7. Oktober 2012

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny –
Markus Poschner. Theater Bremen.

18:00 Uhr, Stehplatz, Reihe 10, Platz 15



Der Opern- und Konzertbetrieb ist ja bekanntlich eine recht konservative, in höchstem Maße ritualisierte Angelegenheit. Abweichungen von der Norm, dem Altbekannten, seien es programmatische oder inszenatorische, laufen häufig Gefahr, eher mit Ablehnung oder Desinteresse denn mit Enthusiasmus vergütet zu werden. Umso tröstlicher, daß man hin und wieder dennoch Versuche erleben kann, aus der Präsentationsroutine auszubrechen.

Am Theater Bremen hat man dazu diese Spielzeit in der Mahagonny-Produktion besonders eindrucksvolle Gelegenheit. Das Regiekonzept sieht vereinfacht ausgedrückt die Verlagerung bzw. Ausweitung der Bühne auf verschiedene Räumlichkeiten in und vor dem Theater bei gleichzeitiger Einbindung des Publikums in die Handlung vor. Das Parkett ist bis auf einige löbliche Zugeständnisplätze für ältere Semester seiner Bestuhlung beraubt, das Orchester hat auf der eigentlichen Bühne Platz genommen, die abgedunkelten Foyers und Gänge sind als zusätzliche Spielorte von heimeligen Retrolampen illuminiert. Im ganzen Haus sind Monitore und Projektoren angebracht, auf denen das dezentrale Geschehen Dank mobiler Kamerateams verfolgt werden kann. Wer stets live am Puls der Handlung sein möchte, sollte besser gut zu Fuß sein, denn die Gründung der Netzestadt vollzieht sich in stetigem Ortswechsel.

Ich muß zugeben, daß mich dieses Konzept anfangs eher abgeschreckt hat. Als großer Verehrer des Stücks und seiner schier unerschöpflichen Reichtümer unterschiedlichster musikalischer Formen und Formeln befürchtete ich, daß hier einem großen Werk in übermotiviertem Aktionismus großes Leid zugefügt werden würde. So nahm ich in den ersten Minuten wie aus altem Trotz auf einem der wenigen vorhandenen Sitze Platz, ließ Konzept Konzept bleiben und schmollte ein wenig verunsichert in die Runde. Glücklicherweise überstimmten mich meine Neugier und die Erkenntnis, daß sich ja schließlich nicht allzu oft die Gelegenheit böte, ungestraft in einer Vorstellung herumzulatschen. Wenn schon, denn schon.

Mein Wagemut sollte belohnt werden: es folgte die Teilnahme an einer inspirierten, schlüssigen, im Wortsinne involvierenden Inszenierung, die vor allem für ihre vielschichtige Choreografie aller Beteiligten größten Respekt verdient. Insbesondere die Leistung der Choristen, die sich als Bewohner der Stadt unter das Publikum zu mischen hatten, teilweise in Interaktion zu ihm traten, kann in Bezug auf Konzentration und Aktivierung gar nicht hoch genug bewertet werden. Keine Ahnung, wie oder ob das geprobt werden konnte, aber faszinierend, wie aus kalkuliertem, dramaturgisch motiviertem, kein musikalisches Chaos wurde.

Die Regiearbeit im Detail sprüht nur so vor intelligenten Einfällen bzw. Umsetzungen des Librettos. Die Saufszenen finden standesgemäß an der Bar im Gastrobereich des Hauses statt, passenderweise wird die preisliche Entwicklung des Alkohols gleich am lebenden Objekt in Form des allerorten munter vollzogenen Sektausschanks umgesetzt. Die Holzfällertruppe um Jim betritt nach der Vorfahrt im Taxi den roten Teppich, der sie in die Mahagonny-Seligkeit führt. In Erwartung des nahenden Hurrikans werden alle Beteiligten inklusive Besucher in den Schutz des Zuschauerraums getrieben. Man verschanzt sich. Wärmende Decken und Klappstühle werden verteilt. So viel Nähe und Fürsorge im Angesicht der Gefahr schweißt zusammen. Vom Saalhimmel regnet es Flugblätter zum gemeinsamen Mitsingen. Das Treiben des verschonten Sündenpfuhls wird fortan äußerst plastisch und intensiv geschildert. Viel „realer“ kann im Theater kaum totgefressen oder –geschlagen werden. Auch hier: mein Respekt an die intensive Darstellung der Solisten und Choristen, die trotz aller szenischen Entäußerung das Singen nicht vergessen. Wenn beispielsweise Jakob zwischen den Fleischbrocken hindurch das nächste Kalb herbeisingt-sehnt, ist ein Grad der Verschmelzung von Theaterkunst, Anklage wider Voyeurismus und Tatenlosigkeit sowie Empathiegewinnung erreicht, wie sie Brecht und Weill im Sinn gehabt haben mögen.

Es ist keine Übertreibung, diesen Abend als (Theater-)Erlebnis von selten erreichter Intensität zu bezeichnen. Das kraft- und gehaltvolle Dirigat des GMD Markus Poschner hat daran – wie so oft im auch in dieser Hinsicht Glück behafteten Bremen – seinen Anteil. Beim Ensemble fällt neben sängerischer Qualität die zwingend typgerechte Rollenbesetzung und -Gestaltung auf. So ist Identifikation ein Leichtes. Eine Anmerkung noch zur Fassung: die ein oder andere Nummer (z.B. „Spiel von Gott in Mahagonny“) habe ich vermißt, dies ist wahrscheinlich dem Konzept der Aufführung ohne Pause geschuldet.

Fazit: Die ganze Produktion spiegelt die Liebe und Hingabe aller Beteiligten zu ihrer Arbeit wider und ist ein gelungenes Beispiel dafür, daß es sich von Zeit zu Zeit lohnt, die gewohnten Pfade zu verlassen, um Altbekanntes neu strahlen zu lassen.


Kurt Weill – Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Musikalische Leitung – Markus Poschner
Regie – Benedikt von Peter
Bühne – Katrin Wittig
Kostüme – Geraldine Arnold
Video – Bert Zander
Chor – Daniel Mayr
Werktätigenchor – Thomas Ohlendorf
Choreografische Mitarbeit – Jacqueline Davenport
Licht – Christian Kemmetmüller
Dramaturgie – Sylvia Roth

Leokadja Begbick – Nadja Stefanoff
Fatty, der Prokurist – Luis Olivares Sandoval
Dreieinigkeitsmoses – Karsten Küsters
Jenny Hill – Marysol Schalit
Jim Mahoney – Michael Zabanoff
Jakob Schmidt – Christian-Andreas Engelhardt
Bill, genannt Sparbüchsenbill – Loren Lang
Joe, genannt Alaskawolfjoe – Christoph Heinrich
Sechs Mädchen von Jenny – Karin Maria Brenner, Cordula Fritz-Karsten, Lusine Ghazaryan, Anna-mária Melkovics-Féher, Irina Ostrovskaia, Alina Wodnicka, Anne-Kathrin Auch, Caroline Klöckner

Chor des Theater Bremen
Werktätigenchor des Theater Bremen
Bremer Philharmoniker

27. September 2012

Liederabend – Jonas Kaufmann.
Laeiszhalle Hamburg.

20:00 Uhr, Parkett rechts, Reihe 9, Platz 15



Franz Liszt – Vergiftet sind meine Lieder S 289
Franz Liszt – Im Rhein, im schönen Strome S 272/1
Franz Liszt – Freudvoll und leidvoll S 280
Franz Liszt – Es war ein König in Thule S 278/2
Franz Liszt – Ihr Glocken von Marling S 328
Franz Liszt – Die drei Zigeuner S 320
Gustav Mahler – Ich atmet' einen linden Duft (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Liebst du um Schönheit (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Blicke mir nicht in die Lieder (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Ich bin der Welt abhanden gekommen (Rückert-Lieder)
Gustav Mahler – Um Mitternacht (Rückert-Lieder)

(Pause)

Henri Duparc – L'Invitation au Voyage (Mélodies)
Henri Duparc – Phidylé
Henri Duparc – Le manoir de Rosemonde / Das Schloß von Rosemonde
Henri Duparc – Chanson triste / Trauriges Lied
Henri Duparc – La vie antérieure (Mélodies)
Richard Strauss – Schlechtes Wetter op. 69/5
Richard Strauss – Schön sind, doch kalt die Himmelssterne op. 19/3
Richard Strauss – Befreit op. 39/4
Richard Strauss – Heimliche Aufforderung op. 27/3
Richard Strauss – Morgen op. 27/4
Richard Strauss – Cäcilie op. 27/2

Zugaben:
Richard Strauss – Ach weh mir unglückhaftem Mann op. 21/4
Richard Strauss – Freundliche Vision, op. 48/1
Richard Strauss – Wie sollten wir geheim sie halten, op. 19/4
Richard Strauss – Nichts, op. 10/2
Richard Strauss – Zueignung, op. 10/1



Als Jonas Kaufmann die Worte „... und ich geh’ mit Einer, die mich lieb hat ... in den Frieden ...“ aus der zweiten von insgesamt fünf Strauss-Zugaben sang, wurde mir klar, daß man diese – und so viele weitere zuvor an diesem Abend gehörte Stellen – wohl kaum würde aus anderer Kehle jemals so berührend schön vernehmen werden. Durch einen Liederabend im Prinzregententheater vor einigen Jahren und den Münchner Lohengrin zwar vorgewarnt, trifft doch die Ausnahmequalität dieser Stimme bei jedem Hören aufs Neue ins Mark.

Das unverwechselbare, baritonale Timbre, ein Bombenorgan, gefächert von feinst zerstäubtem Schmelz bis triumphalem Stahl, mal kaum mehr als ein süßes Flüstern, dann wieder ein Glanz, der die gesamte Laeiszhalle erfüllt. Überhaupt ein Abend der extremen Kontraste. Immer wieder regelt Kaufmann die Dynamik an den Rand des Möglichen zurück, um das gebannt lauschende Publikum nach solchen Momenten innigster Spannung mit einer Entladung in strahlendster Weise vollends zu berauschen.

Bezüglich der Interpretation hat mir Strauss insgesamt etwas mehr zugesagt als die Rückert-Lieder, wobei das sehr breit angelegte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ in seiner kaum zu steigernden Intensität unzweifelhaft einen, wen nicht den Gipfelpunkt des Abends markierte. Gerade auch in diesem Fall stellte Helmut Deutsch wieder einmal seine kongeniale Sensibilität unter Beweis. In „Um Mitternacht“ konnte Kaufmann dann vollends seinen Heldenton ausspielen.

In der Darbietung der Duparc-Stücke zeigte sich, wie wunderbar der Sänger auch für das französische Fach geeignet ist – diese Zartheit, diese Lyrik! Aber auch die Liszt-Werke boten reiche Entfaltungsmöglichkeiten, etwa in dem entrückt entschwebenden „Die Glocken von Marling“ oder der bildhaften Beschreibung in „Die drei Zigeuner“.

An Kaufmanns Strauss-Interpretationen gefällt mir besonders die ungezwungene, selbstverständliche Realisation des humorvollen, ironischen Moments – der Mann bringt einfach auch darstellerisch alles mit, und sei es eben in diesen Miniaturen, um das Auditorium für sich zu gewinnen – ohne dafür in die Klamaukschublade greifen zu müssen, wohlgemerkt. Und wenn man dann noch einen Liederabend-Klassiker wie „Morgen“ so scheu, so zärtlich, neu vor dem verwöhnten Ohr erstanden weiß, herrschen nur noch Gewißheit, Erfüllung, Dankbarkeit.

22. August 2012

Amoretti (CD-Präsentation) – Christiane Karg.
Villa Jako Hamburg.

19:30 Uhr, freie Platzwahl



Arien von Wolfgang Amadeus Mozart, Christoph Willibald Gluck und André Grétry

 

Wenn man schon auf den letzten Drücker im Taxi zu einer Veranstaltung braust, bzw. gebraust wird, dann hilft es einem Zuspätkommpaniker wie mir doch ungemein, an einen musisch interessierten Taxifahrer zu geraten. So konnte man die verrinnenden Minuten Richtung Elbchaussee mit einer netten Unterhaltung über Musik, Theater und vieles mehr zumindest zeitweise aus dem Sinn bekommen. Am Ende wurde die nervöse Fracht natürlich doch rechtzeitig am Bestimmungsort abgeliefert.

Besagten Ort, die efeuberankt verwunschen hinter einem alten Portal am Ende eines Privatweges gelegene Villa Jako, den fast schon unscheinbaren Eingang von Säulen gesäumt, hatte ich durch einen Zufall bereits vor einigen Jahren kennengelernt. Die ehemalige Lagerfeld-Behausung diente damals als Kulisse für ein Fotoshooting. Repräsentativ ist das Areal in jedem Fall, so daß der Rahmen der Präsentation der neuen CD „Amoretti“ von Christiane Karg kaum festlicher hätte ausfallen können. So vernahm man im zum Musikzimmer umfunktionierten, wenn auch akustisch nur bedingt geeigneten Wohnsaal Auszüge des Arienprogramms, dargeboten von Frau Karg in Begleitung durch Jonathan Cohen am Flügel, den Dirigenten der CD-Einspielung.

Das Experiment, in kleinem Kreis einen Einblick in das Programm der Aufnahme zu bieten, darf als äußerst geglückt bewertet werden. Dies lag nicht allein am wunderbaren, warmherzigen Vortrag der Sopranistin, sondern auch an Frau Kargs Talent, dem Publikum in kleinen Zwischenmoderationen und Anekdoten den Entstehungsprozeß und ihre Beweggründe bei der Stückauswahl auf interessante, ungezwungene Art nahe zu bringen. Schön zu wissen, wenn sich hinter einer zauberhaften Stimme auch eine sympathische Persönlichkeit verbirgt. Die Vorzüge ihres Gesangs durfte ich ja bereits bei mehreren Gelegenheiten im Konzert- und Opernsaal genießen. Eine zarte, stets warme Stimme, die auch in energischer Höhe nie hart oder schrill klingt, lieblich, wohlig, flexibel – um nur ein paar Attribute zu nennen. Keine sphärische Nymphe, sondern gelebte Emotion.

Schön auch, daß die Künstlerin beim abschließenden Ausklang des Abends im imposanten Garten mit unverbaubarem Elbblick noch zugegen war und für das ein oder andere Gespräch zur Verfügung stand. Genau diese unaufgesetzte Nähe sollten Künstler heute eigentlich viel häufiger zu ihrem Publikum suchen, aber das ist natürlich auch eine Frage der Persönlichkeit.

19. August 2012

Sardanapalus – Bernhard Epstein.
Ekhof-Theater Gotha.

15:00 Uhr, Fürstenloge, Reihe 1, Platz 7



Es mag kreislauffreundlichere Fleckchen geben, um den offiziell heißesten Tag des Jahres zu verbringen, als den Saal des schmucken Ekhof-Theaters mit seiner historisch informierten Klimaanlagenlosigkeit. Auch die Aussicht, vier Stunden Barockoper unter diesen Umstanden als einer von vielen tapferen Transpirateuren auf sich wirken zu lassen, dürfte nicht in jedem das Bild optimaler Sommergestaltung heraufbeschwören. Und selbst in einem Sonnenverächter wie mir keimten leise Zweifel. Mittlerweile weiß ich: völlig unbegründet.

Natürlich ist eine derartige Temperatur der Konzentration schon eher abträglich – Mitfiebern bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Auf der anderen Seite erfährt der Begriff Hoftheater an einem solchen Tage eine ungeahnte Demokratisierung: In der Königsloge zählt man nicht weniger Schweißperlen als auf anderen Plätzen. Viel mehr jedoch ist die Aufführung ein schönes Beispiel dafür, wie relevantes, interessantes Theater – und sei es mehr als dreihundert Jahre unaufgeführt – solchen Widrigkeiten zum Trotz in den Bann schlägt, anregt, begeistert.

Dies lag in erster Linie am inspirierten Zusammenwirken aller Teilaspekte der Produktion. Hatte im Vorfeld vor allem die in Gotha zu bestaunende, original erhaltene Bühnenmaschinerie mit ihren fliegenden Kulissenwechseln mein Interesse geweckt, zeigte sich vor Ort jedoch schnell, daß es sich bei dem Festival hier nicht um eine Museumsvorführung mit Musikbegleitung, sondern um eine lebendige Zeitreise in die Welt barocker Opernpraxis handelt. Natürlich gibt es auch hier Zugeständnisse an aktuelle Gepflogenheiten, wie die Verdunklung des Zuschauerraums, jedoch wohl eher, um den Fokus auf das zu stärken, was man hier erarbeitet hat. Und das kann sich in jeder Beziehung hören und sehen lassen.

Dabei gerät die tadellose musikalische Darbietung mit dem Instrumentarium und in Spielweise des 17. Jahrhunderts angesichts einer ebenfalls historisch informierten Aufführungsweise des Szenischen, Darstellerischen für mich als absoluten Barocklaien fast schon in den Hintergrund. Das für mich Beeindruckendste war zweifellos das Erleben der – soweit dies heute überhaupt möglich ist – authentischen Inszenierung inklusive barocker Personenregie. Gerade das Agieren der Darsteller nach einem ausgefeilten Gestenkatalog gehört zum Faszinierendsten, dem ich in letzter Zeit beiwohnen durfte. Wo heute häufig im Theater der Ruf nach Authentizität und Nahbarkeit im Dienste einer Einbindung der Zuschauer ertönt, kann man hier den aus meiner Sicht nicht weniger involvierenden kompletten Gegenentwurf erleben.

Musiktheater als unbestreitbar künstliche Form der Vermittlung geht hier den Weg durch und durch artifizieller, strenger Formelhaftigkeit, um dem Publikum auch gerade auf visueller Ebene den Zugang zu erleichtern. Eine Art Informationschoreografie, die Gesungenes unterstützt, Beziehungen zwischen den Handelnden verdeutlicht, das Geschehen organisiert. Manche Geste läßt mich an Gebärdensprache denken, andere tragen ungemein dazu bei, auch optisch Spannung aufzubauen bzw. zu halten. Wer sich auf dieses Ballett der Gesten und Körper im Raum einläßt, entdeckt an diesem Nachmittag ein ganz neues – uraltes – Konzept für Musiktheater, dem nichts Antiquiertes anhaftet.

Natürlich, die Kostüme und Maske, auch die bemalten Prospekte verweisen auf eine vergangene Zeit, die emotionale Wirkung der Aufführung widerlegt jedoch den ersten Eindruck des Musealen. Es stellt sich mir daher die Frage, ob diese Art der szenischen Choreografie nicht auch beispielsweise in zeitgenössischen Werken – in welcher Form auch immer – Anwendung finden könnte, um auf diese Art die Brücke zum Publikum zu schlagen (Robert Wilson kommt mir da in den Sinn).

Bei aller Begeisterung für das Visuelle (inklusive diverser Balletteinlagen) soll nicht unter den Tisch fallen, daß die Musik selbst ihren Anteil an dieser fast schon kurzweiligen Veranstaltung hatte. Für ein Stück dieser Länge hält es überraschend reiche Beute musikalischer Abwechslung und Erbauung bereit. Höhepunkte an Inspiration und Intensität waren beispielsweise die Klage der Agrina, der Tod der Salomena oder die Arien bzw. Duette mit Countertenor-Beteiligung (Belochus). Das Ensemble lies kaum Wünsche offen, besonderen Eindruck machten neben den Sängern der genannten Rollen noch Markus Flaig als kraftvoller Arbaces sowie Jan Kobow in der bizarren Ausgestaltung der mäßig sympathischen Titelfigur. Zumindest mir erging es so, daß zu seinem selbstgewählten Ende doch Mitgefühl für den reichen armen Irren aufkeimte.

Dem Ekhof-Theater gilt mein Dank, mit dieser Produktion mein Verständnis für Barockes Musiktheater erheblich gemehrt zu haben, dem Stück mein Wunsch, daß es in den nächsten dreihundert Jahren häufiger zum Einsatz kommen möge.


Christian Ludwig Boxberg – Sardanapalus
Musikalische Leitung – Bernhard Epstein
Inszenierung und Choreographie – Milo Pablo Momm
Ausstattung und Kostüme – Jörg Meder
Bühnenbild – Jürgen Weiss, Bettina Schünemann
Szenische Beratung – David Matthäus Zurbuchen

Sardanapalus – Jan Kobow
Salomena – Antje Rux
Didonia / Diana – Elisabeth Göckeritz
Agrina / Juno – Theodora Baka
Belochus – Franz Vitzthum
Misius / Cupido – Kathleen Danke
Atrax – Sören Richter
Arbaces / Mars – Markus Flaig
Saropes – Johannes Weiss
Belesius – Felix Schwandtke

Orchester der Compagnie Opéra Baroque
United Continuo Ensemble
Tänzer der Compagnie l’espace

18. August 2012

S-H Festival Orchester – Manfred Honeck.
MUK Lübeck.

20:00 Uhr, Parkett links, Reihe 7, Platz 20



Wolfgang Amadeus Mozart – Violinkonzert A-Dur KV 219 (Arabella Steinbacher)
Zugabe: Eugène Ysaÿe – Sonate für Violine solo Nr. 2, 1. Satz (Obsession)

(Pause)

Anton Bruckner – Sinfonie Nr. 7



Wie schön könnten Konzerte doch sein, wäre da nicht diese leidige Kleinigkeit, die allzu häufig wahren Genuss unmöglich macht – das Publikum. Andererseits kommt der Katalog der Verfehlungen nicht ohne ein gehöriges Maß Abwechslung daher – gehört man nicht zu der verschrobenen Minderheit, die sich unbedingt mit dem Konzert beschäftigen möchte, wird es so schnell nicht langweilig.

Ich notiere für den heutigen Abend: Eine solistisch in die Stille scheppernde Platzmarke. Ein leider etwas undeutlicher Handyton. Nach jedem Brucknersatz die akustische Simulation eines lauschigen Sommerregens mit Niederschlagsüberhang in den jeweils folgenden Satz hinein mittels vorbildlich synchron agierender Bonbonentfaltungsbrigaden. Das Erlebnis ursprünglicher Kommunikationsmuster anhand primitiver Hust-, Schnaub-, Grunz- und Röchelstafetten. Ein einsamer Recke, der den verdutzten Pünktlichsitzern der von ihm umgepflügten ersten Reihe eindrucksvoll demonstriert, daß es nie zu spät ist. Und schließlich der vielleicht berührendste Moment: Rechtzeitig zum Einsatz der Solistin läßt ein umsichtiger Musikliebhaber im ersten Rang etwas Großes, Klirrendes fallen, um noch mal die Konzentration seiner Hörgenossen zu schärfen – herrlich!

Ganz nebenbei wurde dann auch noch musiziert. Ein Violinkonzert des göttlichen Langweilers und nach der Pause zur Entschädigung Bruckner. Steinbacher und Honeck bewahren mich vor der üblichen einschläfernden Wirkung. Die Solistin mit feinem Ton, zerbrechlich, zart, intonationsrein, kontrolliert, teilweise fast zu gesittet – im entsprechenden Moment schon zupackend, dabei aber nie grob oder unbeherrscht. Bezeichnend: die immer wiederkehrende, weiche Bewegung des Arms beim Zurücknehmen des Bogens. Müßte ich ihr Spiel in einem Wort beschreiben, würde ich wohl ein „nobel“ aus der Attribute-Schublade fischen.

Dieser feine Zugang harmoniert vortrefflich mit Honecks Interpretation, die deutlich milder ausfällt, als erwartet. Wenn man es genau bedenkt aber eigentlich ganz in seiner Tradition, nur eben auf Mozart gemünzt. Leicht und luftig der erste Satz, dazu das Honeck-typische Herunterregeln der Lautstärke an die Grenzen der Verflüchtigung, um größtmögliche Kontraste zu erzielen. Im Final-Marsch wieder gewohnt energisch, geladen, federnd. Über die drei Sätze betrachtet aber eher elegisch-versonnen. Wenn schon Mozart, dann beispielsweise so.

Der ersehnte Bruckner hinterließ einen gemischten Eindruck. Ein äußerst interessantes Dirigat trifft auf die Gegebenheiten eines Orchesters, das in letzter Konsequenz nicht die nötigen Feinheiten aufzubieten vermag. Dabei ist das Schleswig-Holstein Festival Orchester beileibe kein schlechtes. Das stellt es vor allem im rhythmischen Taumel des Scherzo und dem knackigen Finale unter Beweis, wenn Honeck auf sein akzentuiertes Hochspannungs-Dirigat umschaltet. Das Besondere seiner Interpretation liegt – wie bereits im Mozart – jedoch nicht im Auftrumpfen, sondern in der Ausgestaltung leiser und leisester Passagen – hier durch die Einbindung in das schluchtartige dynamische Gefälle mit der Wirkung brutalster Fragilität. Für diesen behutsamen, fast schon kammermusikalischen Bruckner mangelt es dem Orchester – vor allem im Adagio – an Klangfarben, um jene Nuancen zum Blühen zu bringen. Insbesondere die Bläser werden dem Anspruch dieses Konzeptes nicht immer gerecht.

Doch auch wenn Blech und Holz sich mitunter allzu irdisch betrugen und nicht jedes Streicherunisono die Schwere des Profanen abzustreifen gewillt war, verbuche ich den Abend als Gewinn, da er mir wieder einmal die bestechende Kunst Honecks vor Augen und (mehrheitlich inneren) Ohren geführt hat.