7. Oktober 2019

City of Birmingham Symphony Orchestra –
Mirga Gražinytė-Tyla. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 9, Platz 1



Benjamin Britten– Sinfonia da Requiem op. 20

(Pause)

Michael Tippett – A Child of Our Time / Oratorium für Soli, Chor und Orchester

City of Birmingham Symphony Orchestra
CBSO Chorus
Claire Booth – Sopran
Felicity Palmer – Alt
Joshua Stewart – Tenor
Brindley Sherratt – Bass
Dirigentin – Mirga Gražinytė-Tyla



Frau Gražinytė-Tyla eilt ja aktuell ein ziemlicher vielversprechender Ruf voraus, da war mit Brittens „Sinfonia da Requiem“ im Programm die Gelegenheit gegeben, ihren Stil anhand eines sehr vertrauten, vielmehr innig verehrten Werkes zu überprüfen. Da ist es natürlich weder unwahrscheinlich noch abschließend aussagekräftig, enttäuscht zu werden. Frau Gražinytė-Tyla spult die Partitur keinesfalls herunter (was ich wohl keinem Dirigenten verzeihen könnte), sondern bringt im Gegenteil ihre Version der drei Sätze zur Entfaltung – die dummerweise nur bedingt mit meiner Sicht auf das Stück korrelieren. Britten selbst hat da ja auch bereits gut vorgelegt, seine Einspielung darf getrost als Referenz angesehen werden, an der man erst mal vorbeikommen muss.

Das gelang heute für meine Begriffe nicht: Während der erste Satz, die Wehklage, etwas zu glatt und getragen, ja teilweise schleppend vorgetragen wurde, legte die Dirigentin für das tröstliche Finale, gewissermaßen die Verklärung, ein deutlich zu schnelles Tempo an den Tag, welches die Phrasierung der wirklich himmlischen Melodiebögen fast schon hastig und kurzatmig vollziehen ließ. Dem aufgewühlten, zornerfüllten Mittelteil fehlte es mitunter an Schärfe, wobei ich mit diesem Satz noch am ehesten mitgehen konnte. Das Orchester aus Birmingham klingt gut bis sehr gut – der Eindruck früherer Gastspiele bestätigt sich hier.

Nun gut, für die Nicht-Britten-Fanboys unter uns stand ja der Hauptgang noch bevor, in Form von Tippetts großem Oratorium. Um es kurz zu machen: Ich mag das Stück nicht sonderlich. Habe es vor Jahren einmal live gehört, das müsste im Gasteig gewesen sein. Heute der zweite Anlauf. Meine Probleme mit dem Werk sind die gleichen geblieben: Einerseits finde ich weder Tippetts Harmonik noch Melodik besonders fesselnd, zu konservativ tonal ist mir das. Da bin ich durch Britten und Schostakowitsch verdorben. Andererseits befremdet mich die eigentliche Haupttat des Komponisten, die die Partitur zu etwas fraglos Besonderen macht, bis ins Mark – die Integration der Spirituals. Ich möchte nicht abstreiten, dass ihre Einbindung mit größter Kunstfertigkeit vollzogen ist, dennoch bekomme ich dieses „Crossover“ aus Bach 2.0 und den Slavengesängen nicht unter ein Ohr. Wobei ihr unmittelbarer Wiedererkennungswert sicher zur Massentauglichkeit des komplexen Ganzen nicht unwesentlich beiträgt.

Ich habe dem CBSO Chorus so oder so gern und gebannt zugehört, und auch die Solisten ließen kaum zu Wünschen übrig. Einzig die Sopran-Einspringerin Claire Booth hatte hier und da offenbar Probleme mit der Höhe bzw. den Spitzentönen, wobei ich ihre Stimme an sich als sehr passend empfunden habe. Meine beiden Favoriten waren Joshua Stewart, der mit absolutem Feuereifer bei der Sache war und über einen wirklich strahlenden Tenor verfügt, sowie die Altistin Felicity Palmer, die sich auch mit ihrem leicht fortgeschrittenen Alter eine unglaubliche stimmliche Frische und Präsenz bewahrt hat. Brindley Sherratt komplettierte mit vollem, sonoren Bass das wunderbare Ensemble.

Fazit: Am Ende vielleicht nicht der richtige Rahmen, um die junge Dirigentin kennenzulernen, aber sicher kein vertaner Abend.

1. Oktober 2019

Philharmonia Orchestra – Esa-Pekka Salonen.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 9 D-Dur


Mahlers Neunte – in schöner Regelmäßigkeit ein Garant für Hyperventilation und Herzklabaster, eben was sich halt so Schönes und Erbauliches aus Musik mitnehmen lässt. Nach den letzten beiden Volltreffern mit Jonathan Nott (Link) und dem mittlerweile leider verstobenen Jeffrey Tate (Link), beide auch schon wieder einige Jahre her, sollte sich diese Spielzeit gleich mehrfach die Gelegenheit ergeben, mich meiner absoluten Lieblingssinfonie in der Elbphilharmonie auszusetzen. Neben dem Philharmonia Orchestra haben noch der SWR mit Currentzis, das Royal Concertgebouw Orchestra, die San Francisco Symphony sowie das NDR Residenzorchester die Neunte als Beitrag für Hamburg im Gepäck – die reinste Weltschmerzinflation. Da will es wohl überlegt sein, wie oft und mit wem man sich in diesen emotionalen Abgrund stürzt.

Esa-Pekka Salonen und das Philharmonia Orchestra sind eine Kombination, auf die ich seit jeher schwöre. Ob Bruckner-Entschlackung, Dampfhammer-Sacre oder subtiler Sibelius – die Liste außergewöhnlicher Konzerterlebnisse wächst mit den Jahren. Heute sollte sich keine Ausnahme davon einreihen. Bereits nach dem gewaltigen Kopfsatz war ich mehr als bedient. Brutaler, zerrissener, erdrückender kann man einem dieses heißgeliebte, halbstündige Monstrum aus Seufzermotiven, Erinnerungsfetzen und Niederschlägen kaum entgegenschleudern. Der eigentliche Clou des Abends war jedoch fraglos die Präsentation der beiden Mittelsätze. Im Nachhinein hätte ich mir vielleicht denken können, das Salonen gerade diese grotesken Ruinen des Tänzerischen besonders liegen müssen, ist er doch immer ein Experte für alles rhythmisch Forcierte gewesen.

Diese Schärfe, diese Härte, diese elementare Wucht einer sich unbarmherzig in Auflösung befindlichen Musik – erschreckend und faszinierend zugleich. Ich muss Herrn Salonen in gewisser Weise dankbar sein, dass seine Interpretation des ins Unendliche hinausgezögerten, selbstzerfleischenden Abschieds vom Leben und der Welt, des ins Mark schneidenden Schluss-Adagios, vergleichsweise milde, fast schon nüchtern gefasst ausfiel, ansonsten hätte es wieder einmal noch böser für mich enden können. Es muss schon eine gewisse masochistische Grundlage gegeben sein, sich auf diese wonnigen Qualen sehenden Auges, Ohres und Herzens einzulassen. Aber was soll ich machen – das süße Gift, es brennt so tief.

28. September 2019

Falstaff – Fabrice Bollon.
Theater Freiburg.

19:30 Uhr, 1. Rang Mitte links, Reihe 5, Platz 160



Meinen zweiten Ausflug ans Breisgauer Theater habe ich leider weder rechtzeitig schriftlich gewürdigt, noch mir durch Notizen das Leben anderweitig erleichtert. So bleibt mir nun, beinahe 3 Jahre später, nur noch festzuhalten, dass mir seinerzeit Produktion und musikalische Leistung definitiv sehr zugesagt hatten – so viel ist zumindest haften geblieben. Was sonst bleibt sind Fetzen der Erinnerung an ein Bühnenbild mit gediegenem Wohnzimmer, 50er oder 60er vielleicht, bei dem die Protagonisten teilweise lange Blicke in Schränke und dergleichen tätigten, sowie eine Szene mit Falstaff im Unterhemd in einem Waschkeller. Nicht viel, aber genug Nachhall im Herzen, um diesen Abend als Gewinn abgespeichert zu wissen.


Falstaff
Komödie in drei Akten
Musik – Giuseppe Verdi
Text – Arrigo Boito nach William Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor" und "Heinrich IV"

Musikalische Leitung – Fabrice Bollon
Regie – Anna-Sophie Mahler
Bühne – Duri Bischoff
Kostüme – Nic Tillein
Licht – Michael Philipp
Dramaturgie – Heiko Voss
Chorleitung – Norbert Kleinschmidt

Sir John Falstaff – Juan Orozca
Ford – Martin Berner
Fenton – Joshua Kohl
Doktor Cajus – Roberto Gionfriddo
Bardolfo – Junbum Lee
Pistola – Rossen Krastev
Alice Ford – Irina Jae-Eun Park
Nannetta – Samantha Gaul
Quickly – Anja Jung
Meg Page – Inga Schäfer

Philharmonisches Orchester Freiburg
Opernchor des Theater Freiburg

19. September 2019

Klavierabend – Igor Levit.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 2, Platz 5 



Ludwig van Beethoven – Sonate Fis-Dur op. 78
Ludwig van Beethoven – Sonate Es-Dur op. 7

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sonate E-Dur op. 14/1
Ludwig van Beethoven – Sonate G-Dur op. 14/2
Ludwig van Beethoven – Sonate Es-Dur op. 81a »Les Adieux«

Zugabe:
Schubert?



So sehr ich Igor Levit und die Möglichkeit schätze, ihn live unter perfekten akustischen Bedingungen hören zu dürfen, so frustrierend ist es unweigerlich, die mögliche Perfektion des Auftritts durch eine von schwachen, unmusikalischen Menschlein induzierte mittelprächtige Atmosphäre beschmutzt zu wissen. Abgesehen davon, dass mir das Programm gestern (Link) einfach auch mehr zugesagt hat als jenes heute, hätten mir die bekannt-berüchtigten Komponenten aus der Konzertfolterkammer ohnehin jeden Abend verleidet. Hörgeräte-Fiepsen (offenbar gerade wirklich im Trend), Rumgehuste, allgemeine Unruhe – einfach kein Umfeld für Kunst dieser Güte. Auch wenn es hart klingt, die übrigen Konzerte von Levits Sonaten-Reihe werde ich mir getrost schenken und lieber zu seiner Gesamteinspielung ins CD-Regal greifen. Meine Nerven werden es mir danken.

18. September 2019

Klavierabend – Igor Levit.
Elbphilharmonie Hamburg

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 5, Platz 5



Ludwig van Beethoven – Sonate f-Moll op. 2/1
Ludwig van Beethoven – Sonate As-Dur op. 26

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sonatine G-Dur op. 79
Ludwig van Beethoven – Sonate C-Dur op. 53 »Waldstein-Sonate«

Zugaben:
Dmitri Schostakowitsch – bizarrer Walzer?
Rodion Schtschedrin – Humoresque



Warum reagiere ich eigentlich so allergisch auf jenen Laut, den manche Teile gern unmittelbar nach jenen Stücken von sich geben, deren Charakter, oder zumindest deren Schluss ihnen offenbar irgendwie drollig vorkommt? Über die Existenz von Humor in der Musik lässt sich ja streiten, aber meist reichen ohnehin zwei, drei hingetupfte Akkorde oder Töne, um diesen Reflex auszulösen. Das Ende der G-Dur Sonatine zum Beispiel hatte heute für mich persönlich wenig Beschmunzelnswertes, sie verklingt einfach delikat. Vielleicht ist es aber auch vielmehr das produzierte Geräusch selbst, das meine Abscheu erregt. Eine Art Kombination aus Schnauben und parallel dazu vollführten, kurzen Tonabgabe, als habe man gerade eine witzige Anekdote realisiert. Es wohnt diesem Reflex etwas ungeahnt Naives, ja Unschuldiges, aber leider auch unsagbar Tumbes inne, dass es mich jedes Mal aufs Neue erschaudern lässt. Aber was weiß denn ich – ein Hoch auf die einfachen Freuden!

Viel wichtiger: Ein Hoch auf Igor Levit, den ungezwungenen Tastengott, der sich auch durch die dümmsten und strategisch ungünstigsten Störaktionen der schlichten Gemüter unter uns nicht aus der Ruhe und dem Fluss bringen lässt. Faszinierend, wie dieser ohnehin mit einer ungemein sprechenden Mimik beim Spiel zu erlebende Künstler quasi im Vorbeigehen, im vollen Lauf seines unüberbietbaren Vortrags ärgerliche Huster, Niesanfälle und Dergleichen mit äußerst vielsagenden Seitenblicken quittiert. Ganz so als huschte – wohlgemerkt zeitgleich zur Berserkerkonzentration auf Beethoven – ein Gedanke vorbei wie: „Hab ich schon gemerkt, Du Penner, dass Du gerade diese schöne Stelle verhusten musstest ...“

Es ging ja gleich gut los. Ein gut hörbarer Fotoauslöser-Ton direkt als Levit beginnen wollte, gefolgt von der fast schon Elphi-obligatorischen Handy-Bombe. Kopfschütteln und bitteres Schmunzeln des Solisten, Gelächter im Saal – darauf ein in den Saal gelittenes „Nicht lustig!“ eines empörten Empörers – was wiederum von Levit mit dem kurz angetäuschten Nokia-Klingelton quittiert wurde. Bis dann doch Beethoven zu seinem Recht kam. Und wie.

Auch dem Nicht-Beethoven-Experten wird hier schnell klar, dass er einem ganz besonderem Vortrag beiwohnen darf. Dieser Anschlag im Adagio der 1. Sonate! Diese Bandbreite der Dynamik und des Ausdrucks! Dabei sind die beiden Stücke vor der Pause gar nicht so meins, am ehesten der Kopfsatz der Nr. 12, da Variationssatz. Aber letzen Endes kommt es heute nicht auf Vorlieben und dergleichen an, Levit spielt wie vom anderen Stern. Der Kontrast im Ausdruck vom zweiten zum dritten Satz der Sonatine op. 79 – unglaublich. Und dann der unbestreitbare Höhepunkt des Abends, vielleicht der pianistischen Saison überhaupt: Die Waldstein-Sonate. Starkstrom, Drive, Gewalt und Zartheit im 1. Satz, tiefste Auslotung im Folgenden. Besser geht es nicht. Doch – im Finale: Der Übergang dahin gehört zum Herzerwärmendsten, das ich je jemanden einem Flügel entlocken hörte. Dieses fast schon penetrante, unbeirrbare Singen, erst ganz behutsam, wie es immer wieder bittersüß nach Moll gezogen wird, in einen triumphalen, in berührender Weise gleichzeitig melancholischen Schluss mündend. Himmlisch!

Mit den beiden Zugaben legt Herr Levit dann noch mal eine Transfer-Schippe drauf – meinen Respekt und Dank auch für diese Horizonterweiterung.