9. September 2018

Liederabend – Christian Gerhaher.
Glocke Bremen.

20:00 Uhr, Saal links, Reihe 11, Platz 4



Franz Schubert – »Schwanengesang«

Lieder nach Friedrich Rückert
Sei mir gegrüßt D 741
Dass sie hier gewesen D 775
Lachen und Weinen D 777
Du bist die Ruh D 776
Greisengesang D 778

Lieder nach Ludwig Rellstab D 957/1-7
Liebesbotschaft
Kriegers Ahnung
Frühlingssehnsucht
Ständchen
Aufenthalt
In der Ferne
Abschied

(Pause)

Lieder nach Heinrich Heine D 957/8-13
Der Atlas
Ihr Bild
Das Fischermädchen
Die Stadt
Am Meer
Der Doppelgänger

Die Taubenpost D 965A (Johan Gabriel Seidl)

Schwanengesang D 957

(Christian Gerhaher – Bariton, Gerold Huber – Klavier)



Christian Gerhaher gehört zweifelsohne zu den versiertesten Liedsängern, die man heute erleben kann. Mir persönlich steht im Baritonfach Matthias Goerne noch etwas näher, aber das bezieht sich rein auf das subjektive Geschmacksempfinden. In Sachen nuancierter Detailarbeit und Ausdruckskraft setzen beide jeder auf seine Weise Maßstäbe. Gerhaher zeichnet dabei ein besonders edler Ton aus, der sich über die gesamte dynamische Bandbreite erhält. Dabei sind es gerade deren Extreme, die mich besonders in den Bann ziehen. Da ist zum einen ein fast schon gesprochen sangloser Tonfall in den leisesten Stellen, der diesen durch etwas ambivalent Brüchiges enorme Präsenz verleiht. Zum anderen ist es schier überwältigend, zu welchen Fortissimo-Schüben sich seine vermeintlich so schlanke Stimme aufschwingt – die Glocke erzittert ein ums andere mal unter den Ausbrüchen. Auch wenn ich sicher kein Schubert-Experte bin, kann ich mir eine ausgefeiltere, intensivere Beschäftigung und Wiedergabe mit diesen Werken kaum vorstellen – ein Liederabend der Extraklasse.

2. September 2018

Orchestre Révolutionnaire et Romantique –
Sir John Eliot Gardiner.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich I, Reihe 3, Platz19



Hector Berlioz – Le Corsaire / Ouverture op. 21 
Hector Berlioz – La mort de Cléopâtre / 
Scène lyrique für Mezzosopran und Orchester
(Joyce DiDonato – Mezzosopran)

Hector Berlioz – Chasse royale et orage / aus »Les Troyens«

Hector Berlioz – Je vais mourir / Monolog und Arie der Dido
aus »Les Troyens« op. 5
(Joyce DiDonato – Mezzosopran)

(Pause)

Hector Berlioz – Symphonie fantastique /
Episode de la vie d'un artiste op. 14



Der offizielle Saisonauftakt brachte gleich zwei versöhnliche Erkenntnisse: Frau DiDonatos Stimme kann, losgelöst von Selbstdarstellung und Sendungsbewußtsein, durchaus berühren und historische Aufführungspraxis muss keine furztrockene Angelegenheit sein. Denn während die Solistin sich diesmal ohne das Diven-Brimborium und jene naiv-kitschige Weltverbesserungsattitüde ihres Soloprogramms (Link) ganz in den Dienst der vorgetragenen Werke stellte, brannte Sir John Eliot Gardiner ein wahres Feuerwerk der Kontraste mit seinen revolutionär-romantischen Kollegen ab.

Ein reines Berlioz-Programm – was könnte es Schöneres zum Start in die neue Elphi-Spielzeit geben? Ein wenig skeptisch war ich nur bezüglich der beteiligten Künstler. Frau DiDonato hatte vor nicht allzu langer Zeit an gleicher Stelle einen mehr als nachdrücklichen ersten Eindruck auf mich gemacht – selten hat mich ein Liederabend so abgestoßen. Heute konnte ich mich glücklicherweise voll auf ihren stimmlichen Vortrag konzentrieren, ohne von Flitter und Schwulst abgelenkt zu werden. Nach dieser Darbietung kann ich schon eher nachvollziehen, warum die Dame einen so großen Namen in der Szene besitzt, wenn ich auch bei meinem Urteil bleibe, dass mir persönlich andere Mezzos (Garanča, Coote) noch besser gefallen. So oder so, der gesprochen-gehauchte Tod der Cleopatra war schon ein bewegendes Ereignis.

Held des Abends war für mich jedoch eindeutig Herr Gardiner mit seiner Truppe. Beileibe kein Freund der historischen Ausfführungsart, muss ich zugeben, dass die alten Instrumente mit ihrem z.T. doch sehr herben, unbehauenen Klang in Kombination mit dem knackigen Dirigat dem expressiven Berlioz gut zu Gesicht standen. Es ist schon krass, wie anders allein das Becken klang, mehr Mülltonnendeckel denn Schallverteiler, oder wie oft die Hörner ihre Windungen während eines Stückes getauscht haben. Was aber am Ende zählt, ist ein mitreißender Vortrag dieser unglaublich progressiven Werke. Die Kleopatra-Szene ist fast schon ein Vorgriff auf Berg, die Wirkung der Symphonie Fantastique auf ihre Zeitgenossen lässt sich beinahe heute noch nachspüren. Mein größter Respekt an den rüstigen Pultmeister – das Feuer, es brannte!

15. August 2018

Estonian Festival Orchestra – Paavo Järvi.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 1, Platz 3



Arvo Pärt – Sinfonie Nr. 3 
Edvard Grieg – Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16
(Khatia Buniastishvili)
Zugabe: Franz Liszt – Ungarische Rhapsodie Nr. 2 cis-Moll S 244/2

(Pause)

Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op. 82
Zugaben:
Lepo Sumera – Spring Fly / Die Frühlingsfliege
Hugo Alfvén – Vallflickans Dans / Bergakungen / Ballett-Pantomime op. 37



Einer meiner Lieblingsdirigenten hat in seiner Heimat ein Orchester ins Leben gerufen – das klingt doch spannend. Und eines ist nach dem heutigen Konzert klar: Das 2011 von Paavo Järvi gegründete Estonian Festival Orchestra ist eine Bereicherung für jeden Saal – erst Recht die Elbphilharmonie. Man ist mit großer, wenn auch keinesfalls riesenhafter Besetzung angereist, einzig die neun Kontrabässe springen ins Auge – hat der Elphi-Kenner Järvi hier bewusst auf das Fundament Einfluss genommen oder ist das ein Zufall? Egal, die Bässe klingen jedenfalls wunderbar – wie das ganze Orchester, das von seinem Dirigenten aber auch perfekt in Szene gesetzt wird. Insbesondere die Soli lassen mit der Zunge schnalzen, egal ob Holzbläser, Horn oder Konzertmeister. Aber der Reihe nach.

Zu Arvo Pärt habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis. Zwar hat mich seine ebenso simple wie eingängige Komposition Fratres, eingesetzt im Film „There will be Blood“ durchaus berührt, weitere Annäherungsversuche an diesen Komponisten waren danach allerdings weniger erfolgreich. Diese Art von statischer „Stimmungsmusik“, wie ich sie in vielen seiner Werke angetroffen habe, deckt sich, gelinde gesagt, nicht exakt mit meinen Vorlieben. Derart negativ voreingenommen kam die heutige Sinfonie aus Pärts Feder nahezu einer Offenbarung gleich. Interessante Themenkomplexe, motivische Arbeit, differenzierte Instrumentation, Kontraste in Ausdruck, Dynamik und Tempo, gewaltige Steigerungen – kurz: alles, was eine Komposition erfahrenswert macht. Die vielschichtige Faktur hat mich regelrecht verblüfft, da ist viel „Altes“, antikisierend Archaisches, aber eben nicht immer nur dieses monoton Mönchische in Sack und Asche Gehen, das ich bislang mit Pärt verbunden habe. Es gibt sogar heitere Passagen – ich werd verrückt! Letzten Endes ist das vielleicht immer noch nicht so ganz meine Klangsprache, aber doch ein Quantensprung in der Beziehung zu diesem Komponisten. Woran Järvi und seine Musiker großen Anteil haben. Konzentration und Kontemplation. Allein schon das bärenstarke Blech sorgte für einen nachhaltigen Eindruck. Auch stark, wie fokussiert der Paukist seine Schläge beschleunigte, die sich schließlich nahtlos zum Paukenwirbel fügten.

Das Grieg-Konzert erklang ebenfalls in einer Top-Darbietung aller Beteiligten. Das Orchester weiterhin vorzüglich, egal ob Horn, übriges Blech oder Streicher. Und Järvi wie gewohnt: knackig, aber differenziert. Dabei zusätzlich mit teilweise extrem flottem Antritt, was wiederum mit dem Energielevel des Wirbelwindauftritts von Frau Buniastishvili korreliert. Die Dame scheint ein regelrechter Tempoholic zu sein, beinahe gerät mir mancher Lauf fast zu ungestüm, weil dann kurz das Gefühl von Hast aufblitzt. Aber wer solch einen Anschlag von zartperlend bis unerbittlich im Köcher hat, darf gern auch mal übertreiben.

Ebenfalls spannend, nicht verhehlen zu können, dass ihr Spiel (oder vielmehr ihr Auftritt insgesamt?) eine „sexy Komponente“ aufkommen ließ, die dem gefährlich vertrauten Klavierkonzert-Klassiker Griegs ungemein gut zu Gesicht stand. Bleibt die Überlegung, wie wahrscheinlich eine solche Erwähnung bei einem männlichen Kollegen oder einer weniger attraktiven Kollegin (auch Geschmackssache, klar) den Weg in meine Ausführungen gefunden hätte – Relevanz für die Rezeption der Darbietung besitzen derlei Gedanken meiner Ansicht nach jedoch in jedem Fall. Solange solch ein pianistischen Ausnahmetalent am Flügel sitzt, ist es im Umkehrschluss allerdings ebenso unstrittig, dass es von Dummheit und/oder Oberflächlichkeit zeugt, sich an der Absatzhöhe der Schuhe zu stören, welche die Pedale des Steinway so meisterhaft regulieren.

Ich könnte jetzt einen Exkurs über Yuja Wangs Bühnenoutfits, Jonas Kaufmanns Wirkung auf Frauen oder über erotische Stimmen, die unscheinbaren Körpern entfahren, einschieben, belasse es aber doch mit der Erkenntnis, das große Künstler weil/ungeachtet/unabhängig davon, dass sie in der Regel mehr als einen Sinn im Kunstliebhaber stimulieren, so oder so große Künstler bleiben.

Järvi und Sibelius – das passt zusammen. Sein Ansatz ist weniger kontemplativ, sondern bietet Sturm und Drang vom Feinsten. Besonders ohrenkundig wird das in dem wiederholt angewandten Mittel, ordentlich Schwung zu nehmen, um regelrecht soghaft rauszubeschleunigen. Das Finale des ersten Satzes gerät auf diese Weise zur wuchtigen Explosion. Aber auch Leises und Feines ist bei Järvi wie gewohnt in den besten Händen – an seiner Pianissimo-Gestaltung sollte sich das Hausorchester ein Beispiel nehmen. Die beiden Zugaben boten einerseits den exzellenten Musikern des Estonian Festival Orchestra noch einmal Gelegenheit, ihre individuelle Klasse unter Beweis zu stellen (Sumera mit vielen Solostellen) und kombinierten mit der Alfvén-Ouvertüre Virtuosität und Gefühl (Flinker Streicherbeginn versus ruhiger Mittelteil) zu einem Abschied, der ein Wiedersehen und -hören herbeisehnen lässt.

5. August 2018

The Orchestra of the Americas – Carlos Miguel Prieto.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich J, Reihe 4, Platz 9



Carlos Chávez – Sinfonía india 

Gabriela Montero – Latin Concerto /
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1
(Gabriela Montero, Klavier)

Zugaben Gabriela Montero:
Improvisation über „Happy Birthday“
Improvisation über „Summertime“
(begleitet von zwei Percussionisten und einem Bassisten)

(Pause)

Aaron Copland – Sinfonie Nr. 3
Zugabe: Medley



Bei Chávez hab ich ein wenig gebraucht, um reinzukommen. Vielleicht war da auch eine gewisse, unterbewusste Anti-Haltung, nachdem ich im Programmheft über sein Streben gelesen habe, sich unbedingt von der „europäischen“ Musik abzugrenzen. Warum dann weiterhin das klassische Sinfonieorchester bemühen, kommt es mir sofort in den Sinn. Innovation, Emanzipation – in diesem, wie in so vielen Fällen, ist das Ergebnis eher Evolution. Warum auch nicht, wenn die Wurzeln eben in der „Alten Welt“ liegen, ob die Sprösslinge nun Chávez oder Copland heißen. Generell ist es ja recht unsinnig, sich gegen eine „europäische“ Musik positionieren zu wollen, wenn es einem schlicht formuliert doch nur um ein wenig lokales Kolorit geht. Nein, nein, es geht um etwas Identität Stiftendes, könnte man etwas tiefer in die Pathos-Schublade greifen. So wie halt in den Musiktraditionen der einzelnen europäischen Länder auch.

Unabhängig davon, dass man sicher ewig darüber wird diskutieren können, wie deutsch ein Wagner, wie italienisch ein Verdi oder wie russisch ein Tschaikowsky sind – von Kosmopoliten wie Meyerbeer, dem französischen Deutschen bzw. deutschen Franzosen mit italienischem Werdegang, ganz zu schweigen – ist die klassische europäische Musik natürlich gleichermaßen von lokalen, regionalen, dabei mal ganz unterschiedlichen und mal verblüffend ähnlichen Traditionen geprägt. So könnte man sich als Komponist der europäischen Außenstelle Amerika auch einfach entspannen und die vorzufindenden gewachsenen oder importierten Einflüsse einfach mit dem nötigen Talent in etwas Eigenständiges transformieren, das trotz alledem der Traditionslinie westlicher „klassischer“ Musik folgt. Nichts anderes macht ja auch Chávez, schließlich ist er weder im Tipi noch am Fuße einer Sonnenpyramide zur Welt gekommen. Kunstmusik bleibt Kunstmusik. Wie „amerikanisch“ die Musik eines Copland auch immer sein mag, was am Ende zählt ist, dass es große, großartige Musik ist, die der Nachkomme litauischer Einwanderer unter anderem mit seiner monumentalen Dritten geschaffen hat.

Aber zunächst noch einmal zu seinem mexikanischen Kollegen. Der Beginn seiner „Sinfonia india“ hat mich wie gesagt nicht unbedingt aus den Schuhen gehauen mit seiner repetitiven, überaus simplen Art mit folkloristischen Einsprengseln, aber gleich das erste melodiöse Lebenszeichen (wahrscheinlich eines der verwendeten Indianer-Themen), von den Holzbläsern solistisch eingeführt, und dann nach und nach vom ganzen Orchester aufgenommen und von durchaus spannender Harmonik begleitet, ließ doch hoffen. Nach einer weiteren langsamen Holzbläserpassage, die schließlich in triefendes Orchesterpathos mündet, fährt sich das Ganze wieder in spechtartig skandierten Ostinati fest, bevor erneut das nette Thema die Situation rettet, Orchestertutti inklusive. Wenn man sich hier die perkussive Ethno-Dekoration wegdenkt, ist das schon ganz schön alte Welt, gelle, Herr Chávez? Zum Finale kommt dann tatsächlich noch einmal Leben in die Bude – Repetitionen auch hier, aber endlich mal mit Drive! Ein ordentlicher Rausschmeisser, man ist schon mal aus dem Häuschen.

Es folgt Frau Montero als Solistin ihrer eigenen Komposition. Das „Latin Concerto“ ist durchweg von eingängiger Natur, jedoch mit erfreulich spröder Note. Nach dem suchenden, solistischen Beginn verströmt der erste Satz immer wieder etwas Geheimnisvolles – kein schlechter Auftakt. Der ruhige zweite Satz kommt ein wenig wie eine Kreuzung aus Piazolla-Anleihen mit dem James-Bond-Idiom eines John Barry daher, man schwelgt und träumt , aber auch hier mit bitterer Einfärbung. Am schwächsten erschien mir der dritte Satz, das Finale übernimmt die klassische Funktion des flotten Kehraus, nur dass mir dabei ein wenig das Überraschende gefehlt hat.

Nachdem bereits das Konzert frenetisch gefeiert wurde, machte sich Frau Montero mit ihren beiden Zugaben daran, den Saal vollends für sich zu gewinnen. Es scheint so etwas wie ihr Markenzeichen zu sein, über beliebige Themen zu improvisieren, gern auch über spontane Vorschläge des Publikums. Heute waren dies die Themen „Happy Birthday“ sowie „Summertime“. Ich muss gestehen, dass es sehr wohl ein besonderes Erlebnis war, wie Frau Montero scheinbar aus dem Nichts eine Art Bach’schen Variationsfluss dahingoss, der immer wieder Elemente bzw. Intervalle der nicht gerade für ihre Komplexität berühmten Ständchen-Melodie aufgriff. Dennoch hat das Ganze auch ein wenig von einem sehr gut einstudierten Zaubertrick, der die Zuhörer naturgemäß verblüfft – Muster, durch jahrelange Übung in ihrem musikalischen Unterbewusstsein verankert, bereit, jederzeit abgerufen zu werden. Womit ich keinesfalls unterstellen möchte, dass ihre Improvisationen einstudiert sind, nur geht es hier meiner Empfindung nach mehr um Neukombination denn Invention in Echtzeit – was ihre Leistung nicht im geringsten schmälert. Man muss sich nur einmal ein paar ihrer Improvisationsabende auf YouTube ansehen, dann erkennt man das Bild. Aber noch einmal: natürlich kommt es beim Publikum prima an, wenn die Künstlerin „ungeprobt“ mit einigen Musikern des Orchesters über „Summertime“ abgroovt – die Faszination des Augenblicks eben.

Leider konnte meine geliebte Dritte von Copland die Umsitzenden offenbar weit weniger faszinieren – obwohl ich die Sinfonie gerade auch wegen ihrer eingängigen Faktur schätze, scheint sie nicht wenige im Saal überfordert zu haben. Zumindest in meinem direkten Umfeld trübten Unruhe und Unkonzentriertheit die Aufnahme dieser großartigen Komposition. Darüber hinaus offenbarten die Ausführenden bei diesem Werk, welches ich im Gegensatz zu den anderen Programmpunkten in- und auswendig kenne, doch einige Schwächen. Das Dirigat war mir über weite Strecken zu überhastet, zu wenig weihevoll – da bin ich allerdings auch durch Bernstein verdorben – namentlich im ersten Satz nahm ein ziemlich flottes Tempo doch einiges von der gewohnten Wucht. Im zweiten Satz schien mir die rhythmische Artikulation zu lasch, am besten gefiel mir noch der klagende dritte, in dem die Streicher sich wunderbar schneidend verzehrten, generell war das Dirigat hier endlich mal differenziert genug. Das Finale mit der berühmten Fanfare gelang passabel, aber die fehlende (Klangfarben-)Qualität und Dominanz des Blechs schlug wie schon im Kopfsatz ernüchternd zu Buche. Das Orchestra of the Americas ist ein guter Klangkörper – für solche Herzensangelegenheiten ist mir das allerdings zu wenig.

Im Nachhinein würde ich ohnehin den Eindruck nicht los, dass der Copland heute irgendwie die (Lateinamerka-)Party störte. Die Zugabe des Orchesters, eine Art solistisch vorgetragenes Medley bekannter Melodien aus den Herkunftsländern der Musiker, kam dann auch wieder ungleich besser beim Publikum an. Heiße Rhythmen und buntes Fahnengeschwenke mag doch jeder – von solch kalten Fischen wie mir einmal abgesehen. Die Kollegen vom Simon Bolivar Orchestra haben ihre Venezuela-Jäckchen, hier gipfelt das Ganze in eine nicht enden wollende Flaggenparade auf der Bühne, Mitklatschen ausdrücklich erwünscht. Oder, frei nach Copland: Polonaise for the Common Man.

7. Juli 2018

NDR Jugendsinfonieorchester – Stefan Geiger.
Elbphilhamonie Hamburg.

19:00 Uhr, Etage 15, Bereich M, Reihe 2, Platz 11



Richard Strauss – Wiener Philharmoniker Fanfare 
Louis Spohr – Konzert für Klarinette und Orchester Nr. 2 Es-Dur op. 57 (Gaspare Buonomano)

(Pause)

Richard Wagner – Der „Ring“ ohne Worte – zusammengestellt von Lorin Maazel



Ich muss sagen, dass Maazels Arrangement viel besser funktioniert, als ich im Vorwege angenommen hatte – auch und gerade weil er auf diverse „Schlager“ aus dem Ring verzichtet. Einige der beliebtesten Gesangsnummern, wie etwa Siegmunds „Winterstürme“ oder Siegfrieds „Schmiedelied“, das nur angerissen wird, haben nicht den Weg in die chronologische Zeitraffer-Tetralogie-Synthese gefunden, wodurch der Leitmotiv-Medley-Charakter erfreulich gedämpft und die symphonische Geschlossenheit unterstützt wird.

So findet sich, eingerahmt vom Rheingold-Vorspiel und der kompletten Schlussszene der Götterdämmerung nicht unbedingt das eingängigste Material, aber eben jenes, das die Verwandtschaft der vier Opern und die musikalische Entwicklung innerhalb dieser verblüffend anschaulich transportiert. Kein „Best of“, sondern eine wirklich sinfonische Reise vom Rhein zurück in den Rhein. Natürlich dürfen populäre orchestrale Perlen wie der Walkürenritt, das Waldweben oder Siegfrieds Trauermarsch nicht fehlen, aber gerade am Beispiel des wohl bekanntesten Auszugs aus dem Ring, besagtem Ritt der Walküren, lässt sich in dieser zeitlich kompakten Anordnung Wagners Entwicklungsarbeit auch für eher ungeübte Ohren nachvollziehen – deutet sich das bekannte Thema beispielsweise bereits Ende des Rheingolds in Donners reinigendem Gewitter an, begleitet es die Auftritte und Abgänge Wotans und ist letztlich doch untrennbar mit der hehrsten Walküre Brünnhilde verbunden, auch wenn sie bereits längst sterblich geworden ist und ihrem Siegfried in den Tod folgt.

Maazel ist ebenfalls weise genug, nicht jedes Akt- oder gar Werkfinale in die Partitur zu stopfen. Wenn es dramaturgisch passt, nutzt er z.B. den pfeilschnellen ersten Walküren-Aktschluss als Zäsur, ansonsten leitete er zumeist vor der eigentlichen Schlussklimax zum nächsten Teil über. Ein weiterer Grund, auf allzu „ariose“ Höchepunkte zu verzichten, liegt wahrscheinlich in dem Wissen darum, dass sich Gesang nur unbefriedigend durch die Übertragung an Orchesterstimmen ersetzen lässt, glücklicherweise verfügt das sinfonische Gerüst der Tetralogie Dank Wagner über derart viele Schichten, so daß es auch einmal spannend ist, ihren Reichtümern ohne die Textebene nachzuspüren. Wunderschön beispielsweise eine Passage im Gotterdämmerungsteil – ich tippe auf die Unterredung Siegfrieds mit den Rheintöchtern, obwohl ich nicht firm im letzten Teil des Ringes bin – meine erste Live-Götterdämmerung steht noch aus.

Alles in allem eine wunderbare Arbeit des hochgeschätzten Dirigenten Maazel, sowohl für Wagnerianer und solche, die, von der Vorstellung mehrstündiger Opernabende eingeschüchtert, so dennoch ihre Liebe zu dieser unglaublichen Musik entdecken können. Das Dirigat von Herrn Geiger fand ich übrigens gar nicht mal schlecht, wenn sich auch hier der Vergleich mit einem Maazel oder gar Solti verbietet. Das Jugendorchester des NDR liefert solide Arbeit, stößt jedoch immer wieder an seine Grenzen was Ausdruck, Zusammenspiel und Technik an sich angeht – gerade beim Blech muss man da Gnade vor Recht ergehen lassen. Die Strauss-Fanfare als Lippenlockerungsübung und das Spohr-Konzert waren nicht wirklich der Rede wert, obwohl Herr Buonomano mit stupender Virtuosität und makelloser Phrasierungskunst – allein dieses Legato im zweiten Satz! – begeisterte.

Fazit: ein wunderbarer Abend mit unschlagbarem Preis-Leistungsverhältnis.