegte Mäßigung und Fokussierung auf schöne, ordentliche Musik ohne Krassheiten oder groteske Züge sicher als Tugend auslegen – von mir aus. Muss ja auch Musik für Verklemmte geben.

Und was war sonst so? Das Orchestre de Paris und sein neuer Chef sind eine sichere Bank, Herr Harding liefert eine äußerst differenzierte, feine Interpretation, die das Zart-Romantische Schumanns ins beste Licht rückte. Auch die Chöre lassen sich nichts zu Schulden kommen. Alles in Allem musikalisch bedingungslos überzeugend, hätte diese Kombination gern unter besseren akustischen Voraussetzungen erlebt. Gut, erwischt – und mit einem spannenderen Werk.

Tief empfundene Herzlosigkeit am Rande: Egal ob in Paris, Hamburg oder auf dem Mond – wer einen Säugling mit in eine Veranstaltung schleppt, die auf rezipierförderliche Stille, zumindest jedoch auf die Abwesenheit von wahrscheinlich Nahrungsaufnahmebereitschaft oder deren Ergebnis signalisierenden Geplärres ausgelegt ist, dem muss man schlicht und einfach ins Hirn geschissen haben. Crétin!

15. Juli 2016

Orgelkonzert – Eugenio Maria Fagiani.
Berliner Dom.

20:00 Uhr, freie Platzwahl



Johann Sebastian Bach – Chaconne

(Transkription: Busoni-Matthey, BWV 1004)
Sergei Rachmaninow – Barcarolle, op. 10, Nr. 3
(Transkription: E. M. Fagiani)
Sergei Rachmaninow – Mélodie, op. 3, Nr. 3
(Transkription: E. Lemare)
Sergei Rachmaninow – Prélude, op. 3, Nr. 2
(Transkription: E. M. Fagiani)
Gustav Mahler – Adagietto aus der Sinfonie Nr. 5
(Transkription: D. Briggs)
Ulisse Matthey – Elegia
Ulisse Matthey – Toccata-Carillon


Auch Berlin hat also seinen Orgelsommer. So wollte es der terminliche Zufall, dass ich ein Konzert dieser Reihe bei einer Stippvisite in der Hauptstadt gewissermaßen als musikalische Zugabe mitnehmen konnte – noch dazu im prächtigen Dom und mit Mahler als Programmpunkt. Letzteres hätte vielleicht schon im Vorfeld doch eher befremden als vorfreuen lassen sollen, aber einem Gaul für 10 Euro schaue ich auch nicht so genau ins Maul.

Transkription ist das Stichwort. Sicher gibt es genügend Beispiele für gelungene Übertragungen großer Originalkompositionen zur Königin der Instrumente – Mahlers Adagietto scheint nicht unbedingt auf diese Wandlung gewartet zu haben. Zumindest die heute erklungene Version konnte weder akustisch noch bezogen auf seine Darbietung überzeugen. Man hat das Stück erkannt, damit hatte es sich dann auch. Das betont leise Gesäusel, zweimal recht unvermittelt durch dynamisches Forcieren an den „Höhepunkten“ des Werkes unterbrochen, stellte vielleicht die feinen Register der Orgel nett zur Schau, hatte mit dem atmenden, sich organisch entwickelnden, aufblühenden Charakter der Vorlage allerdings nicht viel gemein. Vom hingeschmierten, pseudo-improvisatorischen Rubato des Vortrags, in dem Fagiani mal an unmotivierter Stelle bedeutungsschwer innehielt, um dann über markante Motive eilig hinwegzuhuschen, ganz zu schweigen. Naja, als Untermalung für eine Dombesichtigung im Sitzen hat es seinen Zweck erfüllt, wie man an vielen gen Kuppel gereckten Köpfen ablesen konnte.

Was gabs noch? Ein bisschen transkribierter Rachmaninow, darunter natürlich DAS Prélude. Kann man machen, der Bruch war nicht so heftig wie beim Mahler light, aber auch hier war mein Reflex nicht unbedingt „Verbrennt den Steinway! So muss das!“ Dabei klingt die Orgel des Doms wirklich beeindruckend. Facettenreich, mächtig. Am besten kommt dies in den Beiträgen zur Geltung, die das Konzert rahmen – Bachs Chaconne in der Bearbeitung Busonis und Mattheys sowie zwei Originalwerke des Letzteren. Ein richtiger Kracher scheinen die Stücke des Italieners (ganz im Gegensatz zu den Werken seines berühmteren Landsmannes!) zwar nicht zu sein, taugten aber sehr wohl zur Leistungsschau des Dom-Instruments. Unter dem Strich ein Konzert, das irgendwo zwischen „ganz nett“ und „hätte man sich lieber auch ruhig Zeit für ne zweite Currywurst lassen können“ einzuordnen ist. Punto e basta.

3. Juli 2016

Elwin und Elmire – Christoph Dittmar. Liebhabertheater Schloss Kochberg.

15:00 Uhr Einführung, 16:00 Uhr, Reihe 2, Platz 7



75 Sitzplätze, eine winzige Bühne, darüber eine kleine Galerie für die Musiker, das ist das Liebhabertheater Schloss Kochberg, malerisch gelegen zwischen dem pittoresken Schloss und einem Park, der mit verschlungenen Pfaden zum Flanieren einlädt. Wobei die Reduzierung der Spielstätte auf seine bauliche Form nur wenig über sein Wesen verrät. Das Theater, das ist vielmehr Engagement und Leidenschaft der beteiligten Personen, die den Namenszusatz auf bemerkenswerte Weise mit Inhalt füllen.

Musikliebhaber, Theaterliebhaber, Kulturliebhaber – alles Umschreibungen für diejenigen, welche hier in privatwirtschaftlicher Eigenregie mit viel Herzblut ein ambitioniertes Programm stemmen. Schön zu sehen, dass in Zeiten von Theaterschließungen und Orchesterrationalisierungen mit entsprechendem Einsatz auch Traditionen bewahrt und fortgeführt werden können. Mein Kompliment und Respekt an alle Beteiligten.

Das Stück selbst besticht eher durch seinen putzigen Charme als durch große musikalische Wirkungen oder inhaltliche Offenbarungen – wobei es schon mehr als ein müdes Lächeln Wert ist zu sehen, dass bestimmte Themen einfach seit jeher die Gemüter beschäftigten und auch weiter beschäftigen werden. Stichwort „Generationenkonflikt“, oder zumindest das wechselseitige Unverständnis der Gepflogenheiten der Jugend im Wandel der Zeit. Dass am Ende alles gut wird, steht von Beginn an außer Frage, was jedoch den harmlosen Spaß, den das Werk vermittelt, nicht schmälert.

Es geht ohnehin vielmehr darum, mit Freuden dem Spiel und Gesang der wunderbar herzlich ihre Rollen ausfüllenden Darsteller beizuwohnen. Ihr Auftreten, erarbeitet mit Mitteln des Barocken Gestenkatalogs, ist eher von erfreulich organisch-improvisierter Wirkung als mechanisch oder sklavisch, wie man vielleicht vermuten könnte. Ohnehin scheint die Chemie in diesem kleinen Ensemble zu stimmen.

Die Musiker von der Empore tragen ihren Teil zum harmonischen Ganzen bei, man ist bei der Sache, hier und da huscht ein Schmunzler über das Gesicht der Solisten. Auch wenn ich nach der Darbietung nicht den Drang verspüre, das gesamte musikalische Oeuvre ihrer Durchlaucht kennenlernen zu müssen, habe ich mich doch gut unterhalten gefühlt, wobei sich die Herzogin das beste Material eindeutig für Terzett und Quartett des Finale aufgehoben hat.

Für Goethe-Fans ist das Ganze sicher inhaltlich noch weitaus spannender, aber auch jedem Opernfreund sei ein Besuch bei diesem Musiktheater-Nucleus empfohlen – vor allem wegen der Menschen, die ihn formen. Bezeichnend, dass alle Beteiligten nach der Aufführung bei einem Glas Liebhaber-Theater-Sponsorensekt für einen kleinen Plausch zur Verfügung stehen. Kultur zum Anfassen eben, so könnte das inoffizielle Motto hier auf Schloss Kochberg lauten. Darauf ein Glas!


Erwin und Elmire – Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach
Arrangement für Flöte, Violine, Tasteninstrument und Singstimmen von Bernhard Klapprott
Musikalische Leitung / Cembalo – Christoph Dittmar
Gundula Mantu – Violine, Daja Leevke Hinrichs – Traversflöte
Regie – Nils Niemann
Kostüme – Kristina Weiß
Produktion – Silke Gablenz-Kolakovic, Christoph Dittmar
Eine Koproduktion des Liebhabertheaters Schloss Kochberg mit Cantus Thuringia & Capella

Elmire – Anna Kellnhofer, Sopran
Erwin – Benjamin Glaubitz, Tenor
Olympia – Barbara Christina Steude, Sopran
Bernardo – Carsten Krüger, Bariton

2. Juli 2016

Der Wildschütz – Pawel Poplawski.
Goethe-Theater Bad Lauchstädt.

14:30 Uhr, Galerie, Loge 3, Platz 12



Da hat sich der Herr Geheimrat aber einen putzigen Theaterstall ins Nirgendwo gesetzt. Die aktuellen Renovierungsarbeiten geben den Blick frei auf zweckdienliche Lehmziegel und Holzbalken, die noble Illusion der Putzfassade ist dem bäuerlichen Charme einer Scheune gewichen. Diese Offenlegung des Zweckbauskeletts ist nicht ohne Reiz, vervollkommnet sie doch im Verbund mit der im Anschluß an die Aufführung besuchten Hausführung den Eindruck, daß hier immer schon Inhaltliches vor Äußerlichkeiten kam. Ebenso amüsant wie lehrreich beispielsweise die Anekdote, daß das den Zuschauerraum beschirmende Deckensegel weniger der Referenz antiker Vorbilder, sondern in erster Linie der kostengünstigen Kaschierung der profanen Gewölbekonstruktion geschuldet ist. Irgendwie ziemlich sympathisch, dieser nett verpackte Pragmatismus.

Zumal das Ergebnis den Bauherren Recht gibt. Die Akustik ist vorzüglich, das kleine Orchester sehr präsent. Einzig die Streicher bzw. hautsächlich die Violinen sorgen bei mir für kurze Irritation, da sie auf meinem Platz deutlich von der rechten Seite zu vernehmen sind, obwohl sie brav auf der Linken Platz genommen haben – ein Kuriosum, daß vielleicht auf die tonnenförmige Decke zurückzuführen ist? Der Gesamteindruck erfährt durch diesen Umstand jedoch keinerlei Beeinträchtigung. Die Sänger sind meistenteils gut zu hören, wobei es hier natürlich auf die jeweiligen persönlichen Charakteristika der Stimmen ankommt.

Lortzings Wildschütz würde ich allen theaterhistorischen Meriten zum Trotz nicht unbedingt als Schwergewicht bezeichnen. Hab ich das Stück also auch mal gehört, anstatt nur in Opernführern und Co. darüber zu stolpern – Bildungslücke geschlossen, Thema erledigt. Die hier gezeigte Aufführung ist eine Produktion des Magdeburger Theaters, was insofern etwas schade war, da in dieser Inszenierung die historische Lauchstädter Bühnenmaschinerie logischerweise keine Verwendung findet. Zumindest konnte ich mir dessen Eingeweide bei besagter Führung kurz ansehen, was allerdings nur ein schwacher Ersatz für von Geisterhand bewegte Scherenwände und ähnliches ist, wie ich seit meinem Besuch des Theaters in Gotha weiß (Link).

Inhaltlich wie musikalisch ist Überforderung durch Stück und Umsetzung nicht zu befürchten – den größten Lacher des ersten Aktes landete man, indem eine Kuh-Attrappe durch gartenpumpenartiges Betätigen ihres Schwanzes gemolken wurde. Es wäre allerdings deutlich alberner gewesen, die leicht verdauliche Verwechslungskomödie mit bedeutungsschwangeren Metaebenen oder Zeitbezugs-Transplantationen zu befrachten. Die Magdeburger Inszenierung erzählt die kompliziert-einfache Geschichte mit leichter Hand und nicht ohne Selbstironie – wo wir beispielsweise wieder bei besagter Kuh wären. Überhaupt geben Bühnenbild und Ausstattung – abgesehen von den teilweise aufwändigen Kostümen – dem Ganzen einen bewusst attrappenartigen, übertrieben kulissenhaften Rahmen.

Niedliche Häuschen-Aufsteller, die von den Protagonisten durch einfache Luken betreten und verlassen werden, welche ihre Undreidimensionalität unterstreichen. Oder ein Interieur, das jeweils einzig aus typografisch angeordneten Begriffen den benannten Einrichtungsgegenstand bildet. Ein bisschen scheint es, als spiele sich die gesamte Handlung zwischen den Deckeln eines Buches ab. Gleich zu Beginn wird diese Assoziation mit dem als Buchtitel abgesetzten Namen des Stückes geweckt. Dazu passt irgendwie auch, dass die Darsteller sich mitunter eines regelrecht marionettenhaften Gestenrepertoires bedienen. Der Wildschütz oder die Stimme der Natur – also doch keine Personen aus Fleisch und Blut, sondern reine Fiktion?

Ich muss gestehen, dass ich mit diesen latent verklemmten Bäumchen-wechsel-Dich-Frivolitäten nicht viel anfangen kann. Dennoch würde ich behaupten, dass das Regieteam alles aus dem Stoff herausgeholt hat. Dazu trägt auch die offensichtliche Aktualisierung der Dialoge bei (Parsifal- und Tannhäuser-Bezugnahme, Begriffe wie „Schlampe!“ oder „Kapitalist!“ etc.), welche den wahrscheinlich arg ausgeblichenen Firnis des Original-Librettos hier und da ein wenig auffrischt. Das Magdeburger Ensemble und Orchester unter der lebendigen Stabführung Herrn Poplawskis garantieren musikalische Qualität fern jeglicher Provinzialität und stellen eindrucksvoll unter Beweis, dass das Lauchstädter Festival definitiv auch für Nicht-Goethe-Sentimentalisten eine Reise wert ist.

Fazit: Lortzing in Lauchstädt oder: auch schlichte Kost kann meisterhaft zubereitet sein.


Der Wildschütz – Albert Lortzing
Musikalische Leitung – Pawel Poplawski
Inszenierung – Aron Stiehl
Bühne – Simon Holdsworth
Kostüme – Dietlind Konold
Dramaturgie – Ulrike Schröder
Choreinstudierung – Martin Wagner

Graf von Eberbach – Roland Fenes
Die Gräfin, seine Gemahlin – Ks. Undine Dreißig
Baron Kronthal, Bruder der Gräfin – Ralf Simon
Baronin Freimann, Schwester des Grafen – Julie Marie du Theil
Nanette, ihr Kammermädchen – Jenny Stark
Baculus, Schulmeister – Johannes Stermann
Gretchen, seine Braut – Irma Mihelič
Pankratius, Haushofmeister – Peter Wittig
Bürgermeister – Thomas Matz
Tante Irmgard – Evelyn Nenow-Sambale

Opernchor des Theaters Magdeburg
Magdeburgische Philharmonie

12. Juni 2016

Peter Grimes – Gabriel Feltz.
Theater Dortmund.

15:00 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 78, nach der Pause Platz 88


Den Kniff kannte ich so auch noch nicht: einfach im Programmheft dem Komponisten ein paar fingierte Aussagen in den Mund legen, um das eigene Regiekonzept gewissermaßen im Konjunktiv absegnen zu lassen. Schon klar, daß das Kurzinterview mit Britten nicht wirklich ernst gemeint und noch weniger zu nehmen ist, doch zeigt es schon, daß sich die Verantwortlichen offenbar selbst im Klaren sind, wie angreifbar ihre Interpretation ist. Dabei sind durchaus gelungene Ansätze und Details zu entdecken, mit dem kleinen Schönheitsfehler, daß leider das große Ganze nicht funktioniert – und das gleich auf mehreren Ebenen. Daß es Tilman Knabe nicht reicht, Peter Grimes als Einzelgänger und Knabenschinder zu porträtieren, sondern aus ihm gleich mal einen pädophilen Serienmörder macht, wäre dabei noch nicht einmal so schlimm, wie es sich provokanzbemüht anhört. Das Hauptproblem bei dieser Idee stellt – wie bei eigentlich allen übrigen des Regieteams – weniger das „Was“, als vielmehr das „Wie“ dar, denn auf letzteres scheint es in dieser Produktion nur eine Antwort zu geben: Von allem zuviel.

Willkommen in Asi-Town, einem kleinen Fischerdorf irgendwo an der Steilküste sozialer Norm nach der unwiederbringlichen Landnahme durch die stetig peitschende Brandung der Sittenlosigkeit. Fast könnte man meinen, einer mit aller Liebe zum Detail umgesetzten Bühnenfassung von „Mitten im Leben“ oder ähnlichen Perlen privatsenderlicher Menschenverachtung beizuwohnen. Hier wird pausenlos geraucht, gesoffen und geprügelt, die Klamotten sind so betont auf Konsumismus-Bodensatz abgestimmt, dass sich die zwei Nichten-Nutten optisch richtig anstrengen müssen, um überhaupt in puncto Vulgarität und billigem Auftreten noch halbwegs herauszustechen. Der Begriff Nichten-Nutte ist vielleicht nicht die feine englische Art, nicht gerade subtil gewählt, aber wenn diese Inszenierung eines NICHT ist, dann subtil. Gleich im Gerichts-Prolog geht es los mit einem hoffnungslosen Overacting, das erst irritiert und auf die Dauer einfach nur nervt. Jeder ist hier im Nu von Null auf Hundert. Aber noch mal hübsch der Reihe nach. Was genau ich mit dem „Zuviel“ meine, lässt sich in drei Teilbereiche einsortieren:

Ich bin ja ein großer Freund individueller Personenregie und hätte nie gedacht, dass sich deren Einsatz bei einer Überdosierung, wie sie heute verabreicht wurde, derart störend auswirken könnte. Einerseits gilt mein Respekt den Verantwortlichen, die offenbar davon getrieben sind, den handelnden Personen, insbesondere auch dem Chor, sinnvolle und somit glaubhafte Tätigkeiten auf den Leib zu inszenieren (Gelungenes Beispiel: Grimes nimmt während eines Dialoges Fische aus). Eigentlich genau das richtige Prinzip, um unmotivierte Rampensteherei zu vermeiden und Authentizität zu stützen. In Dortmund wird der Bogen allerdings in schöner Regelmäßigkeit überspannt, so daß vor lauter Gewusel und Nebensächlichem die eigentliche Handlung überdeckt wird.

Zwei Beispiele: Als Ellen gegenüber den anderen Dorfbewohnern für Peter einsteht, wird sie von der wild gestikulierenden Meute regelrecht zugestellt, so daß ihr Apell, immerhin eine Schlüsselszene, visuell, aber vor allem auch akustisch verpufft. Noch unnötiger: wie sich Mrs. Sedley in plattester Agenten-Parodie stetig neue „Deckung“ (Gartenstuhl?!) sucht, um das Gespräch zwischen Ellen und Balstrode zu bespitzeln – dessen Inhalt durch diese Slapstick-Einlage fast zur Nebensache gerät. Ja, Mrs. Sedley steht auf Krimis, schon klar, was die Idee hinter dieser Nummer war, aber nö – einfach die Dame an der Ecke stehen und lauschen lassen – fertig. Wie gesagt, es gibt auch durchaus andere Momente, in denen die Inszenierung ihre Überfrachtung durchbricht und stimmige, wirklich lebensnahe Szenen kreiert, etwa wenn sich das schmerzlich-himmlische Quartett der Frauen über das Wesen der Männer entspinnt, genau nachdem Boles eine der Nichten geschlagen hat.

Das zweite „Zuviel“ leitet sich gewissermaßen aus dem ersten ab und betrifft das schon angesprochene Overacting. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass man beispielsweise für die musikalische Entladung heftigster Energien in den Chorszenen auch szenisch eine Entsprechung gesucht hat. Ob jedoch die erlebte Form der Mob-Karikatur ein wirkungsvolles Mittel darstellt, wage ich zu bezweifeln. Die Fackeln, die gelynchte Sündenbockpuppe, die Bluthände – ich hab nur noch die Mistgabeln vermisst, wie sie in keiner Frankenstein-Verfilmung fehlen dürfen. Tötet das Monster! Auch hier: ja, kann man so machen – wenn man auf Holzhammer-Umsetzungen steht. Die Menschen reagieren wie Vieh, ok, hab ich verstanden. Hätte man ohne Bluthände und mega shocking im Hintergrund drapierte, kopulierende Statisten allerdings wohl auch. Ui, die ficken da! Tilman Knabes Dörfler sind aber auch Schlingel. Der Pastor macht sich gleich nach dem Gottesdienst ein Bier auf, in der Kneipe startet man in bester Bud Spencer-Manier aus dem Nichts eine Massenkeilerei, jeder begrapscht unentwegt die Nichten, die pausenlos Geld einsacken und bei Auntie abdrücken, damit man auch ja nicht vergisst, welcher Profession die beiden nachgehen, Peter scheuert Ellen nach ihrem Disput nicht nur eine, nein, er tritt ihr auch gleich mal mit Anlauf in den Bauch, kurz: alles Menschenmüll.

Womit wir bei Punkt drei des heutigen Scheiterns der Prämisse „viel hilft viel“ wären, dem inhaltlichen Versagen der Inszenierung. Mit der Charakterisierung der Dorfgemeinschaft als ein Haufen zügelloser Proleten beraubt man das Stück seiner Fallhöhe, die gerade darin liegt, dass Misstrauen, Vorverurteilung und schließlich Hetze von ganz normalen, braven Bürgern ausgehen können. Natürlich hat das auch ganz viel mit ländlichen sozialen Strukturen zu tun, mit Enge und Engstirnigkeit, aber wer wie hier einfach nur die Dorfdeppkarte ausspielt, macht es sich viel zu leicht. Ausgrenzung, unterlassene Hilfeleistung, Sündenbockmechanismen sind Themen, die uns alle angehen – die hier porträtierte Gesellschaft geht mich gar nichts an. Ist ja logisch, dass es unter diesen Umständen so kommt, kommen musste. Abschaum gebiert Abschaum. Diese Inszenierung berührt nicht, lädt eher dazu ein, mit einer Mischung aus Ekel und Selbstgefälligkeit zu gaffen, anstatt zu reflektieren. Ein Unfall, bei dem man nicht wegsehen kann. Wie schön, dass sowas bei uns nicht vorkommt – Thema verfehlt, würde ich sagen. Daß die Bewohner keine Heiligen sind, wird an vielen Punkten des Librettos deutlich, spätestens das nächtliche Treiben zeigt die Bigotterie der frommen Kirchgänger. Bei Knabe geht diese Ambivalenz im asozialen Grundrauschen einfach unter.

Bliebe da noch Peter Grimes selbst. Wahrscheinlich dachte man auch hier, bei all dem präsentierten Ranz und Siff eine Schippe drauflegen zu müssen, um die Außenseiterexistenz der Titelfigur dem reißerischen Ganzen anzupassen. Die Brücke von der Gewalt an Kindern zum Kindesmißbrauch zu schlagen, ist aus meiner Sicht ebenso überflüssig wie inhaltlich bemüht, hätte jedoch durchaus funktionieren können – sofern es der Regie eingefallen wäre, sich nicht allein in plumper Effekthascherei zu ergehen. Tiefpunkt der Plattheit: Während der Sturmszene bestritt ein Grimes-Double die Wirtschaft und entblößt seinen Missetäterleib: Ein blutiges „Pädo“ in die Brust geritzt, auf dem Rücken der Aufruf „Kill him“. Seufz. Warum dann nicht gleich noch Zwischentitel wie beim Stummfilm: „Dieser Mann ist eine Gefahr für sich und andere aber niemand kann oder will es sehen!“ Für wie beschränkt hält das Regieteam seine Zuschauer, dass es zu einem solchen Wink mit dem Zaunpfahl ausholt?

Ganz zerfahren wird die Sache dann nach der Pause, wenn wir in Grimes Hütte Zeuge des Ergebnisses seiner Wildbretbehandlung werden, die er dem Lehrjungen bereits hat angedeihen lassen. Kunstblut im Sonderangebot, alles muss raus! Abgesehen davon, dass die Szene in ihrer übertriebenen Machart eher Kopfschütteln als Gänsehaut verursacht, ergibt sich daraus gleich das nächste Problem: Der Bursche ist also schon tot, folgerichtig sind Grimes Worte an ihn lediglich Ausdruck eines bereits vollends verwirrten Geistes. Ganz anders als im Stück angelegt, wo nach dem noch so hoffnungsvollen „In dreams I ’ve build myself some kindlier home“, Grimes von den Erinnerungen an den ersten toten Jungen heimgesucht wird und die Stimmung kippt. Hier und heute sehe ich nur einen armen Irren, Identifikation Fehlanzeige. Blöd auch, dass die eigentliche Tragik der Szene, welche Grimes erst durch die nahenden Dorfbewohner derart in Brass geraten und den Absturz des Jungen verschulden lässt, so natürlich komplett abhandenkommt. Er lässt die Leiche verschwinden (wozu übrigens dann noch der Schrei?), die Häscher sind zu doof, Ned Keene deckt Grimes – was auch immer.

Hatte ich nicht eingangs irgendwas von gelungenen Ansätzen und Details fabuliert? Ja, die gab es tatsächlich. Die Konsequenz und Mannigfaltigkeit, mit der diese – leider fehlinterpretierte – Dorfgemeinschaft gezeichnet wird, sucht Ihresgleichen. Bühnenbild, Ausstattung, Kostüme, alles atmet glaubhaft und allumfassend Trostlosigkeit, Rohheit, eine verlorene Gesellschaft. Seefahrerromantik hat hier folgerichtig keinen Platz. Das Meer als solches ward nicht gesehen, verborgen hinter dem kalten Beton der Kaianlagen, deren soziales Zentrum ein schäbiger Kiosk darstellt, links die elende Spelunke. Plastikgartenstühle, Maschendrahtzaun, Unrat, Verfall. Sehr eindringlich dann in diesem Zusammenhang auch das Bild, als Peter die Leiche des Jungen auf einer Müllhalde entsorgt. Von der Intensität gerät der Schluss der Inszenierung generell am stärksten. Wenig Platz für Ablenkung, alles fokussiert sich auf Grimes Schicksal und seine Freunde, die ihn fallen lassen. Einziger Wermutstropfen hier: Durch den unsinnige Regieeinfall, der zuvor Balstrode Ellen küssen lässt, bekommt dessen Motivation ein unnötiges Kalkül. Überhaupt bizarr der Transfer, dass in diesem sozialen Milieu ein Motorradrocker als „Respektsperson“ herhalten muss.

Die Sea Interludes mit Traumsequenzen zu koppeln, ist nicht ganz doof, unterstreicht dies doch die seelisch-psychologische Komponente jener nicht allein als Naturillustrationen zu verstehenden Zwischenspiele. Grimes’ Ringen mit seiner düsteren Seite, Ellens Utopie einer glücklichen Ehe, da hat sich das Team durchaus plausible Bilder einfallen lassen, sieht man einmal vom möchtegern-schockierenden buchstäblichen Leichenschmaus in Eyes-Wide-Shut-Abklatsch-Optik ab. Gelungen dann noch das Schlussbild. Der tote Grimes auf leerer Bühne, der Dörfler-Chor kommentiert lapidar aus dem Zuschauerraum, postiert auf der Galerie, Seegeräusche sind zu hören, dann abrupt Stille.

Ich würde gern über die musikalische Wirkung mal wieder ähnlich ausführlich werden, wie zu szenischen Aspekten, leider gab der Abend in dieser Hinsicht nicht viel mehr her als Standardware. Das Ensemble war in Ordnung, der Sänger der Titelrolle trotz erkennbarer Bemühung um Lyrik (z.B. Plejaden-Monolog) wie so oft Welten von dem entfernt, was die Partie auszulösen imstande ist. Tut mir leid, eine derart harmlose, farblose Stimme kann den gebührenden Anspruch an Ausdruck einfach nicht leisten, da hilft es wenig, dass sehr wohl einiges in eine intensive Darstellung investiert wurde. Musikalisch unkaputtbar in ihrer Wucht sind auch dieses Mal die Massenchorszenen, in denen sich der Dirigent mit knackiger Handschrift und zügigen Tempi um eine energiegeladene Umsetzung verdient gemacht hat. Das Orchester klingt gut, Wunderdinge sind allerdings keine zu vernehmen. Hier und da wurde der Bogen mitunter etwas überspannt, der ein oder andere hektische, zerfahrene Moment war die Folge. Alles in allem eine solide Leistung.

Was nimmt man aus einem solchen Abend mit? Das Hadern über eine vertane Chance? Das Wissen um die Qualität eines Werkes, das dem Durchschnitt trotzt? Die Absicht, bei Herzenzangelegenheiten in Zukunft doch lieber auf den Faktor Überraschung zu verzichten und auf bewährte Kräfte und Häuser zu bauen? Wahrscheinlich von all dem ein bißchen, aber so ist das nun einmal mit Segen und Fluch des lebendigen Musiktheaters: Hoffnung ersetzt Gewißheit, das Sehnen nach der Einlösung der Möglichkeit des Unwahrscheinlichen wiegt mehr als jede mögliche Enttäuschung. Irgendwie ist das ein bißchen das Thema von Peter Grimes selbst, vielleicht werde ich auch aus diesem Grund nie müde, es wieder und wieder gerade mit dieser zarten Skizze einer uneinlösbaren Utopie zu versuchen.


Peter Grimes – Benjamin Britten
Musikalische Leitung – Gabriel Feltz
Regie – Tilman Knabe
Bühne – Annika Haller
Kostüme – Eva-Mareike Uhlig
Chor – Manuel Pujol
Licht – Florian Franzen
Dramaturgie – Georg Holzer

Peter Grimes, Fischer – Peter Marsh
Ellen Orford, Lehrerin – Emily Newton
Balstrode, Kapitän – Sangmin Lee
Auntie, Wirtin – Judith Christ
Erste Nichte – Tamara Weimerich
Zweite Nichte – Ashley Thouret
Bob Boles, Fischer und Methodist – Fritz Steinbacher
Swallow, Bürgermeister und Richter – Karl-Heinz Lehner
Mrs. Sedley, eine Witwe – Martina Dike
Rev. Horace Adams, Pfarrer – Ks. Hannes Brock
Ned Keene, Apotheker – Morgan Moody
Hobson, Fuhrmann – Thomas Günzler
John, Grimes’ Lehrling – Simon Daiber
Dr. Crabbe – Hans-Peter Frings
Fischer, Bürger – Hitomi Breitzmann, Hans Werner Bramer, Gerontiy Chernyshev, Hiroyuki Inoue, Johannes Knecht, Henry Lankester, Ian Sidden

Opernchor des Theaters Dortmund
Extrachor des Theaters Dortmund
Statisterie des Theaters Dortmund
Dortmunder Philharmoniker