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6. Juni 2024

Saint François d’Assise – Kent Nagano.
Elbphilharmonie Hamburg.

17:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 1, Platz 6



Wenn die Hütte morgen abbrennt, würde ich sagen: „sehr, sehr, schade – aber ich habe gestern Abend in der Elphi alles erlebt, was in einem Konzertsaal möglich ist.“ Ein unbeschreibliches Gefühl. So unbeschreiblich, dass eine lose Aneinanderreihung von Stichpunkten und Gedankenfetzen reichen muss, die Eindrücke zu dokumentieren.

1. Bild „Ich fürchte mich auf dem Weg“ – Duschbus („Wenn wir schmutzig sind“)

2. Bild – Die Schöpfung bewahren – Klimaforscher, Uni, Büro, Wald in Farbe – der Holzscheit, Mastercut zum verbrannten Wald, wieder in Schwarzweiß.

3. Bild – Den Notleidenden retten – Sea Watch (bei aller Kritik/Diskussion ein passendes Bild – bedingungslose Hilfe. Lepra-Tenor mit hoher Intensität, passend zur Verzweiflung, Zerknirschung im Orchester. Auch dann die Wandlung zur Buße ins absolut Lyrische. Schattenriss-Chor mit Zeitlupen-Jubel ebenfalls durchaus wirkungsvoll – nicht zu viel und nicht zu wenig. Das Mädchen im Regencape mit dem erleuchteten Erdenball – Tanz der Freude über die Rettung. Einfach, aber stimmig.

Ansatz für Agnostiker: Das Wort „Gott“ durch „(reine/bedingungslose) Liebe“ ersetzen.

Musikalisch eine Wonne, das Orchester topp, sehr ruhiger Saal, Konzentration (!?), Nagano einfühlsam, selbst beim Weltgetümmel des ersten Satzes. Bariton mit erlesener Stimme, vielleicht nicht die Intensität eines Kränzle, (doch daher kommt ihm das quasi Konzertante zugute), aber dann spätestens zum Ende des dritten Bildes bei der Lobpreisung Gottes einfach nur anmutig, schön, rein. Der Engel mit unglaublicher stimmlicher Intensität und Präsenz, auch im Zusammenspiel mit dem Zarthauch des Orchesters.

Wahnsinnsklangfarben, z.B. Dialog Ondes Martenot und Kontrafagott (3. Bild?). Die vollkommene Freude kündigt sich früh an – vgl. Opernwerkstatt.

Die Filme: Menschen auf ihrem Weg begleiten (Folgende Kamera u.a.)

4. Bild – Der Alltag (die Routine) ist gefährlich für den Kern, die Mission. Der überarbeitete Mönch will vom Engel nicht gestört werden. Assisi-Nippes. Das „falsche“ Klopfen – köstlicher, geistreicher (sic!) Humor von Messiaen. Fast ein kindliches Bild. Prohaska überirdisch.

5. Bild – Die Musik als Brücke zu Gott – da rennt er natürlich bei mir offene Türen ein. „Andere“ Künstleropern, Mathis der Maler, Palestrina, kommen in den Sinn. Film: Künstler/Musiker. Die Vervielfältigung des Engels, flirrendes Licht, die Stimme/Musik aus dem Himmel. Ein Engel kollabiert beim Himmelskonzert – man möchte fast an den Fingerzeig des Allverbindenden glauben.

6. Bild – Naturschauspiel. Lichtinszenierung: Die Sonne, die durchs Blätterdach scheint. Filmisch die schwächste Lösung – der in der Natur lustwandelnde Sänger/Franziskus. Etwas zu austauschbar für den spezifischen Gehalt der Ornithologie. Bei der Predigt bleibt die Zeit stehen – der im Flug eingefrorene Vogel. Aber auch hier gute Details: Die Botschaft in die Welt tragen – der Vogel ganz oben im Flug. Insgesamt definitiv stimmig, nur nicht so zwingend wie der Rest, evtl. durch das Problem, die persönliche Naturerfahrung nie wirklich in Bildern übertragen zu können – oder etwa doch? Vgl. Koyaanisqatsi u.a.?

2. Akt insgesamt gesehen schon sehr fordernd, kolossal – aber es geht sich auf! Wahnsinn.

In den Pausen probt das kleine Mädchen/Kind seine Wege mit Anleitung. Hinter mir Blech am Handgelenk und Tritte in die Lehne. Was soll´s – nicht alle hören halt die englische Musik …

7. Bild – Auf diese Heftigkeit war ich nicht vorbereitet. Hospiz. Der Alltag der Pflegerin, das Bett wird leer (zu welcher Textstelle genau?), Bilder, die Trost spenden sollen – was ist Kunst, was ist Kitsch? Gibt es letzteren in dieser Situation überhaupt? Das Anzünden der Kerze. Abschied, unerträgliche Gefühle, gewaltigste Musik, Schmerzen, Leid, die Sehnsucht nach Erlösung, die Hoffnung (auf Gott, die Auferstehung …) Fenster, Türen einen Spalt geöffnet.

8. Bild – der Engel aus höchster Höhe. Der Begleiter zu Gott, zum Ursprung. Es werde Licht. Die wahre Freude klingt C Dur. Das Kind läuft zu den Sternen.

Lippensynchrone Protagonisten, am Ende sind sie alle bei Franziskus.

„Wir müssen ja noch nicht unter der Brücke schlafen“ – einer der vielen, typisch flapsig-lakonischen Sprüche meiner anfangs des Jahres verstorbenen Mutter. Und auf dem Heimweg komme ich dann an jenen Obdachlosen unter der Brücke vorbei, nach diesem Werk, mit diesem Inhalt. In der S-Bahn dann zwei Bettler. Und was mache ich – nichts, wie immer. Haben Franziskus und Messiaen versagt? Oder nur ich? Oder doch alle?

Wiederkehrende Motive, Dreierteilung – drei Akte, oft drei Wiederholungen/Variationen. Noch nie hat mich ein so komplexes Werk derart nach dem ersten kompletten Anhören angefasst/berührt. Es rast in meinem Kopf und Herzen.

In der Pause treffe ich Herrn Delnon. Hab mich bedankt. Sein Kommentar zur Produktion: „Das macht man nur einmal.“


Olivier Messiaen
Saint François d’Assise / Oper in drei Akten und acht Bildern
in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Audi Jugendchorakademie
LauschWerk

Jacques Imbrailo – Saint François
Anna Prohaska – L’Ange
Anthony Gregory – Le Lépreux
Kartal Karagedik – Frère Léon
Dovlet Nurgeldiyev – Frère Massée
Andrew Dickinson – Frère Élie
David Minseok Kang – Frère Bernard
Florian Eggers – Frère Sylvestre
Niklas Mallmann – Frère Ruffin

Dirigent – Kent Nagano
Szenische Einrichtung – Georges Delnon
Thomas Jürgens – Szenografie
Julia Mottl – Kostüme
Janina Zell, Ralf Waldschmidt – Dramaturgie
Marcus Richardt – Film
Stefan Bolliger – Licht
Martin Steidler – Einstudierung Chor


26. August 2019

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg –
Kent Nagano. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 15, Bereich K, Reihe 5, Platz 18



Felix Mendelssohn Bartholdy – Die erste Walpurgisnacht op. 60

(Pause)

Hector Berlioz – Te Deum op. 22



Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Hamburger Alsterspatzen
Chor der KlangVerwaltung
Franz-Schubert-Chor Hamburg
Hamburger Bachchor St. Petri
Jugendkantorei Volksdorf
Kinder- und Jugendsingschule St. Michaelis
Kinderkantorei Bergstedt und Volksdorf
Cappella Vocale Blankenese
Compagnia Vocale Hamburg
Stimmwerk Hamburg
Vokalensemble conSonanz
Kammerchor Cantico

Annika Schlicht – Alt
Pavel Černoch – Tenor
Thomas E. Bauer – Bassbariton
Dirigent Kent – Nagano


Von der letzten Reihe eines Blockes aus hat man wirklich beste Sicht auf all die alten Säcke, die sich gern über die heutige Jugend aufregen und hier, natürlich ohnehin latent mit der Gerätschaft überfordert, keine Gelegenheit auslassen, während des Konzerts einfach mal dumm rumzuknipsen oder gleich ne Runde mitzufilmen – dabei das umsitzende weiße Resthaar gespenstisch illuminierend. Das allein wäre ja schon für sich eine formidable Ablenkung vom Geschehen auf der Bühne, aber zum Glück hat man das Hörgerät erfunden. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn mir nicht der permanent-penetrante Fiepton aus taubem Ohr einer tauben Nuss, umgeben von offenbar ausnahmslos tauben Nüssen, deren Gehör ebensowenig für diese Frequenzen wie ihr Gemüt für ungestörten Kunstgenuss empfänglich schien, die ganze erste Walpurgisnacht wahrlich zur Höllenfahrt machte.

Womöglich hätte ich noch Gefallen an dieser Musik gefallen, die ich bislang nur vom Tonträger kannte. Wobei, bleiben wir realistisch, dafür ist der gute Mendelssohn Bartholdy einfach zu sehr melodischer Biedermann und Butzenscheiben-Harmoniker. Brav, sauber, nein – porentief rein. Die opulenten Chormassen beeindrucken durch ihre akustische Präsenz und Wucht, weniger mit dem versungenen Material. Von den Solisten gefällt mir der Bariton am besten, Herr Bauer hat definitiv Charakter in der Stimme. Frau Schlicht macht ihre Sache ebenfalls gut, den Tenor des Herrn Černoch empfand ich eher als Schwachpunkt. Ein Vergleich der Interpretation durch Herr Nagano mit jener Harnoncourts von CD fällt heute mangels Konzentration aus. Die Bässe waren sehr präsent, soviel habe ich dann noch zwischen Gift und Galle mitbekommen.

Auch zum Berlioz lässt sich angesichts der miesen Rahmenbedingungen wenig Konkretes festhalten, obgleich selbst das dümmste Akustikhemmnis nicht zu verschleiern vermag, was für ein großartiges, in Ausmaß und Inhalt großes Werk das Te Deum doch ist. Hier musste ich geplättet realisieren, dass eine Einspielung, ich glaube bei mir ist es die mit Claudio Abbado, nur einen absolut unzureichenden Eindruck von den Klangwirkungen wiedergibt, die das Stück freisetzt. Ich kann mich darüber hinaus nicht erinnern, schon mal einer Aufführung mit mehr Choristen beigewohnt zu haben, in der Elbphilharmonie schon mal ganz sicher nicht. Beinahe die gesamte Ebene 13 hinter und neben der Bühne war den schwarz gewandeten Damen und Herren, Mädchen und Knaben vorbehalten. Auch wenn das Stück nicht die Ausdehnung seines Requiems besitzt, verfolgt Berlioz hier doch eine ähnliche Kontrastkonzeption, vielleicht etwas weniger ausgefeilt oder eben noch extremer im Wechselspiel von ganz Feinem und mehrheitlich kolossal Überwältigendem.

Schade, dass das Te Deum angesichts der erforderlichen Ressourcen so selten dargeboten wird, das müsste man sich deutlich häufiger geben können. Allein wie sich Orchester und Orgel ein geheimes Duell darin liefern, wer wohl die satteste Klangwand produzieren könne, die sich in wahre Rauschzustände steigernden Chormassen, dann wieder zeitweise gezähmt zur lieblichen Schar der Engel, die Modernität der Harmonik, die Frische und der Ideenreichtum der Melodik, und wie sich alles schließlich im wahrlich apokalyptisch voranschreitenden „Judex crederis“ krönt – Das Te Deum unterstreicht einmal mehr den Status des progressiven Franzosen als einen meiner absoluten Lieblingskomponisten.

Und wie schon im Finale von Mahlers 2. (Link) muss ich Herrn Nagano ein Kompliment aussprechen: Wenn Chöre ins Spiel kommen, scheint der Chef der Staatsoper in seinem Element. Ein wirklich bewegendes Erlebnis, von allen Beteiligten zur Vollendung getragen.

27. April 2019

Philharmonisches Staatsorchester – Kent Nagano.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 13, Platz 1



György Ligeti – Requiem für Sopran, Mezzosopran, zwei gemischte Chöre und Orchester

(Pause)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 2 c-Moll für Sopran, Alt, Chor und Orchester »Auferstehungssinfonie«

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Arnold Schoenberg Chor
Staatschor Latvija
Sarah Wegener – Sopran
Gerhild Romberger – Alt
Dirigent – Kent Nagano



Das Ligeti-Requiem stellt das Elphi-Publikum auf eine harte Probe. Dem geneigten Filmfreund und Kubrick-Verehrer bieten sich genug vertraute Anklänge an Stücke wie „Atmospheres“, welches in „2001“ mit seinen unentrinnbar intensiven, scheinbar chaotischen Steigerungen des Stimmengewirrs die Spannung in der Szene der Menschwerdung, des überspringenden Funkens der Erkenntnis, zum regelrecht physischen Erlebnis ausreizt. Weniger cineastisch vorgeprägte Zeitgenossen ohne Ligeti-Sektion im CD-Regal haben es da sicher schwerer. Aber auch so müsste sich dem offenen Ohr die Konzeption des Werks erschließen, die unter anderem auf größtmögliche Kontrastwirkungen abzielt.

Extreme Sprünge in den Gesangslinien, extreme Dynamikunterschiede vom kaum hörbaren Surren zu gewaltigen, ja gewaltsamen Entladungen. Wenn ich mich auf den ersten uninformierten Blick vielleicht zu einer Kritik hinreißen lassen möchte, dann träfe es gerade dieses Beharren auf den Extremen, dem ein wenig der Mittelbau abzugehen scheint. Wie gesagt zumindest nach dem ersten Hören. Andererseits ist die daraus resultierende Extremwirkung, auch in den damit verbundenen Assoziationen, mehr als spannend: Ordnung – Chaos. Nichts – Alles. Intensität durch die An- und Abwesenheit des Klanges.

Auf intensive Eindrücke hatte ich mich auch im Hinblick auf die Darbietung der emotionalen Achterbahnfahrt gefreut, die mir Mahlers Koloss für gewöhnlich bereitet. Leider erwies sich Herr Naganos Lesart als nur bedingt kompatibel mit meinen Vorstellungen und Wünschen. Schon mit den ersten Takten im Schneckentempo wurde klar, dass die Apokalypse uns heute eher gemütlich ereilen würde. Mahler in Zeitlupe kann durchaus funktionieren – siehe Maazels Einspielung mit den Wienern – aber dann muss man eben auch mehr Detailtiefe aus der Partitur herausholen. Naganos Zugang auf Mahler entschärft in meinen Ohren all jene Kontrastwirkungen, gerade hinsichtlich Tempo und Ausdruck, welche diese Musik zu mehr als Musik werden lassen. Als sich der finale, absteigende Lauf des Kopfsatzes beinahe in Zeitlupe vollzog, musste ich unweigerlich schmunzeln – nicht die adäquate Reaktion nach diesem (potenziellen) unerbittlichen Ringen in Tönen. Das darf kein gemächlicher Schlußvorhang sein, eher ein Fallbeil, das herniedersaust.

Und so ging es mehr oder weniger spannungslos bis zum Finale weiter. Wobei, das stimmt nicht so ganz. Nach einem harmlosen zweiten Satz und einer zahnlosen Fischpredigt ließ das Urlicht endlich aufhorchen. Natürlich lag dies nicht zuletzt an Frau Rombergers bekanntermaßen berührender Stimme und Vortrag, aber auch die Begleitung durch Nagano schien durch das Erscheinen des menschlichen Organs beflügelt. Spätestens mit dem unmerklich einsetzenden Chor nahm der Abend dann die zu diesem Zeitpunkt bereits unverhoffte Wendung: Naganos Talent als Chorleiter trat zutage. Man kann es nicht anders sagen, in puncto Gesang kam nun eben jene Differenzierung ins Spiel, die ich bis dahin so schmerzlich vermisst hatte, und den Abend doch noch versöhnlich beschloss – mit einer zumindest kleinen (Wieder-)Auferstehung also, auf das Pult bezogen, und der Hoffnung auf ähnliche Sangesinspiration auch außerhalb der Staatsoper.

28. April 2017

Philharmonisches Staatsorchester
Hamburg – Eliahu Inbal.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 16, Bereich S, Reihe 2, Platz 7



Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 8

Chor der Staatsoper (Eberhard Friedrich)
Staatschor Latvija (Māris Sirmais)
Hamburger Alsterspatzen (Jürgen Luhn)

Magna peccatrix – Sarah Wegener (Sopran)
Una poenitentium – Jacquelyn Wagner (Sopran)
Mater gloriosa – Heather Engebretson (Sopran)
Mulier samaritana – Daniela Sindram (Alt)
Maria aegyptiaca – Dorottya Láng (Alt)
Doctor marianus – Burkhard Fritz (Tenor)
Pater ecstaticus – Kartal Karagedik (Bariton)
Pater profundus – Wilhelm Schwinghammer (Bass)

Lichtskulptur – rosalie



Der Einspringer macht seine Sache besser als vermutet. Mit Inbals strukturellen Präsentation des Hymnus hatte ich hier und da meine Probleme, da er über die einzelnen Formanschnitte und Bögen tendenziell eher hinwegrauscht, was dem Ganzen bisweilen etwas Schwammiges gibt. Andererseits geht er den ersten Satz mit Schwung und flottem Tempo an, so daß der Schöpfergeist tatsächlich mit Energie und Frische angerufen wird. Finde ich persönlich gut, damit der Satz als festliches Präludium funktioniert, und nicht so im betulich Weihevollen vor sich hinschleppt.

Eine wirkliche Gestaltungsmotivation ist bei Inbal aber erst mit Beginn des zweiten Satzes zu erkennen – ok, seine Linke hat doch eine Funktion. Beschränkte sich seine Tätigkeit bis dahin weitestgehend auf die Basics – Taktschlagen und Organisation durch Einsätze – nutzt er bei der in Musik gesetzten Szene aus Goethes Faust II viel häufiger die Gelegenheit, dem dramaturgischen Konzept Mahlers mit entsprechenden Ausdrucksmitteln Rechnung zu tragen. Der Beginn gelingt schön mysteriös-knorrig, hier ist bei Inbal keine Spur von Hast, der Spannungsbogen wird mit der nötigen Geduld und Konsequenz gespannt. Es ist sicher keine extreme, radikale Lesart, die Inbal hier präsentiert, aber eine, die die beeindruckende Anlage des Satzes durchaus zur Entfaltung kommen lässt. Es bleibt Spekulation, was Nagano mit seinem Orchester aus dem Werk geholt hätte, es zeigte sich allerdings auch, dass das Philharmonische Staatsorchester insbesondere in Bezug auf Klangfarben in letzter Konsequenz nicht über jenen Facettenreichtum verfügt, um die Feinheiten und Klangwirkungen der Partitur zur Gänze vermitteln zu können.

Auch für ein derart groß besetztes Dickschiff wie dieses ist mir die Vogelperspektive aus Ebene 16 zu wenig involvierend. Die Chöre dominieren im Forte und Fortissimo, selbst die komplette Blechbatterie inklusive auf Ebene 15 postierten Fernfiliale entwickelt nicht den Druck, der mir für die äußersten Ausschläge der Steigerungskurven vorschwebt. Ein Anhänger anderer ästhetischer Vorlieben könnte aber genauso gut jene damit einhergehende Transparenz und Fasslichkeit bewundern, die selbst bei diesen extremen dynamischen Spitzen herrscht. Die Orgel ist für sich genommen deutlich präsenter als ihre Schwester in der Laeiszhalle und sorgt mit jedem Einsatz für ein sattes Fundament. Auf der anderen Seite bleiben Details wie die zarten Mandolinen auch im Tutti durchhörbar, zudem bestätigt sich das Phänomen der Faszination des Leisen in dieser Halle aufs Neue.

Zur Solistenriege kann ich mangels Live-Vergleiche nicht so viel sagen. Meine letzte Achte war vor zehn Jahre in der Berliner Philharmonie, ebenfalls aus hinterletzter Perspektive, einziger hängengebliebener Name der leider viel zu früh verstorbene Johan Botha. Abgesehen vom hiesigen Doctor marianus, Burkhard Fritz, der wie schon in diversen Bühnenauftritten einen guten Eindruck machte, hinterließen seine Sängerkollegen, mir teilweise aus der Hamburgischen Staatsoper bekannt, aufgrund der räumlichen Distanz kein wirklich merkfähiges Ergebnis, wobei ich die Damen insgesamt stärker als ihre männlichen Mitstreiter einzuschätzen glaube. An den drei Chören gab es nichts zu mäkeln, schon verblüffend, wie gut die Textverständlichkeit selbst bei diesen Massen über weite Strecken gegeben ist. In gleichem Maße wie die immer wieder den Saal durchströmenden Wellen gesanglicher Wucht, waren es gerade die intimeren Momente, wie der in äußerster Zurückhaltung intonierte Beginn der Schlußaussage („Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis ...“), welche ihre Wirkung nicht verfehlten und dazu beitrugen, ein mit enormem Aufwand vollzogenes Konzert zu einem berührenden Erlebnis werden zu lassen.

15. Februar 2017

Lulu – Kent Nagano.
Hamburgische Staatsoper.

19:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 4, Platz 16



Seit beinahe zwei Jahren wieder in der hiesigen Staatsoper, das erste Mal unter der Stabführung des gar nicht mehr so neuen GMD – was für ein Abend! Diese Lulu stellt die Antennen neu ein. Für ein Orchester, das deutlich feiner klingt, als ich es in Erinnerung hatte. Nichts Grobes haftet ihm an, ob Streicher oder Bläser, Naganos Musiker sorgen für ein feines Klanggewebe. Die Akustik selbst ist etwas problematisch. Das Orchester ist sehr präsent, die Stimmen bedingt. An der Rampe geht es, sonst wird es teilweise schwierig. Ich bilde mir ein, dass es in der kompakteren Szenerie von Dr. Schöns Wohnung im zweiten Akt besser funktionierte, oder vielleicht hatten sich die elbphilharmonie-verwöhnten Ohren da bereits neu justiert.

Aber ob heute nun Antennen, Ohren oder der siebte Sinn berührt wurden – von akustischen Details abgesehen ist der komplette Abend ein Triumph. Ein Triumph Marthalers, ein Triumph Hannigans und nicht zuletzt ein Triumph Bergs. Natürlich wird die Aufführung von Frau Hannigan getragen, deren Auftritt die Grenzen des Sängerdarstellers sprengt. Gesang, Schauspiel, eine das Artistische mehr als streifende Körperlichkeit, Bewegung, Gestik und Tanz als voll integrierte Facetten der Charakterdarstellung und des Ausdruckstransports – einmal davon abgesehen, dass ihre Stimme allein sie bereits als Idealbesetzung für diese Rolle prädestinierte. Aber in Marthalers betont artifizieller Inszenierung wird diese Sängerin vollends zum Ereignis.

Nicht Naturalismus und „Realismus“, sondern die Entmenschlichung des Menschlichen unter dem Brennglas einer unnahbaren Dekonstruktion, die die Fallhöhe für Erschütterung und Anteilnahme etabliert. Fordernd, anstrengend, komplex. Die Darsteller halb angezogenen Puppen gleich, unfertig, unzulänglich – Ausnahmen: die Statisten, der Bühnenarbeiter und Lulu. Das Ausgestellte, wie es in der „Hereinspaziert, in die Menagerie“-Vorrede des Dompteurs postuliert wird, bleibt allgegenwärtig – Podeste; eine Bühne auf der Bühne. Symptomatisch der Dialog zwischen Lulu und dem Maler. Jeder sitzt auf einem Stuhl in größtmöglicher Entfernung, das Sprechen ist betont ausdruckslos, keine physische und inhaltliche Nähe ist erkennbar. Zerrüttend, zersetzend schließlich die Eheszene im 2. Akt. Er berührt sie am Arm, sie fasst die Stelle an – was ist Liebe? Nur Sentimentalität?

Schmeckenbecher schafft hier, trotz der unausweichlichen Unterlegenheit, ein intensives Gegengewicht zu Hannigan. Die Körperlichkeit der zur Schau gestellten Gewalt gegen Lulu im Parisbild bereitet größtes Unwohlsein, macht den Schmerz unmittelbar erlebbar. Ähnlich wie bei der Verfolgung Lulus durch den liebestollen Schwärmer eingangs des ersten Aktes, die als schier endlose Folge rückwärts von der Sängerin geschlagener Purzelbäume aus dem Bett abstrahiert wird, ist das halsbrecherische Moment hier keine Metapher, sondern greifbare Bedrohung.

Die Musik Bergs offenbart einmal mehr ihre emotionale Kraft jenseits analytischer Reißbrettkonzeptionen und ihre Vorbildfunktion für Komponisten wie Britten, musikalisch wie dramatisch – Der Mensch, die ärmste/traurigste Kreatur. Das nackte Particell des dritten Aktes funktioniert überraschend eindringlich, offenbart einen Violinkonzertmoment in der Parisszene. Schade, dass ebenfalls auf die instrumentierte Fassung des Finales verzichtet wurde, wahrscheinlich im Hinblick auf den daran anknüpfenden Einsatz des Violinkonzertes. Jenes als Schwanengesang ans Ende zu stellen, verfehlt, gerade im Zusammenhang mit der anrührend-fragilen „Gebärdensprachen“-Choreografie der Frauen um Lulu, seine Wirkung nicht. Verlöschende Gedanken über erloschenes Leben, Lebenswillen, gegenseitiges Verletzen, Anziehung und Abstoßung.

So wie sich Lulu und mit ihr das Werk einfachen, schwarzweißen Kriterien wie gut und böse, Schuldiger und Opfer entziehen, unterstreicht die Inszenierung die Zerrissenheit und Ambivalenz der Titelfigur und die daraus resultierende Radikalität in der Wirkung auf ihre Umwelt. Mehr Naturgewalt denn femme fatale, kommt mir weniger der häufig genannte Vergleich zum trotzigen Kind Salome in den Sinn, sondern seltsamerweise eher eine Figur wie die Königin von Schemacha aus Rimski-Korsakows Oper „Der goldene Hahn“ – ohne Zweifel erliegen dem „Überweib“ hier wie dort die Männer in Scharen, missbrauchen sie aber im Umkehrschluss als Projektionsfläche für ihre persönlichen (Macht-)Phantasien.

Fazit: Eine Produktion, mit der die Hamburgische Staatsoper in der Opernwelt zurecht für Gesprächsstoff gesorgt hat – der sprichwörtliche große Wurf gelang.


Alban Berg – Lulu
Musikalische Leitung – Kent Nagano
Inszenierung – Christoph Marthaler
Bühnenbild und Kostüme – Anna Viebrock
Licht – Martin Gebhardt
Mitarbeit Regie – Joachim Rathke
Mitarbeit Kostüm – Otto Krause
Dramaturgie – Malte Ubenauf
Spielleitung – Petra Müller, Anja Krietsch
Musikalischer Assistent des Generalmusikdirektors – Nathan Brock
Leitung der Bühnenmusik – Johannes Harneit

Lulu – Barbara Hannigan
Gräfin Geschwitz – Anne Sophie von Otter
Dr. Schön/Jack – Jochen Schmeckenbecher
Alwa – Matthias Klink
Tierbändiger/Athlet – Zachary Altman
Schigolch – Sergei Leiferkus
Der Maler/Neger – Peter Lodahl
Eine Theatergarderobiere/Gymnasiast – Marta Świderska
Der Prinz/Kammerdiener/Marquis – Dietmar Kerschbaum
Der Medizinalrat Dr. Goll/Polizist/Professor – Martin Pawlowsky
Theaterdirektor – Denis Velev
Auguste Artinelli – Marc Bodnar
Bianetta Gazil — Liliana Benini
Madelaine de Marelle – Begoña Quiñones
Ludmilla Steinherz – Sasha Rau
Kadéga di Santa Croce – Sylvana Sedding
Eine Violinistin — Veronika Eberle
Ein Pianist — Bendix Dethleffsen

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg