15. Juni 2025

NDR Elbphilharmonie Orchester – Herbert Blomstedt. Elbphilharmonie Hamburg.

10:00 Uhr Einführung, 11:00 Uhr, Etage 12, Bereich A, Reihe 3, Platz 2



Johann Sebastian Bach – Jauchzet Gott in allen Landen / 
Kantate BWV 51

(Pause)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36


NDR Elbphilharmonie Orchester
Regula Mühlemann – Sopran
Dirigent – Herbert Blomstedt



Bei der Einführung mit Thomas Cornelius sprang Raliza Nikolov für Regula Mühlemann ein, die laut Nikolov mit dem Kreislauf zu kämpfen hatte – im Konzert war die Sopranistin dann aber ohrenscheinlich wieder voll auf der Höhe. Die Einführung selbst entwickelte sich als entspannter Plausch, bei dem Herbert Blomstedt im Mittelpunkt stand. Von Anekdoten aus dem gemeinsamen Arbeitsleben, die sowohl das ungebrochene Arbeitspensum und -Ethos des kommenden Monat seinen 98. Geburtstag begehenden Ex-Chefs des NDR, als auch dessen weiterhin geölten wie gewitzten Geist belegten, bis hin zu wunderbaren Tonaufnahmen von den Proben, mittels derer man dem unentwegt singenden Blomstedt bei der Erarbeitung von Details zumindest indirekt beiwohnen durfte, stellte die Einführung in erster Linie eine Liebeserklärung an den rüstigen Schweden dar.

Insbesondere Cornelius hatte die Stauner und Lacher auf seiner Seite, ob er nun Blomstedts unglaubliches Namensgedächtnis rühmte, seinen von ihm verliehenen Spitznamen (Der Ding Ding Ding Mann) enthüllte oder seine irrige Annahme, Opfer von Spam-Mail geworden zu sein. Wir erfahren: Der Maestro schreibt immer noch selbst und hält sich nicht lang mit Kleinigkeiten wie Geburtstagen auf – zum 120. könne man ja immer noch gemeinsam feiern. Ein Ausspruch Blomstedts bei den Proben zum Bach bleibt besonders im Gedächtnis: das stetige Ausdünnen der Orchesterstimmen in einer bestimmten Passage kommentiert er mit „es werden immer weniger … wie im richtigen Leben“. Wobei es ihm damit laut Cornelius beileibe nicht um Resignation oder Pessimismus ging – das Leben und die Musik gehen immer weiter.

Blomstedts Sicht auf Beethovens Zweite ist ein weiterer Beleg für seinen Ansatz, den Blick stets frisch zu halten. Anstatt die Sinfonie wie üblich als Vorläufer/Vorbereiter der Dritten zu sehen, überwiegt in ihr laut Blomstedt vielmehr ihr Status als eigenständige Innovation (Zitat sinngemäß: ist die Erste noch ein breiter Haydn, so kommt die Zweite mit ganz neuer Atmosphäre daher). So sinniert er darüber, wie wohl seinerzeit die Zuhörer (und Musiker) dieses Werk aufgenommen haben und möchte auch für uns Beethoven-Vertraute den Blick auf diese Neuerungen lenken.

Das Konzert selbst feiert dann drei große Bs – Bach, Beethoven, und eben Blomstedt selbst (wobei er selbst dies sicher als Unsinn abgetan hätte). Ich habe ihn zuletzt vor mehr als 5 Jahren in der Elphi erleben dürfen (Link), seinerzeit schritt er noch ohne Hilfe auf die Bühne und absolvierte den Bruckner stehend (was mein um diverse Jahrzehnte jüngerer Rücken sicher nicht ohne Murren goutiert hätte), heute wird der verdiente Orchesterleiter von einem Mitglied des NDR zum Pult geführt, wo er für die kommenden Aufgaben Platz nimmt. Und wie er diese Aufgaben wahrnimmt! Der Bach ist von der Struktur her wie in der Einführung dargelegt – von viel zu wenig zu viel. Frau Mühlemanns Sopran wunderbar, sowohl bei den Koloraruren als auch in Sachen Zartheit (zweiter Satz). Und Blomstedt geht voll mit. Die Akustik so weit vorn ist ok, der Fokus liegt dadurch allerdings, gerade bei der größeren Besetzung im Beethoven, klar auf den Streichern. Die Bläser kommen immer noch klar durch, aber auch deutlich verortbar von hinten. Nach der Pause folgt ein knackiger, tiefgründiger Beethoven. Der Kopfsatz mit Schwung, der zweite innig und kontemplativ, der dritte mit ordentlich Pepp, das Finale in agilem Tempo und mit schönen Kontrasten.

Standing ovations für Blomstedt. Der obligatorische Weg von der Bühne und zurück wird untergehakt abgekürzt, in Sachen Emotion und Inspiration ist der – er möge mir die Doppeldeutigkeit nachsehen – Altmeister für uns heute jedoch die Extrameile gegangen.

4. Juni 2025

London Symphony Orchestra – Pappano.
Elbphilharmonie Hamburg

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Hector Berlioz – Ouverture du Corsaire op. 21
Pierre Boulez – Mémoriale / ... explosante-fixe ... originel
Pierre Boulez – Livre pour cordes

(Pause)

Hector Berlioz – Symphonie fantastique /
Épisode de la vie d’un artiste op. 14

Zugabe: Gabriel Fauré – Pavane op. 50


Ich würde mich ja gern mal mit jemandem unterhalten, der sagt: „Also Boulez ist mein absoluter Lieblingskomponist!“ Mir erschließt sich durchaus ein gewisser Reiz dieser Musik, aber der bewusste Verzicht auf Melodik und vor allem auf ein Harmoniegefüge, in dem greifbare Tonalität eine Rolle spielt, machen es mir schwer, die nötige Konzentration aufzubringen und unmöglich, von dieser Musik berührt zu werden. Aber vielleicht ist das eben gar nicht der Sinn der Übung, daher mein Interesse daran, was wohl ein ausgemachter Boulez-Fan aus seinen Werken ziehen mag. Faszination an der Komplexität? An den Feinheiten der Klangkombinationen?

Ich persönlich konnte dem differenzierten Klanggewebe insgesamt, der mannigfaltigen Behandlung der tonangebenden Querflöte oder einzelnen akustischen Wirkungen, wie den seltsam unwirklichen Einsätzen des Horns, definitiv etwas abgewinnen – aber warum sollte man sich als Komponist derart selbst beschneiden? Wo das erste Werk mit seiner kleinen, aber vielseitigen Besetzung noch zumindest jene interessanten Klangwirkungen bietet, verliert mich das zweite Stück für Streichorchester vollends, zumal mir der Einsatz der Streicher hier alles andere als innovativ vorkommt. Aber auch da könnte mich der Boulez-Experte sicher eines Besseren belehren. Die intellektuelle Herausforderung hat sicher einen großen Anteil daran, warum ich mich gern und intensiv mit Musik auseinandersetze, ohne die emotionale Komponente bleibt eine Beschäftigung jedoch für mich mehr oder weniger reiz- und fruchtlos.

Dann doch lieber Reize in Hülle und Fülle sowie körbeweise Früchte in allen Geschmacksrichtungen aus der kompositorischen Lese des geliebten Hector Berlioz! Was habe ich mich darauf gefreut, die Sinfonie endlich wieder einmal live zu erleben. Und gleich eingangs mit der Korsaren-Ouvertüre lässt Pappano keinen Zweifel daran, dass das Werk des französischen Powerplayers hier und heute bei ihm und dem Londoner Ausnahmeorchester in den besten Händen liegt. Explosiv, spritzig, federnd, mit dem gebührenden Schmelz in den entsprechenden Passagen – raue See und Wildromantik, wie sie für einen Freund der Kontraste auf allen Ebenen wie mich nicht elektrisierender hätte ausfallen können. 

Und nach der Pause greifen Dirigent und Klangkörper diesen Elan mit der Episode aus dem rauschhaft-berauschenden Künstlerleben nahtlos auf und liefern eine Symphonie fantastique ab, die mich nach dem Furor des Hexensabbats mit einem teuflisch zufriedenen Grinsen in den allgemeinen Begeisterungssturm einstimmen lässt. Das London Symphony Orchestra trägt mit seiner Mischung aus technischer Perfektion und klanglicher Finesse einen großen Anteil daran, obgleich Pappanos Konzept vom ersten bis zum letzten Takt heute einfach unfehlbar scheint. 

Ob das Stürmen, Drängen und Sehnen des ersten, der Taumel und die Eleganz des zweiten, die Mahler und Co. vorwegnehmende Innigkeit und Tiefe der Außenwelt/Innenwelt-Illustration des dritten, das Unaufhaltsame des vierten oder das Archaische, scheinbar Chaotische und doch gleichzeitig so unfassbar kinnladensprengend Virtuose des fünften Satzes – es hat an diesem Abend einfach alles gepasst. Ich vergöttere dieses Stück und bin sehr froh, es heute so erlebt haben zu dürfen, wie ich es mir in den schönsten (Fieber-)Träumen erhofft hatte. Und das ganz ohne Opium, wohlgemerkt.

17. Mai 2025

Chicago Symphony Orchestra – Jaap van Zweden.
Elbphilharmonie Hamburg.

Einführung 18:45 Uhr (Marcel Klinke),
20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 6 a-Moll


Eine der packendsten Mahler-Interpretationen seit langem. Vor mehr als zehn Jahren hatte mich Herr van Zweden im Concertgebouw Amsterdam, nicht mit dem danach benannten Orchester, sondern den Radio-Philharmonikern, schon einmal restlos begeistert (Link). Heute fügte er mit Mahlers 6. eine ähnlich intensive Darbietung hinzu. Schrieb ich damals von einem "Energietransfer sondergleichen", so trifft das auf das heutige Gastspiel in der Elphi in kaum steigerungsfähiger Weise zu. Ich kann mich nicht erinnern, diese symphonische Dampfwalze mit ähnlicher oder gar mehr Wucht über mich hinweggefegt erlebt zu haben. Aber es ist nicht allein die Vehemenz, sondern gleichermaßen Klarheit und Finesse, die mich zu dem persönlichen Fazit hinreißen lassen: besser geht es für mich kaum. Daran hat selbstverständlich das Chicago Symphony Orchestra mit seiner Kombination aus technischer Perfektion und spektakulärem Klang (und nicht nur das Blech) seinen Anteil. 

Einziger minimaler Wermutstropfen war, dass sich für mich heute die Frage beantwortet hat, ob mein Lieblingsplatz weiterhin mein Lieblingsplatz ist, und die Antwort ist leider jein. Sicher sind sowohl die objektive Klangpracht als auch Durchhörbarkeit gerade in einem solch stark besetzten Werk hier wohl unerreicht, doch hat sich mein persönlicher Live-Geschmack offenbar doch etwas mehr in Richtung akustischer Überwältigung entwickelt. Das war im groben und ganzen immer schon so – mit gesitteter Berieselung konnte ich noch nie etwas anfangen (und die ist auf diesem Platz auch nie der Fall), aber ich hätte heute tatsächlich gern etwas weiter vorn im hinteren Parkett gesessen, um Hammerschläge und Furor mit noch mehr Schmackes um die Ohren gepfeffert zu bekommen. 

Ob es an veränderten Hörgewohnheiten oder schlichtweg Abstumpfung liegt, kann ich nicht sagen. Es scheint sich nur ein Muster abzuzeichnen, dass mich ja beispielweise bei Mäkeläs Mahler (Link) auf demselben Platz regelrecht ratlos zurückließ – ich glaube, ich habe dem Mann bzw. seiner Interpretation seinerzeit Unrecht getan. Es ist, wie es ist und ich werde mal in mich gehen müssen, um zu entscheiden, ob ich dieses Abo hier oder auf einem anderen Platz die nächsten Jahre fortführen möchte. Luxusprobleme im Akustikparadies. 

22. April 2025

Orgel pur – Olivier Latry. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8



Louis Vierne – Sinfonie für Orgel Nr. 3 fis-Moll op. 28

(Pause)

Pierre Cochereau – Boléro sur un thème de Charles Racquet 
für Orgel und Schlagzeug

Jean-Pierre Leguay – Letzter Satz / aus: Sonate für Orgel Nr. 1

sowie Improvisationen von Olivier Latry

Zugaben:

Alexandre Guilmant – Finale (Allegro assai) / 
aus: Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 42

Johann Sebastian Bach / Marcel Dupré – Sinfonia aus der Kantate 
»Wir danken dir Gott, wir danken dir« BWV 29


Olivier Latry – Orgel
Thomas Schwarz – Schlagzeug
Moisés Santos Bueno – Schlagzeug



Früher hätte mich die Pappnase, die ihr Handy nicht aus bekam, (oder bekommen wollte?) genötigt, wieder mal eine Abhandlung über die Verkommenheit der Welt im Allgemeinen und den Sittenverfall im Konzertleben im Besonderen zu verspeien. Heute reicht es zumindest noch für einen galligen Einstieg. Nützt ja nix. Die Welt ist voller Pappnasen und die Wahrscheinlichkeit, dass sich davon eine (genau genommen waren es heute derer zwei, wobei das erste Näslein recht schnell die richtige Taste fand) in die Elbphilharmonie verirrt, alles andere als gering. Ich möchte mich aber lieber auf jene Zeitgenossen fokussieren, die auch heute noch wie eh und je ein Herz für die Musik und Respekt für jene besitzen, die sie wieder und wieder zum Leben erwecken. Nichts weniger hat auch Herr Latry verdient, ein absoluter Meister seines Fachs, der mir spätestens mit seinen Einspielungen der Werke Messiaens ein Begriff geworden ist.

Von Louis Vierne findet sich das ein oder andere in meinem CD-Regal, die Sinfonie war mir aber bislang unbekannt. Ich kann nicht sagen, dass der Stil Viernes hier sofort Begeisterungsstürme bei mir hervorgerufen hat. Namentlich die Themen und Melodik haben mich (fürs erste zumindest) weniger abgeholt. Ungeachtet dessen sind einige Höhepunkte für mich hängengeblieben: Der Schlussabschnitt des zweiten Satzes – zart, zerbrechlich, irgendwie aus aus einer ganz anderen Sphäre. Ebenso der gesamte letzte Teil des anderen langsamen Satzes, des vierten – eine innige Melodie, berührend. Der dritte Satz insgesamt mit seinem verwunschen/verschrobenen Duktus nicht uninteressant. Nach dem ersten Hören haben mir die drei Mittelstücke jedenfalls besser gefallen als der Bombast in den ausladenden Ecksätzen.

Cochereau: Bolero mal anders. Crescendo und Decrescendo, eher Lohengrin-Vorspiel oder Messiaens „Apparition de l’église éternelle“ mit ihren Bogenformen als Ravels Tanzmaschine Richtung Kollaps. Die Kombination von Orgel und Schlagzeugern funktioniert in der Elphi-Akustik makellos, ob Zusammenspiel mit der Militärtrommel, Beckenschläge auf dem dynamischen Höhepunkt, oder Triangelglanz. Dazu bin ich hier in puncto musikalisches Material voll an Bord. Attestiert der Programmhefttext dem Werk vor allem einen mysteriösen, bedrohlichen Charakter, so ist die emotionale Gemengelage doch weitaus ambivalenter – Erhabenheit, Stolz und Triumph haben gleichsam ihren Platz in diesem mitreißenden opus. Oder um ein Urteil im YouTube-Jargon zu fällen: playlist! Keine Frage.

Mit dem Leguay kommt danach schwere Kost aufs Tableau, wenig melodisch, aber in Bezug auf Klangmixturen dafür sehr ergiebig. Außerdem kann Herr Latry mit diesem Stück seines Notre-Dame-Kollegen auf ganz andere Art virtuos glänzen. Nicht unbedingt berührend, aber Staunen machend.

Zu guter Letzt rundet noch die Facette des Improvisateurs Latry das offizielle Programm ab: Herr Cornelius betritt mit einem Notenblatt die Bühne und reicht es dem Solisten, der wiederum, nachdem er das Material einmal Zeile für Zeile vorgetragen hat, eine etwa viertelstündige Improvisation daraus kreiert. Leider war ich heute nicht in der Einführung, daher kann ich nur mutmaßen, wie die Auswahl der Fragmente vonstatten gegangen ist, mit der Latry offenbar spontan umzugehen hat. Außer dem „Freude schöner Götterfunken“-Thema habe ich dummerweise nichts bei der kurzen Präsentation erkannt, was die mögliche akustische Schnitzeljagd für mich etwas einschränkte, den Effekt aber nicht im Geringsten schmälerte – die vollkommene Faszination, einem ernsthaften, vielseitigen, komplexen, mal innigem, mal überbordend virtuosem, zum Ende hin triumphalen Gebilde bei seiner Entstehung (und gleichzeitigem Vergehen) live beiwohnen zu dürfen.

Die Besucher zeigen sich erfreulicherweise gleichsam begeistert darüber und ringen Latry noch zwei Zugaben ab: zuerst mit dem opulenten Finale aus Guilmants 1. Sinfonie einen vermeintlichen Rausschmeißer, bevor dann mit der Kunst Bachs (natürlich in der Bearbeitung eines Franzosen) die Pariser Außenstelle für heute ihre Pforten schließt.

2. April 2025

Royal Concertgebouw Orchestra. Klaus Mäkelä.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 3, Platz 13



Arnold Schönberg – Verklärte Nacht op. 4
(Fassung für Streichorchester)


(Pause)

Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 1 D-Dur


Royal Concertgebouw Orchestra
Dirigent – Klaus Mäkelä


Das Zwischenfazit bis zur Pause: Klaus Mäkelä verteilt gern große Schellen und ich halte liebend gern beide Wagen hin. Nach dem aufpeitschenden Sacre (Link) mit Paris nun zuerst mal eine Verklärte Nacht, die zum Anschauungsunterricht für im besten Sinne effekt- weil ebenso wirkungsvoll gesetzte Akzente diente. Eine bis ins Detail ausgefeilte Artikulation, Kontraste im Ausdruck, lassen – viel mehr als schroffe Tempowechsel – den Gedankenfaden, die soghafte Überführung von einem Spannungsbogen in den nächsten aufs Vollkommenste gelingen.

Dabei kommt das Werk in dieser Lesart verblüffend zugänglich daher, da sie eher das gesanglich Spätromantische als das Dissonante betont, ohne dabei die sich darin zweifellos türmenden, stauenden, schließlich lösenden Reibungen glattzubügeln. Das Beste aus zwei Welten, könnte man sagen. Der dumme Spruch von der verwischten Tristanpartitur als Errungenschaft entlarvt – Wagner 2.0 ohne Abziehbildcharakter in einer Konsequenz, wie ich sie bei sonst bei kaum einem Stück kenne. Schade, dass Kollege Schönberg dann einen anderen Weg eingeschlagen hat. Sicher, musste wahrscheinlich alles so sein, damit ich nicht um meinen Hindemith oder Britten gebracht wurde.

Die Streicher aus Amsterdam klingen wie erhofft/gewohnt makellos seidig, etwa bei dem flirrenden, etwas an das Siegfried-Idyll erinnernden Intro zur darauf folgenden Passage im letzten Drittel ohne Schwere und Zweifel, oder auch bei dem ein oder anderen Zauberpianissimo gegen Ende. Zupackend geht aber selbstredend ebenfalls. Oder um den Bogen zum vorweg genommenen Zwischenfazit zu schlagen: bei Mäkelä folgen auf starke Gesten starke musikalische Momente. Leider bewegten sich Teile des Publikums nicht auf diesem Niveau – viele dumme Huster an sensiblen Stellen. Diesem Umstand war auch nach der Pause keine Besserung beschieden, im Gegenteil.

Ich Frage mich, wie groß der Anteil dieser Störfaktoren daran war, dass aus einem zur Pause schon sicher geglaubten Gesamt- nur ein Zwischenfazit wurde. Ich habe die Erste jetzt eine ganze Weile live nicht mehr gehört, aber sie ist mir wie all ihre Schwestern lieb und teuer, war sie doch (neben der Fünften) mein Einstieg in den Mahlerkosmos – Kubelik sei Dank. Diverse Gesamteinspielungen und Einzelaufnahmen sowie natürlich Liveerlebnisse später, hat sich mehr oder weniger herausgestellt, wie „mein“ Mahler sein muss, damit sich die himmlischen Freuden manifestieren. Wohlgemerkt führen dabei für mich durchaus mehrere Wege nach Wien (oder Iglau), von Soltis Starkstrom bis Maazels Wonnenmäander, oder, um beim Livevergleich zu bleiben, die Angebote von so verschiedenen Dirigenten wie Gergiev (Link), Honeck (Link) oder Salonen (Link) – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Umso schwieriger fällt es mir dennoch herauszuarbeiten, warum es Herrn Mäkelä heute nur in Maßen gelungen ist, mein Mahler-Herz zum Glühen zu bringen, obwohl eigentlich alle Vorzeichen (Schostakowitsch (Link), Strawinsky und jetzt der Schönberg) dafür sprachen. Und nein, eine überhöhte Erwartungshaltung möchte ich diesmal definitiv ausschließen – dafür sind die Passagen dieser Sinfonie, die mich mit dem richtigen Ansatz jedes Mal „kriegen“, einfach zu wirksam. Ich hatte den Eindruck, dass eben jene Züge, die mich ansonsten bei Mäkelä verzückt hatten, in seinem Mahler nur bedingt zünden. Auch hier nehme ich eine ungemein ausgeklügelte Konzeption in der Ausgestaltung der Artikulation wahr: was wird wann wie betont, geschärft oder gemildert. Und das alles ergibt auch vollkommen Sinn – nur eben keine Gänsehaut bei mir, geschweige denn mehr.

Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte Mäkelä alles eine Spur zu sehr unter Kontrolle, dabei befeuert er seine Orchesterkollegen stetig mit neuen Impulsen. In meinen Ohren stet Mahler ein „Ohne Rücksicht auf Verluste“ gut zu Gesicht, sich immer wieder (fast) zu verlieren, um sich neu sammeln zu können, ein Ringen, Quälen, Schnaufen und Fiebern, aus dem einen Oasen der Wehmut, Sehnsucht oder Kontemplation kalt und heiß erwischen. Geschichten ohne Worte, allgemeingültige Seelenaggregatszustände, eben eine ganze Welt in Tönen, wie sie Mahler besingen wollte. Heute habe ich leider in jedem der vier Sätze mehr Musik als Welt vernommen. Das ist nicht schlecht, handelt es sich bei Mahlers Stimme doch um eine, die für mich durch kaum eine andere übertroffen wird. Umso schmerzlicher wiegt da das, was hätte sein können.

Was hätte mir mehr zugesagt? Mehr Rubato? Tempokontraste? Eine Prise Chaos? Unsauberkeit? – der Effekt der in den „Trauermarsch“ reingrätschenden Kapelle im 3. Satz geriet für meine Begriffe einfach zu brav, zu kontrolliert, um nur ein kleines Beispiel zu nennen. Und inmitten aller Wucht und niederschmetternder Vehemenz des Finalsatzes muss das zarte, liebliche Thema diese Schwere und Verzweiflung durchbrechen wie ein Gedanke aus kaum erreichbar geglaubter Sphäre an die liebste Person, die man auf Erden kennt. Klingt zu kitschig, nach zu viel Pathos? Vielleicht ist es auch das – mein Sehnen nach Pathos (und Verausgabung).

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Mäkeläs Interpretation ist nie langweilig, in jedem Takt stimmig und definitiv „objektiv“ gesehen auch mitreißend. Spätestens im Finale, wenn er das Gewölbe des Schlusschorals in all seiner gleißenden Pracht und unmissverständlichen Wucht vor unser aller Ohren auftürmt, mit einem Schlussantritt, der seinesgleichen sucht, hat er auch den letzten im Saal von der triumphalen Schönheit dieser Musik überzeugt. So hält es unmittelbar an den Nachhall der Weltumarmungsexplosion kaum jemand auf den Sitzen, einen solch heftigen Standing-Ovation-Drang habe ich in der Elphi selten erlebt. Am Ende also doch wohl mein „Problem“, denn nur mit Mäkeläs sicher für die Kernzielgruppe vorteilhaften Erscheinung eines Traumschwiegersohns ist ein solcher Reaktionsausbruch nicht zu erklären.

Zum Concertgebouw lässt sich wenig Neues sagen. Ein Orchester, wie ich es mir erträume. Wahnsinn, wie sich hier die Qualität des produzierten Klanges mit der Gnade der akustischen Transparenz des Saales paart – was gibt es da nicht alles zu entdecken und erlauschen. Auch eine Solotrompete, die für meinen Geschmack eine Spur zu spröde agierte, aber das war es dann schon an „Misstönen“. Wie gesagt, ich hätte mir hier und da sogar eher mehr Mut zur Hässlichkeit gewünscht, namentlich bei den Einwürfen der Holzbläser an der ein oder anderen exponierten Stelle. Aber es bringt herzlich wenig, auf mikrostruktureller Ebene zu forschen, warum ich heute nicht mitgenommen wurde. Die Verbindung der Amsterdamer Edeltruppe mit ihrem neuen Chef verheißt in jedem Fall Großes für die Zukunft, so fühlt es mein heute unbewegtes Herz umso stärker.